Sonntagsbetrachtungen 2020

Worte zur Woche aus den Ostfriesischen Nachrichten

 

16. Mai 2020: Mit dem Herzen sehen

Wissen wir, wie es wirklich im Inneren eines uns vertrauten Menschen aussieht? Oftmals kann man dann nur erahnen, was der andere denkt und fühlt. Seit Ende April ist es noch schwerer geworden, im Gesicht anderer Menschen etwas von ihren Gedanken oder Gefühlen zu erkennen. Hinter einem Mund- und Nasenschutz ist gelingende Kommunikation, die von Gestik und Mimik lebt, kaum möglich.
Aber auch ohne Mund- und Nasenschutz kann das, was von einem Menschen sichtbar ist, täuschen. Wie oft beurteilen wir Menschen danach, was unsere Augen sehen, nach dem Verhalten, der Schulbildung, nach dem beruflichen Werdegang oder vielleicht auch nach eindrucksvollen Äußerungen. Und wie oft müssen wir unsere Meinung von einem Menschen korrigieren.
Wie es im Inneren eines Menschen aussieht, kann kein Außenstehender ganz durchschauen. Das wusste schon König Salomo, als er den fertigen Tempel in Jerusalem einweihte. Es ging ihm darum, dass alle Menschen sich in diesem Tempel an Gott wenden können, aus den verschiedensten Anlässen heraus, meist in Notsituationen wie Hungersnöten, Dürren, Krankheiten oder kriegerischen Auseinandersetzungen. Er richtete die Bitte an Gott, er möge doch jedem Menschen geben, wie er es verdient hat. „Wie du sein Herz erkennst“, sagt Salomo im 1. Buch der Könige im 8. Kapitel Vers 39. Und er fährt fort: „Denn du allein kennst das Herz der Menschenkinder.“
Wenn Gott einen Menschen sieht und ihn beurteilt, dann spielt für ihn nicht nur das äußere Tun und Lassen eine Rolle, sondern vor allem das, was an Gedanken und Motiven dahinter zu erkennen ist. Gott kennt unser Herz und weiß, wie es tief drinnen aussieht. Er sieht, wo das Herz weit wird und groß, wo das Leben Raum hat und sich ausdehnt, auch über die Grenzen hinaus. Ebenso nimmt er wahr, wo es eng wird und hart, wo die Liebe abhandenkommt. In der Erzählung „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint Exupéry geht es um Menschen, deren Herz verhärtet ist, denen die Liebe abhandengekommen ist. Sie sind nur mit sich selbst beschäftigt sind. Die zwischenmenschlichen Werte im Leben haben sie verdrängt. Und so begegnet der kleine Prinz auf seiner Reise beispielsweise einem König, der ein fiktives Reich beherrscht und für den der kleine Prinz nur Untertan ist, er begegnet einem Eitlen, der ihn nur als Bewunderer sieht und er begegnet einem Geschäftsmann, der behauptet, die Sterne zu besitzen. Skizziert wird das Wunschbild einer Welt, in der die Menschen wieder mehr mit dem Herzen sehen und handeln. „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“
Mit dem Herzen sehen heißt, sehen, was der oder die andere braucht, was ihm oder ihr guttut. Mit dem Herzen sehen heißt auch, Verantwortung für andere zu übernehmen. Wer ein Herz für seine Mitmenschen hat, dem ist es nicht egal, wie es anderen geht, gerade auch in schwierigen Zeiten, wie gegenwärtig der Corona-Pandemie. Der versucht, für andere Menschen nach seinen bzw. ihren Möglichkeiten da zu sein und zu helfen. Der versucht, den anderen zu verstehen, zu erahnen, warum der oder die andere sich so verhält. Der sieht andere Menschen wie sich selbst als von Gott geliebte Menschen an. Er sieht, wie Gott, das Herz aller Menschenkinder. Möge Gott uns dabei helfen und immer wieder Kraft, Mut und Zuversicht schenken.

Von Pastorin Sabine Bohlen, Friedenskirchengemeinde Wiesmoor

9. Mai 2020: Musik für alle Lebenslagen

„Mit seinen Worten sang er über mein Leben. Er erzählte alles, was es über mich zu wissen gab.“ Für den morgigen Sonntag Kantate, den Sonntag des Singens und der Musik, musste ich an ein Lied denken: „Killing me softly“ von den Fugees. Es beschreibt das Gefühl, dass das Lied, welches man gerade hört, über einen selbst geschrieben ist. Man findet sich im Lied wieder, mit allem, was einen ausmacht, mit schmerzlichen Teilen und mit guten, mit denen, die man andere wissen lässt und denen, die man in sich drin behält und mit kaum jemandem teilt. Plötzlich ist das alles für Zuhörer offengelegt. Ohne, dass die beschriebene Person es gewollt oder gewusst hätte. Mit einer so großen Offenheit, wie sie im Lied beschrieben wird, von unserem Leben zu erzählen, ist etwas, das viele, mich eingeschlossen, nur tun, wenn sie einer Person wirklich nah sind. So etwas braucht für mich Vertrauen und ein Gespräch mit nur wenigen Beteiligten.
Einen ähnlichen Gedanken trägt ein Lied in sich, das aus Brasilien stammt und mittlerweile Eingang in einige Gottesdienste gefunden hat und am Sonntag unter anderen Umständen sicherlich auch an einigen Orten gesungen worden wäre. Darin heißt es: „Ich sing dir mein Lied, in ihm klingt mein Leben. Die Töne, den Klang hast du mir gegeben.“ Mein Leben wird nicht für alle Öffentlichkeit gesungen, ohne mein Zutun oder Wollen, sondern ich teile mein Leben mit einer Person. Und nicht mit irgendeiner Person, sondern einer, die Anteil hatte an meinem Leben, eine wichtige Rolle gespielt hat oder spielt und eben Töne und Klang zu meinem Lebenslied beigegeben hat. Gemeint ist hier natürlich vor allem Gott, der so viel Anteil an meinem Leben nimmt und dem ich mit meinem Lied meine Dankbarkeit und meine Freude zeigen kann. Es ist sicher nicht so, als könnte ich Gott irgendetwas erzählen, was er nicht schon wüsste, aber ich kann ihm mein Leben anvertrauen, es ihm zum Geschenk machen.
Heute, am Sonntag Kantate, ist Zeit dafür: laut zu singen, sich zu freuen und Gott zu loben. Für alles, was gut ist in unserem Leben und funktioniert. Aber auch um Gott alles, was nicht funktioniert und uns belastet, mitzugeben. Die oft bedrückenden Töne der letzten Monate, aber auch die freudigen Töne des Frühlings und des beginnenden Sommers. Und die hoffnungsvollen, vorsichtigen Töne des Neuanfangs nach langer Isolation, auch in unseren Kirchen.

Von Phillipp Sapora, Vikar in Spetzerfehn

2. Mai 2020: Jauchzet Gott, alle Lande!

Können Sie sich daran erinnern, wann Sie zuletzt gejubelt haben? Oder erübrigt sich diese Frage angesichts unserer nicht enden wollenden Coronakrise, die seit Wochen die Bedürfnisse jedes Einzelnen nach einem freien, selbstbestimmten Leben derart schmerzhaft einschränkt? Dieser Sonntag trägt den Namen Jubilate und stammt aus Psalm 66, wo es heißt: „Jauchzet Gott, alle Lande!“ Dieser Jubelruf wird begründet in Gottes Schöpfungshandeln. In der von Gott wunderbar geschaffenen Natur bis zur Erschaffung seiner Menschkinder als Abbild von ihm selbst wird dem Psalmbeter deutlich, welcher Ideenreichtum, welche Weisheit und welch eine tiefe und leidenschaftliche Liebe zum Leben in allem steckt.

