Sonntagsbetrachtungen 2021

Die Sonntagsbetrachtungen werden regelmäßig in den Ostfriesischen Nachrichten veröffentlicht. Sie tragen seit Februar den Namen: „Zum Sonntag“
Hier finden Sie die Andachten aus dem Jahr 2021:

30. April 2021

Hans Küng ist tot. Am 6. April starb er im Alter von 93 Jahren. Ich verehre ihn als einen meiner akademischen Lehrer an der Universität in Tübingen. Ich studierte Evangelische Theologie. Er war katholischer Reformtheologe. Das war der Reiz. Der Geist setzt keine Grenzen. Hans Küng suchte den Dialog mit Protestanten, Orthodoxen, Juden, Buddhisten, dem Islam und denen, die mit Religion wenig anfangen können. Theologie mit ihm war ein unerhört spannendes Unternehmen. Natürlich spielte aucheine Rolle, dass er unerschrocken Widerstand leistete und dem Papst die Unfehlbarkeit offen bestritt. Das kostete ihn seinen Lehrstuhl. Aber die Tübinger Universität war schlau genug, ihm einen eigenen Lehrstuhl für Ökumenische Theologie einzurichten. Er war ein brillanter Redner, leidenschaftlicher Forscher, humorvoll mit seinem Schweizer Akzent, unbeeindruckt von hohen Hierarchien, Streiter für ein Christentum über Konfessionsgrenzen hinweg. „Ecclesia semper reformanda“ – immer ist die Kirche zu reformieren – Hans Küng hat sich nie gescheut, sich diesen Leitspruch der Reformation zu eigen zu machen. Er fragte direkt: „Ist die Kirche noch zu retten?“ Seine Antwort war klar: Ja, trotz allem, wenn in der Kirche die Botschaft Jesu gelebt wird. Dann würde die Kirche vielleicht wieder als Gewissen der Nation ernst genommen, als prophetische Stimme gegen moralische Verfallserscheinungen und als Instanz der Orientierung ohne Verfallsdatum. Eine seiner Hauptthesen war: Es gibt keinen Weltfrieden ohne Religionsfrieden. Den Einfluss der Religionen politisch zu unterschätzen wäre ein schwerer Fehler. Gerade aus europäischer Perspektive mit seiner weit fortgeschrittenen Abwendung von Kirche und Glauben könnte man diesem Irrtum leicht verfallen. In anderen Weltgegenden wie dem Nahen Osten, Asien und Afrika sieht das aber völlig anders aus. Hans Küng arbeitete heraus, dass alle großen Weltreligionen in ihren sittlichen Wertvorstellungen über eine zentrale Gemeinsamkeit verfügen. Dieser innere Kern heißt: Frieden. Frieden in der Welt wird es ohne den Beitrag der Religionen zu einem Weltethos des Friedens nicht geben können. Das legt den Religionen eine hohe Verantwortung auf, zumal Extremisten und Fundamentalisten Religion immer wieder missbrauchen und vermeintlich im Namen Gottes Terror und Kriege rechtfertigen. Um dies sachgemäß herauszuarbeiten, braucht es einen Schlüssel. Dieser Schlüssel ist ein aufgeklärter Glaube. Mit allen Maßstäben der Vernunft und der Wissenschaft braucht es Fragen und Zweifeln. An dessen Ende steht für Küng „vernünftiges Vertrauen“. Nicht „etwas glauben“, nicht „jemandem glauben“, sondern „an jemanden glauben“, nämlich an Jesus Christus, das meint „Ich glaube“. Wer Lust verspürt, das christliche Glaubensbekenntnis mit „vernünftigem Vertrauen“ zu durchdenken, kann sich mit Hans Küng auf diesen Weg machen. Sein Buch „Credo“ ist allgemeinverständlich geschrieben und eine lustvolle Lektüre. Am Ende seines Lebens war Hans Küng schwer von Krankheit gezeichnet. Das Sprechen fiel dem wortgewandten Lehrer schwer. Klar und deutlich aber sprach er zuletzt von Anfang bis zum Ende das Vaterunser mit. Und dann starb er. Aus einem Mittagsschlaf am 6. April ist er nicht mehr erwacht. Ein sanftes Sterben. Mir und vielen anderen bleibt ein Mensch in Erinnerung, der der Kirche kritisch den Spiegel vorhielt und ihr in allen Anfechtungen die Treue hielt.

