Sonntagsbetrachtungen 2014

Worte zur Woche aus den Ostfriesischen Nachrichten

Wir danken von Herzen Frau Anne Döbel aus dem RedaktionsSekretariat der Ostfriesischen Nachrichten für die Bereitstellung und innige Mithilfe zur Vervollständigung der Jahrgänge „Sonntagsbetrachtungen“ und wünschen Ihr ein gesegnetes Neues Jahr, Glück, Frieden und Gesundheit!

31. Dezember  2014: Kinder, wo ist die Zeit geblieben!

Mit Paulchen Panther aus dem bekannten Kinder-Trickfilm fragen wir uns erschrocken: „Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon so spät?“ und weiter: „Soll das heißen: „Liebe Leut‘, mit dem Jahr ist Schluss für heut‘?“

John Förster, Pastor in Riepe und Ochtelbur

John Förster, Pastor in Riepe und Ochtelbur

War es früher noch den Älteren vorbehalten, mit weisem Kopfschütteln zu fragen: „Kinder, wo ist die Zeit geblieben?“, so ist dieser Satz inzwischen zu einer generationsübergreifenden Erkenntnis geworden. Unsere Lebenszeit verfliegt immer schneller. Hier scheint etwas nicht mehr zu stimmen mit unserem Zeitgefühl. Dabei hat ein Tag weiterhin die gleiche Länge, ein Jahr immer noch die gleiche Dauer. Es mag wohl daran liegen, dass unsere Zeit mehr und mehr gefüllt wird durch abzuarbeitende Verpflichtungen. Selbst der Terminkalender eines Schulkindes ist von morgens früh bis abends spät durchgeplant. So werden wir schon im Kindesalter an unsere Leistungsgesellschaft gewöhnt.

Sunnive Förster, Pastorin in Riebe und Ochtelbur

Sunnive Förster, Pastorin in Riebe und Ochtelbur

Der Wert von Zeit bemisst sich jedoch nicht nur an dem, was wir zu leisten imstande sind. Lebenszeit will auch mit Sinn und Freude gefüllt werden. Die Übersetzung des lateinischen ‚Carpe diem‘, Nütze den Tag!, ist nur eine mögliche Variante. Carpe (Pflücke!) wird im Afrikaansen mit ‚Geniet‘ (Genieße!) übersetzt und spiegelt einen Gedanken des Unbekümmerten, frei von Leistung zu Erbringenden, zu Genießenden wieder. Nicht nur Arbeit ist sinnvolle Beschäftigung. Heute wird der alte Terminkalender 2014 weggelegt und ein neuer Kalender mit 365 noch ungelebten Tagen wird morgen geöffnet. Von keinem von ihnen können wir im Voraus sagen, was er uns bringen wird, auch wenn wir schon wieder fleißig am Planen sind.

Wenn wir jeden Tag bewusst als von Gott geschenkte, wertvolle Lebenszeit annehmen, verändert sich die Wertschätzung der Zeit, die uns gegeben ist. Zeit mit lieben Menschen zu verbringen und mich ihnen zu widmen, ohne mich dabei von meinem Handy ablenken zu lassen. Draußen unter einem Baum zu sitzen und die Schönheit der Natur anzuschauen, anstatt drinnen auf den Bildschirm von Computer oder Fernseher zu starren. Mir selbst Atempausen zu gönnen, anstatt pausenlos Verpflichtungen und Erwartungen erfüllen zu müssen. Bei allem Tun und Lassen dürfen wir sicher sein, dass Gott mit uns geht, dass wir nicht allein sind. Er möchte, dass wir das Geschenk unserer Lebenszeit auch im Jahr 2015 mit Freuden öffnen und uns neugierig auf manche Überraschung einlassen. Wir wünschen Ihnen ein gesegnetes Jahr 2015.

Von John und Sunnive Förster, Pastoren in Riepe

27. Dezember  2014: Gib mir was, das bleibt

Jens Blume, Pastor in Timmel und Mittegroßefehn

Jens Blume, Pastor in Timmel und Mittegroßefehn

Nun ist es auch irgendwie „gut gewesen“, oder? Es war ein schöner Advent – ohne Frage. In vielen Gemeinden gab es zuvor einen „lebendigen Adventskalender“ – auch der war richtig schön! Die Weihnachtsmärkte, der Heilige Abend und auch die Weihnachtstage sind gewesen. Die Geschenke ausgepackt und bejubelt, das leckere Essen haben wir gehabt (in den nächsten Tagen gibt es dann Reste) – alles schön. Aber nun kann es auch mal getrost zu Ende sein, das Weihnachtsfest.
Die Tage nach Weihnachten sind für viele geprägt von erleichterter Erschöpfung. Ein paar Tage zum durchschnaufen, bis dann die Sylvester-Party vorbereitet werden muss. Als wenn die Weihnacht eine große Aufgabe wäre, die im Advent (wie ein Berg) vor uns liegt, und die wir nun (da „die Schlacht geschlagen ist“) überstanden haben. So ist die Weihnacht nicht gedacht! Die Weihnacht kommt einfach auf uns zu. Sie ist ein Geschenk. Die Freude ist umso größer, wenn man sich nichts erwartet. Wie wenn man ein Geschenk bekommt, kann man die Weihnacht auch: einfach nur annehmen. Man kann sie nicht selber „machen“. Sicher: man kann das Fest vorbereiten. Das muss man schließlich auch. Aber es passt überhaupt nicht zur Weihnachtsbotschaft, wenn wir das Fest als eine Anstrengung erleben, bei der wir dann froh sind, wenn sie wieder vorbei ist…

Wir Menschen tragen eine Sehnsucht in uns nach Inhalten, die bleiben. Eine Sehnsucht nach Werten, die über den Tag hinaus verlässlich zählen. Und wir haben ein gutes Gespür dafür, dass sich diese Sehnsucht in den Umständen unseres Alltags nicht erfüllen lässt. Darum haben Festtage eine besondere Bedeutung. Die besondere Atmosphäre des Festes bildet etwas ab von dem, was sie begründet. Und je häufiger man ein Fest zu dem selben Anlass feiert, desto wichtiger ist es, dass es entsprechende Traditionen gibt: das gleiche Essen, die gleiche, wiederkehrende Dekoration, die vertrauten Lieder… Das Fest gilt es zu gestalten. Aber es ist kein Selbstzweck! Das Fest bildet nur ab, worauf sich unsere Sehnsucht richtet: Gott ist und bleibt uns nahe! Gott gibt sich hinein in unsere Lebensumstände. Er weiß nun aus eigenem Erleben, wie es bei uns (und in uns) aussieht. Mit zwei / drei heimeligen Tagen ist es ihm nicht getan!

Mit der Dekoration und den bunten Tellern, mit Weihnachtslichtern und gutem Essen ist es nun tatsächlich irgendwie mal „gut gewesen“. Aber der Grund für die Weihnacht bleibt. Denn diesen Grund und Sinn müssen (und können) wir nicht selbst „machen“. Damit beschenkt uns Gott. Er wird Mensch und stellt sich an unsere Seite. Damit gibt er uns im Lauf der Zeit ein Wissen um eine Lebens-Wahrheit, die nicht von unseren Möglichkeiten abhängt. Auf diese Wahrheit Gottes können wir uns verlassen. Diese göttliche Nähe trägt – auch im neuen Jahr! „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ (Johannes 1,14)

Jens Blume, Pastor in Mittegroßefehn und Timmel

24. Dezember  2014: Ein Wunder

Freuen Sie sich auf Weihnachten? Oder sind Sie genervt vom grellbunten und lauten Weihnachtstrubel? Gestresst von den vielen zusätzlichen Terminen und Festvorbereitungen? Erschöpft vom Abarbeiten langer To-Do-Listen: vom Geschenkeeinkauf bis hin zum Planen des Festtagsessens? Sehen Sie vielleicht gegen einen angekündigten Familienbesuch an? Außerdem müssen wir das überhaupt nicht weihnachtliche deutsche Schmuddelwetter mit endlosem Regen ertragen, statt uns über Frost und Schnee zu freuen. Schmeckt uns das seit Oktober erhältliche Adventsgebäck noch angesichts all der Horrormeldungen in Zeitungen und Fernsehen?

John Förster, Pastor in Riepe und Ochtelbur

John Förster, Pastor in Riepe und Ochtelbur

Besonders in dieser Zeit des Jahres wird uns schmerzlich bewusst, dass wir in einer friedlosen und zunehmend stressigen Welt leben, dass unser Leben auf dieser bedrohten und fragilen Erde eben kein himmlisches Vergnügen, sondern ein Erden-Leben ist. Eben darum sehnen wir uns jetzt nach einem Stückchen Frieden und Harmonie und unternehmen all diese zeitaufwendigen und mitunter teuren Anstrengungen, um diese „Weihnachtsstimmung“ zu erzeugen. Dabei bleibt alles nur nebensächlich und ist nicht das Eigentliche.
Zu Heilig Abend geschieht wieder das einzigartig Wesentliche: Dann öffnet sich für uns der wolkenverhangene Himmel und Gott kommt uns nahe. Er hat solch große Sehnsucht nach uns friedlos herumirrenden Menschenkindern, dass er selbst Kind wird. Um uns zur Besinnung zu bringen und uns an unsere Mitmenschlichkeit zu erinnern, wird er selbst in seinem Sohn ein Säugling, der sich bedingungslos und gar wehrlos unserer Zu- oder Abwendung aussetzt. Dort wird Weihnachten zu einem Wunder, wo unsere Herzen neu berührt werden von Gottes tiefer Zuneigung zu uns, weil er sich zu-neigt, um uns so nahe zu kommen, wie es irgend geht.
Gott wird Kind, um uns zu zeigen, wie wir leben können in seiner Ebenbildlichkeit, wenn wir dem Menschensohn Jesus auf seinem Friedensweg folgen.

Von John Förster, Pastor in Riepe

20. Dezember  2014: Ach, du heilige Familie

Maria und Josef, dazu das gerade geborene Kind Jesus: Eine Familie. Die „Heilige Familie“, wie sie gern genannt wird, bildet den Kern der weihnachtlichen Botschaft. Sie ist denn auch vor allen anderen Krippendarstellungen in der christlichen Kunst zum Synonym für Weihnachten geworden.
Wahrscheinlich auch deshalb, weil das Weihnachtsfest als ein Familienfest verstanden und gefeiert wurde. Leider mit allen falschen und überspannten Erwartungen, die dabei an die Familie herangetragen werden. Wenigstens beim Weihnachtsfest muss es doch gelingen, dass die Familie wenn nicht heilig, so doch heil ist.

Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent für den Sprengel Ostfriesland-Ems

Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent für den Sprengel Ostfriesland-Ems

Dabei ist bekannt, dass gerade zu Weihnachten vorhandene Spannungen und unbewältigte Konflikte sich in Familien als Streit und Enttäuschung Bahn brechen. Das wird wegen der überzogenen Erwartungen an das Fest der Liebe und Harmonie dann als umso verletzender empfunden.
Dabei lohnt ein Blick auf die Heilige Familie, wenn es darum geht, realitätsbezogen Weihnachten zu feiern. Denn gerade Maria und Josef mit Jesus werden uns als Familie nicht in „Heiler-Welt-Manie“ vorgestellt.
Die besonderen, schwierigen Umstände und Probleme dieser Familie werden in der Bibel gerade nicht verschwiegen. Harmonisches Familienleben sieht anders aus: Maria bekommt ein Kind gleichsam vor der Ehe, Josef versteht sich nur als Ziehvater und überlegt sogar, Maria heimlich zu verlassen, und das Kind Jesus wird unter behelfsmäßigen Umständen geboren. Das sind alles wahrlich keine guten Startbedingungen für eine junge Familie. Die Bibel will uns mit der Geburt Jesu also keine Familienidylle vor Augen stellen, sondern zeigen, worauf es ankommt: Das Kind ist im Mittelpunkt. Vater und Mutter kümmern sich liebevoll darum, aber auch andere, die als Hirten und als Weise den Weg zu dieser Familie finden.
Eins kommt noch hinzu, dass nicht verschwiegen werden darf: Gott selbst kommt als Kind in die Welt und zeigt damit, dass ihm diese Familienverhältnisse recht sind. Gott kommt – auch in unsere Familienverhältnisse, wie sie nun mal sind. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern gesegnete Weihnachtstage!

Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent Sprengel Ostfriesland-Ems

13. Dezember 2014: Bereitet dem Herrn den Weg

Nun zünden wir morgen schon die dritte Kerze an am Adventskranz. Die letzte Arbeitswoche vor dem Weihnachtsfest liegt vor uns. Der Heilige Abend rückt näher. Da ist das Gefühl, dass die Zeit uns auf einmal davon läuft. Also, zum Endspurt ansetzen, konzentriert die Liste der Erledigungen betrachten, die Aufgaben Stück für Stück abarbeiten? Das alles muss seinen Gang gehen, daran kommt wohl keiner von uns vorbei, aber so dem Herrn den Weg bereiten – wie uns der Wochenspruch aus dem Matthäusevangelium auffordert?

Kurt Booms, Pastor in Weene

Kurt Booms, Pastor in Weene

Ein Gedanke aus einem adventlichen Text geht mit mir durch diese Tage. Da wird uns an das Herz gelegt, zur Vorbereitung immer mal wieder in dieser Zeit „den Stall aufzusuchen“ und auf diese Weise Gott den Weg zu bereiten. Gemeint ist bildlich der innere Rückzug, dabei das Schlichte und Einfache voran zu stellen und die Ablenkungen hinter sich zu lassen.
Es steht auch dafür, sich nicht von Hektik anstecken zu lassen, sich in Gelassenheit zu üben und das Wesentliche in den Blick zu nehmen. Das Wesentliche finden wir im Stall. Es ist der Blick auf das Kind in der Krippe: Gott wird Mensch. Er sucht unsere Nähe. Er will mitten unter uns sein. Er ist einer von uns. Wir haben Grund zur Freude. Wir haben auch Grund, die Geschäftigkeit einmal sein zu lassen, innezuhalten und alle Aufmerksamkeit diesem Ereignis zu widmen.
Gelegentlich in den adventlichen Tagen den Stall aufsuchen, also nicht nur den Glanz der Geschäfte, den Stau in den Städten und die Massen auf den Märkten! Was für ein schönes Bild: Gelegentlich den Stall aufsuchen, ihn finden: beim Spaziergang im Wald, in der Stille vor einer Kerze, mit dem Gesang im Gottesdienst. Den Stall aufsuchen und dabei zur Ruhe kommen, zu mir selbst finden, Gott begegnen, dem Herrn den Weg bereiten. Da wird uns etwas von der Anstrengung dieser Tage genommen.
Das klingt nach einem segensreichen Weg durch die verbleibenden Tage des Adventes. So einen Weg wünsche ich Ihnen. So werden wir froh und gelassen an seinem Heiligen Abend ankommen. Damit das gelingt? Zwischendurch, wo und wie auch immer, jeder für sich und gemeinsam mit anderen: den Stall aufsuchen!

Von Kurt Booms, Pastor in Weene

6. Dezember 2014: Weihnachten kann kommen

Ich bin unterwegs in einem Einkaufszentrum. Vom Fußboden des breiten Mittelgangs springt mir mit großen, dicken Buchstaben der Satz entgegen: „Weihnachten kann kommen!“ Unwillkürlich denke ich: Wann ist es eigentlich soweit, dass Weihnachten kommen kann? Wenn alle Geschenke eingekauft sind? Wir unser Haus schön weihnachtlich geschmückt haben? Wissen, was es an den Feiertagen zu essen geben soll? Wenn wir „in Stimmung“ sind?
„Weihnachten kann kommen!“ – Leute hasten über diese Schrift hinweg. Jeder hat etwas zu tun – ich auch. Manche huschen in Geschäfte, andere stehen am Geldautomaten, wieder andere gehen in die Apotheke. Wie das in unserem Leben ebenso ist: wir kaufen und verkaufen, wir müssen unser Geld zusammen halten, wir kümmern uns um unsere Gesundheit.
Weil Gott uns nahe kommen will, hat er Jesus geschickt
Ich weiß nicht, was die Werbeleute damit ausdrücken wollten, als sie diese Schrift angebracht haben: „Weihnachten kann kommen!“ Vielleicht: Von uns aus kann’s losgehen – die Kundschaft kann kommen, wir sind gut eingedeckt mit unseren Waren, der Weihnachtstrubel kann beginnen. Aber ich weiß: Gott hat es im Blick gehabt, damals, als er überlegt hat: Wie kann ich meinen Menschen so nahe kommen, dass sie noch besser hören und erfahren, dass ich für sie bin? Und dann fiel ihm ein, wie das am besten gehen konnte: Ich muss zu ihnen gehen! Weil Gott uns ganz nahe kommen will, hat er Jesus geschickt. Mitten in das Leben. So wie es eben ist.
Als Jesus geboren wurde, war es im Prinzip nichts anderes als ich es im Einkaufszentrum gesehen habe: Menschen gingen ihrer Wege, jeder für sich. Der ganz normale Alltag. Und Gott beschloss: In ihrem ganz normalen Alltag will ich ihnen begegnen! Denn dort haben sie mich am nötigsten! Wenn sie im Stress sind und kaum noch zur Ruhe kommen. Wenn Geldsorgen sie quälen. Wenn’s mit der Gesundheit nicht mehr so läuft. Wenn sie mit schlimmen Brüchen zurechtkommen müssen und sich Sorgen machen.
Gott hat mit Jesu Geburt auch nicht gewartet

Hermann Reimer, Pastor in Spetzerfehn

Hermann Reimer, Pastor in Spetzerfehn

Wenn Gott die Geburt von Jesus erstmal aufgeschoben hätte, bis es in uns ruhig ist und bis wir in Stimmung sind und bis die Umstände Weihnachten zulassen – dann wäre es nie Weihnachten geworden! Darum hat er es anders gemacht: Zu dem Zeitpunkt, den Gott für richtig hielt, da ließ er es Weihnachten werden. „Als aber die Zeit erfüllet war, sandte Gott seinen Sohn …“ Gott wusste genau, wann es soweit war, dass Weihnachten kommen konnte. Dass Jesus kommen konnte! In diese Welt. In unser Leben, so wie es nun einmal ist. Natürlich ist es schön, wenn wir die Adventszeit genießen können und wenn dann Weihnachten alles schön harmonisch ist und so wird, dass wir Freude daran haben.
Aber wichtiger ist es, dass Jesus Christus in uns Raum gewinnt. Damit wir sagen können: „Weihnachten kann kommen!“ – nicht, weil wir „in Stimmung“ sind oder weil es uns gut geht, sondern weil es einfach gut für uns ist, wenn Jesus mitten in unser Leben kommt, so wie es ist. Dass er seinen Trost bringt. Kraft weckt. Vielleicht auch die Zuversicht verleiht, wieder erste Schritte zu tun. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine Adventszeit, die Ihnen gut tut. Auch in Ihrer Kirchengemeinde wollen viele Veranstaltungen dazu beitragen. Nehmen Sie sie gerne für sich in Anspruch!

Von Hermann Reimer, Pastor in Spetzerfehn

29. November 2014: Vergeet dat Beste nich

Nu is’t al weer 1. Advent. Joke un sien Ollske satten in Köken, Köpke Tee up Disch, Spekulatius in Glaskummke, de eerste Kers van hör Adventskranz flackerte. „Du,hör em!“, sä Marie, sien Ollske.“ Wat is denn?“ – „Du musst mit överleggen, wat wi Tant Kea tö Wiehnachten geeven.“ – „Och, dat hett doch noch Tied“, sä Joke und greep sück een Spekulatius. „Dat meenst du, Tied verflüggt man so. In Drafft will ik ook nix kopen. Wat hollst du van golden Oorbengels“, meende Marie. „Segg mol, mutt dat wesn? Golden Oorbengels is doch överdreeven, sünd ook banig düür.“ – „Nu holl ober up! Tant Kea lett sück immer wat an us geleegen wesn. Denn dröfft dat ook golden Oorbengels wesn. Dat Beste is nett gööd genug!“

Walter Uphoff, Pastor in Middels

Walter Uphoff, Pastor in Middels

Geiht di dat ook so? Hest noch nich all tösamen för dien Lüüd. Wat sallst du blot besörgen? Wo faaken worrn groode Geschenke mookt, blots umdat wi bang sünd, achter de Geschenke van de annern törüggtöblieven. Dat Beste is nett gööd genug – för mi sülmst un off un an ook för de annern.
Advent – dat is de Tied,in de wi tövt. Ik meen, wi könnt up dat Beste töven. Dat Beste sünd ober nich de golden Oorbengels. Dat is sekker leev meent, ober nich dat Beste. De Wiehnachtskorten, de ik krieg, un de ik schriev, doröver freu ik mi. Ober dat Beste? Advent – dat is Tied över dat Beste nohtödenken. In een van us Karkenleeder heet dat: „Is een Tied nu ton Besinnen, bet dor brennt de Lichter veer. Könnt wi tö eenanner finnen oder sünd de Harten leer?“
Weest nu wat dat Beste is? Denk doröver noh! In de lesde Stroph van dat Karkenleed heet dat: „Jesus Christ is för uns boren, kummt op disse Eer.“
Vergeet dat Beste nich!

Van Walter Uphoff, Pastor in Middels

22. November 2014: Auf festem Grund. Stillleben im Winter

Pastor Oliver Vorwald

Pastor Oliver Vorwald

Ein stiller Morgen. Bis zu ihm sind es nur wenige Minuten. Sein Hof liegt am Dorfrand. Über Weiden und Wallhecken leuchtet ein eisblauer Himmel. Als ich ins Zimmer trete, verlagert er das Gewicht, dreht sich auf die Seite. Die Daunen in der Bettdecke machen ein Geräusch, als würde jemand durch frischen Schnee stapfen. Ja. Wir machen uns auf den Weg an diesem Vormittag – ohne allerdings auch nur einen Schritt zu tun. Der Alte und ich. In Gesten und Gedanken wandern wir hinein in jenes Land, in dem er einmal gelebt hat. Mal träumend, hin und wieder den Tränen nahe.

