Sonntagsbetrachtungen 2018

Worte zur Woche aus den Ostfriesischen Nachrichten

8. Dezember 2018 – 2. Advent: Weihnachtswünsche

„Was schenken wir eigentlich Oma zu Weihnachten?“ Diese Frage stellte sich in meiner Kindheit regelmäßig zur Weihnachtszeit. „Oma, wall sall wi di schenken?“ „Och Kinners, ick hebb doch alles!“ So fand sich für Oma unter dem Weihnachtsbaum wie in jedem Jahr eine Schürze. Dunkelblau mit kleinen weißen Pünktchen. Ich kenne meine Oma nicht anders als mit Schürze. Dunkelblau mit kleinen weißen Pünktchen. Als Oma starb, lagen in ihrem Schrank fein säuberlich gebügelt und gefaltet ganz viele Schürzen. Dunkelblau mit weißen Pünktchen. Als Kind und auch später noch habe ich mich gewundert: Wieso hatte Oma keine Wünsche? Mein Wunschzettel hätte gar nicht lang genug sein können. Was habe ich mir damals alles gewünscht.

Georg Janssen, Pastor in Ihlowerfehn und Ludwigsdorf

Heute bin ich selber in dem Alter meiner Oma. Wenn mich meine Frau oder meine Kinder fragen: „Was wünscht du dir denn zu Weihnachten?“, dann komme ich ins Stottern. Ich schaue um mich herum, sehe die vielen Bücher, die ich noch lesen will, sehe meinen vollen Kleiderschrank, denke an die vielen Reisen, die ich schon gemacht habe, sehe, wie gut es mir geht und dann sag ich genau den Satz, den ich damals von Oma auch schon gehört habe. „Eigentlich brauche ich nichts. Ich hab doch alles.“
Es sind andere Dinge, die jetzt wichtig werden. Aber die kann mir keiner unter den Weihnachtsbaum legen. Ich wünsche mir Zufriedenheit mit dem, was hinter mir liegt und mit dem, was noch kommt. Ich wünsche mir Gesundheit und dass ich klar im Kopf bleibe und dass mir mein Humor nicht verloren geht. Und ich wünsche mir, dass einer mit mir geht, der größer ist als alle meine Sorgen und Ängste. Und ich denke: Stimmt, das hat Oma damals auch gesagt. Es sind andere Dinge, die jetzt wichtig werden.
Die Adventszeit, von der jetzt die erste Woche hinter uns liegt, kommt mir wie die Lebenszeit vor. Vier Wochen Advent spiegeln ein Leben. Mit jeder Kerze, die wir entzünden, nähern wir uns Weihnachten, der Begegnung mit Christus. Ist das mit dem Leben nicht genauso? Mit jeder Geburtstagskerze, die wir entzünden, nähern wir uns dem Ende unserer Lebenszeit. Am Ende steht die Begegnung mit Gott. Am Ende stehen wir im Licht. Im Advent wie im Leben.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und euch eine gesegnete Adventszeit.

Von Georg Janssen, Pastor in Ihlowerfehn und Ludwigsdorf

1. Dezember 2018 – 1. Advent: Bitte warten

Bitte warten“ so lautete die Ansage, als ich in dieser Woche mit einer Kundenhotline telefonierte. „Bitte warten“. Während ich also der Aufforderung der digitalen Stimme nachkam und wartete, bemerkte ich, welche Ungeduld ich beim Warten entwickelte. Bereits nach wenigen Minuten haderte ich mit meiner Situation und empörte mich über die mangelnde Kundenfreundlichkeit und die Zumutung, mich so lange in der Warteschleife zu halten. Irgendwie, so scheint es, warten wir ja immer. Junge Eltern warten auf die Geburt ihres Kindes, kleine Kinder warten auf ihren Geburtstag oder auf ihre Einschulung. Jugendliche warten darauf, dass der Mensch, in den sie sich verliebt haben, endlich merkt, was man von ihm oder ihr will. Sie warten auf einen Ausbildungs- oder Studienplatz, auf einen Job, auf das erste selbst verdiente Geld. Erwachsene warten auf das Wochenende, auf den Urlaub, manche warten darauf, dass das Leben nach der Rente endlich anfängt. Warten gehört zum Leben dazu. In der Adventszeit warten wir auf Weihnachten, auf das Kommen Gottes in der Welt. Jedes Jahr im Advent warten wir darauf, dass Gott noch einmal ankommt in dieser Welt. Nicht wie damals als kleines Kind in der Krippe, aber doch irgendwie so, dass wir etwas davon bemerken. Ein Text von Dietrich Bonhoeffer fällt mir ein:

Niemand
besitzt Gott so,
dass er nicht mehr
auf ihn warten müsste.
Und doch kann niemand
auf Gott warten,
der nicht wüsste,
dass Gott schon längst
auf ihn gewartet hat.

Nicht nur wir warten auf Gott und sein Kommen in diese Welt, in unser Leben – Gott wartet auf uns! Die Adventszeit ist Ausdruck dieser Hoffnung. Gott will nicht länger auf uns warten, er macht sich auf den Weg zu uns.

Von Diakonin Christine Kruse, Ev.-luth. Jugenddienst im Kirchenkreis Aurich

24. November 2018: Christkönig

Gefühlt die halbe Welt saß im Mai dieses Jahres vor den Bildschirmen, als Prinz Harry und seine Meghan den Bund fürs Leben schlossen. Kaum einer wollte die märchenhaften Bilder aus der Schlosskapelle von Windsor verpassen. Ein Beispiel, wie sehr es die europäischen Königshäuser immer noch schaffen, uns in ihren Bann zu ziehen. Und wie sie durch ihre mediale Präsenz auch Einfluss auf uns ausüben.

Johannes Ehrenbrink, Dechant des Dekanats Ostfriesland

Die katholische Kirche feiert an diesem Sonntag den Christkönigssonntag. Kommen uns da auch märchenhafte Bilder wie bei Harry und Meghan? Wohl kaum!
Das Christkönigsfest wurde eingeführt 1925 nach den Umwälzungen infolge des Ersten Weltkriegs, nach dem Ende großer Monarchien und der Gewaltherrschaft von linken und rechten Diktatoren. Anlass war die 1600-Jahr-Feier des Konzils von Nicäa, bei dem das Glaubensbekenntnis formuliert wurde, das noch heute in allen christlichen Kirchen gesprochen wird. Das Fest sollte nicht einen Märchenprinzen feiern, sondern einen Gegenentwurf gegen alle Gewaltherrscher der damaligen (und heutigen) Zeit setzen. Denn Jesus ist König „von unten“. Seine „Macht“ ist die Macht der Liebe und Barmherzigkeit, die er gerade jenen am Rande der Gesellschaft zeigt. Er ist König, der Menschen ernst nimmt, sie Gleiche unter Gleichen sein lässt und allen das Recht auf Leben zuspricht. Das ist bis heute höchst aktuell. Es gilt, weiterhin auf diesen „Herrscher“ zu schauen, der eine menschliche, hoffnungsvolle und freie Form des Lebens vorgelebt hat und uns darum bittet, ihm darin zu folgen.
Das Fest fordert uns auch heraus, auf ungute Herrschaftsformen bei uns zu blicken: in Partnerschaften, wo manchmal der eine über den anderen zu bestimmen sucht, bei Kindern untereinander, wenn eins das andere moppt und im Netzwerk unter Druck setzt, beleidigt oder gar verhöhnt, in der Politik, wo die eigene Position mit allen Mittel verteidigt wird und es nicht mehr darum geht, der Demokratie und damit uns einen Dienst zu erweisen, und auch in den Kirchen ist das Machtgerangel nicht unüblich, obwohl gerade sie doch verkünden, wie Herrschaft im Sinne Christi angemessen gelebt werden soll, als Dienst an den Menschen. Vielleicht ist der Titel des Festes „Christkönig“ etwas befremdlich für uns heute. Doch der Inhalt und die Intention des Festes, sollten uns ein unbedingtes Anliegen bleiben.

Von Dechant Johannes Ehrenbrink, katholische Kirche St. Ludgerus, Aurich

21. November 2018 – Buss- und Bettag: As in’d Himmel

17. November 2018: Botschaft von Versöhnung und Freundschaft

Ihre Flucht aus Litauen 1945 endete in einem Dorf in der Lüneburger Heide. Eine Kammer auf einem Bauernhof wurde der Mutter mit ihren Kindern zugewiesen. Nichts anderes zählte als zur Ruhe kommen, schlafen ohne Angst. Es war schon ein Wunder, dass keines der Kinder am Hunger zugrunde gegangen war. Die Bauernfamilie nahm sie gut auf. Täglich durften sie sich mit an den Tisch setzen und sich satt essen. Die Zeiten wurden besser, die Kinder gingen ihren Weg. Für einige wurde Amerika die neue Heimat. Fleiß und harte Arbeit brachten Wohlstand. Doch die Erinnerung an das Dorf blieb – die Sehnsucht nach der alten Heimat. Die so weit verstreute Familie verabredete sich zu einer gemeinsamen Reise, zurück nach Litauen.
Was erwartet man nach so langer Zeit, was hofft man zu finden nach so vielen Jahren? Die Kirche, die Generationen Heimat war, existierte nicht mehr. Tränen flossen – Tränen der Erinnerung und der Trauer über all das Verlorene. Der alte Friedhof, überwuchert mit dem Gestrüpp von mehr als 60 Jahren. Unerträglich! Sollten unter dieser Wildnis die Gräber der Familie noch zu finden sein? Sollte es möglich sein, diese Müllhalde wieder in eine würdevolle Ruhestätte zu verwandeln? Die Bürgermeisterin des Dorfes war skeptisch. Als dann aber nach harter Arbeit Grabstellen und -steine wieder zum Vorschein kamen, unterstützten auch einige der Dorfbewohner tatkräftig das Projekt. Und wie das so ist bei Menschen guten Willens, die Verständigung wuchs; man verbrachte auch die Feierabende miteinander.
Das Entsetzen war bei allen gleich groß, als so viele geöffnete, geplünderte Gräber entdeckt wurden und überall verstreut menschliche Knochen. Am Ende des Krieges hatte das Gerücht die Runde gemacht, dass die Deutschen ihren Toten den Familienschmuck und andere Kostbarkeiten auf die Reise in die Ewigkeit mitgaben. Da witterten Grabräuber damals wohl fette Beute. Die Gebeine wurden geborgen und bestattet.
Drei Sommer lang war das kleine Dorf in Litauen das Ziel der Familie. Drei Sommer lang anstrengende körperliche Arbeit, aber auch drei Sommer lang eine gute Gemeinschaft mit Menschen, die zu treuen Freunden wurden. Eine Reihe von Soldatengräbern kam noch ans Licht, mit Daten aus der Zeit zwischen 1914 und 1918; hier lagen Soldaten aus dem 1. Weltkrieg begraben. Jede Grabinschrift wurde dokumentiert und dann der Kriegsgräberfürsorge mitgeteilt. Dort nahm man die Daten gern als Vervollständigung des Archivs auf. Nach hundert Jahren bekamen Vergessene ihren Namen zurück.
Das Dorf in Litauen ist für eine weit verstreute Familie wieder ein Stück Heimat geworden, wohin alle gerne einmal reisen, um Freunde zu treffen und an gepflegten Gräbern der Vorangegangenen zu gedenken. Für mich ist diese wundersame Geschichte eine kostbare Botschaft von Versöhnung und Freundschaft, die im Verborgenen geschieht.

Von Anita Franzen, Prädikantin in Münkeboe und Moorhusen

10. November 2018: Der zweifache Martin

Christiane Preising, Pastorin in Aurich-Walle

Ostfriesland ist etwas Besonderes! Das wusste ich schon, bevor mein Mann, meine Tochter und ich im Mai nach Walle gezogen sind. Einige Traditionen sind mir schon ganz vertraut, aber mit dem fortschreitenden Kirchenjahr lerne ich immer noch Neues hinzu. Eine Sache hat mich nun kalt erwischt: Das Martinisingen rund um den 10. November, dem Geburtstag Martin Luthers, kommt tatsächlich ganz ohne Sankt Martin aus, den Mantelteiler, von dem Martin Luther seinen Namen bekam. Martin Luther wurde am 11. November getauft, dem Tag des Heiligen Martin von Tours. Wenn ich erzähle, dass ich selbst als Kind beim Martinsumzug Sankt-Martin-Lieder gesungen habe und seine Geschichte im Mittelpunkt stand, werde ich überrascht gefragt: Aber du bist doch evangelisch, oder? Na klar, durch und durch! Aber Sankt Martin ist als Namensgeber des späteren Martin in
vielen Regionen Deutschlands (auch in meiner nordhessischen Heimat) durch die strengen evangelischen Maschen geschlüpft. Es wurde und wird an ihn erinnert und mit den Laternenumzügen an ihn gedacht. Ich mache mich auf Spurensuche, seit wann es das rein lutherische Martinisingen in Ostfriesland gibt. Und siehe da: Wie der neue gesetzliche Feiertag am 31. Oktober ist es aus einem runden Reformationsjubiläum erwachsen, dem 300. im Jahr 1817. In der Folgezeit dieses Jubiläums wurden Sankt-Martin-Lieder zu Martin-Luther-Liedern umgewidmet. Der Soldat und spätere Bischof Martin ritt auf seinem Ross „fort geschwind“, die Laternen blieben. Sie erzählen noch immer von zwei Lichtbringern: Dem einen, der durch seine Großzügigkeit für Arme eine Lichtgestalt war und dem anderen, der die Klarheit der Bibel von dunklen Deckmänteln befreit hat. Mir sind beide lieb und teuer. Und wem ich heute etwas von Sankt Martin vorsingen darf: Eben Bescheed seegen!

Von Christiane Preising, Pastorin in Aurich-Walle

3. November 2018: Was ist Freiheit?

Was ist für Sie Freiheit? Ich habe einigen Menschen diese Frage gestellt und erstaunlich unterschiedliche Antworten erhalten: Ein 61-jähriger, krebskranker Mann antwortet: Wenn ich gut leben und sterben kann. Eine Witwe sagt: Wenn ich mich innerlich loslösen kann von meinem verstorbenen Mann und meinen Frieden finde. Eine 91-jährige Frau im Krankenhaus meint dazu: Dass ich, so lange es geht, eigenständig bleibe. Ein Frührentner sagt: Nicht das tun zu müssen, was ich nicht machen möchte. Eine Therapeutin überlegt: Freiheit ist das Gegenteil von Druck und Zwang: Freiheit bedeutet: Ich DARF! Ein 49-jähriger trockener Alkoholiker sagt: Wenn ich gerne aufstehe und mir vor dem Tag nicht graut und ich ohne Ängste einschlafen kann. Eine 40-jährige berufstätige Ehefrau und Mutter antwortet: Frei sein vom Hetzen in meinem Alltag, von all den Erwartungen an mich. Eine 22-jährige Frau meint: Dass ich mein Leben so bunt gestalten kann, wie es zu mir passt, ohne die Erlaubnis anderer zu brauchen.

Pastorin Sunnive Förster, Krankenhausseelsorgerin in Aurich

Alle, die ich gefragt habe, haben spontan geantwortet. Was würden Sie antworten? Was ist Freiheit für Sie? Einstein war davon überzeugt, dass alles auf der Welt relativ ist. So auch die Freiheit. Was es für jeden von uns bedeutet, frei zu sein, hängt von vielem ab: von unserem Alter, unserer Lebenssituation, unseren Erfahrungen, unseren Bedürfnissen, dem Land, in dem wir leben. Hinter jeder Antwort steht eine persönliche Geschichte eines einzigartigen Menschen.
Wenn wir von Freiheit sprechen, steht das Gegenteil im Raum: Unfreiheit. Paulus spricht im Galaterbrief (5,1) von Knechtschaft: Das, was uns versklavt und unterdrückt, schwer auf uns lastet. Er vertraut darauf, dass wir demgegenüber etwas geschenkt bekommen haben: Die Freiheit Christi! „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ Ich kann nicht jede belastende Situation ändern, manches muss ich tun im Leben, aber nichts soll mich beherrschen können! Mit Christus an meiner Seite wird es mir möglich, meine Fesseln, meine Zwänge, meine Mauern mutig anzusehen. In Christus darf ich alles loslassen und abgeben. Es verliert seine Macht über mich. Freiheit bedeutet Bewegung! Heraus aus der Lähmung eines Gefängnisses hin zu einer Veränderung in meinem Leben. Freiheit eröffnet Räume! „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“, lesen wir im Psalm 31,9. Als Gottes geliebtes Kind bin ich dazu bestimmt, in Freiheit zu leben. Frei, ich selbst zu sein in meinen weiten Räumen. Frei für die Menschen neben mir, die sich auch nach einem Leben in Freiheit sehnen. Frei, weil Gott uns allen Freiheit schenkt.