Tido Janssen, Superintendent im Kirchenkreis Aurich

14. April 2021

Lieber Leserinnen und Leser, „Es gab in meinem Leben viele Katastrophen. Einige davon sind sogar passiert.“ Diese klugen Worte kommen von Mark Twain. Er hat erlebt, dass die meisten Katastrophen nur in seinem Kopf passiert sind. In dem Moment, in dem er grübelt und überlegt, was alles sein kann. Was alles Schlimmes passieren könnte. Aber passiert ist von dem kaum etwas. Mich erinnert das an einen Krankenbesuch, den ich vor einigen Jahren gemacht habe. Ein altes Ehepaar war dort. Er liegt krank im Bett und wird nicht mehr lange leben. Sie sitzt daneben. Völlig erstarrt. „Wir haben unser ganzes Leben immer mit dem Schlimmsten gerechnet, mein Mann und ich. So sind wir nie enttäuscht worden. Auch jetzt nicht, wo die Ärzte mir gesagt haben, dass mein Mann stirbt. “Diese Worte sind mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen: „Wir haben immer mit dem Schlimmsten gerechnet unser ganzes Leben. “Ich kann diese Einstellung verstehen und dennoch habe ich mir damals gesagt: „Das möchte ich nicht. Immer mit dem Schlimmsten rechnen. Das muss doch auch anders gehen.“ Und dennoch: Wie oft erlebe ich es trotz meines guten Vorsatzes, dass ich mir Katastrophen ausmale. Mit dem Schlimmsten rechne. Gott sagt jedoch etwas Anderes. Durch die Auferstehung von Jesus macht er klar: Rechne nicht mit dem Schlimmsten. Rechne mit dem Besten! Und der Grund dafür: Jesus, der tot war, lebt. Das kann einen Menschen verändern, der in einer tiefen Krise steckt, das kann einen Kranken verändern, ja sogar einen Sterbenden, wenn er auf einmal mit dem Besten rechnet. Ich werde leben, weil Du, Jesus, lebst.
Und wie geht das? Daran glauben, an das Beste, an den Auferstandenen? In einem Zitat heißt es: „Den Auferstandenen findet man nicht wie ein Stück Holz oder Stein. Er offenbart sich nicht der Neugier, sondern der Liebe.“ Mit dem Besten rechnen heißt mit der Liebe rechnen. Und keiner hat uns seine Liebe so vollendet gezeigt wie Jesus.
Und deshalb können wir mit dem Besten rechnen, denn Jesus ist auferstanden. Amen.
Pastorin Imke Scheibling

20. März 2021: Nach Corona werde ich …

…endlich wieder ins Schwimmbad gehen!“, verrät mir ein Schüler. Auch die anderen erzählen mir von ihren großen und kleinen Plänen nach der Pandemie. Sie tun mir leid. In ihrem Alter sollte man die Sommer des Lebens erleben. Pläne schmieden und sofort in die Tat umsetzen. Corona macht einen Strich durch die Rechnung.
Nach dem Unterricht begegnet mir eine Zahl: 633. Das hätte ich nie geschätzt! 633 Leute haben in einem Jahr ihren Motorradführerschein gemacht, obwohl sie schon 75 Jahre und älter waren. Schön, wenn man in diesem Alter noch so gesund ist und den Mut hat, Pläne zu verwirklichen!
Wir sollten nicht zu lange warten, unsere Lebensträume zu erfüllen. Corona hat uns gezeigt, dass plötzlich alles angehalten wird.
Pläne liegen auf Eis und die Zeit verrinnt. Oder wir warten zu lange, verschieben Vorhaben und Träume und werden immer älter. Plötzlich ist es dann für einige Dinge einfach zu spät. Die Zeit dafür ist abgelaufen. Auch ganz ohne Lockdown.
„Ich bin erschöpft vom Seufzen“, klagt ein alter Mensch in der Bibel, der lebensmüde geworden ist. Warum einige noch so fit sind im Alter und andere nur Gründe haben zum Seufzen, das bleibt ein ungelöstes Rätsel für uns Menschen.
Ich glaube aber fest daran, dass Gott seinen Plan mit uns Menschen verwirklicht: „Mein Plan ist, dir Heil zu schenken und dir Leid zu nehmen.“
Und bis dahin versuche ich viele meiner Träume schon jetzt zu verwirklichen, bevor ich alt im Lehnstuhl sitze und seufzend an all die Chancen denke, die ich nicht genutzt habe. Und wenn die Corona-Pandemie endlich vorbei sein sollte, dann werde ich…
Und Sie?

