Manchmal überlege ich, was ich auf jeden Fall retten würde, wenn ich flüchten müsste. Im Grund nicht schwer zu beantworten: Meine Kinder, meinen Ehemann, die Menschen, die zu mir gehören. Alles andere ist ersetzbar.

Eine schwierigere Frage ist die, was mir mein Glaube wert ist. Vielleicht weiß man das aber auch erst, wenn man in die Bekenntnissituation gerät. Gerade haben wir den 20. Juli begangen und uns an die erinnert, die für ihren Glauben und ihre Überzeugung ihr Leben gelassen haben.
Was bin ich bereit, für meine Glaubensgewissheit zu geben? Nämlich für meinen Glauben, dass Gott jeden Menschen gleich achtet und liebt und dass jeder Mensch meine Achtung und meine Fürsorge verdient. Und genau das sagt auch unsere Verfassung, dass jeder Mensch Würde hat und dadurch Recht auf Freiheit, für die wir alle einstehen sollten. Die beste Verfassung dieser Welt und trotzdem sind wir wieder entsetzt angesichts der Gewalt, die dadurch entsteht, dass einer seinen Glauben, seine Religion und seinen Hass über alles, was wertvoll ist – über das Leben – gestellt hat. Und wir sind entsetzt angesichts der Folge, dass Vorwürfe und Hass aus den verschiedenen politischen Lagern sich dort ausbreiten, wo man sich doch eigentlich einig ist im Entsetzen über Gewalt, Terror und Fanatismus, einig über den Wert und die Würde des Lebens.
Was ist das Wertvollste im Leben? Welche Sicherheiten habe ich? Womit kann ich rechnen? Oft ist mir mein Leben undurchsichtig. Dann will ich nichts riskieren, einfach nur dahinleben, die Augen verschließen… und muss doch Stellung beziehen. So sagt es auch Jesus:
„Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.“ Lk 12,48
Pn. Heike Musolf, Ev.-luth. Paulusgemeinde Aurich-Kirchdorf