Von Pastorin Sunnive Förster, Krankenhausseelsorgerin in Aurich

27. Oktober 2018: Gottes Liebe, unverdientes Geschenk

Emil hatte der Frau Unrecht getan. Und tatsächlich: Er merkte es. „Ich entschuldige mich!“, sagte er schließlich mit bestimmendem Unterton. Und war erstaunt, dass sie ihn dafür nicht umgehend umarmte.
Geht das so einfach? Sich selbst(?) entschuldigen? Als hätte das Gegenüber nichts damit zu tun?
Entschuldigung bedingt vorausgegangenes schuldhaftes Handeln an einer anderen Person – sie also leidet. Dies gilt es zunächst wahrzunehmen. Und zu spüren. Und der anderen Person gegenüber (wieder) achtsam zu sein. Dann wird dies einem selbst „Leid tun“; man kann es sich jedoch selbst nicht nehmen. Und die Schuld auch nicht, man kann nur um „Entschuldigung bitten“.

Hans Bookmeyer, Pastor für besondere Aufgaben im Kirchenkreis Aurich

Ist diese Bitte aufrichtig und wird sie gewährt, dann, ja dann ist ein Neuanfang möglich. Vielleicht sogar ein neues gemeinsames Miteinander. Das wäre schön oder herrlich oder gar wunderbar?
Wir wissen es alle: Kein Mensch ist vollkommen. Manchmal drückt die Last sogar so sehr auf den eigenen Schultern, dass man sie keinem Mitmenschen anvertrauen mag, aus Scham, aus Angst, aus Verzweiflung. Manche drohen dann sogar darunter zu zerbrechen.
Gott jedoch möchte nicht, dass unser Leben zerbricht; im Gegenteil: Er, der alles Leben gibt, möchte und kann wirken, dass es gelingt, bewahrt wird, ja, auf ewig heil wird und bleibt. Das jedoch setzt voraus, dass wir ihm gegenüber die Ehrfurcht haben, es ihm zuzutrauen und dass wir uns ihm anvertrauen. Dabei vergeben wir uns nichts, sondern umgekehrt: Er vergibt uns, nimmt uns in Christus Schweres ab, bewahrt uns vor dem Verderben, macht unser Leben leicht, gibt es neu, ja heil, hier, wie in Ewigkeit. Darauf weist der Spruch für die neue Woche, Psalm 130, Vers 4: „Bei Dir ist die Vergebung, dass man Dich fürchte.“ Gott tut dies aus reiner, vollkommener Liebe, die keinen Hass kennt, wie er in Christus bezeugt. Diese bewahrende, erfüllende Liebe können wir uns nicht selbst verdienen. Weil Gott dies weiß, schenkt er sie uns, allerdings durch Christus teuer erkauft, indem dieser alles, was uns von Gott trennen könnte, mit ans Kreuz nimmt. Gottes Liebe, unverdientes Geschenk, „Gnade“ heißt es in der Bibel.
Viele Menschen durften und dürfen aus dieser Gnade neu erblühen, so auch Martin Luther, der uns unter anderem einen herrlichen Choral hinterlassen hat, welchem der Psalm 130 zugrunde liegt: „Aus tiefer Not schrei ich zu Dir“ (Ev. Gesangbuch, Nr. 299). Die zweite Strophe beginnt „Bei Dir gilt nichts denn Gnad und Gunst“, und die dritte „Darum auf Gott will hoffen ich“.
Möge Er auch uns beständige Hoffnung sein, ihm zur Ehre, uns zur Hilfe, hier, immer wieder neu, und bis zum ewigen Leben. Einen gesegneten Sonntag wie auch eine gesegnete neue Woche!

Von Hans Bookmeyer, Pastor für besondere Aufgaben im evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Aurich

20. Oktober 2018: Uns leeve Heer sien Kökenschkapp

Wat mooie, wenn d’r mal Vesiet kummt! Mennig Mal stött dien Vesiet di ook mit Nöös up dat, wat du
stuuv vör di hest. Dat hemm wi nu beleevt mit twee junge Mannlüe, de wall ut Vittebur stammen, man all lang neet mehr hier unner uns leben. Bloot hen un her sünt se mal in Vittebur un denn kieken se alltied bi uns in. Se schwalken in de heele Welt herum, hemm’t alltied drock un kriegen neet völ Ruh d’r van. Nu wassen se mit na’d Kark west un stunnen noch mit’n Koppel annern na’d Karktied bi’d Klocktoorn to prootjen. Do see mien Frau an hör: „Wat will’n ji hier noch all in’t Regen herumstahn? Kommt man mit, ik maak uns ’n Koppke Tee.“ Ja, dat wullen se ook ja geern un mit een Mal harren wi’t heel Köken full van Lüe tau Teedrinken. Kannst Di ja denken, wat vörn Prootereej dat gav. Dat gung d’r bi langs as unnern in’d Gulf. Do sach ik tomal, dat een van de beid junge Mannlüe upstahn dee un gung vör’t Kökenschkapp stahn.

Jürgen Hoogstraat, Pastor in Victorbur

Du musst weeten, an uns Kökenschkapp, dor hangen ’n Bült bunte Biller van leeve Lüe, Postkorten of anner Wark, Zeddelkes un Sprökjes, wor wi mit an leeve Lüe denken, de wi gern lieden mögen. Un nu sach de junge Fent dat Bild, wat he un sien Fründ uns för’n Sett van hör Reise stüürt harren. „He“, reep he, dor hangt uns Bild ja! Hemm ji dat noch alltied dor hangen? Dat is ja all n’halv Johr ollt! Dat is ja nett, as wenn ik na Huus hen koom!“ Ja – dat Bild hung dor noch. Wat wassen de beid blied. „Dat is ja nett as wenn ik na Huus henkoom…“ dor haren se’t nu over. Hör Ollenhusen gav’t neet mehr un dat harr sück söl daan in hör Heimat. Se kennen’t mennig Mal heel neet weer. Un as wi’d dor so over harren, mussen wi tomal an uns leeve Vader sien Kökenschkapp denken. Wat meenst du? Gott hett keen Kökenschkapp? Dor verseh di man neet mit! Wat meenst, wat de vörn Biller dor hangen hett. All sien Kinner, de to hum hören, will he so geern um sück hemm. All, de faak bi hum un mit hum over Deel sünt, dor hangt he sück n’ Bild van an’t Kökenschkapp. All, de bloot hen u her mal weer bi hum komen, will he dor so geern mit Nöös up stöten: du, hör eem: dien Bild, dat hangt hier bi mi! Hier in mien Köken, wor ik immer sitt. Un noch völ leever as dien Bild, harr ik di süllmst bi mi. All word anners ook in dien Tohuus, ook in dien Dörp, ook in dien Stadt. Man dien Bild an mien Kökenschkapp, de blifft. Ik mag di geern lieden, eenfach so. Dorum wull ik di so geern bi mi hebben (Jeremia 31,3). Dat is nett, as wenn du weer na Hus hen kummst.

Van Jürgen Hoogstraat, Pestor in Vittebur

13. Oktober 2018: Er ist ein wahrer „Kümmerer“

Lächelnd sieht die junge Frau ihren Bräutigam in spe an, als ich im Traugespräch frage, was „sie“ besonders an „ihm“ schätzt. „Kümmerer“ – in der Vorbereitung des morgigen „Männer“-Sonntags, muss ich an dieses Wort denken. Ich habe die Mitarbeitenden in unserem Haus der Diakonie in der Kirchdorfer Straße 15 in Aurich im Ohr, wenn sie erzählen, dass es immer öfter die Männer sind, die sich aufmachen, dort Rat und Hilfe anzufragen, wenn schmales Einkommen Kindern die Teilhabe am Klassenausflug schwer

Christiane Schuster-Scholz, Pastorin in Holtrop

macht oder der Schulranzen kaum mit dem Nötigsten gefüllt werden kann oder wenn eine Auszeit, eine Kur für Kinder und Eltern, helfen würde, verlorenen Zusammenhalt neu zu stärken. „Kümmerer“, das sind Menschen – nicht nur Männer –, die Not sehen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, auch wenn die Antworten nicht so schnell zu finden sind. Wir leben in einer immer schneller fortschreitenden Zeit. Nach der industriellen Revolution 1.0 bis 3.0, nach Dampfmaschine, Akkordarbeit und Fließband, computergestützter Automatisierung sind wir unversehens bei „4-Punkt-Null“ angelangt: Digitalisierung und Informatisierung. Weltweit vernetzt, fiebern wir hautnah mit, wenn Rettungskräfte Tsunami-Opfer aus Trümmern retten und den Überlebenden beistehen, sehen die Ohnmacht und müssen sie mit aushalten. Müssen wir ebenso aushalten, wenn einer der Mächtigsten dieser Welt Länder und Menschen bestimmter Herkunft mit „Dreckslöchern“ vergleicht. Es ist seltsam, dass in einer Zeit, in der wir die Möglichkeiten des weltweiten Zusammenwirkens gegen alle Not nutzen könnten, ein Geist der gewaltsamen Abgrenzungen in manchen Köpfen um sich greift und das Engagement für eine gute Zukunft in enge Grenzen weist. Ganz anders macht es die gemeinsame Initiative zur Sicherung der Welternährung vor. Hier werden Erfahrungen und Ideen zusammengetragen, damit sich künftig jeder Mensch ausreichend und angemessen ernähren kann. Sicher, auf komplexe Probleme gibt es oft keine schnellen Antworten. Wir brauchen „Kümmerer“, um starke Netzwerke für eine gute Zukunft für alle aufzubauen. Paulus ermutigt seine Freunde in Thessalonich und auch uns im Abschiedsgruß seines Briefes dazu: „Prüfet alles, das Gute behaltet, meidet das Böse in jeder Gestalt“.

Von Christiane Schuster-Scholz, Pastorin in Holtrop

6. Oktober 2018: Wir sind Beschenkte – Erntedankfest feiern

Dr. Detlef Klahr – Landessuperintendent im Sprengel Ostfriesland-Ems

„Herr, es ist Zeit, der Sommer war sehr groß“, so dichtete es Rainer Maria Rilke in seinem Herbstgedicht.
Ja, wahrlich es war ein großer Sommer! Sonne und Temperaturen, wie wir sie in dieser Weise lange nicht hatten. Doch zum Erntedankfest wirft dieser Sommer auch seine Schatten. Was für den Wein gut war, ist für andere Erntebereiche von Nachteil gewesen. Zu stark haben die Pflanzen unter der Hitze gelitten und konnten sich nicht entwickeln oder sind ganz verdorrt.
Dennoch feiern wir am Sonntag das Erntedankfest. Ein Fest des Dankes an Gott für alle Lebensmittel, die wir zum Leben empfangen. Zwar pflügt und streut der Mensch in die Gärten und Felder, aber das Wachsen und Gedeihen liegt allein bei Gott.

Einmal im Jahresablauf richten wir in den Gottesdiensten den Blick auf das Wachsen und Reifen, dass wir Menschen so gar nicht in der Hand haben. Alle Ernte ist Arbeit, aber eben auch Geschenk.
Die geschmückten Altäre in den Kirchen zeigen uns vor allem, dass wir Beschenkte sind. Und eine Ahnung stellt sich vielleicht beim Nachdenken ein, dass nichts selbstverständlich ist, nicht das tägliche Brot und auch nicht die anderen Güter, die wir zum Leben brauchen.

Wer sich selbst beschenkt weiß, wird bereit, mit anderen zu teilen, was er hat. So wie es in dieser kleinen Geschichte zum Ausdruck kommt: Ein Mönch an der Klosterpforte bekommt von einem Winzer eine herrliche Weintraube geschenkt. Die ist so schön, dass er sie gleich weiter verschenkt an einen kranken Mönch. Der freut sich so sehr über diese schöne Traube, dass er sie einem anderen Mitbruder gibt, der ihn besucht hat. Am Abend aber, schenkt dieser Mitbruder dem Mönch an der Pforte, eben diese Weintraube, der sie sich nun am Abend fröhlich schmecken lässt.

Als von Gott Beschenkte haben wir eigentlich täglich Gründe, ein kleines Erntedankfest zu feiern. Für das tägliche Essen allemal, oder auch für die Früchte des Glaubens, die Namen tragen wie Glück, Liebe oder Gnade.

Von Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent im Sprengel Ostfriesland-Ems

29. September 2018: Das Licht der Welt

Cathrin Meenken, Pastorin in Aurich – Lamberti

Ich mag meine Heimatstadt Aurich sehr und kümmere mich gerne um sie. Es liegt mir sehr am Herzen, wie sie sich in den nächsten Jahren entwickeln wird. „Suche der Stadt Bestes“, steht in der Bibel. Viele Auricher bemühen sich sehr, das Beste aus der Stadt rauszuholen. Sie möchten, dass etwas aus Aurich wird und unsere Stadt gute Lebensmöglichkeiten für die Bürger bietet. Klar, das geht manchmal schief. Sehr schief sogar. Aber wer meckert, der soll es erstmal besser machen! Manchmal weiß ich vor lauter Aufgaben in unserer Stadt gar nicht, wo uns Aurichern der Kopf steht. Aurich – das Herz Ostfrieslands! Ach, in meinem Denken sogar manchmal: Aurich – das Herz der ganzen Welt!
Und dann das! Ich traf am anderen Ende der Bundesrepublik Pastoren aus dem ganzen Land. Als sie hörten, dass ich aus Ostfriesland komme, aus Aurich sogar, war einer begeistert: „Ach toll! Ich habe mal Urlaub in Husum gemacht!“ Und ein anderer schwärmte: „Mein Sohn wohnt in Wolfenbüttel! Da haben sie es nach Hamburg ja auch nicht weit!“
Das brachte mich wieder auf den Boden der Tatsachen. Wir sind da scheinbar nur ein kleines Lichtlein im Ganzen. Und das ist gut so! „Ihr seid das Licht der Welt“, sagt Jesus. „Es kann die Stadt, die auf dem Berg liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter. So leuchtet es allen, die im Hause sind!“ Also erzählte ich mit leuchtenden Augen von all den guten Dingen in Ostfriesland, und ich glaube, jetzt wissen die Herren, wo Aurich liegt. Also, liebe Auricher, nicht meckern! Mithelfen ist angesagt! Sucht der Stadt Bestes und lasst es leuchten, wo immer ihr seid!

Von Cathrin Meenken, Pastorin in der Auricher Lambertigemeinde

22. September 2018: Wusel-Tag

Imke Scheibling, Pastorin in Ostgroßefehn

Gestern war es mal wieder so weit: Ich hatte meinen Wusel-Tag. An meinem Wusel-Tag weiß ich oft nicht, womit ich zuerst anfangen soll. Da muss so viel gemacht werden, viele Termine müssen eingehalten und Aufgaben erledigt werden. Das sind diese vollen Tage, an denen man morgens gespannt ist, was am Abend herauskommt, ob man an alles gedacht und alles geschafft hat. Meistens mag ich meine Wusel-Tage, denn an ihnen ist immer etwas los. Nur ab und an kann es schon mal viel werden. Dann reihen sich die Termine und Aufgaben etwas zu eng an einander und ich hoffe, alles auch wirklich gut zu schaffen.
Eines kommt bei den vielen Gedanken und Erledigungen leider oft zu kurz: Gott. Eigentlich brauche ich ihn an solchen Tagen ganz besonders: als Kraftquelle, als Ruhepol, als Unterstützung. Doch ich ertappe mich dabei, dass ich mir nicht genügend Zeit für ihn nehme: Es gibt einfach zu viel anderes zu tun. Doch ich habe bemerkt, dass Gott sich dann um mich kümmert! Ganz plötzlich schickt er mir einen wunderbaren Moment, der mich einmal aufatmen lässt. Auf einmal sagt mir jemand etwas, das mir guttut und womit ich in dem Augenblick gar nicht gerechnet habe. Oder ich gehe irgendwo lang und höre plötzlich Musik, die mich innerlich zur Ruhe kommen lässt. Und oft ist es einfach nur dieses Gefühl: Gott ist da! Und dann geht es wieder weiter. Wohlwissend, dass Gott bei mir ist.

