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Ratten der Lüfte oder Hl Geist?

Vor wenigen Wochen gab es eine Taube in der schönen Ev.-ref. Kirche Aurich.
Wie sie reingekommen war, war unklar. Wie sie rauskommen sollte, noch unklarer. Klar wurde schnell, dass sie viel Unrat hinterlässt. Alles wurde versucht und Rat eingeholt auf Internetseiten und bei Menschen: Architektin der Landeskirche, Wildvogellauffangstation Norddeich, Tierärztin, Kreisjägerschaft, zwei Brieftaubenvereinigungen und dem Ordnungsamt.
Taubenfutter wurde aus besten Brotbackgetreide handgemischt und in zwei Schälchen als Lockmittel vor dem Hauptausgang bereitgestellt: Hirse, Gerste, Weizen, Sonnenblumenkerne. Das Hauptportal blieb bis in den Abend hinein sperrangelweit offen, das Licht wurde am Abend wegweisend zum Hauptportal angemacht, mit einem Tennisball wurde nach ihr geschossen, mit den Flügeltüren geschlagen, die Orgel spielte morgens schon um acht und mit der Yogagruppe machten wir ordentlich Krach. Auch das Fenster hinter der Kanzel stand offen.
Sie auszudursten blieb unsere letzte unchristliche Hoffnung. Nichts geschah, außer dass die Taube dann und wann große Kreise in der wunderschönen Kuppel flog. Und – nun ja: schiss.
„Die Ratten der Lüfte“, sagte unsere Architektin. „Der heilige Geist“, sagte schon lange niemand mehr. Und dann hockte die Taube wieder in acht Meter Höhe auf dem Kuppelfries. Zuletzt deckte unser Küster geistesgegenwärtig alles großflächig mit Malerfolie ab. Vier Tage dauerte dies an, der Sonntagsgottesdienst wurde gedanklich ins Gemeindehaus verlegt.
Und dann am Morgen des vierten Tages: unsere 86-jährige resolute und wieselflinke Organistin nutzte die Gunst der Stunde, vertrieb den Vogel und scheuchte die Taube geistesgegenwärtig zum Hauptportal hinaus: mit dem Klingelbeutelstab.
So gern uns der Heilige Geist im Symbol der Taube willkommen ist, wenn es zu buchstäblich wird, ist es zu problematisch: reformierte Konfession zieht symbolhaften dem allzu konkreten Glauben vor…
Jörg Schmid (Ev.-ref. Kirche Aurich)