Desktop

Tablet / Mobil

Desktop

Tablet / Mobil

13. September 2026 Eine Stimme haben

Meine Großmutter ist in den 1930er-Jahren groß geworden. In einer Zeit, in der man sehr genau überlegen musste, was man sagte – und zu wem. Ich selbst bin in einem Deutschland aufgewachsen, durch das eine Mauer ging. Auf der anderen Seite gehörte es für viele Menschen zum Alltag, besser zu schweigen.

Heute kann ich offen sagen, was ich denke. Ich kann widersprechen, mitreden und mitentscheiden. Und an diesem Sonntag habe ich die Wahl.

Manchmal kommt mir das so selbstverständlich vor. Dabei ist es das überhaupt nicht. Und auch mein Glaube erinnert mich daran, wie wertvoll es ist, eine eigene Stimme zu haben.

Im Neuen Testament gibt es eine kleine Szene, die ich bemerkenswert finde. Der blinde Bartimäus kommt zu Jesus. Eigentlich ist offensichtlich, was ihm fehlt. Doch Jesus entscheidet nicht einfach über seinen Kopf hinweg. Er fragt ihn: „Was willst du, dass ich dir tue?“ Markus 10,51

Was für eine Frage! Jesus gibt diesem Menschen eine Stimme. Er lässt ihn selbst sagen, was er braucht, und nimmt ihn ernst.

Das ist für mich zutiefst christlich: Jeder Mensch hat eine Stimme. Jeder Mensch besitzt eine von Gott geschenkte Würde. Und wir tragen Verantwortung dafür, dass Menschen gehört werden und frei leben können.

Meine Großmutter kannte eine andere Zeit. Auch die Mauer habe ich noch erlebt. Für meine Kinder wünsche ich mir, dass Freiheit und Demokratie ganz selbstverständlich zu ihrem Leben gehören.

Wie gut, dass ich am Sonntag wählen gehen darf. Weil ich eine Stimme habe und sie nutzen darf. Und das ist etwas sehr Kostbares.

Imke Raabe Scheibling, Pastorin in der Kirchengemeinde Ostgroßefehn