Sonntagsbetrachtungen 2019

Worte zur Woche in den Ostfriesischen Nachrichten

6. Juli 2019: Des anderen Last

„Darf ich deinen Rucksack tragen?“ Das fragte mich eine schwarze Frau in Tanzania, als ich vor 25 Jahren nach langer Busfahrt erschöpft in den Usambara-Bergen angekommen war und mich schwitzend mit meinem schweren Rucksack auf den schmalen Weg hinauf in ein Dorf gemacht hatte, um Studienkollegen zu besuchen. Mir graute vor dem steilen Aufstieg bei der gleißenden Hitze. Die zierliche Frau in meinem Alter hatte mich eingeholt, lachte mich an und hielt ihre Arme nach vorne, um mir den Rucksack abzunehmen. Es war mir peinlich vor ihr und vor mir selbst, meine Schwäche zuzugeben. Gleichzeitig war ich unendlich erleichtert, dass mir meine Last abgenommen wurde. Sie machte sich mit meinem schweren Gepäck auf dem Kopf leichtfüßig auf den Weg und ich hatte neue Kraft gewonnen.

Pastorin Sunnive Förster, Krankenhausseelsorgerin in Aurich

Diese kleine Erinnerung fiel mir ein, als ich den Wochenspruch für die kommende Woche las: „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Galater 6,2). Ich wünschte, es wäre mit allen Lasten im Leben so wie bei meinem Erlebnis in Afrika. Dass es tatsächlich möglich wäre, Lasten füreinander zu tragen. Dass ich dir dein Gepäck abnehmen könnte, wenn dir etwas zu schwer wird, während ich mich stark fühle. Und umgekehrt. Mit körperlichen Lasten ist das möglich, mit seelischen Lasten nicht. Wenn ich traurig bin, kannst du nicht für mich trauern. Wenn du Sorgen hast, kann ich sie nicht für dich bewältigen. Wenn meine Tochter Probleme mit Freunden hat, kann ich das nicht für sie lösen. Wenn ich keine Arbeit finde, kannst du nicht an meiner Stelle arbeiten. Dabei hört sich der Spruch von Paulus so an, als wäre es uns möglich, die Lasten des anderen zu tragen und damit so zu handeln, wie Jesus Christus es von uns erwartet. Ich erlebe es aber nicht. Andere Menschen können mir nicht abnehmen, was an Herausforderungen, an Belastungen und Leid auf meinem Lebensweg auf mich wartet. Ich erlebe aber, dass Menschen mich begleiten. Dass sie bei mir sind, mich unterstützen, für mich da sind, mich aushalten. Dass sie mir immer wieder zuhören, wenn ich mein Herz ausschütte, mich in den Arm nehmen oder mich ablenken, wenn ich es brauche. Ich denke an die Liedstrophe: „Wenn ich die Meile mit einem teile, die er alleine nicht schafft, lass auf der zweiten mich ihn noch begleiten, gib mir die Stärke, die Kraft.“ So verstehe und erlebe ich die Erfüllung vom Gesetz Christi: nicht die Lasten für den anderen zu tragen, sondern mit Liebe, Zuwendung, Freundschaft, Verlässlichkeit, Phantasie, Freude und Kraft auf eine Weise für meinen Mitmenschen da zu sein, dass er selbst sich getragen fühlt und damit seine Last leichter werden kann.

Von Sunnive Förster, Krankenhausseelsorgerin in der Ubbo-Emmius-Klinik in Aurich

29. Juni 2019: Wir Menschen brauchen Licht

Frank Tebbens

Viele von uns werden schon Situationen erlebt haben, die ihnen als tiefe Dunkelheit oder finstere Nacht erschienen sind. Solche Zeiten zerstören Lebensfreude und Vitalität und stürzen so manchen in tiefe Depression. Sie lähmen unsere Kräfte und untergraben unsere Träume und Hoffnungen. Doch wie entkomme ich dieser scheinbar endlosen Nacht?
Die Sehnsucht aller Menschen ist es, möglichst viele Lichttage zu genießen. Deswegen werden die beiden Sonnenwenden, besonders in den skandinavischen Ländern, ganz groß gefeiert. Zu Beginn des Winters Weihnachten, nicht nur wegen der Geburt Christi, sondern weil die Tage wieder länger werden und am letzten Wochenende die Mittsommernacht, die kürzeste Nacht des Jahres.
Wenn Menschen diese Feste feiern, dann häufig in der Hoffnung, dass das, was da in der Natur geschieht, sich auch in ihrem Leben ereignen möge. Die geballte Helligkeit der Junisonne soll alle dunkle Seiten des Lebens überstrahlen. Oft genug wird diese Hoffnung aber zerstört: Unglücke unterschiedlicher Art verschonen uns nicht, sondern stürzen uns in neue Dunkelheiten. So sind wir, abhängig von unserer Lebensbiografie, Sklaven von äußeren Ereignissen, gefangen in der Angst vor dem nächsten Desaster. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass es in unserer Leistungsgesellschaft scheinbar mehr unzufriedene und unglückliche Menschen gibt als anderswo.
„Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben“ (Johannes 8,12). In Christus haben wir ein Licht, das unsere inneren Dunkelheiten durchdringen kann, mögen sie noch so finster sein. Unser „schattiges“ Leben kann wieder leuchten, auch wenn das nicht immer sofort klappt. Mit Glauben und Geduld, Meditation und Gebet können wir unsere Seele wieder zum Leuchten bringen.
In vielen Religionen sind sogenannte „Erleuchtete“ Menschen mit einer besonderen Begabung, die sich komplizierten körperlichen Ritualen unterworfen haben und einen langen, beschwerlichen Weg gegangen sind. Deshalb gibt es nur wenige, die als „erleuchtet“ gelten.
Bei uns Christen ist da vieles unkomplizierter. Hier dürfen wir uns alle als „Erleuchtete“ fühlen, denn eine besondere Begabung ist nicht erforderlich, jede und jeder ist dafür geeignet. Es ist oft ganz leicht, es braucht nur Sehnsucht, Vertrauen und Zuversicht. Es gibt einige, die lange auf der Suche sind, aber es kann auch ganz schnell gehen, von der Strahlkraft Jesu ergriffen zu werden. Christen sind „Erleuchtete“, die um ihre Erleuchtung nicht ringen müssen und die dafür nur wenig leisten müssen. Sie bekommen etwas geschenkt von der Liebe und der wärmenden Zuversicht Gottes. Wir müssen nur daran glauben und darauf hoffen, dass Er das Licht der Welt ist. Dann wird dieses Licht in uns für Wärme, Sonne und Geborgenheit sorgen, auch wenn die Dunkelheiten des Alltags mal wieder länger dauern.

Von Frank Tebbens, Diakon in der Kirchengemeinde, Aurich-Oldendorf

22. Juni 2019: nn

15. Juni 2019: nn

8. Juni 2019: Wenn der Wind des Wandels weht

Wer kennt das Pfeifen von Klaus Meine in dem Song „Wind of Change“? Der Song der Scorpions feierte den politischen Wandel in Europa rund um „Perestroika“ und die Wende in Deutschland 1989. Über 688 Millionen Mal wurde das Musikvideo bisher angeklickt. Friedlicher Wandel war möglich. Er ist es heute auch.
„Wenn der Wind der Veränderung weht“, heißt es in einem chinesischen Sprichwort, „bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.“ Ich habe in der letzten Zeit immer wieder Menschen oder Gruppen gefragt: „Was macht ihr?“ Die Antwort lautete immer: „Wir bauen Windmühlen!“ Ich freue mich darüber. Es gibt eine hohe Bereitschaft, sich zu verändern und am notwendigen Wandel mitzuwirken.