Vielleicht mag uns heute nicht nach Jubeln zumute sein, erst recht nicht, wenn es von anderer Stelle verordnet wird. Doch steckt vielleicht gerade in dieser Weltenkrise und den verordneten Einschränkungen unserer Bewegungsfreiheit auch eine Chance: Zunächst einmal die Chance für unsere Natur, einmal aufzuatmen und sich ein wenig zu erholen: vom Menschen. Denn anstatt unserem Auftrag der Schöpfungsbewahrung nachzukommen, haben wir viel zu lange schon die Erde, Pflanzen und Tiere, Wasser und Luft malträtiert, ausgebeutet und verschmutzt. Für viele ist diese als so lang empfundene und schwer erträgliche Auszeit eine Chance zur Neubesinnung. Wir erleben es besonders in dieser Frühlingszeit: dass das frische Grün an den Bäumen guttut, dass die Luft in den Städten besser, die Sicht über das Land und in den Nachthimmel klarer geworden ist und wir frühmorgens staunen können über lange nicht wahrgenommene Vogelstimmen, über kleine neue Pflanzen und Blumen. Wir sind Teil dieser einzigartigen Vielfalt. Jeden Tag wächst und grünt Neues. Jeder Tag bringt neues Leben.
Vielleicht bewegt uns diese Ausnahmezeit, unsere Bewahrungsverantwortung neu zu bedenken, unseren lebensnotwendigen, respektvollen Umgang miteinander neu zu überdenken, den Wert von Gemeinschaft neu zu schätzen. Unser Wochenspruch lautet: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2. Kor. 5,17) Es gibt sicher zurzeit Grund genug zur Sorge und Zukunftsangst, zu Trauer und Klage. Doch wenn Gottes Liebe zum Leben zu Ostern alle lebensfeindlichen Mächte und selbst den Tod für uns besiegt hat, dann wird am Ende nicht eine Klage, sondern die Freude bleiben. Bleiben wir in neugieriger Hoffnung, wann wir wieder miteinander in Gottes Häusern und seiner Natur von Herzen laut unserem Schöpfer und Vater loben, gemeinsam anbeten und singen werden.

Von Pastor John Förster, Kirchengemeinden Riepe und Ochtelbur

25. April 2020: Den Ostergedanken bewahren

Ostern ist vorbei. Die Schokoladeneier sind gegessen, die geschmückten Sträucher im Garten und die Zweige in der Vase haben in unseren Häusern ihren Schmuck schon wieder verloren. Der Alltag ist eingekehrt, die erste Arbeitswoche liegt hinter uns. Wenn auch ganz anders als gedacht. Auch unser Osterfest war nicht so, wie wir es uns gewünscht hätten. War das alles wirklich Ostern – war das letzte Woche? Ja, Ostern ist vorbei. Und jedes Ostern ist etwas Besonderes, weil Trauer und Freude nur selten so nah beieinander liegen wie zwischen Karfreitag und Ostersonntag.
Auch die Jünger erleben das so. Die Aufregung vom Ostermorgen durch die Entdeckung des leeren Grabes hat sich gelegt. Man kommt zusammen, weil man immer zusammen war. Ein bisschen Gewohnheit ist dabei. Natürlich sind sie auch etwas ratlos: Wie soll es jetzt weitergehen? Wird es die Gruppe der Jüngerinnen und Jünger noch lange geben? Und über allem steht die Frage: Wie sollen sie das, was passiert ist, denn überhaupt verstehen?
Ich kann mir vorstellen, dass die Meinungen geteilt waren. Je nachdem, wie man die Ereignisse aus den Tagen davor wahrgenommen hatte. Wer war selber dabei gewesen? Wer hatte nur von anderen davon gehört? Ganz unterschiedlich haben die Jünger das aufgenommen, was ihnen gesagt wurde. Vor allem einer ist außen vor: Thomas. Er war nicht dabei, als sie zuletzt zusammen waren und Jesus mitten unter ihnen war. Thomas will es jetzt wissen: War es wirklich Jesus, der da in der Runde seiner Freunde aufgetaucht ist? Daran hängt für ihn alles. Je nachdem, wie die Antwort ausfällt, wird er die Ereignisse aus den Tagen davor beurteilen. Und dann passiert es wirklich noch einmal – Jesus erscheint unter den Jüngern. Das ist die Chance für Thomas: Er lässt sich Jesu Hände und seine Seite zeigen. Die Stellen, an denen es Wunden gegeben haben muss, wenn er denn wirklich derjenige war, der am Kreuz gehangen hatte. Thomas bekommt seine Chance. Er darf seine Hände bei Jesus in die Wunden legen. Damit ändert sich für ihn alles. Ja, auch für ihn ist das Fest vorbei. Der Alltag fordert ihn genauso wie seine Freunde heraus. Aber er hat in seinen Alltag die Gewissheit mitgenommen: Dieser Mensch ist Jesus. Der Gekreuzigte lebt!

Elske Oltmanns

Das ist auch für uns das Entscheidende: Dass wir diese Botschaft aus dem Osterfest mit in unseren Alltag nehmen. Auch wenn unsere Normalität nicht mehr die ist, die es war. Auch wenn unser Leben nun von jenem Virus bestimmt wird. Das Fest ist vorbei. Aber die Botschaft dieser besonderen Tage lebt weiter: Der Auferstandene ist mitten unter uns.
Wie kann das gehen? Ich kann auf Momente achten, die so etwas wie Auferstehung in meinen Alltag bringen. Angefangen vom Aufstehen am Morgen über die Frage des Nachbarn „Wie geht’s?“ bis hin zur Besserung, sogar Heilung von einer Krankheit. Viele kleine Momente im Alltag geben der großen Botschaft von der Auferstehung Raum. Und deshalb ist es in Ordnung, dass das Osterfest vorbei ist. Denn seine Botschaft lebt auch im Alltag weiter. Auch in einem veränderten Alltag.
Herzliche Grüße und „Bleiben Sie gesund“, Gott war ist und bleibt mit seinem Segen bei uns!