Es geht ans Sterben. Er weiß das. Schwer die vergangenen Monate. Immer kleiner wurden seine Kreise. Zuletzt nur noch das Bett. Zum Verzweifeln, Verdrücken? Kein Wort dazu, keine Klage. Der alte Landwirt – geübt im Welken und Werden zu stehen – zitiert sein Konfirmationswort. Immer wieder spricht er diesen Satz vom Grund des Lebens. Während wir durch die Jahre gehen, frischt klare Luft durch das halb geöffnete Fenster. Alles wieder da. Ganz lebendig. Die Sommer an den Kolken des Flusslaufs vor dem Dorf, die Gefechte bei Schnee an den Hängen der steirischen Berge, dieses eine stille Weihnachten, die Fangspiele mit seinem Jungen und der Tochter frühabends um den Hof. Ganz bewusst nimmt er Abschied. Der Alte fasst meine Hand, drückt sie. Ich ahne die Kraft, aus der er sein Leben bestellt.
Angst vor dem Sterben habe er keine. Sacht geht sein Kopf hin und her. Zweifel, die kenne er auch. Ja. Aber für diese Momente habe er seinen Satz aus dem ersten Korintherbrief (1. Kor 3,11). Alles schon getan. Das Fundament liegt. Darauf baut er. Vertraut fest auf Sein ewiges Land.

In der Küche singt ein Kessel, Wasser zischt, Teeduft zieht herüber. Es wird Zeit. Ein gemeinsames Vaterunser, ein letzter Händedruck und ein Lächeln. Ein paar Worte mit der Familie, dann geht es wieder hinaus ins Land. In der Ferne mäandert der Fluss mit den Kolken. Die klare Luft frischt über mein Gesicht. Schritte klingen auf dem Pflaster. Über Weiden und Wallhecken steht immer noch dieser eisblaue Himmel. Träume, Tränen. Ein stiller, atemberaubend schöner Morgen. Voller Leben im Sterben.

Von Oliver Vorwald,  Pastor in Bagband-Ostgroßefehn

15. November 2014: Kriegerdenkmal

Kriegerdenkmal Westerende

Kriegerdenkmal Westerende

Klobig erhebt sich das Denkmal aus Betonstein vor der Westerender Kirche. In vielen Gemeinden wurde nach dem Ersten Weltkrieg solch ein Denkmal zur Erinnerung an die Gefallenen aufgestellt. Das war für die Angehörigen wichtig, die Gefallenen wurden ja nicht vor Ort in ihrer Heimatgemeinde bestattet, sondern dort, wo sie gefallen waren. Aber die Familie brauchte hier einen Ort für ihre Trauer.
Verwittert und verblasst sind viele Namen – genau wie die Erinnerung an diesen Ersten Weltkrieg, der vor 100 Jahren begann. Ein noch schrecklicherer Krieg hat unsere Gesellschaft viel stärker geprägt und den früheren Krieg auch in der Erinnerung in die Ferne gerückt. In meiner Jugendzeit kannte ich noch Angehörige und Nachbarn, die am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatten. Ich erinnere mich besonders an meinen alten Großonkel, Jahrgang 1894. Er erzählte mir, wie er in seiner neuen Uniform mit Pickelhaube 1914 in den Krieg zog. Die Stimmung war durchaus nicht überall so fröhlich, wie manche Bilder und Filmaufnahmen Glauben machen. Er erzählte, wie in seinem Dorf die Nachbarn in einer gedrückten Stimmung auf der Straße zusammenkamen. „Ist Krieg“, hatte seine Verlobte ernst und sorgenvoll zu ihm gesagt. Das wusste er noch Jahrzehnte später.
Ich gehe um das Kriegerdenkmal an der Kirche herum und zähle die Namen. 45 sind es, junge Männer mit Familien und Freunden, mit Wünschen an das eigene Leben und Plänen für die Zukunft, mit Verantwortung für die eigene Familie. „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“ Dieses Bibelwort aus der Offenbarung des Johannes hat man dazu gesetzt. Mit diesem Wort wollte man dem Tod dieser Männer einen Sinn geben. Und damit hat man dem Bibelwort, das sich an eine verfolgte religiöse Minderheit (die Christen im Römischen Reich) richtete, seinen Sinn genommen. In Wirklichkeit wurden diese Menschen benutzt für eine Politik der Gewalt.
„Die Schlafwandler“ heißt das Buch, das der australische Historiker Christopher Clark zum Ersten Weltkrieg geschrieben hat. Clark beschreibt die Mechanismen in Politik und Gesellschaft (auch in der Kirche), die ein Denken in Alternativen irgendwann nicht mehr zuließen. Wie Schlafwandler handelten die Verantwortlichen. Sie waren nicht fähig, eingefahrene Spuren verlassen. Clark beschreibt die Entscheidungsträger als wachsam, was ihre Taktik angeht, und gleichzeitig als blind für die Realität und für alternative Handlungsräume. So war es möglich, dass eine Krise wie die Ermordung des Thronfolgers in Sarajewo zum Krieg führte.
Auch wenn das Buch ein historisches Fachbuch ist, so gibt der Autor Anstöße für unser Leben. Wo sind wir unfähig, alte Verhaltensmuster und Denkwege zu verlassen? Ist eine Abkehr von einer Politik der Gewalt undenkbar? Ist sie auch undenkbar, wenn deutlich wird, dass kein Problem mit Krieg gelöst werden kann? Wo sind wir selber unfähig, eingefahrene Wege zu verlassen?

Andreas Scheepker, Pastor am Ulricianum und in Westerende, Barstede und Bangstede

Andreas Scheepker, Pastor am Ulricianum

Es kommt nicht von ungefähr, dass der Glaube an Christus an manchen Stellen in der Bibel mit Bildern des morgendlichen Aufwachsens verglichen wird. Und da, wo Menschen mit dieser Hoffnung in Berührung kommen und selber Menschen der Hoffnung werden, beschrieb man das früher mit dem Wort „Erweckung“. Im Epheserbrief steht: „Wache auf, der du schläfst, und stehe auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.“ Das ist eine Ansage für Schlafwandler. Ich wünsche uns allen, dass wir in der Erinnerung an die Opfer von Krieg und Gewalt zu wachen Menschen werden: Menschen, die sich mit der Wirklichkeit auseinandersetzen und die Alternativen denken und neue Wege gehen. Gott segne uns und mache uns zu Menschen der Hoffnung.

Andreas Scheepker, Pastor am Ulricianum Aurich

8. November 2014: Was für eine Geschichte!

Der 9. November gilt in der deutschen Geschichte als ein besonderer Tag. 1918 brach das Kaiserreich zusammen. Die Republik wurde ausgerufen.1938 brannten die Synagogen. Sie wurden angezündet von Anhängern einer Diktatur, die Menschen abwertete. Sie hatten vor Glauben und Leben anderer keinen Respekt. Sie verfolgten sie gezielt und ermordeten sie. 1989 fiel die Mauer, die Deutschland teilte – und damit hatte nun keiner wirklich gerechnet.

Roman Ott, Pastor in Plaggenburg

Roman Ott, Pastor in Plaggenburg

Was für eine Geschichte! Immer wieder findet man Gedanken, die zu diesem geschichtlichen Moment zu passen scheinen, wie dafür gemacht. Als die Synagogen in Deutschland brannten, hat Dietrich Bonhoeffer in seiner Bibel einen Vers aus Psalm 74 unterstrichen und einfach an den Rand das Datum geschrieben: 9. 11. 1938. Der Vers lautet: „Sie verbrennen alle Gotteshäuser im Land“ (Ps 74, 8). In Psalm 74 wird das Leiden der Gläubigen beschrieben und die Taten der Verfolger als Auflehnung gegen Gott gewertet. Ebenso wird die Klage über das Geschehen laut. Gleichzeitig wird das Vertrauen darauf ausgedrückt, dass Gott der Herr der Geschichte ist und bleibt. Das gilt trotz allem und die Beter erwarten, dass die Täter damit nicht durchkommen werden.
Das ist weniger eine Aussage über Gott, als Ausdruck einer Lebenshaltung und Lebenseinstellung. Es geht darum, wie du dein Leben auch mit schwersten Erfahrungen leben kannst. Es geht darum, wie du Kraft bekommst, um durchzuhalten, wenn das zerstört wird, was dir lebenswichtig ist. Das gilt für Einzelne wie für Gemeinschaften. In Psalm 74 wenden sich Menschen an Gott. Sie beten und bekommen dadurch Kraft für den Weg, der vor ihnen liegt. Das ist kein garantierter Mechanismus. Es geht um Vertrauen, manchmal auch mit oder trotz tiefgehender Zweifel.
Aus solchem Vertrauen heraus hat Klaus Peter Hertzsch 1989 das Lied getextet „Vertraut den neuen Wegen“. Er hat als Kind und Jugendlicher den Zweiten Weltkrieg erlebt, anschließend die DDR. In Jena war er Pastor, Studentenpfarrer, später Professor für Praktische Theologie. In der ersten Strophe heißt es: „Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist“ – das möchte er den Menschen zusprechen angesichts der Geschehnisse im Jahr 1989. In der zweiten Strophe steht: „Gott will, dass ihr ein Segen für seine Erde seid“. Damit beschreibt er eine Aufgabe. Die dritte Strophe endet mit: „Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.“
So wird Geschichte und eigenes Tun in einen größeren Zusammenhang gestellt. Gesungen wird das Lied auf die Melodie „Lob Gott getrost mit Singen“. Das Wort „getrost“ kann man ruhig als entscheidend ansehen.

Von Roman Ott, Pastor in Plaggenburg

1. November 2014: Glaube brachte Mauer ins Wanken

„Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in großen Nöten (…) und wenn die Welt unterginge, fürchten wir uns nicht – Gott ist mit uns. Auch Königreiche fallen; Gott bleibt unser Schutz“ – nach Psalm 46.
Es war Herbst 1989, die Zeit der Montagsdemonstrationen ausgehend von Leipzig und den Friedensgebeten in der dortigen Nikolaikirche. Da besuchten wir im Oktober 1989 unsere Partnergemeinde Limbach-Oberfrohna im Erzgebirge. Wir spürten die Spannung, die in der Luft lag, aber wussten nicht, dass wenige Wochen später die DDR nicht mehr existieren würde. Palm 46: „Gott du bist wie eine schützende Burg vor allen Bedrohungen, bei dir kann ich mich bergen, du schützt mich.“ Das macht Mut.

Rainer Hecker, Pastor in Aurich-Oldendorf

Rainer Hecker, Pastor in Aurich-Oldendorf

Dazu eine Kurzgeschichte: Während sich vor der „Wende 1989“ die Ideologen bis an die Zähne bewaffneten mit Panzern, Kampftruppen und Stasi-Beamten, um ihr System durchzusetzen, begannen Christen ihren Widerstand so klein, dass ihn niemand recht bemerkte. Sie zündeten Kerzen an und stellten sie auf die Altäre. Auf einmal begannen die kleinen Kerzen, sich zu bewegen. Sie wanderten zu den Bänken, in die Gänge vor das Kirchenportal, auf die Straßen und Plätze vor die Ministerien.
Während in den Seitenstraßen die Bereitschaftswagen der Kampftruppen Macht demonstrierten, wanderten die Kerzen in die Zentren der Städte – ohne Gewalt. Auf einmal merkte die Welt, dass es Kräfte gibt, die stärker sind als Waffen: Glaube, Gebet, vielleicht Heiliger Geist?
25 Jahre später ist dieses alles zur Geschichte geworden: Ohne Macht mächtig – keine Revolution, keine Gewalt, sondern Vertrauen, Hoffnung und Gebete. Gott ist Zuversicht und Stärke in Nöten gleich einer Schutzwand eines Zeltes, das mitwandert durch die Zeiten, doch keine Mauer der Unterdrückung und Trennung.
Das macht mir Mut zum Tage der Reformen – nicht nur zu Martin Luthers Zeiten. Lass’ dich von seinem Wort geleiten.
Im Pass erinnert uns ein Stempel der DDR daran, wie Glaube, Hoffnung und Liebe die Mauern der Unterdrückung zum Wanken brachten. Das lasst uns nie vergessen!

Von Rainer Hecker, Pastor in Aurich-Oldendorf

Reformationstag 31. Oktober 2014: „Ein feste Burg ist unser Gott“

Der 31. Oktober 1517 und die Veröffentlichung der 95 Thesen Martin Luthers zu Ablass und Buße gelten zu Recht als Beginn der Reformation. Sie waren der Anstoß und Anfang für eine neue Sicht von Kirche und Glauben, die dann auch eine umfassende Veränderung der kirchlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse bewirkte, deren Auswirkungen kaum überschätzt werden können. Die Bibel als Gottes Wort, der Glaube an Christus und die Überzeugung, dass im Glauben alle auf Gottes Gnade angewiesen sind, haben Luthers Denken bei seinen Reformen grundlegend bestimmt.
In drei Jahren können wir das 500. Reformationsjubiläum feiern. In Wittenberg, der früheren Wirkungsstätte Martin Luthers, wird ein großes zentrales Fest stattfinden und auch in vielen anderen Lutherstädten, zumal in den Reformationsstädten, wird man an den Beginn, die Geschichte und die bleibende Bedeutung der Reformation erinnern.

Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent für den Sprengel Ostfriesland-Ems

Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent für den Sprengel Ostfriesland-Ems

Für mich gehört es seit meiner Jugend wie selbstverständlich dazu, am Reformationstag einen Gottesdienst zu besuchen, in dem auch an Martin Luther und viel mehr noch an seinen Glauben und seine Theologie erinnert wird. Selbstverständlich wird dabei auch das Reformationslied „Ein feste Burg ist unser Gott“ gesungen. Dieses Lied entstand, als Luther wegen seiner Predigten und Schriften bereits erheblichen Ärger mit Papst und Kaiser erlebt hatte. Die Verurteilung seiner Lehre, Reichsacht und Exkommunikation hatten sein Leben in große Gewissens- und Leibesnöte gebracht. Das Lied bringt dagegen zum Ausdruck, wie sehr Luther sich in allen Situationen seines bedrohten Lebens auf Gott verlassen wollte.
Dabei liegt den Versen dieses Liedes der 46. Psalm zugrunde, der davon spricht, dass Gott unsere Zuversicht und Stärke auch in großen Nöten ist.
Luthers Lied wurde im Laufe der Geschichte oft als Protest- und Kampflied gesungen, so dass Heinrich Heine es sogar als „Marseiller Hymne der Reformation“ bezeichnen konnte. Ich singe dieses Lied mit Dankbarkeit dafür, dass Martin Luther seinen Glauben immer wieder auch in Form von Liedern zum Ausdruck gebracht hat. Über Jahrhunderte hinweg können so Text und Melodie immer wieder eine Ermutigung für den eigenen Glauben an Gott werden.

Dr. Detlef Klahr
Der Landessuperintendent 
für den Sprengel Ostfriesland-Ems

25. Oktober 2014:  Herbststürme

Die Tage werden kürzer, der Regen bestimmt die Zeit, der Wind fegt durch das Land – keine Frage: Es ist Herbst.

Indra Grasekamp, Pastorin in Aurich-Kirchdorf

Indra Grasekamp, Pastorin in Aurich-Kirchdorf

Herbsttage: Dem einen gefallen sie besonders gut, weil man sich endlich mal wieder ohne schlechtes Gewissen mit einem guten Buch und einer schönen Tasse Tee vor den Kamin setzen kann; dem anderen wird schon bang ums Herz, wenn er nur an die grauen und nassen Novembertage denkt.

Nähe und Wärme – zwei Wörter, die in dieser Zeit großgeschrieben werden; nach denen sich die meisten von uns sehnen. Nicht vor der Tür stehen müssen, sondern hineinkommen in eine Wohnung voller Licht und Liebe, voller Zuneigung und Wärme.

Hineinkommen und mit einem Freund, einer Freundin Zeit verbringen und Gespräche führen; ja, die nassen und windigen Tage einfach draußen lassen, vor der Tür. Wie ärgerlich nur, wenn man sich auf den Weg gemacht hat und dann vor verschlossener Tür steht. Niemand zu Hause. Enttäuschung und Einsamkeit könnten dann schnell einziehen, wo vorher noch Vorfreude war.

„Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgemacht, und niemand kann sie zuschließen“ (Offenbarung 3,8).

Dies ist das Versprechen, das wir von Gott haben. Er sagt, dass wir bei ihm niemals vor einer verschlossenen Tür stehen werden. Wenn wir bei Gott klopfen, dann ist immer jemand zu Hause, der auf uns wartet und uns die Tür öffnet. Der uns hineinbittet in die Wärme und das Licht, der mit Liebe und Gespräch für uns da ist; und natürlich mit einer guten Tasse Tee – egal wie stürmisch es draußen ist.

Also „Kopf hoch“ – selbst wenn wir heute durch den Herbststurm unverrichteter Dinge wieder nach Hause stapfen mussten, weil unsere Freunde nicht zu Hause waren, so wissen wir doch, dass Gottes Tür immer offen ist – und wenn wir uns bei unseren Freunden das nächste Mal einfach vorher anmelden, dann wird uns auch dort die Tür bestimmt aufgetan.

Von Indra Grasekamp, Pastorin Paulusgemeinde Aurich-Kirchdorf

18. Oktober 2014: Wir können etwas tun

Die Not vieler Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung fordert uns heraus. Im Caritasbüro unseres Dekanates laufen täglich Hilferufe ein wie: „Ich habe bald keine Wohnung mehr und weiß nicht, wo ich hin soll.“ – „Mein Mann hat mich und meine Kinder brutal zusammengeschlagen. Ich gehe nicht mehr nach Hause. Wo können wir hin?“ –
„Wir sind geflohen und haben nichts mehr. Alles ist weg. Wir sind am Ende unserer Kräfte. Helfen Sie uns!“ – „Meine Heimat ist zerbombt. Ich musste zusehen, wie meine Kinder getötet wurden.“ – „Ich muss für meine Kinder Schulmaterial und Winterkleidung kaufen. Ich kann es nicht bezahlen. Was soll ich tun?“ – „Meine Tochter soll für die Klassenfahrt 300 Euro zahlen. Es ist unmöglich für mich. Meine Tochter weint, weil sie Angst hat, wieder eine Außenseiterin zu sein.“ –
„Ich bin 80 Jahre alt, krank und kann meine Heizkosten nicht bezahlen. Ich sitze hier in Winterjacke. Können Sie mir helfen?“
Die Hilferufe aus der weiten Welt können wir der Presse und dem Fernsehen entnehmen: Gefechte um Kobane, Flüchtlingselend im Mittleren Osten, Ebola in den Ländern Afrikas, Kämpfe in der Ostukraine, Anschläge in Afghanistan.
Machtlos, erschlagen, resigniert möchte man manchmal die Augen schließen. Aber das ist nicht die Lösung.

Johannes Ehrenbrink, Dechant des Dekanats Ostfriesland

Papst Franziskus fordert in seinem Schreiben „Evangelii gaudium“ die Menschen auf, sich von der Not der Armen erschüttern zu lassen und zu helfen. Und wir können etwas tun. Wie viele andere Gemeinden aller Konfessionen versuchen wir es in unserer Pfarreiengemeinschaft auch. Oft fehlt es an Geld. Der Verein „Subito“ leistet bei Notfällen unbürokratisch finanzielle Hilfe und kann über das Caritasbüro angefragt werden.
Ein „Anpackerkreis“ hilft direkt vor Ort. Dazu gehört zum Beispiel das Sortieren von Unterlagen, handwerkliche Hilfe bei kleinen Reparaturen, die Begleitung bei Amtsgängen, Hilfe beim Einkauf, bei der Einrichtung der Wohnung, bei der Beschaffung von Gegenständen (zum Beispiel einer Waschmaschine) oder bei der Hausaufgabenhilfe. Manchmal brauchen Menschen auch einfach Zeit, verbunden mit einem offenen Ohr. Um die Not in der weiten Welt zu lindern können wir zumindest spenden bei Sonderkollekten und über die großen Hilfswerke. Wir müssen uns den Herausforderungen unserer Zeit stellen, und wir können etwas tun.

Von Johannes Ehrenbrink, Dechant des Dekanats Ostfriesland

11. Oktober 2014:  Punkt, Punkt, Komma, Strich

In der Post ist das neue Heft über christliche Kirchen im Nahen Osten. Ich reiße den Umschlag auf, werfe einen ersten Blick darauf. Das farbige Titelbild zeigt eine typisch orientalische Hauswand. Darauf ist in schwarz ein arabischer Schriftzug aufgesprüht, daneben ein handgemaltes Zeichen, das mich lächeln lässt. In einem roten, etwas eierigen Kreis ein Punkt und ein Mund. Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht: Der alte Kinderreim als Anleitung zum Gesichter malen fällt mir ein. Und ich denke: Na, da hat das Kind ja wohl das zweite Auge vergessen, und die Nase gleich mit.

Susanne Schneider, Pastorin in Sandhorst

Ich beginne den zum Titelbild gehörigen Artikel zu lesen, und das Lächeln vergeht mir. Die abgebildete Wand gehört zu einem Haus in Mosul. Und was ich für ein Gesicht gehalten habe, ist das mit einem Kreis umrundete arabische Schriftzeichen „Nun“, das die Terrormiliz Islamischer Staat zur Kennzeichnung eines Hauses mit christlichen Bewohnerinnen und Bewohnern gesprüht hat. „N“ für „nasara“, Nazarener: Die, die zu Jesus von Nazareth gehören. Und der schwarze Schriftzug daneben besagt, dass das Haus nun Eigentum des IS ist.
Was wohl mit der christlichen Familie geschehen ist? Schlimmstenfalls sind sie tot. Bestenfalls haben sie die Flucht in kurdische Gebiete oder über die Grenze in die Türkei geschafft. Zu Tausenden und Zehntausenden kommen die Flüchtlinge dort an, meist mit nichts als dem nackten Leben, und hoffen auf Sicherheit.
„Die, die zu Jesus von Nazareth gehören“, so wie ich zu Jesus von Nazareth gehöre, und viele von Ihnen auch. Jesus, der selber mit seinen Eltern kurz nach seiner Geburt vor dem Kindermörder Herodes nach Ägypten fliehen musste. Jesus, der uns aufgetragen hat, Hungrige zu speisen, Nackte zu kleiden und Fremde zu achten.
Ich lege das Heft beiseite und suche die Kontonummer der Diakonie-Katastrophenhilfe von Brot-für-die-Welt heraus, die dieses Jahr 60 Jahre alt wird. Natürlich ist dieses Evangelische Hilfswerk auch bei den Flüchtlingen im Nordirak aktiv, versorgt sie mit Lebensmitteln und Trinkwasser und manchem mehr. Dazu kann ich einen Beitrag leisten. Und ich kann beten für die Flüchtlinge und für uns, dass wir die Hoffnung nicht aufgeben auf ein friedliches Zusammenleben zwischen Menschen verschiedenen Glaubens.
 Damit alle Kinder Punkt, Punkt, Komma, Strich malen können – und damit nichts als ein lachendes Gesicht meinen.

