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Predigt im RTC am 9. November 2025 Vor den Kulissen von „Timmel unner Strom“ – Superintendent Tido Janssen

Liebe Timmeler! Liebe Westgroßefehntjer! Liebe Großefehntjer!
Liebe Gemeinde!

Große Bühne. Licht geht an. Spannung wächst.
Kinder aus Timmel kommen aus der Schule. Es sind Herbstferien.
Sie rennen auf die Straße und spielen Krieg.

Heini seggt in’t Theaterspööl:
„Los, wi fang an!“
Tammo seggt:
„Für Kaiser, Volk und Vaterland!
Kanonen in Stellung bringen!
Infanterie auf Einsatz vorbereiten!
Trommel, Kommando, Angriff!“

Opa Soeke Soeken seggt:
„Wat is hier denn los?“
Töntke Soeken seggt:
„Opa, wi spölen Krieg. Krieg tegen de Franzen.“
Opa Soeken seggt:
„Kinnergootje, hört up dormit! Mit Krieg maakt man kein Spööl. Kinner, gaaht na Huus.“
Es ist die Zeit des 1. Weltkriegs. „Großer Krieg“ – so nennen sie den Krieg in Frankreich und England. „Great War“. 17 Millionen Tote.
Auch hier in Timmel gräbt er seine Spuren tief ins Dorfleben.

Dr. Poppinga seggt:
„Disse verdammten Verlustlisten. Ok noch Heinrich Focken. Wat mutt geböhren, umdat de Minsken weer in Free leven könnt.“
Pastor Siemens:
„Herr Doktor, all wehr ’n Liste? Oh, oh, Heinrich Focken, 31. Oktober 1918 fallen. Disse elendige Krieg. All weer hett ein Timmeler sein Leven laten. Nu sünd dat all 31 junge Mannlüü ut uns Dörp. Is dat Gottes Wille?“ –
Wenn de Krieg vörbi is, stellen wie en grode Ehrendenkmaal up ´d Karkhoff.“


Am Ende sind 34 junge Männer aus der Kirchengemeinde Timmel zu beklagen.

Ein Lied aus damaliger Zeit beschönigt nichts.
(Melodie)

// „Zogen einst fünf wilde Schwäne,
Schwäne leuchtend weiß und schön. //
// Sing, sind, was geschah?
Keiner ward mehr gesehn, ja.“ //


// „Zogen einst fünf junge Burschen
stolz und kühn zum Kampf hinaus. //
// Sing, sing, was geschah?
Keiner kehrt mehr nach Hause, ja. //


Und die, die nach Hause kommen?
Es ist für mich eine der eindrucksvollsten Szenen des Stückes, als die Timmeler Soldaten aus dem Krieg heimkehren. Sie sind ausgemergelt, krank, husten, humpeln, tragen Schutzmasken.

„Gebke, sünd dat uns Mannlüü?“ –
„…och groode Gott, wat sehn ji verkomen ut.“


Und später, als der Krieg endlich zuende war, kommen Reiter und der Pferdebus mit den Heimkehrern von der Molkerei her. Die Heimkehrer steigen aus.
Und die Timmeler erstarren. Die Stimmung bricht dramatisch. Alle sind zutiefst erschrocken: Die Timmeler Männer sind nicht wiederzuerkennen. Sie sind schwer gezeichnet an Leib und Seele. Kopf und Augen teils verbunden. Nur mit Mühe und Hilfe können sie aus dem Pferdebus aussteigen. Sind das „Helden“ – wie sie genannt werden?
Harm Rolfs, einer der Rückkehrer sagt:

„Sehnt wi ut as Helden?“
Geske Focken seggt in dat Theaterspööl:
„Mannlüü hem de Krieg anfangen, un wi Froolüü mutten helpen, dat de uphört.“
Uphören! Aufhören!
Einer muss mit dem Aufhören anfangen.
So wie es Opa Soeken gleich zu Beginn zu den Krieg spielenden Kindern sagte:
„Kinnergootje, hört up dormit! Mit Krieg maakt man kein Spööl. Kinner, gaaht na Huus.“
Was Geske Focken sagt:

