Persönliche Gedanken aus Anlass einer Einladung zum muslimischen Fastenbrechens

Aurich, 28. Juni 2017 – Superintendent Tido Janssen

Theologie, Theologie, Theologie

Die Einladung kam kurzfristig. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Daut Iseni, der Vorsitzende des Auricher Moscheevereins, hat sie ausgesprochen. Freitagabend, 20 Uhr, Gebetsraum der Auricher Muslime, 1. Stock, oberhalb vom Tiffany. Fastenbrechen im für die Muslime heiligen Monat Ramadan. Wir sitzen alle ohne Schuhe auf dem Fußboden. Als Gäste – einige Mitglieder des Auricher Stadtrates und ich – dürfen auf einem weichen Sitzkissen Platz nehmen. Es ist eine gute Gelegenheit zur Begegnung, zum gegenseitigen Kennenlernen, für Gespräche.
Wer den Gebetsraum an der Kreuzung Große Mühlenwallstraße/Fischteichweg kennt, hat keine Zweifel, dass die Auricher Muslime andere Räumlichkeiten benötigen. Dringend. Es ist von außen laut. Es ist eng. Der Zugang ist nicht barrierefrei. Im Laufe des Abends kommen immer mehr Mitglieder des Moscheevereins. Der Holzboden vibriert spürbar.

In den Gesprächen geht es zunächst um den geplanten Neubau der Moschee an der Oldersumer Straße. Die Notwendigkeit ist zwischen Gastgebern und Gästen völlig unumstritten. Mitglieder des Stadtrates betonen, dass die Prüfung und Genehmigung des Bauantrages keine politische Entscheidung sei, sondern ein reiner Verwaltungsakt durch die Stadt Aurich.
Wie unsere Kirchen als Kirchen erkennbar sind, muss natürlich auch eine Moschee als solche erkennbar sein dürfen. Wer einmal in muslimischen Ländern unterwegs war, kennt auch schöne, kunstvoll gestaltete Minarette. In Aurich sind sie unter 10 Meter hoch, ohne Lautsprecher und ohne Beleuchtung geplant. Noch schöner sind meist die Kuppeln von Moscheen. In Aurich soll es gar keine geben.
Die Baufragen und auch die Parkplatzfragen sind bei gutem Willen aller Seiten vermutlich leicht klärbar.

Aus meiner Sicht viel interessanter und am Ende auch wichtiger ist die Frage: Was geschieht eigentlich in der Moschee?
Welche inhaltliche Ausrichtung hat der Auricher Moscheeverein?
Wie steht es mit der Theologie?
Der Auricher Moscheeverein ist unabhängig. Er gehört keiner muslimischen Dachorganisation an. Die Auricher Muslime, die sich im Gebetsraum treffen, kommen aus verschiedenen Kulturen und verschiedenen Völkern. Die Mehrheit kommt wohl aus Ländern des Balkan. Aber es treffen sich dort auch Syrer, Iraker und andere. Und auch
(ehemalige) Auricher, die hier aufgewachsen und zur Schule gegangen sind sowie Deutsche, die zum Islam konvertiert sind. Die allermeisten sind sunnitische Muslime. Die Unabhängigkeit des Auricher Moscheevereins gibt ihm Freiheit. Der Gebetsraum ist eine Anlaufstelle, die Glaubensheimat bietet und gemeinsame Gebetsrituale ermöglicht. Wer seine Heimat verlassen musste, bringt oft nicht viel mehr als sein Leben und seinen Glauben mit.
Bei Reisen in mehrheitlich muslimische Länder tut es auch mir gut, eine christliche Kirche zu finden. In Isfahan im Iran konnte ich beispielsweise die mit bunten Bildern biblischer Geschichten geschmückte Vank-Kathedrale, die Kirche armenischer Christen, besuchen. In Khartoum, der Hauptstadt des Sudan, hat unser Kirchenkreis Aurich eine Partnerschaft mit der Gemeinde All Saints. Im Sudan ist der Islam Staatsreligion. Die Christen dort sind nur eine 5%-Minderheit. Die All Saints-Kathedrale ist dann ein wohltuender Ort völlig anderer Prägung als die Umgebung.