Tido Janssen, Superintendent im Kirchenkreis Aurich

Frischer Wind weht durchs Land. Beim ersten Pfingstfest rauscht der Wind des Wandels kräftig durch Orte, Städte und Häuser in Jerusalem. Zuerst ergreift neuer Geist Leute, die vorher mit Jesus unterwegs waren. Sie sind Feuer und Flamme. Sie reden mutig. Radikale Christusliebe heißt für sie jetzt radikale Liebe zur Welt.
Das Pfingstrauschen macht sofort andere Menschen neugierig. Sie strömen zusammen. Der neue Geist überwindet alte Grenzen. Eine bunte Völkergemeinschaft trifft sich. Jeder versteht es plötzlich in seiner eigenen Sprache: „Gott hat Großes getan.“
Frischer Geist für unsere Zeit — hierzulande und europaweit setzen sich viele Menschen für die Bewahrung der Schöpfung ein. Auf jedem Spaziergang, auf jeder Radtour können wir entdecken: Diese Erde ist schön. Sie ist wunderbar geschaffen und lädt zum Staunen ein. Genauso können wir mit wachem Geist sehen: Unsere einmalige Erde ist gefährdet. Wir ruinieren sie. Wir müssen sie gemeinsam bewahren. Dafür wächst ein neues Bewusstsein: „Es ist höchste Zeit! Tut endlich was! Unsere Zukunft steht auf dem Spiel.“ Der Wind des Wandels weht. Er wird so schnell nicht abebben. Wer das nicht erkennt, wird hinweggefegt.
Egal, aus welcher Motivation heraus wir denken und handeln, ob aus christlicher, humanistischer, ökologischer oder wissenschaftlicher Überzeugung: frischer göttlicher Geist kümmert solche Grenzen nicht. Er weht, wo er will. Wo wir anfangen, bisherige Gewissheiten und Gewohnheiten zu hinterfragen, wird es unbequem. Da erkennen wir, wie stark wir auf uns selbst fixiert sind. Gier und Abstumpfung gegenüber dem Leid anderer Menschen, Tieren und der ganzen Schöpfung wirken zerstörerisch auf die Seelen von Menschen und auf menschliche Beziehungen. Sie schaden der Schöpfung.
Wenn Gier und Maßlosigkeit tatsächlich zu den größten Bedrohungen unserer Zeit gehören, dann heißt einem neuen Geist zu folgen auch: sich selbst zu begrenzen. Das ist dort, wo grenzenloses Wirtschafts-wachstum und grenzenlose Selbstverwirklichung unhinterfragt gelten, eine Zumutung und Provokation.
Manche werden mauern: „Das ist eine unzulässige Einschränkung meiner Selbstbestimmung durch Moral und Religion.“
Das ist falsch. Grenzenlose Freiheit ist eine Illusion. In Wahrheit bewährt sich Freiheit gerade darin, sich in christlicher Verantwortung vor Gott und dem Nächsten selbst zu begrenzen. Die Lebensrechte künftiger Generationen und der Mitschöpfung sind verantwortungsvoll zu berücksichtigen. Schließlich verdanke auch ich selbst nicht mir selbst, sondern meinem Schöpfer und auch dem Leben anderer Geschöpfe.
Pfingstgeist pfeift auf alte Denkmuster. Wir können unser Handeln wandeln. Wir sind frei, zu tun und zu lassen. Im Kirchenkreis Aurich etwa rüsten wir unsere Neubauten, wo möglich, mit Erdwärme aus und verzichten auf fossile Energie. Unsere anderen Bauten sanieren wir nach und nach energetisch. Ein kleiner Schritt. Wir tun mehr und müssen noch viel mehr tun. Wir retten nicht allein die Welt. Aber viele kleine Schritte an vielen kleinen Orten können das Gesicht der Erde verändern.
Lassen wir uns anstecken und bewegen. Wenn der Wind der Veränderung weht, lasst uns Windmühlen bauen — und fröhlich mitpfeifen beim Wind of Change.

Von Tido Janssen, Superintendent im Kirchenkreis Aurich

1. Juni 2019:

25. Mai 2019: Gewohnheiten

„Du nimmst doch garantiert wieder die 47!“ sagt meine Frau und schmunzelt mir zu. Na klar nehme ich die 47. So wie immer, wenn wir Pizza essen gehen. Pizza Prosciutto e Funghi. Eine Pizza mit Schinken, Champignons und einer Extraportion Zwiebeln. „Und du nimmst doch garantiert wieder die 43!“ Die Capricciosa mit Artischocken.

Georg Janssen, Pastor in Ihlowerfehn

Meine Frau nickt. Dann noch den Wein, für mich ein Bier und am Schluss den Espresso. So wie immer. Was sind wir doch für Gewohnheitstiere. Aber wir haben vieles ausprobiert. Irgendwann sind wir dann bei dieser Kombination gelandet. Sie gefällt uns.
Die Freunde und Freundinnen von Jesus hatten in ihrem Leben sicher auch schon so manches ausprobiert. Vielleicht haben sie sogar etwas gefunden, das ihnen guttat. Aber dann haben sie Jesus kennengelernt und der tat ihnen so richtig gut. Mit ihm zusammen durften sie den Himmel neu entdecken. Durften entdecken, was auf dieser Welt alles möglich ist.
Jesus ist auf Menschen zugegangen, um die sie früher einen großen Bogen gemacht hätten. Ganz neue Welten haben sich für sie aufgetan. Jesus hat ihnen gezeigt, dass die Menschen viel mehr sind, als nur die Bilder, die wir uns von ihnen machen. Und das Lächeln Gottes hatte er ihnen auch gezeigt.
Kurz darauf haben ihn die gleichen Menschen, die ihn gerade noch bejubelt haben, ans Kreuz geschlagen. Da hing nun ihre Hoffnung, ihre Zukunft. „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ Der Engel am Ostermorgen rüttelt sie wach. Jesus ist wieder da. Er begleitet sie. Alles ist wie vorher. Oder sogar:
Alles ist noch besser.
So kann es bleiben, denken die Freunde und Freundinnen von Jesus. Aber wenn alles so bleiben soll, wie es ist, wie kann es dann eine Zukunft geben? Zukunft heißt ja immer auch Veränderung. Jesu geht. Seine Freunde und Freundinnen bleiben zurück. Himmelfahrt haben sie das später genannt. Jesus kehrt zurück zu seinem Vater. Und die Freunde und Freundinnen von Jesus? Sie bekommen von ihm einen Auftrag und ein Versprechen: „Gehet hin in alle Welt und erzählt von dem, was ich euch erzählt habe und was ihr mit mir erlebt habt. Und seid mutig, denn ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“
Tastend und unsicher haben sich die Freundinnen und Freunde von Jesus auf den Weg gemacht. Haben ihre ersten Schritte gewagt. Andere sind ihnen gefolgt. Am Himmelfahrtstag erinnern wir uns an den Mut und das Vertrauen, mit dem sich Menschen auf den Weg gemacht haben, um von Jesus und Gott zu erzählen und bitten natürlich auch um Mut und Vertrauen für unsere eigenen Wege.
Viele Gottesdienste laden dazu ein. Bei uns in Ihlow am Bootshafen feiern wir auf plattdeutsch und taufen ein kleines Mädchen. Und hinterher gibt es — nein, keine Pizza —, hinterher gibt es Tee und Kuchen und leckeren Eintopf. So wie jedes Jahr. Manches darf auch gerne so bleiben, wie es war.