Susanne Schneider, Pastorin in Sandhorst

4. Oktober 2014:  Dankbar

Sie sind nominiert! Ja, genau Sie meine ich! Meinen Sie, Sie hätten die Herausforderung schon angenommen oder dachten, Sie kämen um dieses Gedöns herum. Nix da. Das Erntedankfest steht vor der Tür und deshalb trifft es jetzt Sie, liebe Leser! Es hat Sie erwischt. Ich habe Sie jetzt hiermit nominiert. Aber, keine Angst, Sie brauchen sich keinen Eimer mit Eiswasser über den Kopf zu gießen. Sie sind nominiert für die „Dankbarkeits-Challenge“. In der nächstens Woche sollen Sie sich pro Tag jeweils drei Dinge überlegen, für die Sie in Ihrem Leben dankbar sind. Damit das im ganzen Alltagstrubel nicht vergessen wird.

Cathrin Meenken, Pastorin in Aurich - Lamberti

Cathrin Meenken, Pastorin in Aurich – Lamberti

Ich fange mal an: Ich bin dankbar für die Hartnäckigkeit meiner Kinder, die immer wieder die Äpfel aus unserem Garten anschleppen, damit ich mir neue Kuchenrezepte einfallen lassen muss. Ich bin dankbar für meinen Frühaufsteher- Mann, der uns oft mit frischen Brötchen weckt. Und ich bin dankbar für den Supermarkt um die Ecke, der endlich meinen Lieblingssaft im Sortiment aufgenommen hat.
Ach, ich könnte Stunden so weiter machen. Aber ich habe ja auch noch ein paar Tage dafür Zeit. Vielleicht starte ich auch nächste Woche von vorne und nominiere immer neue Menschen! Das Recht haben Sie jetzt natürlich auch!
Wissen Sie eigentlich, wer diese Challenge ins Rollen gebracht hat? Ich auch nicht. Aber ich glaube, Gott hatte da seine Hände mit im Spiel.
Im Psalm 103 heißt es: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“ Es lohnt sich bewusst darüber nachzudenken, wieviel Gutes Gott in unserem Alltag für uns bereit hält. Nette Menschen, wunderbare Begegnungen, aber eben auch genügend Dinge, die Leib und Seele zusammenhalten. Für all diese guten Dinge, besonders für all das leckere Essen und Trinken, was wir in dieser Jahreszeit ernten dürfen, ist diese Aktion gedacht.
Seien auch Sie mit dabei und lassen Sie uns gemeinsam die größte „Erntedank-Challenge“ auf die Beine stellen. Diesen Sonntag. Beim Erntedank-Gottesdienst. In ihrer Kirchengemeinde.

Von Cathrin Meenken, Pastorin in Aurich-Lamberti

27. September 2014:  Ja zur Gemeinschaft

„No!“ Das war dann doch eindeutiger als gedacht. Die Schotten haben letzte Woche „Nein“ gesagt. Über 55 Prozent der Menschen wollen keine Abspaltung von Großbritannien. Nein sagen sie zum Alleingang. „Nein!“ zur Trennung von allen bisherigen Partnern. Europa freut es. Die Union ohne die Schotten – da würden nicht nur der Dudelsack, der Kilt und der Whiskey fehlen.
„No!“ Sie wollen weiter dazugehören. Ich finde das gut. Eine Gemeinschaft lebt von Vielfalt. Jeder bringt etwas Eigenes mit. Und dann sind da auch die anderen. Manchmal wundert man sich: „Die sind aber eigenartig.“ Vielleicht sind sie sogar skurril, also kapriziös, kauzig, komisch, sonderbar, spleenig, merkwürdig, originell. Aber ist das nicht wunderbar? So wie sie sind, sind sie auch ein Teil von uns. Wir wären ärmer ohne sie. Und genau wie über die Ostfriesen werden auch über die Schotten Witze gemacht. Beispiel: Fragt ein Schotte einen anderen: „Willst du heute mit mir zu Abend essen?“ „Oh ja, sehr gerne.“ „Gut, dann bin ich so gegen acht bei dir.“
„No!“ Sie wollen bleiben. Kein weiterer Separatismus in Europa. Davon gibt es genug. Eine Gemeinschaft kann stark machen, politisch und persönlich. Wenn alle zusammenhalten und an einem Strang ziehen, können wir es weit bringen. Wer ganz auf sich alleine gestellt ist, hat’s oft schwer.

Tido Janssen, Pastor in der Lamberti-Gemeinde und Superintendent des Kirchenkreises Aurich

Tido Janssen, Pastor in der Lamberti-Gemeinde und Superintendent des Kirchenkreises Aurich

Dazugehören – danach sehnen wir uns wohl alle. Wir können es uns erfüllen in unserer Familie, im Kreis von Freunden, im Verein, in der Kirche. Menschen tun Menschen gut. Jedenfalls dann, wenn sie nicht nur ihren eigenen Vorteil suchen. Wir können „Nein“ sagen zum Einzelgängertum, zur Isolation. Eine Gemeinschaft kann einen tragen, besonders dann, wenn die schweren Zeiten kommen. Leiden können wir zwar nicht mildern, aber teilen. Eine Frau erzählte mir das in dieser Woche: Sie habe es erlebt, dass sie in ihrer Kirchengemeinde neuen Halt gefunden hätte durch andere. Sie hätten ihr das Gefühl gegeben: „Du bist nicht alleine. Wir halten dein Leid mit aus. Wir sind an deiner Seite.“ Es ist ein großes Glück, wenn das gelingt. Bei den wichtigsten Dingen des Lebens sind wir angewiesen. Wir brauchen uns zum Lachen und zum Weinen. Wir brauchen einander mit unseren Stärken und Schwächen. Denn niemand ist nur stark oder nur schwach. Auch was (wer) eigenartig, kauzig, merkwürdig ist, soll dazugehören. Sonst fehlt was. Ganz für sich alleine leben? „No!“

Tido Janssen, Pastor in der Lamberti-Gemeinde und Superintendent des Kirchenkreises Aurich

20. September 2014:  Verlässliche Netzwerke?

Als Schulpastor stelle ich immer wieder fest, dass das Handy im Leben der Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine immer wichtigere Rolle spielt. Kaum ist der Unterricht vorbei, wird erst einmal das Handy aus der Tasche geholt und mit den Freunden gechattet, sei es über Facebook, Whatsapp oder einem anderen sozialen Netzwerk. Das Handy begleitet uns den ganzen Tag und mit ihm unsere Freunde.
Freunde gibt es daneben ebenso im persönlichen Freundeskreis, der Nachbarschaft, des Sportvereins oder der Kirchengemeinde. Jeder von uns braucht Menschen, mit denen er gemeinsame Interessen hat und sich austauschen kann über das, was er erlebt hat oder ihn belastet.

Frank Karsten, Schulpastor BBS 1 Aurich & KGS Großefehn

Gut, wenn jeder von uns Freunde hat.
 Doch Freundschaft ist nicht gleich Freundschaft. Es gibt gute und schlechte Freunde. Menschen, die mir zuhören und mich bei der Problemlösung unterstützen und andere Freunde, die nur an sich denken, sich über mich lustig machen und mit meinen Problemen hausieren gehen. In manchen sozialen Netzwerken muss ich ganz schön aufpassen, wem ich was erzähle, ansonsten kann es passieren, dass ein paar Minuten später gleich das ganze Dorf davon weiß.
Es gibt ein weiteres Netzwerk, in dem ich mich sicher fühlen kann. Dort finde ich nicht nur immer ein offenes Ohr, sondern meine Probleme werden auch nicht weitererzählt. Und was ich alles Tolles erlebt habe, das interessiert dieses Netzwerk ebenso. Klingt doch gut, oder? Diesem Netzwerk bei Gott und seinem Sohn Jesus Christus kann jeder beitreten.
Mit Gott in Kontakt zu sein, ihm im Gebet zu sagen, was ich Schönes erlebe, das tut mir gut. Ebenso gut tut es, wenn ich ihm von meinen Sorgen, Ängsten oder Schwächen erzähle. Gott interessiert es, was wir erleben und was uns bewegt. Und Gott sagt immer: „Ich mag dich“ – egal, wie schlecht es mir geht oder wie peinlich ich mich gerade benommen habe. Wo finde ich das in meinen anderen Netzwerken?
Gott ist für mich da, wenn ich ihn brauche. Er hilft mir – nicht immer so, wie ich es mir erhoffe, aber immer so, wie es gut für mich ist. Oft erkenne ich das erst viel später. Gott zum Freund zu haben, ist das Beste, was einem Menschen passieren kann. Und wirklich gute Freunde kann man nie genug haben.
 Ende September geht es beim „Jugendtag Ostfriesland“ in der Kirchengemeinde Spetzerfehn um dieses besondere Netzwerk, Sonnabend ab 19.30 Uhr im Jugendgottesdienst und Sonntag im Gottesdienst, der um 10 Uhr beginnt.

Frank Karsten, Schulpastor an der BBS 1 Aurich und KGS Großefehn

13. September 2014:  Sei getrost und unverzagt!

„Kindergartenzeit ade, jetzt lernst du das ABC. Stolz wirst du den Ranzen tragen und neugierig so manches fragen!“
Am Wochenende werden viele Kinder eingeschult. Ein neuer Abschnitt beginnt. Werden sie ihn stolz und fröhlich beginnen oder eher unsicher und vorsichtig?
Ich sehe mein Einschulungsfoto vor mir. Eher ernst schaue ich in die Kamera. Ich wusste nicht wirklich, was alles auf mich zukommt. Am ersten Schultag hat mich noch meine Mutter begleitet, am zweiten Tag bin ich dann alleine gegangen. Zuerst war ich etwas beklommen, aber als ich dann wieder zu Hause war, war ich richtig stolz!
„Sei getrost und unverzagt, fürchte dich nicht und lass dich nicht erschrecken!“ Das ist der Bibelspruch für den Monat September aus dem Ersten Buch der Chronik.
Das ist ein Satz, den wir den Kindern, für die die Schule beginnt, mit auf den Weg geben können. Vieles ist neu.

Stefan Wolf, Pastor in Wiesmoor

Viele Fragen gehen den Kindern durch den Kopf: Was erwartet mich in der Schule? Was bekomme ich für Lehrerinnen und Lehrer? Werde ich mich mit den anderen Kindern in meiner Klasse gut verstehen? „Habt keine Angst!“, möchte man da den Kindern zurufen. „Freut euch, dass für euch etwas Neues beginnt!“
Das möchte man aber auch manchen Eltern zurufen. Denn die Einschulung der Kinder ist auch für die Eltern ein großer Schritt. Manche Eltern machen sich viel mehr Sorgen als die Kinder selbst! Das ist nicht gut, weil die Kinder das spüren und dann noch unsicherer werden.
„Sei getrost und unverzagt …“: Diese Worte spricht ein Vater zu seinem Sohn. Der König David spricht diese Worte zu seinem Sohn Salomo, der sein Nachfolger werden soll. Eine große Aufgabe! Vielleicht hat David sich auch gefragt: Wie soll das alles bloß werden? Aber er belastet seinen Sohn nicht mit dieser Frage, sondern er macht ihm Mut. Und er spricht dabei Worte, die Gott auch immer wieder spricht. Zu Josua zum Beispiel, der der Nachfolger des großen Mose werden soll. Im Neuen Testament spricht der Engel zu den Hirten vor Bethlehem: „Fürchtet euch nicht!“ Das sagt Jesus auch immer wieder. Die Bibel: ein Buch, das Mut macht!
„Sei getrost und unverzagt …“ Das sind in der Bibel keine leeren Worte. Denn Gott verspricht, uns Menschen zu begleiten. Deshalb müssen wir keine Angst haben, weil wir darauf vertrauen können, dass wir niemals wirklich allein sind. Gott geht mit uns. Das hat er versprochen.
Gut ist es, wenn wir unseren Kindern davon erzählen, damit sie, vielleicht etwas unsicher, aber doch fröhlich gespannt den neuen Abschnitt in ihrem Leben beginnen.
Gut ist es überhaupt, wenn wir ihnen Geschichten aus der Bibel erzählen, weil sie nicht nur rechnen und lesen lernen sollen, sondern auch glauben, lieben und hoffen! Und, weil sie ja auch gut mit anderen zusammenleben sollen.
Wenn wir uns in der Welt umschauen, gerade in diesen Tagen, müssen wir feststellen: Es ist überhaupt nicht selbstverständlich, dass Kinder zur Schule gehen können. Es ist überhaupt nicht selbstverständlich, dass sie auf ihrem Schulweg keine Angst vor Übergriffen oder sogar Bomben haben müssen. Wir können wirklich dankbar sein, dass unsere Kinder in einem sicheren und friedlichen Land zur Schule gehen können!
Ja, dankbar können wir sein. Auch dafür, dass die Kinder nun diesen Schritt gehen können. Dankbar, aber auch getrost und unverzagt. Denn Gott geht mit. Er begleitet die Kinder auf ihrem Weg in die Schule und auch die Eltern, für die ebenfalls ein neuer Abschnitt beginnt.

Stefan Wolf, Pastor in Wiesmoor

6. September 2014:  Was bleibt?

Was bleibt von dem, was wir uns vorgenommen haben, wenn unsere Träume sich in Luft auflösen? Was bleibt, wenn uns das Leben oder das Schicksal einen Strich durch unsere Rechnung gemacht haben? Dieser – zugegeben – nicht ganz leichten Frage musste ich mich in diesem Jahr mehr als einmal stellen, und viele andere sicher auch. Was bleibt, wenn eine Beziehung zerbrochen ist? Was bleibt, wenn die Arbeitskraft nicht mehr gebraucht wird? Was bleibt, wenn ein Partner, ein lieber Mensch zu früh aus dem Leben gerissen wurde?
Gedanken für den November, möchte man meinen, und nicht, wenn die Sonne scheint und das Thermometer gerade wieder über die 20-Grad-Marke klettert. Aber die Einbrüche in unserem Leben richten sich nicht nach dem Kalender. Sie treffen uns oft gerade dann, wenn wir so gar nicht mit ihnen rechnen. Und dann müssen wir darauf eine Antwort finden: Was bleibt? Und was soll oder wird nun werden?

Uwe Noormann, Pastor in Tannenhausen und Georgsfeld

Auch Paulus stellt diese Frage in einem Brief an seine Lieblingsgemeinde – unser Thema morgen. Und er hat darauf eine nachdenkenswerte Antwort. Es ist eine zweifache: Erstens: Was bleibt, wird sich zeigen, und es kann durchaus sein, dass gar nichts davon bleibt, was du mal erhofft oder gewollt hast. (Das wussten wir wohl schon oder mussten es bitter erfahren.) Zweitens: Was wirklich bleibt, ist das Fundament (des Glaubens), ist Jesus. Das ist das Einzige, was uns auf Dauer Hoffnung und Zuversicht geben kann.
Das Fundament unseres Lebens ist nicht weniger als das Vertrauen, dass Gott Gutes mit uns im Sinn hat. Dafür stand und steht Jesus. Gott will sich wie ein guter Vater oder eine gute Mutter um uns kümmern. Das allein gibt unserem Leben einen festen Halt. Dann mag da kommen, was da will: Wir werden nicht verloren gehen.
Festhalten können wir nichts. Aber wir können darauf bauen, dass Gott eine Idee für unser Leben hat, wenn unsere kleine Welt in die Brüche geht. Ich muss mich nicht damit anfreunden, wenn meine Träume sich in Luft auflösen. Ich kann verzweifelt sein, wenn meine Welt aus den Fugen gerät. Aber ich darf darauf vertrauen, dass Gott mich hält. Und ich kann darauf bauen, dass Gott mir einen neuen Weg zeigt, wenn ich ihn darum bitte.

Uwe Noormann, Pastor in Tannenhausen und Georgsfeld

30. August 2014:  Glück kommt später, oder?

Wir haben immer einen guten Grund dafür, dass wir nun ausgerechnet jetzt, in diesem einen Moment, nicht glücklich und zufrieden sein können. Die Ferienzeit ist zu spät und zu nass und zu kalt. „Wenn es nun endlich nochmal Sommer würde, dann könnte man sich auch freuen. Aber so…?!“ – „Erst muss eben noch der Rasen gemäht und das Beet zur Straße hin gejätet werden – dann kann ich mich hinsetzen und den Garten genießen.“ – „Wenn erstmal das Haus fertig ist, dann haben wir alles so, wie wir uns das erträumen.“ – „Wenn erstmal die Kinder aus dem Haus sind, dann haben wir Zeit für unsere Hobbys.“ – „Erst muss ich in meinem Beruf bestehen, dann bleibt mir die Luft, das Leben zu genießen.“
An jedem Montag sehnt man sich das nächste Wochenende herbei. Und wenn es dann da ist, sitzt einem der nächste Montag im Nacken, und damit das Wissen darum, dass die Mühle von neuem zu mahlen beginnt. „Ach, wenn doch erst wieder Freitagnachmittag wäre…“
„Wenn erstmal der Ruhestand erreicht ist, dann fahren wir viel mit dem Fahrrad, dann verreisen wir, dann gönnen wir uns etwas, dann nehmen wir uns Zeit für die Kinder und für die Enkelkinder.“ Es gibt immer etwas, das dem „eigentlichen“ Leben im Wege steht. Es gibt immer etwas, das erst eben noch fertig sein muss, bevor wir unsere Idee vom Leben verwirklichen können. Und welch ein Ärger, dass uns dann immer wieder etwas Neues dazwischenkommt.
Auf der anderen Seite wird das „Hier“ und „Jetzt“ immer als Ideal bezeichnet. Menschen, die den Moment genießen können, sind die Hauptdarsteller in unzähligen Werbespots. Mit dem Löffel im Joghurt, beim Duft frisch gewaschener Wäsche oder bei der Spritztour im neuen Auto scheint sich ihr ganzes Lebensglück zu konzentrieren. Damit sind die Werbe-Menschen Sinnbild einer Sehnsucht nach Glück und Zufriedenheit, die sich weder um Vergangenheit noch um Zukunft sorgt.
Wir alle wissen: Das ist ein Bluff. Wie schade, dass beides unvereinbar zu sein scheint! Die ewig unerfüllte Sehnsucht nach einer idealen Zukunft auf der einen Seite. (Dafür müssten nur eben erst einmal alle menschenmöglichen Voraussetzungen geschafft sein – verbunden mit der ernüchternden Einsicht, dass der Alltag unsere Erwartungen ein ums andere Mal durchkreuzt.)

Jens Blume, Pastor in Timmel und Mittegroßefehn

Und auf der anderen Seite: die Idealisierung des „Hier und Jetzt“, das nichts von seinen Wurzeln wissen will und sich von der Zukunft keine Verbesserung erwarten kann. Unser Glaube kennt und verbindet das eine mit dem anderen. Als Geschöpfe und Kinder Gottes wissen wir, dass jeder einzelne Lebensmoment ein Geschenk ist. Dieses Leben können wir annehmen, verantwortlich gestalten und auch genießen. Zugleich leben wir aus der Erfahrung der Nähe Gottes. Wir kennen die Wurzeln des Lebens aus der Überlieferung der Bibel, und wir erwarten die versprochene Herrlichkeit Gottes.
Selig sind für mich die Menschen, die im alltäglichen Tun die Glücksmomente erkennen und daraus ihre Lebensfreude schöpfen. Die sich zugleich eine Sehnsucht, eine Hoffnung und damit eine Zukunftsperspektive bewahren, weil sie wissen: Das Schönste steht für uns noch aus, nämlich die Erfüllung der Verheißungen Gottes.
Dem biblischen Buch, in dem es heißt: „Alles hat seine Zeit…“, verdanken wir auch die Losung für den morgigen Sonntag. Im Buch des Predigers Salomo heißt es (in der Übersetzung der „Gute Nachricht Bibel“):
Freu dich, wenn du einen Glückstag hast. Und wenn du einen Unglückstag hast, dann denke daran: Gott schickt dir beide, und du weißt nicht, was als Nächstes kommt. (Prediger 7,14)

Jens Blume, Pastor in Mittegroßefehn und Timmel

23. August 2014:  „Immer diese Fischli-Christen“

Endlich! Langsam fuhr ich den Wagen in die Parklücke hinein. Es war gar nicht so einfach, in diesem Kurort einen Parkplatz zu finden. Meine Frau und ich waren in den Sommerferien mit den Kindern in die Schweiz ins Berner Oberland gefahren. An diesem Tag hatten wir einen Abstecher nach Adelboden gemacht. Als wir von unserem Bummel durch den Ort wieder zurück zum Auto kamen, stand in der Nähe eine kleine Gruppe von Schweizern und unterhielt sich. Sie schauten zum Auto rüber und ich hörte, wie einer sagte: „Immer diese Fischli-Christen!“. Dann schüttelte er den Kopf.
Auf der Heckscheibe meines Autos klebte das Symbol eines Fisches. An diesem Zeichen hatten sich die ersten Christen vor 2000 Jahren erkannt und auch heute haben viele Christen diesen Fisch als Erkennungszeichen auf ihrem Auto. In der Schweiz, so haben uns später unsere Freunde dort erzählt, sind es vor allem die besonders frommen und manchmal auch gesetzlichen Christen, die dieses Zeichen gebrauchen. In diese „Schublade“ waren wir nun geraten. „Die predigen Wasser und dann saufen sie Wein!“, so mögen sie gedacht haben, denn – wir standen im Parkverbot. Ich hatte das Parkverbotsschild nur nicht gesehen. Die predigen Regeln und dann halten sie sich nicht daran! Immer diese Fischli-Christen!“ Auf dem Weg in die Ferienwohnung grummelte es ganz gewaltig in mir. Neben dem Ärger, beim Falschparken ertappt zu werden, störte mich diese „Schublade“, in der ich mich als „Fischli-Christ“ nun wiederfand.
Inzwischen sind einige Jahre vergangen. Mit dem zeitlichen Abstand kann ich über diese kleine Episode schmunzeln. Zugleich betrachte ich sie heute mit anderen Augen. Ich sehe in dieser Geschichte auch eine Anfrage an uns als ganz normale Alltagschristen. Woran sieht man eigentlich, dass wir Christen sind? Kann man das an unserem Leben, an unserem Handeln in irgendeiner Weise erkennen? Woran sieht man, dass wir dazugehören? Wollen wir überhaupt, dass man das sieht?