Von Cathrin Meenken, Pastorin der Lamberti-Kirche Aurich

13. März 2021: Liebe lebt auf, die längst erstorben schien

Hans Bookmeyer, Pastor für besondere Aufgaben im Kirchenkreis Aurich

In Hinblick auf die kirchliche Jahreszeit befinden wir uns in der Mitte der Passionszeit, in welcher wir der Leiden Jesu Christi gedenken. Sein Leiden führt ihn schließlich in den (irdischen) Tod. Der Sonntag „Laetare“ (= „Freue dich!“; in diesem Jahr am 14. März) aber weist schon über die Passionszeit hinaus auf das österliche Freudenfest, an welchem wir Jesu Auferstehung feiern dürfen (in einigen ostfriesischen Kirchengemeinden hat dieser Sonntag daher auch noch den Bei-Namen „Lüttje Ostern“, also „Kleines Ostern“).
Diese Freude wird allen zuteil, die sich Jesus anvertrauen, der das Leid der tödlichen Gottesferne auf sich nahm, um diese für alle Menschen zu überwinden, die sich ausrichten auf ihn, um durch Seine Auferstehung Anteil zu bekommen am ewigen, vollkommenen Leben bei Gott. Darauf weist auch eines der Lieder für die Laetare-Woche (Evangelisches Gesangbuch Nr. 98); in der ersten Strophe heißt es: „Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt, Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt. Liebe lebt auf, die längst erstorben schien …“. Das Korn steht dabei sinnbildlich für den Leib Jesu (vergleiche den Wochenspruch, Evangelium nach Johannes, Kapitel 12, Vers 24): „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Manches mag uns Menschen, wenn nicht lebensbedrohlich, so zumindest beängstigend, bedrohend (er)scheinen; es mag uns leiden, uns von Gott verloren zu sein fühlen lassen. Die Passion Jesu jedoch zeigt, dass wir es nicht sind, nicht einmal im (irdischen) Tod, wenn wir uns durch Jesus Christus an Gott klammern, allem möglichen Zweifel zum Trotz. Selbst Jesus schrie am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Doch gerade mit diesem Ruf der Verzweiflung klammerte er sich an Gott und wurde durch den Tod hindurch gerettet zum ewigen Leben ohne Leid und Qual. Leid gibt es, ganz unterschiedlich der Art und Tiefe nach, in jedem Leben. Wie auch immer: Wir bleiben begleitet von Gottes Liebe. Er ringt in Christus darum, dass wir uns ihm anvertrauen. Tun wir’s, und wir werden im selben Augenblick spüren, wie unsere Seele gestärkt wird und Ängste an Intensität verlieren. Seine Liebe lebt dann in uns auf, welche uns unseren Weg auf ihn zu weitergehen lässt, selbst durch den Tod hindurch. Seine Liebe lebt dann in uns auf, wirkt Zuversicht und Freude (darüber). Und: Wo möglich, sind wir eingeladen, andere in deren Leid liebend zu begleiten; Hoffnung zu bezeugen, die in Christus begründet ist, Freude neuen Raum zu geben und sei es unter Tränen (welche Gott abwischen wird, siehe das Buch Offenbarung, Kapitel 7, Vers 17).
Ich wünsche uns allen die Zuversicht wie Freude wirkende Erfahrung des Segens Gottes!

Von Hans Bookmeyer, Pastor für besondere Aufgaben im Kirchenkreis Aurich

6. März 2021: Kein Superheld – das ist stark!

„In allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten“ (2. Korinther 6,4). Wenn man den Apostel Paulus so hört, könnte man meinen, er würde über allem stehen. Nach dem Motto: ich halte alles aus, kein Zweifel. Doch Paulus ist kein Held. Das, was wir heute von ihm lesen, ist das Ergebnis eines langen, eines schmerzhaften Prozesses. Angefangen mit einem Tiefpunkt in Damaskus, seiner Berufung, bei der ihm Hören und Sehen verging. Wie oft war Paulus seitdem verzweifelt! Wie inständig bettelte er darum, von körperlichen Schmerzen erlöst zu werden! Wie oft befand er sich in hoffnungsloser Lage. Doch Paulus hat über Gott und sein Leben nachgedacht. Hat sich Gottes Auferstehungskraft nicht dort in aller Macht gezeigt, wo ich selbst ohnmächtig war? Habe ich nicht dort Hilfe bekommen, wo ich in Gefahr war? Hat sich nicht dort eine Tür geöffnet, wo ich keine Hoffnung mehr hatte? Für Paulus ist sein Leiden ein Ort der Gotteserfahrung. In seiner Passion fühlt sich Paulus mit Jesus Christus, dem Gekreuzigten, geradezu körperlich verbunden. Er deutet es gegenüber der Gemeinde so: „Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserem Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserem Leibe offenbar werde“ (2. Korinther 4,10). Am Ende ist er überzeugt, dass „dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll“ (Römer 8,18). Bis dahin muss Paulus vieles aushalten. Er schafft es, dabei nicht zu verbittern. Freundlichkeit, Großmut, Geduld kann er aufbringen, weil die Kraft und die Liebe Gottes in ihm wohnen. Oder mit Paulus gesagt: „Ich lebe, doch nicht ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20). Nicht nur in der Schwäche, auch in der Stärke zeigt sich Gott.