Von Georg Janssen, Pastor in Ihlowerfehn

18. Mai 2019: „Schritte“

Christine Kruse, Kirchenkreisjugendwartin

Ob 4756 Schritte oder 10.143 Schritte, mein Handy zählt jeden Schritt. Es ist ihm egal, ob ich zuversichtlich gerade aus laufe, einen Umweg gehe oder umdrehen muss. Ob ich an einer Stelle nicht weiterkomme oder an meine Grenzen komme, weil ich mir zu viel zugemutet habe, interessiert es nicht. Fleißig zählt mein Handy jeden Schritt mit.
Die Losung für diesen Sonntag steht im Buch Hiob: „Sieht Gott nicht meine Wege und zählt alle meine Schritte?“ Hiob 31,4
Gott sieht, wie wir auf unserem Lebensweg unterwegs sind, ob wir stehen bleiben oder einen Umweg in unserem Leben gehen müssen. Er achtet auf uns. Keiner unserer Wege ist vor ihm verborgen. Also die totale Überwachung, wie bei meinem Handy?
Ich kann nicht selbst entscheiden, ob ich von Gott gesehen werde. Ich kann es vergessen oder wissen, mich darauf einzustellen oder es verneinen.
Ich kann mich über Gottes Röntgenblicke ärgern oder mich darüber erschrecken. Ich kann aber auch sagen: Da ist einer, der kennt mich! Ich brauche mich nicht zu verstecken. Ich darf so sein, wie ich bin. Gott versteht mich.
Da ist endlich einer, der mich nicht falsch einschätzt. Da ist einer, der mich nicht überfordert! Gott kennt mich vom ersten bis zum letzten Atemzug – noch mehr: vor dem ersten Atemzug und nach dem letzten Atemzug.
Hiob wusste ganz genau, dass er geborgen war in Gottes Hand – und das auch, nachdem er Krankheit, Leid, Verlust und Tod ertragen musste, obwohl er ein ehrlicher und gläubiger Mann war. Hiob hat erfahren, egal wie sein Leben verläuft, wie viel Höhen und Tiefen er durchschreiten muss, Gott gibt ihm die Kraft sich selbst nicht aufzugeben.
Machen wir es doch wie Hiob – machen wir uns bewusst, dass egal welchen Lebensweg wir gehen, Gott uns im Blick hat, er uns nahe ist und jeden Schritt mitgeht

Von Christine Kruse, Kirchenkreisjugendwartin im Ev.-luth. Kirchenkreis Aurich

11. Mai 2019: Danke am Muttertag

Gott sagt: »Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.«

Wolfgang Beier, Pastor in Münkeboe und Moorhusen

20 Gründe, wofür wir unseren Müttern danken:

1. Danke, dass du mir das Leben geschenkt hast
2. Danke, dass ich immer auf dich zählen kann
3. Danke fürs Mut machen
4. Danke für Geburtstage und andere Familienfeste
5. Danke für Umarmungen und Gute-Nacht-Küsse
6. Danke für deine Liebe
7. Danke fürs Verzeihen
8. Danke für dein endloses Vertrauen
9. Danke, dass du meine beste Kritikerin und mein größter Fan bist
10. Danke, dass du immer da warst und bist
11. Danke, für deine Ratschläge
12. Danke, dass du mir gezeigt hast, die kleinen Dinge im Leben zu schätzen
13. Danke, dass du mich so akzeptierst, wie ich bin
14. Danke für meine Geschwister
15. Danke für jedes einzelne Gespräch
16. Danke für Briefe und Postkarten
17. Danke für all die schönen Kindheitserinnerungen
18. Danke für unzählige Fotoalben
19. Danke fürs „in den Hintern treten“
20. Danke, dass du meine Mutter bist

Alles gute Gründe, auch Gott zu danken und ihn zu bitten:

Guter Gott,
wir erinnern uns heute an unsere Mütter.

Wir sind dankbar für alle Liebe,
Geborgenheit und Ermutigung,
die sie uns geschenkt haben,
und bitten dich zugleich,
dass wir ihnen vergeben können,
was sie an uns falsch gemacht haben
oder uns schuldig geblieben sind.

Wir bitten dich,
lass keine Mutter bereuen müssen,
ein Kind zur Welt gebracht zu haben.

Stärke alle, die an die Grenzen ihrer Kraft kommen.
Lass Alleinerziehende Unterstützung und Solidarität erfahren.

Und die altgewordenen Mütter
bewahre vor Einsamkeit
und Enttäuschung durch ihre Kinder.

Gott, wir bitten um Hilfe
für Schwangere in Konfliktsituationen,
für Schwangere in Kriegs- und Katastrophengebieten.

Dein Trost sei nahe allen,
die ein Kind verloren haben,
und die sich vergeblich nach einem Kind sehnen,
bewahre vor Verzweiflung.

Gott, auf dein mütterliches Erbarmen
hoffen wir alle:
Schütze die Liebenden,
behüte das Glück der Kinder
und lass die Alten ihr Leben
im Licht deiner Barmherzigkeit anschauen.

Von Wolfgang Beier, Pastor in Münkeboe und Moorhusen

4. Mai 2019: Neugierig?

Helge Preising, Pastor in Walle

Neugierig bin ich eigentlich nicht. Als Kind konnte ich Geschenke stundenlang liegenlassen, bis ich sie auspackte. Und dann beim Auspacken in aller Ruhe jeden Klebestreifen mit höchster Sorgfalt lösen, so dass alle um mich herum ganz kribbelig wurden. Die Vorfreude hat mich irgendwie geduldig gemacht. Und weniger neugierig.
Aber damals nach Ostern, als Jesus vom Tod auferstanden und wieder bei seinen Jüngern war, da wäre ich für mein Leben gern dabei gewesen. Wie hatten sie getrauert um ihren Freund. Wie verstört und verzweifelt waren sie gewesen, als alle ihre Hoffnungen sich zerschlagen hatten. Und nun war er wieder bei ihnen, lebte mit ihnen. Verschwand wohl auch mal für ein paar Tage – wer weiß, was er noch zu tun hatte auf der Erde, aber er war wieder da! Wie müssen sie an seinen Lippen gehangen haben. Aus den drei Jahren zuvor kennen wir viele Geschichten von Jesus, aber aus diesen vierzig Tagen zwischen Ostern und Himmelfahrt wissen wir fast nichts. Worüber haben sie wohl gesprochen? Was ist noch wichtig, wenn der Tod besiegt ist? Wie gerne wüsste ich mehr darüber, wie gerne wäre ich dabei gewesen und hätte ihn selbst gesehen! Aber wir haben nicht weniger als die Jünger, die diese vierzig Tage mit Jesus verbracht haben. Ich bin bei euch, verspricht Jesus damals seinen Jüngern, auch nach der Himmelfahrt. Ich bin euch noch viel näher, als wenn ich hier als Mensch neben euch stehe. Unsichtbar, aber ganz real.
Neugierig darf man sein, keine Frage. Das Leben, das auf uns wartet, kann man sich gar nicht farbenprächtig genug ausmalen. Natürlich sehnen wir uns danach, den auferstandenen Jesus mit eigenen Augen zu sehen. Aber unterschätzen wir nicht, was wir schon haben. Er hat den Tod besiegt. Er ist bei uns alle Tage bis an der Welt Ende. Erwarten wir nicht zu wenig von ihm.

Von Helge Preising, Pastor in  Walle

27. April 2019: Wiedergeboren – unaussprechliche Freude: Gelobt sei GOTT!

„Ach, wenn ich doch das könnte: Noch einmal neu anfangen, dann würde ich so Vieles anders machen, aber … .“ – Der Alltag lehrt: Grundlegende Neu-Anfänge sind schwierig, und je nach persönlichen Umständen scheinen sie zuweilen gar unmöglich. – Manche fühlen sich schließlich gefangen in Zwängen, geben auf, verzagen, verzweifeln … .