Wi mutten helpen, dat dat uphört.“

Ich sage euch: Was Gebke und was Soeke Soeken sagen,
das ist Jesus aus der Seele gesprochen.
„Wir müssen anders anfangen!“
Aufhören mit dem Hassen.
Stattdessen: Frieden suchen. Wie kann es denn friedlich zugehen?
Von Frieden reden und ihn vorbereiten. Wir fangen an, dem Hass ins Wort zu fallen. Denken wir neu und sagen: „He, wir wollen uns verständigen! Wir wollen doch nicht immer tiefer in ein Kriegsdenken hineinrutschen.

Frieden ist doch möglich. Ich weigere mich, Euch als meine Feinde anzusehen.
Ich werde Euch nicht angreifen. Ja! Ich werde mich aber verteidigen.
Ich fange an, es dem anderen schwer zu machen, mich als seinen Feind anzusehen. Ansonsten begeben wir uns doch geradewegs auf eine schiefe Bahn, die unweigerlich zum Krieg führt.
Nie wieder Krieg! Wir wollen keine neuen Totentafeln auf dem Friedhof aufstellen!
Das ist doch das Erbe unserer Vorfahren: Nie wieder Krieg!

Jesus sagt:
„Euch, die ihr mir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde!
Jesus sagt das seinen allernächsten Jüngerinnen und Jüngern. Sie sind ganz nah an ihm dran, in Hörweite.
Hört up! Fangt anders an. Tut denen Gutes, die euch hassen.
Segnet die, die euch verfluchen. Betet für die, die euch beschimpfen.“
Das sind schwer verdauliche Sätze.
Mit denen werde auch nicht leicht fertig.
Ja, es gibt Menschen, von denen ich mich ungerecht behandelt fühle. Auch heute noch. Nein, ich liebe diese Menschen nicht. Mir schwillt heute noch die Zornesader, wenn ich an sie denke. Und Jesus möchte ich sagen: „Lass mir Zeit! Ich kann nicht aus meiner Haut. Ich kann mich selbst nicht überspringen. Auch Zorn hat sein Recht.“
Ich darf empört sein. Und dafür ist mir Jesus sogar ein Vorbild. Er hat die Geldwechsler im Tempel, die das Haus seines Vaters schändeten, mit der Peitsche hinausgetrieben. Die Liebe, die Jesus meint, ist offensichtlich keine blutleere Sanftmut.
Und trotzdem ist da dieses Wort: Liebt eure Feinde!
Es tritt mir in den Weg.
Es beunruhigt mich.
Es bringt mich in einen Zwiespalt.
Wenn ich nur mich und meine Gefühle hätte, wäre ich eindeutig:
Ich hätte diesen Feind und damit basta.
Aber was Jesus sagt, lässt mir keine Ruhe.
Es stört mich in meinem Zorn.
Es zwingt mich, erst noch mal nachzudenken.
Es verzögert meine Gefühle und das, was ich tue.
Es ist wie ein Stopp-Schild. He, Tido! Halt! Hör up doormit!
Plötzlich bin ich mit meiner Feindschaft nicht mehr ganz im Reinen. Aber immer noch habe ich das Gefühl der Abneigung. Das kann ich nicht einfach überspringen.
Wenn ich Feindschaft überwinden will, muss ich auch den Mut haben, sie nicht vor mir zu verstecken.
Aber ich habe auch diesen fremden Befehl:
„Hör up! Liebe deine Feinde!“
Und langsam ahne ich: Da ist was dran.
Nein, ich habe zu dieser Person keine anderen Gefühle als die der Abneigung.
Ich werde sie auch nicht weglügen.