Von Imke Scheibling, Pastorin in Ostgroßefehn

15. September 2018: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen

Emma und Ben waren die beliebtesten Vornamen des letzten Jahres für neugeborene Mädchen und Jungen. So hat es die Auswertung der Standesämter ergeben.
Daran habe ich im Gottesdienst am letzten Sonntag erinnert und tatsächlich saß eine Frau in der Gemeinde, die vor 101 Jahren auf diesen Namen getauft wurde. Sie gehörte zu einer der vier Tauffamilien. Die schönen ostfriesischen Namen Thees, Tammo, Adrian und Mats haben wir über dem Taufstein gehört. Ganz zu Beginn haben die 24 neuen Konfirmandinnen und Konfirmanden sich vorgestellt, ihren Namen genannt. In den Abkündigungen wurde Fürbitte gehalten für die neugeborene Fenja, auch für Linda und Reemt, die sich heute vor dem Altar das Jawort geben. Eine Stunde im Angesicht Gottes voller Namen, dabei so unterschiedlich wie die Menschen selbst.

Kurt Booms, Pastor in Weene

Jesus hat dazu gesagt: „Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind!“ In der Taufe werden unsere Namen – wir selbst ganz persönlich – unter dem Zeichen des Wassers mit Gott verbunden. Unser Name hat dadurch nicht nur hier auf der Erde einen guten Klang und eine Bedeutung für die Menschen um uns herum, sondern auch für und bei Gott. So wird mein Name für alle Zeiten und unauflöslich mit Gott verknüpft. Auch wenn ein Name bei uns Menschen nicht mehr so in Mode ist, kaum noch vergeben wird, sogar wenn ein Name vielleicht schon lange hier auf der Erde verklungen ist und von Menschen vergessen wurde, auf dem Grabstein verwittert ist, so bleibt er doch bei ihm aufgehoben in alle Ewigkeit. Das ist doch wahrlich ein Grund zur Freude.
Es fällt auf, dass viele Namen ihren Ursprung schon in der Bibel haben und sich in die deutsche Sprache übersetzen lassen. Welche Bedeutung hat denn wohl mein Name, lässt er sich übertragen? Vielleicht ist ja an diesem Wochenende ein Moment Zeit, ein wenig Namensforschung zu betreiben, bei anderen nachzufragen und sich darüber auszutauschen. Dabei kann es zu manch überraschender Einsicht kommen. Schon der Prophet Jesaja versichert uns im Alten Testament im Auftrag Gottes: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“

Von Kurt Booms, Pastor in Weene

8. September 2018: Klimawandel

Heidrun Ott, Pastorin in Moordorf

Es gibt Leugner des Klimawandels, aber wer es genau beobachtet, kann ihn wahrnehmen. Ich meine nicht die Erderwärmung, die nur noch von wenigen in Frage gestellt wird. Auch das Klima unter den Menschen scheint sich zu verändern.
Aufmerksame Beobachter nehmen eine zunehmende Gereiztheit im Umgang miteinander wahr. Ich sehe noch den älteren Herrn vor mir, der der Kassiererin das Tiefkühlhähnchen auf das Fließband an der Kasse knallt, weil es ihm alles nicht schnell genug geht. Auch in der Politik wird gepöbelt und attackiert. Ich fürchte, die Menschen gewöhnen sich daran, dass alles ungefiltert rausgehauen wird. Ob das allmählich „normal“ wird? Eigentlich ist das eine sehr kindliche Art des Umgangs. Es ist die Art von Rumpelstilzchen: Ich will etwas haben und wenn ich es nicht bekomme, dann zerreißt es mich vor Wut. Das ist kein erwachsener Umgang miteinander.
Worauf soll das hinauslaufen? Irgendwann kippt das um. Aus bösen Worten kann leicht physische Gewalt entstehen. Wer will das stoppen oder wieder einfangen? Wir brauchen einen erwachsenen und respektvollen Umgang miteinander. Jede und jeder hat das Recht, Wünsche und Ziele zu formulieren. Aber der Ton macht die Musik.
Auch früher hat man schon gewusst, wie wichtig respektvoller Umgang miteinander ist. Auch wenn das sicher nicht immer Entgleisungen verhindert hat. Umso wichtiger, sich das immer wieder ins Gedächtnis zu rufen. Der Apostel Paulus drückt das so aus: „In Demut achte einer den andern, und ein jeder achte nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.“ (Philipperbrief 2,3)
Wenn das jeder im Blick hat, wird die Gemeinde zu einer tragfähigen Gemeinschaft. So eine Gemeinschaft hat Zukunft. Es geht darum, etwas wiederzugewinnen, was vielen abhandengekommen ist.
Es regieren nicht Neid, Hass und übersteigerte Erwartungen. Vielmehr regieren Verstehen, Verzeihen und Liebe.

Von Heidrum Ott, Pastorin in der Kirchengemeinde Moordorf

1. September 2018: Antikriegstag

Morgen ist Antikriegstag und Weltfriedenstag. „Nie wieder Krieg!“ Daran erinnern wir uns heute, am 1. September, dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges vor 69 Jahren. Seit 1966 finden am heutigen Tag Veranstaltungen und Kundgebungen statt, die zum Frieden mahnen.
Seit zwei Generationen
leben wir in Deutschland ohne Krieg, sicherlich ein Grund zur Dankbarkeit für alle, die diesen Vernichtungswahnsinn miterleben mussten. Und auch ich bin dankbar, dass ich in Friedenszeiten geboren wurde. Im Krieg leben zu müssen, wäre für mich unvorstellbar.
Und doch denke ich am Weltfriedenstag daran, dass der Frieden immer in Gefahr ist und immer weiter gesucht und mit friedlichen Mitteln erkämpft werden muss. Friedensforscher unterscheiden eine negative Definition von Frieden – damit ist die Abwesenheit von Krieg gemeint – von einem positiven Friedensbegriff, der „Soziale Gerechtigkeit“ beinhaltet.
Der Friede Gottes, „Shalom“, ist das Heilsein einer Gemeinschaft und das Leben in Menschlichkeit und Würde für alle. Davon sind wir leider – trotz der Abwesenheit von Krieg – weit entfernt. Weltweit und auch in Aurich stehen mir Menschen vor Augen, die in Angst leben oder ihre Situation als ungerecht empfinden. Not gibt es auch vor meiner Haustür und manchmal auch in mir drin. Der äußere und der innere Frieden sind eng miteinander verknüpft. Wer innerlich nicht zum Frieden bereit ist, sondern von Frust und Wut getrieben, der zündelt vielleicht mit Hassreden und Pauschalurteilen.

Diakonin Elke Bentlage-Heeren

Für Jesus ist der Friede eine Hauptsache. „Glückselig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen“, heißt es in der Bergpredigt. Ich weiß, dass der Friede, den ich mit Gerechtigkeit und Würde und Freiheit gleich setze, schwerer zu verwirklichen ist, als lautes Kriegsgetöse oder wütende Beschimpfungen vermeintlich Schuldiger. Aber ich suche Orientierung an Menschen, die Schritte zum Frieden wagen und den Friedensprozess nicht abreißen lassen. Das sind für mich große Friedensstifter wie Martin Luther King oder kleine Friedensstifter, die sich in Alltagssituationen Vorurteilen oder Diskriminierungen widersetzen. Seit vielen Jahren gibt es in Aurich das Fest der Kulturen, das auch an diesem Wochenende am Georgswall gefeiert wird. Es ist für mich ein Fest zur Verständigung und ein Schritt zum Frieden. Vielleicht sehen wir uns dort? Der Friede Gottes bewahre unsere Herzen und Sinne. Shalom!

Von Elke Bentlage-Heeren, Diakonin an den Berufsbildenden Schulen Aurich

25. August 2018: Moment mal

Wie kann man nur? Wie kann ein Mensch einem anderen das antun? Solche Fragen gehen mir schon mal durch den Kopf, wenn ich von einer schlimmen Geschichte höre. Was ist passiert, dass ein Mensch so aus dem Ruder läuft?
Eine alte Geschichte aus der Bibel, die am Sonntag Thema in vielen Kirchen sein wird, kann vielleicht etwas Licht auf diese Frage werfen: die Geschichte von Kain und Abel. Ein Brudermord. Sie gehört zu den Erzählungen, die erklären wollen, was es mit der Welt und den Menschen auf sich hat. Denn schon immer war der Mensch nicht nur edel, hilfreich und gut, sondern genauso auch selbstsüchtig, missgünstig und böse. Welche Anteile in einem Leben stärker zum Tragen kommen, scheint nicht selten eher zufällig, durch günstige oder ungünstige Umstände hervorgebracht. Das kann natürlich keine Entschuldigung sein, aber das darf man doch zumindest feststellen.

Uwe Noormann, Pastor in Tannenhausen und Georgsfeld

Kain erschlägt seinen Bruder. Warum? Weil Gott Abels Opfer annimmt und seines nicht. Kain nimmt diese Zurückweisung, ohne ersichtlichen Grund, persönlich. Dass er deswegen wütend wird, kann ich leider nur zu gut nachvollziehen. Er fühlt sich übergangen, missachtet, verletzt. Solche Erfahrungen kennt wohl jeder.
Da hat ein Kind ein tolles Geschenk für die Mutter zum Muttertag gebastelt, und die Mutter fragt nur: „Was soll das denn sein?“ Ein Kind versteht eine solche Zurückweisung oft nicht und denkt: „Ich werde nicht geliebt.“
Später aber, im Erwachsenenleben, muss ein Mensch lernen, damit umzugehen, dass er Körbe bekommt, dass mancher Einsatz nicht gewürdigt wird, dass man oft nicht die Anerkennung findet, die man sich erhofft. Aber das ist natürlich leichter gesagt als getan, besonders wenn man viel eigenes Herzblut in eine Sache hineingelegt hat.
Kain schafft das nicht. Und anstatt mit Gott als den Urheber darüber zu reden, lässt er seinen Frust an seinem Bruder aus. Typisch menschlich. Im Betrieb Ärger mit dem Meister, aber zu Hause den Frust ablassen. Im Verein auf der Ersatzbank, aber einen Mitspieler dafür schlecht machen. Nach oben buckeln, nach unten treten. Die Sehnsucht nach Anerkennung, die Kränkung über Zurückweisungen lösen auch heute oft unglückliche Kettenreaktionen aus. Gewonnen ist damit aber gar nichts. Das muss am Ende auch Kain feststellen. Er stellt sich – zunächst noch widerwillig – Gott und erfährt, dass der ihn trotzdem nicht fallenlässt. Er darf weiter leben, auch wenn sein Leben gezeichnet bleibt von seiner Tat.
Dass es auch anders gehen kann, zeigen viele Psalmen: Gott bei seinem Wort nehmen, oder bei dem, was man davon verstanden hat, Gott anklagen, ihm sein Leid klagen, bei Gott sein Recht, oder was man dafür hält, einklagen. Es geht nicht immer so aus, wie der Beter es sich erhofft, aber er erfährt, dass Gott ihm wohlgesonnen ist und beistehen will.
Wohl wenig braucht der Mensch so sehr wie Anerkennung und Liebe. Wer glauben kann, dass er wirklich von Gott geliebt ist, muss nicht mehr um jeden Preis die Anerkennung von Menschen erkämpfen. Wer das nicht kennt, wird diesen Mangel auf andere Weise zu beheben versuchen.

Von Uwe Noormann, Pastor in Tannenhausen – Georgsfeld

18. August 2018: Neue Hoffnung

Vor ein paar Tagen bekam ich einen wunderschönen Blumenstrauß geschenkt, über den ich mich sehr gefreut habe. Leider ließen von Anfang an drei Blumen die Köpfe hängen. Sie waren im Stiel abgeknickt, bekamen kein Wasser mehr, wurden welk und schneller als erwartet landete der Blumenstrauß in der Biotonne.

Sandra Stelzenberger, Diakonin in Victorbur und Weene

Nicht nur Blumen können abknicken, auch Menschen. Ein Mensch ist geknickt, weil er enttäuscht und verletzt wurde, weil Aufgaben ihm über den Kopf wachsen oder Sorgen und schwere Zeiten ihn kraftlos machen. Manchem Menschen sieht man ein solches Geknicktsein regelrecht an. Er bewegt sich nicht mehr aufrecht, sondern lässt Kopf und Schultern hängen. Wie gut, wenn dann jemand kommt, der beisteht und tröstet. Der nicht einfach nur sagt: „Kopf hoch, das wird schon wieder!“, sondern mich in meinem Geknicktsein ernst nimmt. Jemand, der irgendetwas sagen oder machen kann, damit die Enttäuschung Stück für Stück kleiner wird, bis sie schließlich einer neuen Hoffnung weicht. „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen“ (Jesaja 42,3), schreibt der Prophet Jesaja in einem seiner Lieder. Christen deuten diese Lieder so, dass in ihnen Jesus beschrieben wird: Er, Jesus, wird das geknickte Rohr nicht zerbrechen. Und alles, was wir über Jesus wissen, zeigt, dass es wahr ist: Er ist eben nicht nur für die da, denen das Leben scheinbar problemlos gelingt. Jesus Christus hat ein Faible für Menschen, in deren Leben es Knicke und Brüche gibt. Für Menschen, denen sonst niemand mehr eine Chance gibt, noch nicht einmal sie sich selbst. Er geht nicht an den Kranken und Leidenden vorbei, er macht keinen Bogen um Menschen, die unter Schuld und Versagen leiden. Zu den geknickten Menschen sagt er: Heb deinen Kopf. Sieh mich an. Ich bin für dich da. Ich habe dich im Blick.
Das macht mir Mut, Jesus auch die Knickstellen meines Lebens anzuvertrauen, ihm meine Enttäuschungen und Verletzungen zu überlassen. Ich vertraue darauf, dass Jesus sich darum kümmert und mich aufrichtet, wenn ich den Kopf hängenlasse. Er will nicht zerbrechen, sondern heilen. Für die Knicke, die wir jetzt erleben und für die, die noch kommen werden, dürfen wir wissen: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ Mit dieser Zusage können wir mit neuer Hoffnung aufrecht durch dieses Leben gehen. Diese Erfahrung wünsche ich Ihnen in der neuen Woche.

Von Sandra Stelzenberger, Diakonin in Victorbur und Weene

11. August 2018: Not lehrt Beten

Alla Gadijewa, eine russische Mutter, die mit ihrem siebenjährigen Sohn als Geisel gefangen genommen worden war, hat nach ihrem traumatischen Erlebnis erzählt: „Rund um uns haben die Leute gebetet, und wer nicht beten konnte, dem haben wir es beigebracht.“ Daran habe ich denken müssen, als ich im Urlaub von den zwölf Jungen und ihrem Trainer in der thailändischen Höhle gehört und gelesen hatte.
Das Gebet ist letzte Kraft, letzte Möglichkeit, um der Ohnmacht und schieren Verzweiflung noch Stimme zu geben. Oder der leisen Hoffnung noch Worte. Das Gebet, das stumme Gebet: Vielleicht das einzige, das bleibt. „Wer nicht beten konnte, dem haben wir es beigebracht.“
Die Not und die im Gebet dargebrachte Hoffnung verbinden die Menschen, das hatte Alla Gadijewa sehr deutlich erfahren: Not lehrt Beten. Nicht nur notfalls zu beten, sondern ohne Not – wann geschieht das noch? Am Sonntag in der Kirche, bei frommen Menschen, im Konfirmandenunterricht, bei Beerdigungen, gelegentlich bei Tisch und bei kleinen Kindern am Abend vor dem Zubettgehen (Müde bin ich…) mögen die Antworten sein.

Silke Kampen, Pastorin In Wallinghausen

Das Gebet scheint vom Aussterben bedroht zu sein, jedenfalls ist mit seinem Gottesbezug nicht viel Staat zu machen. Also, weg damit! Wenn wir nicht mehr mit Gott rechnen, weil wir uns selbst genügen, dann wirkt Beten abständig und wie ein Fremdkörper. Oder „peinlich“, wie es eine Konfirmandin einmal formulierte. Allerdings nimmt doch die Not nicht ab. Sie zeigt so vielfältige Gesichter, trifft uns unvermutet oder absehbar – aber sie trifft uns und wir müssen sie schultern. Mit welcher Kraft können wir sie tragen?
Das Gebet öffnet für diese Kraft, die wir so dringend brauchen, eine Tür – erstaunlicherweise zu uns selbst, zu anderen, zu Gott. Vielleicht macht das Beten verletzlich, denn wir müssen ja zugegeben, dass wir nicht für alles eine Lösung parat haben.
Beten verändert meine Perspektive und stellt Dinge auf den Kopf. Martin Luther konnte es dann so sehen: Ich habe heute viel zu tun, deshalb muss ich heute viel beten. Fantastisch – und das ohne Not; probieren Sie es einmal!