Je länger der Abend in der Auricher Moschee dauert, desto offener erzählen einige von traumatischen Erlebnissen, die sie hinter sich haben. Sie schätzen die Offenheit und Freiheit, in der sie hier in Aurich ihr Leben und ihre Religion gestalten können. Das haben sie in ihrer Heimat ganz anders erlebt.

Dennoch bleiben auch Fragen. Wer ist der Geldgeber, der den Moscheebau offenbar bezahlen will? Und hat er eigene Interessen? In der muslimischen Welt gilt eine gute Tat oder eine Spende als besonders herausgehoben, wenn man anonym bleibt, sich damit keinen Namen machen möchte. Das ist richtig. Ich würde es in diesem Fall dennoch für klug halten, hier für Transparenz zu sorgen. Wenn das Moscheebauprojekt Akzeptanz finden soll, dann ist größtmögliche Transparenz, die auch auf besorgte Nachfragen eingeht, absolut wünschenswert. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass der Auricher Moscheeverein diese Transparenz sehr gut schaffen kann, weil wirklich nichts zu verstecken ist. Vielleicht kann sogar ein konstruktives Gespräch mit den Nachbarn in der Oldersumer Straße und der Tulpenstraße gelingen.
Die Auricher Muslime möchten selbstverständlicher Teil des Stadtlebens sein. Darüber können wir uns nur freuen und diesen Wunsch nach Kräften unterstützen.

Dies verlangt aber noch weit mehr. Es fordert auch von uns eine Sprachfähigkeit, uns über Inhalte des Glaubens auszutauschen. Dann wird das Gespräch richtig interessant. Die Nachbarschaft zu Muslimen verlangt auch von unserer Seite, dass wir uns über den Islam informieren, aber auch über die christliche Tradition auskunftsfähig sind, die nach wie vor unsere Kultur und Gesellschaft weitgehend prägt.
Wir müssen damit beginnen, unser Verhältnis zu Muslimen auf theologischer Basis zu klären. Mit diesem Gespräch befinden wir uns noch ganz am Anfang, und die Ausgangsbedingungen sind nicht eben einfach. Theologie, Theologie, Theologie.

Das Christentum hatte viele Jahrhunderte Zeit, sich bis heute zu entwickeln. Und dabei gab es auch viele Irrungen und Wirrungen. Einer unserer Beiträge könnte sein, dass es im interreligiösen Dialog nicht Jahrhunderte dauern muss, bis wir in unserer Gesellschaft zu einer guten Nachbarschaft und zu einem verständnisvollen Miteinander zwischen Christen, Juden und Muslimen kommen.

Es ergibt sich auch die Frage nach der Ausbildung von Imamen, Vorbetern und Lehrern, die hier islamische Religion unterrichten. Grundsätzlich müssen aus meiner Sicht dafür die gleichen Standards gelten, die auch für christlichen Religionsunterricht gelten. Das ist zur Zeit schwer erreichbar, weil es nur wenige Muslime gibt, die eine solche Ausbildung haben. Aber dies ist eine der großen Zukunftsaufgaben, der sich zum Beispiel die Fakultäten für Islamische Theologie in Osnabrück und Münster widmen.

In der Auricher Moschee soll überwiegend deutsch gepredigt werden. Auch das ist ein gutes Signal. Viele Mitglieder dort verstehen auf Grund ihrer Herkunft gar kein arabisch. Gemeinsam kommen wir weiter. Die Einladung des Auricher Moscheevereins war erfreulich und ermutigend. Solche direkten Begegnungen sollten viel selbstverständlicher werden.

Tido Janssen

Pastor in der Lamberti-Gemeinde und Superintendent des Kirchenkreises Aurich