Von Theda Frerichs, Pastorin im Kirchenkreis Aurich

27. Februar 2021: Damals, als es noch Straßenmusik gab

Liebe Leserinnen und Leser, wenn man früher durch die Stadt ging, konnte es passieren, dass da jemand stand und musizierte. Manche sangen sogar zur Musik. Diese wunderbare Tradition nannte man Straßenmusik. Die Künstlerinnen und Künstler stellten vor sich ein Behältnis, manchmal war es ein Hut. Wem die Musik gefiel, der konnte ein paar Münzen hineinwerfen. Ich habe damals oft angehalten und den Musikanten ein Weilchen zugehört. Oft habe ich mich gefragt, warum er oder sie nicht berühmt ist und auf der Straße spielen muss. Und einmal hat mir dann jemand erklärt, dass Erfolg nicht unbedingt etwas mit Qualität zu tun hat und Misserfolg schon gar nicht etwas mit Unvermögen. Das waren noch Zeiten, als es Straßenmusik gab, oder? Ja ich weiß, so lange ist das noch gar nicht her. Am Sonntag geht es in tausenden evangelischen Kirchen um einen
uralten Bibeltext aus dem Propheten Jesaja. Es ist ein Lied. Eine Art Straßenmusik vor langer Zeit. Es handelt von Aufbruch und Abbruch. Von engagiertem Pflanzen und elendem Verdorren. Es ist ein Lied, welches wir heute noch immer singen könnten. Und es ist ein düsteres, sehr trauriges Lied. Seit diesem Lied aus Jesaja sind manche Pandemien um die Welt gegangen. Ganz verstummt ist die Musik aber Gott sei Dank nie. Die Musik mahnt und tröstet. Gibt Orientierung und unterhält. Was wäre die Welt ohne Musik? Welche Lieder werden die Straßenmusiker/innen singen, wenn es wieder möglich ist? Es werden Lieder von Verzweiflung und Hoffnung sein. Von Abschied und Neuanfang. Und in fast allen wird es um Liebe gehen. Wie bei Jesaja im fünften Kapitel. Mehr dazu am Sonntag um 10 Uhr bei Radio Ostfriesland, bei den digitalen Angeboten der Gemeinden oder in Eurer Kirche!

Von Martin Kaminski, Pastor in Aurich-Oldendorf

20. Februar 2021: Alles wird wieder gut 

Kennen Sie diesen Ausspruch auch aus Ihrer Kindheit? Wenn es Schrammen oder Kratzer gab oder Ärger mit den anderen Kindern, dann hatte die Mutter diesen Spruch immer im Gepäck. Alles wird wieder gut! Wenn sie das gesagt hatte, sah die Welt gleich wieder anders aus. Denn uneingeschränkt vertraute man darauf, dass es so sein würde. Alles wird wieder gut! Wie sehr sehnen wir uns danach als Erwachsener, dass diese Worte jemand zu uns sagt. Wie sehr wünschen wir uns, wieder heil zu werden nach einer Verletzung, nach einem traurigen Erlebnis, einer schwierigen Erfahrung, einer angeknacksten Beziehung. Alles wird wieder gut! Aber selbst, wenn uns jemand diese Worte sagen würde, könnten wir sie glauben?
Spricht unsere Lebenserfahrung nicht eine andere Sprache: Es wird eben nicht wieder alles gut. Der Schmerz bleibt, der Traum ist zerplatzt, das Verpasste nicht nachzuholen.
Und wie reagieren wir in diesen Tagen auf den Satz: Alles wird wieder gut? Belächeln wir ihn oder verspotten wir denjenigen, der diesen Satz überhaupt wagt, auszusprechen?
Können Sie daran glauben, dass alles wieder gut wird? Und was ist denn überhaupt gut? Das, was für mich gut ist, muss nicht zwangsläufig für andere gut sein. Nun denken Sie vielleicht: Gut – das ist im Moment ganz einfach zu beschreiben. Eine Rückkehr zur Normalität, eine Aufhebung aller Einschränkungen und Beschränkungen, das würden wohl alle als gut bezeichnen. Nähe haben zu dürfen, uneingeschränkte Kontaktmöglichkeiten – wäre das nicht bestens? Ja, das wäre es, keine Frage!
Aber hatten wir all das nicht, bevor das Virus zu uns kam? Und war da tatsächlich alles gut? Waren wir glücklich und zufrieden? Und konnten wir unseren Alltag tatsächlich als gut beschreiben? Oder gab es da nicht den Termindruck, beruflich wie privat? Gab es da nicht den Wunsch, immer schneller, höher, weiter zu kommen? War uns Nähe oftmals gar nicht als so wertvolles und hohes Gut erschienen? Waren die Individualisten nicht auf dem Vormarsch? Mit Sicherheit trägt jeder und jede von uns den Wunsch in sich, wieder ein „normales“ Leben führen zu dürfen. Doch ist nicht jetzt die Zeit, darüber nachzudenken, was ich unter „normalem Leben“ verstehe, was „gut“ für mich bedeutet?
Alles wird wieder gut, nein, ich denke diesen Satz kann ich so heute nicht mehr gut hören. Alles wird wieder – seinen Weg finden, sich entwickeln. Das klingt für mich realistischer. Vielleicht wird es auch gut, aber das muss sich zeigen, für jeden und jede Einzelne anders.

