Sonntagsbetrachtungen 2019

Worte zur Woche aus den Ostfriesischen Nachrichten

16. Februar 2019: „Wenn ich groß bin, werde ich Influencer“

Das erzählte mir Laura, 9 Jahre, über ihre Berufswünsche. So manchem Elternteil bleibt wohl das frisch geschmierte Frühstücksbrötchen im Mund stecken, wenn der Nachwuchs aufgeregt von seinen Zukunftsplänen berichtet. Influencer? In meinem Kopf geht bei dem Wort ein Verwirrspiel los: Ich denke an Taschentücher, Hustenbonbons und Nasenspray. Ist das nicht die Grippe, die Menschen krank machen kann und äußerst ansteckend ist? Als Influencer (von englisch to influence: beeinflussen) werden laut Lexikon Personen bezeichnet, die aufgrund ihrer starken Präsenz und ihres hohen Ansehens in einem oder mehreren sozialen Netzwerken für Werbung und Vermarktung in Frage kommen. Viele junge Leute haben es zu ihrem Beruf gemacht, professionell mit Bildern Aufmerksamkeit zu erzeugen und sich selbst, ihr Leben, ihren Alltag auf eigenen Kanälen im Internet zu präsentieren. Wichtig ist alles, was Aufmerksamkeit schafft und möglichst viele Herzchen, Likes, Kommentare und schließlich dauerhafte Nachfolger, genannt Follower, erzeugt. Der Einfluss, den die Influencer ausüben wollen, ist schlicht und einfach Werbung.
Ist Jesus womöglich der erste Superstar unter den Influencern? Er hat die Menschen, denen er begegnete, beeinflusst wie kein Zweiter. Aus dem Christenverfolger Paulus hat er den größten Christusverkündiger gemacht. Aus einer kleinen Gruppe Angsthasen hat er die größte Gemeinschaft der Welt geformt, seine Gemeinde. „Folgt mir nach!“ – hat Jesus einmal zu den Fischern Petrus und Andreas gesagt und sie aufgefordert, dafür alles stehen und liegen zu lassen. Millionen haben es seither gemacht und sind seine Nachfolger geworden. Aber es gibt einen Unterschied zu den Influencern im Internet. Denn Jesus geht es nicht um Inszenierung, sondern um eine echte Beziehung. Wenn er sagt: „Komm, folge mir nach!“, dann sieht er uns mit liebevollen Augen an und weiß, wie wir sind in all unserer Unvollkommenheit. Wenn ich mich auf diese Beziehung einlasse, wenn ich sein Nachfolger werde, dann bestimmt er mein Leben und wird täglich mein größter Influencer, der mir nichts verkauft, sondern mir alles schenkt, was ich zum Leben brauche.

Von Sandra Stelzenberger, Diakonin in den Kirchengemeinden Victorbur und Weene

9. Februar 2019: Kirche im Wandel

Der Gottesdienst fiel aus. Gekommen waren nur die Küsterin, die Organistin und die Pastorin. Sicher, am Tag zuvor war eine größere Gemeindeveranstaltung gewesen, dazu war am Sonntag das Wetter nicht so besonders, das musste als Entschuldigung gelten. Musste es wirklich? Mir ist nicht wohl dabei. Wären unsere Kirchen sonntäglich gut gefüllt, könnte man darüber nachdenken. Aber die Regel sieht anders aus. Unsere Kirchen sind mit freien Plätzen auch an einem gut besuchten Sonntag reichlich ausgestattet. Und wenn keiner kommt und alles leer bleibt? Das ist kein Ausrutscher – das ist Grund zur Sorge und das nicht erst seit besagtem Sonntag. Unsere Kirche befindet sich seit vielen Jahren in einem besorgniserregenden Wandel. Demografie und all das mag man bemühen, um das Schrumpfen und Zusammenlegen von Gemeinden zu begründen – aber es ist auch ein Versuch, sich am eigentlichen Problem vorbei zu mogeln. Denn vor allem werden wir zunehmend egal. Nicht, dass vornehmlich Kritik laut oder die Auseinandersetzung gesucht würde – es ist bei vielen ein stilles und stetiges sich abwenden, weil Kirche mit allem Angebot nichts mehr bedeutet. Selbst wenn, dann nur noch zu familiären Anlässen oder zur Jahreshauptversammlung an Weihnachten. Wo aber für immer mehr Menschen weniger die Botschaft den Ausschlag zum Kommen gibt, denn mehr das freundliche Ambiente. Überzeichne ich? Ich befürchte nein. Ich beobachte diese Entwicklung schon lange und mir macht sie Sorgen. Heile Welten gibt es nicht mehr und eine Antwort haben wir nicht. Ein „Weiter so“ kann genauso nützen wie schaden, ebenso, wie alles neu zu machen. Und letztlich kratzt es nur an der Hülle. Im Alten Testament heißt es: Wendet euer Herz wieder dem Herrn zu, und dient ihm allein.
(1 Sam 7,3) Da mag ein Ansatz liegen in der Anfrage an unser zukünftiges Tun in unseren Gemeinden. Wie erreichen wir mit der wunderbaren Botschaft von Gottes Handeln in Christus an uns, die Menschen wieder im Herzen? Wie berühren
wir sie in der Tiefe ihres Daseins? Patentrezepte wird es wohl nicht geben. Aber ich hoffe, dass alle, denen dieser Glaube am Herzen liegt, immer aufs Neue dem nachgehen mögen. Damit die Räume, in denen unsere Geschichte mit unserm Gott oft seit Jahrhunderten lebt, nicht irgendwann ganz geschlossen werden müssen, sondern Orte lebendiger Begegnung bleiben.

