Traueransprache für Pastor Edzard Stiegler

2. August 2019 – Lukas 24,13-35 – Superintendent Tido Janssen

Liebe Dorothea Stiegler!
Ihr lieben Söhne: Felix, Thomas und Matthias
und ihr alle, die Euch besonders nahe stehen!
Liebe Familie, liebe Freunde und Nachbarn!
Liebe Mitglieder der Matthäus-Gemeinde Wallinghausen! Liebe Trauergemeinde!

Mitgehen – zusammen unterwegs sein,
das Leben und das Sterben an seinem inneren Augen
vorbei gehen lassen,
sich die markanten Geschichten erzählen,
die die eigene Erinnerung wärmen,
traurig stehen bleiben, weitergehen,
Unglaubliches verarbeiten – all das geschieht zwischen Jerusalem und Emmaus, das geschieht auch zwischen Egels und Popens,
zwischen Wallinghausen und Aurich.
Unterwegs tritt Jesus zu ihnen, geht mit ihnen.
Er ist da, aber – merkwürdig – sie ent-decken ihn nicht.
Angst und bange ist ihnen. Er ist tot.
Was sie mit eigenen Augen gesehen haben:
Das Kreuz auf Golgatha. Krass.
Sie fürchten, von all dem, was sie geglaubt und gehofft haben,
Abschied nehmen zu müssen.
Kreuz und Holzsarg – beides ist von gleicher Todesdeutlichkeit.

Er, dem sie folgten, für den sie Familie und Heimat verließen, ohne zu wissen, wo sie abends ihr Haupt niederlegen können, er wird keine Worte mehr sagen,
die ihnen durch die Köpfe und die Herzen gehen wie:

 „Selig sind die Leid tragen,
denn sie sollen getröstet werden.“

 Oder: „Selig sind, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.“

Und er, der diese Regenbogenstola trug, und uns Worte sagte wie
„und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir“, er wird diese Stola nicht mehr tragen
und unsere Wege hier im Auricherland nicht mehr mitgehen und begleiten.

Und dann fangen sie unterwegs zwischen Jerusalem und Emmaus an, sich Geschichten zu erzählen:

„Weißt Du noch?“

Jesus von Nazareth, wir haben doch erlebt,
wie er unerschrocken auf die Menschen zugeht
und die erquickt, die seine Hilfe brauchen.
„Weißt du noch wie er gepredigt hat und die Menschen gebannt zuhörten? Manchmal 5000 an einem Tag.
Und jetzt ist er tot. Und wir hatten so gehofft…“
Ja, wir hatten auch so gehofft… und kennen viele Geschichten mit Edzard Stiegler.„Weißt Du noch?“ Vielleicht habt ihr Euch schon auf dem Weg hierher
solche Geschichten erzählt oder sie gehen Euch jetzt durch den Kopf.
Seit dem Diagnosetag, seit dem 5. Oktober, haben wir gehofft.
Haben nie damit aufgehört.
Aber was wir hofften, veränderte sich.
Auch Edzard Stiegler hat immer den Fokus auf der Hoffnung behalten.
In allem, was auch schwer war,
hat er es uns immer leicht gemacht.
Immuntherapie. Chemo.
Nichts hat er unversucht gelassen.
Hoffen.
Hoffen und bangen. Weißt du noch?
Die Hoffnung packte er dann in kleine Portionen:

•  Sein 1. Ziel: Wieder reden können.
• Im Mai wieder anfangen mit der Arbeit, konfirmieren, wieder predigen, den eigenen Mai-Geburtstag feiern.

Ja: „Wie lieblich ist der Maien aus lauter Gottesgüt,
des sich die Menschen freuen“…
Edzard Stiegler hat Tomaten gepflanzt, hatte seine Freude daran, pflanzte Gurken, Paprika, Feldsalat,
damit jetzt alles grünt und blüht.
Und ab und zu kam der Buntspecht vorbei.

Aber auch nicht die Ziele zu weit stecken.
Das tat er bewusst nicht.
Er machte sich und allen anderen nichts vor.
Er war Realist, hoffte wohldosiert, wollte unterwegs sein, Euch Söhne besuchen, nach Hannover fahren und –
er wollte unbedingt Tomaten ernten. Rote Tomaten.
Sie wachsen sehen, sie reifen sehen, sich freuen –
und jeden Tag weiter hoffen.
Hoffnung in kleinen Päckchen.

Und er hat Gurken geerntet.
Eine besondere Gurke für Esdert Janssen – Bruder, Du weißt warum…„Die bring ich Dir selber noch vorbei!“, sagte er.
Und erste Tomaten geerntet hat er auch.
Jetzt blüht da ein tropischer Garten.
Am Samstag, als er schon gestorben war,
kam auch der Buntspecht noch mal vorbei…

Was vorher wichtig war:
Familie, Freunde, Beruf, das blieb für ihn die Hauptsache.