Von Susanne Triebler, Pastorin in Moordorf

13. Februar 2021: Wellerman

Ich habe einen Wurm. Einen Ohrwurm. Seit Tagen schon habe ich immer wieder dieses Lied im Ohr, den „Wellerman“. Ein Video hat dieses alte Seemannslied der Walfänger bekannt gemacht. Ein einprägsamer Rhythmus und ein Refrain, den ich immer wieder summe:

„Soon may the wellerman come/
to bring us sugar and tea and rum,/
one day when the tonguing is done/
we‘ll take our leave and go.“

Bald möge der Mann von Wells (= das Versorgungsschiff) kommen und uns Zucker, Tee und Rum bringen, eines Tages, wenn die Arbeit (tonguing = wahrscheinlich das Zerlegen des Wales) fertig ist, werden wir heimgehen. So in etwa die Übersetzung.
Im Lied geht es um eine 40 Tage lange Jagd auf einen Wal, um Arbeit und Anstrengung, um Verlust von Männern und Booten und um Sehnsucht. Sehnsucht nach „Zucker und Tee und Rum“ und danach, die schwere Arbeit (für eine Zeit) hinter sich zu haben. Die Gefühle dahinter rühren etwas in denen an, die das Lied hören und mitsingen – weltweit. Der Wunsch, wieder etwas mehr „Zucker“ und „Rum“ im Leben zu haben – Freude und Feiern. Die Sehnsucht, (wenigstens für eine Zeit) nicht mehr geduldig sein zu müssen, wieder zurück in die Schulen und Büros kehren zu können, Arbeit mit Menschen, mit Kindern, Kranken, Alten und Sterbenden wieder unter „normalen“ Bedingungen machen zu können. Ohne Angst vor Ansteckung, ohne Maske und Schutzanzug, mit Umarmungen. Die alten Seemannslieder haben diesen Rhythmus, bei dem man automatisch mitgeht. Weitermacht. Die Arbeit anpackt, die dran ist. Wo der stampfende Rhythmus dir in Beine und Hände geht, bis sie Kraft kriegen, und Dein Herz Freude. Gerade deshalb passen sie gut in diese Zeit. Helfen uns, zurück an den Schreibtisch, ans Krankenbett, an die Werkbank zu gehen. Gemeinsam weiterzumachen, durchzuhalten.
Für mich ist dieses Wellerman-Lied ein Lied des Glaubens. Dass eines Tages einer wieder Freude zurückbringt. Dass es einen Tag geben wird, an dem das alles hinter uns liegt, was wir uns heute von der Seele singen. Vielleicht kommt dieser Tag in ein paar Monaten, wenn die Pandemie beherrschbarer ist. Vielleicht ist es aber auch ein Tag jenseits unserer Zeitvorstellungen. Der Tag, wo Gott, wo Jesus uns „Zucker“ und „Rum“ – das Fest am Ende des Lebens – bringt.
Wo die Arbeit, die Anstrengung und die Sorge für immer hinter uns liegt. Die Bibel hat eine Vision davon, im Buch der Offenbarung: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“
Darauf hoffe ich und gehe mit dem Wellerman-Lied im Ohr zurück an die Arbeit.