Von Silke Kampen, Pastorin in Wallinghausen

4. August 2018: Wolfskinder

„Wolfskinder“ – Ich hatte davon nur am Rande etwas gehört. Doch was Siegfried Gronau im Bericht in den ON am Montag aus seinem Leben erzählte – das machte mich sprachlos ob der traumatischen Grausamkeit. Wie leicht wäre es ihm hier gewesen, in einfache Schuldzuweisungen zu verfallen. Aber Siegfried Gronau gestattet sich und uns diese nicht. Er konstatiert schonungslos: „Die Nazis haben meine Familie umgebracht.“ Die eigenen Leute sind für das, was er erleben musste, verantwortlich. Klar und deutlich benennt er, was wahr ist. Gerade in einer Zeit, in der wir anfangen, uns an „Fake News“ und alternative Fakten zu gewöhnen. Zeiten, in denen wir viel zu oft unwidersprochen erleben, dass Leserbriefe und Online-Kommentare Gedankengut verbreiten, das kaum die Sympathie für Hitlers Zeiten verhehlen kann. Die Lebensgeschichte dieses Mannes aus dem ehemaligen Königsberg hat mich eines deutlich sehen lassen: Wir sind viel zu leise.

Harald Lemke, Pastor in Westerende, Bangstede und Barstede

Oft sind es nur wenige Stimmen, die ihre Argumente, nicht selten in wohlfeile Worte gekleidet, vorbringen, damit nur ja keiner verprellt wird. Die Klarheit eines Siegfried Gronau fehlt mir viel zu oft. Wir sind leise und ängstlich: „Der Klügere gibt nach!“ Damit die Dummen gewinnen, mit ihren schlichten Parolen? In unserer vernetzten Welt gib es keine einfachen Antworten. Schwarz-weiße Schuldzuweisungen funktionieren nicht. Wir brauchen den Mut zum Streit. Die Sache ist es wert, denn es geht um uns und die, die nach uns kommen.
Wir wundern uns in den Kirchen über abnehmende Relevanz im Leben der Menschen. Ich fürchte, auch wir sind viel zu leise, zu ängstlich. Doch gerade als Christen haben wir einen klaren Auftrag – und eine wunderbare Zusage. Paulus hört sie von Gott in der Apostelgeschichte. „Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht. Denn ich bin mit dir und niemand soll sich unterstehen dir zu schaden.“ (Apg. 18, 9b-10a) Wenn an unserem Glauben etwas dran ist, haben wir allen Grund, unseren Mund aufzutun – immer und überall. Wir haben zu sagen, was dran ist – ohne Angst. Wir haben zu streiten – nicht nur einige wenige, die sich angeblich besser auskennen – sondern wir alle sind von Gott gemeint. Paulus macht Gottes Wort Mut zum Reden, auch im größten Widerstand. Und in seiner Nachfolge finden sich dann Menschen wie Dietrich Bonhoeffer, Maximilian Kolbe oder eben Siegfried Gronau, der redet, auch wenn ihm dies unendlich schwergefallen ist. Ich bin ihm dafür dankbar.

Von Harald Lemke, Pastor in Westerende, Bangstede und Barstede

28. Juli 2018: Die Geschichte vom Fünf-Euro-Schein

Vor Jahren saß ich einmal in einem Gottesdienst, da zückte der Pastor einen Fünf-Euro-Schein. „Wer von euch möchte den gerne haben?“ Einige lachten, ein paar Jugendliche meldeten sich zögernd. Aber ein Junge in der vordersten Reihe zögerte nicht. „Ich!“, rief er sofort und sprang auf. Lautes Lachen ertönte und der Junge bekam feuerrote Ohren. Aber er blieb stehen. Der Pastor blickte ihn freundlich an. „Warum möchtest du den gerne haben?“ Dem Jungen wurde immer unwohler. „Weil …, weil das fünf Euro sind.“ Der Pastor nickte, knüllte den Schein in seiner Hand zusammen und zog ihn wieder auseinander. „Möchtest du ihn immer noch haben?“ Der Junge nickte noch einmal. Wieder knüllte der Pastor den Schein zusammen, warf ihn auf den Boden, trat fest mit dem Absatz darauf und drehte ihn ein paar Mal erbarmungslos hin und her. Mit spitzen Fingern zog er ihn wieder auseinander. „Möchtest du ihn immer noch haben?“ Jetzt begann es dem Jungen offenbar langsam Spaß zu machen. „Ja!“
Mit einer kleinen, schnellen Bewegung riss der Pastor den Geldschein in der Mitte durch. Ein kleiner Aufschrei der Empörung ging durch die Kirche. Dem Jungen blieb der Mund offen stehen. „Möchtest du ihn immer noch haben?“ Der arme Junge biss sich auf die Unterlippe. „Keine Sorge“, sagte der Pastor. „Der Geldschein ist immer noch fünf Euro wert. Auch wenn ihn kein Geschäft mehr annehmen möchte, kannst du damit zur Bank gehen und bekommst einen neuen. Der Wert bleibt derselbe.“
Er streckte den Arm mit den zwei halben Geldscheinen hoch in die Luft. „Man kann einen Geldschein knicken und zerknüllen, mit dem Feuerzeug ansengen und in der Waschmaschine mitwaschen, Löcher hineinschneiden oder ihn durch-reißen, er ist und bleibt genau das wert, was draufsteht. Sein Wert hängt nämlich nicht von seinem äußeren Zustand ab, in keiner Weise. Sein Wert wird ihm von der Bundesbank zugeschrieben und ist unveränderlich.“
Dann streckte er dem Jungen endlich seine fünf Euro hin. Der griff nach den beiden Fetzen, ohne zu zögern, und setzte sich mit einem siegesgewissen Wusste-ich-es-doch-Gesichtsausdruck wieder auf seinen Platz. Der Pastor fuhr fort. „Jeder Mensch trägt einen Wert in sich, der nicht von seinem äußeren Zustand abhängt. Jeder von euch ist unendlich wertvoll und das kann nicht dadurch zerstört werden, was ihr in eurem Leben durchmacht, wie andere Menschen mit euch umgehen oder was ihr selbst euch möglicherweise einmal antut. Euer Wert ändert sich nicht, wenn ihr einen Finger verliert oder ein Bein, die Sprache, die Sehkraft oder das Bewusstsein, den Lebensmut oder die Selbstachtung. Ihr seid und bleibt unendlich wertvoll, denn das hat derjenige festgelegt, der euch geschaffen hat. Ihr seid wie kostbare Perlen in seiner Hand und er hat Großes mit euch vor.“
Den Geldschein und die Worte des Pastors, die schon lange Jahre zurückliegen, trage ich seitdem als eine glückliche Erinnerung mit mir herum. Ich habe ihm nichts hinzuzufügen.

21. Juli 2018: Kirche, Haus des Lebens

Überall hört man es Summen und Brummen in den Büschen und Bäumen, die Hummeln und Bienen. Ein Bienenvolk besteht aus Tausenden von Bienen. Jede hat ihre Aufgabe im Volk zu erfüllen. Die Arbeitsbienen bauen Waben, pflegen die Brut, nähren das Volk, verteidigen es gegen Feinde, die Königin legt die Eier – bis zu 2000 am Tag. Ein Hofstaat

Rainer Hecker, Pastor in Aurich-Oldendorf

von jungen Bienen umgibt sie, wohin sie geht, reicht ihr das Futter, streicht zu und das alles tun die Bienen von selbst, ohne lange zu fragen. Der Bienenvater (Imker) hat ihnen das Haus gebaut. Die Bienen wissen, es ist da; spüren seine Gegenwart an den Zeichen, die er hinterlässt, an der Fürsorge, die er für sie hat. Natürlich kann keine Biene den Bienenvater beschreiben. Aber jede weiß, dass es ihn gibt. Und würde eine junge Biene einer alten Biene sagen: „Ich glaube nicht an den Bienenvater und er hat uns kein Haus gebaut“ – Glaubst du nicht, die alte Biene würde sich ärgern? Auf den Einwand des Sohnes, dass die Menschen aber keine Bienen seien, antwortet der Vater: Ich weiß, dass wir uns nicht selbst erschaffen haben. So wenig wie die Bienen, und dass wir an dieses Geheimnis unserer Herkunft denken sollen. Und dass es einen Ort gibt, der sich dazu eignet: die Kirche; Gemeinschaft der Gläubigen. Und deshalb gehen wir ab und zu, deine Mutter und ich, in die Gottesdienste, nicht nur zu Weihnachtszeit, und treffen uns mit anderen aus der Gemeinde, um Kraft zu erfahren für den Alltag des Lebens und zu hören, wie Gott unser Herr und Hirte sein will und uns leitet auch durch dunkle Täler und Stunden, aber wieder bringt auf eine frische Wiese und einer sprudelnden Quelle des Lebens. Kirche, ein Haus des Lebens, erbaut aus lebendigen Steinen, nicht von Menschenhand: „Singet dem Herrn und lebet seinen Namen, verkündet Tag für Tag sein Heil“ (Psalm 96, 2). Frühlied der Amsel Schöferlob klingt beim anstrebenden Tag und auch am Beginn des Abends singt sie uns ins Herz, denkt an Gott, den Schöpfer allen Lebens.

Von Rainer Hecker, Pastor in Aurich-Oldendorf

14. Juli 2018: Stille

Stille – eigentlich müssten nach diesem Wort erst einmal drei Leerzeilen kommen. Oder zehn? Oder eine ganze leere Seite? Aber das geht ja nicht. Dies ist eine Zeitung, und eine Zeitung darf schließlich keine leeren Seiten haben. Aber mit echter Stille ist es ähnlich. Wie lange halten Sie Stille aus? Drei Minuten, zehn Stunden, einen Tag? Manche Menschen haben niemals Stille: Sie lassen sich von Musik wecken, hören bei der Arbeit Radio und joggen nach Feierabend mit Kopfhörern im Ohr. Stille ist schwer auszuhalten und wird doch gleichzeitig von vielen ersehnt. Was passiert, wenn es still ist? Zuerst einmal vielleicht nichts – Langeweile. Schwer genug. Und dann kommen vielleicht Gedanken auf: Gedanken an Dinge, an die ich gar nicht gerne denken möchte, Unbequemes, Bedrängendes. Kann ich das aushalten? Und wozu soll das gut sein?

Ulrich Menzel, Schulpastor an der IGS Aurich-West

Der Weg zu Gott führt durch die Stille – zuerst vielleicht durch solche bedrängende Stille. Aber dann kann sich das Erleben verändern. „Ich ließ meine Seele still und ruhig werden; wie ein kleines Kind bei seiner Mutter“, so heißt es in Psalm 131. Das klingt nach einer Stille, die wohltuend ist. In der Stille überlasse ich Gott das, was außerhalb meiner eigenen Reichweite liegt. Das fällt schwer: ich muss loslassen und die Begrenztheit meiner Macht zugeben. Und zugleich ist dies die Stille, die mich zu neuen Kräften kommen lässt.

Von Ulrich Menzel, Schulpastor an der IGS Aurich

7. Juli 2018: Suchen und Finden

Ihm geht es gut. Er hat einen hervorragenden Arbeitsplatz. Mancher Manager würde blass werden angesichts seines Gehaltes. Er wird gerne eingeladen. Seine Chefin vertraut ihm. Dennoch ist er nicht zufrieden. Eine innere Unruhe erfasst ihn. Er ist auf der Suche. Er fragt sich: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was gibt mir Halt im Leben außerhalb der materiellen Sicherheit?

Walter Uphoff, Pastor in Middels

Er nimmt Urlaub. Sein Ziel ist Jerusalem. Dort im Tempel erhofft er sich Antworten. Die Enttäuschung ist groß. Er kann sich nur eine Schriftrolle kaufen. Er liest, aber versteht nichts. Da taucht Philippus auf, setzt sich zu ihm in die Kutsche. Sie unterhalten sich über den Inhalt der Schriftrolle. Der Inhalt wird deutlich: Der Gesandte und Gesalbte Gottes, der Messias, von dem die Schriftrolle spricht, er ist gekommen, er ist schon da! Er wurde gekreuzigt, aber Gott hat ihm das Leben neu geschenkt. Der Reisende begreift: Endlich hat er gefunden, was er gesucht hat. „Was hindert’s, dass ich mich taufen lasse?“ fragt er. Philippus tauft den Fremden. Und er zog seine Straße fröhlich. Fröhlich, weil er gefunden hat, wonach er suchte. Einen Halt im Leben. Die Zuversicht: Gott ist da. Sich auf den Weg machen, einen Menschen treffen, der einem die Tür zum Glauben aufschließt. Mag sein, Ihnen passiert es. Vielleicht schon morgen im Gottesdienst.

Von Walter Uphoff, Pastor in Middels

30. Juni 2018: Gottes Gedanken sind wie Sandkörner

So ein Tag an unseren ostfriesischen Stränden ist doch etwas Wunderbares. Die Sonne, die netten Menschen, die Nordsee – einfach herrlich. Wenn nur eines nicht wäre: der Sand! Der nervt mich
total! Okay, am Strand ist er praktisch, auf Steinen möchte ich auch nicht gerne liegen, aber der Sand kann schon richtig piesacken.
Gerade eingecremt klebt er am Körper. Er hängt in den nassen Badesachen, in den Schuhen, in den Haaren und in den Handtüchern.

Cathrin Meenken, Pastorin in Aurich – Lamberti

Zu Hause macht er sich dann richtig breit und ruft uns noch viele Tage später diesen Tag am Meer in Erinnerung. Unzählige kleine Sandkörner im ganzen Haus verstreut! Was hat sich Gott nur bei diesem Teil der Schöpfung gedacht?
In der Bibel klagt jemand: „Aber wie groß, Gott, sind deine Gedanken! Ich kann sie nicht begreifen. Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand!“ Ein anderer sagt: „Gottes Gedanken für uns sind wertvoll und ihre Anzahl unzählbar: Sie sind zahlreicher als der Sand!“

Gott verschwendet also nicht nur einen kleinen guten Gedanken an uns, nicht nur ein paar Minuten, sondern seine guten Gedanken sind unzählbar wie der Sand an allen Stränden der Welt. Obwohl ich mich sehr über diese Sandkörner ärgere, ist jedes von ihnen aber auch ein kleiner Gruß von Gott. Und wenn mir nach dem Strandtag immer noch Sandkörner begegnen, dann weiß ich: „Ach guck, Gott denkt gerade an mich!“ Und schwupp, ärgere ich mich gar nicht mehr so sehr über die unzähligen Sandkörner, über die ich kleiner Mensch sicher niemals Herr werde!

von Cathrin Meenken, Pastorin in Lamberti, Aurich

23. Juni 2018: B-Promis und Senfkörner

Den Namen des B-Promis habe ich längst wieder vergessen. Aber nicht diesen einen Satz, den er gesagt hat. Vor zwei Jahren war das. Er wurde gefragt: „Sie haben doch mit Kirche nicht viel am Hut. Warum lassen Sie Ihr Kind trotzdem taufen?“ Und er antwortete: „Ich hab’ ja noch so ´nen fünfprozentigen Restglauben…“

Zuerst war ich amüsiert, habe innerlich gespottet: So eine Unbedarftheit! Ärgerlich war ich auch irgendwie: Immer diese Leute, die sich um Kirche nicht viel scheren, wahrscheinlich längst ausgetreten sind. Aber zur Taufe (zur Hochzeit, zur Konfirmation ihrer Kinder…) sind sie plötzlich da.

Aber dann melden sich auch andere Stimmen in mir: Wer weiß denn, was der erlebt hat! Warum der am Glauben, an Gott zweifelt. Oder ob er jemals die Chance hatte, eine persönliche Glaubenserfahrung zu machen. Oder die Kirche von ihrer besten Seite zu erleben. Wer bin ich denn, das zu beurteilen. Das steht mir nicht zu.

Peter Schröder-Ellies, Pastor in Aurich-Lamberti

Und dann fällt mir dieses Gleichnis ein. Jesus hat es erzählt: „Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn: Ein Mann nahm es und pflanzte es auf seinem Acker ein. Das Senfkorn ist das kleinste von allen Samenkörnern. Aber wenn eine Pflanze daraus gewachsen ist, ist sie größer als die anderen Sträucher. Sie wird ein richtiger Baum. Die Vögel kommen und bauen ihr Nest in seinen Zweigen.“ (Matthäusevangelium 13,31-33)

So kommt Gott uns Menschen nah: Unscheinbar, fast unmerklich, klein wie ein Senfkorn. Aber das kann wachsen, immer weiter. Und dann gibt es Schatten, Schutz vor der gleißenden Sonne, und Geborgenheit. So ist Gott. Fängt klein an. Und bewirkt Großartiges.