Von Elske Oltmanns, Pastorin in Bagband

18. April 2020: Das Undenkbare von heute

Viel – meinem persönlichen Geschmack nach – zu viel wird über Krisen berichtet und darüber, dass immer neue unerfreuliche Entwicklungen uns und unser Leben tangieren. Doch ich musste lernen, dass das Undenkbare von heute bereits Realität von morgen sein kann. In der Vergangenheit wurden wir mit Problemen konfrontiert, die sich in einer gewissen räumlichen Entfernung abspielten. Das ist heute völlig anders: Deutschland ist massiv in der Krise und wir als Bürger müssen uns auf die nächsten Eskalationsstufen vorbereiten. Wir alle kennen den Satz: Wer am besten plant, kann am freiesten entscheiden! Das betrifft Politik, Gesellschaft und nicht zuletzt die Kirche. Trotz allem kann und will ich die Hoffnung auf einen guten Ausgang nicht aufgeben und selbstverständlich werden sich viele neue und unvorhergesehene Herausforderungen ergeben und natürlich braucht es viele „Mutmacher“ damit wir unsere Zuversicht nicht verlieren. Aber wenn wir uns alle gut vorbereiten und den Vorgaben Folge leisten, wenn wir aufeinander achtgeben, wenn wir unsere Menschlichkeit und Nächstenliebe bewahren, dann werden nicht einige über sich hinauswachsen, dann können wir gemeinsam diesen Stresstest bestehen. Wenn ich einkaufen gehe, beobachte ich in dieser krisengeschüttelten Zeit meine Mitmenschen besonders und mir fällt auf, wie rücksichtsvoll und freundlich miteinander umgegangen wird. 1,50 m Abstand mit einem Lächeln gemessen – da fällt mir spontan ein Satz aus der Bibel ein:
„Eure Freundlichkeit lasst alle Menschen spüren“ (Philipper 4,5) Apropos Freundlichkeit: Muss man wirklich schon erröten, wenn man dieses Wort heute noch in den Mund nimmt? Wird man als „Schleimer“ leise belächelt? Und wenn? – Ja, was denn? Dann hätten wir womöglich das Erkennungszeichen der Freundlichkeit entdeckt: Das Lächeln! Freundlichkeit besteht in einem Lächeln, jedenfalls fängt sie damit an. Sie ist leicht wie eine Flocke, glaube ich, doch sie ist nicht einfach nur „nett“ – nein – eher so wie die Sonne am Morgen oder der sanfte Abendwind. Sie schimpft schon mal, das muss sie und das darf sie auch, aber sie regt sich nicht auf über jede Kleinigkeit. Sie hat ein beachtliches Maß an Offenheit, Takt, Vertrauen, an Bereitschaft und Fähigkeit zum Hinhören. Nötigenfalls kann sie auch eine Zurechtweisung einstecken, wenn sie zu Recht bestand.
Die Freundlichkeit nimmt – nimmt den anderen ernst und sie teilt aus, eben keine Seitenhiebe, sondern freundliche Blicke, sie gibt weiter, gibt ab und sie muss viel, sehr viel geben, ehe sie aufgibt. Sie versucht zu entkrampfen und zu entgiften. Und wir? Wir geben sie bitte weiter – unbedingt an unsere Kinder und Enkelkinder, denn die müssen lernen, wie entscheidend wichtig Freundlichkeit sein kann.
„Eure Freundlichkeit lasst alle Menschen spüren!“ Möchte dieser uralte Satz aktueller sein denn je. Möchte er ein Hauptsatz, ein Grundsatz und: geb’s Gott, auch mein Vorsatz sein, gerade in dieser nicht ungefährlichen Zeit.
Die Freundlichkeit macht froh, großmütig und frei von sich selbst. Mit einem Wort: Freundlich!

Von Helmut-G. van der Wall, Prädikant im Kirchenkreis Aurich

11. April 2020 Ostern:

9. April 2020 Karfreitag:

4. April 2020: Der Trick mit dem Einfrieren

Diese Woche waren viele Nächte frostig. Obstbauern sprühen dann feinen Wassernebel auf die Apfelblüten, um sie zu vereisen. So schützen sie die Blüten vor dem Erfrieren. Eis schützt vor Frost. Das klingt unsinnig, ist es aber nicht. Wie ein schützender Mantel legt sich das Eis um die Blüten. Unter dem Eis entsteht Wärme. Ist das Eis abgetaut, kann die Blüte weiter wachsen. In diesen Tagen müssen nicht nur Blüten vor dem Absterben geschützt werden. Unser ganzes gemeinschaftliches Leben ist wie eingefroren. Wir müssen Abstand voneinander nehmen. Dies geschieht, um Leben zu schützen. Klingt auch widersprüchlich, lässt uns aber Zeit gewinnen. Es rettet Leben. Soziale Distanz ist heute wie ein schützender Mantel der Nächstenliebe. Abstand ist ein verantwortungsvoller Dienst am Enkel, an den Großeltern, am Nachbarn und Nächsten. Unter dem eisigen Mantel kann sich Wärme freisetzen. Neue Ideen wachsen, wie wir einander auch im räumlichen Abstand nahe sein können. Helfen beim Einkaufen, Nähen von Mundschutz, Telefonieren, Briefe schreiben, Online-Angebote…
Viele sind beschäftigt, die Folgen der Corona-Krise abzumildern. Das ist wirklich bewundernswert. Mit vereinten Kräften stemmen wir uns gegen frostige Zeiten. Aber: Der Trick mit dem Einfrieren der Blüten klappt nur für kurze Zeit. Einige gefährlich kalte Nächte kann man damit überbrücken. Dann braucht es wieder die Sonne, die Wärme. Die Blüten müssen sich weiter entfalten. Sie müssen bestäubt werden, um zur Frucht reifen zu können. Die Menschen in unseren Altenheimen müssen vorübergehend geschützt, aber nicht komplett abgeschottet werden. Welche Wege finden wir? Patienten und Mitarbeitende in unseren Krankenhäusern, in Pflegediensten: Was außer Schutzkleidung benötigen sie? Wir sehen klarer als zuvor, welche Berufe „systemrelevant“ sind: Pflegende, Ärzte, Supermarktmitarbeitende, Reinigungskräfte, Lastwagenfahrer, Landwirte, Postboten, Politiker, Notgruppenbetreuende in Kitas, Polizisten, Mitarbeitende beim Landkreis Aurich im Krisenstab und anderen Behörden, Müllwerker, Seelsorger… Menschen, die unter eisigem Schutzmantel für Wärme und Leben sorgen. Jetzt braucht es besondere Achtsamkeit füreinander. Wir alle können viel tun, damit sich genug Wärme unter dem Eis bildet. Dann werden die Blüten weiter wachsen. Und unsere Hoffnung hat einen längeren Atem als die aktuellen Einschränkungen. Da bin ich ganz zuversichtlich. Denn unser Gott hat uns alle mit einem besonderen Geist ausgestattet. Es ist kein Geist der Furcht! Es ist ein Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Kraftvoll, liebevoll, klug, bedacht, umsichtig und besonnen werden wir diese Zeiten bestehen. Das ist systemrelevant. Bleiben Sie behütet!

Von Superintendent Tido Janssen, Ev.-luth. Kirchenkreis Aurich

28. März 2020: Der Ruf in die Verantwortung

Ich bin 1927 geboren und kenne das Gefühl, dass die Coronapandemie in mir auslöst. Erlebt habe ich es am 1. September 1939. Im Radio hörte ich die inzwischen berühmten Worte Adolf Hitlers: „Ab 5 Uhr 45 wird zurück geschossen.“ Schon Tage vorher gab es eine gespannte Unruhe, ob es wohl tatsächlich Krieg gibt? Und dann war es plötzlich passiert: Wir sind im Krieg. Es wird ernst.
Wir sind im Krieg und alles wird anders. Nichts ist mehr wie es war. Niemand wurde gefragt: Es brach über uns herein und war weder abzuwenden noch rückgängig zu machen. Und keiner konnte sich davonstehlen. Wie ein dunkles Verhängnis kam es über uns: Was wird kommen? Keiner konnte es vorhersagen. Jeder war betroffen. Eine radikale Unterbrechung: Alles wird anders.

