In einem ihrer letzten Interviews wurde die Sängerin und Schauspielerin Marlene Dietrich gefragt, warum sie dem Drängen der Nazis, zurück nach Deutschland zu kommen, nie gefolgt sei. Sie sagte darauf nur ein Wort: „Anstand!“

Dies hätte uns einiges lehren können – doch: Ist es Anstand, immer noch zuerst auf die Schwächsten zu zeigen? Auf Rentner, auf Migranten? Wie gern essen wir Gerichte aus fremden Kulturen, aber die Köche wollen wir nicht im Land haben, wenn sie in Not sind. Ist es anständig, wenn Menschen über 40 Jahre hart gearbeitet haben und nun von ihnen erwartet wird, sie sollten sich noch mehr anstrengen?
Ein Teil meiner Urgroßeltern waren Migranten: Schwarzmeer Deutsche – deutsch und russisch sprechend, mein Urgroßvater sprach sogar jiddisch. Nachdem die Lebensbedingungen für die Familie dort ab 1904 immer schwieriger wurden, wollten sie nach Brasilien auswandern. Doch in Deutschland wurde ihnen ihr Geld für die Reise gestohlen. Sie strandeten als Staatenlose und begannen hier ein neues Leben. Sie wurden eine große Familie – und so bin ich zum Urenkel von Migranten geworden. Ja, ich bin selbst mit einem Mann aus dem Ausland verheiratetet. Ginge es nach dem Denken so mancher nicht nur in unserem Land, hätten wir wohl bald ein Ausreiseticket in der Tasche. Und mit uns viele andere auch.
Der Anstand, den die Dietrich lebte, zeigt, wie verlogen die Fingerzeige von heute sind. Er sähe, wie sie nur die üblichen Reflexe bedienen, wenn man sich auf die Schwächsten als Schuldige einigt und „Die da!“ schnell als Probleme, nicht nur im Stadtbild ausmacht.
Anstand dagegen verallgemeinert nicht. Anstand macht sich grade und schaut genau hin. Anstand sucht das Gute, sucht den Respekt, das gegenseitige Verstehen und nicht die Spaltung. Marlene Dietrich würde wohl auch heute im Exil bleiben. Wir Menschen lernen es wohl nie. Oder?
Harald Lemke-Magov, Pastor im Pfarramt der Region Ihlow