Predigt bei der Evangelischen Gemeinschaft

am 19.1.2020 Text: 1. Mose 18,20-33

Wir Christen sollen erkennbar sein. Wir sind wie die Stadt auf dem Berge. Unverkennbar, unübersehbar, unüberhörbar: Gottes Kinder.
Wir sind das Salz der Erde. Schmackhaft. Geben der ganzen Sache die Würze. Wir sind unverzichtbar für unsere Welt. Deshalb heißt es in der Bibel auch:

„Suchet der Stadt Bestes!“

Ich habe in einem Brief mit diesen Worten dem neu gewählten Auricher Bürgermeister gratuliert.
Aber: Das ist ein biblischer Auftrag an uns alle.
Wie steht es um unsere Stadt?

Um unser Land?
Um unsere Erde?
Vieles stimmt mich bedenklich:

  •   Eine Sprache der Ausgrenzung greift um sich. Menschen machen andere Menschen schlecht, weil sie anders denken, anders aussehen, anders leben. Oft ist es geradezu eine Sprache des Hasses. Es sind nicht nur solche Leute wie Matteo Salvini, Bolsonaro, Orban und Trump. Es geschieht auch in heimischen Wohnzimmern, in Schulklassen, auf Facebook und am Holzkohlegrill.
  •   Das gesellschaftliche Klima ist rauer geworden.
  •   Und darüber hinaus erleben wir weltweit eine

    Klimakrise ungekannten Ausmaßes.

  •   Vieles schreit und stinkt zum Himmel.

Was ist da das Beste?
Das Beste für die Stadt suchte auch Abraham. Ich will heute von ihm erzählen,
eine der wunderbaren Geschichten des AT. Verwegen handelt Abraham. Verhandelt er.
Mit keinem anderen als Gott selbst. (1. Mose 18)

Der HERR sprach: „Wir wollen gehen. Wir wollen prüfen,
was in Sodom und Gomorra geschieht. Denn die Menschen dort

sind von Grund auf verdorben.
Ihre Gräueltaten schreien zum Himmel und ihre Sünde wiegt schwer.“

Erschrocken blieb Abraham stehen vor dem HERRN:„Willst du etwa diese Städte zerstören?“
In Sodom wohnt doch Lot!
Was würde aus ihm?

„Ach Herr“, fragte Abraham,
„willst du denn zulassen,
dass alle Menschen dort sterben?
Vielleicht wohnen in Sodom auch Menschen, die auf dich hören.
Vielleicht 50, Herr?“

Da sprach Gott:
„Wenn ich dort 50 finde, die auf mich hören,will ich diese Stadt nicht zerstören.

Aber wenn es nun weniger waren?

Abraham versuchte es noch einmal:
„Wenn es aber fünf weniger sind?“
Gott sprach: „Dann will ich die Stadt auch nicht zerstören.“

„Vielleicht sind es aber nur vierzig?“, wandte Abraham ein. Gott sprach: „Auch dann will ich die Stadt nicht zerstören.“

„Und wenn es nur dreißig sind?“ „Auch dann nicht“, sprach Gott.

„Ach Herr“, sprach Abraham,
„erlaube, dass ich noch einmal frage:
Wenn es nur zwanzig sind, die auf dich hören?“
Gott sprach: „Auch dann will ich die Stadt nicht zerstören.“

„Wenn es aber nur zehn sind?“ „Auch dann nicht“, sprach Gott.

Da wagte Abraham nicht mehr weiterzufragen.
Und der HERR ging weg,
nachdem er aufgehört hatte, mit Abraham zu reden; und Abraham kehrte wieder um an seinen Ort.

Ihr Lieben!
Aus drei Blickwinkeln möchte ich mit Ihnen auf diese Geschichte gucken:

Die Städte: Sodom und Gomorra – Abraham – Gott

1 Die Stadt: Sodom und Gomorra

Da ist in der Stadt etwas grundlegend in Schieflage geraten.

