Sonntagsbetrachtungen 2018

Worte zur Woche aus den Ostfriesischen Nachrichten

 

23. Juni 2018: B-Promis und Senfkörner

Den Namen des B-Promis habe ich längst wieder vergessen. Aber nicht diesen einen Satz, den er gesagt hat. Vor zwei Jahren war das. Er wurde gefragt: „Sie haben doch mit Kirche nicht viel am Hut. Warum lassen Sie Ihr Kind trotzdem taufen?“ Und er antwortete: „Ich hab’ ja noch so ´nen fünfprozentigen Restglauben…“

Zuerst war ich amüsiert, habe innerlich gespottet: So eine Unbedarftheit! Ärgerlich war ich auch irgendwie: Immer diese Leute, die sich um Kirche nicht viel scheren, wahrscheinlich längst ausgetreten sind. Aber zur Taufe (zur Hochzeit, zur Konfirmation ihrer Kinder…) sind sie plötzlich da.

Aber dann melden sich auch andere Stimmen in mir: Wer weiß denn, was der erlebt hat! Warum der am Glauben, an Gott zweifelt. Oder ob er jemals die Chance hatte, eine persönliche Glaubenserfahrung zu machen. Oder die Kirche von ihrer besten Seite zu erleben. Wer bin ich denn, das zu beurteilen. Das steht mir nicht zu.

Und dann fällt mir dieses Gleichnis ein. Jesus hat es erzählt: „Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn: Ein Mann nahm es und pflanzte es auf seinem Acker ein. Das Senfkorn ist das kleinste von allen Samenkörnern. Aber wenn eine Pflanze daraus gewachsen ist, ist sie größer als die anderen Sträucher. Sie wird ein richtiger Baum. Die Vögel kommen und bauen ihr Nest in seinen Zweigen.“ (Matthäusevangelium 13,31-33)

So kommt Gott uns Menschen nah: Unscheinbar, fast unmerklich, klein wie ein Senfkorn. Aber das kann wachsen, immer weiter. Und dann gibt es Schatten, Schutz vor der gleißenden Sonne, und Geborgenheit. So ist Gott. Fängt klein an. Und bewirkt Großartiges.

Und noch etwas sagt Jesus: „Wenn euer Glaube nur so groß ist wie ein Senfkorn, dann wird für euch nichts unmöglich sein.“ (Matthäusevangelium 17,20-21). Glaube, winzig wie ein Senfkorn. Ein fünfprozentiger Restglaube. Das reicht. Weil nicht ich es bin, der den Glauben macht. Weil nicht ich es bin, der mit meinem Glauben etwas macht. Gott macht etwas mit mir. Gott macht etwas aus mir.

Das tut mir gut! Vielleicht ist mir deshalb der Satz des B-Promis so im Gedächtnis hängen geblieben. Wahrscheinlich hat Gott da gerade mal wieder ein Senfkorn für mich gesät.