Georg Janssen, Pastor in Ihlow

Bei den Besuchen in meiner Gemeinde erfahre ich in den Gesprächen sehr viel über das Verhältnis der Menschen zu Gott. Und ich staune, wie viel Nähe da ist. Menschen erzählen vom Gebet abends im Bett; sie erzählen, warum es ihnen wichtig ist, dass ihr Kind getauft wird; sie erzählen aus Lebenssituationen, in denen ihnen Gott ganz nahe war.
Ich staune und denke: „Erzählt davon, wenn ihr mit euren Kindern, euren Freunden zusammen seid. Ihr setzt damit ein Zeichen, aber ihr werdet euch auch wundern, was die euch erzählen können.“

Und wer weiß, was sich aus diesen kleinen Zeichen noch alles entwickelt.

Georg Janssen, Pastor in Ihlowerfehn und Ludwigsdorf

16. August 2014:  Luther und das Apfelbäumchen

Holger Rieken, Pastor in Wiesmoor und Marcardsmoor

In dieser Woche haben wir am Rande des Pfarrgartens in Marcardsmoor vier Apfelbäume gepflanzt. Der mühevolle Teil war dabei nicht die Vorbereitung der Löcher oder das Einpflanzen. Schweißtreibend war es, die Pflöcke in die Erde zu schlagen, die den jungen Bäumen Schutz vor starken Stürmen bieten.
Damit Bäume wachsen können, brauchen sie Halt und die Stabilität von außen. Denn am Anfang sind die Wurzeln in der Erde einfach nicht stark genug, den Winden zu trotzen. Genauso ist das bei uns Menschen. Ohne die Perspektive, an der wir uns in stürmischen Zeiten festhalten, ohne Sinn im Leben, werden wir auch einfach hin und her geschüttelt.
Vielleicht darum hat der Reformator Martin Luther die Bäume so sehr geschätzt, weil ihr Wachstum für ihn zum Bild des Lebens wurde.
Martin Luther erfreute sich an ihnen, so sah er im frischen Grün der ausschlagenden Bäume im Frühling ein Sinnbild für die Auferstehung der Toten. In den Bäumen soll er die göttliche Gnade im irdischen Leben gesehen haben.
Sprichwörtlich geworden ist ein Wort der Hoffnung, das ihn mit den Apfelbäumen verbindet: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Das Zitat kann Martin Luther wohl nicht sicher nachgewiesen werden, aber die besondere Hoffnung der Worte passt zu seinem Leben. Denn sein Wirken mit all den Grenzen verdankt sich einem Halt und einem Pflock außerhalb des eigenen Einflussbereichs. Was Gott getan hat, was sein Wort bezeugt und wie Jesus Christus für Menschen einsteht, bleibt unverbrüchlich – auch wenn die Welt zusammenstürzt.
Daran hat Martin Luther festgehalten und es immer wieder laut ausgesprochen. Besonders in den Zeiten, in denen er selbst nicht wusste, wie es weitergehen konnte. Jesus Christus hält mich in seiner Liebe – für immer und ewig.
Nicht nur den letzten Tag, sondern jeden Tag mit der Hoffnung beginnen – „Jesus Christus gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit – für uns über die engen Grenzen hinweg“ – dazu habe ich in der Erinnerung an Martin Luther die Apfelbäume vor der Tür. Und wir brauchen Hilfe, Erinnerungen, dass wir Hoffnung sehen und annehmen. Gerade weil uns im Sommer 2014 so viel bedrohliche Szenarien begegnen. Der Pflock, der wirklich hält, weil solche Hoffnung nicht von unseren Plänen und Möglichkeiten abhängt. Die Idee mit der festen Hoffnung ist die Idee von Jesus selbst. Darauf dürfen wir ihn behaften. Jeden neuen Tag!

Von Holger Rieken, Pastor in Wiesmoor und Marcardsmoor

9. August 2014:  Ein neues Zuhause…  „Sollten uns für die Flüchtlinge einsetzen“

Anne Ulferts-Tatjes, Pastorin in Wiesmoor

Liebe Leserinnen und Leser, seit einigen Wochen besucht der kleine Sadnam aus Afghanistan den Kinderkreis unserer Gemeinde. Er ist drei Jahre alt und mit seinen Eltern und seinem Bruder, der die dritte Klasse der Grundschule besucht, ist die Familie nach Deutschland gekommen. Erst ganz schüchtern und nach und nach mutiger kommt Sadnam mit den Kindern in Kontakt, begleitet von seiner Mutter, die hier mit ihrem Mann neben den Behörden unkomplizierte Hilfe von einer gerade pensionierten Lehrerin aus unserer Gemeinde bekommt.
Die Unsicherheit war der Mutter zu Anfang ins Gesicht geschrieben, es macht immer noch Mühe, sich zu verständigen – und doch, der Blick ist inzwischen nicht mehr so furchtsam. Mit einem Lächeln betreten sie das Gemeindehaus.
Die Familie hat ihre eigene Geschichte, Not haben sie erfahren, Krieg erlebt. Sie wollten weg aus der Heimat, in der Hoffnung, ein besseres Leben zu finden, weg von Elend und Krieg. Und nun sind sie hier bei uns in Ostfriesland – wie in den letzten Monaten wieder mehr Menschen aus den Kriegs- und Krisengebieten gerade aus Syrien sich Hilfe in Deutschland erhoffen und Asyl beantragen.
Wie begegnen wir den fremden Menschen? Mich beschämt es, wenn ich lese, dass einige von ihnen, die Schutz suchen in unserem Land, schlechte Unterkünfte bekommen haben. Oder dass sie so abgelegen untergebracht sind, dass sie Mühe haben, zu den Behörden zu kommen oder einkaufen zu gehen. Und auf der anderen Seite gibt es eine ganze Reihe Einheimische, die sich ehrenamtlich engagieren, die mit Nachbarschaftshilfe da sind und so Vertrauen schaffen, mit dafür Sorge tragen, dass die Menschen, die zu uns kommen, angesprochen werden und sie Hilfe bekommen.
Thema Flucht zieht sich durch Bibel
Und schauen wir uns die Bibel an, dann sehen wir, dass der Exodus des Volkes Israel nicht die einzige Fluchterzählung ist. Das Thema Flucht zieht sich durch die ganze Bibel und sie berichtet immer wieder von Menschen, die zu Flüchtlingen wurden. Da sind beispielsweise Abraham und seine Frau Sara, die wegen einer Hungersnot nach Ägypten flüchten. Ebenfalls wegen einer Hungersnot musste Isaak sein Land verlassen und nach Gera fliehen. Denken wir auch an Mose, der einem Israeliten zu Hilfe kam und, um anschließend der Rache des ägyptischen Pharaos zu entkommen, floh Mose nach Midian. Nicht ganz so bekannt wie Abraham, Sara, Isaak und Mose ist Noomi. Auch sie musste wegen einer Hungersnot ihre Heimat verlassen und mit ihrer Familie in das Land der Moabiter flüchten. Ruth und Noomi sind manchen vielleicht bekannter durch das Versprechen, das sich die beiden verwitweten Frauen, Schwiegermutter und Schwiegertochter, geben in ihrer Not: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen und wo du bleibst, da bleibe ich auch, dein Gott ist mein Gott, und dein Volk ist mein Volk.“ Und vergessen wir nicht Jesus. Das Matthäusevangelium berichtet uns, dass er kurz nach seiner Geburt mit seinen Eltern nach Ägypten fliehen musste, um den Soldaten des Herodes zu entkommen.
So verschieden die Gründe einer Flucht sein können, so ist eins allen gemeinsam: Sie mussten ihre Heimat verlassen. Sie sind aufgebrochen, haben vielleicht in einem alten, kaum seetüchtigen Boot das Mittelmeer überquert und wissen nicht, was sie erwarten wird. Um ihr Leben zu retten, müssen sie alles zurücklassen, was ihr bisheriges Leben geprägt hat: Angehörige, Freunde, Besitz.
Flüchtlinge benötigen eine Chance
Nur eins haben sie durch ihre Flucht nicht verloren, ihre Würde, ihre Kompetenzen und Talente. Und genau diese möchten sie einsetzen. Flüchtlinge möchten nicht auf staatliche Unterstützung angewiesen sein, sondern sie möchten die Chance bekommen, in ihrer neuen Heimat selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Doch leider wird ihnen dies erschwert oder gar unmöglich gemacht. Und dies führt nicht nur dazu, dass sie auf staatliche Hilfe angewiesen sind, sondern ihnen wird auch die gesellschaftliche Integration erschwert.
Kommen wir noch einmal zurück zu unseren biblischen Flüchtlingen. Auch sie mussten bei ihrer Flucht vieles zurücklassen. Sie haben dies jedoch im Vertrauen auf Gott getan. Im Vertrauen auf den, der von sich selber sagt, dass er „ein barmherziger und gnädiger Gott“ sei. Jesus hat sich immer wieder Menschen zugewandt, die am Rand der Gesellschaft standen. Und er hat die Solidarität mit den Armen und Schwachen nicht nur selbst gelebt, sondern auch seinen Jüngern als Aufgabe hinterlassen. Jesus spricht sogar explizit von der Sorge um die Fremden: „Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen.“
Mit den biblischen Flüchtlingen, die ich am Anfang aufgezählt habe, hatte Gott einiges vor. Die „Wirtschaftsflüchtlinge“ Abraham und Sara wurden zu den Stammeltern des Volkes Israel. Der „politische Flüchtling“ Mose hat das Volk Israel aus Ägypten herausgeführt. Und die wegen ihres Glaubens an Jesus verfolgten Christen haben geholfen, den Glauben weiterzugeben. Als Christen sollen wir uns an den Taten und Worten Jesu orientieren. Setzen wir uns deshalb dafür ein, dass Flüchtlinge bei uns eine Chance bekommen und in unserer Gesellschaft ihre Talente einsetzen können. Und seien wir gastfreundlich, menschlich, zugewandt.
Der kleine Sadnam und sein älterer Bruder haben schon ein wenig Deutsch gelernt, und sie möchten am Ferienprogramm teilnehmen. Der Fahrdienst ist schon organisiert.

Von Anne Ulferts-Tatjes, Pastorin in Wiesmoor

2. August 2014:  Gönne dich dir selbst

Thomas Henneberger, Pastor In Aurich-Oldendorf

In einem Gedicht von Erich Fried heißt es: „Wenn man ans Meer kommt / soll man zu schweigen beginnen. / Bei den letzten Grashalmen / soll man den Faden verlieren. / Und den Salzschaum / und das scharfe Zischen des Windes / einatmen / und ausatmen / und wieder einatmen. / Wenn man den Sand sägen hört / und das Schlurfen der kleinen Steine / soll man aufhören zu sollen / und nicht mehr wollen wollen. / Nur Meer. / Nur Meer.“
Das Gedicht weckt in mir Urlaubsphantasien. Ich stelle mir einen Urlaubstag am Meer vor. Es ist Sommer. Ich gehe am späten Nachmittag an den Strand. Er ist leer. Obwohl es jetzt dort eigentlich am schönsten ist. Das Licht ist besonders weich. Ein lauer Wind weht. Ich setzte mich auf einen Stein und betrachte das Spiel der Wellen. Dieses ewige Spiel, das immer gleich ist und doch immer wieder anders. Ich beobachte eine Möwe und ein Segelboot, das am Horizont durchs Meer gleitet. Ich sitze da – und muss nichts.
Kein Termin drängt. Keine Aufgabe muss gerade jetzt erledigt werden. Kein Blick um mich herum zeigt mir wie sonst zu Hause: „Eigentlich müsstest du dringend mal.“ Kein Anruf kann kommen. Niemand will in diesem Moment etwas von mir. Ich sitze einfach eine Weile da und muss nichts. Wie gut das tut!
Der alte Mönchsvater Bernhard von Clairvaux – Abt eines Klosters mit all seinen Verpflichtungen und Aufgaben im Dienst für Gott und die Menschen – schrieb einmal:
„Denke also daran: Gönne dich dir selbst. Ich sage nicht: Tu das immer. Ich sage nicht: Tu das oft. Aber ich sage: Tu es immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für dich selbst da, oder jedenfalls sei es nach allen anderen.“
„Gönne dich dir selbst“: Ich glaube, ab und zu brauchen wir das. Es muss gar nicht lange sein, eine Weile nur, einen Moment. Es muss gar nicht weit weg sein, vielleicht auch zu Hause im Garten oder sonst wo. Aber wir brauchen solche Momente, wo wir einfach nur da sind, gedankenverloren für uns selbst. Wo wir einfach nur dasitzen und zur Ruhe kommen. Jedenfalls nichts müssen. Zeit für uns selbst, wo wir uns uns selbst gönnen. So etwas ist ein Gottesgeschenk!
„Gönne dich dir selbst“: Wir brauchen solche Momente. Damit wir dann auch wieder da sein können mit anderen und für andere.

Thomas Henneberger, Pastor in Aurich-Oldendorf

26. Juli 2014:  Zeit für meinen Vater

Letzte Konfirmandenstunde vor den Ferien. Da ist schon ganz viel Vorfreude. Die Konfirmandinnen und Konfirmanden haben Sommer, Sonne und Wasser vor Augen. Sie wollen das Leben genießen: ausschlafen, schwimmen gehen und Eis essen. Worauf sie sich besonders freuen?

Heidrun Ott, Pastorin in Moordorf

Besondere Unternehmungen werden genannt. Bei Ausflügen und Reisen wird die Welt entdeckt. Aber ebenso wichtig sind die sozialen Aktivitäten.
„In den Ferien habe ich endlich genug Zeit für meine Freunde.“
Im Alltag kommt das leicht zu kurz. Gut, wenn der Mangel an menschlicher Nähe noch empfunden wird. Das geht nicht nur den Schülerinnen und Schülern so.
Zwei Konfirmanden freuen sich; „In den Ferien kann ich Zeit mit meinem Vater verbringen. Er hat Zeit für mich, und ich habe Zeit für ihn.“ Väter unterschätzen das leicht. Sie sind für die Entwicklung ihrer Kinder genauso wichtig wie die Mütter. Die Väter haben noch einmal andere Begabungen und Fähigkeiten. Davon können Kinder profitieren. Und es geht darum, dass die Beziehung eine wechselseitige ist. Er hat Zeit für mich, und ich habe Zeit für ihn. Auf die Dauer ist es unbefriedigend, wenn ein Kontakt nicht beiderseitig läuft.
So ist das auch bei meinem Vater im Himmel. Ich habe im Alltag manchmal so viel zu tun, dass ich ihn kaum noch spüre. Da sind die Ferien/der Urlaub eine echte Chance. Er hat Zeit für mich, und ich habe Zeit für ihn.
Vielleicht kann ich das in diesem Sommer erleben: Dass Gott für mich da ist, und er tut meinem Leben gut. Als eine Konfirmandin davon spricht, wie herrlich der Himmel ist, fällt mir ein altes Gebet aus der Bibel ein: „Herr, deine Güte reicht so weit der Himmel ist!“
Gott hat Zeit für mich. Und ich habe Zeit für ihn. Vielleicht mal wieder in der Bibel lesen oder in die Kirche gehen. Vielleicht mal wieder versuchen zu beten.
Ferien ist Zeit für Beziehungspflege – in jeder Beziehung.

Heidrun Ott, Pastorin in Moordorf

19. Juli 2014: Gott ist treu

Mit dem Predigttext des morgigen Sonntags habe ich meine persönliche Geschichte: Als 20-Jähriger ging ich ins Studium. Die Bibel hatte ich mitgenommen, den Denkspruch aber zu Hause gelassen. Da stand sie im Regal. Mittelgroß – oder mittelklein, jedenfalls ein ungewöhnliches Format, extrem dünne Seiten, kleine Schrift, Lutherdeutsch, blassroter Einband.

Jörg Schmidt, Pastor an der reformierten Kirche in Aurich

Für einen jungen Mann alles irgendwie leicht verstaubt. Irgendwann ein paar Jahre später habe ich sie sogar entsorgt und mir eine andere gekauft. Als Ausgabe gefiel sie mir nicht, obwohl sie mir während des Konfirmandenunterrichts geschenkt worden war. Doch damals stand sie im Regal, in meinem winzigen Studentenzimmerchen, wo ein suchender junger Mann Orientierung brauchte. Ich griff zu ihr. Und dann hatte sie ihre große Stunde.
Sie lag auf dem Schreibtisch. Wo anfangen? Vorne? Einmal alles lesen? Das hatte mich schon immer gereizt. Aber ich kannte auch die Erfahrung, nach wenigen Seiten der Bibel sich nur schwer noch konzentrieren zu können. Oder bei den Psalmen? Da findet man immer was, hatte mir mal jemand gesagt. Oder meinen Denkspruch aufsuchen? Ich entschied mich für etwas anderes: wahllos aufschlagen und die Augen einen fett gedruckten Satz suchen lassen.
Das tat ich. Ließ den Finger über den Seitenschnitt gleiten, einmal, zweimal, dann irgendwo Stopp und die Augen anfangen lesen zu lassen, worauf ihr Blick fällt. Nur selten habe ich das so getan, aber an diesem Morgen wohl. Gott ist treu. Das las ich dann. Schwarz, hervorgehoben. Gott ist treu. Mehr brauchte ich an diesem Vormittag nicht lesen. Es reichte völlig. Es reichte, um neuen Mut zu schöpfen.
Gott ist treu. Drei Worte, drei Silben. Kürzer geht es nicht. Und tiefer auch nicht. Und wenn das Leben auch dagegen spricht: Die Wahrheit dieser Worte trägt über alle Untreue hinweg, die man im Leben erleben und erdulden muss.

Jörg Schmid, Pastor der ev.-ref. Kirche Aurich

12. Juli 2014: Es wird ein neues Spiel geben

Deutschland ist im Fußballjubel. Die deutsche Mannschaft hat das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft erreicht. Die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat Fußballgeschichte geschrieben mit ihrem Sieg über den Gastgeber Brasilien. Natürlich habe ich mich als Fußballfan darüber gefreut und freue mich noch mehr auf das Endspiel am Sonntagabend, aber fast beeindruckender fand ich die Bilder nach dem Abpfiff. Die Sieger haben nicht überheblich ihren Sieg gefeiert und ihre Kritiker in die Schranken gewiesen. Es waren eher leise Töne nach dem Spiel zu hören.

Lars Kotterba, Pastor in der Ev.-luth. Johannes-Kirchengemeinde Wiesens

Und die Spieler beider Mannschaften haben sich gegenseitig umarmt – gratuliert und getröstet. Sportliche Gesten, die selten sind, besonders bei diesem sportlichen Großereignis, wo man manchmal den Eindruck hat, dass nur der Profit im Vordergrund steht oder das Weiterkommen um jeden Preis, ohne Rücksicht auf andere. Ich hätte mir gewünscht, dass diese WM für Brasilien, besonders für die arme Bevölkerung, mehr gebracht hätte als vier Wochen Rampenlicht und Weltbühne, aber leider sind auch solche Großereignisse wenig nachhaltig.
Fußball ist eine faszinierende Sportart und besonders der moderne Fußball lebt in meinen Augen vom Teamgeist und mannschaftlichem Zusammenhalt. Das hat auch sogenannte Außenseiter-Mannschaften weit gebracht. Das Miteinander führt zum Erfolg und ist dann auch nachhaltig. Das wusste auch schon der Apostel Paulus, als er den Galatern schrieb: Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Im Miteinander zeigt sich unsere Stärke und in dem Wissen, dass mein Gegenüber genauso unvollkommen ist wie ich selbst. Wer sich darauf einlässt und sein Leben und Verhalten darauf ausrichtet, der lebt nach Gottes Gesetz, das eigentlich nicht gesetzlich ist und uns nicht einengen will, sondern einfach nur der Nächstenliebe entspricht und damit Gottes Liebe zu uns widerspiegelt. Es geht nicht darum, sich alle Lasten der Welt aufzuerlegen und daran zu zerbrechen, sondern miteinander das Leben und ein friedliches Miteinander zu gestalten und darauf zu achten, und da zu helfen, wo jemand anderer es nicht allein schafft. Und genau das macht ein gutes Miteinander aus, dass man die Schwächen des anderen kennt und ihn unterstützt, und dass man die Stärken kennt und ihn da fordert. Das gilt im Fußball wie im Leben überhaupt.
Im Fußball wünsche ich mir jetzt nur noch zwei faire Spiele zum Abschluss der WM und am Ende einen Sieger, der sich durch spielerisches Geschick am Ende als Gewinner feiern lassen darf und Verlierer, die wissen: Es wird ein neues Spiel geben.