Und noch etwas sagt Jesus: „Wenn euer Glaube nur so groß ist wie ein Senfkorn, dann wird für euch nichts unmöglich sein.“ (Matthäusevangelium 17,20-21). Glaube, winzig wie ein Senfkorn. Ein fünfprozentiger Restglaube. Das reicht. Weil nicht ich es bin, der den Glauben macht. Weil nicht ich es bin, der mit meinem Glauben etwas macht. Gott macht etwas mit mir. Gott macht etwas aus mir.

Das tut mir gut! Vielleicht ist mir deshalb der Satz des B-Promis so im Gedächtnis hängen geblieben. Wahrscheinlich hat Gott da gerade mal wieder ein Senfkorn für mich gesät.

Von Peter Schröder-Ellies, Pastor in Aurich-Lamberti

16. Juni 2018: Christus sucht, weil er liebt

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Lukas 19,10

Sunnive Förster, Seelsorgerin in der Ubbo-Emmius-Klinik Aurich

Wofür ist Christus eigentlich gekommen? Der Evangelist Lukas sagt dazu: Er, der Menschensohn, ist gekommen, um die zu suchen und selig zu machen, die verloren sind. Er ist nicht in erster Linie zu denen gekommen, die selbstsicher sind, die ihr Leben gut im Griff haben, die ihren Lebensplan erfolgreich umsetzen, die stark sind. In unserer Gesellschaft geht es oft darum, sich durchzusetzen, vieles zu besitzen, eine gute Position zu haben, anderen überlegen zu sein. Bei Gott ist es anders. Bei ihm gelten andere Maßstäbe. Christus ist für alle Menschen da, aber ganz besonders sucht er die Menschen, die in ihrem Leben auf Umwege oder sogar in Sackgassen geraten sind, die sich verloren fühlen, die verunsichert sind, die nicht wissen, welchen Weg sie einschlagen sollen. Diese Menschen sucht der Menschensohn, dort, wo sie sind, sagt Lukas. Er will sie selig machen, ihnen seine gute, heilende Nähe schenken und mit ihnen einen guten Weg für ihr Leben finden. Gott sucht uns, und wie finden wir unseren Weg zu ihm? Was ist dabei hilfreich? Was ermöglicht uns einen Zugang zu ihm? Das Wohltuende an dem Spruch von Lukas ist, dass wir selbst gar nicht so viel tun müssen. Sondern Christus macht sich selbst auf den Weg, um uns zu finden. So wichtig sind wir ihm. Es gibt niemanden, der so klein oder unbedeutend ist, dass Christus ihn oder sie übersieht. Im Gegenteil: Er geht gerade zu denen, die sich verirrt haben, wie das eine Schaf, das sich verirrt hat und das es vielleicht in der Meinung der anderen 99 Schafe nicht wert ist, dass man ihm hinterhergeht. Aber Christus sucht genau dieses Schaf, weil es ihm unendlich wertvoll ist. Er fragt nicht, welchen Rang und Namen ein Mensch in der Gesellschaft hat. Er sucht, weil er liebt. Er sucht mich, weil er mich liebt. Er sucht dich, weil er dich liebt. An uns liegt es, sich auch von ihm finden lassen zu wollen.

Von Sunnive Förster, Seelsorgerin in der Ubbo-Emmius-Klinik Aurich

9. Juni 2018: Auf der Suche nach Freude

„Geh aus, mein Herz, und suche Freud …“ – So dichtet Paul Gerhard in seinem tollen Lied aus dem Jahr 1653. Es gibt noch 14 weitere Strophen – wenn man sie alle singt, ist man eine Weile beschäftigt. Aber es macht Spaß. Es ist eines dieser zeitlosen Lieder, die Zeilen lesen sich fast märchenhaft. Ein Wort aus der ersten Strophe gefällt mir besonders gut. Es ist das Wort „suche“. Suche Freud, lieber Mensch! Warte nicht, bis sie sich irgendwann einstellt und du dann seufzend sagst, dass du ja so lange auf die Freude gewartet hast. Suche sie! Geh raus!

Martin Kaminski, Kirchengemeinde Marcardsmoor

In diesen Sommertagen kann man viel Freude finden, wenn man sie sucht. Ist das so? Stimmt das auch, wenn die Sorgen um unser Leben oder Menschen, die wir lieb haben, übermächtig scheinen? Ich glaube schon. Ich habe schon viele Menschen mit wirklich großen Sorgen getroffen. Und viele von ihnen haben gesagt, dass sie trotz allem die Freude suchen wollen und sie dann manchmal auch finden. Das ist sehr tröstlich und ich möchte das auch lernen.

Wir wollen die Freude hier bei uns suchen. Und wenn wir um jemanden wissen, der das selbst gerade nicht kann, dann können wir ihr oder ihm ein wenig Freude bringen. Nichts, aber auch gar nichts, wird leichter, wenn wir die Freude aussperren. Wenn die Schatten übermächtig werden, kann eine Blume Wunder bewirken. Auch, wenn wir wissen, dass es Menschen gibt, deren Kummer so groß ist, dass sie nicht mehr aufstehen können. Für manche ist der Sommer Urlaubszeit. Ich möchte aber auch einen Alltag haben, der das ganze Jahr lebenswert ist. „Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum … und lass mich Wurzel treiben.“ Das ist aus Strophe 14. Ich wünsche uns allen einen gesegneten Sommer. Denen, die reisen, ebenso wie denen, die bleiben. Möge Gott in allem Schweren und Schönen spürbar nahe sein.

Von Martin Kaminski, Kirchengemeinde Marcardsmoor

2. Juni 2018: Glaubensheiterkeit

Auf der Suche, was ich den neuen Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorstehern für ihre Amtszeit wünsche, bin ich fündig geworden: Glaubensheiterkeit. In dem Pfingstlied „Geist des Glaubens, Geist der Stärke“, Evangelisches Gesangbuch Nummer 137, Strophe 8 taucht das wunderbare Wort plötzlich auf: „In dem rasenden Getümmel schenk uns Glaubensheiterkeit.“
Philipp Spitta hat dieses Lied 1833 geschrieben. Um Glaubensheiterkeit dürfen wir Gott bitten, 1833 oder 2018, singend und betend. Gott möge sie uns schenken. Mitten im rasenden Getümmel.
Manche gehen mit offenen Fragen in ihr Amt: Was kommt da alles auf mich zu? Wie viel Zeit muss ich investieren? Bringe ich genügend Kompetenz mit? Bin ich zu alt? Bin ich zu jung? Wo soll ich mich besonders einsetzen? In der Diakonie, im Kindergottesdienst, in der Lektorenarbeit? Was ist mit den Jugendlichen, den älteren Menschen, den Neuzugezogenen, den jungen Familien? Wie steht es mit der Dienstaufsicht, den Finanzen, dem Friedhof? Und was gibt es eigentlich noch alles?
Ich wünsche allen, die in diesem Monat ihr wichtiges Ehrenamt beginnen, Freude im Glauben (Philipper 1,25), Gottes reichen Segen und Glaubensheiterkeit.
Mitten im Getümmel der Sitzungen, Aktionen und Projekte. Glaubensheiterkeit erbitten wir, erhoffen wir sehr, denn sie wird uns davor schützen, uns zu verzetteln oder zu überfordern.
Kein Mensch kann alles gut. Aber jeder hat Stärken. Also wird die Arbeit aufgeteilt.
Wer an einer bestimmten Aufgabe Spaß und Freude hat, übernimmt da Verantwortung. Das ist schon einmal ein guter Start. Mit getroster Gelassenheit beginnen wir, zum Wohle der Gemeinden. Das richtige Tempo wird sich finden. Schneller als die Schnecke wäre gut, Lichtgeschwindigkeit wird nicht erwartet.

Christoph Schoon, Pastor in Timmel und Mittegroßefehn

Die Kirchenvorstände leiten zusammen mit dem Pfarramt die Gemeinde. Das ist eine wichtige und schöne und anstrengende Aufgabe. Die Rechtfertigung allein durch den Glauben, allein aus Gnade ist dabei eine große Hilfe.
Die Rechtfertigungslehre ist die Schule der Glaubensheiterkeit, der Befreiung und der Freiheit. Dem Zeitgeist in wundervoller Weise diametral entgegengesetzt: Glaube Gott, erwarte alles von Ihm! Mach Deine Sachen gut, aber versuche nicht, Gott oder andere Menschen damit zu beeindrucken. Schau auf Jesus Christus. Vertraue Ihm. Bitte Gott um Hilfe: Komm Schöpfer. Heiliger Geist! Er schenkt Glauben, wo und wann er will. Glauben und Glaubensheiterkeit: Durch die Dinge hindurchsehen. Nichtiges erkennen und nicht mehr ernst nehmen, nicht mehr beachten, ablegen. „Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben.“ (Römer 1,16).
Glaubensheiterkeit allen in unseren Kirchengemeinden, mit oder ohne Ehrenamt! In dem rasenden Getümmel, mitten in der Angst der Welt, da wartet Gott, unsere Zuversicht und Stärke.

Von Christoph Schoon, Pastor in Timmel und Mittegroßefehn

26. Mai 2018: Staunen über Gott

Mai ist ein herrlicher Monat zum Geburtstagfeiern. In unserer Familie feiern wir zu viert. Schön ist es, wenn nach einem sonnigen Tag nach und nach die Gäste im Garten ankommen. Blühende Büsche verbreiten einen angenehmen Duft, das grüne Gewölbe des Blätterdachs ehrwürdig alter Bäume breitet sich über uns aus. Wir setzen uns. Die Tische sind reich gedeckt: Frische Salate und Teigtaschen lassen das Wasser im Mund zusammenlaufen. Vom Grill her riecht es lecker. Heitere Gespräche weben sich in den lauen Abend. Schön, alle wiederzusehen, zu hören, wie es ihnen geht, was sie beschäftigt. Aus manchen Gesprächen nehme ich etwas an Lebenserfahrung für mein eigenes Leben mit. Als ich später Altes abräume und Neues nachlege, finden sich unerwartet Hände, die mittun, sodass keiner lange wegbleiben muss. An Pfingsten feiern wir den Geburtstag der Kirche.

Christiane Schuster-Scholz, Pastorin in Holtrop

Am kommenden Sonntag Trinitatis, dem Fest der Dreieinigkeit, sind sie alle beisammen: Gott-Vater, der uns als Schöpfer in all seiner Herrlichkeit begegnet, Gott-Sohn, der uns auf die Spurensuche nach Gottes Liebe mitnimmt und sie für uns lebt und Gott-Heiliger Geist, die Kraft Gottes, die in uns wohnt, uns zusammenführt und uns stark macht, Gottes Liebe zu leben und weiterzugeben. Ich finde, da passt es, dass wir in unserer St.-Jürgen-Kirchengemeinde Goldene Konfirmation feiern. Ein Fest der Wiederbegegnung und ein Fest, an dem wir uns aufs Neue unter Gottes Segen stellen. Sicher wird es spannende Gespräche geben und vielleicht werde ich eine Geschichte aus Afrika erzählen: Der alte Mann heißt Daniel und glaubt an Gott. Eines Tages fragt ihn jemand, der sich über ihn lustig machen möchte: „Woher weißt du denn, Daniel, dass es einen Gott gibt?“ Daniel antwortet: „Woher weiß ich, ob ein Mensch oder ein Hund oder ein Esel nachts um meine Hütte gegangen ist? An den Spuren im Sand sehe ich es! Auch in meinem Leben sind Spuren eingedrückt — Spuren Gottes!“ Als die Gäste nach unserer Gartenparty müde werden und aufbrechen, verabschieden wir uns herzlich.

Auch das Fest an Trinitatis wird zu Ende gehen. Anders aber als an der Gartenpforte, wird es gegenüber Gott ein herzliches: „Schön, dass du da (gewesen) bist!“ werden, verbunden mit einem Staunen über Gott, „von dem, durch den und zu dem hin alles ist, was ist“. Röm 11,36.

Von Christiane Schuster-Scholz, Pastorin in Holtrop

19. Mai 2018 Pfingsten: Aus weiter Ferne und doch ganz nah

Es wäre so leicht
wenn die Taube käme
über das Meer
der Sehnsucht
und mit dem Flügelschlag
der Liebe
die Asche wieder
zum Glühen brächte.

Es wäre so leicht
wenn die Taube käme
und über das Meer
mit zartem Flügelschlag
Hoffnung wecken würde.

Uns bleibt die Bitte
komm Heiliger Geist
und verwandle die Herzen
deiner Gläubigen

Dr. Detlef Klahr

Am Pfingstfest dürfen wir Gott wieder darum bitten, dass er uns nahe kommt. Dass er seine Liebe ausgießt in unsere Herzen und uns durch seinen Heiligen Geist verwandelt. Pfingsten feiern wir, wie Gott aus weiter Ferne uns doch so nah ist.
Auf das Pfingstfest freue ich mich ganz besonders, wenn ich die Taube über das Meer der Sehnsucht kommen sehe und sie mit dem Flügelschlag der Liebe unsere Asche wieder zum Glühen bringt. Dann können wir gemeinsam mit dem Apostel Paulus einstimmen in die Worte, die er an die Gemeinde in Rom schrieb: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“ (Römer 5,4)

Von Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent des Sprengels Ostfriesland-Ems

12. Mai 2018: Höre mich!

Es ist kurz nach vier Uhr morgens, als ich aus dem Schlaf gerissen werde. Bis zum Sonnenaufgang dauert es noch, erst ganz wenig Licht kündigt den Tag an. Und dann ist da diese Stimme von draußen, die mich geweckt hat. Vor meinem Fenster im Busch sitzt ein Vogel und begrüßt laut singend die Welt.

Der frühmorgendliche Vogelgesang ist für mich einer der schönsten Frühlings- und Frühsommerboten. Auf der Internetseite des Nabu kann man in einer „Vogeluhr“ sehen, welcher Vogel wann singt und sich zugleich den Gesang auch anhören. Morgens im Bett entdecke ich dann manche bekannte Stimme wieder. „Hier! Hört mich! Ich bin da!“, scheinen die Vögel zu singen.

Antje Wachtmann, Pastorin und Referentin für Kirche im Tourismus

Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei gnädig und erhöre mich! – so schreibt es der Beter im 27. Psalm. Dieser Satz ist der Namensgeber für den Sonntag Exaudi – Exaudi bedeutet „Höre“. Es ist der Sonntag zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Jesus ist nicht mehr da, er ist in den Himmel aufgefahren. Der Tröster, den Jesus versprochen hat, der Heilige Geist, ist noch nicht da. Wir sind grade dazwischen und warten. Da kann es wichtig sein zu rufen und Gott zu sagen: „Herr höre meine Stimme! Siehst du? Hier sind wir!“

Zu Gott kann man auf ganz unterschiedliche Weise rufen: laut und leise, im Gebet oder im Gespräch, in der Kirche oder draußen. Aber eine, finde ich, besonders schöne Art zu Gott zu rufen ist zu singen. Für jede Stimmungslage gibt es ein Lied und auf die richtigen Töne kommt es dabei gar nicht so an. Denn Gott hört meine Stimme. Ebenso, wie ich die Stimmen der Vögel höre, die draußen vor dem Fenster singen: Hier bin ich! Herr, höre meine Stimme!

