Ansprache zum Abschied von Bürgermeister Heinz-Werner Windhorst aus dem Amt

28. Oktober 2019 – Lamberti-Kirche Aurich – Superintendent Tido Janssen

Lieber Herr Bürgermeister Windhorst!
Viele hier würden wahrscheinlich sagen: Lieber Winni!
Liebe Frau Windhorst! Liebe Familie!
Liebe Mitarbeitende der Stadt Aurich und anderer Behörden!
Liebe Weggefährten, Freunde und Begleiter von Heinz-Werner Windhorst! Liebe Gäste! Liebe Gemeinde!

Eine Berufsbiografie kommt in diesen Tagen an ein Ende.
Es ist ohnehin viel Wechsel in Ämtern und Aufgaben in diesen Tagen hier bei uns
in der Region.
Sie, lieber Herr Windhorst, gehen jetzt in den Ruhestand –
auch wenn man sich das noch gar nicht so richtig vorstellen kann
und Sie selbst bestimmt auch erst ein Gefühl dafür entwickeln müssen.
13 Jahre waren Sie als Bürgermeister für die Stadt Aurich und ihre Bürgerinnen und Bürger tätig. Aber Sie waren zuvor auch lange Jahre Vorsitzender des Personalrates, Sachbearbeiter und stellvertretender Abteilungsleiter bei der Stadt Aurich.
Und auch eine Zeit als Reederei- und Schiffsmakler bei der Reederei Schulte und Bruns gehört zu Ihrem frühen beruflichen Weg.

Jetzt beginnt etwas ganz Neues.
Ein neuer Freiraum wächst.
Vielleicht wird das zuallerst am meisten spürbar sein:
Freiheit von Verpflichtungen.
Mehr Raum für ein selbstbestimmtes Leben.
Natürlich ist es auch ein Abschied von Menschen,
von Einfluss und Macht.
Aber ich weiß von Ihnen selbst auch:
Mehr Zeit für die Familie und eigene Dinge haben zu können, ist jetzt auch dran und gut und wird Ihnen persönlich bestimmt auch gut tun.
Wir gönnen es Ihnen alle.

Nun war es Ihr Wunsch, diesen Dankgottesdienst hier in der Lamberti-Kirche mit vielen Gästen zusammen feiern zu können. Ich habe mich sehr darüber gefreut.
Denn es verrät eine ganze Menge über Ihr Selbstverständnis als „Winni“
und zugleich auch über das, was Sie prägt und was auch Ihr politisches Handeln

und ihren Umgang mit Menschen ausgemacht hat.

Ich habe in der Bibel gesucht nach Vorbildern.
Aber das ist gar nicht so einfach. Dort wird so gut wie gar nicht über Menschen erzählt, wie es ihnen in ihrem Beruf erging.

page1image18800page1image18960page1image19384page1image19544page1image19968page1image20128page1image20288page1image20712page1image20872

Und schon gar nicht wird erzählt, wie sie ihren Ruhestand und den Übergang dorthin gemeistert haben.
Meist war damals das Berufsende auch das Lebensende.
Das ist heute anders, wo uns vielleicht noch 10, 20 oder sogar 30 Lebensjahre vergönnt sein können.

Mose aber fällt mir ein.
Er hatte auch ein herausforderndes Amt.
Manches Auf und Ab erlebte er.
Mit großem Glück überlebt er überhaupt am Anfang.
Die Tochter des Pharao fischt ihn in einem kleinen Kästlein aus dem Schilf im Nil. Sie werden die große Geschichte der Weltliteratur kennen.
Und Mose wächst dann privilegiert auf.
Er macht Fehler, tötet sogar einen Menschen im Streit.
Er flieht ins Ausland, leitet einen Familienbetrieb.
Dann kommt plötzlich und unerwartet ein neuer Auftrag auf ihn zu –
sozusagen von ganz oben:
„Werde Anführer des Volkes Israel!
Führe es in eine gute Zukunft!“

Bürgermeister einer Stadt in Ostfriesland zu Beginn des 21. Jahrhunderts sein ist natürlich etwas völlig Anderes als ein Volk etwa 1000 vor Christus im Nahen Osten führen.
Aber hinhören lohnt sich schon.
Ich weiß, dass Sie das getan haben und es Ihnen,

lieber Herr Windhorst, immer wieder wichtig ist.