Lars Kotterba, Pastor der Kirchengemeinde Wiesens und Brockzetel

5. Juli 2014: Psalmen als „Lebensmittel“

„Die Psalmen sind für mich eins der wichtigsten Lebensmittel“, sagt die Theologin und Dichterin Dorothee Sölle. „Ich esse sie, ich trinke sie, ich kaue auf ihnen herum, manchmal spucke ich sie aus, und manchmal wiederhole ich mir einen mitten in der Nacht. Sie sind für mich Brot.“

Peter Schröder-Ellies, Pastor in Aurich

In einer Gruppe kauen wir herum an einem Psalm: „Herr, wie lange willst du mich so ganz vergessen? Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir?“ (Psalm 13, 2) Wir fragen: Mit welcher Stimme spricht der Beter diese Worte? Leise verzagt – oder lauthals schreiend? Mit welcher Körperhaltung spricht die Beterin diese Worte? Wir probieren das aus – und schließlich steht sie da, die Beterin dieses Psalms, mit geballten Fäusten, über der Nase eine tiefe Furche. Geballte Energie, aufgestaute Wut.
Und dann fragen wir uns: Wo steht Gott eigentlich? Auch das probieren wir aus. Eine Person stellt Gott dar. Sie steht der Beterin gegenüber – mit weit ausgebreiteten Armen. Als wollte sie sagen: Ich halte das aus, ich fange das auf. Aber die Beterin spürt nichts, ihr hilft das nicht weiter. Wir probieren etwas anderes. Die Person, die Gott darstellt, stellt sich hinter die Beterin. Ganz dicht. Berührt sie an beiden Armen. Als wollte sie sagen: Ich stärke dir den Rücken. Du siehst mich nicht, aber ich bin da.
Und die Beterin spürt: Meine Wut, meine Verzweiflung – sie haben ihr Recht. Ich werde bestärkt – auch mit diesen heftigen Gefühlen.
Da ist eine wohltuende Wärme. Und ihre Körperhaltung verändert sich. Die Furche in der Stirn verschwindet, die geballten Fäuste öffnen sich. Aufrecht und fest steht sie da. Sie behält alle ihre Energie. Aber diese Energie richtet sich nicht mehr nach innen, gegen sie selbst. Sie spürt eine wunderbare, wohltuende Kraft, die sie nach vorne treibt.
Ich habe in dieser Auseinandersetzung mit dem Psalm viel gelernt – über Gottesbilder, die mich schwächen, und solche, die mich stärken. Über das Recht auf Wut und wie aus Wut etwas Stärkendes werden kann. Und über den Nährwert der Psalmen.
„Esst die Psalmen“, sagt Dorothee Sölle. „Jeden Tag einen. Vor dem Frühstück oder vor dem Schlafengehen, egal. Haltet euch nicht lang bei dem auf, was ihr komisch oder unverständlich oder bösartig findet, wiederholt euch die Verse, aus denen Kraft kommt.“

Peter Schröder-Ellies, Pastor in Aurich

28. Juni 2014: Hier tanken Sie auf

Aurich. Noch gut vier Wochen, dann stehen die Sommerferien vor der Tür. „Endlich!“, das werden sich nicht nur Schülerinnen und Schüler, sowie Lehrerinnen und Lehrer, sondern auch Eltern sagen. Endlich lange ausschlafen, endlich alles das tun, wozu man Lust, aber keine Zeit hatte. Für manche geht’s in den Urlaub. Doch, wie gesagt: Gut vier Wochen sind es noch. – Bis dahin ist wahrscheinlich noch viel zu tun: Arbeiten müssen geschrieben, Projekte fertiggestellt und für ein evtl. Abschlusskonzert geprobt werden. Auch die Erwachsenen sehnen sich nach Urlaub, denn Stress und Hektik gehen ebenso wie das heiße Wetter an die Substanz.

Jan Mondorf, Vikar in Victorbur

Wenn der Druck steigt, dann denkt man so manches Mal: „Es ist genug, ich kann nicht mehr!“ Denken kann man dies, doch wenn man es sagt, wird man schnell als ‚nicht belastbar‘ oder ‚stressresistent‘ genug eingeschätzt. Doch auch bei Menschen, die eben gerade nicht beruflich tätig sein können, kann der Satz: „Ich kann nicht mehr!“ seine Gründe haben – wenn ich es eben nicht mehr aushalten kann, dass ich nur zu Hause sitze und keine Arbeit mehr habe; wenn ich die Streitereien in der Familie satt habe; wenn ich meine Schmerzen nicht mehr ertrage. Wer hört meinen, vielleicht stummen, Schrei: „Ich kann nicht mehr!“?
Im Wochenspruch für die kommende dritte Woche nach dem Sonntag Trinitatis sagt Jesus im Evangelium nach Matthäus: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ Man könnte auch sagen: „Kommt her, alle die ihr ausgebrannt, müde und erschöpft seid, alle, die ihr nicht mehr könnt; ich will euch trösten, stärken und eine neue Perspektive geben. Bei mir könnt ihr auftanken.“
Der Auferstandene will für uns da sein, wenn wir nicht mehr können. Er will uns wieder neue Hoffnung, Kraft und Energie schenken.
Doch wie kann das gehen? Wird mir dann alles zufallen und alle Probleme lösen sich in Luft auf? Dies vermutlich nicht, aber ich denke, dass Jesus uns im Kleinen stärken will: Vielleicht durch die helfende Hand eines Kollegen, der den Dickicht meiner Aufgaben lichtet. Oder durch den Bekannten, der plötzlich ein Jobangebot für mich hat. Oder durch die liebe Verwandte, die mich in meiner Krankheit besucht.
Begebenheiten oder Begegnungen, die wir als „glücklichen Zufall“ bezeichnen, sind wahrscheinlich gar kein Zufall. Im Kleinen will Jesus uns wieder neue Perspektiven geben und uns neuen Mut schenken; wir müssen ihn schlicht darum bitten. Hierzu wünsche ich Ihnen Mut und, obwohl es noch dauert, schon jetzt schöne Ferien!

Jan Mondorf, Vikar in Victorbur

21. Juni 2014: Das Spiel des Lebens

Spannende Fußballtage erleben wir. Sogar nicht so Fußballbegeisterten werden angesteckt und gucken mit. Warum lieben so viele Menschen Fußball? Was ist wirklich so interessant daran, dass 22 erwachsene Menschen hinter einem Ball herlaufen? Ich glaube, im Fußball ist vieles enthalten, was in unserem Leben wichtig ist: Teamgeist und Engagement, gewinnen wollen und Niederlagen akzeptieren, etwas erreichen und an Grenzen kommen.

Andreas Scheepker, Pastor am Ulricianum und in Westerende, Barstede und Bangstede

Das Spiel wird angepfiffen, das Spiel des Lebens. Auf welcher Position sind wir?
Beate spielt immer vorne weg. Schon in der Schule war sie immer die erste. Hat sich hohe Ziele gesetzt, wollte etwas erreichen. Beate hat viel von sich selbst verlangt, hat immer alles gegeben. Und sie hat viele Erfolge erzielt in ihrem Leben. Ist sie damit auch glücklich?
Ralph spielt im Mittelfeld, mal vorn, mal hinten. Manchmal kann er sich nicht entscheiden, manchmal erwarten so viele verschiedene Menschen etwas von ihm, und er denkt, dass er dem niemals gerecht wird. Er fühlt sich oft wie ein Mittelfeldspieler, der überall sein will und ziemlich aus der Puste ist. Wie lange soll das so weitergehen?
Ute spielt lieber defensiv. Sie setzt sich kleine und klare Ziele. Haus, Familie, Garten, in der Nähe der Eltern bleiben. Sie ist zufrieden, hat alles erreicht. Alles soll so bleiben wie immer. Und sie will auch immer bleiben, wie sie ist. Wirklich? Träumst du nicht manchmal auch von einem ganz anderen Leben?
Manni steht im Tor. Schon in der Schule war er jemand, der kaum beachtet wurde, immer im Hintergrund. Aber wenn Not am Mann ist, dann ist Manni da. Dann sind alle froh, dass sie ihn haben. Und im nächsten Moment steht er wieder im Hintergrund. Möchtest du nicht auch mal vorn spielen?
Rita sitzt auf der Reservebank. Sie wartet auf die große Chance. Irgendwann wird sie den Mann treffen, für den es sich wirklich lohnt. Irgendwann wird ihr die Chance angeboten, auf die sie immer gehofft hat. Rita, wie lange willst du noch warten? Willst du nicht endlich aufstehen und mitspielen?
Kalle sitzt in der Fankurve. Früher hat er auch mal gehofft, dass er im Spiel des Lebens mit dabei ist. Aber tief in seinem Inneren glaubt er nicht, dass da etwas für ihn drin ist. So guckt er bei dem zu, was andere machen, und meckert gern ein bisschen herum. Will du wirklich dein Leben lang nur zugucken und meckern?
Was ist unsere Position im Spiel des Lebens? Haben wir schon mehrere ausgetestet? Und was hat das überhaupt mit Gott zu tun?
An Gott glauben heißt: es gibt noch mehr als den normalen Alltag. Gott nimmt uns mit auf die Spur des Lebens, wo wir unsere Lebendigkeit spüren und wo wir erfahren: das Leben ist mehr. Unser Leben hat eine tiefe Bedeutung, es hat einen Sinn. Gott spricht uns an mit seinem Wort: das sind Worte, in denen eine Kraft zum Leben steckt.
Gottes Wort ist ein Mensch, ein lebendiger Mensch: Jesus Christus – Gottes Liebe für alle Menschen. Jesus hat auch eine Mannschaft trainiert: nicht elf, sondern zwölf und mehr als zwölf. Viele mehr sind es geworden, und es kommen auch heute noch viele Menschen dazu.
Und wenn ich mir anschaue, was die Bibel von Jesus erzählt, dann denke ich: so ist das ein seltsamer Trainer. Niemand muss im Abseits stehen, niemand wird auf der Reservebank geparkt. Mit unseren gaben und Grenzen kann er uns gut gebrauchen im Spiel des Lebens.
Die Gewinner sind nicht immer die Erfolgreichen. Und die an ihre Grenzen kommen, sind keine Loser. Die den meisten Beifall bekommen, sind nicht unbedingt die, auf die es ankommt. Und die im Hintergrund sind auf einmal sehr wichtig. Da wird keiner ausgewechselt und aus dem Spiel genommen, nur weil er oder sie Fehler macht.
Christus hat sich selbst in das Scheitern und in die Niederlage begeben, damit wir nicht egoistisch werden, nur weil wir gewinnen. Und damit wir nicht den Mut verlieren, weil wir eine Niederlage erleiden.
Gott braucht uns in seiner Mannschaft: Menschen, die sich für andere stark machen; Menschen die genau hinsehen; Menschen, die ansprechen, was keiner gern hören mag. Gott flankt uns den Ball zu, und dann sind wir dran.

Andreas Scheepker, Pastor am Ulricianum und in Westerende, Barstede und Bangstede

14. Juni 2014: Sportlich, sportlich!

“Mit meinem Gott springe ich über Mauern!”

Christen sagen von alters her: Gott führt uns die Wege unseres Lebens, und stellen sich dabei gern eine gerade Allee vor, von stattlichen Bäumen gesäumt, und schier endlos.
Und am Ende der Straße liegt ein Haus am See, so wünschen wir uns die Zukunft, gradlinig, bequem. Doch nicht nur Menschen mit Familie wissen es besser, haben erlebt, wie es wirklich ist: es ist ein lebenslanges, spannendes Abenteuer, und statt gerader, geführter Wege warten kurvige Steilstrecken, Umwege und Hindernisse aller Art auf uns. Das Lebensgefühl hat sich sehr verändert, und mit ihm der Glaube. Das Vertrauen in ein unergründbar weises Geführtwerden hat sich mit der wachsenden Mobilität von immer weltläufiger reisenden und vernetzten Menschen gewandelt, sie empfinden sich sehr stark als mobile Handelnde. Dies hat Auswirkungen auf ihren Glauben, auf ihr Hoffen, und auf ihr Lieben.
Es klingt sehr modern, die neue Mobilität auch in Glaubensdingen, doch eigentümlicherweise bieten ausgerechnet die 3000 Jahre alten Worte des Psalms hier Unterstützung: “Mit meinem Gott springe ich über Mauern!”

Wolfgang Beier, Pastor in Münkeboe und Moorhusen

Die Länder der Welt rücken immer mehr zusammen – davon konnten wir uns am Wochenende überzeugen. Der Posaunenchor war auf einem Partnerschaftstreffen im Erzgebirge unterwegs, gemeinsam besuchten wir die einstmals drittgrößte Stadt Europas, und konnten fühlen und erleben, im Herzen Europas angekommen zu sein. in einer Stadt voller Kultur und Geschichte, in der die Jugend der Welt zusammen kommt. An der Prager Botschaft erinnerten wir uns, wie Menschen über Mauern kletterten und in Folge alle diese Mauer mitten durch Europa übersprangen. Und fühlten es nachklingen: “Mit meinem
Gott …” Über die Mauern, die sich in den Weg stellen, die andere Menschen uns setzen, die wir selbst fleissig mit errichten. Die wir anderen vorsetzen, mit denen wir uns schützen, unangreifbar machen. Mit denen wir aber auch angreifen, Kriege führen und andere vom Leben abschneiden.
Am Sonntag feiert der VfB Münkeboe einen sportlichen Gottesdienst am Familientag zum Abschluß der Sportwoche, auf dem grünen Rasen. 60 Jahre lang gibt es den VfB, mit dem Willen gebildet, Mauern fröhlich und gesellig zu überspringen, Gemeinschaft zu leben, und den Mauern in unseren Köpfen zu trotzen. Sportlichkeit zu leben, und in alle Bereiche unseres Lebens, unserer Kultur ausstrahlen zu lassen. Mobilität noch einmal ganz anders zu definieren.
Mal schauen, was für Auswirkungen der Sportlichkeit erkennbar sein werden, auf unser Glauben, unser Lieben, auf unsere Hoffnung.

Von Wolfgang Beier, Pastor in Münkeboe und Moorhusen

Pfingsten 7. Juni 2014: Gottes Geist weht, wo er will

Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent für den Sprengel Ostfriesland-Ems

„Was bedeutet Ihnen Pfingsten?“, so wurde ich unlängst gefragt. „Pfingsten hat mit dem Heiligen Geist zu tun, den wir nicht sehen, der aber im Glauben erfahrbar wird als Begeisterung und als Kraft“, so ähnlich habe ich geantwortet.
Anders kann ich mir die Erfahrung, die die Jüngerinnen und Jünger zum Pfingstfest vor fast 2000 Jahren in Jerusalem machten, nicht erklären. Gottes Geist machte aus verzagten und verzweifelten Menschen frohe und beherzte Leute, die anderen von Jesus Christus erzählten und so zum Glauben eingeladen haben. „Gottes Geist weht, wo er will“, so sagte es Jesus einmal. Wir haben Gottes Geist als Menschen nicht einfach zur Verfügung. Es ist Gottes freier Geist, der sich den Menschen in Liebe zuwendet und sie mit Kraft und Zuversicht, mit Hoffnung und Freude, aber auch mit Wahrhaftigkeit ausfüllt.
Manchmal sagen wir zu Menschen: „Wo nimmst du eigentlich die ganze Kraft her?“ Im Glauben könnte die Antwort lauten, dass Gott die Kraft gibt. Wenn in der Bibel von Gottes Geist die Rede ist, dann bedeutet das immer auch Lebendigkeit, Dynamik und Kraft im Sinne von Power. Allerdings wirkt Gottes Geist bei den Menschen nie zerstörend, sondern immer friedlich, ermutigend, befreiend. Manchmal aber auch dabei irritierend, unerwartet, ekstatisch.
Von Anfang an hat die christliche Gemeinde um die Unverfügbarkeit des Heiligen Geistes gewusst und darum immer wieder zu Gott gebetet: „Veni creator spiritus“ – „Komm, Schöpfer Geist“.
Eine Kirche, die im Glauben an Christus lebendig bleiben will, wird mit diesem Gebet nicht nachlassen. Sie wird darum bitten und daran glauben, das Gottes Geist die Kirche erneuert, verändert, von Verkrustungen befreit und Neuanfänge schafft, wo menschliche Kraft es nicht mehr für möglich gehalten hat. Das meint nicht nur die eigene Kirche, denn Gottes Geist lässt sich nicht einsperren in evangelische oder katholische Käfige unseres Denkens. Gottes Geist weht, wo er will, und erinnert uns daran, dass Gott in unserer Welt handelt, um Trennungen zu überwinden, zu heilen, und uns mit Gott und miteinander zu versöhnen.
Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern ein frohes Pfingstfest!

Von Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent für den Sprengel Ostfriesland-Ems

Himmelfahrt 29. Mai 2014: Brückentag

Jürgen Hoogstraat, Pastor in Victorbur

Er hat Karriere gemacht in den vergangenen Jahren: der Brückentag! Heute ist es für viele ein ganz besonderer Tag, der eine kleinere oder größere Ansammlung von freien Tagen beschert. Es gibt Experten in der Urlaubsplanung, die schon weit im Voraus Ausschau halten, um Brückentage auszuspähen und dann eine möglichst geschickte Urlaubsplanung für die Familie in Gang zu setzen. Der Freitag dieser Woche ist seit Jahren einer der beliebtesten Brückentage, an vielen Orten ruht die Arbeit praktisch ganz.
Und wem verdanken wir diesen freundlichen Freitag? Dem altbewährten Feiertag „Christi Himmelfahrt“, der es in unseren Breiten immer schwer hat, sich zu behaupten. Während andere christliche Feiertage – denken wir an Ostern oder erst recht an Weihnachten – relativ gut präsent sind und ihr Thema in aller Munde, hat es der Himmelfahrtstag etwas schwerer. Wir freuen uns an den großen Himmelfahrtstreffen der Gemeinden in Ostfriesland, die an verschiedenen Orten viele Menschen zusammenbringen, aber es gibt auch andere Anlässe am selben Tag, die die leise Botschaft von „Christi Himmelfahrt“ manches Mal übertönen könnten.
Aber es lohnt sich genau hinzuhören: Am Himmelfahrtstag verabschiedet sich Jesus Christus nicht etwa auf Nimmerwiedersehen von der Erde, sondern „Christi Himmelfahrt“ ist der Brückentag schlecht hin. Auf der einen Seite will er uns zeigen: Jesus Christus ist wirklich der Sohn unseres allmächtigen himmlischen Vaters, er sitzt zur Rechten des Vaters, wie wir es in jedem Gottesdienst bekennen. Aber auf der anderen Seite will er uns zeigen: In ihm ist auch wirklich für immer von Gott die Brücke geschlagen – zu uns, die wir auf der Erde leben. Es heißt eben nicht: Gott ist im Himmel – und du, Mensch, bist auf Erden. Die Verbindung ist leider unterbrochen! Sondern: Gott selbst wollte diesen ganz besonderen Brückentag, der für die unverbrüchliche Verbindung zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und den Menschen steht. Und das muss gefeiert werden. Du bist dem Schöpfer des Himmels und der Erden nicht einerlei. Gott weiß, wie es um uns steht, Gott weiß, wie es uns geht. In Jesus Christus hat er ein für alle Mal die Brücke geschlagen, weil er nicht ohne uns sein möchte. Der christliche Brückentag schlechthin morgen will nichts anderes, als uns noch einmal zu vergewissern: Himmel und Erde gehören zusammen! Gott liebt diese Erde und die Menschen, die auf ihr leben. Dafür hat er seinen Sohn Jesus Christus gegeben, dafür ist sein Sohn Jesus Christus am Kreuz gestorben. Dafür ist er am dritten Tage auferstanden und zu seinem Vater gegangen – das lasst uns am christlichen Brückentag schlechthin morgen miteinander feiern.
Die Wetterprognosen sind in diesem Jahr nicht allzu berauschend, aber machen wir das Beste daraus: Vielleicht bekommen wir zwischen Regen und Sonnenschein so noch einmal Gottes großes Brückenzeichen am Himmel zu sehen, von dem die Bibel uns erzählt: „Meinen Bogen habe ich in die Wolken gesetzt, der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde. (1. Mose 9,13).“ Lasst den christlichen Brückentag unter euch Karriere machen: Es lohnt sich jederzeit, Ausschau zu halten nach den Zeichen von Gottes Bund mit dieser Erde. Treffen wir uns morgen dabei im Gottesdienst? Herzlich willkommen!

Jürgen Hoogstraat, Pastor in Victorbur

24. Mai 2014: Gott hat seine Wahl getroffen

Anika Langer, Pastorin in Engerhafe

Sie haben morgen die Wahl! In vielen Kommunen dürfen Sie darüber entscheiden, wer Bürgermeister werden soll. Und wir alle sind aufgerufen, über die Zusammensetzung des neuen Europaparlaments abzustimmen. Ihre Stimme entscheidet mit. Nutzen Sie sie. Sie haben die Wahl! Aber wenn man es genau nimmt, dann ist jeden Sonntag Wahl-Tag: „Geh ich heute zum Gottesdienst oder nicht?“ Sie haben die Wahl!
Der Sonntag, den wir morgen feiern, trägt den Namen „Rogate“, zu Deutsch: „Betet!“. Eine einfache Aufforderung: Betet! Bringt diese Aufforderung etwas in Ihnen zum Klingen? Wann haben Sie zum letzten Mal gebetet? Können Sie sich daran erinnern?
„Not lehrt beten“ – weiß ein altes Sprichwort zu sagen. Aber es muss ja nicht immer erst so weit kommen. Beten kann man üben, um für den Ernstfall gewappnet zu sein.
Jesus Christus, der selbst oft gebetet hat, verspricht uns in seiner Bergpredigt: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. (Matthäus 7,7+8)
Was für eine Verheißung. Wir können uns Gott anvertrauen mit allen, was uns bewegt. Er kennt unsere Not, unsere Sorgen, unsere Ängste, aber auch das Schöne und Fröhliche in unserem Leben. Mit all dem dürfen wir im Gebet zu Gott kommen. Egal wann, egal wo, egal wie oft. Wir dürfen ihm unseren Dank und unsere Bitten antragen – er hat ein offenes Ohr. Das verheißt uns Jesus Christus in der Bergpredigt.
Sonntag ist Wahl-Tag. Treffen Sie ihre Wahl.
Einer hat schon längst gewählt: Gott hat seine Wahl getroffen: für uns, für dich und für mich. Da bleibt nur die Frage, die nach jeder Wahl gestellt wird: Nehmen Sie die Wahl an?