Pastorin Antje Wachtmann, Referentin für Kirche im Tourismus in der Region Nord der Evangelisch-lutherischen Landeskirche

9. Mai 2018 Himmelfahrt: offenes Fenster in eine andere Dimension

Man mag zu Himmelfahrt stehen wie man will: das Fest ist ein Hinweis auf die Begrenzung unserer Sinne. Vor allem unseres Sehsinns. Üblicherweise glauben wir nur das, was wir sehen. Doch an diesem Tag liegt schon im Namen „Himmelfahrt“ der Hinweis auf eine andere Dimension. Jesus Christus fährt nicht in die Erde (was ja gewissermaßen ein Gegensatz zum Himmel wäre) und schon gar nicht in die Hölle (wenngleich in manchen Teilen der christlichen Geschichte eine vorübergehende Höllenfahrt Christi eine gewisse Rolle spielt). Jesus fährt in den Himmel und öffnet damit unsere Wahrnehmung gleichzeitig für eine andere Ebene. Auch wenn gerade damit viele Menschen Probleme in ihrer

Jörg Schmid, Pastor der refomierten Kirche in Aurich

Vorstellung haben: der Himmel steht dafür, dass das Leben größere, weitere, höhere und tiefere Dimensionen hat als das, was uns vor Augen (und vor Ohren) ist. Diese weiteren Dimensionen können auch der Antrieb sein z.B. für Kunst (ob Musik, Tanz, Darstellende Kunst), die einen weiteren Raum öffnen will. Oder für Meditation, die diesen weiteren Raum versucht zu betreten. Die Religionen sind seit jeher dafür sensibilisiert, dass es neben der sichtbaren Welt auf Erden noch andere Ebenen gibt. Unser alltäglicher, menschlicher Blick in den Himmel ist dafür ungewollt ein wunderbares Gleichnis. Tagsüber sehen wir begrenzt entweder Wolken (die dann z.B. 2 km weit entfernt sind) oder den blauen Himmel (der nichts anderes ist als die von der Sonne angestrahlte und leuchtende Erdatmosphäre, ca. 15 bis 500 km entfernt). Doch nachts sehen wir bei klarem Himmel entgrenzt noch einmal eine ganz andere Dimension. Wir können dann durch die Atmosphäre hindurchsehen und erreichen dann Sichttiefen zu Sternen, deren unvorstellbare Entfernung in Lichtjahren angegeben wird. Himmelfahrt ist ähnlich: ein Blick über unsere Grenzen hinaus und gleichzeitig noch etwas ganz anderes als die Fahrt Jesu in den astronomischen Himmel. Die Himmelfahrt Jesu öffnet für andere Dimensionen. Kann uns das etwas sagen? Ja, unbedingt! Denn unser Leben, unsere Wahrnehmung ist immer begrenzt, so grenzenlos wichtig wir Menschen uns oft auch vorkommen mögen. Die Welt Gottes ist größer, weiter, höher, tiefer – und manchmal sogar näher als wir glauben.

Von Jörg Schmid, Pastor in der Ev.-ref. Kirche Aurich und Krankenhausseelsorge UEK Aurich

5. Mai 2018: Nicht sehen und doch glauben

„Ich glaube nur, was ich sehe“, tönt Alexander wieder einmal. Ich rolle mit den Augen. Wann immer er mich trifft oder jemand auf Gott zu sprechen kommt, sondert er diesen Blödsinn ab. Ich habe das Gefühl, ihm schon viele hundert Mal erklärt zu haben, dass es nicht stimmt.

„Alexander, wenn du nur glauben würdest, was du siehst, dann müsstest du glauben, dass die Erde eine Scheibe ist. Oder hast du die Erde schon mal aus dem Weltraum gesehen? Als Kugel?“ Hat er natürlich nicht. Er glaubt den Büchern, der Wissenschaft und den Wissenschaftlern. Alexander ist nicht blöd, aber er kann beim besten Willen nicht sehen, wie die Welt aussieht oder wie sie entstanden ist. Er glaubt, dass die Theorien vom Urknall und der Evolution stimmen. Ich auch. Aber Alexander und ich wissen es nicht, niemand weiß es.

Es sind Theorien. Wer nicht gerade Astrophysiker ist, kann die Wahrscheinlichkeit dieser Theorien kaum nachprüfen. Auch zur Zeit Jesu gab es Menschen, die nur glaubten, was sie mit eigenen Augen gesehen hatten. So auch Thomas, ein Jünger Jesu. Nach dessen Kreuzigung konnte er nur glauben, dass Jesus auferstanden ist, als er seine Wundmale an Händen und Füßen mit eigenen Augen sah. Den anderen Jüngern glaubte er nicht, dass Jesus auferstanden ist. Jesus sagte schließlich zu ihm: Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

Sabine Bohlen, Pastorin in Wiesmoor

Alexander unterstellt mir, dass ich nur an Gott glauben würde, damit ich nicht so viel nachdenken muss. Was auch immer wir gläubige Menschen nicht verstehen oder verstehen wollen, könnten wir ja bequem dem Herrgott in die Schuhe schieben und dann hätten wir unsere Ruhe, meint Alexander. Dabei ist er es doch, der nicht so gerne nachdenkt. Schon gar nicht über Religion. Glauben geht nicht, ohne darüber nachzudenken – am besten miteinander. Sonst könnte sich tatsächlich jeder sein eigenes wirres Zeug zusammenglauben: Elvis lebt. Die Erde ist eine Scheibe. In Physik habe ich eine Fünf geschrieben, weil ich meinen Glücksbringer nicht mit hatte.

Morgen bekennen sich viele Jugendliche in der Konfirmation zu ihrem Glauben an Gott. Sie haben in der Konfirmandenzeit ihren Glauben mit anderen geteilt und über ihren Glauben nachgedacht. Das Nachdenken führt zum Glauben. Hoffentlich auch zum Glauben an Dinge, die man nicht sieht: Die Liebe. Die Würde. Der Trost. „Alexander, uns allen wäre wohler, wenn du mehr glauben würdest, was du nicht siehst.“

Von Sabine Bohlen, Pastorin in Wiesmoor

28. April 2018: „Kantate“ – singet!

Gestern hatte er alles abgearbeitet, die letzten Verträge in den Ordner geheftet. Endlich Urlaub, endlich freie Zeit. Er atmete tief durch und beschloss, früh schlafen zu gehen. Am nächsten Morgen war alles perfekt: Die Sonne schien, nein sie strahlte! Das Thermometer zeigte sommerliche Temperaturen, zartes Grün kleidete Büsche und Bäume. Beschwingt hob er sich aus dem Bett, stellte die Kaffeemaschine an und stieg unter die Dusche.

Und plötzlich war er da: der Ton, der tief aus seinem Herzen in die Freiheit drängte. Er staunte über sich selbst, denn er sang plötzlich laut und sehr innig. Da war ein Lied, das er im Kopf sorgsam verwahrte, das summte und von der Freude des Lebens erzählte: „Geh aus mein Herz und suche Freud, in dieser lieben Sommerszeit.“

Silke Kampen, Pastorin in Egels, Popens und Wallinghausen

Zunächst summte er es, dann fiel ihm der Text ein. Er staunte, dass er dieses Kirchenlied noch kannte. So viele Jahre waren seit dem letzten Mal, an das er sich erinnern konnte, es gesungen zu haben, verstrichen. Plötzlich war es da. Und mit dem Lied schwangen auch große Dankbarkeit, gelassene Fröhlichkeit und kindliche Freude mit. In ihm wurde das Leben angestimmt wie die Saite einer Gitarre. Er konnte nicht mehr still sein und nur Worte hätten ihm nicht gereicht. Er wollte kein fremdes Gedudel aus dem Radio, er wollte selbst singen. Und er sang. Es tat gut. Es tat einfach gut und so fiel es ihm leicht, von Gott zu singen.

Kantate! Singt, dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. Ob er schön oder richtig sang, war nicht wichtig. Heute hatte sein wunderbarer Tag eine Ursache und eine unbändige Kraft. Dieser Tag wurde größer als er selbst. Singen wurde zum hörbaren Staunen: Ich singe mit, wenn alles singt und lasse, was dem Höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen. Aus meinem Herzen rinnen. „Kantate“ – singet!

Von Silke Kampen, Pastorin in Egels, Popens und Wallinghausen

21. April 2018: Vorbilder im Alltag

Wann haben Sie zuletzt gejubelt? Und warum bzw. zu welchem Anlass? Über den Urlaubsbeginn, einen Gewinn oder eine gute Schulnote bzw. ein Lob vom Chef oder der Chefin? Ums Jubilieren geht es am Sonntag. Jubilate – so heißt dieser Sonntag nämlich und das lateinische Wort bedeutet übersetzt: Jubelt!

Jubeln – am Samstag werden wir ihn wieder hören aus den Fußballstadien bzw. auf den Fußballplätzen. Hier bei uns in Ostfriesland natürlich auch beim Boßeln auf den Straßen.
Worüber kannst du jubeln? Was lässt dich in deinem Leben jubeln? Häufig feiern wir Jubiläen – persönliche oder auch als Paar oder Firma, Chor oder Verein. Besondere Tage sind dies, Festzeiten, die viel bedeuten und geben können, von denen wir zehren können in der darauffolgenden Zeit.

Wo jubeln wir? Im Stadion, im Konzert – manchmal vielleicht auch in der Kirche, aber wohl eher selten. An diesem Sonntag dürfen wir es aber.

Was ist wohl das Gegenteil von jubilieren? Wem nicht danach zumute ist zu jubilieren, der mag aus welchen Gründen auch immer ängstlich, traurig, depressiv, eher leblos sein. Solche Zeiten im Leben gibt es auch – und dann sehnen wir uns danach, eines Tages wieder jubilieren zu können, auch wenn das in diesen Momenten unerreichbar zu sein scheint. Ich wünsche Ihnen und euch Zeiten des Jubilierens und dass die Sehnsucht danach nie verloren geht. Einen guten Sonntag!

 Von Pastorin Anita Schürmann, Schulpastorin an der BBS 2 in Leer und Mitarbeit im Kirchenkreis Aurich

 14. April 2018

„Autoritär“ ist etwas anderes als „autoritativ“. Das habe ich in meiner Ausbildung gelernt. Gemeint war der Unterschied zwischen einem Verhalten, das allein aufgrund der Position oder des Lebensalters Respekt und Gehorsam einfordert und einem Verhalten, das durch Umgangsform, Argumentation und Kompetenz beim Gegenüber Respekt und Akzeptanz zu erlangen sucht. Klingt schlau und war damals (Anfang der 1980er) die strahlende Erkenntnis der modernen Pädagogik. Ich wage zu behaupten: gar nicht so neu. Denn Ähnliches findet sich schon in der Bibel. Im 1. Petrusbrief ist zu lesen (Kapitel 5, 1ff), dass die „Ältesten“, also jene, die Verantwortung für andere tragen, es freiwillig tun sollen, von Herzensgrund, nicht um schändlichen Gewinns willen, nicht um zu herrschen, sondern als Vorbilder. Wie viel habe ich von Menschen gelernt, die ihre Erfahrungen im Leben und im Glauben reflektiert hatten und frei davon erzählen mochten; von Irrwegen und Offenbarungen, von Glücksmomenten und Zweifeln, von Gelingen und Scheitern. Nicht der Pastor, für den der auswendig gelernte Psalm 23 zu einem „guten Christen“ gehörte, hat mich als Konfirmand überzeugt, aber der „alte“ Mann, der uns erzählte, wann und warum dieser Psalm für ihn so wichtig geworden war, dass er seine Worte nicht mehr vergessen konnte. Dieser Mensch war ein Vorbild, eine „Autorität des Glaubens“. Auch Sie sind eine „Autorität des Glaubens“, wenn Sie Ihre Geschichte mit Gott (bzw. Gottes Geschichte mit Ihnen) offenherzig und authentisch erzählen. Versuchen Sie es einfach! Und wenn Sie hören, was Andere zu erzählen haben, entdecken Sie vielleicht ganz unerwartet die eine oder andere „Autorität des Glaubens“ in Ihrem nahen Umfeld. Angeregte Sonntagsgespräche wünscht Ihnen

Ihr Torsten Hoffmann, Diakon im Kirchenkreis Aurich

7. April 2018: Weinen oder Lachen

Liebe Leserin und lieber Leser, das war ein aufregender Tag für Finn aus Uthwerdum. Er ist nun schon fünf Jahre alt und machte am Dienstag zum ersten Mal bei unserem Kinderkirchentag mit. Was für ein wunderbares Gewimmel und Gewusel, wenn 130 Kinder und 30 Leute aus dem Team unsere Kirche bevölkern!
„Du bist einmalig – Gott hat Dich wunderbar gemacht!“ lautete das diesjährige Thema. Bei der Eröffnungsandacht durften alle zunächst einmal in einen Spiegel blicken. Dann gab es Beispiele dafür, wie einzigartig wir sind. Zum Beispiel können wir das ja am Fingerabdruck erkennen. Der ist bei allen Menschen auf der Welt wirklich unverwechselbar. Und immer wieder zeigten die ausgestreckten Zeigefinger unserer Mitarbeiter auf die Kinder: „Du bist einmalig – Gott hat Dich wunderbar gemacht!“
Finn ruckelte auf seinem Platz hin und her. Hinter seiner Stirn arbeitete es mächtig. Dann sprang er hoch und rief: „Das ist nicht richtig! Laura fehlt!“ Für einen sehr kurzen Moment schien danach alles in Ordnung. Dann hörten wir wieder seine Stimme: „Das ist nicht richtig! Keno fehlt!“
Zugegeben: Wir haben nicht gleich begriffen, was Finn meinte. Aber da kam er schon mutig vor den Altar angestiefelt. Ganz schnell hat er uns erklärt, dass es ihm um die Kinder ging, die am Dienstag nicht dabei waren. Für Finn war das ganz wichtig, dass sie auch einmalig sind, von Gott wunderbar gemacht.
Was haben wir doch für tolle Kinder, liebe Leser! Wie viel können wir von ihnen lernen. Finn hat ein ganz feines Gespür dafür, dass nicht nur er selbst, sondern auch die anderen zählen. Dass er selbst einmalig ist und Gott hat ihn wunderbar gemacht, das ist prima. Aber was ist mit Laura und Keno, mit denen, die wir gerade nicht vor Augen haben? Für die gilt das doch genauso gut!
Es gibt eben nicht nur mich. Es gibt auch die anderen. Es macht mich stark und selbstbewusst, dass Gott mich gerade so haben möchte, wie ich bin – mit all meinen Stärken und all meinen Schwächen. Aber das ist nicht alles. Es macht mich so stark, dass ich nicht nur mich selbst sehe, sondern auch die Leute um mich herum im Blick behalte und ihnen mit Respekt begegne.
Im 1. Johannes-Brief, Kapitel 3 Vers 1 heißt es: Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen – und wir sind es auch! Als Gottes geliebte Kinder leben wir aus der Liebe und geben sie in Wort und Tat weiter. Daraus wächst Gemeinschaft und ein gelingendes Miteinander. Und das brauchen wir. Denk dran: Du bist einmalig, Gott hat Dich wunderbar gemacht. Und Laura und Keno und all die anderen auch! Amen.

Von Andrea Düring-Hoogstraat, Pastorin in Victorbur

31. März 2018: Weinen oder Lachen

„Ich weiß nicht, ob ich weinen oder lachen soll“, sagt sie. Sie sieht das Leben ihres Bruders. Dieser lebensfrohe Mann. Diese Kraft. Dann diese Krankheit, die ihn plötzlich aus allen Lebensbezügen reißt. Er ist tot. Nicht wirklich alt geworden. Aber viele Erinnerungen. Sie erzählt: Schönes. Lustiges.

Das bleibt ihr. Das will sie in ihrem Herzen festhalten. Unbedingt. Und jetzt dieses schnelle Ende. Schneller, als es ihre Seele begreifen kann und will. Traurig. Unendlich traurig. Das Leben kann hart sein, so hart. „Ich weiß nicht, ob ich weinen oder lachen soll“, sagt sie. Beides ist ihr nahe. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt.

Zwischen Karfreitag und Ostern: Heute ist so ein Tag, Karsonnabend. Den Schrei des Sterbenden noch im Ohr: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Er bekommt keine Antwort. Stille. Stiller Freitag. Schwer auszuhalten, besonders in besinnungslosen Zeiten. Es ist in unserem Leben und in unserer Welt nicht alles so, dass wir jeder Zeit lachend und tanzend darüber hinweggehen könnten.

Und auch nicht einfach darüber hinweggehen sollten. So viele Menschen leiden, hier und weltweit. Sehen wir sie. Hören wir sie. Besuchen wir sie. Achten wir sie. Fragen wir sie, was sie benötigen und was ihnen guttut. Und wir selber – leiden doch auch. Manches ist schwer, schwer zu ertragen. Es ist so. Krankheit, Krieg, Krux, Krawall …

Unsere Gesellschaft wird durch solch mitfühlende Zeit reicher. Unser eigenes Leben gewinnt neue Tiefe. Auch das Schwere sehen und hören wollen. Und es aushalten. Nicht Karfreitag, nicht Karsonnabend, nicht Tag für Tag einfach weitermachen wie immer. Nicht nur feiern. Nicht immer tanzen. Das Leben ist nicht jeden Tag Kabarett und leicht.

Unser Innehalten ist sogar gesetzlich geschützt. Eine Zumutung. Ja, es wird uns zugemutet, sich dem Schweren zu stellen und nicht einfach darüber hinwegzugehen und darüber hinwegzusehen. Ich bin dankbar und froh, in einer Gesellschaft zu leben, die dieses Innehalten noch aufrechterhält.