Es geht hier auch nicht um eine Liebe voller Emotionen. Ich muss mein Gegenüber jetzt nicht in den Arm nehmen.
Es ist eine Haltung.
// Ich kann anfangen, aufzuhören, dieser Person zu schaden. //
Das ist für den Augenblick doch schon ganz viel.
Einer muss den Anfang machen.
Ich kann ja mal ganz unerwartet reagieren.
Eine kecke Freundlichkeit kann vielleicht was bewirken. Überraschung!
Hass ist leicht. Das kann jeder.
Zu hassen: Darin sind Demagogen und Populisten richtig gut.
Das erleben wir doch jeden Tag.
Und wir müssen aufpassen, dass es nicht in unsere eigenen Gedanken und Gefühle einsickert.
Dem Hass den Strom abschalten.
Frieden unner Strom!
„Liebet eure Feinde!“ – Wer kann das? Wir wissen heute nicht mehr, in welcher Situation Jesus das gesagt hat. Das macht es für uns schwer, diesen Satz zu verstehen. So türmt er sich vor mir und vor uns auf wie ein unüberwindlicher Berg. Es wird einen ganz konkreten Anlass gegeben haben als Jesus das sagte.

Da ragt für mich ein anderer Satz heraus. Der hat das Zeug, eine Goldene Regel zu sein. Jesus sagt dann: „Behandelt andere Menschen genauso, wie ihr selbst behandelt werden wollt.“
Den Kindern bringt man diesen Satz meist in der negativen Form bei:
„Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu.“
Jesus sagt das positiv: „Überlege, was du gerne hättest, das andere dir tun.
Und genau das tu nun bitte den anderen.“
Das heißt ja: Ich darf erst mal bei mir selber anfangen. Woran hätte ich meine Freude? Was tut mir denn gut? Ich fühle erst in mich selbst hinein.
Und dann nehme ich die Bedürfnisse des anderen genauso ernst wie mich selber.
Je mehr ich mir selbst gönne, desto großzügiger werde ich dem anderen gegenüber. Genial, oder? Das ist: Einfühlsam, großzügig. Weitherzig.
Barmherzig, voller Mitgefühl.
Ganz einfach auf wunderbare Weise menschlich.
Es kann sein, dass das neue Möglichkeiten eröffnet. Und dann ist das nicht mehr nur schwer verdaulich und von vornherein unerfüllbar. Es ist ein Ansporn. Es kann ein ganz neuer Anfang sein. Es ist das Angebot für ein menschenwürdiges Leben.

Wir selbst müssen die Veränderung sein,
wenn unsere Welt sich ändern soll.


Heute ist der 9. November.
– Wir wollen auf keinen Fall 9. November wiedererleben wie den 9.11.1938, als in Aurich und an vielen anderen Orten in Deutschland die jüdischen Gotteshäuser brannten und niemand sagt was, niemand schreit laut auf: „Hört up!“ Gespenstische Stille. Der Antisemitismus tobt sich aus.

– Aber am 9. November 1918 endet der 1. Weltkrieg und Philip Scheidemann ruft auf dem Balkon des Berliner Reichstags die Demokratie aus. Endlich ein neuer Anfang.

– Und am 9. November 1989 fällt die Berliner Mauer. Das war auch deshalb möglich, weil einer angefangen hat, anders zu denken und zu handeln. Der damalige russische Präsident Gorbatschow sagte:

„Heute appelliere ich an alle Menschen, die nicht nur an sich denken und denen die Zukunft ihrer Kinder und Enkel nicht gleichgültig ist, ihre Bemühungen zu vereinen, um die Welt vor Kriegsleid, vor der Bedrohung einer Umweltkatastrophe, vor Armut und Rückständigkeit zu bewahren. Das Ziel, eine sicherere, gerechtere und stabilere Weltordnung aufzubauen, ist realistisch, und es lohnt sich, dafür alles zu tun, was in unserer Macht steht. Lassen Sie uns nicht vergessen: Wir leben alle auf EINEM Planeten! Wir sind EINE Menschheit.“ –