Von Anika Langer, Pastorin in Engerhafe

18. Mai 2014: Singt ein neues Lied – nicht nur in Europa

Pastorin Dr. Hannegreth Grundmann, Pressesprecherin des Sprengels Ostfriesland-Ems

Jedes Jahr sucht Europa ein neues Lied. Für manche ist es spannend, diesen langen Samstagabend im Jahr zu verfolgen und bei der Punkteverteilung mitzufiebern, am besten mit Crackern und Käseigel. In Ostfriesland hatten wir diesmal sogar einen besonderen Grund, bei dem 59. Eurovision Song Contest in Kopenhagen in irgendeiner Form dabei zu sein, am Fernseher, im Internet, in Kopenhagen selbst oder am Denkmalsplatz in Leer beim Public Viewing. Natalie Plöger aus Leer hat Deutschland mit ihrem Trio „Elaiza“ vertreten und immerhin Platz 18 von 26 Plätzen erreicht, drei Plätze besser als im vorigen Jahr.
Für manch andere aber ist es schon wieder langweilig: Jedes Jahr dasselbe, schon wieder dieser Gesangswettbewerb, jedes Jahr die gleiche Leier. Sie lesen im Höchstfall am Montag in der Zeitung, wer gewonnen hat.
Und dennoch ist es schon etwas Besonderes, dass so viele Menschen an diesem europaweiten musikalischen Event teilnehmen, aus mittlerweile 26 Ländern, die geographisch zu Europa zählen, auch wenn die politische Welt ganz anders aussieht.
An diesem Wochenende geht es am Sonntag „Kantate“ auch um ein „neues Lied“, nur hier meint „neu“ etwas anderes. In dem Psalm, der diesem Sonntag, den Namen gegeben hat, heißt es, „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“ (Psalm 98, 1) Ein neues Lied! Ein einzigartiges Lied! Verkündet die Taten unseres Gottes!
In der Zeit nach Ostern fordert mich dieser Psalm auf, von Gottes wunderbaren Taten in musikalischer Weise zu erzählen. Er fordert mich auf, ein Lied von seinem Sieg über den Tod anzustimmen: Fröhlich und begeistert von der Auferstehung Jesu singen und davon, was er in meinem Leben Wunderbares getan hat, wenn ich an mir selbst seine lebenspendende Kraft und seine Treue erfahren habe. Dies werden wir am Sonntag mit vielen Lobliedern im Gottesdienst laut und fröhlich tun. Doch der Psalm fordert viel mehr:
Nicht nur Europa, sondern die ganze Welt soll von Gottes wunderbaren Taten singen! Begleitet von Harfen, Saiteninstrumenten, Trompeten und Posaunen! Und nicht nur alle Menschen sollen dies tun, sondern der ganze Erdkreis und die darauf wohnen! Auch das Meer, die Flüsse und Berge stimmen als seine Schöpfung in den Lobpreis des Schöpfers ein. Die Flüsse klatschen in die Hände und die Berge sind fröhlich, heißt es in dem Psalm! Was für ein fröhliches Bild, ein Jubel, der nicht mehr zu steigern ist.
Alle stimmen ein neues Lied an gegen Sünde und Tod und preisen den Schöpfer und Erhalter allen Lebens – nicht nur in Europa!

Pastorin Dr. Hannegreth Grundmann, Pressesprecherin des Sprengels Ostfriesland-Ems

11. Mai 2014: Turnschuhe oder Pumps?

Christiane Schuster-Scholz, Pastorin in Holtrop

In jedem Jahr bricht sie erneut auf, die Frage nach den Schuhen. „Ich lasse mich in meinen Nikes konfirmieren!“ Thorsten verschränkt trotzig seine Arme. Ganz anders sehen das einige der Mädchen. Für sie ist die Kleiderfrage zur Konfirmation die Chance, „endlich aus den Babyschuhen rauszukommen“. Damenschuhe sind angesagt, je höher, je lieber.
Ich muss gestehen, ich staune jedes Jahr wieder.
Auf Fotos von der KuFi-Kid-Zeit am Anfang sehe ich einen bunten, quirligen Haufen. Kindergesichter. Nun stehe ich jungen Menschen gegenüber, die ihren Weg suchen. Sie sind die gleichen geblieben und doch hat sich eine Menge getan.
In der Konfirmation sagen sie „Ja“. Manche ganz bewusst, manche auch noch, weil alle das so machen. Und doch sagen sie es jeder und jede für sich. „Ja“ zu dem, was andere oder auch sie selbst mit der Taufe angefangen haben.
Der Weg ist damit nicht zu Ende. Erwachsenwerden heißt, selbstständig werden. Haben vorher andere den Weg bestimmt und Entscheidungen getroffen, so liegt das nun mehr und mehr in ihrer Hand. Erwachsenwerden heißt so für mich auch Loslassen. Es sind nicht mehr die anderen, die einen an die Hand nehmen. Die jungen Erwachsenen treffen ihre Entscheidungen zunehmend selbst und übernehmen Verantwortung.
Es wird spannend sein, wie die neue Selbstständigkeit auf je ganz eigene Weise trägt. Was gibt Halt? Wie viel Halt finden sie in sich selbst? Wo suchen die jungen Leute Halt?
Ich denke, Gottes „Ja“ für sich selbst zu hören, hilft, erwachsen zu werden.
Das „Ja“, das sie sagen, antwortet auf ein „Ja“, das Gott längst zu ihnen gesagt hat. Ganz egal, was andere über sie meinen. Das ist ein ganz wichtiger Zuspruch in ihrem Leben, den ihnen keiner nehmen kann.
Das „Ja“ Gottes anzunehmen, bedeutet für mich, dass ich lerne, mich selbst mit all meinen Grenzen als wertvolles Geschöpf Gottes anzunehmen. Unabhängig davon, was Schule oder Arbeitsmarkt mir vermitteln. Das kann Halt geben. Halt, auch wenn sie Schweres zu bestehen haben. Das kann einen sicheren Stand verleihen. Ihren Weg werden sie gehen. Ihre Schuhe werden sie selbst wählen. Und ich bin ganz sicher: Gott wird sie begleiten, so wie es ein beliebter Konfirmationsspruch in Worte fasst: „…Gott führt mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, so fürchte ich kein Unglück, denn du, Gott, bist bei mir…“ (aus Psalm 23)

Von Christiane Schuster-Scholz, Pastorin in Holtrop

aus mein Herz und suche Freud

Ulrich Menzel, Schulpastor an der IGS Aurich-West

„Der Mai ist gekommen“ – in Aurich ist Geranienmarkt – „geh aus mein Herz und suche Freud“, alles will nach draußen ins Grüne, in den Garten.
Warum eigentlich? Was macht den Garten zu einem solchen Lieblingsort vieler Menschen? – Vielleicht ist es dies: Meinen Garten kann ich selbst gestalten, säen, pflanzen, beschneiden, Wege anlegen – ja, eine eigene kleine Welt erschaffen. 
Andererseits erlebe ich im Garten aber auch die Grenzen meines Tuns. Für vieles kann ich die Voraussetzungen schaffen, dann aber muss ich abwarten: Werden die Sträucher anwachsen, wird die Saat aufgehen, wie wird im Sommer oder Herbst die Ernte ausfallen?
„Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land – doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand“.
Ich spüre die Kräfte der Natur unmittelbarer als im Haus: Ich kann mir die Sonne ins Gesicht scheinen und den Wind um die Nase wehen lassen.
Auch die Bibel berichtet ganz am Anfang von einem Garten: Gott setzt den Menschen in den „Garten Eden“ und gibt ihm den Auftrag, diesen Garten zu bebauen und zu bewahren. Der Mensch soll Gottes Schöpfung mitgestalten. Der Garten wird also geradezu zum Sinnbild für das Zusammenwirken von Gott und Mensch. Und das keineswegs ohne Konflikte: Im Garten ertappt Gott die Menschen, wie sie von den verbotenen Früchten essen; im Garten Gethsemane ringt Jesus vor seinem Tod im Gebet mit Gott.
Wie gut wäre es, wenn wir die ganze Erde, die Welt und alles Leben darin als riesigen Garten ansehen könnten, den wir gemeinsam mit Gott bebauen und bewahren und zu einem schönen und lebenswerten Ort machen: zu einem Ort, an dem wir einander und Gott begegnen!

Ulrich Menzel, Schulpastor an der IGS Aurich-West

26. April 2014: Eine aus dem Nichts schaffende Macht

Peter Schröder-Ellies, Pastor in Aurich

Eine Woche ist vergangen, seit wir die Ostergeschichten gehört haben: Jesus wurde nach seinem Tod von seinen Jüngerinnen und Jüngern gesehen. Nicht in Träumen erschien Jesus. Sie erlebten ihn bei hellwachem Bewusstsein. Eine seltsame Erfahrung. Unsicher tasten sie nach einer Deutung: Was ist da geschehen? Nach und nach erhalten sie die Gewissheit: Jesus lebt. Jesus hat den Tod überwunden. In ihren Visionen stieß die Jüngerschar an eine Grenze, an die Grenze von Tod und Leben. Dort leuchtet Gottes Geheimnis auf: Wo nichts ist, da schafft Gottes Macht Neues. Eine Woche ist vergangen, seit wir Ostern gefeiert haben. Aber wir brauchen mehr als eine Woche, um zu begreifen, was da geschehen ist – und was das für uns bedeutet: Eine aus dem Nichts schaffende Macht ist in unser Leben getreten. Mir hilft, was eine Frau schreibt, die übergroßes Leid durchlitten hat: „Gott ist stärker als alles Leid dieser Welt und kann es trotzdem nicht verhindern. Das verstehe, wer will und kann. Ich verstehe es nicht. Aber es ist das, was ich erlebe. Gott hat die Macht, aus der vollen Wucht meines Schmerzes etwas Neues entstehen zu lassen. Gott umschließt meine Wunden mit ihrer gewaltigen Liebe. Manche dieser Wunden heilen durch Gottes Berührung – nicht alle.“ So erzählt Carola Moosbach von Gott, von der Macht, die aus Nichts etwas schaffen kann. Das ist ihre Ostererfahrung. Am Ende betet sie: „Gott, du verborgene Weberin, mit zärtlichem Atem webst Du mir Heilfäden in die Seele. Gott, du Allbarmherzige, aus deiner Liebe schöpfe ich neue Würde und Kraft.“

Von Pastor Peter Schröder-Ellies, Aurich

19. April 2014: Freude über das Leben

Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent in Emden

Für mich gehören die Osterglocken zu Ostern dazu. Jene Frühlingsboten in den Gärten mit ihren leuchtend gelben Glockenkelchen und dem herrlichen Duft von Frühling und Sonne. Schön, dass die Narzissen, wie die Osterglocken ja eigentlich heißen, eigentlich immer um Ostern blühen und darum diesen schönen Namen erhalten haben. Als ob sie auf ihre Weise mit ihren zarten Kelchen zu Ostern läuten.
Manchmal sehe ich sie auch auf Gräbern blühen und sie sind mir da immer ganz besonders ein Hinweis auf Ostern und damit auf die Auferstehung!
Es ist schön, dass wir zu Ostern so ganz unterschiedliche Zeichen haben, die doch alle Hinweis auf das eine sind. Ostereier, Osterhasen, Ostergras und auch Osterglocken sind Symbole für den Frühling und das nach dem Winter neu aufbrechende Leben! Genau das feiern wir ja auch an Ostern. Den Beginn des neuen Lebens. Das Wiedererwachen der Natur, die eigene Erfahrung im Frühling als Lust auf das Leben, die hat mit dem zu tun, was wir Ostern als Christen feiern. Die zentrale Botschaft von Ostern lautet: Das Leben ist stärker als der Tod, denn Christus ist von den Toten auferstanden.
Jede kleine Osterglocke kann zeigen, Leben bricht aus der harten Erde hervor. Die Sehnsucht nach Neuanfängen, nach Unerwartetem, nach Auferstehung wird Ostern bewusst. Manchmal erleben wir schon mitten im Leben, dass da Neues beginnt und Lebendigkeit und Liebe sich plötzlich durchsetzen, wo wir sonst Starre und Kälte erfahren haben.
Ostern werden wir zu der Hoffnung aufgerufen, die uns gegen den Tod aufstehen lässt. Sich nicht damit abzufinden, dass so vieles dem Leben zu schaffen macht an Not, Krankheit und Ungerechtigkeit und – wer wüsste das nicht – auch an Tod. Ostern will uns zu dem Glauben ermutigen, der Gott zutraut, uns immer neu ins Leben zu rufen, hier schon und auch noch aus dem Tod. Um weniger geht es bei Ostern nicht!
Osterglocken läuten! Lassen wir uns dadurch aufwecken zur Freude über das Leben. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern ein fröhliches und gesegnetes Osterfest!

Von Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent im Sprengel Ostfriesland-Ems

17. April 2014: Ausatmen, Atem anhalten, Um-geatmet

Jürgen Klein, Pastor in Moordorf

Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwertetste, voller Krankheit und Schmerzen. (Jes. 53,2-3)
Der Karfreitag führt ein eigenartiges Inseldasein in einer ringsum bewegten See voller Unterhaltung, Chillen und Vergnügen.
Hinzu kommt das Aufblühen der Natur. Längst schon sind die Gärten und Häuser mit Osterartikeln dekoriert, Frühlingsfeste werden gefeiert. Viele sehnen sich Ostern herbei. Passion und der dunkle Karfreitag wirken un-trendig und unwirklich. Das Gesetz schützt diesen Tag (noch). Er verursacht ein Innehalten. Viele schaffen es nicht, sich überhaupt darauf einzulassen.
Am Karfreitag richtet sich der Blick auf das, was der oben beschriebenen, bewegten See entgegensteht: Das Kreuz, jemand, der entsetzlich leidet und stirbt. So ist Gottes Sohn, Jesus Christus, aber auch „Ecce Homo“ im Lateinischen: So ist der Mensch!
Der Blick aufs Kreuz richtet sich auf alle Leidenden, Verelendenden, Sterbenden, auf Verstoßene und Flüchtlinge. Sie sind ganz in unserer Nachbarschaft, aber auch die fernen Nächsten sind gemeint. Der Blick richtet sich auf das Hässliche, Unansehnliche und Verzweifelte unseres Daseins, das die oben beschriebene Unterhaltungskultur zu verdrängen sucht. Aber am Ende, so lautet die christliche Botschaft, zwischen Karfreitag und Ostersonntag, am Tiefpunkt, besiegt und befreit Gott das Elend des Menschen.
In diesem Boden erstirbt das Weizenkorn und Gottes unvorstellbare Kraft schafft neues Leben daraus. Im Weizenkorn aber hat alles Leid der Menschen Raum. Dann wird im Sterben das Ausatmende von Gottes Seite her um-geatmet. Aber noch gibt es kein Aufatmen bis Ostersonntag. Bis dahin gilt es, einmal die Luft anzuhalten, das auszuhalten, was der Dichter Paul Celan schrieb:

Stehen im Schatten
des Wundenmals in der
Luft.
Für-niemand-und-nichts-
stehn.
Unerkannt,
für dich
allein.
Mit allem, was darin Raum
hat,
auch ohne
Sprache.

Von Jürgen Klein, Pastor in Moordorf

12. April 2014: Palmen ganz anders

Bernd Battefeld, Pastor in Strackholt

Palmen – da denken viele an Urlaub. Sandstrand und blaues Meer, ein Traum, dort einmal Ferien zu machen!
Morgen ist Palmsonntag. Palmen ganz anders, verbunden mit der Leidensgeschichte Jesu. Die Menschen in Jerusalem begrüßten Jesus wie einen König, sie streuten Palmzweige, groß waren die Erwartungen an ihn.
Der Wochenspruch stimmt uns auf den Beginn der Karwoche ein: „Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“ (Johannesevangelium. 3,14b und 15)
Erhöht? Jesus spricht von seinem Weg zum Kreuz von Golgatha, aber wo ist da Höhe? Viel eher sehen wir Erniedrigung statt Erhöhung. Bestenfalls werden Sie an den geografischen Aufstieg nach Jerusalem denken, der Stadt oben im judäischen Bergland. Wenn wir nach „oben“ streben, dann stellen wir uns unseren Weg in die Höhe ganz anders vor, jedenfalls nicht ans Kreuz wie Jesus, sondern nach ganz oben in der Hackordnung des Lebens. Der Evangelist Johannes überliefert uns den Wochenspruch in einer doppelten Bedeutung: Zum einen: Jesus wird ans Kreuz erhöht im buchstäblichen Sinn, ans Kreuz gehoben, um zu sterben. Zum anderen gehört das zu seinem Weg nach oben, wieder hin zum Vater zu kommen, erhöht in den Himmel. Er wird schon als ein König mit Palmzweigen empfangen auf dem Weg zum Karfreitag. Jesus spricht vom ewigen Leben, denn er hat alles durchdrungen, auch den Tod.
In diesem Geschehen geschieht uns Heil. So ist der Palmzweig auf vielen Todesanzeigen ja ein Siegeszeichen, Erinnerung an Jesu Einzug in Jerusalem, Erinnerung daran, dass „..alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben!“

Von Bernd Battefeld, Pastor in Strackholt

5. April 2014: Das zerrissene Bild

Karsten Beekmann, Pastor in Walle

Fragend schaut die Gruppe mich an, als ich einen Zettel nehme, das Gesicht eines (eingeweihten) Konfirmanden darauf zeichne, seinen Namen darunterschreibe und ihn frage: Bist du das, Paul? Leicht schmunzelnd schaut Paul seine Gruppe an, bis er sagt: „Ja, so in etwa.“ „Aber, ist das nicht nur ein selbst gezeichnetes Bild von Paul“, frage ich. „Irgendwie schon“, antwortet eine Konfirmandin. „Dann ist ja gut“, sage ich und beginne daraufhin in aller Seelenruhe, das selbst gezeichnete Bild zu zerreißen. Großes Gelächter – am lautesten von Paul selbst – macht sich breit, zumal mein Bild von ihm künstlerisch gesehen nicht das Beste war.

„Oh, das tut mir aber leid“, sage ich und füge hinzu: „Gut, dass es nur ein Bild von Dir war – und nicht du selbst.“ Die Gruppe hat längst verstanden: Jedes (noch so schlecht gezeichnete) Bild eines Menschen steht für die Person, die sich dahinter verbirgt. Doch nicht nur das: Jedes zerrissene Bild ist auch ein Zeichen für ein zerrissenes Herz. Daran werden wir bei jedem offen ausgetragenen Konflikt erinnert – und dies wird uns bei jedem Abendmahl, das in diesen Wochen vor Ostern in jeder christlichen Gemeinde auf besondere Art und Weise gefeiert wird, bewusst.

Bei dieser Feier erinnern wir uns daran, wie Jesus in der Nacht, als er von Judas verraten wurde, die Zerrissenheit seines Lebens in Worte fast: „Das ist mein Leib, der für Euch gegeben wird. Und: Das ist mein Blut, das für Euch vergossen wird – zur Vergebung der Sünden.“ Das bedeutet: Sobald wir Brot und Wein miteinander teilen, wird uns bildlich bewusst, wie Jesus selbst sich am Kreuz für unsere sorgenvollen Gedanken, aber auch für unsere Schuld hat zerreißen lassen.
Er hat sein Leben für das geopfert, was sich wie ein tiefer Riss durch unser sorgenvolles und schuldgeprägtes Leben zieht. Und das nur, damit unser zerrissenes Lebensbild wieder zu einem Ganzen zusammengefügt und die Trennung zwischen uns und Gott überwunden werden kann.

Zugegeben: Eine solche „Wandlung“ von Brot zum Leib und vom Wein zum Blut von Jesus bleibt ein Geheimnis, das wir aus unserem Verstand heraus nicht fassen können. Aber das eigentliche Wunder, das uns in jeder Abendmahlsfeier begegnet, wird mit diesem Bild deutlich: Durch die schmerzhafte Trennung und Zerrissenheit des Mannes am Kreuz entsteht etwas untrennbar Neues, dass uns – wie unsere Konfirmanden in diesen Apriltagen mit bleibender Freude erfüllt. Oder mit anderen Worten:

„Nichts kann uns trennen von Gottes Liebe, die uns in Jesus Christus begegnet“ – Römer 8,38 u. 39. Und das ist nicht nur bildlich gemeint, sondern gilt in Brot und Wein zu jeder Zeit spürbar und nah.