Ich bin überzeugt, dass es uns und unserer Welt besser geht, wenn wir solche Zeiten bewusst einhalten und sie gestalten. Es schärft unsere Sinne. Wir achten aufeinander. Wir sehen das Leid. Wir sehen, was sich ändern muss.

Für uns Christen folgt dann schon in der nächsten Nacht nach der großen Stille das große Staunen. Gottes „Ja“ zum Leben. Der Stein ist vom Grab weggewälzt. Und andere Steine fallen vom Herzen. Die Frauen entdecken es dann am Ostermorgen als Erste auf dem Friedhof: Der Tod ist besiegt. Das ist dann wirklich ein Grund zum Feiern. Und zum Tanzen.

„Ich weiß nicht, ob ich weinen oder lachen soll“, sagt sie. So ist das Leben. Beides gehört dazu. Aber am Ende wird für uns die Freude stehen. Pure Lebensfreude. Gottes Geschenk.

Von Tido Janssen, Pastor in der Lamberti-Gemeinde in Aurich und Superintendent im Kirchenkreis Aurich

24. März 2018: Der Esel führt zum Ziel

In vielen Gottesdiensten werden wir morgen hören, wie Jesus begeistert empfangen wurde, als er damals in Jerusalem einzog. Auf ein Detail will ich hinweisen: Jesus saß dabei auf einem Esel, einem ganz gewöhnlichen Tier. Auf diesem Esel sucht Jesus den Weg zu den Menschen, um ihnen Gottes Liebe bis aufs Blut zu zeigen. Das steht ihm in den kommenden Tagen ja bevor, dass er gemobbt, gedemütigt und zu Tode gebracht wird. Damit für seine Freunde der Weg zu Gott frei wird. Der Esel trägt ihn zu dieser Aufgabe. Nein, ein Esel bin ich nicht und ein Esel sind Sie auch nicht, liebe Leserin, lieber Leser. Aber die Aufgabe, die dieser gewöhnliche Esel übernimmt, die können wir auch übernehmen: dass die gute Nachricht von Jesus Christus zu den Menschen kommt. Damit sie fröhlich werden. Kraft bekommen. Mutig werden und zuversichtlich. Das können Sie, auch wenn Sie nicht Theologie studiert haben und nie auf einer Kanzel stehen werden! So wie kein prachtvolles Ross Jesus trug, sondern ein normaler, gewöhnlicher Esel. Ich denke an eine Oma, die für ihr Enkelkind betet, das in der kommenden Woche operiert werden muss. So hilft die Oma dabei, dass Jesus bei ihrem Enkelkind seine Kraft erweist. Anders gesagt: Sie bringt Jesus dorthin, wo er jetzt gebraucht wird. Oder ich denke an den Mann, der sich von seinem bisschen Freizeit jede Woche etwas abknapst, um im Chor seiner Kirchengemeinde mitzumachen. Dadurch hilft er, dass auf musikalische Art Jesus zu den Menschen kommt. Und ich denke an die, die als Patin oder Pate versprochen haben, dafür zu sorgen, dass ihr Patenkind in die christliche Gemeinde hineinwachsen kann. Wenn sie ihrem Patenkind eine Kinderbibel schenken und vielleicht sogar selber daraus vorlesen, dann bringen Sie damit Jesus selbst zu ihrem Patenkind. Alles nichts Spektakuläres. So, wie ein Esel nichts Spektakuläres ist. Aber er ist da, als Jesus ihn braucht, um ihn zu denen zu bringen, denen seine Liebe gilt. Dazu können wir uns zur Verfügung stellen, auch wenn wir keine Esel sind.

Von Hermann Reimer, Pastor in Spetzerfehn

17. März 2018: Gott im OP

In ziemlichem Tempo wird mein Bett durch die Flure des Krankenhauses geschoben. Empfang durch das OP-Team. „Was soll bei Ihnen gemacht werden?“ Zwischendurch umsteigen aus dem Krankenbett auf den OP-Tisch. Man gibt sich viel Mühe, ist nett und höflich, stellt Fragen, nicht nur medizinischer Art. „Sie sind Pastor? Ah ja. Wo? Machen Sie mal den Mund auf.“ „Sie wollten wohl immer schon mal einem Pastor in den Hals gucken.“ Gelächter. „Wie lange brauchen Sie für das Schreiben einer Predigt? Was ist Ihr Lieblingsweihnachtslied?“ Da liegt man also sehr reduziert vor bis dato unbekannten Menschen, die an einem „herumschnippeln“ wollen und sie stellen unerwartete Fragen. „Wie groß ist Ihre Gemeinde? Wie viele davon kommen denn so? Unterschiedlich, ah ja. Machen Sie mal den Mund auf.“ Irgendeine Zahl wird genannt. Es geht um die Narkose. „Wir machen auch mal etwas Besonderes.“ „Ja, was denn?“ „Gottesdienst im Freien, an besonderen Orten oder demnächst einen Tango-Gottesdienst.“ –„Was ist das denn?“ „Wo sonst gesungen wird, wird da getanzt. Oh, jetzt merke ich die Wirkung der Narkose….“ Und dann bin ich weg. Als ich aufwache, ist alles vorbei. Die Operation ist gut verlaufen. Obwohl diese OP heutzutage Standard ist – ein Wagnis ist es doch, sich anderen anzuvertrauen. Sie haben ihre Sache gut gemacht. Die Gespräche rundherum haben mir noch einmal gezeigt: Im Alltag stecken Fragen nach Glauben, Überzeugungen und der zugehörigen Praxis, Notwendigkeit von Vertrauen und einfach eine Frage: Was ist der Mensch und was tut Gott dabei? Darüber musste ich noch einmal sehr nachdenken. Ich bin rundum angetan von all dem, wie es gelaufen ist. Gott segne diese Menschen, denen ich da kurz sehr nahe war. Ich glaube, er war auch mit dabei.

Von Roman Ott, Pastor in Plaggenburg

10. März 2018: Konfirmation

Christus sagt: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es
allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“
Johannes 12,24.
An den kommenden Sonntagen werden in unseren Kirchen wieder viele junge Menschen konfirmiert. Mit ihrer Konfirmation bestätigen sie, sich Gott auf ihrem Lebensweg anzuvertrauen und mit seiner spürbaren Gegenwart in ihrem Leben zu rechnen. Sie möchten versuchen, mithilfe der zehn Gebote ihr Leben auszurichten und Jesus als Vorbild für ihr eigenes Denken und Handeln anzunehmen. In ihrem Alltagsleben sieht es oft ganz anders aus: Die Jugendlichen erleben Leistungs- und Erfolgsdruck an ihren Schulen. Der Schlaue setzt sich durch. Leistungsstärke wird belohnt. Nicht mitzukommen oder sogar von Mitschülern wegen einer Schwäche verspottet zu werden, ist unerträglich. Opfer zu sein ist uncool, „du Opfer!“ ein verbreitetes Schimpfwort. Sie erleben – ob z. B. in Sportübertragungen, der Wirtschaft oder der Politik der ‚großen‘ Leute: Wer betrügt und sich mit unfairen Mitteln im hartgeführten Konkurrenzkampf einen Vorteil zuungunsten anderer erschleicht, hat zumindest einen kurzfristigen Erfolg, der wird manchmal sogar als cool und gerissen bewundert. Jesus stellt diese Denkweise mit seinem ganzen Leben auf den Kopf. Obwohl er von Gott mit Vollmacht ausgestattet ist, nutzt er diese Gaben ausschließlich zum Vorteil und Heil für andere. Er kam, um zu helfen. Und zwar besonders denen, die nicht zu den Starken, Erfolgreichen und Gesunden dazugehören. Er möchte dienen statt beherrschen. Er setzt alles, sogar sein eigenes Leben, für andere ein.
Jesus fordert uns heraus: Finde heraus, wo du mit deinen Gaben mithelfen kannst, zum Gewinn für viele. Finde heraus, wann deine Courage gefragt ist und dein Gewissen dir sagt, dass jetzt Aufstehen besser ist als Wegducken. Unsere jungen Mitmenschen brauchen positive Vorbilder, die sich an christlichen Werten, die lebensbejahend und -bewahrend sind, orientieren. Dazu müssen unsere Jugendlichen zunächst erst einmal selbst erleben, was ein christlicher Grundwert ist: Sie sollen begreifen, dass sie unendlich wertvoll sind, dass sie auch dann respektiert und geliebt sind, wenn ihr Bemühen nicht von Erfolg gekrönt ist, dass sie sowohl mit ihren Begabungen als auch mit ihren Schwächen zu einer christlichen Gemeinschaft dazugehören. Gott kann auch durch unser Nicht-Perfektsein etwas Gutes wachsen lassen.

Von John Förster, Pastor in Riepe/Ochtelbur

3. März 2018: Aufbruch

Wer seine Hand an den Pflug legt und schaut zurück, der ist nicht geschickt für das reich Gottes. Lk 9,62

Pastorin Heike Musolf, Paulusgemeinde Aurich-Kirchdorf

Aufbruch – wer ein Ziel erreichen möchte, der muss irgendwann einmal den ersten Schritt tun. Jeder von uns kennt die Situation, dass man innerlich bereits im Aufbruch ist, begeistert von einer Idee, einer Vision, wie die Zukunft viel heller, viel besser, viel lebenswerter sein könnte. Und ganz oft gibt es mitten in dieses Aufbrechen hinein Stimmen, die uns zwingen, zurückzuschauen. „Das hat noch nie geklappt“, „das haben schon viele versucht“ „du hast gegen so viel gute Konkurrenz doch eh keine Chance“… Wie oft ihn Ihrem Leben haben Sie sich von solch wohlmeinenden Ratgebern ausbremsen lassen? Wie viele Visionen blieben, was sie waren: Träume, Sehnsüchte, unerreichbar? Manchmal beneide ich Kinder und Jugendliche, die sich noch Träume erlauben und auch nicht von diesen abbringen lassen. Sie folgen einem inneren Ruf, sie lassen sich locken und haben keine Angst vor der Größe der Idee. Trotzdem ertappe ich mich dabei, dass ich versucht bin, Bremserin zu sein. Ich merke, wie schwer es ist, andere dort träumen und aufbrechen zu lassen, wo mich meine Erfahrung klein gemacht hat, und ich mir und dem Leben nichts mehr zutraue. Und dann staune ich, wenn die Träume wahr werden: Da bekommt einer den erträumten, erhofften Ausbildungsvertrag, ausgewählt unter 1800 Bewerbern, er allein. Da reist eine Gruppe Pfadfinder nach Nepal, um die Freunde vom Bundeslager zu besuchen – gegen alle Vernunft. Da finden sich genügend motivierte Menschen, um fröhlich einen neuen, großen, starken Kirchenvorstand zu bilden und in die Zukunft zu starten – obwohl gerade diese Gemeinde kämpft und es schwer hat. Visionen werden wahr – wenn wir ihnen trauen. Welche haben Sie für sich und Ihr Leben? Die Vergangenheit ist vorbei, die müssen wir hinnehmen, wie sie ist. Die Zukunft aber fängt jetzt an und sie gehört uns. „Mache Dich auf, werde Licht, denn Dein Licht kommt und die Herrlichkeit des Herrn gehet auf über Dir“ – aber erst einmal muss man in Richtung des Lichtes schauen und darf das Licht nicht aus den Augen verlieren. Die Passionszeit ist eine gute Zeit, um über einen Aufbruch nachzudenken. Zunächst im Rückblick und in einer Bestandsaufnahme dessen, was mich bedrückt, einengt und unfrei macht, aber auch in Erinnerung an Träume, die mich einmal bewegten, – und dann nach vorne schauen, auferstehen und leben.

Von Heike Musolf, Pastorin in Aurich-Kirchdorf

24. Februar 2018: Friede diesem Haus

Manchmal liest man so etwas ja noch an dicken Balken über der Eingangstür eines Fachwerkhauses: Bring Frieden mit, wenn du eintrittst! Oder: Mit Gottes Hilfe erbaut! Oder: An Gottes Segen ist alles gelegen! Früher wusste man oft besser, dass das Leben weniger wegen der eigenen Kräfte gelingt als vielmehr durch den Segen, den Gott schenkt. Das zeigte man dann auch anderen, die vor dem eigenen Haus standen. Heute ist es zwar noch genauso, aber unsere Einstellung hat sich ziemlich verändert. Menschen meinen eher, dass es die eigenen Kräfte sind, die das Leben gestalten und gelingen lassen. Jesus ist noch „altmodisch“ und bittet seine Jünger, dass sie Frieden wünschen und bringen, wenn sie ein Haus betreten. Aber im 10. Kapitel im Lukasevangelium, in dem uns diese Worte überliefert sind, sagt er auch: Leicht wird es nicht, in der Welt von mir zu sprechen. Und hat natürlich recht damit. Wer an eine Tür klopft und vom Glauben sprechen will, hat es nicht leicht – falls so etwas in einer christlichen Gemeinde überhaupt noch geschieht. In christlichen Gemeinden wird auch geklopft, besucht und zu etwas eingeladen. Ich
vermute, dass nicht so oft direkt über den Glauben gesprochen wird zwischen Tür und Angel. Der Glaube gilt als Privatsache und gehört öffentlich eher in die Gottesdienste und Andachten.
Dabei gibt es das Bedürfnis, unverkrampft über das zu sprechen, was einen im
Innersten bewegt. Und wo immer mehr Menschen sowohl innerlich als auch äußerlich eher für sich sind, könnte es gut tun, auch einmal über das zu sprechen, was einer oder eine glaubt. Es liegt an der Form, in der das geschehen könnte. Was ist – und wie geht – zwanglos? Ich weiß da auch keinen Rat. Ich vermute aber, dass die Voraussetzung solcher Gespräche viel mit „Frieden“ zu tun hat. Und mit dem Wissen, dass mich niemand zu etwas überreden will. Übersehen und überhören wir also möglichst die Zeichen nicht, die sagen: Was kann ich glauben? Was soll ich glauben? Wer redet mit mir? Und beginnen dann das Gespräch mit etwas, was Frieden anzeigt. Versuchen wir doch mit Gottvertrauen auf diese Weise dazu beizutragen, dass unsere Erde so wird, wie Jesus es sicher gewollt hätte.