Das musste zunächst auch Petrus, einer der Jünger Jesu, erfahren – ja: durchleiden. Dabei war er auf gutem Weg gewesen, war Jesus nachgefolgt, erwartete wohl gar ein neues Leben. Dann jedoch die Gefangennahme Jesu. Und: Wie Jesus es Petrus vorhergesagt hatte, verleugnete dieser schließlich seinen Herrn. – Als dies geschehen war, fing Petrus bitterlich an zu weinen – alles aus, alles vorbei, versagt … .

Hans Bookmeyer, Pastor für besondere Aufgaben im Kirchenkreis Aurich

Aber Petrus hatte auch hier die Rechnung ohne Jesus gemacht. – Nach seiner Auferstehung lies Jesus als Christus, als der Retter, seinen menschlich schwach gewordenen Jünger nicht fallen, sondern nahm ihn neu in seinen Dienst, mit anderen das Evangelium, die frohe Botschaft GOTTes zu verkündigen. – Petrus hat es gewiss selbst gespürt: Nicht aus eigener Kraft, sondern durch die Liebe Christi und den Leben wirkenden Geist GOTTes war zunächst er selbst gerettet worden. Doch mehr noch: Es war ihm ein neuer Anfang geschenkt worden, verbunden mit einem neuen, wundervoll erfüllenden Auftrag, nunmehr andere durch die Verkündigung der frohen Botschaft Jesu zu retten! – Und dies tat er fortan durch die Kraft GOTTes völlig freude- und dankerfüllt, furchtlos – bis hin zum Einsatz seines irdischen Lebens, denn ihm war das Vertrauen geschenkt: GOTT lässt mich nicht fallen, sondern ER führt mich mit Christus in ein neues, erfülltes, beständiges Leben – selbst durch den Tod hindurch.

Darauf weist auch der Spruch für die neue Woche [beginnend mit dem morgigen Sonntag namens „Quasimodogeniti“ (latein, bedeutend: ‚Wie die Neugeborenen‘)] aus dem 1. Petrus-Brief, Kap. 1, V. 3, mit dem der zuvor Verzagt-Verzweifelte Dir wie mir zuruft: „Gelobt sei GOTT, der Vater unseres HERRn Jesus Christus, der uns nach Seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu von den Toten.“

Altes, Belastendes hinter sich lassen, neu anfangen – geht nicht? – Die Liebe Christi und die neues Leben wirkende Kraft GOTTes galten nicht nur Petrus, sondern sie sind allen zugesagt, die sich dies vertrauensvoll schenken lassen mögen, auf dass sie werden wie ‚Neugeborene‘, schon hier – und für alle Zeit. – Darum, wie es auch stehen und scheinen mag (mit Paul Gerhardt, Ev. Gesangbuch, Nr. 112): ‚Auf, auf, mein Herz mit Freuden …‘.              –                 Eine gesegnete neue Woche!

Von Hans Bookmeyer, Pastor für besondere Aufgaben im Ev.-luth. Kirchenkreis Aurich

6. April 2019: Fair Play

Für Fußballfans kommen jetzt die wichtigsten Wochen im Jahr, in denen sich alles entscheidet über Meisterschaft und Abstieg, Erfolg und Misserfolg. Viele fiebern da mit. Mir selber geht es auch so. Ich bin ein Fußballfan, weil sich in den 90 Minuten eines mitreißenden Spiels in verdichteter Form fast alles erleben lässt, was das Leben ausmacht: Hoffnung und Enttäuschung, Triumph und Scheitern, Freude und Leid, Glück und Verzweiflung.
Der Fußball ist ein Spiegel des Lebens, und das gilt auch in folgender Hinsicht: Im Leben und beim Fußball geht es nicht immer fair zu. Das Leben ist eben kein Ponyhof. Manchmal ist es ziemlich rau: da werden wir gefoult, und manchmal spielen wir selber foul – absichtlich oder unabsichtlich, im Eifer des Gefechts oder weil die Versuchung so groß ist, dadurch einen Vorteil zu bekommen. Solche Fouls kann man nicht rückgängig machen. Im Leben kann man darauf mit Strafen reagieren oder auch mit Rache. Aber auf die Dauer heilsam ist nur eins: Man kann um Vergebung bitten und man kann selber verzeihen. Und das ist gerade deshalb möglich und wirksam, weil es einen gibt, auf dessen Vergebung wir uns fest verlassen können – nämlich Gott.
Das bedeutet nun natürlich nicht, dass wir uns nicht bemühen sollten, fair zu spielen. Denn auch wenn das Spiel selber nicht fair ist, so wenig wie das Leben, sind faire Spieler dennoch etwas ganz Wichtiges und Wertvolles. Aber Fairness ist im Fußball wie im Leben eine Tugend, die nicht selbstverständlich ist, die sich nicht von selbst einstellt, sondern etwas, wozu man sich durchringen muss – zur Fairness, zum Beispiel eigene Fehler zuzugeben, auch auf den eigenen Vorteil zu verzichten, wenn dem Gegner Unrecht geschieht.

Thomas Henneberger, Pastor In Aurich-Oldendorf

Um solche Fairness zu lernen, zu wagen und zu üben, braucht man überzeugende Vorbilder und Beispiele. Das beste Vorbild für solche Fairness im Leben ist natürlich Jesus. Aber auch der Fußball könnte überzeugende Beispiele dafür geben.
Bei den Amateuren kann man das manchmal auch durchaus erleben, wenn in umstrittenen Situationen ein Spieler zugibt, ich habe Hand gespielt, oder der Ball war drin. Aber bei den Profis? Die tun fast immer das, was auch in unserer Gesellschaft immer mehr als normal und legitim gilt, sie folgen der Maxime: Du musst jeden Vorteil mitnehmen. Der Zweck heiligt die Mittel. Du darfst dich nur nicht dabei erwischen lassen. Aber so geht das Leben auf die Dauer kaputt – nicht nur im Fußball.
Der Zweck heiligt die Mittel oder Fairness wagen. In unserem eigenen Verhalten, in unserem eigenen Leben müssen wir uns immer wieder zwischen diesen beiden entscheiden. Die Bibel sagt uns: Der Zweck heiligt nicht die Mittel. Sondern wagt es, fair zu sein. Denn darauf liegt Gottes Segen. Ihr braucht nicht jeden Vorteil mitzunehmen. Sondern ihr könnt fair sein und auf andere Rücksicht nehmen. Denn ihr braucht die Kraft zum Leben nicht aus euch selbst zu schöpfen oder aus dem, was ihr erreicht. Sondern die wirkliche Kraft zum Leben findet ihr bei Gott. Wenn ihr ihm vertraut, dann braucht ihr in Niederlagen nicht zu verzweifeln und dann werden Siege euch nicht hochmütig machen. Sondern dann werdet ihr den Mut und die Kraft haben, fair zu sein.
Und so, nur so wird euer Leben gelingen. Denn „selig sind die Barmherzigen, die Sanftmütigen und die, die reinen Herzens sind. Selig sind, die Frieden stiften, und die, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.“
(Mt 5, 1-10)

Von Thomas Henneberger, Pastor in Aurich-Oldendorf

30. März 2019: Reingelegt?

Wie – du hast mich reingelegt? Na warte, das zahle ich dir heim. Kommt dir der Gedanke bekannt vor? Immer mal wieder werden wir von Menschen reingelegt, nicht immer steckt eine böse Absicht dahinter, manchmal möchte derjenige mich einfach nur ein wenig ärgern.