Von Karsten Beekmann, Pastor in Walle

29. März 2014: Denkhilfen statt Anleitungen

Hermann Reimer, Pastor in Spetzerfehn

Endlich – das neue Handy liegt in meiner Hand! Mein Zugang zur Datenwelt. Wie gut, dass es sozusagen eine eingebaute Bedienungsanleitung hat, damit ich schnell mit den vielfältigen Möglichkeiten des Gerätes vertraut werde. Manchmal wünsche ich mir solche Anleitungen auch fürs praktische Leben. Damit ich besser zurechtkomme im Umgang mit anderen Menschen. Damit andere auch spüren, dass ich von meinem Glauben nicht nur rede, sondern auch danach handle. Aber das gibt es nicht! Jedenfalls nicht so, dass wir eine „Bedienungsanleitung“ bekommen, die wir Punkt für Punkt abarbeiten müssen und dann kommt ein glaubwürdiges Leben dabei heraus. So einfach ist es nicht. Aber es gibt schon gute „Denkhilfen“, die uns auf die richtige Spur bringen. Eine davon ist diese:
Habt im Umgang miteinander stets vor Augen, was für einen Maßstab Jesus Christus gesetzt hat: Er war in allem Gott gleich, und doch hielt er nicht gierig daran fest, so wie Gott zu sein. Er gab alle seine Vorrechte auf und wurde einem Sklaven gleich. Er wurde ein Mensch in dieser Welt und teilte das Leben der Menschen. Im Gehorsam gegen Gott erniedrigte er sich so tief, dass er sogar den Tod auf sich nahm, ja, den Verbrechertod am Kreuz.“ (Aus Philipper 2)
Eine Sache wird hier angesprochen, die uns in mancher alltäglichen Situation eine Hilfe sein könnte, nach der wir uns richten können: Nicht festhalten an dem, was einem zusteht.
Von Jesus wird gesagt, „er war in allem Gott gleich“. Also: Er ist der Herr der Welt. Der König aller Könige! Sein Platz ist an der Seite Gottes. Aber Jesus hat auf das verzichtet, was ihm zustand! Er hat diesen Platz an der Seite Gottes, diesen Platz im Himmel eingetauscht mit einem Leben auf der Erde. Als Mensch unter Menschen. Und er hat alles am eigenen Leib kennengelernt, was Menschen erleben und durchmachen in ihrem Leben: von großer Freude bis hin zur tiefen Enttäuschung und schmerzhaftem Leiden. Die Passionszeit erinnert uns daran. Jesus hätte es so gut haben können – hätte er auf seinem Recht bestanden! Aber er konnte das, was ihm zustand, aufgeben aus Liebe zu anderen. Wie ist das eigentlich mit uns? Müssen wir eigentlich immer unbedingt an dem festhalten, was uns vielleicht mit gutem Recht zusteht? Ich erlebe es immer wieder, dass Unfrieden durch Kleinigkeiten entsteht: da haben „alle andern“ aus der Familie einen Trauerbrief bekommen – „nur ich nicht!“ Darüber ist man nun böse! Oder: Da ist einem jemand mit dem Rad entgegen gekommen und hat nicht einmal „Moin!“ gesagt. Unerhört! Eigentlich sind es oft Kleinigkeiten, die zum Anlass werden für heftigen Streit. Ich glaube, Jesus würde uns in solchen Situationen mit großen Augen anschauen und fragen: Ist es denn wirklich so schlimm für dich, dass du aus Versehen keinen Trauerbrief bekommen hast? Überleg doch mal, wie hektisch es oft zugeht, wenn jemand stirbt. Da kann man schon mal einen Fehler machen. Und ist es wirklich so schlimm, dass das „Moin!“ ausblieb? Vielleicht war der andere in Gedanken und hat dich gar nicht richtig wahrgenommen. Schau mich an, sagt Jesus, auf was ich alles verzichtet habe für dich. Willst du deinem Herzen jetzt nicht einen Ruck geben und diese Sache vergessen?
Wir merken das schnell, wenn jemand uns gegenüber einen Fehler macht. Und natürlich ist das nicht schön. Aber sich und anderen davon das Leben schwer machen lassen – das bringt’s doch auch nicht! Vielleicht werden wir beim nächsten Mal, wenn es uns so geht, daran erinnert: Jesus hat die Größe gehabt, auf das zu verzichten, was ihm zustand! Am Ende ist er dadurch nicht schlecht dabei weggekommen! Gott hat „ihm den Rang und Namen verliehen, der ihn hoch über alle stellt“, so steht es auch im Brief an die Philipper. Und so wird Jesus schon dafür sorgen, dass wir auch nicht zu kurz kommen – auch wenn wir darauf verzichten, jemand anders etwas nachzutragen. Ich wünsche uns gute Erfahrungen damit!

Von Hermann Reimer, Pastor in Spetzerfehn

22. März 2014: Nach vorn blicken

„Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ (Lukas 9,62)

John Förster, Pastor in Riepe und Ochtelbur

Zugegeben: Es tut gut, nach einer geleisteten Arbeit einmal zurückzuschauen auf das Erreichte und zufrieden sagen zu können: „Der Einsatz hat sich gelohnt.“ Genauso ging es mir, als wir mit fünf Männern aus unserer Gemeinde Riepe vor einigen Wochen unseren früheren Dienstort an der südafrikanischen ‚Gardenroute‘ besuchten und an einem Gottesdienst unserer farbigen, lutherischen Gemeinde teilnahmen. Als wir 2004 unsere Arbeit dort begannen, feierten wir die Gottesdienste in einem heruntergekommenen Klassenzimmer, das für unsere wachsende Gemeinde schnell zu klein wurde. Sechse Jahre später konnten wir zu Weihnachten dank der tatkräftigen Mithilfe vieler Gemeindemitglieder und großzügiger Spenden aus Deutschland in unserer eigenen, neugebauten Kirche unseren ersten Gottesdienst feiern.
Nun – nach zwei Jahren – nach Südafrika zurückzukehren und mitzuerleben, dass diese schöne Kirche von farbigen und weißen lutherischen Südafrikanern mit Musik und Leben reich gefüllt wurde, hat uns alle bewegt, dankbar und …. Ja, auch ein wenig stolz gemacht: Hier durften wir Gott zur Ehre und den Menschen zum Segen mitwirken!
Vielleicht meint Jesus mit seinen radikalen, fordernden Worten aber etwas anderes, als einen Verzicht auf einen zufriedenen Rückblick auf etwas, was wir einmal geleistet haben? Denn, wenn wir ihm nachfolgen, dann sind wir auf eine abenteuerliche Wanderung auf Lebenszeit gerufen, auf der mehr Veränderung, Loslassen und Abschiednehmen wartet als Konstanten, gerade Wegstrecken und Festhalten an Vertrautem. Mit Jesus auf dem Weg zu sein bedeutet in Bewegung zu sein: geistig und körperlich. Das können wir aber nicht, indem wir ständig zurückblicken auf den hinter uns liegenden Weg. Ebenso wenig können wir beim Autofahren nur durch den Rückspiegel blicken und hoffen, heile vorwärts zu kommen. So ist auch in unseren Kirchengemeinden ein ausgewogenes Zusammenspiel zwischen einer Vorausschau und einem überprüfenden und sich vergewissernden Rückblick nötig…
Die Passionswoche lädt uns ein, im vertrauensvollen Schauen nach vorne unsere Augen konzentriert auf IHN zu richten, der unseren Weg nicht nur bereits begleitet hat, sondern uns unseren Weg vor uns bereitet und uns dort, wo das Gehen schwer wird, an die Hand nimmt und uns führen will.

John Förster, Pastor in Riepe und Ochtelbur

15. März 2014: Wort halten

„Wort halten“ – dieser Satz begegnet mir in diesen Tagen immer wieder. Kein Wunder, denn er war ja auch das Motto des Jubiläumsjahres vom Kloster Loccum – meiner Ausbildungsstätte in der Nähe von Hannover. Jeden Tag lese ich jetzt grade während meiner Examensarbeit den Satz auf einer Steinsäule. Diese Säule steht direkt vor der Kindertagesstätte, in die ich meine Tochter morgens bringe. In Stein gemeißelt steht er da, stehen da die beiden Worte: „Wort halten“. In Stein gemeißelt – vielleicht halten sie für eine Ewigkeit.

Benjamin Jäckel, Vikar in Spetzerfehn

Diese beiden Worte sind für unser aller Leben von unglaublicher Bedeutung. Das eigene „Wort halten“ – unser ganzes Zusammenleben gründet sich doch auf dem Vertrauen, dass unsere Mitmenschen sich doch an ihre Worte halten werden. Das betrifft Freunde ebenso wie Arbeitskollegen, Eltern und ihre Kinder ebenso wie Nachbarn. Überall geschieht es: Ein Mensch verlässt sich darauf, dass der andere sein Wort halten wird.
Aber zu unseren Erfahrungen gehört natürlich auch, dass dieses Vertrauen nicht immer erfüllt wird. Abmachungen werden gebrochen, Vertrauen wird enttäuscht – Worte werden eben nicht gehalten. Von der Familie bis in die Politik, vom Nachbarn bis zum Sportfunktionär – wie wir grade in diesen Tagen deutlich erleben. Das eigene Wort scheint wohl doch nicht immer bindend zu sein.
„Wort halten“ – als Motto für das Klosterjubiläum mögen diese Worte auch Mahnung sein in einer Zeit, in der die Verlässlichkeit scheinbar immer mehr schwindet. Ob das am Ende stimmt? Ist die Verlässlichkeit wirklich weniger geworden? Ich weiß es nicht. Vielleicht ja, vielleicht aber auch nicht. Schaden kann es so oder so nicht, sich immer wieder selbst an die eigenen Worte zu erinnern.
„Wort halten“ hat aber auch eine Dimension, die über uns hinausweist und uns doch ganz direkt betrifft. Denn sein Wort zu halten, dass verspricht uns auch Gott. Und zwar sein Versprechen, das in dem Spruch für die kommende Woche zu uns kommt: „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ (Römer 5,8)
Er hat uns versprochen, dass seit Jesus eben der Tod nicht das endgültige Ende ist. Sondern unser Leben geht bei Gott weiter – die Botschaft des Evangeliums. Das ist Gottes Liebe zu uns. Darauf können wir vertrauen und zwar ganz. Denn Gott wird ganz sicher sein „Wort halten“!

Benjamin Jäckel, Vikar in Spetzerfehn

8. März 2014: Was (wer) bleibt

Pastorenehepaar Hoogstraat

Immer wieder werden die Ergebnisse mit Spannung erwartet: Wenn wir in unserer Gemeinde so langsam auf die Konfirmation zugehen, haben unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden Gelegenheit, sich selbst einen Konfirmationsspruch auszusuchen. Dann fragen wir uns: Welcher Spruch wird in diesem Jahr das Rennen mache? Welches Bibelwort wird am meisten gewählt werden?
Als wir nun in den letzten Tagen die Ergebnisse sichteten und sahen, welche Konfirmationssprüche sich unsere diesjährigen Konfirmandinnen und Konfirmanden ausgesucht haben, waren wir doch erstaunt. Die größte Gruppe wählte aus: Jesus Christus spricht: Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht (Lukas 21,33).
Diese Wahl sagt unserer Meinung nach viel über den Glauben und die Hoffnung unserer jungen Leute aus. Sie sind sicherlich die Generation, die mit den rasend schnell geschehenen Veränderungen um sich herum am meisten beschäftigt ist. Dauernd ändert sich etwas, dauernd kommen neue Wege hinzu sich zu begegnen, immer muss es schneller gehen und immer schwieriger wird es, überlegt und in Ruhe Entscheidungen zu treffen und die Übersicht zu behalten.
Vorgestern waren Mädchen und Jungs glücklich mit einem Telefon in der Hosentasche, mit dem sie von überall ihre Freunde anrufen konnten oder ihnen eine SMS schreiben konnten. Gestern war es toll, sich bei Facebook zu verabreden, heute geht es nicht mehr, wenn whats app und das mobile Superhirn sie nicht mit ihren Freunden und der Welt verbinden… und morgen?!
Nichts gegen moderne Kommunikationsformen! Aber die Wahl der Konfirmandengruppen zeigt auch: Alle Menschen sehnen sich im Grunde ihres Herzens nach etwas Verlässlichem. Das gestern galt und heute gilt und morgen auch noch. Wir glauben, unsere jungen Leute tun das am meisten… Sie brauchen das mehr als alles andere. Und wir glauben, sie sehnen sich nicht nur nach etwas Verlässlichem, sondern nach jemand Verlässlichem. Darum dürfen wir ihnen die Worte Jesu Christi nicht vorenthalten. Alle Mittel müssen uns recht sein, allen in der Gemeinde immer wieder zu sagen: Jesus Christus spricht: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht!“
Und zu Dir sagt er: Siehe ich bin bei dir alle Tage bis an der Welt Ende! Das heißt: Da ist einer, der ist für dich da. Ohne Wenn und Aber. Da ist einer, der steht auch für Dich gerade. Da ist einer, der steht für dich ein. Da ist einer, der kennt das Wort „vielleicht“ nicht. Da ist einer, auf den kannst Du Dich immer verlassen. Da ist einer, der hat ein Geschenk für Dich: In Deiner Bibel liegt eine private Nachricht an Dich mit einem roten Herzen und vier kleinen Worten: „Aus Liebe zu Dir!“ Das (der!) bleibt, wenn sich auch alles um dich herum rasend schnell ändert. Unseren jungen Leuten das zu sagen, wäre das beste Geschenk zur Konfirmation.

Andrea Düring-Hoogstraat und Jürgen Hoogstraat, Pastoren in Victorbur

1. März 2014: Fleisch, lebe wohl!

Silke Kotterba, Pastorin und Krankenhausseelsorgerin der UEK Aurich

Nein, dieses ist keine neue Werbung für einen Veganer-Kochkurs, und es gebt auch nicht um vegetarisches Essverhalten. Die Überschrift übersetzt das lateinische Wort Karneval. Mit der Weiberfastnacht haben die tollen Tage begonnen, die wir in Ostfriesland eher durch das Fernsehen als live erleben. Am Aschermittwoch ist laut Schlager alles vorbei, und die Fastenzeit beginnt. Zum ursprünglichen Abschied vom Fleisch kommen alternativ der Verzicht von Süßigkeiten, Zigaretten, Fernsehen oder Alkohol dazu. Oder der Abschied von nichts! Auf Entbehrungen kann ich gut verzichten, sagt mir eine Frau. Wir lachen. Na klar, niemand verzichtet gern. Manche verzichten nicht, weil sie generell schon das Gefühl haben: Ich komme immer zu kurz. Andere sehen darin keinen Sinn zurückzustecken, wo doch alles zu haben ist, was in der Nachkriegszeit oder ehemaligen DDR nicht selbstverständlich war. Verzicht sollte freiwillig sein. Wenn wir in Urlaubszeiten mit weniger Gepäck unterwegs waren, hat es eigentlich immer gereicht. Auf Zeit ist das kein Problem, aber generell?

Was ist unnötig, was brauchen wir? Letztlich ist jede und jeder gefragt. Bei der Auswahl der Dinge, von denen wir uns verabschieden, fällt manchmal schmerzhaft auf, was einem im Alltag oft zuviel wird. Viele entdecken die Fasten- bzw. Passionszeit als Chance, etwas anderes auszuprobieren. Die Aktion der evangelischen Kirche „7 Wochen ohne“ hat im Vorjahr über drei Millionen Anhänger gefunden. Die Gemeinschaft trägt an dieser Stelle den einzelnen. In diesem Jahr lautet das Motto „Selber denken! Sieben Wochen ohne falsche Gewissheiten!“ Die Fastenaktion lädt ein, die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern bewusst zu gestalten, Gewohntes zu unterbrechen und dabei zu schauen, worauf es im Leben ankommt. Verstand und Herz sind gleichermaßen in Anspruch genommen, das gefällt mir. Die Texte nehmen in weitem Sinn Bezug auf das Leiden Jesu Christi. Verzicht, Leid, Tod – wer lässt sich darauf schon gern ein? Niemand! Aber manchmal bricht es wie aus dem Nichts in unser Leben ein, als Verlust der Arbeit mit finanziellen Einbußen, als Diagnose einer unheilbaren Krankheit oder im Tod eines geliebten Menschen. Auch mit dem Fasten ist das nicht zu verhindern, aber es übt das Loslassen, das uns spätestens am eigenen Lebensende bevorsteht und prüft, was bleibt. Ich finde, es lohnt sich, mitten im Leben schon einmal die Fragen zu stellen, die uns am Ende vielleicht wichtig sind: Bin ich zufrieden mit meinem Leben? Wer ist mir wichtig? Und – habe ich es der Person gesagt? Wovon habe ich zu viel oder zu wenig? Was hilft mir Schweres auszuhalten? Um das beantworten zu können, muss ich selber denken und selber vertrauen, anderen Menschen, mir selbst und hoffentlich einer Lebensquelle, von der ich darüber hinaus lebe. Ich lebe, und ihr sollt auch leben! Diese österliche Zusage Jesu Christi hat mich bisher getragen, auch und gerade durch meine Fragen, in meinen Begrenzungen und die Leidenszeiten meines Lebens. Am Ende hoffe ich meine Fragen beantwortet zu bekommen, nicht zu viel und nicht zu wenig zu haben und lebenssatt zu sein, um dann mit anderen die Fülle neuen Lebens zu feiern. Für Ihren Weg durch die fröhlichen Tage und die Zeit danach oder dazwischen wünsche ich Ihnen: Leben Sie wohl!

Silke Kotterba,  Pastorin und Krankenhausseelsorgerin der UEK Aurich

22. Februar 2014: Viel Freude beim Engelsein!

Tido Janssen,  Pastor in der Lamberti-Gemeinde  und Superintendent des Kirchenkreises Aurich Sitzt Gott auf einer Wolke und liest eine Bilanz. Er fragt seinen himmlischen Mitarbeiter: „Seit wann haben wir mehr Wolken als Harfen?“ Antwort: „Seit die Gelben Engel für das Zählen zuständig sind.“
Die Gelben Engel haben es gerade schwer. Dabei gibt es viele Mitarbeiter des ADAC, die alles tun, um Menschen in Not zu helfen. Ich habe es selbst auch schon erfahren, wie angenehm es ist, wenn endlich ein gelbes Auto mit einem freundlichen Mechaniker um die Ecke kommt, um mir zu helfen, wieder flott zu werden. Vor diesen Gelben Engeln habe ich hohen Respekt.
Dann gingen die Chefs des Autovereins zu weit. Wenn wir die bestens ausgebildeten Pannenhelfer Gelbe Engel nennen, mag das noch angehen. Dann aber haben sie auch einen Preis für das beliebteste Auto Gelber Engel genannt. Und die Manager der Automobilhersteller haben sich gerne mit diesem Preis geschmückt. Er poliert das eigene Image und garantiert rasante Verkäufe.
Ich stutze. Ein Autopreis: Gelber Engel? Gelb. Na gut. Das ist Vereinsfarbe. Aber Engel? Das ist doch eine religiöse Überhöhung eines Markenartikels mit vielen Risiken und Nebenwirkungen. Ein Auto – ein Engel? Das passt nicht. Und dann wurden die Gelben auch noch zum Bengel und frisieren die Zahlen, dass sich die Balken biegen.
Jetzt will allein VW 40 Gelbe Engel in einem einzigen Paket nach München zurück- senden. Mit solch einem Schummelengel will sich plötzlich niemand mehr schmücken. Engel per Rücksendung?
Es muss kein Autopreis sein. Es müssen auch nicht Männer mit Flügeln sein – die Engel. Das schreibt Rudolf Otto Wiemer in einem Gedicht: „Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel. Sie gehen leise, sie müssen nicht schrein, oft sind sie alt und hässlich und klein, die Engel. Sie haben kein Schwert, kein weißes Gewand, die Engel. Vielleicht ist einer, der gibt dir die Hand, oder er wohnt neben dir, Wand an Wand, der Engel. Dem Hungernden hat er das Brot gebracht, der Engel. Dem Kranken hat er das Bett gemacht, und hört, wenn du ihn rufst, in der Nacht, der Engel.“
Ich glaube, dass es die guten Mächte zwischen Himmel und Erde gibt. Und meist verkörpern sich die himmlischen Kräfte ganz menschlich. Auch wir tragen diese Kräfte in uns. Auch wir können anderen zum Engel werden.
Wo? Sie werden es persönlich herausfinden. Sie werden gebraucht! Einer wartet bestimmt gerade auf Sie. Nicht unbedingt als Pannenhelfer. Aber als Gesprächspartner. Oder als Begleiter. Oder… Ein Kollege. Ein Kind. Eine Mitschülerin. Ein Nachbar. Eine Freundin. Irgendjemand wartet, meist gar nicht weit weg.
Ein wunderbares Gefühl, ein Engel zu sein. Selbst wenn ich mir selbst dessen gar nicht bewusst bin. Gelber Engel? Muss ich gar nicht sein, will auch keinen Preis. Und alles ohne Schummeln.
Viel Freude beim Engelsein!

Tido Janssen, Superintendent und Pastor an der Lamberti-Kirche, Aurich

15. Februar 2014: Das sei ferne!

Silke Kampen, Pastorin In Wallinghausen

Da sitzen wir nun als junge Studentinnen und Studenten über unsere Bücher gebeugt, die Stifte flitzen über das Papier, konzentriert hören wir, wie der Dozent die griechischen Worte liest, deutlich und manchmal auch donnernd. Es geht um die Erwählung des Volkes Israel bei Paulus. Diese wichtigen Kapitel zur Verhältnisbestimmung zwischen christlichem und jüdischem Glauben stehen im Römerbrief, Kapitel 9 bis 11. Der jüdisch-christliche Dialog durchzieht in Wuppertal so ziemlich jede Veranstaltung.
Mein Dozent für Neues Testament ist ganz bei der Sache, er ist ganz bei Paulus.
Und er übersetzt aus dem 9. Kapitel, den Vers 14: „Was sollen wir nun dazu sagen? Ist Gott denn ungerecht? Das sei ferne!“ Als wollte uns der Dozent das gleich mit aller Härte austreiben, donnert er uns das „Das sei ferne!“ in unsere Ohren. Als wollte er den Gedanken, dass Gott in irgendeiner Weise unrecht handeln würde, ausmerzen bei denen, die eines Tages in den kirchlichen Dienst einer Pastorin oder eines Pastors treten werden.
„Das sei ferne!“ klingt immer noch in meinen Ohren. Am morgigen Sonntag geht es wieder um die Gerechtigkeit und die Barmherzigkeit Gottes. Große Worte! Ich höre sie immer wieder als tröstlich und herausfordernd zugleich. Ich weiß, dass diese großen Worte die Feuertaufe des Alltags bestehen müssen.
Alles liegt an Gottes Erbarmen, werden wir morgen hören. Gott ist wie ein Töpfer, der selbst bestimmen kann, wie sein Krug aussehen soll. Aber es kann sein, dass die von ihm geschaffenen Gefäße nichts taugen. Diese könnte er dann wieder zerstören. Das alles liegt in seiner Macht.
Sind Sie, liebe Lesende, jetzt beinahe schon aus diesem Artikel ausgestiegen? Gott, der Schöpfer und gleichzeitig ein Despot? „Was sollen wir nun dazu sagen?“ so spricht der moderne Mensch. Es ist unsere große, heftige Anfrage überhaupt an dieses Gottesbild. Die Frage ist nicht akademisch! In ihr schwingen viele menschliche Erfahrungen mit. Zum Beispiel von einer Frau, die mir neulich von dem „Scherbenhaufen“ ihres Lebens erzählt: Die Ehe zerbrochen, die Kinder mit sich beschäftigt und fort gezogen aus dem Umfeld, und sie selbst ausgebildet in einem Beruf, den es aufgrund der Technik nicht mehr gibt. Ihre Kräfte sind aufgebraucht, die Kränkungen haben ihr die Zuversicht genommen.
Ihr Glaube an Gott ist zu einem glimmenden Docht geworden, der zu verlöschen droht. Es ist ein Schulterzucken dabei, wenn sie sagt: „Was soll ich dazu sagen? Gott ist ungerecht. Jedenfalls: Auf meiner Seite steht er nicht.“
Gott ist ungerecht?! Offen ausgesprochen oder fast verlegen angedeutet in vielen Varianten begegnet dieser Satz mir heute. Und vor ca. 2000 Jahren auch. Paulus nimmt den Vorwurf auf und gebraucht Bilder: Gott ist ein Töpfer. Er bringt gerade und schöne Krüge, schiefe und praktisch unbrauchbare, schlechte Vasen hervor.
Diese Werke sind – und dies nur einmal mit den Augen Gottes betrachtet – ganz und gar seine Sache. Das ist seine Freiheit.
Aber zur Freiheit Gottes kommt, dass Gott gleichzeitig barmherzig ist. Das sind zwei Seiten einer Medaille. Barmherzigkeit ist ein Beziehungswort: Mit Herz begegnet er den Menschen, er zeigt ihnen sein Gesicht. Allen Menschen gibt Gott das ungeteilte Leben. Er gibt den berühmten Silbergroschen wie im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg.
Das, was Gott zu geben hat, ist eben unteilbar. Da gibt es nur den einen Silbergroschen, das unteilbare Stück Geld, das für Gottes Zeit steht. Sie ist uns geschenkt und Gott bleibt auch bei Leid und Not zugewandt.
Deswegen habe ich der Frau widersprochen: „Gott steht auf deiner Seite, aber anders als Deine Maßstäbe es vorgeben. Das ist seine Freiheit.“ Und ich habe noch angefügt: „Gott steht auf deiner Seite. Er verlässt dich nicht: Das ist seine Barmherzigkeit.“ Alles andere sei ferne!