Mose fragt sich: Kann ich das?
Bin ich dafür qualifiziert genug?
Wie ist es mit meiner Wortgewandtheit?
Wie ist es mit meiner Autorität?
Wie ist es mit dem Arbeitspensum in dieser Aufgabe?
Und dem Gehalt?
Der Arbeitgeber, so wird erzählt,
heißt der „Gott der Väter“.
Eine ziemlich unsichere Sache, würden wir sagen.
Da schafft eine demokratische Bürgermeister-Wahl doch klarere Verhältnisse. Aber Mose geht auf das Angebot ein.
Er macht diesen Wechsel mit. Er traut sich was.
Ein Karrieresprung, wie ihn der ein oder andere
von uns vielleicht auch erlebt hat.
Und dann gibt es natürlich auch solche Momente,
wo er alles hinschmeißen will, weil er sieht:

Hier verfolgt jeder nur seine eigenen Interessen, und der Weg ist nicht klar.
Manchmal herrscht sogar eine giftige Atmosphäre. Und die tut niemandem gut.

Eine klare Orientierung für das Gemeinwohl sind dann die 10 Gebote, an die Mose sich und sein Volk bindet.
Leitlinien für einen klaren, respektvollen Kurs.
Rücksicht nehmen und den anderen achten.

Gutes reden, gemeinsame Werte kennen
und letztlich überzeugt sein, von Voraussetzungen zu leben,
die wir selbst nicht schaffen können, und dafür dankbar zu sein, so versteht Mose sich in seinem Amt –
und in dieser Hinsicht waren Sie ihm geistesverwandt.

Wüstenjahre muss Mose durchmachen. Durststrecken. Momente gab es, wo die Arbeit einfach zu viel war und auf mehrere Schultern verteilt werden musste.
Er wusste gut: „Ich schaffe das nicht alleine.

Ich brauche eine gute Mannschaft.“

Gott gibt ihm viele gute Mitstreiter,
die mit ihm Verantwortung tragen.
Die haben Sie, Herr Windhorst, in ihren Stellvertretern doch auch gehabt.
Eine gute Mannschaft gab und gibt es in der Auricher Stadtverwaltung,
den Betrieben, dem Bauhof,
den Kindertagesstätten, Schulen, Jugend- und Familienzentrum usw. doch auch.

Momente gibt es, wo alles gut läuft, Ziele erreicht werden, wo sie froh und stolz Danklieder schmettern.
Geld spielte damals nicht die Rolle wie heute.
Aber es ging auch um ganz handfeste Dinge wie Landbesitz, gute Lebensbedingungen, Freiheit und Glück.

„Das Land, wo Milch und Honig fließen, da sollst du mein Volk hinführen“,

das stand in seiner Arbeitsplatzbeschreibung.
Ein Fulltimejob in Menschenführung. Ein Beruf, der ihm Berufung ist. Gott traut ihm zu, dass er seiner Aufgabe gewachsen ist. Daran wächst er.

Mose steht nicht allein:
„Sei getrost und unverzagt“, sagt ihm Gott ganz persönlich. „Sei mutig und entschlossen. Hab keine Angst. Denn ich, der Herr, dein Gott, ziehe mit dir. Ich werdemeine Hand nicht von dir abtun und dich nicht verlassen.“
Mit einer guten Portion Gottvertrauen kannst Du Dein Amt führen.
Und so kann und konnte es was werden.

Sie, lieber Herr Windhorst, dürfen jetzt Verantwortung in dem Bewusstsein loslassen, Ihren Teil in besonderen Jahren zu einer guten Entwicklung der Stadt beigetragen zu haben.