Frank Karsten, Schulpastor BBS 1 Aurich & KGS Großefehn

Im Grunde genommen ärgere ich mich am meisten darüber, dass ich darauf überhaupt reingefallen bin. Und dann kommt eben der Gedanke, dass ich es dem anderen heimzahlen möchte, ich ihn ebenso reinlegen möchte. „Wie du mir – so ich dir“, so sagen wir heute, „Auge um Auge – Zahn um Zahn“, so lese ich im Alten Testament. Ganz oft handle ich genau nach diesem Prinzip, wohl wissend, dass es nicht richtig ist, weil ich „Rache“ im Kopf habe, es im Alten Testament aber um eine Wiedergutmachung des entstandenen Schadens geht und diese Worte nicht wörtlich zu nehmen sind.

Statt auf „Rache“ aus zu sein, sollte ich das Böse lieber mit Gutem überwinden, wie Paulus es im Römerbrief ausdrückt. Demjenigen, der mir etwas Böses antut, stattdessen etwas Gutes tun. Je nach Situation ist das nicht einfach, das weiß ich, aber es beendet die Spirale von „wie du mir – so ich dir“. Außerdem verwirrt meine gute und anders geartete Reaktion mein Gegenüber, weil er damit nicht gerechnet hat und macht ihn vielleicht nachdenklich. Liebevoll handeln, den anderen so behandeln, wie ich auch behandelt werden möchte, auch das ist ein biblisches Prinzip. Ich möchte auch nicht reingelegt werden und ich möchte auch nicht, dass mir jemand etwas Böses tut, von daher sollte ich das dem anderen ebenso nicht antun.

Nicht immer, aber manchmal ist es ja auch nicht wirklich schlimm, wenn mich jemand ohne böse Absicht reingelegt hat. Manchmal sollte ich einfach mit dem anderen lachen und mich darüber mitfreuen, dass er mich reingelegt hat, statt mich darüber zu ärgern. In diesem Sinne wünsche ich dir einen guten Start in den neuen Monat und lass dich nicht so schnell reinlegen. Und wenn es doch passiert, zahl es ihm nicht gleich heim.

Von Frank Karsten, Pastor in Wiesens & Schulpastor der KGS Großefehn

16. März 2019 Ausnahmezustand

Bei uns zu Hause ist momentan Ausnahmezustand. Unsere kleine Tochter Ida geht sei Neusten in die Krippe. Genau genommen geht sie zu einer Kindertagespflege. Aber damit sie sich dort wohlfühlt und gerne dortbleibt, darf sie sich ganz in Ruhe dort eingewöhnen.
Und so gehe ich nun morgens immer zusammen mit ihr in die Kindertagespflege. Dort angekommen halte ich mich zurück und lass unserer Ida selbst den Raum und die anderen Kinder kennenlernen. Dabei wird sie ganz liebevoll von den beiden Erzieherinnen Kerstin und Anke begleitet. Sie kümmern sich um sie, während ich mich im Hintergrund halte und nur dann Ida nehme, wenn es gar nicht mehr anders geht. So soll sie nun sanft lernen, dass nicht nur ihre Mutter, sondern auch Kerstin und Anke für sie da sind, wenn etwas ist.

Imke Scheibling, Pastorin in Ostgroßefehn

Und es funktioniert: Nach und nach baut Ida Vertrauen zu ihren Erziehern auf und kommt so immer besser ohne mich zurecht – zumindest für eine Weile. In unserer Beziehung zu Gott ist es eigentlich ganz ähnlich. Es ist gut für uns, wenn wir uns nach und nach an ihn herantasten: Mal in der Wir leben in unserer Welt. In unserem Alltag. Da verlassen wir uns gerne auf uns selbst, auf unsere Gesundheit, auf unsere Familie.
Doch an Gott glauben heißt, auch in der Lage zu sein, diese weltlichen Dinge loslassen zu können. Ganz plötzlich sind wir oftmals dazu gezwungen.
Wenn wir selbst nicht genügend Kraft gaben eine Aufgabe zu bewältigen. Oder wenn wir plötzlich krank werden oder einen lieben Menschen verlieren. Dann fehlt ein Pfeiler in unserem Leben, auf den wir uns immer verlassen konnten.

Von Imke Scheibling, Pastorin in der Kirchengemeinde Ostgroßefehn

9. März 2019: „Bleibt in meiner Liebe!“

Das ist so etwas wie das Vermächtnis Jesu. Er sagt diese Worte seinen Jüngern am Abend vor seiner Gefangennahme als Abschiedsworte, nachzulesen beim Evangelist Johannes im 15. Kapitel. Es war Jesus entscheidend wichtig, dies seinen Jüngern mitzugeben für die Zeit, wenn er nicht mehr bei ihnen ist. Es ist das Herzstück von ihm selbst: „Haltet fest an meiner Liebe!“

Der Weg dorthin zu diesen Worten steht im Mittelpunkt in den kommenden Wochen der Passionszeit. Jesus lässt sich nicht durch Gewalt, nicht durch Verrat und Verleumdung abbringen von diesem Weg der Liebe. Er geht diesen Weg konsequent bis an das Kreuz, er hält an der Liebe fest. Jesus ist uns darin Vorbild, wie wir die Liebe in dieser Welt stark machen, wie wir mit anderen Menschen umgehen sollen. Jesus sagt uns:Begegnet euch mit Herz, mit Wärme, mit Freundlichkeit und Vertrauen, denn Liebe ist die Kraft Gottes für euer Leben!“

Kurt Booms, Pastor in Weene

Diese Liebe Gottes soll unser Leben bestimmen, sie soll unseren Alltag durchdringen. Das gilt dann auch für die Begegnung mit dem Nachbarn, der mir das Leben schwer macht, genauso wie für die Kollegin am Arbeitsplatz mit der ich mich nicht so gut verstehe. Es bezieht sich auch auf die Menschen mit denen ich in Konflikt oder Streit lebe. Jesus spricht ja sogar von der Feindesliebe. Selbstverständlich sind auch die Menschen im Blick, bei denen mir das leichter fällt, die mir nahestehen und am Herzen liegen. Aber auch hier wird die Liebe immer wieder zur Herausforderung.

Die Nächstenliebe trainieren, jeden Tag dranbleiben, nicht nachgeben und schon gar nicht aufgeben: aufmerksamer und achtsamer werden, so die Liebe Gottes in die Welt tragen und die Welt heller und freundlicher machen, das ist im Sinne Jesu. Er sagt uns auch: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch auch geliebt.“ In Gott liegen der Anfang und der Antrieb! Diese Liebe Gottes ist unser Halt im Leben. Diese Liebe weiter zu geben, ist unser Auftrag für das ganze Leben. Wie heißt es in unserem in unserem Gesangbuch (Nr.613): Liebe ist nicht nur ein Wort, Liebe, das sind Worte und Taten.

Von Kurt Booms, Pastor in Weene

23. Februar 2019: Auf das falsche Pferd gesetzt

Da hat jemand auf’s falsche Pferd gesetzt. Das soll ja vorkommen. Man denkt sich alles so schön aus – und dann kommt es doch ganz anders. ‚Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst‘ – oder wie es in der Bibel heißt: Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg, aber der Herr allein gibt, dass es fortgehe. Wir können tolle Pläne machen, und vielleicht haben wir auch schon oft Glück damit gehabt, aber sicher sein können wir nicht.