Silke Kampen, Pastorin in Aurich-Wallinghausen

8. Februar 2014: GOTTes Herrlichkeit erscheint über Dir!

Das Volk war offenbar unterdrückt, gelästert, verlassen, ungeliebt (Jesaja, Kap. 60, die Verse 14+15); nach menschlichem Ermessen gab es wohl keine Zukunft, kein ´Licht am Ende des Tunnels´, nur unüberwindbare Dunkelheit … . Doch in diese scheinbar aussichtslose Geschundenheit hinein verkündet Jesaja im Auftrag GOTTes dessen Hoffnung gebendes, aufbauendes Wort: „Siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich, und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“ (Jesaja 60, 2)

Hans Bookmeyer, Pastor für besondere Aufgaben im Kirchenkreis Aurich

Christen dürfen darauf trauen, dass sich dieses prophetische Wort, dessen zweiter Teil uns als Spruch für die neue Woche gegeben ist, im Erscheinen des GOTTessohnes erfüllt hat, der von sich sagt: „ICH bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Evangelium nach Johannes, Kap. 8, V. 12) – Johannes selbst bezeugt dies zu Beginn seines Evangeliums: „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. … Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.“ (Joh. 1, 14+16)
Heute wie damals gibt es Dunkelheiten, zuweilen scheinbar unüberwindbar, in der weiten Welt wie im je persönlichen Leben. Doch wir dürfen, gerade in Situationen des Verzweifelns, GOTT bitten, uns Seinen guten Geist (den Heiligen Geist, den Tröster, den Hoffnung-Geber) zu schenken, um IHM, GOTT, vertrauen zu können, dass ER schließlich, wie verheißen, jedes Dunkel, auch das meine, überwinden wird, wie ER es im Sterben und Auferwecken Jesu bezeugt. Denn gerade Deinet- wie meinetwegen ist Jesus in diese, in Deine wie meine Welt gekommen, damit wir durch IHN das Licht der Hoffnung, des Lebens und der Zuversicht haben, behalten – oder wieder bekommen mögen. Und wer darauf traut, wird es erfahren, so, wie eine scheinbar unendlich-qualvoll empfundene Nacht unversehens durch das hoffnungsvolle Licht der Morgensonne als Zeichen der Strahlen der Liebe GOTTes überwunden wird. – Wer das erfahren hat, darf selber Zeugnis abgeben, wozu Jesus uns ermuntert, ja beauftragt, wenn ER sagt: „Ihr seid das Licht der Welt. … So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten.“ (Ev. nach Matthäus, Kap. 5, V. 14+16)
Dieses Licht dürfen wir erbitten, für uns, für die weite Welt, für Menschen in unserer Nähe – und es wird erfüllend sein, unser selbst empfangenes Licht zu ihnen zu tragen: Zu den Traurigen, Kranken, Einsamen, Vertriebenen, nach Lebensbedrohung um Asyl flehenden … .
Wo wir es wagen, werden wir gemeinsam erfahren (und sei es im ganz Kleinen): „Über Dir, über mir, über uns geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über Dir, über mir, über uns.“ (nach Jes. 60,2) –
Darum, GOTT: Lass uns Deiner lichtströmenden, Leben wirkenden HERRLICHKEIT trauen, Dir zur Ehre, uns zur ermutigenden Hoffnung des Lebens – jetzt und für alle Zeit. – Amen.

Hans Bookmeyer, Pastor für besondere Aufgaben im Ev.-luth. Kirchenkreis Aurich

1. Februar 2014: Der Tag, den Gott uns schenkt

„Yesterday is History – Future is Mystery – Today is the Gift of God.“ Ich las die Zeilen auf einem Bild im Internet und dachte mir, da ist viel Wahres dran. Gestern ist Geschichte, Morgen ist ein Geheimnis. Aber Heute – das ist ein Gottes-Geschenk!
Wie schwer tun wir Deutschen uns damit, das Gestern hinter uns zu lassen. Zu sehr lastet es auf unseren Schultern. Auch in diesem Jahr steht ein solches Datum auf der Tagesordnung: 1914.
Andere Nationen haben es leichter. Oder sie gehen unbekümmert damit um. Wer Apple, Google oder Facebook erfinden durfte, hat in jüngster Zeit alles richtig gemacht.
Das alte „Made in Germany“ gilt immer noch viel in der Welt. Andere Nationen schwärmen vom deutschen Maschinenbau. Überall fährt man deutsche Autos und staunt über den Erfindergeist. Das Ergebnis ist brillant: Export im Rekord, Arbeitsmarkt leer gefegt, neue Kräfte werden gesucht.
Nur wir Deutsche trauen der Gegenwart nicht viel zu. Warum nur? Immer noch ängstlich unter dem Schatten der Vergangenheit?

Michael Groothues, Militärpfarrer in Aurich

Es hilft auf Dauer nur eines: Die Vergangenheit hinter sich lassen. Sie gut einzupacken und an die Seite zu legen, an Gottes Seite. Um dann mit fröhlichem Herzen offen für das Heute zu werden. Bereit zu sein für den, der mir heute begegnet. Der Nachbar, ein Freund oder auch ein Fremder.
Jeder, der mir zeigt, zu leben und zu lieben, ist willkommen. Gäste aus Europa werden eingeladen. Die sonnenverwöhnten Helenen mit ihrem griechischen Wein. Das gibt Stimmung. Dazu die schwungvollen Geigenspieler aus Rumänien und Bulgarien. Um dann nach Herzenslust gemeinsam zu singen: Ein Lied aus Dank und Freude über diesen Tag, den Gott uns schenkt.

Michael Groothues, Militärpfarrer in Aurich

25. Januar 2014: Bambule im Busch: Denn sie wissen nicht, was sie tun

Mitten unter Wölfen. Bei Bär, Panther und Schlange. So wächst Mogli im Dschungel auf. Doch die anfängliche Harmonie unter Palmen gerät aus dem Gleichgewicht, als Shir Khan der Tiger zurückkehrt. Ein majestätisch Wesen – schön, schlau, selbstverliebt. Einer muss raus. Das soll das Menschenkind sein. Denn die Raubkatze wittert Konkurrenz. Bambule im Busch. Und der Zauber aus dem Wort „Dschungel“, den der gleichnamige Trickfilm von Walt Disney zu Beginn beschwört, ist dahin.

Oliver Vorwald, Pastor in Bagband

Zauber findet sich im TVDschungel ohnehin nur selten. Denn Schlangen, Bär, Panther und Wölfe gehen schon vor Sendebeginn aufeinander los. Daraus lebt ja die Show. Sie ist der Tiger. Eitel, eloquent, eigenwillig. Mit scharfen Worten frisst sie ihre Konkurrenten, die Kinder und Königsanwärter im Busch. Mitleid gibt es für niemanden. Eher Beifall. Weil ja dieses Schicksal selbst gewählt und verschuldet sei. Zeitungen und Zuschauer sind sich in ihrem Urteil weitgehend einig. Froh über die komfortable Lage, außerhalb der mal dümpelnden, dann wieder drängenden Gruppendynamik zu stehen. Schade, schlimm und schrecklich. Jedes Jahrs aufs Neue. Das zei- gen die Reaktionen vieler Stars und Sternchen, wenn sie aus dem Bambule-Busch kommen. Denn sie wissen eben nicht, was sie tun (Lukas 23,34).
Das Jesus-Wort übers Tun und Wissen richtet sich an die, die seinen Tod wollen. Und all jene, die fasziniert – vielleicht auch ein wenig verstört – die öffentliche Hinrichtung am Kreuz begaffen. Für sie bittet der Menschensohn um Vergebung. Gott sei Dank. Denn diese himmlische Nachsicht brauchen sie alle. Jene, die am Pranger hängen. Jene, die sie dafür schmähen. Und jene, die immer alles kommentieren wollen und ihr Herz dann in Unschuld baden.
Zuletzt holt ihn doch einer raus. Mogli lässt Tiger Shir Khan hinter sich, die schöne und selbstverliebte Raubkatze. Denn unten am Fluss entdeckt er etwas. Und jemanden. Ein Mädchen, das dort Wasser schöpft. Ihm will das Menschenkind helfen. Deshalb verlässt es den Dschungel. Von sich aus. Freiwillig, freudig, verliebt. So findet MoglidenAnschlussaneine Welt, die seine wird. Und damit kehrt die Harmonie zurück. Auch zwischen Bär, Panther und Schlange. Mitten unter Wölfen. Selbst der Zauber aus dem Wort „Dschungel“ ist wieder da, in welchen der Trickfilm von Walt Disney von Anfang an hineinziehen will.

Oliver Vorwald, Pastor in Bagband und Ostgroßefehn

18. Januar 2014: Stürme im Leben

„Ich habe einen wichtigen Teil meines Lebens verloren. Mein Leben und meine Welt geraten dadurch ins Wanken.“

Heidrun Ott, Pastorin in Moordorf

So beschreibt ein Mann seine Erfahrungen in der Zeit des Abschieds von seinem Kind:
Wenn das eigene Kind stirbt, dann bricht eine Welt zusammen. „Mein Leben und meine Welt geraten … ins Wanken“, so sagt es der Mann. Auch die Menschen in seiner Umgebung sind extrem verunsichert. Nicht einmal da bekommt er Sicherheit. Auch da ist alles am Wanken. Manche ziehen sich zurück, aus Angst vielleicht, vielleicht auch aus Bequemlichkeit. Andere sind so betroffen, dass sie gar nichts sagen können.
Dazu fällt mir eine Geschichte aus der Bibel ein. Es ist die Geschichte von der Sturmstillung.
Jesus sitzt mit seinen Jüngern in einem Boot. Ein Sturm kommt auf. Das Boot schaukelt heftig und ist Wind und Regen ausgeliefert. Der Sturm kann ganz schön heftig werden auf dem riesigen See Genezareth. Die Jünger bekommen Angst. Alles im Wanken. Wie kann Jesus einfach schlafen! Die Jünger rütteln ihn wach. Sie rufen:
„Wir haben Angst. Wir sind extrem gefährdet. Warum rührst du dich nicht?“
Interessant ist für mich, wie Jesus reagiert. Er rechtfertigt sich nicht. Er gibt keine Erklärungen über den guten Sinn des Sturms. Vielmehr lenkt er das Augenmerk auf etwas ganz anderes. Er fragt sie nach ihrem Glauben.
Na wunderbar, so ist der erste Gedanke von mir. Das wäre ja schön, wenn es so einfach wäre: Glaube – und dann hast du keine Probleme mehr. Eine Antwort auf die Warum-Frage gibt Jesus leider nicht. Wir entgehen den Stürmen des Lebens nicht. Keine Chance. Es werden immer wieder Dinge passieren, die unser Leben ins Wanken bringen. Und dann geht es mir wie den Jüngern. Ich fühle mich hilflos ausgeliefert. Die Gefahr, die Bedrohung ist objektiv da und nicht wegzureden. Doch ein kleiner Lichtblick liegt in unserer Geschichte. Jesus bringt den Glauben ins Spiel. In dem Moment, in dem sich die Jünger an ihren Meister wenden, kommt Ruhe in die Situation. Sie haben noch keinen festen Boden unter den Füßen. Sturm kann sich jederzeit wieder auftun. Aber sie haben die Gewissheit: Wenn sie mit ihm in Verbindung sind, dann kann er Ruhe bringen in die Stürme unseres Lebens.
Der Kirchenvater Augustinus formuliert: Unruhig ist unser Herz – bis es Ruhe findet in dir. Ich darf zur Ruhe kommen, weil er mich liebt und auch mein Kind liebt und die Menschen, die mir wichtig sind. Wir alle sind in seiner Hand und können nicht tiefer fallen, als in seine Hand.

Heidrun Ott, Pastorin in Moordorf

11. Januar 2014: Lasst die Kinder zu mir kommen

Sven Kramer, Pastor Studienleiter bei der ARO

„In Deutschland kriegen die Falschen die Kinder“ – über diesen Spruch eines Politikers haben sich viele entrüstet. Aber hinter vorgehaltener Hand erfährt er immer wieder Zustimmung. Spätestens wenn wieder ein neuer Bildungsoder Armutsbericht veröffentlicht wird. Da werden Eltern mal eben in zwei Gruppen aufgeteilt: Zum einen die Familien mit vielen Kindern, die Migranten, die Armen, die oft pauschal als bildungsfern beschrieben werden – und dann die Paare der bürgerlichen Mitte, die ihren ein bis zwei Kindern ein gesichertes Umfeld und gute Förderung bieten. Gut für unser Land wäre es, sagen manche, wenn es von der zweiten Gruppe viel mehr gebe. Denn das sind die „richtigen Eltern“ für die Kinder.
Nach diesem Denken gehören Isaak, Mose und Jesus, die großen Gestalten der Bibel, zur ersten Gruppe. Denn sie haben eindeutig die „falschen Eltern“. Einhundert Jahre alt soll Abraham gewesen sein, als Isaak von der spät gebärenden Sarah auf die Welt gebracht wird – als Sohn eines nicht sesshaften Viehbesitzers. Mose dagegen ist ein Migrantenkind. Sohn israelitischer Wirtschaftsflüchtlinge in Ägypten – als Säugling ausgesetzt und von einer Pflegemutter aufgezogen. Und auch bei Jesus sind die Verhältnisse nicht unproblematisch. Seine Mutter Maria ist bei seiner Geburt minderjährig. Und die Familie ist so arm, dass es nicht einmal für ein Kinderbett reicht.
Die biblischen Geschichten erzählen abenteuerliche Familiengeschichten. Aber von richtig oder falsch wird nichts erzählt. Vor Gott gibt es nur gesegnete Kinder. „Lasst die Kinder zu mir kommen“, sagt Jesus als Erwachsener, nimmt sie ganz selbstverständlich in die Arme und segnet sie (Markus-Evangelium, Kapitel 10, Verse 13 bis 16). Diese Selbstverständlichkeit war für Jesu damalige Begleiter neu. Und diese Lerngeschichte dauert bis heute: Alle Kinder verdienen eine gute Zukunft. Sie sind wie ein Schatz. Sicher: Manche Elternhäuser brauchen Unterstützung, damit dieser Schatz gehoben werden kann. Aber genauso wichtig ist es, nicht nur auf Defizite zu schauen, sondern Menschen etwas zuzutrauen – den Kindern und ihren Familien. Denn der Segen Gottes ruht auf ihnen.

Sven Kramer, Pastor und Studienleiter bei der Aro in Aurich

6. Januar 2014: Majestäten Caspar, Melchior und Balthasar auf Tour

Zu Beginn des neuen Jahres und rechtzeitig zum Dreikönigstag sind die ehrwürdigen Majestäten Caspar, Melchior und Balthasar wieder unterwegs auf unseren so ganz gewöhnlichen Straßen. Wer Glück hat, öffnet die Haustür und kann die königlichen Hoheiten bei sich begrüßen. Kommt ja nicht alle Tage vor, dass so hoher Besuch ins Haus kommt.
Mit Lied und Gebet begrüßen sie die Hausbewohner – schon das tut gut – und zeichnen mit Kreide ihre königlichen Kürzel „C+M+B“ über die Eingangstür. Freilich stehen diese Anfangsbuchstaben der Namen auch zugleich für den alten Segensspruch „Christus mansionem benedicat – Christus segne dieses Haus“. So bleibt der Abglanz der Könige noch lange an der Haustür zurück und erinnert übers Jahr an den Segen, der von kindlichen Königen den hier Wohnenden zugesprochen wurde.
Zwar ist in der Bibel nur von den Weisen die Rede, aber in der Folgezeit sind diese durch Legenden zu heiligen Königen geworden, deren Gebeine im goldenen Schrein im Dom zu Köln verehrt werden. Macht ja auch nichts, denn schließlich ist jeder Weise auch auf eine Art König. Zumal dann, wenn die Weisheit darin besteht, Christus zu erkennen und ihm zu Ehren ungewohnte Wege zu gehen und an ungewöhnlichen Orten die Knie zu beugen und ihn anzubeten.

Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent in Emden

Königlich handeln die Kinder allemal, die da in ihrer Verkleidung um die Häuser ziehen. Sie sind nämlich nicht in eigener Sache unterwegs, sondern unterstützen die Sternsinger-Aktion, die in diesem Jahr unter dem Motto „Segen bringen, Segen sein. Hoffnung für Flüchtlingskinder in Malawi und weltweit!“ stattfindet. Die ursprünglich katholische Tradition der Sternsinger wird erfreulicherweise an vielen Orten in ökumenischer Weite gestaltet.
Die beteiligten Kinder und Jugendlichen sind wahre Könige, denn sie zeigen mit ihrem Engagement, dass sie bereit sind, anderen Kindern in Not zu helfen. Der Segensspruch und das Lachen der begeisterten Kinder leuchten weit in den Alltag des neuen Jahres und erinnern daran, dass wir von dem leben, was andere uns zusagen und schenken.
Hoffentlich klingeln sie an der Haustür, dann ist es an uns, diese Kinder königlich zu unterstützen.

Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent

4. Januar 2014: Finsternis vergeht

Epiphanias, „Erscheinung des Herrn“, steht bevor.
Nicht überall wird der 6. Januar als Feiertag begangen. Epiphanias ist nach Ostern das zweitälteste christliche Fest. Ostern das älteste. Schon lange, bevor man begann, Weihnachten zu feiern, wurde Epiphanias in der christlichen Kirche im Osten als Feiertag begangen. In vielen Regionen endet mit diesem Fest die Weihnachtszeit. Der Weihnachtsbaum wird aus dem Haus verbannt und die Krippe wird abgebaut. Und dann beginnt bei den meisten mit Wucht das neue Jahr mit seinen Vorhaben, seinen Aufgaben oder auch Sorgen.

Sabine Bohlen, Pastorin in Wiegboldsbur und Forlitz-Blaukirchen

Wie schön es wäre, wenn wir den Glanz des Christfestes auch mit ins neue Jahr nehmen könnten. Der Blick auf die Heiligen drei Könige mag uns dabei helfen. Die Weisen aus dem Morgenland haben geträumt von etwas Neuem und viel in ihre Suche investiert. Sie folgten dem Stern. Und was sie im Stall von Bethlehem fanden, war nichts Fertiges, sondern etwas, was im Werden begriffen ist. Ein kleines Kind. Aber sie sind nicht umgekehrt – „bloß ein armseliges Kind“ –, sondern sie haben begriffen, dass es mit diesem Kind etwas Besonderes auf sich hat. Sie haben genau hingeschaut und gespürt.
So ist es auch mit dem neuen Jahr. Es ist noch „klein“, noch im Werden. Und es braucht, dass auch wir wie die Weisen gut hinschauen. Auf die Menschen, denen wir begegnen, auf Situationen, in die wir kommen, auf unsere Träume. Es ist der Blickwinkel, auf den es ankommt. Wer genau hinschaut, entdeckt Dinge, die sonst verborgen bleiben.
Und dieser Blickwinkel hat etwas mit dem wahren Licht zu tun, von dem der 1. Joahnnesbrief spricht: „Die Finsternis vergeht, und das wahre Licht scheint jetzt.“ Gott erscheint. Nicht irgendwann, sondern jetzt – im Alltag. Gott ist nicht nur in Bethlehem als Mensch geboren, vor langer Zeit. Gott ist heute und hier erfahrbar. Gott ist in der Welt, wirkt wahrnehmbar in ihr. Dieses wahre Licht durchdringt unsere Wirklichkeit, beleuchtet unser Leben, verändert vielleicht sogar den Blick, lässt Menschen und Umgebung in einem anderen Licht erscheinen. Dieses Licht lässt klare Blicke zu, es spendet Wärme – behutsame Blicke, liebevolle Blicke werden möglich. Gerechte Blicke.
Veränderung steht als Motto über unserem Leben und auch als Motto für das neue Jahr. Es kommt darauf an, alle Veränderungen, die das neue Jahr mit sich bringt, im Licht der Liebe Gottes zu sehen. Probieren Sie es aus. Sie werden überrascht sein, wie leicht es ist, diesen Blickwinkel einzunehmen und so etwas vom Glanz des Christfestes in unseren Alltag mitzunehmen.

Sabine Bohlen, Pastorin in Wiegboldsbur und Forlitz-Blaukirchen