Von Peter Schröder-Ellies, Pastor in Aurich-Lamberti

16. Juni 2018: Christus sucht, weil er liebt

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Lukas 19,10
Wofür ist Christus eigentlich gekommen? Der Evangelist Lukas sagt dazu: Er, der Menschensohn, ist gekommen, um die zu suchen und selig zu machen, die verloren sind. Er ist nicht in erster Linie zu denen gekommen, die selbstsicher sind, die ihr Leben gut im Griff haben, die ihren Lebensplan erfolgreich umsetzen, die stark sind. In unserer Gesellschaft geht es oft darum, sich durchzusetzen, vieles zu besitzen, eine gute Position zu haben, anderen überlegen zu sein. Bei Gott ist es anders. Bei ihm gelten andere Maßstäbe. Christus ist für alle Menschen da, aber ganz besonders sucht er die Menschen, die in ihrem Leben auf Umwege oder sogar in Sackgassen geraten sind, die sich verloren fühlen, die verunsichert sind, die nicht wissen, welchen Weg sie einschlagen sollen. Diese Menschen sucht der Menschensohn, dort, wo sie sind, sagt Lukas. Er will sie selig machen, ihnen seine gute, heilende Nähe schenken und mit ihnen einen guten Weg für ihr Leben finden. Gott sucht uns, und wie finden wir unseren Weg zu ihm? Was ist dabei hilfreich? Was ermöglicht uns einen Zugang zu ihm? Das Wohltuende an dem Spruch von Lukas ist, dass wir selbst gar nicht so viel tun müssen. Sondern Christus macht sich selbst auf den Weg, um uns zu finden. So wichtig sind wir ihm. Es gibt niemanden, der so klein oder unbedeutend ist, dass Christus ihn oder sie übersieht. Im Gegenteil: Er geht gerade zu denen, die sich verirrt haben, wie das eine Schaf, das sich verirrt hat und das es vielleicht in der Meinung der anderen 99 Schafe nicht wert ist, dass man ihm hinterhergeht. Aber Christus sucht genau dieses Schaf, weil es ihm unendlich wertvoll ist. Er fragt nicht, welchen Rang und Namen ein Mensch in der Gesellschaft hat. Er sucht, weil er liebt. Er sucht mich, weil er mich liebt. Er sucht dich, weil er dich liebt. An uns liegt es, sich auch von ihm finden lassen zu wollen.
Von Sunnive Förster, Seelsorgerin in der Ubbo-Emmius-Klinik Aurich

9. Juni 2018: Auf der Suche nach Freude

„Geh aus, mein Herz, und suche Freud …“ – So dichtet Paul Gerhard in seinem tollen Lied aus dem Jahr 1653. Es gibt noch 14 weitere Strophen – wenn man sie alle singt, ist man eine Weile beschäftigt. Aber es macht Spaß. Es ist eines dieser zeitlosen Lieder, die Zeilen lesen sich fast märchenhaft. Ein Wort aus der ersten Strophe gefällt mir besonders gut. Es ist das Wort „suche“. Suche Freud, lieber Mensch! Warte nicht, bis sie sich irgendwann einstellt und du dann seufzend sagst, dass du ja so lange auf die Freude gewartet hast. Suche sie! Geh raus!

In diesen Sommertagen kann man viel Freude finden, wenn man sie sucht. Ist das so? Stimmt das auch, wenn die Sorgen um unser Leben oder Menschen, die wir lieb haben, übermächtig scheinen? Ich glaube schon. Ich habe schon viele Menschen mit wirklich großen Sorgen getroffen. Und viele von ihnen haben gesagt, dass sie trotz allem die Freude suchen wollen und sie dann manchmal auch finden. Das ist sehr tröstlich und ich möchte das auch lernen.

Wir wollen die Freude hier bei uns suchen. Und wenn wir um jemanden wissen, der das selbst gerade nicht kann, dann können wir ihr oder ihm ein wenig Freude bringen. Nichts, aber auch gar nichts, wird leichter, wenn wir die Freude aussperren. Wenn die Schatten übermächtig werden, kann eine Blume Wunder bewirken. Auch, wenn wir wissen, dass es Menschen gibt, deren Kummer so groß ist, dass sie nicht mehr aufstehen können. Für manche ist der Sommer Urlaubszeit. Ich möchte aber auch einen Alltag haben, der das ganze Jahr lebenswert ist. „Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum … und lass mich Wurzel treiben.“ Das ist aus Strophe 14. Ich wünsche uns allen einen gesegneten Sommer. Denen, die reisen, ebenso wie denen, die bleiben. Möge Gott in allem Schweren und Schönen spürbar nahe sein.