Uwe Noormann, Pastor in Tannenhausen und Georgsfeld

Davon erzählt auch eine Geschichte über Paulus. Seine erste Missionsreise war ein voller Erfolg, aber daran kann er auf der zweiten Tour nicht mehr anknüpfen. Alles, was beim ersten Mal so wunderbar rund lief, ging jetzt schief. Er versucht es mit allen Mitteln, bis er in Troas aufgibt, dem sagenhaften Ort, wo Herkules und Odysseus wahre Heldentaten vollbrachten. Er hat seine Pläne offenbar ohne Gott gemacht. Später schreibt Lukas: der Geist Gottes habe sie gehindert. Manchmal ist das wohl auch so: Da legt Gott einem Steine in den Weg. Manchmal muss man wohl erst mal stolpern oder gar auf die Nase fliegen, bis wir merken, dass wir auf einem Holzweg sind, der zu nichts führt oder einfach nicht gut tut. Und manchmal braucht man einen Stopp, eine Auszeit, um sich neu zu orientieren – oder vielleicht gar auf den Gedanken zu kommen: Man könnte Gott ja mal fragen, was der mit mir vorhat. Das gilt übrigens für jeden – auch für die, die berufsmäßig mit Gott zu tun haben. Man verrennt sich in seine Pläne und Ideen, und merkt erst hinterher, dass es so nicht geht. Als Paulus endlich aufhört mit seinem Aktivismus und zur Ruhe kommt, man könnte auch sagen: Als er eine schöpferische Pause einlegt, da erst bewegt sich was. Erst als er seine Pläne fallen lässt, mit leeren Händen dasteht, kann Gott ihm im Traum etwas Neues zeigen. ‚Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf‘, sagt ein Sprichwort, aber das trifft es natürlich nicht: es geht vielmehr darum, einfach mal innezuhalten, weglegen, was mich so geschäftig macht, liegenlassen, was mich umtreibt, loslassen, was mir die Ruhe raubt. Dafür müssen wir nicht erst auf eine Krise warten, aber es ist gut zu wissen, dass Gott auch dann nicht fern ist. Es tut uns gut, sich solche Momente zu gönnen, in denen wir zur Ruhe kommen, in denen wir uns Zeit zur Besinnung nehmen. Und es ist auch gut, Zeiten zu suchen, in denen Gott uns auf seine Weise ansprechen kann – ob das nun am Sonntag in der Kirche ist oder ob man sich eigene Pausen dafür sucht. Gott hat ganz sicher gute Ideen für unser Leben und kann uns gute Anstöße geben: durch ein Kalenderblatt, eine Andacht im Radio, oder Abschnitte aus der Bibel. Manchmal vielleicht sogar durch einen Traum. Und wenn wir auf’s falsche Pferd gesetzt haben, dürfen wir doch darauf vertrauen, dass es einen anderen Weg gibt, vielleicht sogar besser, als wir vorher zu hoffen wagten.

Von Uwe Noormann, Pastor in Georgsfeld und Tannenhausen

16. Februar 2019: „Wenn ich groß bin, werde ich Influencer“

Das erzählte mir Laura, 9 Jahre, über ihre Berufswünsche. So manchem Elternteil bleibt wohl das frisch geschmierte Frühstücksbrötchen im Mund stecken, wenn der Nachwuchs aufgeregt von seinen Zukunftsplänen berichtet. Influencer? In meinem Kopf geht bei dem Wort ein Verwirrspiel los: Ich denke an Taschentücher, Hustenbonbons und Nasenspray. Ist das nicht die Grippe, die Menschen krank machen kann und äußerst ansteckend ist? Als Influencer (von englisch to influence: beeinflussen) werden laut Lexikon Personen bezeichnet, die aufgrund ihrer starken Präsenz und ihres hohen Ansehens in einem oder mehreren sozialen Netzwerken für Werbung und Vermarktung in Frage kommen. Viele junge Leute haben es zu ihrem Beruf gemacht, professionell mit Bildern Aufmerksamkeit zu erzeugen und sich selbst, ihr Leben, ihren Alltag auf eigenen Kanälen im Internet zu präsentieren. Wichtig ist alles, was Aufmerksamkeit schafft und möglichst viele Herzchen, Likes, Kommentare und schließlich dauerhafte Nachfolger, genannt Follower, erzeugt. Der Einfluss, den die Influencer ausüben wollen, ist schlicht und einfach Werbung.

Sandra Stelzenberger, Diakonin in Victorbur und Weene

Ist Jesus womöglich der erste Superstar unter den Influencern? Er hat die Menschen, denen er begegnete, beeinflusst wie kein Zweiter. Aus dem Christenverfolger Paulus hat er den größten Christusverkündiger gemacht. Aus einer kleinen Gruppe Angsthasen hat er die größte Gemeinschaft der Welt geformt, seine Gemeinde. „Folgt mir nach!“ – hat Jesus einmal zu den Fischern Petrus und Andreas gesagt und sie aufgefordert, dafür alles stehen und liegen zu lassen. Millionen haben es seither gemacht und sind seine Nachfolger geworden. Aber es gibt einen Unterschied zu den Influencern im Internet. Denn Jesus geht es nicht um Inszenierung, sondern um eine echte Beziehung. Wenn er sagt: „Komm, folge mir nach!“, dann sieht er uns mit liebevollen Augen an und weiß, wie wir sind in all unserer Unvollkommenheit. Wenn ich mich auf diese Beziehung einlasse, wenn ich sein Nachfolger werde, dann bestimmt er mein Leben und wird täglich mein größter Influencer, der mir nichts verkauft, sondern mir alles schenkt, was ich zum Leben brauche.

Von Sandra Stelzenberger, Diakonin in den Kirchengemeinden Victorbur und Weene

9. Februar 2019: Kirche im Wandel

Der Gottesdienst fiel aus. Gekommen waren nur die Küsterin, die Organistin und die Pastorin. Sicher, am Tag zuvor war eine größere Gemeindeveranstaltung gewesen, dazu war am Sonntag das Wetter nicht so besonders, das musste als Entschuldigung gelten. Musste es wirklich? Mir ist nicht wohl dabei. Wären unsere Kirchen sonntäglich gut gefüllt, könnte man darüber nachdenken. Aber die Regel sieht anders aus. Unsere Kirchen sind mit freien Plätzen auch an einem gut besuchten Sonntag reichlich ausgestattet. Und wenn keiner kommt und alles leer bleibt? Das ist kein Ausrutscher – das ist Grund zur Sorge und das nicht erst seit besagtem Sonntag. Unsere Kirche befindet sich seit vielen Jahren in einem besorgniserregenden Wandel. Demografie und all das mag man bemühen, um das Schrumpfen und Zusammenlegen von Gemeinden zu begründen – aber es ist auch ein Versuch, sich am eigentlichen Problem vorbei zu mogeln.

Harald Lemke, Pastor für Westerende, Bangstede und Barstede

Denn vor allem werden wir zunehmend egal. Nicht, dass vornehmlich Kritik laut oder die Auseinandersetzung gesucht würde – es ist bei vielen ein stilles und stetiges sich abwenden, weil Kirche mit allem Angebot nichts mehr bedeutet. Selbst wenn, dann nur noch zu familiären Anlässen oder zur Jahreshauptversammlung an Weihnachten. Wo aber für immer mehr Menschen weniger die Botschaft den Ausschlag zum Kommen gibt, denn mehr das freundliche Ambiente. Überzeichne ich? Ich befürchte nein. Ich beobachte diese Entwicklung schon lange und mir macht sie Sorgen. Heile Welten gibt es nicht mehr und eine Antwort haben wir nicht. Ein „Weiter so“ kann genauso nützen wie schaden, ebenso, wie alles neu zu machen. Und letztlich kratzt es nur an der Hülle. Im Alten Testament heißt es: Wendet euer Herz wieder dem Herrn zu, und dient ihm allein.
(1 Sam 7,3) Da mag ein Ansatz liegen in der Anfrage an unser zukünftiges Tun in unseren Gemeinden. Wie erreichen wir mit der wunderbaren Botschaft von Gottes Handeln in Christus an uns, die Menschen wieder im Herzen? Wie berühren
wir sie in der Tiefe ihres Daseins? Patentrezepte wird es wohl nicht geben. Aber ich hoffe, dass alle, denen dieser Glaube am Herzen liegt, immer aufs Neue dem nachgehen mögen. Damit die Räume, in denen unsere Geschichte mit unserm Gott oft seit Jahrhunderten lebt, nicht irgendwann ganz geschlossen werden müssen, sondern Orte lebendiger Begegnung bleiben.