Pastor Carl Osterwald

Nun mussten die Kellerfenster durch einen Splitterschutz abgesichert werden. Abends durfte kein Lichtschein mehr nach draußen fallen. Lebensmittel und Kleidung gab es nur noch auf Bezugsschein. Autos und Pferde mussten abgeliefert werden. Eiserne Gitter vor den Häusern wurden abgerissen. Nahezu alle jungen Männer mussten sich sammeln und wurden abtransportiert. Was kommt wohl als Nächstes? Es wird Tote geben. Eine bedrückende Ungewissheit, aber auch Propaganda und Siegeszuversicht. Eins war gewiss: Wir waren eine große Gemeinschaft, eine Volksgemeinschaft und darauf kommt es an: Wir müssen zusammenstehen! Jeder Einzelne ist jetzt verantwortlich fürs Ganze!
Nun, 2020, ist das Coronavirus über uns gekommen. Unabwendbar, ungewisse Folgen und Dauer. Was wird es anrichten? Das Gefühl der Ungewissheit, Sorge, Hilflosigkeit, des Ausgeliefertseins ist wie 1939. Aber es gibt wesentliche Unterschiede. Da ist kein Diktator, der uns kommandiert und dessen Anweisungen wir auszuführen haben, obwohl er selbst nicht wissen konnte, was kommen wird. Er verlangte Glauben und Vertrauen und versprach uns das Heil. Und das Furchtbare geschah: Wir haben ihm vertraut. Und auch wer zögerte oder ablehnte, jeder saß drin: Wir waren im Krieg. Und haben ihn verloren.
Jetzt sind wir in einer Pandemie. Es gibt Kranke und Sterbende. Das Ausmaß ist nicht abschätzbar. Wieder haben wir eine radikale Unterbrechung. Wie 1939. Es wird ernst. Und nun kann sich zeigen, ob wir lernfähig sind. Wir sind nicht unter der Fuchtel eines Diktators, sind nicht ratlos und hilflos einem Verhängnis preisgegeben, sondern wir haben den Rat urteilsfähiger und vertrauenswürdiger Wissenschaftler. Wir haben besonnene Politiker und hilfsbereite Organisationen. Aber auch jetzt kommt es auf jeden Einzelnen an. Nicht auf unsere Volksgemeinschaft, sondern darauf, ob wir uns als Mitmenschen verstehen.
Anders gefragt: Es kommt darauf an, ob wir noch in der Lage sind, die alte und stets neue Weisung zu verstehen und nach ihr zu leben: „Du sollst Gott, deinen Herrn lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüte und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Es ist selbstverständlich, dass ich mich selbst liebe und achtsam mit mir umgehe (das gilt ganz besonders in Zeiten einer Pandemie). Dass ich meinen Mitmenschen, wer immer es ist und wo immer ich ihn treffe, ebenso lieben soll, muss mir gesagt werden. Es ergibt sich indessen als Konsequenz daraus, dass ich Gott liebe. Diese Liebesbeziehungen (früher „Nächstenliebe“ heute „Solidarität“) bedingen sich gegenseitig. Wer mit Gott nichts anfangen kann, könnte vielleicht sagen, dass er oder sie das Leben liebt. Die Konsequenz ist dieselbe.
Hätten wir uns 1939 an diese uralte Weisung gehalten, wäre alles anders gekommen. Jetzt haben wir, 2020, wieder eine radikale Unterbrechung und lernen – hoffentlich – auf die Wissenschaftler zu hören. Vielleicht brauchen wir diese Unterbrechung, um auch endlich auf die Wissenschaftler und Mahner zu hören, wenn es ums Klima geht, das Artensterben, den Müll, ja, ums Leben überhaupt.

Von Carl Osterwald, Pastor in Ruhe, Münkeboe

21. März 2020: Glockenklang verbindet

Dr. Detlef Klahr

Eine schwierige Zeit, die uns abverlangt, dass wir zueinander körperlich auf Distanz gehen. Das bedeutet Sicherheitsabstand und Verzicht auf die sonst so vertrauten sozialen Kontakte. Das ist nicht leicht und kann einem aufs Gemüt schlagen. Auch der selbstverständliche Besuch eines Gottesdienstes ist nicht möglich, denn die Kirchen und Gemeindehäuser bleiben geschlossen. Das ist in Zeiten der Gefahr von Ansteckung auch genau die richtige Entscheidung.
In diesen Tagen achte ich besonders auf die Glocken der Kirchen, die in einer vertrauten Selbstverständlichkeit zu den Tageszeiten läuten. In vielen Orten läuten sie am Morgen, Mittag und Abend und rufen, ja laden ein, zu einem Gebet. So ist es von alters her gemeint. Eine Art Zeitansage und zugleich eine Einladung zu einem Vaterunser. Das ordnet den Tag und hält uns in Verbindung mit Gott dem Schöpfer unseres Lebens.
Schon lange habe ich mir angewöhnt, beim Läuten der Glocken für einen kurzen Augenblick alles stehen und liegen zu lassen. So manche Sitzung in meinem Büro habe ich unterbrochen und zu den Anwesenden gesagt: „Die Glocken der Kirchen läuten zum Gebet, lasst uns kurz unsere Arbeit unterbrechen. Denkt an Gott und an die Menschen, die ihr lieb habt.“ Nur eben eine Minute schweigen, die Glocken hören und zur Ruhe kommen.
Besonders jetzt, da wir nicht wie sonst zusammensein können, höre ich die Glocken wie eine Verbindung, zu all den anderen in ihren Häusern und bei ihrer Arbeit.
Gerade in der Einsamkeit der Isolation, die uns auferlegt ist, können die Glocken uns daran erinnern, dass wir untereinander in Verbindung stehen. Als Mitmenschen in der Gesellschaft, als Christen im Glauben.
Es ist gut, dass die Glocken jetzt auch am Sonntag zur gewohnten Gottesdienstzeit läuten. Sie rufen nicht in die Kirche, sondern erinnern uns an die Gottesdienste, die wir dann am Fernsehen, im Internet oder in der persönlichen Stille feiern können. So wie wir den Klang der Glocken hören, so sind wir dabei untereinander verbunden.
Wenn wir die Glocken hören, lasst uns daran denken, dass wir zusammen diese Zeit durchstehen müssen und wir einander brauchen. Nicht einsam, sondern gemeinsam sind wir stark. Nicht nur ich höre die Glocken, die anderen hören sie auch.

Von Dr. Detlef Klahr, Regionalbischof für den Sprengel Ostfriesland-Ems

14. März 2020: Mut zur Veränderung

Wer die Hand an den Pflug legt und zurücksieht, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. So lautet der Wochenspruch aus dem Lukasevangelium (9,62). Jesus sagt diese Worte über das Reich Gottes, als es darum geht, was es bedeutet, ihm nachzufolgen. Er begegnet drei Männern.

Pastorin Sunnive Förster

Immer wieder verkündigt Jesus das Reich Gottes. Er meint nicht irgendeine heile Welt in der Ewigkeit, sondern eine Welt, die schon heute Gottes Gesicht trägt: eine Welt, in der wir respektvoll, liebevoll, barmherzig, gerecht und friedlich leben können. Jesus nachzufolgen bedeutet, nicht immer am Gewohnten festzuhalten und zurückzuschauen, sondern in Jesu Sinn mutig und hoffnungsvoll an Gottes Welt mitzubauen. Gott ist mit uns!
„Komm, nimm dein Bett und geh!“ Das sind die Worte eines Kanons, den wir am Weltgebetstag gesungen haben, der in diesem Jahr von Frauen in Simbabwe vorbereitet wurde. Ein Mann, der seit 38 Jahren gelähmt ist, tut, was Jesus ihm sagt: Er steht auf, nimmt seine Matte hoch und geht.
Es scheint undenkbar, nach so vielen Jahren überhaupt an Heilung zu glauben. Der gelähmte Mann tut es aber doch, als er Jesus begegnet. Er glaubt daran, dass Veränderung möglich ist. Er kann sich endlich wieder bewegen! Er schaut nicht zurück, sondern kann fröhlich in seine Zukunft schauen und läuft los!