Und der Herr sprach:

„Die Gräueltaten schreien zum Himmel
und die Sünden wiegen schwer.“
Diese Stadt macht auf sich selbst aufmerksam.
Schrille Töne, die bis in den Himmel dringen.
Gott will sich nun selbst ein Bild machen.
„Ich will hinabfahren und sehen,
ob das alles so ist, was ich da höre.“
Das Geschrei entsteht in der Stadt selbst.
Da geht es offensichtlich drunter und drüber.
Die Menschen klagen laut einander an.
Schrille Schreie.
Betroffene, Leidende, Unrecht geschieht.
Die grundlegenden Koordinaten für ein gelingendes Gemeinschaftsleben stimmen nicht mehr.
Menschen sind gierig, verhalten sich rücksichtslos, selbstgerecht und selbstgefällig.
Nur der eigene Vorteil zählt.
Das Klima von Mensch zu Mensch in der Stadt ist verdorben.
Sodom und Gomorra sind Inbegriffe einer dekadenten und selbstzerstörerischen Welt.
Sie treiben auf den sicheren Untergang zu.
Es ist nicht allein die Moral.
Sie ist verkommen. Zweifellos.
Aber es ist noch etwas Grundlegenderes.
Es ist eine gestörte Beziehung:
Die Beziehung von Mensch zu Gott.
Wo diese Beziehung gestört ist,
kann auch alles andere schnell aus den Fugen geraten…

2 Abraham

Erschrocken bleibt Abraham vor dem HERRN stehen.

Abraham traut sich was!
Er verhandelt vor Gott. Ohne Angst. Selbstbewusst.
Wie mit einem guten Bekannten, wie mit einem Freund. Abraham wird sich denken:
„Gott hat mich doch geschaffen,
damit ich ein Gegenüber zu ihm sein kann.
Ein Gesprächspartner. Ebenbild Gottes.
Gott will doch Beziehung, Kommunikation.
Nicht einseitig, nicht einsilbig.

Und dann können wir einem Gespräch lauschen,
das es in sich hat.
Abraham hat offenbar Angst um Sodom und Gomorra. Gott könnte sie vernichten.

In Klammern: Von Gott wird das gar nicht gesagt.
Von ihm wird nur gesagt: „Ich will hinabfahren und sehen, ob das alles so ist, was ich da höre. Damit ich’s wisse!“Abraham sieht genau:
„Das, was Gott dann sieht, kann ihm nicht gefallen.
Davor wird er die Augen nicht verschließen können.
Das muss Folgen haben.
Es wird Folgen haben.“

Und dann legt Abraham los. Legt sich ins Zeug.
Er sucht der Stadt Bestes.
„Gott, du wirst doch nicht alle über einen Kamm scheren! Das Unrecht – das geschieht! Keine Frage.
Es schreit und stinkt zum Himmel.
Aber: bitte keine Kollektivschuld!

Es gibt Schuldige.
Aber es gibt auch andere.
Es gibt auch Gerechte!
Und wenn es nur 50 in der ganzen Stadt sind!?
Gott, du musst differenzieren!
„Das Reich des Bösen“ – selbst in Sodom und Gomorra wirst Du das nicht lupenrein finden.
Es ist nicht gerecht, so pauschal über diese Stadt zu urteilen. Und: Du bist doch gerecht, Gott, oder?“

Was finden wir da für einen engagierten Abraham. Für die Menschen tritt er ein.
Für die Stadt.
Beschönigt nichts.

Unrecht bleibt Unrecht.
Aber Recht bleibt auch Recht.
Und es gibt sie auch, die Gerechten in Sodom und Gomorra, die selber leiden an den Zuständen.
An den gestörten Beziehungen,
ja, an der Gottlosigkeit.
„Wenn nicht für die anderen, Gott,
dann tu was für diese 50 Gerechten.“

Und Abraham traut sich noch mehr.
„Wenn’s doch nur 45 Gerechte sind, was dann, Gott?Dann wirst Du doch auch wegen dieser fünf nicht kurzen Prozess machen mit der ganzen Stadt?“
Abraham ist sich seiner Leute nicht sicher.
Darum versichert er sich bei Gott.

Und noch vier mal macht sich Abraham stark für die Gerechten in der Stadt.
„Vielleicht sind es auch nur 10!?“
Nur 10 Gerechte in einer ganzen Stadt?

Übertragen wir das auf unsere Stadt.
Zehn Gerechte, die unseren Ort retten könnten.
Stellt Euch vor: Ihr solltet sie finden.
Nach welchen Personen würdet ihr Euch heute umschauen, welche Eigenschaften müssten sie haben?
Fromm, bescheiden, unauffällig?
Oder streitbar und durchsetzungsfähig?
Eine Person des öffentlichen Lebens,
ausschlaggebend die Stimmen bei der letzten Wahl? Amtsträger der Stadt, der Kirche
oder einer anderen öffentlichen Institution?
Jemand, der sich ehrenamtlich besonders engagiert? … Wer kann schon genau sagen, ob ein Mensch gerecht ist? Ich möchte das nicht beurteilen müssen.
Und wer kann das schon von sich selbst genau sagen,
ob er durch und durch gerecht ist?