Ausserdem als Zugabe ein Video der Tanzschule Astrid Löschen als Beitrag zur Wellerman-Challenge
https://www.facebook.com/watch/?v=1060655234413087

Von Wolfgang Beier, Pastor in Münkeboe und Moorhusen

6. Februar 2021: Du siehst aus, wie ich mich fühle

„Du siehst aus, wie ich mich fühle.“ So werden Fotos von Tieren überschrieben, die immer donnerstags in einer Hamburger Wochenzeitung zu sehen sind: Da schüttelt mal ein Pferdekopf die helle wilde Mähne, mal stiert mich ein Pavian wütend an, mal schaut nur noch die Nasenspitze vorwitzig aus einer stacheligen Kugel heraus. Dass Tiere so wie Menschen gucken können, irritiert mich. Natürlich stecken fotografisches Geschick und vermutlich eine Menge Technik dahinter, um solche Bilder zu erzeugen. Allerdings ist außerhalb von Profi-Fotostudios auch der Welpen-Blick bekannt und berüchtigt: Mit ihm kann man jedes noch so hartgesottenes und in Stein gemeißeltes elterliches Verbot in Luft auflösen.
Mimik ist wichtig – so „sprechen“ wir Menschen schließlich auch miteinander. Wieso sonst werden Emojis bei Textnachrichten mitgeschickt, damit der Empfänger diese hoffentlich nicht in den falschen Hals bekommt, sondern rechtzeitig merkt, dass das nicht so ganz ernst gemeint ist? Mimik kommuniziert, deutet und ist ein Spiegel für das, was ich ausspreche, denke, fühle – und ja, auch für das, was ich glaube. Letztes Weihnachten wurden arrangierte Fotos von Krippenfiguren verschickt, auf denen Maria, Josef und auch das Kind in der Krippe eine Mund-Nasen-Maske trugen, schließlich stand das ganze Weihnachtsfest 2020 im harten Lockdown. Und jüngst habe ich Fotos gesehen, die den gekreuzigten Jesus mit Mundschutz-Maske darstellen: Christus, der Leidensmann, sieht nun aus, wie ich mich fühle? Mag sein, aber weder Gott noch der gekreuzigte Christus maskieren sich. Das Gegenteil ist der Fall: Gott zeigt Gesicht, maskiert sich nicht. In den Jesus-Geschichten zeigt er, wie er ist und uns anschaut: liebevoll, zugewandt, auf Augenhöhe mit allen. So, wie Gott handelt und spricht, hat Wirkung.
So, wie Gott in Jesus und in der Kraft des Geistes handelt und spricht, hat Wirkung. Die Geschichten von Jesus sind wie ein Spiegel oder ein Bild, das zeigt: So sieht dich Gott! Wie bei den Fotos aus Hamburg kann ich biblische Personen entdecken, die wie ich fühlen: manchmal etwas verloren wie Zachäus auf dem Maulbeerbaum, mal unter die Räder gekommen wie in der Geschichte vom Barmherzigen Samariter, mal in größter Sorge um einen kranken Angehörigen, mal fehlgeleitet und im Unrecht wie die Pharisäer, die Jesus gerne provozierten. Die Bibel sieht aus, wie ich mich fühle. Und, wie fühlst Du Dich? Schau mal in die Bibel.

Von Silke Kampen, Pastorin in der Matthäuskirche Wallinghausen

30. Januar 2021: Befreiung von unseren Geistern

Diese dunkle Jahreszeit und das trübe Wetter mit Regen und manchmal leichtem Schneefall drücken auf die Stimmung, wie so vieles in unserem Leben momentan. Die Corona-Pandemie hat uns alle weiterhin im Griff und so sind bereits bestehende Einschränkungen noch einmal ausgeweitet worden. Für Gottesdienste gilt zum Beispiel eine Anmeldepflicht bei den Ordnungsämtern. In unseren Gemeinden sind wir aber dankbar, dass wir weiterhin Präsenzgottesdienste feiern können – unter Einhaltung aller bereits länger praktizierten Hygienemaßnahmen.
Im Sonntagsgottesdienst tut es gut, miteinander zu beten (das Singen ist ja untersagt) und zusammen das Wort Gottes zu hören. Im Evangelium des morgigen Sonntags hören wir in unseren katholischen Kirchen davon, wie Jesus in der Synagoge von Kafarnaum die Menschen lehrt (Mk 1,21 ff.).
Der Evangelist Markus schreibt: Die Menschen waren voll Staunen über seine Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat. In der Synagoge kommt es auch zur Begegnung mit einem Besessenen; Jesus befiehlt dem unreinen Geist, den Mann zu verlassen. Als er ihn verlassen hat, staunen die Menschen über Jesus, weil sogar die unreinen Geister ihm gehorchen. Auch heute gibt es so viele unreine Geister, von denen Jesus uns heilen möchte: die Nörgelei; die Angst, im Leben zu kurz zu kommen; der Wunsch nach immer mehr; die Jagd nach günstigem Fleisch und Textilien, obwohl dadurch Natur, Tiere und Menschen ausgebeutet werden; das Herziehen über andere, … – eine Reihe, die sich noch endlos fortsetzen lässt.
Den Mann damals hat Jesus geheilt und befreit. Heute will Jesus auch uns von all unseren großen und kleinen Geistern befreien und heilen. Eine Stärkung bekommen wir im Gebet und in der gemeinsamen Feier des Gottesdienstes.
Ich wünsche allen in dieser nicht einfachen Zeit einen gesegneten Sonntag!