Von Elske Oltmanns, Pastorin in Bagband

17. Februar 2018: Wegweiser

Helmut-Gerold van der Wall, Prädikant in Ochtelbur

Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand. Psalm 73,23

Immer wenn ich auf das von meiner mittlerweile erwachsenen Tochter getuschte Bild an der Wand in meinem Büro schaue, erinnere ich mich an die Zeit unserer Urlaube an der Nordsee.
Das kleine Mädchen sitzt auf meinen Schultern. Sie liebt es so „chauffiert“ zu werden und freut sich, dass ich im Urlaub endlich Zeit für sie habe. Wir laufen durch den Sand und bestaunen die Nordsee.
Die Flut kommt und traktiert klatschend das Ufer. Die gewaltigen und lauten Wassermengen machen mein Kind unruhig und es scheint sich Gedanken zu machen ob wir auch sicher wieder nach Hause kommen.
Ich spürte ihre Unruhe und plötzlich hörte ich ihre Stimme: „Weiß mein Papa wo der Weg lang geht?“
Ich küsste ihre Wange und antworte: „Ja – das weiß dein Papa!“
Wir gingen weiter – es ist stiller geworden in uns und um uns herum. Plötzlich spürte ich die kleine Hand in meinem Haar – Sie sagte nichts –doch das Händchen sagte alles. Der Papa ist bei mir, darum bin ich geborgen, auch am Rand einer lauernden Gefahr.
Auf meine damals Vierjährige war ich etwas neidisch und schämte mich dafür. NEIN, vier Jahre wollte ich nicht wieder werden – aber die Erfahrung des Geborgenseins – dieses Gefühl – das wünschte ich mir und ich wünsche es allen Menschen die Angst kennen. Es gibt so viele auf dieser Welt…
Zu wissen wo der Weg lang geht erinnert mich an Jesus, der gesagt hat: „Ich bin der Weg!“ Und eben dieser Weg führte durch manch drohende Gefahr, auch und sogar durch ein Meer, von der Krippe bis zum Kreuz. Könnte ich doch meine Hand in seine legen.
Ob Glaube so etwas ist wie Hand in Hand

Von Helmut-Gerold van der Wall, Prädikant in Ochtelbur

10. Februar 2018: Welche Verkleidung tragen Sie zu Fasching?

Es ist Karnevalszeit. Zumindest viele Kinder verkleiden sich gerne zu Fasching. Sich verkleiden. In eine andere Rolle schlüpfen und sich mal so benehmen wie das eigene Vorbild, ein Held oder eine Comicfigur – das macht den meisten Kindern großen Spaß. Aber es gibt auch viele unsichtbare Verkleidungen, die vor allem wir Erwachsenen häufig nutzen und zwar nicht nur zur Karnevalszeit. Oft verstecken wir uns hinter Masken: etwa, um nach außen Autorität zu zeigen, obwohl man sich unsicher fühlt, um Schwächen oder Verletzungen zu verbergen oder um eigene Ziele und Wünsche zu verfolgen, ohne dass die Mitmenschen die eigenen Pläne sofort durchschauen. Manche Masken sind nötig. Andere sind hilfreich. Aber heilsam ist es, wenn man Menschen, Orte und Zeiten kennt, wo man ganz sein kann, wie man ist – ohne sich verstellen oder verstecken zu müssen. Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Und die Fastenaktion 2018 der Evangelischen Kirche hat das Motto „Zeig dich! Sieben Wochen ohne kneifen“.
Das ist eine Einladung, zu sich selbst zu stehen und sich für Mitmenschen und für Werte, die das Leben und das friedliche Zusammenleben schützen, einzusetzen. Wer dieses Thema weiter vertiefen möchte, kann im Buchhandel oder im Internet einen Fastenkalender bestellen, der jeden Tag – von Aschermittwoch bis Ostern – Gedanken zu diesem Thema anbietet.
Für diese Woche und die beginnende Fastenzeit wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, dass Sie eine besondere Zeit erleben, in der immer wieder und immer öfter „Masken fallen“ können, weil Vertrauen herrscht.
Ich wünsche Ihnen, dass die Fastenzeit zur Gelegenheit wird, sich darauf zu besinnen, was wirklich wichtig ist: die Gabe des Lebens. Das Geschenk, dass Gott uns liebt, so wie wir sind. Die Verheißung, dass Gott das Leben aller seiner Kinder so wertvoll findet, dass er dem Leben einen ewigen Horizont schenkt.
Die Fastenzeit lädt uns genau dazu ein: bewusst darauf zu verzichten, was uns von Gott, vom Leben und von einem ergänzenden und friedlichen Zusammenleben mit unseren Mitmenschen ablenkt oder trennt – zum Beispiel auf unsere Masken. „Zeig Dich!“ – so können echte Begegnungen geschehen, die Oasen des Vertrauens und der Mitmenschlichkeit schaffen können. Nicht nur für unsere Mitmenschen, sondern auch für uns selbst.

Von Matthias Tolsdorf, Pastor in Moordorf

3. Februar 2018: Die zehn großen Freiheiten

„Oh ja, ich weiß noch genau, wie in dem alten Monumentalfilm mit Yul Brynner und Charlton Heston der Mose vom Berg runterkommt mit den beiden Tafeln, auf denen die Gebote stehen! Fast vier Stunden hat der Film gedauert.“ – Wir reden über die zehn Gebote. Die einen empfinden sie als genauso altbacken wie den gleichnamigen Film aus den 50er Jahren. Gebote und Verbote sind nicht up to date. Ich lasse mir nicht gerne sagen, was ich zu tun und zu lassen habe. Das will ich selbst bestimmen. „Du sollst…“ und „du sollst nicht…“, das engt meine Freiheit ein. Und: typisch Kirche, moralisch und bevormundend. Was Spaß macht, ist verboten.
Andere meinen, die alten Gebote haben sich – jedenfalls einige – durchgesetzt als Grundlage allgemeiner Gesetzgebung. Eigentum soll geachtet werden; und der Rhythmus von Werktagen und einem Ruhetag zum Beispiel sind bei uns nicht nur Gebot, sondern Gesetz.
Ich möchte mit meinen Gedanken zurück zum – nein, nicht zum Film, sondern zur Ursprungsgeschichte der Bibel, die da verfilmt wurde. Die Frauen und Männer des Volkes Israel hatten lange, lange Zeit als Sklavinnen und Sklaven in Ägypten leben müssen. Fronarbeit für den Pharao hatten sie geleistet. Als Sklave, da bekommt man gesagt, was man zu tun hat. Als Sklavin ist frau abhängig, eigener Wille zählt nicht. So zu leben prägt die Persönlichkeit, prägt die Gemeinschaft. Irgendwann gehorcht man nur noch.
Und dann kam die große Befreiung. Auszug aus Ägypten, das ganze Volk fand sich in der Wüste wieder – als freie Menschen. Aber nun war auch niemand mehr da, der Befehle gab, denen man zu gehorchen hätte. Wie sollte man sich verhalten? Was galt für das Zusammenleben?
Der Theologe Ernst Lange hat die zehn Gebote, die Gott in dieser Situation seinem Volk gab, „die zehn großen Freiheiten“ genannt.
„Ich bin dein Gott, der dich aus der Knechtschaft in Ägypten geführt hat“, diese Präambel steht über allem. Gott schenkt seinem Volk Regeln, damit die Freiheit nicht wieder verspielt wird. Damit es in guter Gemeinschaft zusammenleben kann.
Es geht nicht darum, individuell irgendwelche Forderungen zu erfüllen, die Gott gerade mal einfallen und denen gegenüber Gehorsam verlangt wird. Nein, das gelingende Miteinander seiner Menschen vor ihm ist Gott wichtig. Weil er sie liebt. Und weil er gerade ihre Freiheit liebt.
Die zehn großen Freiheiten:
Arbeite dich nicht kaputt, ruhe dich aus. Und ermögliche den Ruhetag auch allen anderen, die mit dir leben. Nutze sie nicht aus.
Achte die Frau oder den Mann, mit dem oder der du zusammenlebst. Habe deine Herkunftsfamilie im Blick, sorge für die Alten.
Verabscheue Gewalt, wehre sie ab – auch bei anderen.
Schau nicht neidisch auf den Besitz anderer. Besitz ist nicht Leben, Habgier verdirbt dein Herz.
Vergiss nicht, dass du dein Leben und deine Freiheit Gott verdankst. Wenn ihr so vor mir, eurem Gott miteinander lebt, wird es gut werden.
So fasse ich die Regeln der beiden Tafeln Gottes, die Mose vom Berg mitbringt, in meine Worte. Und in mir steigt eine Ahnung auf, welch Leben in gelingender Gemeinschaft in den zehn Geboten steckt. Welche Vision von gutem Zusammenleben sie beinhalten.

Von Susanne Schneider, Pastorin in Sandhorst

27. Januar 2018: Wie politisch darf Kirche sein?

Nach einer politischen Predigt von Steffen Reiche, Pastor aus Berlin, in einer Christmette an Heilig Abend, löste Ulf Poschardt, Chefredakteur der Zeitung „Die Welt“, eine bundesweite Diskussion darüber aus, wie politisch eine Predigt sein darf. In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns: Darf sich Kirche politisch engagieren oder soll sie sich aus staatlichen Angelegenheiten besser raushalten? Auch die Pastoren und Diakone des Kirchenkreises Aurich stiegen in die Diskussion mit ein. Herr Poschardt sagte, dass evangelische Kirchentage sich kaum von grünen Parteitagen unterscheiden würden. Pastor Reiche meinte dagegen, man könne nicht für Brot für die Welt sammeln und dann nicht die politischen Verhältnisse kritisieren. Also: Wie viel Politik verträgt eine Predigt? Im Duden lese ich, dass Politik auf die Durchsetzung bestimmter Ziele von Regierungen, Parlamenten, Parteien und Organisationen besonders im staatlichen Bereich gerichtet ist. In der Politik geht es also um das Erreichen bestimmter Ziele. Jesus war immer politisch. Er verfolgte immer ein Ziel, nämlich das Reich Gottes auf Erden zu verkündigen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Mehr geht wahrscheinlich auch nicht. Diesen spirituellen Aspekt hat Jesus nie aus den Augen verloren und sollte bei allem politischen Engagement unser Motor sein, denn er gibt uns die Kraft, über unseren Tellerrand zu blicken. Jesus tat das immer friedlich, aber er trat den Menschen auf den Schlips und konfrontierte sie mit der herrschenden Gesellschaft. Er war dabei sehr kreativ. Er forderte z. B. von seinen Anhängern, wenn sie genötigt wurden, eine Meile als wegkundige Begleiter zu gehen und Lastenträger für die römischen Soldaten zu sein, eine Meile mehr als gefordert zu gehen. Das ist politischer kreativer Widerstand. Mit dem Überspitzen der Situation wird der Widersacher bloß gestellt. Jesus lebte die Gleichheit und Brüderlichkeit der Menschen. Er machte keine Unterschiede zwischen reich und arm. Er lud Huren und Zöllner zum Essen ein. Dafür wurde Jesus angefeindet und als Fresser und Säufer beschimpft. Das Reich Gottes gleicht einem Senfkorn. Dabei ist es nicht nur ein kleines Korn, was in die Erde gelegt wird und zu einem großen Busch wird, sondern sie ist auch eine Pflanze, die überall da wuchert und wächst, wo niemand sie vermutet hätte. Deshalb sei unsere Predigt und unser Dienst am Nächsten immer politisch und
somit am Reiche Gottes orientiert.

Von Oltmann Buhr, Diakon in der Kirchengemeinde Timmel

20. Januar 2018: Untergang? Von wegen!

Unheil und Untergang zu verkünden, ob politisch, sozial oder menschlich, das kann bequem sein, es entspricht vielen unserer Erwartungen: „Alles wird immer schlechter“ oder „Wo soll das hinführen?“ Ganz anders klingt der Wochenspruch der neuen Woche: „Über dir geht auf der Herr und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“ (Jesaja 60,2) Aufgang statt Untergang! Es ist das biblische Wort für die letzte Woche der Nachweihnachtszeit, für die letzte Woche nach dem 6. Januar, dem älteren der beiden Weihnachtsfeste. Der Spruch gehört zu den Prophezeiungen, die auf Weihnachten hinweisen. Der Stern von Bethlehem klingt nach, unsere Gedanken gehen noch einmal hin zur Krippe, dem Stall von Bethlehem. Es sind Worte aus dem Prophetenbuch Jesaja, es ist Zuspruch in einer Notzeit Jerusalems. Das war die Situation: Wirkliche Armut, Gewalt und Trauer. Der gilt die Botschaft: Schau her, über dir geht auf der Herr und seine Herrlichkeit erscheint über dir! Natürlich denke ich an Bethlehem, an den Stern über der Krippe. Ich wünsche uns allen, liebe Leserinnen und Leser, dass wir auch im neuen Jahr solche Sternstunden erfahren wie es die Hirten und die Weisen aus dem Morgenland erlebten. Keiner ist ausgeschlossen, weder die Außenseiter, dafür stehen ja die Hirten, noch die Klugen, die Intellektuellen, diese werden durch die Weisen, die Sternkundigen, vertreten! Uns allen gilt dieses mutmachende Wort, das uns an Christus erinnert: Über dir geht auf der Herr und seine Herrlichkeit geht auf über dir! Ein gesegnetes 2018 wünsche ich Ihnen.

Von Bernd Battefeld, Pastor in Strackholt

13. Januar 2018: Alles geht schief

Ein merkwürdiger einhundertster Geburtstag liegt in diesen Tagen an. Am 11. Januar 1918 wurde Edward Murphy geboren. Sie kennen ihn nicht? Dafür kennen Sie bestimmt sein berühmtes Gesetz: „Alles, was schiefgehen kann, wird schiefgehen.“ Typisch! Das Brötchen fällt vom Frühstückstisch und landet natürlich auf der Butter- und Marmeladenseite. Natürlich bewegt sich die Warteschlange an der Supermarktkasse, in der ich stehe, viel langsamer als die Nebenschlange. Natürlich finde ich den vermissten Schlüssel in der letzten Schublade, in der ich suche. Kommt Ihnen
das bekannt vor? Edward Murphy wurde nach seiner Schulzeit Offizier und Ingenieur bei der US-Luftwaffe.
Er war an vielen Testverfahren beteiligt. Als ein sehr aufwendiger Versuch scheiterte,
weil seine Mitarbeiter ihn falsch aufgebaut hatten, formulierte er sein erstes Gesetz, das vereinfacht lautet: „Alles, was schiefgehen kann, wird schiefgehen.“
In der Folgezeit haben viele Wissenschaftler erforscht, warum etwas nicht funktioniert. Und viele andere haben Murphys Gesetze zum Anlass genommen, darüber nachzudenken, warum Menschen scheitern. Ist Murphys Gesetz vielleicht so eine Art Einstellung, mit der das eigene Scheitern vorprogrammiert ist? Zum Beispiel: Ich gehe davon aus, dass andere Menschen mich ablehnen. Deshalb verhalte ich mich ihnen gegenüber so, dass sie es wirklich schwer haben, mich zu mögen. Oder: Ich bin so verbissen darauf konzentriert, alles richtig zu machen, dass es wirklich nur danebengehen kann. Wir sind auf das Misslingen konzentriert, sodass wir unsere Möglichkeiten und uns selbst blockieren. „Wir aber wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“ Das schreibt Paulus in seinem Brief an die Römer. Dieses Bibelwort wird oft ausgesucht als Spruch zur Taufe und zur Konfirmation oder als gutes Wort für das gemeinsame
Leben. Also: Statt Murphys Pessimismus nun der Optimismus des Glaubens? So einfach geht das nicht. Genauso wie Murphy ist Paulus Realist, der das eigene Scheitern und das Misslingen selber erlebt hat. Aber er hat eine Hoffnung. Auch in Fehlern und in Niederlagen kann etwas Gutes entstehen. Darum können wir gelassen annehmen, wo etwas nicht gelingt. Gott kann auch aus unserem Scheitern Gutes machen. Und da, wo etwas schief geht, sind manchmal eben auch andere da, die uns helfen, es gerade zu rücken. Oder die neu mit uns anfangen. Ich wünsche uns allen auf dem Weg durch das neue Jahr, dass wir uns im Vertrauen auf Gott nicht durch das blockieren, was nicht gelungen ist, und dass wir das Gute in unserem Leben dankbar sehen. Und ich wünsche uns, dass wir im Vertrauen auf Gott auch das Misslingen annehmen können. Vielleicht kann daraus manchmal mehr Gutes entstehen als aus dem, was wir richtig machen.

Von Andreas Scheepker, Pastor am Ulricianum Aurich und in der Arbeitsstelle für
Religionspädagogik

6. Januar 2018: „Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“

– mit der Jahreslosung für das Jahr 2018 aus dem Buch der Offenbarung (Offb. 21,6) grüße ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, herzlich zur ersten Andacht in der ON im neuen Jahr. Umsonst – dieses Wort fällt mir auf in der Jahreslosung. Umsonst – das ist ein Wort mit zwei Bedeutungen. Es kann eine negative Bedeutung haben im Sinn von vergeblich oder auch eine positive Bedeutung im Sinne von gratis. In der Jahreslosung ist natürlich die zweite Bedeutung gemeint: Gott will uns aus der Quelle des lebendigen Wassers umsonst, also gratis, geben, als ein Geschenk, das wir nicht bezahlen müssen, sondern das wir einfach so erhalten. Doch wenn ich etwas einfach so geschenkt bekomme, dann macht mich das erst einmal skeptisch. Ich lasse mich nicht gern beschenken. Ich muss doch etwas zurückgeben, wenn ich etwas bekomme – dafür bezahlen oder arbeiten, oder dem anderen auch ein Geschenk machen. Letztes Jahr hat mir jemand etwas zu Weihnachten geschenkt, dieses Jahr bekommt er euch etwas von mir. Wenn ich etwas umsonst erhalte von jemanden, den ich nicht kenne, dann macht mich das misstrauisch. Da muss es doch einen Hintergedanken geben. Im Leben ist schließlich sprichwörtlich nichts umsonst. Im Leben nicht, aber bei Gott schon. Gott will uns aus der Quelle lebendigen Wassers geben, und zwar allen, die durstig sind – und das ganz ohne Bezahlung, ohne Leistung, ohne Gegenwert, einfach umsonst gratis, geschenkt. Ja, liebe Leser, was uns bei unseren Mitmenschen manchmal unangenehm ist, dürfen wir bei Gott getrost annehmen. Gott will uns beschenken, einfach so, einfach, weil wir seine geliebten Kinder sind. Und Gott schenkt uns noch viel mehr: seine Gnade. Es gibt eben doch Dinge, die wir nicht kaufen können, sondern die wir nur als Geschenk erhalten und annehmen können. Gott sei Dank! In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Jahr 2018

Von Anika Langer, Pastorin in Engerhafe, Forlitz-Blaukirchen und Wiegbolsbur

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