Von Harald Lemke, Pastor in Westerende, Bangstede und Barstede

2. Februar 2019: Zuhause

Manchmal wache ich morgens auf und bekomme einen Schreck. Etwas fühlt sich fremd an. Ich merke, ich bin nicht zu Hause. In dem Moment, in dem ich aufwache, bin ich besonders verletzlich. Meistens vergeht er schnell und der Schreck war unbegründet. Sobald das Gehirn den Sinnen hinterhergekommen ist, merke ich, ich liege ja nur auf der Isomatte bei Freunden oder im Gästezimmer in einem Tagungszentrum.
In diesem kurzen Moment zeigt sich: Ich brauche ein Zuhause. Wo ist das, wo bin ich? Bin ich dort, wo ich hingehöre? Wohl dem, der ein Zuhause hat! Ein Zimmer, in dem ich mich auch noch mal im Bett umdrehen mag, anstatt mit Schrecken aufzuwachen. Einen Raum, in dem ich mich aufrichte, anstatt den Kopf einzuziehen. Einen Ort, an dem ich selbst entscheiden darf, ob ich die Füße auf den Tisch oder die Socken vor dem Bett liegenlasse. Eine Wohnung, in der ich mich nicht nur unter der Dusche laut zu singen traue.
„In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen (Joh 14,2)“, verspricht Jesus Christus seinen Freunden an ihrem letzten gemeinsamen Tag vor seinem Tod. Auf jeder Beerdigungsfeier erzähle ich den Trauernden von diesem Versprechen. Weil Jesus uns so ein vertrautes und geborgenes Zuhause vorbereitet hat, das uns nichts und niemand nehmen kann. Ob wir im Himmel Socken tragen werden, weiß ich nicht. Aber dass wir dort lauthals und fröhlich singen werden, da bin ich ganz sicher.
In den vergangenen Monaten haben wir oft daran gedacht, dass Jesus sein eigenes Zuhause für uns verlassen hat. Um uns die Einladung nach Hause persönlich zu bringen und uns selbst davon zu erzählen, wie sorgfältig und liebevoll es für uns eingerichtet ist.
An diesem Sonntag endet die Epiphaniaszeit, die Zeit nach Weihnachten. Die Weihnachtseinladung gilt weiterhin. Das Zuhause bleibt und wartet auf uns. Das Bett ist immer frisch gemacht. Ausschlafen ist übrigens auch erlaubt. Wie früher in den großen Ferien. Und keine Hektik – wir haben noch ewig Zeit!

Von Helge Preising, Pastor in Walle

26. Januar 2019: Vergiss nicht!

Am 27. Januar 1945 befreite die Sowjetarmee die letzten 7600 Häftlinge des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Der Name Auschwitz steht für die furchtbarsten Auswüchse von Hass und Menschenverachtung, die die Welt bis dahin gesehen hatte: die planvolle Unterdrückung, Entwürdigung und Ermordung von bis zu 1,5 Millionen Menschen allein an diesem Ort. Seit 1996 ist der 27. Januar als Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus in Deutschland gesetzlich verankert. In evangelischen Kirchen versammeln sich darum am kommenden Sonntag Menschen unter einem Wort aus dem 5. Buch Mose: „Hüte dich nur und bewahre deine Seele gut, dass du nicht vergisst, was deine Augen gesehen haben, und dass es nicht aus deinem Herzen kommt dein ganzes Leben lang.“ Vergiss nicht, was damals passiert ist! Unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden nicht nur Juden entrechtet, verfolgt, gequält und ermordet, sondern auch Sinti und Roma, Menschen mit Behinderung, Homosexuelle, politisch Andersdenkende, Wissenschaftler, Künstler, Journalisten, Kriegsgefangene, Deserteure, Greise und Kinder an der Front, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Und nicht allein Hitler und sein Regime begingen diese Taten.

Ulrich Menzel, Schulpastor an der IGS Aurich-West

Die Verbrechen wurden nur möglich, weil weite Teile der deutschen Bevölkerung Mittäterinnen und Mittäter waren. Auch die christlichen Kirchen haben damals Schuld auf sich geladen. „Hüte dich nur und bewahre deine Seele, dass du nicht vergisst…“ Dieser Satz erscheint mir auch in heutigen Zeiten wichtig. Denn überall, wo die NS-Vergangenheit unseres Landes relativiert wird, gilt es Haltung zu zeigen: gegenüber Politikern, die Hitler und die Nazis als „Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ bezeichnen, gegenüber aggressivem Nationalismus und gegenüber Angriffen auf jüdische Restaurants und Kippa tragende Menschen. „Vergiss nicht, was deine Augen gesehen haben…“ das kann aber schließlich auch derjenige sagen, der Vergebung von Schuld erfahren hat oder der vor Leid bewahrt wurde. Das können die Worte derjenigen sein, die sich von Gott gestärkt und begleitet wissen und vertraut. Auch dies sollen wir nicht vergessen. Denn genau diese Haltung braucht es, um Unrecht zu verhindern und der Gefahr entgegenzuwirken, dass sich die Geschichte wiederholt.

Von Ulrich Menzel, Schulpastor an der IGS Aurich

19. Januar 2019: Dem Frieden auf der Spur bleiben

Strandgut an den niederländischen Stränden und ostfriesischen Inseln. Viel Plastikmüll. Alles muss geborgen werden, aber längst nicht alle über Bord gegangenen 270 Container sind gesichtet! Wer weiß, was noch für „Schätze“ auftauchen werden. Es soll sich ja auch Gefahrgut, sprich Chemikalien, unterwegs befunden haben. Es gibt also jetzt und später viel zu tun, um zu versuchen, größeres Unheil für Flora und Fauna abzuwenden! In der Luft, zu Lande und zu Wasser.
Wie gehen wir vernünftigen Menschen mit der uns anvertrauten Erde um? Die Bibel erzählt im Schöpfungsbericht: Macht euch die Erde untertan. Das heißt ja wohl nicht: Gebraucht sie nur, koste es, was es wolle. Ich denke, es ist längst an der Zeit, dass wir uns nicht als die Schöpfer des Blauen Planeten verstehen, sondern als von Gott „bevorzugte Verwalter“.
Haltet Frieden mit den Mitgeschöpfen. Lebt mit ihnen und nicht gegen sie! Es fällt alles auf den Menschen zurück. Lasst uns Horchen und Gehorchen. Neu lernen und verstehen und aufbrechen. Dazu eine Geschichte von der Insel Borkum: Drei Gesellen wanderten von Borkum aus bei Ebbe in das Wattenmeer hinaus. Sie waren weit gewandert und hatten die gute Seeluft tief eingeatmet, aber dann überfiel die Männer ein dichter Nebel. Sie fassten sich an die Hände und eilten zum Ufer. Doch sie verloren im Nebel die Orientierung. Sie gingen in diese und jene Richtung. Das rettende Ufer konnten sie nicht finden. Das Wasser kam, langsam stieg die Flut. Die Männer kämpften um ihr Leben im steigenden Wasser.