Von Sunnive Förster, Pastorin an der Ubbo-Emmius-Klinik Aurich

7. März 2020: Wunder

„Wunder gibt es immer wieder. Heute oder morgen können sie gescheh’n. Wunder gibt es immer wieder. Wenn sie Dir begegnen, musst Du sie auch seh’n.“ Katja Ebstein sang dieses Lied 1970 beim Grand Prix d’Eurovision (heute ESC) in Amsterdam. Die Menschen zur Zeit Jesu waren teilweise verrückt nach Wundern. Jesus ist eher zurückhaltend. Er möchte nicht, dass sich ihm jemand anschließt, nur weil er Wunder vollbringen kann. Er ist nicht einer jener Wundermänner, die damals durch die Lande zogen und die Menschen einfangen wollten. Jesus ist anders. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Er heilt Menschen und setzt damit Zeichen: „Siehe, das Reich Gottes ist schon angebrochen.“ Jesus benutzt die Menschen nicht. Er führt sie nicht vor. Er lässt ihnen ihre Würde. Er schenkt ihnen neues Leben. Neue Sichtweisen. Er heilt den Gelähmten. Er heilt den Blinden. Er geht auch zu den Aussätzigen. Er macht keinen Bogen um die Leute. Er grenzt sie nicht aus. Er sagt nicht: „Dir geht es schlecht. Gott bestraft dich für deine Sünden.“ Er sagt: „Dir sind deine Sünden vergeben. Steh auf und geh.“
Jesus bringt den Glauben ins Spiel. Er spürt, wenn jemand ihm vertraut. Große Wunder, kleine Wunder.

Pastor Christoph Schoon

Das größte Wunder war für mich als Kind die Tatsache, dass die Welt existiert. Ich war vielleicht etwas grüblerisch veranlagt und dachte darüber nach, wieso es die Welt gibt und nicht nichts. Aber wie sähe Nichts aus? Und wie wäre Gott vorstellbar, wenn Nichts alles bestimmend wäre? Weiter kam ich gedanklich nie, immer nur bis zu diesem Punkt. Wenn ich dann in den ostfriesischen Himmel schaute, gab mir das ein gutes Gefühl. Große Wunder und die kleinen Wunder des Alltags: „Wenn sie Dir begegnen, musst Du sie auch seh’n.“ Das ist wahrscheinlich das Geheimnis: Wunder auch zu erkennen im Alltagsgewusel. Die Schöpfung Gottes als Wunderwerk. Birken im Moor, Kühe auf der Weide, Wind und Sturm, wie schön ist das alles! Aber auch in alltäglichen Begegnungen und Gesprächen kann man eine Menge Wunderbares und Wundervolles erleben.
„Steh auf und geh.“ Jemanden ermutigen. Trau Dir etwas zu. Gott traut Dir das zu. Zu Menschen gehen, die ausgegrenzt sind. Oder: Zu dem einen Menschen gehen, der ausgegrenzt wird. Jesus ermutigt uns dazu: Zu sehen und zu gehen und zu glauben. Deshalb ist er wohl doch der Wundermann.

Von Christoph Schoon, Pastor in Timmel und Mittegroßefehn

29. Februar 2020: Zweifel

„Und als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten!“ Diesen Bibeltext habe ich schon sehr oft vorgelesen. Plötzlich bin ich aber an drei Worten hängen geblieben, die ich sonst immer wieder überhört habe: „einige aber zweifelten!“
Ich muss gestehen, wenn ich predige, dann wundere ich mich manches Mal, dass nicht plötzlich jemand aufsteht und mir sagt: „Das klingt ja ganz nett, Frau Meenken, aber so kann es alles doch gar nicht sein!“ So ein Zweifler hätte gegen mich die besseren Argumente. Zweifellos.
Gerade die Passionsgeschichten führen uns das Leid besonders vor Augen. Und der Blick in die heutige Welt und die Schreckensmitteilungen aus unserem eigenen Alltag lassen uns erst recht zweifeln. Wie soll ein Mensch bei all diesen fürchterlichen Nachrichten aus vollem Herzen an einen Gott glauben, der es gut mit uns Menschen meint? Damals wie heute sind die Zweifel groß.
Die Jünger zweifelten übrigens ständig. Es lässt sich immer eine Reihenfolge erkennen:
1. Sie zweifelten.
2. Sie wagten etwas (zum Beispiel doch noch einmal zum Fischen auf den See hinauszufahren, obwohl sie stundenlang nichts gefangen hatten).
3. Sie staunten. Und so ging es immer wieder von vorne los.
Was kann Gott mir schenken gegen die Zweifel? Heilt er einen Sterbenskranken, schiebt mein Verstand es auf die Medizin. Würde Gott wieder ein Mensch in der Welt sein, würde mein Verstand ihn als Spinner abtun oder als Scharlatan. Ehrlich, ich wüsste nicht, was Gott tun soll, um alle Zweifel für immer auszulöschen. Wahrscheinlich müssen wir die immer wieder kehrenden Zweifel aushalten in unserem Leben.
Ich weiß nicht, in welcher Phase Sie gerade stecken. Aber vielleicht gönnen Sie sich im Laufe der Passionszeit mal die Frage: Was hält mich davon ab, es trotz meiner Zweifel mal wieder mit Gott zu wagen?
Ich wünsche Ihnen, dass Sie spätestens Ostern wieder staunen werden!

Von Cathrin Meenken, Pastorin in der Lamberti-Gemeinde Aurich

22. Februar 2020: PauLa und Jo

Darf ich vorstellen? PauLa und Jo.
PauLa und Jo sind zwei Figuren einer Zeichnung, ein Grafiker aus Sandhorst hat sie entworfen. Zu sehen sind ein Junge und ein Mädchen; gemeinsam sind sie das Symbol, das unseren Konfirmationsunterricht begleitet. Die beiden Namen sind zusammengesetzt aus den Namen der drei Gemeinden „Paulus“, „Lamberti“, „Johannes“.