Von Harald Lemke, Pastor in Westerende, Bangstede und Barstede

2. Februar 2019: Zuhause

Manchmal wache ich morgens auf und bekomme einen Schreck. Etwas fühlt sich fremd an. Ich merke, ich bin nicht zu Hause. In dem Moment, in dem ich aufwache, bin ich besonders verletzlich. Meistens vergeht er schnell und der Schreck war unbegründet. Sobald das Gehirn den Sinnen hinterhergekommen ist, merke ich, ich liege ja nur auf der Isomatte bei Freunden oder im Gästezimmer in einem Tagungszentrum.
In diesem kurzen Moment zeigt sich: Ich brauche ein Zuhause. Wo ist das, wo bin ich? Bin ich dort, wo ich hingehöre? Wohl dem, der ein Zuhause hat! Ein Zimmer, in dem ich mich auch noch mal im Bett umdrehen mag, anstatt mit Schrecken aufzuwachen. Einen Raum, in dem ich mich aufrichte, anstatt den Kopf einzuziehen. Einen Ort, an dem ich selbst entscheiden darf, ob ich die Füße auf den Tisch oder die Socken vor dem Bett liegenlasse. Eine Wohnung, in der ich mich nicht nur unter der Dusche laut zu singen traue.
„In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen (Joh 14,2)“, verspricht Jesus Christus seinen Freunden an ihrem letzten gemeinsamen Tag vor seinem Tod. Auf jeder Beerdigungsfeier erzähle ich den Trauernden von diesem Versprechen. Weil Jesus uns so ein vertrautes und geborgenes Zuhause vorbereitet hat, das uns nichts und niemand nehmen kann. Ob wir im Himmel Socken tragen werden, weiß ich nicht. Aber dass wir dort lauthals und fröhlich singen werden, da bin ich ganz sicher.
In den vergangenen Monaten haben wir oft daran gedacht, dass Jesus sein eigenes Zuhause für uns verlassen hat. Um uns die Einladung nach Hause persönlich zu bringen und uns selbst davon zu erzählen, wie sorgfältig und liebevoll es für uns eingerichtet ist.
An diesem Sonntag endet die Epiphaniaszeit, die Zeit nach Weihnachten. Die Weihnachtseinladung gilt weiterhin. Das Zuhause bleibt und wartet auf uns. Das Bett ist immer frisch gemacht. Ausschlafen ist übrigens auch erlaubt. Wie früher in den großen Ferien. Und keine Hektik – wir haben noch ewig Zeit!