Martin Luther sagt:
Niemand von uns ist nur gerecht. Wir sind immer zugleich Sünder und von Gott gerechtfertigt.

Abraham jedenfalls lässt nicht locker.
Er ist ein Intensiv-Beter.
Einer, der es ernst nimmt.
„Ich bin verantwortlich, nicht für das Unrecht, aber dass Gott mich hört.

Und ich bitte hier nicht für mich.
Bin ich zu forsch? Ich muss es ihm wenigstens sagen.“Abraham ist mutig beim Beten.
Redet mit Gott fast wie auf einem Basar.
Aber es geht um Menschen. Um Gerechte. Das muss sein. Für sie tritt er ein. Für sie? Nein, für alle.
Beten! Mit konkreten Anliegen.
Für die Stadt und die Menschen in ihr!
Mit welchen Anliegen liegen wir
Gott so intensiv in den Ohren?
Gott muss uns hören.
Und er tut es.

3 Gott

Gott hört auf Abraham.

„Der HERR sprach: Finde ich fünfzig Gerechte zu Sodom in der Stadt, so will ich um ihretwillen dem ganzen Ortvergeben.“
Abraham: „Man könnte vielleicht fünf weniger finden, oder nur 40, vielleicht auch nur 30 oder sogar nur 20. Und, Entschuldigung, wenn ich noch mal frage:

Was, wenn es nur zehn sind?“
Gott aber sprach:
„Ich will sie nicht verderben um der zehn willen.“

Gott will nur eins: Dass die Stadt überlebt. Die ganze Stadt. Gott will nur eins: vergeben.
Barmherzig sein.
Aber dafür ist auch jeder in die Verantwortung gerufen. Hinschauen bei Missständen, darüber reden.

Es in den Horizont Gottes stellen.
Wenn Sodom untergeht, dann ist es die Konsequenz menschlicher Ungerechtigkeit.
Nicht Gott ist zerstörungswütig.
Die Menschen sind, wie sie sind.
Gott kann die Menschen nicht bewahren
vor ihrem eigenen Handeln.
Wir müssen die Folgen unseres Handelns tragen. Die Zerstörung geht nicht auf das Konto Gottes, sondern das der Menschen.
Welches Klima in der Stadt herrscht,
bestimmen wir alle mit.

Gott hört auf Abraham.
Abraham hört bei 10 auf zu fragen.
Für einen jüdischen Gottesdienst brauchte man 10 Männer. Vielleicht ging er deshalb nicht weiter…

Setzen wir in Gedanken das Gespräch Abrahams mit Gottfort: „Und wenn es nur fünf, vier, drei, zwei – oder nur ein einziger ist? Was dann?“
Dann lastet im Extremfall die Verantwortung auf den Schultern eines einzigen…

Es hat diesen einen einzigen gegeben.
Als Jesus einmal auf Jerusalem blickt,
da heißt es: „Jesus sieht die Stadt und weint.“
Die Stadt bleibt.
Aber der eine, der einzige, der Gerechte, bleibt nicht. Er geht den Weg in den Tod.
Nach menschlichen Maßstäben wird er vernichtet.

Doch von Gott her hat eine neue Zukunft. Ewiges Leben. Der Eine, kein Held, kein Moralapostel.
Einer, der seine Verantwortung wahrnimmt
vor Gott und für die Menschen.

Er sucht der Stadt Bestes.
Er lehrte, wie das Leben gelingen kann
und er lebte auch selber so.
Er war in Jerusalem unterlegen
gegen das Gesetz des Stärkeren.
Und doch wächst aus seiner Ohnmacht eine enorme Kraft. Sie kann nur aus der einen Quelle kommen:

Er glaubt an die Zukunft,
die Gott für alle Menschen bereit hält.
Und er handelt konkret und tritt für andere ein.

Gott gebe uns die Kraft,
im Geiste Jesu das Beste der Stadt und ihrer Menschen zu suchen. Betend und handelnd.
Amen.