Predigt am Heiligen Abend 2019

16 Uhr – Lamberti Aurich – Superintendent Tido Janssen

Liebe Gemeinde am Heiligen Abend hier in der Lamberti-Kirche, am Radio und wo auch immer ihr zuhört!

Respekt! Dieses Jahr wird es Zeit, die Weihnachtsgeschichte einmal
mit den Augen des Respekts zu anzusehen.
Zuerst: Der Vater. Josef. Also, dass der nicht schnellstmöglich abgehauen ist, dafür hat er all unseren Respekt verdient. Finde ich.
Seine Verlobte bekommt ein Kind von einem anderen,
und sie nennt ihn Gott.
Liebe Männer! Was hättet ihr da gemacht?
Am besten den Rückzug antreten
und aus der Geschichte verschwinden, oder.
Josef aber bleibt bei Maria und wird Papa.
Er ist aufmerksam und hilfsbereit.
Und er akzeptiert, dass er eher am Rande steht,
dass er nicht der biologische Vater ist – oder sein soll.
Trotzdem steht er in jeder Krippe, auch hier bei uns,
voll Liebe und Nähe bei Maria und Jesus. Respekt!

Ich glaube ja: Josef war nur ein kluger Mann.
Er hatte den festen Glauben, dass die Geschichte mit der Jungfrauengeburt überhaupt keine biologische Wahrheit erzählen will.
Da würde doch jeder halbwegs nüchterne Mensch denken:
Jungfrauengeburt – das glaube ich sowieso nicht.
Schließlich weiß er, Josef, selbst ja am besten,
was da zwischen ihm und Maria lief.
Josef weiß:
Die Wahrheit der Heiligen Nacht liegt doch viel tiefer, nämlich:
Gott selbst will mit den Menschen noch einmal
ganz von vorne anfangen.
Das erzählen uns die biblischen Autoren respektvoll mit dem wunderbaren Bild der Jungfrauengeburt.
Eigentlich wollen sie sagen:
Gott setzt mit Euch alles noch einmal auf Anfang.
Ganz von vorne. Wie am ersten Tag der Schöpfung.
Gott fängt Gott mit diesem Kind eine ganz neue Geschichte an zwischen ihm und uns. Dafür stellt sich Josef gerne respektvoll in den Hintergrund.

Als zweites haben Maria und Josef Respekt
vor dem Befehl von Kaiser Augustus.
Obwohl Maria im 9. Monat schwanger ist, laufen sie los nach Bethlehem.

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Und das, obwohl es damals kein Airbnb, kein Booking.com und keine Bahncard 50 gibt. Auch kein Krankenhaus mit Geburtsstation gibt’s in Bethlehem.
Maria und Josef jammern nicht.
In ihrem Kind will Gott zur Welt kommen.

Das respektieren sie. Dafür nehmen sie es sogar klaglos hin, dass dieses Kind umständehalber in einem Stall zwischen Ochs und Esel geboren werden muss.

Und dann sind da Hirten.
Zerlumpte Nachtschichtmenschen ohne Ansehen.
Sie sind die Ersten, die von der großen Freude hören.
In dieser Nacht zollt Gott Respekt und Ehre zuerst den kleinen Leuten. Ihre Nachbarschaft sucht er von Anfang an.

Und dann kommen sie.
Drei Weise, kluge Sterndeuter,
vielleicht auch Könige aus dem Morgenland.
Respektspersonen auf jeden Fall.
Eigentlich muss man sich vor ihnen verbeugen.
Stattdessen verbeugen sie sich vor dem Kind in der Krippe.
In der Hand haben sie kostbare Geschenke.
Sie kommen von weit her, überlassen aber rücksichtsvoll dem kleinen Kind
die große Bühne.
Sie erkennen die Armut und die Perspektivlosigkeit dieser Familie.
Sie kennen die Mechanismen der Macht.
König Herodes bedroht das Kind und seine Familie.
„Das Kind muss weg!“, sagt er sich.
Herzensmacht wird ihm gefährlich.
Bald schon werden Maria und Josef mit ihrem Kind zu unbehausten Flüchtlingen. Herodes verkörpert alle tyrannische Respektlosigkeit.

Und vergessen wir nicht:
Wir gehören auch zu dieser Geschichte.
Alle Jahre wieder hören wir diese Geschichte,
wie es sich begab.
Dass wir hier sind, ist doch unser Respekt und unsere Ehrfurcht vor dem Leben, das da in der Krippe liegt.

Dieses Kind kommt in keine heile Welt,
damals nicht und heute nicht.
Dieses Kind in der Krippe wird geboren mitten in einer Welt voller Konflikte, in der es so viel Respektlosigkeit gibt.
Wir alle kennen dafür genügend Beispiele
aus der Ferne und aus der Nähe.
Respekt aber heißt im Wortsinn:
Rückschau, Rücksicht, Rücksicht nehmen.

Respekt heißt: den anderen wertschätzen und anerkennen. Eine andere Meinung respektieren und berücksichtigen.

  •   Respekt heißt: ältere Menschen besonders achten.
    Die Würde des Alters berücksichtigen, z.B. sie besuchen, sie nicht vereinsamen lassen, die Tür aufhalten, einen Platz anbieten, in den Mantel helfen.
    Manche nennen das „alte Schule“.
    Wäre aber schade, wenn es ein Auslaufmodell wäre.
  •   Auch Kinder verdienen Respekt. Sie haben ein anderes Zeitgefühl,
  •   ganz besondere Bedürfnisse. Jedes Kind ist anders. Besonders. Einzigartig.