Auch das ist Russland.
Dafür wird Gorbatschow bis heute in Russland gehasst. Aber es hat damals die Welt zum Besseren verändert. Heute sind wir dran, das zum Guten zu tun, was in unserer Macht steht. Und das ist mehr als wir denken.
Und da können wir doch auch bei „Timmel unner Strom“ am Ende sehen, wie es gut geht: Miteinander. Mitnanner kön wi vööl erreichen.
„Timmel unner Strom“ wurde so erfolgreich, weil:
– De Darlehnskasse Timmel wur als Genossenschaft gründ.
– All Timmelers wurden uproopen, hör Geld intobetahlen.
– Un dann stunn Timmel und Ihlerhörn, und Lübbertsfehn und Westgrootfehn unner Strom.

Es braucht Menschen, die anfangen, anders zu denken und anders zu handeln. Miteinander. Füreinander.

Heel toletzt seggt de Erzähler Ludwig Soeken:
„Solang as wi mit Respekt un Würde mitnanner umgahnt,
bün ik vör de Tokummst nich bang.“


Und ich bete mit alten Worten:
„O Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens, dass ich Liebe übe, wo man sich hasst, dass ich verzeihe, wo man mich beleidigt, dass ich verbinde, wo Streit ist, dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält, dass ich Licht anzünde, wo die Finsternis regiert, dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.“ Amen.

Lied: Nun danket alle Gott

Bibeltext: Lukas 6, 27-38 Das Gebot, den Mitmenschen zu lieben

»Aber euch, die ihr mir zuhört, sage ich:
Liebt eure Feinde. Tut denen Gutes, die euch hassen.
Segnet die, die euch verfluchen.
Betet für die, die euch beschimpfen.
Segnet die, die euch verfluchen.
Betet für die, die euch beschimpfen.
Schlägt dich einer auf die Backe,
halte ihm auch die andere Backe hin.
Und nimmt dir einer den Mantel weg,
überlasse ihm auch das Hemd.
Gib jedem das, worum er dich bittet.
Und wenn dir jemand etwas wegnimmt,
das dir gehört, dann fordere es nicht zurück.
Behandelt andere Menschen genauso,
wie ihr selbst behandelt werden wollt.
Wenn ihr nur die liebt, die euch auch lieben:
Welchen besonderen Dank erwartet ihr von Gott?
Sogar die Sünder lieben ja die,
von denen sie geliebt werden.
Wenn ihr nur denen Gutes tut, die euch Gutes tun:
Welchen besonderen Dank erwartet ihr von Gott?
Sogar die Sünder handeln so.
Wenn ihr nur denen etwas leiht,
von denen ihr es wieder zurückerwarten könnt:
Welchen besonderen Dank erwartet ihr von Gott?
Sogar die Sünder leihen sich gegenseitig Geld,
um den gleichen Betrag zurückzubekommen.
Nein! Liebt eure Feinde.
Tut Gutes und verleiht,
ohne etwas dafür zu erhoffen.
Dann werdet ihr großen Lohn erhalten
und Kinder des Höchsten sein.
Denn Gott selbst ist gut
zu den undankbaren und schlechten Menschen.«
»Seid barmherzig, so wie euer Vater barmherzig ist.
Ihr sollt andere nicht verurteilen,
dann wird Gott auch euch nicht verurteilen.
Sitzt über niemanden zu Gericht,
dann wird Gott auch über euch nicht zu Gericht sitzen.
Vergebt anderen, dann wird Gott auch euch vergeben.
Schenkt, dann wird Gott auch euch beschenken:
Ein gutes Maß wird euch in den Schoß geschüttet –
festgedrückt, geschüttelt und voll bis an den Rand.
Denn der Maßstab, den ihr an andere anlegt,
wird auch für euch gelten.«