Susanne Schneider, Pastorin in Sandhorst

Seit einem Jahr unterrichten drei Pastorinnen, zwei Diakone und ein Pastor aus den drei Gemeinden gute 90 Konfirmandinnen und Konfirmanden zusammen. Dabei begleiten uns PauLa und Jo. Frech und liebenswert sind sie auf der Zeichnung dargestellt, so wie die „echten“ Jugendlichen es auch sind. Sie gehören zusammen, stehen aneinandergelehnt da. PauLa hat die orangene Konfi-Tasche umhängen; „für dich ist alles drin“ steht da drauf. Jo hat den Ball unter seinen Fuß geklemmt. Den mit dem Zeichen der evangelischen Jugend. Wach, interessiert und erwartungsvoll schauen die beiden in die Welt. Wach und interessiert haben wir Unterrichtenden sie erlebt, unsere 90 Konfis. Nach einer ersten Zeit in den jeweiligen Heimatgemeinden und einem gemeinsamen Wochenende zu Taufe und Abendmahl haben wir in den vergangenen Monaten „mix it“ unterrichtet. Neben einem Pflichtprogramm (Gott, Jesus, die 10 Gebote) konnte aus 35 Kursen ausgewählt werden, was interessiert: Tod und Sterben; Konfikino mit Jesusfilm; Brot für die Welt; Jugendandachten; weltweite Kirche; Praktika in Kinderspielkreisen und Alteneinrichtungen, Auricher Tafel und Diakonie; gemeinsames Singen mit Auftritt im Gottesdienst … für jede und jeden war etwas dabei. Gerade haben wir mit einem Gottesdienst und einer Ausstellung diese mix-it-Zeit abgeschlossen. Die Eltern waren eingeladen! Und haben gestaunt, was ihre Kinder da an Plakaten, Filmen, Gegenständen präsentiert haben. Was sie alles gelernt haben. Und gelernt haben die Jugendlichen wirklich. Nicht im Sinne von auswendig lernen, aber mit Herz und Sinnen haben sie den Glauben und die Kirche erkundet und erfahren, was dabei für sie selbst wichtig ist. Haben gelernt, dass sie Halt finden können bei anderen. Dass Fragen stellen gut ist, und die gemeinsame Suche nach Antworten wichtig. Dass sie Zweifel haben dürfen – ja, das Zweifel sogar zum Glauben dazugehören. Weil so das Vertrauen in Jesus Christus gestärkt wird, dessen Glaube im Zweifelsfall für mich mit reicht und mich trägt. Sie haben wirklich viel gelernt. Und wir Unterrichtenden mit ihnen auch. Mit unseren wachen und interessierten „PauLa und Jo’s“ unterwegs zu sein, war und ist ein Geschenk. Und nun schauen wir erwartungsvoll in Richtung Konfirmation. Da werden sie in einigen Wochen JA sagen zu Gott. Mit allem, was sie glauben und worauf sie vertrauen. Mit allen Zweifeln. Eben mit allem, was sie ausmacht und was ihnen wichtig ist. „Können wir nicht mal PauLa und Jo für Erwachsene machen?“, haben mich Eltern gefragt.
Tja, warum eigentlich nicht? Schließlich ist der Glaube niemals fertig und zu Ende, gehen wir unseren Weg mit Gott und Jesus Christus ein Leben lang.

Von Susanne Schneider, Pastorin in St. Johannis Sandhorst

15. Februar 2020: Wer Ohren hat, der höre!

Es ist herrlich still im Zug nach Hannover. Nicht, weil der Zug im Sturm liegengeblieben ist und nun einsam auf der Strecke steht, sondern weil ich meine neuen, geräuschunterdrückenden Kopfhörer dabei habe. Ein kleiner Druck am Kopfhörer oder in der App und die Welt wird dank der Technik leise. „Herrlich!“, denke ich mir!
Ich stelle mir vor, wie viel besser ich so abgeschottet von den Umgebungsgeräuschen arbeiten kann. Zumindest mein Buch kann ich so viel konzentrierter lesen. Wenn ich möchte, dann kann ich etwas Musik anmachen. Aber natürlich nur zur Unterstützung der Konzentration. Ich denke: Es geht alles so viel besser, wenn man die Welt und seine Mitmenschen nicht hören muss.

Pastorin Antje Wachtmann

Da tönt es an mein Ohr: „Ist dieser Platz noch frei?“ Eine junge Frau steht neben mir und ich höre sie klar und deutlich. Natürlich kann sie sich setzen, aber eigentlich wollte ich doch nichts hören. Aber so funktionieren die Kopfhörer nicht. Sie blocken nicht jedes Geräusch ab, sondern sie überlagern Hintergrundgeräusche mit einem Gegengeräusch, sodass es scheint, als ob es nicht da wäre. Das Rattern der Räder und das Windgeräusch verschwinden dadurch, die Sprache der Menschen nicht. Sie ist ja auch kein Hintergrundgeräusch.
Wenn ich darüber nachdenke, finde ich das auch gut. Ich möchte nicht ganz aus der Welt der Geräusche verschwinden, sondern mitbekommen, wenn ich angesprochen werde und jemand mit mir reden möchte. Ich will andere Menschen ja nicht unhöflich ignorieren.
Wer Ohren hat, der höre. So steht es im Lukasevangelium im 8. Kapitel. Da geht es nicht um menschliche Worte, sondern um das Wort Gottes. Das ist manchmal schwer zu hören, vor allem, wenn ich von vielen Dingen in der Welt abgelenkt bin. Und bisweilen möchte ich es ignorieren, denn es zeigt mir manchmal allzu deutlich, wo ich falsch lag.
Aber dann wieder trifft es einen unvermittelt ins Herz. Dann merkt man: Gottes Wort ist mehr als eine menschliche Botschaft. Die Botschaft seiner Liebe erreicht uns, auch wenn wir sie versuchen zu ignorieren. Es liegt an uns, sie hören zu wollen. Wer Ohren hat, der höre!

Von Pastorin Antje Wachtmann, Referentin für Kirche im Tourismus

8. Februar 2020: Gute Fügungen

„Ich habe mir alles in meinem Leben selbst hart erarbeitet“, sagte einmal ein Mann zu mir. Er war damals gerade 40 Jahre geworden, war verheiratet und hatte eine leitende Aufgabe in einer Firma. Er konnte sich einen schicken Anzug und ein teures Auto leisten und sicher so manches mehr. Ein paar Sätze später erzählt er aber, dass er seine Frau in einer anderen Stadt zufällig beim Tanken getroffen hätte. Eins kam zum anderen. Über ihren Vater kam er an seine Arbeitsstelle. Alles selbst erarbeitet? „Ich glaube nicht an Zufälle“, sagte ich damals. „Ich glaube, dass es gute Fügungen gibt. Dafür können wir dankbar sein.“ Da hat er mich erst einmal nur angesehen und nachgedacht.

Pastor Stefan Wolf

Ich hoffe, dass das Nachdenken bei ihm zum Umdenken geführt hat. Es gibt sicher einiges, was wir uns hart erarbeitet haben. Allerdings gibt es manche, die vielleicht noch härter arbeiten mussten, als der Mann damals. Ich denke etwa an die Frau, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, die arbeitet, wenn die Kinder in der Schule sind und danach noch den Haushalt schmeißt und sich um Hausaufgaben und so weiter kümmert. Oder ich denke an einen meiner Konfirmanden, der große Probleme mit dem Lesen und dem Schreiben hat. Für ihn ist es harte Arbeit, eine Frage zu lesen und dazu etwas aufzuschreiben. Wenn er es geschafft hat, ist er zu Recht stolz. Auch ihm habe ich gesagt, dass Gott uns hilft. Ob er meine Lebenserfahrung annimmt? Ich hoffe es. Auf jeden Fall: Wir müssen uns einiges hart erarbeiten. Aber so vieles wird uns auch geschenkt. Wie zum Beispiel die eine scheinbar zufällige Begegnung, die so vieles zum Guten verändert hat. Der Bibelspruch für die kommende Woche heißt: „Wir liegen vor Dir mit unserem Gebet, und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf Deine große Barmherzigkeit.“ (Daniel 9,18) Unsere Gerechtigkeit steht auch für das, was wir uns selbst erarbeitet haben. Daniel will aber nicht darauf schauen, sondern auf Gottes Barmherzigkeit. Auf seine guten Fügungen in meinem Leben. Im Gebet kann ich Gott alles sagen. Auch wenn ich mit so manchem in meinem Leben hadere. Meine Erfahrung ist: Wenn ich Gott das sage, was mich unzufrieden macht, erkenne ich nach einer Weile auch wieder das, was gut ist. Zum Beispiel die Menschen, die für mich da sind. Sie sind ein Zeichen seiner großen Barmherzigkeit. Ich bin dankbar dafür!