Von Carl Borromäus Hack, Pastor der Katholischen Kirchengemeinden Neustadtgödens, Aurich, Wiesmoor, Wittmund und Jugendseelsorger für das Dekanat Ostfriesland

23. Januar 2021: Erst mal eine Tasse Tee

Erst mal eine Tasse Tee, egal ob Stress, Freud oder Leid. Es ist eine Auszeit, zur Ruhe kommen, sich besinnen, ins Gespräch kommen. Aber auch Geborgenheit oder ein herzliches Willkommen wird so zum Ausdruck gebracht. Dieses Ritual kennen wir wohl alle. Tee trinken hilft und tut gut.
„Abwarten und Tee trinken“. Irgendwann im Herbst bei einem der vielen Krisengespräche mit ehrenamtlichen Gruppenleitern aus der Gemeinde fiel dieser Satz: „Abwarten und Tee trinken.“ So daher gesagt und doch so ausdrucksvoll. Dieser Satz spiegelt die aktuelle Situation wieder, vor der wir nicht fliehen können. Es heißt abwarten, aber auch keine Panik bekommen, gelassen bleiben. Jede und jeder von uns ist gefordert. Gerade abwarten ist nicht einfach, es erfordert Geduld und Ausdauer. Doch abwarten heißt nicht nur Stillstand, nein warten kann gestaltet werden. Das ist leicht gesagt und sicher kann es nicht jeder. Warten ist anstrengend und ermüdend. In den Kirchengemeinden ruhen viele Angebote schon seit Monaten. Das ist schwer auszuhalten. Es wird nach Lösungen gesucht, Neues entwickelt und umgesetzt. Es gibt beispielsweise Gottesdienste im Internet oder im Freien, Konfirmandenunterricht im Homeoffice und mit kreativen Hausarbeiten. So werden viele innovative und digitale Ideen umgesetzt, die uns das Warten ein bisschen erleichtern.
Natürlich kann die Begegnung, das Miteinander, das gemeinsame Tee trinken mit Freunden, Verwandten und in den Gruppen und all das, was zurzeit nicht möglich ist, nicht ersetzt werden. Das ist wohl unmöglich. Hoffnung und Gottvertrauen sind im christlichen Glauben tief verwurzelt. So wünsche ich mir ein gemeinsames, kreatives Abwarten mit Vorsicht und Rücksicht, auf Distanz, aber nicht allein, mit einer Tasse Tee und vielleicht ja morgen mit einem Gottesdienst aus dem Internet.

Von Helmut Hosemann, Diakon der Friedenskirche Wiesmoor und der Paulusgemeinde Aurich-Kirchdorf

16. Januar 2021: Mensch, wo bist du?

Am kommenden Donnerstag ist es so weit. Endlich. Eine Schatzkiste. Ich möchte sie öffnen. Mit meinen eigenen Händen. Ich warte ungeduldig. Jetzt nur noch ein paar Tage. 4-3-2-1- los geht’s. Perlen, Juwelen, Gold. Das alles möchte ich sehen. Mit meinen eigenen Augen. Am Donnerstag, dem 21. Januar, erscheint eine neue Übersetzung der Bibel. Die Basis-Bibel. Sie wird angekündigt als die Bibel für das 21. Jahrhundert. Ja, es braucht eine neue Bibel. Sprache verändert sich.
Als Martin Luther vor 500 Jahren die Bibel ins Deutsche übersetzte, lautete sein Erfolgsrezept: „Dem Volk aufs Maul schauen“. Er fand eine Sprache, die die Menschen zu seiner Zeit leicht verstanden. So schön diese Sprache für viele auch ist, sie ist nicht mehr die Sprache von heute. Besonders junge Menschen, die mit der traditionellen Sprache der Bibel nicht vertraut sind, brauchen eine frische Neuübersetzung.
Aber nicht nur Sprache wandelt sich, auch die Art, wie wir lesen. Digitale Medien beeinflussen unser Leseverhalten. Immer mehr Lesestoff steht uns zur Verfügung. Zeit und Bereitschaft zur intensiven Lektüre nehmen aber ab.
Der Text der neuen Basis-Bibel ist deshalb besonders lesefreundlich gesetzt. Kein romanhafter Textblock, sondern wie ein Gedicht in luftigen Zeilen kommt diese Bibel daher. Kurze Sätze. Lesevergnügen. Am Rand: Zusatzinformationen zum leichteren Verstehen auf der Grundlage aktueller biblischer Forschung. Leicht zu lesen. Gut zu verstehen.
Auch digital ist die Basis-Bibel jetzt schon in Teilen zugänglich (www.basisbibel.de). Öffnen wir die Schatzkiste, werden wir großartige Kostbarkeiten entdecken. „Mensch, wo bist du?“ Gott fragt nach uns. Gott sucht uns. Hören wir seine Frage noch? Oder ist sie unserem Herzen und unserer Seele fremd geworden? Gottes Lust am Finden ist riesengroß.