Ihr, seine Familie:
Nach dem Abitur nahm er Abstand zu Aurich, ging nach Erlangen,
und dort trifft er, ja, diese Frau, Dorle, seit 41 Jahren kennt ihr Euch,
seid 36 Jahre verheiratet, seid Familie geworden, Matthias, Thomas, Felix,
habt tolle Sachen gemacht, habt Eure Traumreise nach Costa Rica gemacht, habt nichts auf später verschoben.
Es ist jetzt nichts offengeblieben –
außer dem Wunsch nach mehr gemeinsamem Leben.
Ihr seid hin und her gezogen.
In Bayern hat die Landeskirche damals abgelehnt, Edzard Stiegler in den kirchlichen Dienst zu übernehmen, „Schön blöd!“. Aber für uns war’s gut.
Feine Ironie des Schicksals.
Unvergessen besonders für Euch drei dann der Umzug in die Metropolregion Dunum-Neugaude, auch Loccum.
Euch dreien, Thomas, Matthias und Felix, hat er immer zugetraut: „Das wird schon.“War Euch wie ein Freund, hat alles für Euch gemacht, die Wohnung ausgebessert,wenn das mal nötig war…; Bücher gekauft, Bücher getauscht,
Bücher mit großer Schrift, unkomplizierte Bücher, Bücher, über die man nicht so lange nachdenken muss, die man einfach immer weiterlesen kann…
Ihr, seine Familie, wart immer ein starker Rückhalt,
wart selbst da, wenn er Euch brauchte,
und wenn es zum Fußball gucken war, der 34. Spieltag,
ein Tag im Mai. Wart an seinem letzten Tag da,
als die Luft raus war.
Ihr könnt Euch aufeinander verlassen. Stark!

Zu seinen Freunden:
Da kam er einfach mal auf einen Kaffee vorbei. Reden über Gott und die Welt, füreinander sorgen, Eintracht Braunschweig, zusammen nach England.

Und manchmal verrückte Sachen machen.

Mit Heinz-Esdert Janssen zusammen erkannt:
Die beiden Zwetschgenbäume vor dem Kinderspielkreisraum, die müssen weg.
Die Handsäge – zu anstrengend.
Edzard besorgt bei seinem Vater eine Motorsäge.
Aber damit gings auch nicht. Merkwürdig.
Also doch Handsäge.
Beim Zurückbringen der Motorsäge war sein Vater entzückt,
wie sauber die Motorsäge zurückkam.
Und guckt sich das an: „Oh, ihr habt ja das Kettenblatt falsch herum aufgezogen.“ –Mit den Zacken nach innen kann man auch einfach keine Bäume absägen.
Zwei echte Handwerker.
Und dann musste er selber schmunzeln.

Er liebte seinen Beruf.
Und diese Gemeinde. Ihre Menschen. Euch.
Das passte schon wunderbar zusammen.
27 Jahre – nie was anderes. Nirgends was Besseres.
Sein Emmaus heißt Wallinghausen.
Hier gesellte sich Edzard Stiegler gerne zu anderen,
ging unerschrocken auf Menschen zu.
„Er war einer von uns“, sagte wohl dann und wann jemand,
er kam mal eben vorbei, auf dem Friedhof oder sonstwo,
stand auch manchmal ganz schön unter Dampf, nicht nur in seiner„Räucherkammer“, wie er früher auch schon mal sein Amtszimmer nannte.
Er war wie ein guter Kumpel.
Pfiffige Ideen entwickelte er.
Tschernobyl-Ausstellung, Familienfreizeiten, Telefonkarten, Briefmarken,Jubiläumswein…
„Ein Pastor mit Sinn für starken Tobak“ lautet schon zwei Jahre nach seinem Dienstbeginn eine Zeitungsüberschrift. „Wir müssen als Kirchengemein-de positivins Gespräch kommen.“ Das war einer seiner Sätze. Dann macht er ein Fernstudium und wird Kommunikationswirt. Das liegt ihm.
Er sagt: „Wir wollen das Evangelium nicht hinter Kirchenmauern verstecken.“
Die größte Lust zu haben an seinem Wort,
das Kreuz zu verstehen als entschiedensten Ausdruck dafür, dass Gott auch im Schweren zu uns steht, sogar den Tod besiegt – und deshalb fröhlich im Geist zu sein, darum ging es Edzard Stiegler.
„Brannte nicht unser Herz, als wir ihm zuhörten?“,
fragen sich die Emmaus-Jünger inmitten all dieser Geschichten.
Edzard Stiegler war einer mit brennendem Herzen.
Er war auch ein unruhiger Geist.

Er hat seinen Beruf nicht als Arbeit erlebt.