  •   Sie waren nahe bei den Menschen. „Bürgermeister“ war insofern wirklich enEhrentitel, den Sie trugen.
    Sie kennen unglaublich viele persönliche Schicksale und hatten immer wieder ein offenes Ohr und Herz für sie. Und wer so ein leitendes Amt nur ein bisschen von innen her kennt und versteht, der weiß auch, wie wichtig das für viele Menschen ist, dass man mal bei ihnen sitzt, sie sieht und zuhört, sie würdigt.
    Das ist auch kaum delegierbar. Da hat so ein Amt eine besondere Würde und Ausstrahlung auf die Menschen. Da haben Sie unglaublich vielen Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt gut getan.
    Das kann man gar nicht hoch genug einschätzen, denn das verlangt einen hohen zeitlichen und kräftemäßigen Einsatz, weil das oft abends und sieben Tage in der Woche geschieht.
  •   Sie hatten Ihre Mannschaft gut im Blick, haben gute Personalentwicklungskonzepte für die Verwaltung erarbeitet, waren vielen Mitarbeitenden dort ein verlässlicher, vertrauensvoller Gesprächspartner.
    Man konnte zu Ihnen kommen und Sie hörten aufmerksam und zugewandt zu.
  •   So gut es geht, haben Sie Entwicklungen vorausgesehen und darauf reagiert. Dass manches strittig war und bleibt, das wissen Sie nur zu gut und kann in einer Demokratie nicht anders sein. Und es gibt in den öffentlichen Ämtern dann und wann Zwischenrufe von Zuschauern an der Seitenlinie, qualifiziert und unqualifiziert, die man hören und gelegentlich auch überhören muss.
  •   Gebunden an klare Werte haben Sie Ihr Amt geführt: Respekt, Wahrheit, Wohlwollen gehören dazu. Bereitschaft, Verantwortung zu tragen und dafür einzustehen.

    Dies ist längst nicht „old school“ wie manche denken.
    Im Gegenteil. Wir erleben doch, wie unser politisches System ins Wanken gerät, wenn solche Werte nicht gelten oder in Vergessenheit geraten.

    Denn:

  •   Wenn die Wahrheit nichts mehr gilt –

    worauf können wir vertrauen?

  •   Wer mit Worten wie mit giftigen Pfeilen schießt –

    wo bleibt der Respekt? Und wer garantiert, dass nicht irgendein von solchen Worten Infizierter zum Täter wird?

 Wenn Menschen ausgegrenzt werden, egal ob in Gedanken, Worten oder Taten –wo bleibt der Gemeinsinn?

Und denken wir nicht, das sei ein Problem nur in Amerika, Syrien, Sachsen oder Thüringen.
Ein Viertel unserer Bevölkerung denkt antisemitisch.
So sagt es eine aktuelle Studie.

Was ist los?
Haben so viele Menschen alle Maßstäbe verloren?
Die gesellschaftliche Mitte wird dünner und die Ränder breiter.
Und wenn es nicht die 10 Gebote sind oder das Gebot, Gott und seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst, was ist dann mit der Menschenwürde und der Religionsfreiheit in unserer Verfassung?
Eine Gesellschaft – auch eine Stadtgesellschaft – braucht für ihr friedliches Miteinander von allen akzeptierte Grundwerte.
Da waren Sie, lieber Herr Bürgermeister Windhorst, eindeutig.
Dafür danke ich Ihnen besonders.

Ich möchte nicht auf einzelne Projekte Ihrer Amtszeit eingehen. Das können andere viel besser, der Stadtrat, Mitarbeitende der Verwaltung und andere.
Ich möchte nur vier Dinge nennen, die ich im Rückblick auf Ihr Wirken als Bürgermeister als besonders kostbar und wertvoll ansehe.

1. Ihnen lag an einer gedeihlichen Atmosphäre in Aurich.
Die Lebensqualität einer Stadt bemisst sich nur an der Höhe der Gewerbesteuern
und der Erschließung von neuen Industriegebieten.
Sie haben immer gesehen, dass Lebensqualität auch von weichen Faktoren wie
Kultur, Musik und Kunst, und auch von dem Zusammenwirken der Konfessionen
und der Religionen befördert wird.
Darum gehört nach unserem gemeinsamen Verständnis selbstverständlich auch der Bau einer Moschee nach Aurich. Egal, was es ist: Künstler im Rathaus, Schirmherr sein für die Gassenhauer, die gemeinsame Gestaltung des Volkstrauertags zwischen Ökumene und Kommune, Unterstützung für das RPZ, das Museum, das Familienzentrum
oder das Musikkorps der Bundeswehr im Advent hier in der Lamberti-Kirche:
hier haben Sie selbst das gute Gefühl, eine ganze Menge erreicht zu haben. Dass Menschen und Gruppen zusammenkommen und zusammenwirken, dazu haben Sie sich als Amtsperson bekannt. Es war Ihre Überzeugung, dass Menschen gemeinschaftlich agiler handeln können als jeder für sich allein.