Von Martin Kaminski, Kirchengemeinde Marcardsmoor

2. Juni 2018: Glaubensheiterkeit

Auf der Suche, was ich den neuen Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorstehern für ihre Amtszeit wünsche, bin ich fündig geworden: Glaubensheiterkeit. In dem Pfingstlied „Geist des Glaubens, Geist der Stärke“, Evangelisches Gesangbuch Nummer 137, Strophe 8 taucht das wunderbare Wort plötzlich auf: „In dem rasenden Getümmel schenk uns Glaubensheiterkeit.“
Philipp Spitta hat dieses Lied 1833 geschrieben. Um Glaubensheiterkeit dürfen wir Gott bitten, 1833 oder 2018, singend und betend. Gott möge sie uns schenken. Mitten im rasenden Getümmel.
Manche gehen mit offenen Fragen in ihr Amt: Was kommt da alles auf mich zu? Wie viel Zeit muss ich investieren? Bringe ich genügend Kompetenz mit? Bin ich zu alt? Bin ich zu jung? Wo soll ich mich besonders einsetzen? In der Diakonie, im Kindergottesdienst, in der Lektorenarbeit? Was ist mit den Jugendlichen, den älteren Menschen, den Neuzugezogenen, den jungen Familien? Wie steht es mit der Dienstaufsicht, den Finanzen, dem Friedhof? Und was gibt es eigentlich noch alles?
Ich wünsche allen, die in diesem Monat ihr wichtiges Ehrenamt beginnen, Freude im Glauben (Philipper 1,25), Gottes reichen Segen und Glaubensheiterkeit.
Mitten im Getümmel der Sitzungen, Aktionen und Projekte. Glaubensheiterkeit erbitten wir, erhoffen wir sehr, denn sie wird uns davor schützen, uns zu verzetteln oder zu überfordern.
Kein Mensch kann alles gut. Aber jeder hat Stärken. Also wird die Arbeit aufgeteilt.
Wer an einer bestimmten Aufgabe Spaß und Freude hat, übernimmt da Verantwortung. Das ist schon einmal ein guter Start. Mit getroster Gelassenheit beginnen wir, zum Wohle der Gemeinden. Das richtige Tempo wird sich finden. Schneller als die Schnecke wäre gut, Lichtgeschwindigkeit wird nicht erwartet.
Die Kirchenvorstände leiten zusammen mit dem Pfarramt die Gemeinde. Das ist eine wichtige und schöne und anstrengende Aufgabe. Die Rechtfertigung allein durch den Glauben, allein aus Gnade ist dabei eine große Hilfe.
Die Rechtfertigungslehre ist die Schule der Glaubensheiterkeit, der Befreiung und der Freiheit. Dem Zeitgeist in wundervoller Weise diametral entgegengesetzt: Glaube Gott, erwarte alles von Ihm! Mach Deine Sachen gut, aber versuche nicht, Gott oder andere Menschen damit zu beeindrucken. Schau auf Jesus Christus. Vertraue Ihm. Bitte Gott um Hilfe: Komm Schöpfer. Heiliger Geist! Er schenkt Glauben, wo und wann er will. Glauben und Glaubensheiterkeit: Durch die Dinge hindurchsehen. Nichtiges erkennen und nicht mehr ernst nehmen, nicht mehr beachten, ablegen. „Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben.“ (Römer 1,16).
Glaubensheiterkeit allen in unseren Kirchengemeinden, mit oder ohne Ehrenamt! In dem rasenden Getümmel, mitten in der Angst der Welt, da wartet Gott, unsere Zuversicht und Stärke.

Von Christoph Schoon, Pastor in Timmel und Mittegroßefehn

26. Mai 2018: Staunen über Gott

Mai ist ein herrlicher Monat zum Geburtstagfeiern. In unserer Familie feiern wir zu viert. Schön ist es, wenn nach einem sonnigen Tag nach und nach die Gäste im Garten ankommen. Blühende Büsche verbreiten einen angenehmen Duft, das grüne Gewölbe des Blätterdachs ehrwürdig alter Bäume breitet sich über uns aus. Wir setzen uns. Die Tische sind reich gedeckt: Frische Salate und Teigtaschen lassen das Wasser im Mund zusammenlaufen. Vom Grill her riecht es lecker. Heitere Gespräche weben sich in den lauen Abend. Schön, alle wiederzusehen, zu hören, wie es ihnen geht, was sie beschäftigt. Aus manchen Gesprächen nehme ich etwas an Lebenserfahrung für mein eigenes Leben mit. Als ich später Altes abräume und Neues nachlege, finden sich unerwartet Hände, die mittun, sodass keiner lange wegbleiben muss. An Pfingsten feiern wir den Geburtstag der Kirche.