Rainer Hecker, Pastor in Aurich-Oldendorf

Einer hatte eine Idee: „Jetzt sind wir ganz still, halten den Atem an und bewegen uns nicht.“ Mit den Fingern tastend und den Ohren lauschend prüfte er die Richtung des Wassers. Denn bei Flut läuft das Wasser auf das Ufer zu. Nach dem Innehalten gingen sie zügiger in eine Richtung. Dann wieder Stille und Horchen und Laufen und wieder Stille und Horchen und Laufen. So erreichten sie schließlich das rettende Ufer. Was hat sie gerettet? Das Stillesein oder das Laufen. Beides hat sie bewahrt. Einfach nur laufen hilft nicht weiter, wenn man die Richtung nicht weiß. Einfach nur stille sein und warten bedeutet den sicheren Untergang. Nur in der Spannung und Ergänzung von Horchen und Handeln liegt eine Überlebenschance. Frei nach dem Psalm 119 „Herr ich hoffe auf dein Heil und tue nach deinen Geboten“. Lebt in und mit der Schöpfung und jagt dem Frieden nach untereinander. Geht sorgsam mit Flora und Fauna um. Haltet Maß und erkennt eure Grenzen, denn es gibt auch vermeidbare Unglücksfälle. Es kann auch bei Riesenschiffen zu Konfrontationen kommen trotz vieler Technik. Umwelt und Natur sind nicht endgültig beherrschbar. Sorgsam umgehen mit der Schöpfung Gottes ist sein Auftrag an uns. Dabei vergesst nicht die Beziehung zu Gott im Gespräch. Seid still und horcht und bittet ihn um Hilfe: Herr gib uns deinen Segen, wie man die Hand reicht dem behinderten Menschen auf seinem Wege. Gib uns deinen Segen, damit wir hören und ihn weitergeben in unsere Häuser und Familien. Herr lege deinen Segen auf uns, damit
wir ein Segen werden für Menschen und Geschöpfe, somit zu Haushaltern und nicht Ausbeuter werden. Horchen und die Richtung nach Stille und Innehalten neu definieren.

Von Rainer Hecker, Pastor in Aurich-Oldendorf

12. Januar 2019: Spuren hinterlassen

Claus Dreier, Pastor für Engerhafe, Wiegboldsbur und Forlitz-Blaukirchen

Gott wurde Mensch – das haben wir gefeiert, mit Geschenken, gutem Essen und Trinken. Und jetzt? Wollen wir nun fasten? Damit die „Spuren“ des Festes wieder verschwinden? In der Zeit Jesu war es für viele fromme Menschen Sitte, regelmäßig zu fasten. „Fastet ihr gar nicht?“ Vorwurfsvoll wenden sich die Leute an Jesus und seine Jünger (Markusevangelium, Kap. 2,18-22). „Wie könnten wir fasten“, antwortet ihnen Jesus, „wo wir doch ein Fest feiern! Ich bin doch bei euch! Und mit mir ist Gott unter euch. Gott feiert ein Fest, und ihr wollt fasten? Das passt doch nicht zusammen! Gott fordert euch auf zum Tanz! Und ihr, ihr sitzt da und meditiert!?“ Klar, er selbst weiß schon, wie gut es tut, manchmal zu fasten, aber hier geht es um etwas anderes! Für die, die ihn fragen, steht „fasten“ für das, was schon immer so war und so bleiben soll. Sie beten das Alte, das Gewohnte an. Veränderungen machen ihnen Angst. Sie machen weiter wie bisher – fasten, fasten und fasten – und dabei verhungern sie, denkt Jesus. Sie wissen es besser, sie spüren es, aber wahrhaben wollen sie es nicht! Sie haben die Bergpredigt gehört und waren beeindruckt von der Einfachheit und Tiefe der Worte, haben gehört von den Friedfertigen, und dann haben sie schnell doch wieder in die Rüstung investiert. Sie haben von der Vergebung gehört, aber wagen es nicht, sich der Wahrheit zu stellen und verstricken sich in Lügen! Sie haben vom liebenden Gott gehört und lassen die Geflüchteten im Mittelmeer in der Hölle. Sie wissen, dass nur Liebe und Güte alles zum Guten wenden kann und verbreiten trotzdem dumpfen Hass. Sie haben Wunder gesehen und glauben ihren Augen nicht! Sie wissen von der Unendlichkeit des Universums und halten sich selbst für den Nabel der Welt, verbrauchen und zerstören Ressourcen, als gäbe es keine nachfolgenden Generationen. Die „Spuren“ des Festes sind Menschlichkeit, Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Vertrauen. Solche Spuren möchte ich im neuen Jahr hinterlassen.

Von Claus Dreier, Pastor für die ev.-luth. Gemeinden Engerhafe, Wiegboldsbur und Forlitz-Blaukirchen

5. Januar 2019: Dem Frieden auf der Spur bleiben

Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent für den Sprengel Ostfriesland-Ems

Suche Frieden und jage ihm nach – , so lautet das biblische Leitwort für das Jahr 2019 aus Psalm 34,15.
Es redet und singt sich leicht vom Frieden, wenn man in Frieden lebt. Es ist wohl etwas anderes, vom Frieden zu träumen wie von einer alten Sehnsucht, wenn man in Krieg und Unfrieden lebt.
„Ein bisschen Frieden auf dieser Erde“, so sang es einst Nicole 1982 beim europäischen Schlagerfestival. Dass dieses Lied den ersten Platz belegte, hat sicher auch mit der Sehnsucht nach Frieden zu tun, die Menschen weltweit teilen.
Ein bisschen Frieden wäre manchmal schon viel in zerstrittenen Beziehungen, in zerrütteten Familien und erst recht in manchen Ländern dieser Erde, wo niemand in Frieden schlafen kann, weil Krieg und Gewalt für Angst und Schrecken sorgen.
Es ist ein Privileg sondergleichen, dass wir in Deutschland seit über siebzig Jahren in Frieden leben dürfen, während in anderen Ländern unserer Erde seit Jahren Kriege wüten, die Millionen Menschen in die Flucht treiben.
Frieden fällt uns nicht in den Schoß. Frieden braucht Wachsamkeit und Einsatz, der schon mal außer Atem bringen kann: „Jage ihm nach“, sagt der Psalmbeter.
Bereits vor 2500 Jahren mahnt der Beter dieses Psalms die Menschen, nicht gleichgültig zu sein, sondern alles dranzusetzen, den Frieden zu erreichen. Frieden ist kein Zustand, den man wie ein Gut besitzt, sondern eine Aufgabe, die stets neu zu erfüllen ist. Das gilt auch für Menschen in einer Demokratie, die seit Jahren in Frieden leben.
Die Bibel fordert alle auf, den Frieden zu suchen, als ob er sich versteckt hätte. Ihn zu entdecken und ihm auch nachzulaufen, bis man ihn endlich eingeholt hat.
In der Sprache der Bibel heißt Frieden „Schalom“. Schalom aber meint immer beides: Frieden und Gerechtigkeit. Es kann keinen Frieden geben ohne Gerechtigkeit. Dem Frieden nachjagen bedeutet darum auch, nach der Gerechtigkeit zu suchen, die Gott den Seinen zugedacht hat.
Frieden ist wahrlich kein Selbstläufer. Im Alltag des persönlichen Lebens nicht und auch nicht im Blick auf die Gerechtigkeit, die den Völkern dieser Erde von Gott zugedacht ist.
Wir sind eingeladen, Friedenssucher mit Ausdauer zu sein.

Von Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent für den Sprengel Ostfriesland-Ems