„Was man macht, das macht man.“

Das war seine Einstellung und war zeitweise maßlos darin. –
Aber: Hier in Wallinghausen rausgehen, zusammen unterwegs sein,
Leben miteinander teilen, Leichtes und Schweres tragen,
sich die Geschichten von Jesus erzählen – er liebte es.
Und der Abschied von der Pastorenrolle fiel ihm wirklich schwer.
Aber er freute sich, dass hier in Matthäus so viele
Menschen eine positive Anknüpfung an diese Gemeinde haben.
Das lag natürlich auch mit an ihm.
Und er hat viel zu Lebzeiten zurückbekommen.
Gute Resonanz auf sein Wirken.
Er hat hier durch Euch auch kräftig geerntet. Das hat ihm gut getan.
Ihr könnt doch alle Eure eigene Geschichte und Geschichten mit ihm erzählen. Wo er geholfen hat bei der Trennung oder was auch immer es war.
Zusammen das Leben meistern und horchen, was unsere Hoffnung nähren kann, gerade in schweren Zeiten. Er ging mit.
Er war mit uns, mit Euch unterwegs.

In den letzten Tagen schrieb er aus dem Krankenhaus heraus noch so etwas wie seine letzte Predigt.
Ein kleiner Nachlass.

Sie ist nur wenige Zeilen lang.

„Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns auf unsern Wegen. Sei Quelle und Brot in Wüstennot, sei um uns mit deinem Segen,
sei Quelle und Brot in Wüstennot, sei um uns mit deinem Segen.“
Ja, das stimmt.

Es gibt Augenblicke im Leben,
die man am liebsten festhalten und bewahren möchte.
Hanns-Dieter Hüsch hat ihnen mit seinem Juni-Psalm ein Gedicht gewidmet.„Die Tage kommen groß daher.
Die Früchte an den Bäumen reifen,
die Gärten stehen in sattem Grün.
Ich trink den Sommer wie den Wein.
Und abends kann man unter freiem Himmel sitzen
und sich freuen, dass wir sind
und unter deinen Augen leben.
Gott sitzt in einem Kirschbaum
und ruft die Jahreszeiten aus.
Er träumt mit uns den alten Traum
vom großen Menschen.
Wir sind die Kinder, die er liebt,
mit denen er von Ewigkeit zu Ewigkeit
das Leben und das Sterben übt.“

Gott – ein Freund des Lebens.
Wenn Edzard Stiegler ein Gedanke wichtig war,
dann das, was die beiden Jünger unterwegs zwischen Jerusalem und Emmaus erleben:Du bist nicht allein unterwegs!
Auch wenn das Leid Dich fest im Griff zu haben scheint:
Du bist nicht allein!
An so manchen Krankenbetten, an vielen Sterbebetten betete er:
Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal,
fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir…

Da ist er wieder, dieser unsichtbare Dritte.
Plötzlich ist er mitten unter ihnen.
Schöner kann man das Geheimnis von Ostern nicht erzählen.
Und weil den beiden zwischen Jerusalem und Emmaus das so gut tut, dass er, dieser Dritte still und unerkannt ihnen zur Seite ist, da sagen sie:
„Bleibe bei uns, denn es will Abend werden.
Wenn’s jetzt dunkel wird, bitte bleib!“
Und er bleibt.
Sie sitzen am Ende an einem Tisch.
Sie essen und trinken. Na klar.
Wir wissen, warum Edzard Stiegler diese Geschichte gefällt.
Und dann passiert in ihr ein denkwürdiger Rollentausch:
Der Gast, der unerkannte Dritte schlüpft in die Rolle des Gastgebers.
Er nimmt das Brot, dankt Gott dafür,
er bricht es in Stücke und gibt es ihnen.
In dem Moment erkennen sie:
Das ist – Jesus. Brot brechen – so kennen wir ihn doch.

Und wir dachten, er sei tot.
Der Auferstandene wird jetzt hier der Gastgeber.
Das ist eine besondere Pointe diese Geschichte.
Brot und Wein – so wie wir es hier zusammen beim Abendmahl feiern, ist ein Vorgeschmack, dass Jesus selbst unser Gastgeber wird.
Uns wird nichts mangeln.
Edzard wird nichts mangeln.
Grüne Aue. Frisches Wasser. Guter Wein.
„Du schenkest mir voll ein.“
Und auch im tiefen Todestal:
Ich fürchte mich nicht. Denn du bist bei mir.
Das hat der Pastor Stiegler anderen zum Halt gesagt.
Das hat ihn selbst gehalten.

Am Ende sitzen sie da also wieder zusammen am Tisch.Gesellig soll’s zugehen im Himmel.
Gedeckter Tisch, volle Becher. Neues Leben atmen. Der Auferstandene ist jetzt Edzard Stieglers Gastgeber. Schöne Aussichten.

Und dann stehen sie auf in Emmaus,
stehen zur Auferstehung auf, mitten am Tag. Raus aus den Mauern.
Und sie fangen an davon zu erzählen:
„Der Herr ist auferstanden.
Er ist wahrhaftig auferstanden.“
Sie hören gar nicht wieder auf davon zu predigen in Emmaus,
in der Matthäus-Kirche, auf dem Friedhof,
an offenen Gräbern und bis ans Ende der Welt. Jesus lebt – und du sollst auch leben.
Edzard Stiegler –
wie schön ist es zu leben und Gottes Kind zu sein. Er wird leben. Ewig. Und wir auch.
Amen.