Von Helge Preising, Pastor in Walle

26. Januar 2019: nn

19. Januar 2019: Dem Frieden auf der Spur bleiben

Strandgut an den niederländischen Stränden und ostfriesischen Inseln. Viel Plastikmüll. Alles muss geborgen werden, aber längst nicht alle über Bord gegangenen 270 Container sind gesichtet! Wer weiß, was noch für „Schätze“ auftauchen werden. Es soll sich ja auch Gefahrgut, sprich Chemikalien, unterwegs befunden haben. Es gibt also jetzt und später viel zu tun, um zu versuchen, größeres Unheil für Flora und Fauna abzuwenden! In der Luft, zu Lande und zu Wasser.
Wie gehen wir vernünftigen Menschen mit der uns anvertrauten Erde um? Die Bibel erzählt im Schöpfungsbericht: Macht euch die Erde untertan. Das heißt ja wohl nicht: Gebraucht sie nur, koste es, was es wolle. Ich denke, es ist längst an der Zeit, dass wir uns nicht als die Schöpfer des Blauen Planeten verstehen, sondern als von Gott „bevorzugte Verwalter“.
Haltet Frieden mit den Mitgeschöpfen. Lebt mit ihnen und nicht gegen sie! Es fällt alles auf den Menschen zurück. Lasst uns Horchen und Gehorchen. Neu lernen und verstehen und aufbrechen. Dazu eine Geschichte von der Insel Borkum: Drei Gesellen wanderten von Borkum aus bei Ebbe in das Wattenmeer hinaus. Sie waren weit gewandert und hatten die gute Seeluft tief eingeatmet, aber dann überfiel die Männer ein dichter Nebel. Sie fassten sich an die Hände und eilten zum Ufer. Doch sie verloren im Nebel die Orientierung. Sie gingen in diese und jene Richtung. Das rettende Ufer konnten sie nicht finden. Das Wasser kam, langsam stieg die Flut. Die Männer kämpften um ihr Leben im steigenden Wasser. Einer hatte eine Idee: „Jetzt sind wir ganz still, halten den Atem an und bewegen uns nicht.“ Mit den Fingern tastend und den Ohren lauschend prüfte er die Richtung des Wassers. Denn bei Flut läuft das Wasser auf das Ufer zu. Nach dem Innehalten gingen sie zügiger in eine Richtung. Dann wieder Stille und Horchen und Laufen und wieder Stille und Horchen und Laufen. So erreichten sie schließlich das rettende Ufer. Was hat sie gerettet? Das Stillesein oder das Laufen. Beides hat sie bewahrt. Einfach nur laufen hilft nicht weiter, wenn man die Richtung nicht weiß. Einfach nur stille sein und warten bedeutet den sicheren Untergang. Nur in der Spannung und Ergänzung von Horchen und Handeln liegt eine Überlebenschance. Frei nach dem Psalm 119 „Herr ich hoffe auf dein Heil und tue nach deinen Geboten“. Lebt in und mit der Schöpfung und jagt dem Frieden nach untereinander. Geht sorgsam mit Flora und Fauna um. Haltet Maß und erkennt eure Grenzen, denn es gibt auch vermeidbare Unglücksfälle. Es kann auch bei Riesenschiffen zu Konfrontationen kommen trotz vieler Technik. Umwelt und Natur sind nicht endgültig beherrschbar. Sorgsam umgehen mit der Schöpfung Gottes ist sein Auftrag an uns. Dabei vergesst nicht die Beziehung zu Gott im Gespräch. Seid still und horcht und bittet ihn um Hilfe: Herr gib uns deinen Segen, wie man die Hand reicht dem behinderten Menschen auf seinem Wege. Gib uns deinen Segen, damit wir hören und ihn weitergeben in unsere Häuser und Familien. Herr lege deinen Segen auf uns, damit
wir ein Segen werden für Menschen und Geschöpfe, somit zu Haushaltern und nicht Ausbeuter werden. Horchen und die Richtung nach Stille und Innehalten neu definieren.

Von Rainer Hecker, Pastor in Aurich-Oldendorf

12. Januar 2019: nn

5. Januar 2019: Dem Frieden auf der Spur bleiben

Suche Frieden und jage ihm nach – , so lautet das biblische Leitwort für das Jahr 2019 aus Psalm 34,15.
Es redet und singt sich leicht vom Frieden, wenn man in Frieden lebt. Es ist wohl etwas anderes, vom Frieden zu träumen wie von einer alten Sehnsucht, wenn man in Krieg und Unfrieden lebt.
„Ein bisschen Frieden auf dieser Erde“, so sang es einst Nicole 1982 beim europäischen Schlagerfestival. Dass dieses Lied den ersten Platz belegte, hat sicher auch mit der Sehnsucht nach Frieden zu tun, die Menschen weltweit teilen.
Ein bisschen Frieden wäre manchmal schon viel in zerstrittenen Beziehungen, in zerrütteten Familien und erst recht in manchen Ländern dieser Erde, wo niemand in Frieden schlafen kann, weil Krieg und Gewalt für Angst und Schrecken sorgen.
Es ist ein Privileg sondergleichen, dass wir in Deutschland seit über siebzig Jahren in Frieden leben dürfen, während in anderen Ländern unserer Erde seit Jahren Kriege wüten, die Millionen Menschen in die Flucht treiben.
Frieden fällt uns nicht in den Schoß. Frieden braucht Wachsamkeit und Einsatz, der schon mal außer Atem bringen kann: „Jage ihm nach“, sagt der Psalmbeter.
Bereits vor 2500 Jahren mahnt der Beter dieses Psalms die Menschen, nicht gleichgültig zu sein, sondern alles dranzusetzen, den Frieden zu erreichen. Frieden ist kein Zustand, den man wie ein Gut besitzt, sondern eine Aufgabe, die stets neu zu erfüllen ist. Das gilt auch für Menschen in einer Demokratie, die seit Jahren in Frieden leben.
Die Bibel fordert alle auf, den Frieden zu suchen, als ob er sich versteckt hätte. Ihn zu entdecken und ihm auch nachzulaufen, bis man ihn endlich eingeholt hat.
In der Sprache der Bibel heißt Frieden „Schalom“. Schalom aber meint immer beides: Frieden und Gerechtigkeit. Es kann keinen Frieden geben ohne Gerechtigkeit. Dem Frieden nachjagen bedeutet darum auch, nach der Gerechtigkeit zu suchen, die Gott den Seinen zugedacht hat.
Frieden ist wahrlich kein Selbstläufer. Im Alltag des persönlichen Lebens nicht und auch nicht im Blick auf die Gerechtigkeit, die den Völkern dieser Erde von Gott zugedacht ist.
Wir sind eingeladen, Friedenssucher mit Ausdauer zu sein.

Von Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent für den Sprengel Ostfriesland-Ems