Von Stefan Wolf, Pastor in der Friedenskirche Wiesmoor

1. Februar 2020: Gewinn durch Verzicht

O dass du auf meine Gebote gemerkt hättest, so würde dein Friede sein wie ein Wasserstrom und deine Gerechtigkeit wie Meereswellen.
Jesaja 48, Vs.18

Pastor Michael Schlieker

Am Liebsten würde ich mein Handy wieder ausschalten. Immer wieder Nachrichten, Chats, Anfragen. Rund um die Uhr. Ich wollte informiert sein, darum habe ich mich darauf eingelassen. Der Jahrhundert-Deal für Palästina. Toll. Endlich Fortschritt. Zwei-Staatenlösung. Aber bei näherem Hinsehen: Alles nur Show, alles nur fake. Kein Vorwärts, sondern nur Rückschritt. Lösung: in weiter Ferne. Lö-sungsansatz: Fehlanzeige. Was dann: Zusammenstellung der Unvereinbarkeiten als Plan, der Frieden garantieren soll. Humbug, Quatsch. Zeitverschwendung. Und da ist sie wieder: Die Überforderung, die Überlastung.
Es gibt eine neue Art Fasten, die aus Amerika zu uns kommt und gelegentlich schon ausgeübt wird. Es ist das „Dopamin-Fasten“. Dopamin ist im Körper der Stoff, der ausgeschüttet wird, wenn uns etwas gefällt. Da immer mehr Reize auf uns einwirken und viele Menschen sich das auch wünschen, leben Menschen mit einem Übermaß an Dopamin, heißt es. Der Entzug soll bewirken, dass wir einfacher und feinfühliger werden und uns auch an Kleinigkeiten erfreuen. Michael, 24 Jahre, sitzt dann mal stundenlang am Fenster, hat Kerzen an, schaut auf einen Hamburger Hinterhof und betrachtet die Vögel oder die kahlen Bäume. Dabei werden „seine Gedanken langsamer“. Nach einiger Zeit verliere er die Lust am Handy, an neuen Nachrichten oder immer mehr Musik. Wenn er dann wieder seine Welt betritt, sagt er, sei er achtsamer.
Es ist verblüffend, dass die Bibel das von Anfang an weiß. Sie nennt es anders, sie hat aber unsere Seele im Blick: Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst, beginnt das dritte Gebot und erläutert, warum die Ruhe an einem Tag der Woche wichtig ist.
Ruhe ist Besinnung auf das, was ich bin und auf den, der ich bin. Ich bin nicht mein eigener Herr oder meine eigene Frau. Ich habe mich nicht in der Hand. Das sollten Menschen sich bewusst machen.
Der Mensch ist sich und dem Leben nicht unbegrenzt gewachsen. Deshalb wird der Monat Februar mit einem Wort aus Jesaja 48 eröffnet: Blick auf die Gebote und Frieden und Gerechtigkeit werden dich überrollen wie die Wasser.
Ob es das Gebot der Ruhe ist, das Gebot, sich auf einen Bezugspunkt zu beschränken, sich der Wahrheit zuzuwenden, die gleichen Chancen und Lebensmöglichkeiten für sich und für andere Menschen zu denken oder der Verzicht auf Neid, Diebstahl, übler Nachrede oder gar Mord — Frieden fängt bei mir selber an, ob ich Frieden möchte. Frieden setzt sich dann in konzentrischen Kreisen fort wie ein ins Wasser geworfener Stein. Ein Frieden, der Liebe, Harmonie, Gerechtigkeit, Versöhnung und Verzeihen in sich trägt. Anders als der Jahrhundert-Deal und der vermeintliche Dealmaker es der Welt vorgaukeln.
Vor Gott gibt es keine Scharlatane, sondern nur wahrhaftige Menschen, die seine Kinder sind.

Von Michael Schlieker, Beauftragter für Notfallseelsorge

25. Januar 2020: Ich kenne das

„Ich kenne das. Ich fühle mich oft auch so wie der zweite Sohn. Ich sehe, wie meine Mutter meinen jüngeren Bruder bevorzugt.“ Tief bekümmert und gleichzeitig offen äußert sich eine der vielen Konfirmandinnen und Konfirmanden auf unserer Freizeit in der Jugendbildungsstätte Asel zu der Geschichte vom Verlorenen Sohn. Eigentlich ist der Text aus dem Lukasevangelium eine Geschichte von mindestens zwei verlorenen Söhnen: Sie handelt von einem Sohn, der sein Erbteil fordert, in die Welt hinauszieht und verschleudert. Wie gewonnen, so zerronnen. Doch der Weg zurück zum Elternhaus bewahrt ihn nicht nur vorm Hungertod, sondern bringt ihm die Liebe des Vaters zurück. Und sie handelt von dem anderen Sohn, der Zuhause geblieben ist und gearbeitet hat, und bei der Rückkehr des Bruders eben gerade nicht in Begeisterungsstürme ausbricht. Die Tonfiguren, die einige Konfirmanden gestalten, stehen eindeutig: Vater und jüngerer Sohn liegen in einer engen Umarmung. Im dunklen Ton sind die Gesichtszüge kaum zu erahnen, aber die beiden Figuren, die sich in den Armen liegen, lächeln. Der ältere Sohn dagegen steht weit entfernt, entfremdet und enttäuscht. Er schaut sich das Glück des Wiederfindens gar nicht erst an und wendet sich ab.

Pastorin Silke Kampen

„Ich kenne das.“ Unsere jungen Menschen finden sich durchaus in einer biblischen Geschichte wieder. Frustration, Trauer und Wut sind den biblischen Geschichten nicht fern, sie erzählen davon und nehmen uns ernst. Sie bleiben nur nicht bei dem Erkennen und der Bestandsaufnahme stehen, sie finden sich nicht mit dem „So isses!“ ab. Vorurteile werden nicht bestätigt und Klischees werden nicht ständig wiederholt. Stattdessen öffnen biblische Geschichten Türen. Der Vater wendet sich am Ende dem Sohn zu, der die Arme verschränkt und ihm vor lauter brodelnder Wut nicht in die Augen schauen kann. Der Vater sieht seine beiden Kinder, wirbt mit seiner Liebe und bleibt darin so unglaublich konstant. „Kennt ihr das auch?“, frage ich die jungen Menschen und ich sehe ihnen an, dass sie jetzt eine ganze Menge zu verarbeiten haben. Gut, dass es diese Geschichte, die uns aus dem Tritt bringt und überrascht, gibt. Gut so.

Von Silke Kampen, Pastorin in Wallinghausen.

18. Januar 2020: Alternativer Antrieb

Pastorin Anita Schürmann

Am Sonntag laden wir in unserer Kirchengemeinde Forlitz-Blaukirchen zu einem Neujahrsempfang ein. Gemeinsam schauen wir zurück und nach vorne. Im Anschluss stoßen wir mit einem Glas Sekt auf das neue Jahr 2020 an. Dabei werden auch Fotos aus dem vergangenen Jahr gezeigt.
Zurückblicken und nach vorne schauen, das gehört zu jedem Leben dazu. Was war gut im vergangenen Jahr, was ist gelungen und was war weniger gut? Und wie soll es nun im neuen Jahr weitergehen, womit wollen wir es beginnen? Starten wir einen Neuanfang? Und was werden wir beenden, denn: „Ohne Ende kein Anfang“ – klingt nach einer Binsenweisheit, diese Einsicht ist aber im persönlichen Leben manchmal gar nicht so einfach, vor allem der Übergang.
Etwas der Vergangenheit zuzuordnen und einen sauberen Abschluss damit zu finden und zwar jetzt. Einen Schlussstrich ziehen, einen Kontakt abbrechen, der mir nicht gut tut, eine Arbeitsstelle kündigen, die mir nicht mehr gefällt oder eine Lebensgewohnheit ändern, die nicht mehr zu mir passt. Gerade ein neues Jahr bietet sich dafür an. Am Jahresanfang fassen wir viele neue Vorsätze, doch häufig können wir sie nicht auf Dauer einhalten.
Allzu menschlich. Und das macht auch nichts, denn letztlich können wir ja immer wieder neu starten. Wir dürfen uns verschreiben, Fehler machen, den Tintenkiller benutzen oder etwas durchstreichen – wie in einem Schulheft. Nur Mut, es lohnt sich, neu anzufangen! Und wäre ein Leben ohne „Eselsohren“ nicht auch langweilig?