    Reden wir mit Kindern, gehen wir selbst auf die Knie oder in die Hocke, sprechen auf Augenhöhe mit ihnen.
    Und zollen wir den Heranwachsenden unseren Respekt,
    wenn sie freitags auf die Straße gehen

    und demonstrieren und Respekt einfordern für die Lebensrechte aller kommenden Generationen.
    Respekt, wenn sie den Mächtigen Beine machen.

  •   Respektvoll behandelt zu werden, tut in Wirklichkeit uns allen gut. Achtung und Wertschätzung lassen uns aufrecht und selbstbewusst gehen.

    In unserer Gesellschaft wird Respekt aber zu einem knappen Gut.

 Eine ältere Frau merkt am Bankschalter, dass sie ihre Brille zuhause vergessen hat. Sie kann den Überweisungsträger nicht selber ausfüllen und bittet eineMitarbeiterin der Bank. „Nein, dafür bin ich nicht zuständig“, antwortet sie. Die alteFrau fährt also nach Hause, setzt die Brille auf, schreibt, fährt wieder zur Bank und gibt ihre Überweisung ab.

Hier in der Region in den letzten Tagen hat es sich so begeben. Mag sein, dass es so korrekt ist, respektvoll ist es nicht.

Respekt kann heißen:

Einmal 100 Schritte in den Schuhen des anderen gehen.

Das heißt: einmal den eignen Standpunkt verlassen, sich in den anderen hineinversetzen
und versuchen, ihn zu verstehen.
Heißt auch: Hirn einschalten.

Erst denken ist besser als schnell twittern.
Andere beschimpfen, verletzen, verunglimpfen geht heute leicht und schnell.

Und wem wird all Respekt verweigert:

  •   Juden! Maria und Josef – Jesus: das Kind in der Krippe wird in eine jüdische Familie

    hineingeboren. Judenhass geht an unsere eigenen Wurzeln.

    Judenhass darf in unserer Mitte keinen Raum haben.

  •   Respekt für Gläubige und Andersgläubige oder Ungläubige – oft genug Fehlanzeige.

    O Gott! Was für eine Welt!

  •   Respekt für Lehrerinnen und Lehrer, für politisch Engagierte, für Sanitäter und

Feuerwehr – da müssen wir nicht weit gehen, um rücksichtslose Geschichten zu

hören.
 Bestimmt kennt der ein oder die andere von uns auch das Gefühl in der

Magengrube, das sich bei respektlosem Verhalten Euch gegenüber einstellt.

Respekt ist Heimweh nach Menschlichkeit.
Heimweh nach Menschlichkeit.
Ob Gott im Himmel auf diese Welt geguckt hat?
Ob er gesehen hat: Ihnen fehlt es an Menschlichkeit?
An Mitmenschlichkeit?
An Einfühlungsvermögen?
Ob er deshalb die große Idee hatte:
Jetzt komme ich Euch selbst menschlich und klein?
Das kleine Menschenskind werden sie doch respektieren!
Gott sagt zu sich:
Ich will mein himmlisches Glück nicht geizig bewachen.
Ich will Menschlichkeit in die kalte Welt verströmen.
Und alle sollen wissen und glauben können:
Eine andere Welt ist möglich.
Und gerade die Benachteiligten sollen es erleben.
Die Alten und die Kranken sollen es erleben.
und die, denen immer wieder gesagt wird:
„Ihr gehört nicht dazu, weil ihr anders ausseht, eine andere Hautfarbe habt, weil ihranders glaubt oder anders lebt.“ Die Hirten und die, die das Feuer der Mitmenschlichkeit in unserer Gesellschaft warm halten, die, die sich um andere kümmern und sie pflegen die, die sich plötzlich wieder um ihre Arbeit sorgen,
aber auch die Könige, die ihre Schätze zu teilen bereit sind,
die, die auch mal auf einen eigenen Vorteil verzichten können, die, die ein verletzendes Wort ungesagt lassen,
sie alle sollen wissen, wir alle sollen wissen:
Euch ist heute der Heiland geboren.
Ihr seid die Hauptpersonen dieser heiligen Nacht.
Ja! Unsere Welt braucht diesen Jesus Christus.
Sie braucht ihn, der sagt:

  •   Die Barmherzigen sind selig und die Friedfertigen.
  •   Wir brauchen ihn, der sagt: Kommt her, ihr, die mühselig und beladen seid,

    Euer Leben ist schwer genug. Ich will euch aufrichten, erquicken, ich will eure Hoffnung anfeuern.
    Leben sollt ihr. Aufstehen. Auferstehen.

    „Achtung, liebe Leute“, sagt das göttliche Menschenskind: „Jetzt ist heilige Nacht.
    Ich stehe vor eurer Tür und klopfe an.
    Wenn ihr meine Stimme hört und mir aufmacht,

    in dessen Herz ziehe ich ein und will in ihm wohnen.“

Wenn wir also in der Heiligen Nacht oder in anderen heiligen Momenten so ein Herzklopfen spüren in uns drinnen, dann könnte es sein, dass es wieder einmal soweit ist, dass er vor unserer Herzenstür steht.
Ich bin überzeugt: Er kommt bei jedem von uns bestimmt mehr als einmal vorbei und macht seine Klopfzeichen. –
Mach dein Herz heute neu auf!
Gott kommt neu auf dich zu!
Sagen wir „Respekt, Gotteskind! Komm herein!“
Komm hinein in unser Leben!
Dich brauchen wir hier!“
Und wir stehen zusammen und glauben:
Ja! Eine andere Welt ist möglich.
Respektvoll. Liebevoll. Friedvoll.
Und wir werden jetzt schon alles für sie tun.

Amen.