Am kommenden Sonntag Trinitatis, dem Fest der Dreieinigkeit, sind sie alle beisammen: Gott-Vater, der uns als Schöpfer in all seiner Herrlichkeit begegnet, Gott-Sohn, der uns auf die Spurensuche nach Gottes Liebe mitnimmt und sie für uns lebt und Gott-Heiliger Geist, die Kraft Gottes, die in uns wohnt, uns zusammenführt und uns stark macht, Gottes Liebe zu leben und weiterzugeben. Ich finde, da passt es, dass wir in unserer St.-Jürgen-Kirchengemeinde Goldene Konfirmation feiern. Ein Fest der Wiederbegegnung und ein Fest, an dem wir uns aufs Neue unter Gottes Segen stellen. Sicher wird es spannende Gespräche geben und vielleicht werde ich eine Geschichte aus Afrika erzählen: Der alte Mann heißt Daniel und glaubt an Gott. Eines Tages fragt ihn jemand, der sich über ihn lustig machen möchte: „Woher weißt du denn, Daniel, dass es einen Gott gibt?“ Daniel antwortet: „Woher weiß ich, ob ein Mensch oder ein Hund oder ein Esel nachts um meine Hütte gegangen ist? An den Spuren im Sand sehe ich es! Auch in meinem Leben sind Spuren eingedrückt — Spuren Gottes!“ Als die Gäste nach unserer Gartenparty müde werden und aufbrechen, verabschieden wir uns herzlich.

Auch das Fest an Trinitatis wird zu Ende gehen. Anders aber als an der Gartenpforte, wird es gegenüber Gott ein herzliches: „Schön, dass du da (gewesen) bist!“ werden, verbunden mit einem Staunen über Gott, „von dem, durch den und zu dem hin alles ist, was ist“. Röm 11,36.

Von Christiane Schuster-Scholz, Pastorin in Holtrop

19. Mai 2018 Pfingsten: Aus weiter Ferne und doch ganz nah

Es wäre so leicht
wenn die Taube käme
über das Meer
der Sehnsucht
und mit dem Flügelschlag
der Liebe
die Asche wieder
zum Glühen brächte.

Es wäre so leicht
wenn die Taube käme
und über das Meer
mit zartem Flügelschlag
Hoffnung wecken würde.

Uns bleibt die Bitte
komm Heiliger Geist
und verwandle die Herzen
deiner Gläubigen

Am Pfingstfest dürfen wir Gott wieder darum bitten, dass er uns nahe kommt. Dass er seine Liebe ausgießt in unsere Herzen und uns durch seinen Heiligen Geist verwandelt. Pfingsten feiern wir, wie Gott aus weiter Ferne uns doch so nah ist.
Auf das Pfingstfest freue ich mich ganz besonders, wenn ich die Taube über das Meer der Sehnsucht kommen sehe und sie mit dem Flügelschlag der Liebe unsere Asche wieder zum Glühen bringt. Dann können wir gemeinsam mit dem Apostel Paulus einstimmen in die Worte, die er an die Gemeinde in Rom schrieb: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“ (Römer 5,4)

Von Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent des Sprengels Ostfriesland-Ems

12. Mai 2018: Höre mich!

Es ist kurz nach vier Uhr morgens, als ich aus dem Schlaf gerissen werde. Bis zum Sonnenaufgang dauert es noch, erst ganz wenig Licht kündigt den Tag an. Und dann ist da diese Stimme von draußen, die mich geweckt hat. Vor meinem Fenster im Busch sitzt ein Vogel und begrüßt laut singend die Welt.

Der frühmorgendliche Vogelgesang ist für mich einer der schönsten Frühlings- und Frühsommerboten. Auf der Internetseite des Nabu kann man in einer „Vogeluhr“ sehen, welcher Vogel wann singt und sich zugleich den Gesang auch anhören. Morgens im Bett entdecke ich dann manche bekannte Stimme wieder. „Hier! Hört mich! Ich bin da!“, scheinen die Vögel zu singen.

Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei gnädig und erhöre mich! – so schreibt es der Beter im 27. Psalm. Dieser Satz ist der Namensgeber für den Sonntag Exaudi – Exaudi bedeutet „Höre“. Es ist der Sonntag zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Jesus ist nicht mehr da, er ist in den Himmel aufgefahren. Der Tröster, den Jesus versprochen hat, der Heilige Geist, ist noch nicht da. Wir sind grade dazwischen und warten. Da kann es wichtig sein zu rufen und Gott zu sagen: „Herr höre meine Stimme! Siehst du? Hier sind wir!“

Zu Gott kann man auf ganz unterschiedliche Weise rufen: laut und leise, im Gebet oder im Gespräch, in der Kirche oder draußen. Aber eine, finde ich, besonders schöne Art zu Gott zu rufen ist zu singen. Für jede Stimmungslage gibt es ein Lied und auf die richtigen Töne kommt es dabei gar nicht so an. Denn Gott hört meine Stimme. Ebenso, wie ich die Stimmen der Vögel höre, die draußen vor dem Fenster singen: Hier bin ich! Herr, höre meine Stimme!

Pastorin Antje Wachtmann, Referentin für Kirche im Tourismus in der Region Nord der Evangelisch-lutherischen Landeskirche

10. Mai 2018 Himmelfahrt: offenes Fenster in eine andere Dimension

Man mag zu Himmelfahrt stehen wie man will: das Fest ist ein Hinweis auf die Begrenzung unserer Sinne. Vor allem unseres Sehsinns. Üblicherweise glauben wir nur das, was wir sehen. Doch an diesem Tag liegt schon im Namen „Himmelfahrt“ der Hinweis auf eine andere Dimension. Jesus Christus fährt nicht in die Erde (was ja gewissermaßen ein Gegensatz zum Himmel wäre) und schon gar nicht in die Hölle (wenngleich in manchen Teilen der christlichen Geschichte eine vorübergehende Höllenfahrt Christi eine gewisse Rolle spielt). Jesus fährt in den Himmel und öffnet damit unsere Wahrnehmung gleichzeitig für eine andere Ebene. Auch wenn gerade damit viele Menschen Probleme in ihrer Vorstellung haben: der Himmel steht dafür, dass das Leben größere, weitere, höhere und tiefere Dimensionen hat als das, was uns vor Augen (und vor Ohren) ist. Diese weiteren Dimensionen können auch der Antrieb sein z.B. für Kunst (ob Musik, Tanz, Darstellende Kunst), die einen weiteren Raum öffnen will. Oder für Meditation, die diesen weiteren Raum versucht zu betreten. Die Religionen sind seit jeher dafür sensibilisiert, dass es neben der sichtbaren Welt auf Erden noch andere Ebenen gibt. Unser alltäglicher, menschlicher Blick in den Himmel ist dafür ungewollt ein wunderbares Gleichnis. Tagsüber sehen wir begrenzt entweder Wolken (die dann z.B. 2 km weit entfernt sind) oder den blauen Himmel (der nichts anderes ist als die von der Sonne angestrahlte und leuchtende Erdatmosphäre, ca. 15 bis 500 km entfernt). Doch nachts sehen wir bei klarem Himmel entgrenzt noch einmal eine ganz andere Dimension. Wir können dann durch die Atmosphäre hindurchsehen und erreichen dann Sichttiefen zu Sternen, deren unvorstellbare Entfernung in Lichtjahren angegeben wird. Himmelfahrt ist ähnlich: ein Blick über unsere Grenzen hinaus und gleichzeitig noch etwas ganz anderes als die Fahrt Jesu in den astronomischen Himmel. Die Himmelfahrt Jesu öffnet für andere Dimensionen. Kann uns das etwas sagen? Ja, unbedingt! Denn unser Leben, unsere Wahrnehmung ist immer begrenzt, so grenzenlos wichtig wir Menschen uns oft auch vorkommen mögen. Die Welt Gottes ist größer, weiter, höher, tiefer – und manchmal sogar näher als wir glauben.

Pastor Jörg Schmid, Ev.-ref. Kirche Aurich und Krankenhausseelsorge UEK Aurich

5. Mai 2018: Nicht sehen und doch glauben

„Ich glaube nur, was ich sehe“, tönt Alexander wieder einmal. Ich rolle mit den Augen. Wann immer er mich trifft oder jemand auf Gott zu sprechen kommt, sondert er diesen Blödsinn ab. Ich habe das Gefühl, ihm schon viele hundert Mal erklärt zu haben, dass es nicht stimmt.