Von Anita Schürmann, Schulpastorin an der BBS 2 in Leer sowie im Kirchenkreis Aurich tätig

11. Januar 2020: Alternativer Antrieb

Klimaschutz ist das Thema unserer Tage. Und trotzdem steigt die Zahl der Flugreisen wie auch der Kreuzfahrten, wohl wissend, dass sich klimaschädlicher kaum Urlaub machen lässt. Was treibt den Menschen an, der am Freitag erzählt, wie wichtig ihm die Eindämmung des Klimawandels ist und am Samstag in den Flieger nach Mallorca steigt? Klimaschutz ist das Thema unserer Tage. Und treibt verrückte Blüten. Plötzlich rückt sogar die Atomenergie als angeblich „klimaneutral“ wieder in die Diskussion. Was treibt die Menschen an, eine Technik zu favorisieren, die in der Lage ist, das Klima in eine Jahrhunderte währende Katastrophe zu stürzen?

Diakon Torsten Hoffmann

Doch, Klimaschutz wollen wir natürlich alle. Aber kosten darf er nichts. Weder persönlich, noch regional, noch national. „America first“ heißt es eben nicht nur in Amerika. Zuerst komme ich. Zuerst unser Land. Zuerst unser Staat. Die Befriedigung auch der verrücktesten Bedürfnisse duldet weder Aufschub noch Rücksicht auf Konsequenzen. Wer oder was treibt uns da eigentlich, wenn es völlig egal ist, welche Folgen unser Handeln vor allem für Andere hat? „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder“, so heißt der Spruch für den morgigen Sonntag aus Römer 8, 14. Und etwas später: „Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, da wir ja mit ihm leiden, damit wir auch mit ihm zur Herrlichkeit erhoben werden. Nicht nur das menschliche Leiden beschreibt der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Rom, sondern auch das Leiden der Schöpfung. Und erinnert die Christinnen und Christen daran, dass ihr Antrieb in dieser Welt der Geist Gottes ist. Und der ist weder aus Angst geborener Narzissmus (make …. great again) noch kompromisslose Rücksichtslosigkeit. Gottes Geist ruft und befähigt zur Empathie. Gottes Geist befähigt, die eigene Freiheit nicht über die des Mitmenschen oder der Natur zu stellen. Welche der Geist Gottes treibt, die machen sich nicht größer, als sie sind. Schon gar nicht auf Kosten anderer. Welche der Geist Gottes treibt, für die ist nur eine Größe wichtig: Gottes Barmherzigkeit. In diesem Sinne: Lassen Sie sich treiben!

Von Torsten Hoffmann, Diakon im Kirchenkreis Aurich

4. Januar 2020: Ein Pfund zum Wuchern

Pastorin Andrea Düring-Hoogstraat

Was, Sie haben gar keinen guten Vorsatz für das Neue Jahr und wir sind schon längst im Januar angekommen? Machen Sie sich nichts draus: Ihnen kann geholfen werden. Nehmen Sie doch die Anregung auf, die uns gerade von der Fernsehzeitung, von den Illustrierten und den zahlreichen Kochsendungen einstimmig gemacht wird?
„Weg mit dem Weihnachtsspeck!“, heißt es da. Die meisten von uns haben in der Advents- und Weihnachtszeit ja doch ein bisschen mehr als sonst zugelangt. So hat sich bestimmt das eine oder andere Pfündchen zum Idealgewicht dazugesellt.
Aber ist das wirklich so schlimm? Zu Mutters und Omas Zeiten hat man darüber gelacht, sich fröhlich auf das Bäuchlein geklopft und gesagt: „Es ist gut, wenn man etwas hat, von dem man zehren kann! Man mutt ook wat bitosetten hemm! Der Winter ist ja noch lang; wer weiß, was noch kommt. In Krankheit und Sorgen und im Frühjahr purzeln die Pfunde leicht wieder.“
Ein Vorrat kann von gutem Nutzen sein. Und das gilt nicht nur im Blick auf die Ernährung. Wir haben in den zurückliegenden Wochen unser Quantum an Plätzchen, Schokolade, Marzipan, Bratwurst, Punsch und Festtagsessen wohl gehabt. Hoffentlich haben wir aber auch geistlich tüchtig zugelangt. Hoffentlich haben wir uns reichlich etwas mitgenommen aus den Adventskonzerten und den Gottesdiensten am Heiligen Abend, die doch die allermeisten von uns besucht haben. Schön, wenn wir in uns noch die Erinnerung an die feierliche Stimmung, die festliche Atmosphäre, das wunderbare Licht der Festtage tragen.
Noch besser, wenn die frohe Botschaft von Weihnachten uns neu erreicht und unserem ein bisschen angestaubten und in die Jahre gekommenen Glauben neue Lebendigkeit eingehaucht hat. „Du bist nicht allein! Gott nimmt dich, wie du bist und kommt zu dir persönlich – in deinen Alltag, wie er jetzt gerade ist. In dein Glück und deine Freude und die Leichtigkeit des Lebensabschnittes, in dem du zurzeit stehst. Aber auch in die Dunkelheiten deiner Tage, von denen die anderen vielleicht gar nichts wissen, in deinen Stress, deine Krankheit, deine Einsamkeit, deine Ratlosigkeit und deine Verzweiflung. Gott wird Mensch, Gott wird ein Kind, damit er dir wirklich nahekommen und bei dir sein kann.“
Das ist der harte Kern der Weihnachtsbotschaft, der Vorrat, den wir von der Krippe mitbringen, unser geistliches Extrapfund. Das neue Jahr bringt uns sicherlich wieder etliche Überraschungen und Herausforderungen: nicht nur das, was wir uns wünschen, sondern auch manches, was uns und unseren Glauben erschüttert. Es hilft, wenn wir da etwas beizusetzen haben. Es hilft, wenn es in uns nachklingt: Wir müssen nie mehr mutterseelenallein unterwegs sein oder mutterseelenallein durch schwierige Herausforderungen hindurch. Gott geht mit. Und weil er die Verhältnisse auf den Kopf gestellt hat und vom Allmächtigen zum ohnmächtigen Kind wird, ist jetzt alles möglich. Alles kann anders werden, nichts muss so traurig und belastend bleiben, wie es gerade ist. Christ, der Retter ist da.
Mit diesem Pfund lassen Sie uns 2020 wuchern und davon zehren. Und reicht es nicht, bitten wir von Fall zu Fall mit der neuen Jahreslosung: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“, Markus 9,20. Vööl Glück un Segen in d´ neje Joahr!

Von Andrea Düring-Hoogstraat, Pastorin in der Kirchengemeinde Victorbur