Jesus erzählt haufenweise Geschichten davon. Den Zöllner Zachäus entdeckt er im Baum. Er holt ihn da runter. In seinem Haus wird es ein Fest. Den verlorenen Sohn sieht er schon von Weitem kommen. Mit offenen Armen empfängt er ihn. Diese Geschichten lassen uns Gottes Herzschlag spüren. Es schlägt für uns. „Mensch, wo bist du?“
Unbequem ist diese Frage auch. Sie fragt nach unserer Verantwortung. Sind wir uns selbst die Nächsten? Oder sehen wir weiter? Auch der Fernste ist mein Nächster. Jesus erinnert uns: „Was ihr für einen meiner Brüder oder meiner Schwestern getan habt – und wenn sie noch so unbedeutend sind – das habt ihr für mich getan.“ Tja, ob den Impfstoff wohl alle bekommen? Auch in den südafrikanischen Townships? Oder bekommen ihn erst mal nur die reichen Länder? „Mensch, wo bist du?“ Lies doch mal wieder. Lass Dich finden und höre Gottes Herzschlag neu.

Von Tido Janssen, Superintendent im Kirchenkreis Aurich

9. Januar 2021: Vergebung finden

„Nun?” sagt der Vater, als der Sohn aus der Kirche kommt – „Worüber hat der Pastor gesprochen?” „Über die Sünde!” – „Und? Was hat er gesagt?” „Er war dagegen!” Vielleicht haben Sie diese witzige Anekdote schon einmal gehört. Mehr gibt es scheinbar nicht zu sagen. Wir verstehen. Der Pastor redet über die Sünde; und was sagt er? Natürlich, er ist dagegen, was denn sonst? Denn so ist die Botschaft von Kirche: Sünde soll nicht sein. Der Mensch soll lieben, er soll sich moralisch verhalten, die Zehn Gebote beachten und Frieden stiften. Und das stimmt ja auch. Und doch bekomme ich bei dieser Charakterisierung von Kirche immer eine Gänsehaut. Das ist Kirche als institutionalisierte Moralapostelin!

In diesen Tagen wird viel über den richtigen Weg in der Corona-Pandemie diskutiert. Ich habe großen Respekt vor den Entscheidungen der Politiker. Ob alle richtig sind, wissen wir nicht. Aber es gehören jedenfalls Mut und Vertrauen dazu. Und auch die Einsicht in etwaige Fehler.

Ich wünsche mir auch eine Kirche, der es gelingt, mutig Entscheidungen zu treffen und auch, eigene Fehler zuzugeben, zu sagen, dass wir auch als Kirche Vergebung suchen, uns verändern können und glauben: das Alte hat keine Macht mehr über uns! Und ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der es möglich ist, Fehler auch öffentlich einzugestehen, ohne dabei Gefahr zu laufen, sich dadurch selber für die Zukunft zu disqualifizieren. Wer seine Schuld bekennt, wer um Vergebung bittet und wer glaubwürdig sein Leben verändert hat, der darf doch gerade in einer vom christlichen Abendland geprägten (politischen) Kultur darauf hoffen, dass seine Veränderung ernstgenommen und anerkannt wird.

Der christliche Glaube ist nicht weltfremd und nur für witziger Anekdoten gut. Jesus zeigt den Weg zum Leben, und der führt in keiner menschlichen Gemeinschaft an Schuldbekenntnis und Vergebung vorbei. Und eine politische Kultur, die voraussetzt, dass Politiker/innen keine Fehler machen und ohne Sünde sind, hat nichts verstanden und hat es bitter nötig, dass sie sich Zeit nimmt für eine Neuorientierung. Wie wär’s am Anfang dieses Neuen Jahres?

Von Claus Dreier, Pastor im Ev.-luth. Kirchenkreis Aurich