2. Besonders für Ehrenamtliche hier in der Stadt haben Sie sich stark gemacht. Beispielhaft seien hier nur die Feuerwehren genannt. Es gibt dort kaum Nachwuchssorgen auch, weil besonders gute Bedingungen mit neuen Feuerwehrhäusern in den letzten Jahren geschaffen wurden.

Diese Förderung gab es durch Sie aber auch im sozialen und kulturellen Bereich.

3. Für Kinder, Eltern und Bildung haben Sie Schwerpunkte gesetzt. Kindertagesstätten und Schulen haben viel Förderung erhalten. Um- und Neubauten haben fast überall nahtlose Übergänge zwischen Kita und Schule ermöglicht. Damit hat Aurich eine gewisse Vorreiterrolle sogar in Niedersachsen. In guter Zeit mit viel Geld wurde hier zukunftsweisend investiert.

4. Und viertens und zuletzt möchte ich von einem persönlichen Erlebnis mit Ihnen erzählen.

Ich hatte einmal die Ehre, von Ihnen eingeladen zu sein,
Sie – zusammen mit Wolfgang Freitag von der Dt.-israelischen Gesellschaft – nach Appingedam, unserer niederländische Partnerstadt, zu begleiten.
Und zwar am 5. Mai, dem Tag, der in den Niederlanden als Tag der Befreiung von der deutschen Besatzung gefeiert wird.
An diesem Tag ist dort zumindest gefühlt die ganze Stadt auf den Beinen.
Schüler, Musikgruppen, Stadtrat, große Teile der Bevölkerung.
Es gab eine Begegnung mit Mitgliedern des dortigen Stadtrates.
Ein Gedenken an der Synagoge, eine würdige Feier vor Rathaus und Kirche.
Es ist überhaupt ein hohes Zeichen von Wertschätzung und Vertrauen, als Deutsche dorthin eingeladen zu werden. Wir haben zu dritt dort im Rahmen der öffentlichen Feier nur einen Kranz für die Partnerstadt niedergelegt. Einer der Stadtverordneten sagte zu uns: „Schön, dass Sie da sind. Es fehlt nur noch eins: Dass eines Tages es möglich ist, dass Sie hier am 5. Mai eine Rede halten.“
Ich habe dies noch einmal als Kompliment verstanden.
Versöhnung braucht ungeheuer viele Schritte und Geduld.
Aber es wird kommen. Und das liegt an Menschen wie Ihnen, die auch an heiklen Tagen persönlich präsent sind, würdevoll unsere Stadt vertreten und mit schweigender Demut dennoch ein Zeichen der Verständigung und des neuen Miteinanders senden.
Da waren Sie ein guter Botschafter und Diplomat Aurichs.
Das hat mich sehr bewegt.
Und damit hinterlassen Sie ein großes Erbe.

Mose bekommt am Ende seines Weges von Gott ganz persönlich gesagt –und das dürfen Sie, lieber Herr Windhorst, heute für sich hören:
„Sei getrost und unverzagt. Geh mutig und entschlossen.
Hab keine Angst. Denn ich, der Herr, dein Gott, ziehe mit dir.

Ich werde meine Hand nicht von dir abtun und dich nicht verlassen.“

Was Ihnen zeitlebens und in Ihrem Amt wichtig war, bleibt auch im Ruhestand eine Konstante:
Unser Gott wird Sie auf allen Wegen begleiten.

Danke für Ihr Wirken unter uns.
Ich danke Ihnen für die Kirchen aller Konfessionen und Religionen, aber auch für viele andere Bürgerinnen und Bürger Aurichs,
für die Sie sich stark gemacht haben.
Ihre Spuren sind in unserer Stadt gut und bleibend sichtbar.

Bleiben Sie behütet in aller Zeit, die jetzt kommt. Amen.

Lied: Geh aus, mein Herz und suche Freud…