„Alexander, wenn du nur glauben würdest, was du siehst, dann müsstest du glauben, dass die Erde eine Scheibe ist. Oder hast du die Erde schon mal aus dem Weltraum gesehen? Als Kugel?“ Hat er natürlich nicht. Er glaubt den Büchern, der Wissenschaft und den Wissenschaftlern. Alexander ist nicht blöd, aber er kann beim besten Willen nicht sehen, wie die Welt aussieht oder wie sie entstanden ist. Er glaubt, dass die Theorien vom Urknall und der Evolution stimmen. Ich auch. Aber Alexander und ich wissen es nicht, niemand weiß es.

Es sind Theorien. Wer nicht gerade Astrophysiker ist, kann die Wahrscheinlichkeit dieser Theorien kaum nachprüfen. Auch zur Zeit Jesu gab es Menschen, die nur glaubten, was sie mit eigenen Augen gesehen hatten. So auch Thomas, ein Jünger Jesu. Nach dessen Kreuzigung konnte er nur glauben, dass Jesus auferstanden ist, als er seine Wundmale an Händen und Füßen mit eigenen Augen sah. Den anderen Jüngern glaubte er nicht, dass Jesus auferstanden ist. Jesus sagte schließlich zu ihm: Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

Alexander unterstellt mir, dass ich nur an Gott glauben würde, damit ich nicht so viel nachdenken muss. Was auch immer wir gläubige Menschen nicht verstehen oder verstehen wollen, könnten wir ja bequem dem Herrgott in die Schuhe schieben und dann hätten wir unsere Ruhe, meint Alexander. Dabei ist er es doch, der nicht so gerne nachdenkt. Schon gar nicht über Religion. Glauben geht nicht, ohne darüber nachzudenken – am besten miteinander. Sonst könnte sich tatsächlich jeder sein eigenes wirres Zeug zusammenglauben: Elvis lebt. Die Erde ist eine Scheibe. In Physik habe ich eine Fünf geschrieben, weil ich meinen Glücksbringer nicht mit hatte.

Morgen bekennen sich viele Jugendliche in der Konfirmation zu ihrem Glauben an Gott. Sie haben in der Konfirmandenzeit ihren Glauben mit anderen geteilt und über ihren Glauben nachgedacht. Das Nachdenken führt zum Glauben. Hoffentlich auch zum Glauben an Dinge, die man nicht sieht: Die Liebe. Die Würde. Der Trost. „Alexander, uns allen wäre wohler, wenn du mehr glauben würdest, was du nicht siehst.“

Von Sabine Bohlen, Pastorin in Wiesmoor

28. April 2018: „Kantate“ – singet!

Gestern hatte er alles abgearbeitet, die letzten Verträge in den Ordner geheftet. Endlich Urlaub, endlich freie Zeit. Er atmete tief durch und beschloss, früh schlafen zu gehen. Am nächsten Morgen war alles perfekt: Die Sonne schien, nein sie strahlte! Das Thermometer zeigte sommerliche Temperaturen, zartes Grün kleidete Büsche und Bäume. Beschwingt hob er sich aus dem Bett, stellte die Kaffeemaschine an und stieg unter die Dusche.

Und plötzlich war er da: der Ton, der tief aus seinem Herzen in die Freiheit drängte. Er staunte über sich selbst, denn er sang plötzlich laut und sehr innig. Da war ein Lied, das er im Kopf sorgsam verwahrte, das summte und von der Freude des Lebens erzählte: „Geh aus mein Herz und suche Freud, in dieser lieben Sommerszeit.“

Zunächst summte er es, dann fiel ihm der Text ein. Er staunte, dass er dieses Kirchenlied noch kannte. So viele Jahre waren seit dem letzten Mal, an das er sich erinnern konnte, es gesungen zu haben, verstrichen. Plötzlich war es da. Und mit dem Lied schwangen auch große Dankbarkeit, gelassene Fröhlichkeit und kindliche Freude mit. In ihm wurde das Leben angestimmt wie die Saite einer Gitarre. Er konnte nicht mehr still sein und nur Worte hätten ihm nicht gereicht. Er wollte kein fremdes Gedudel aus dem Radio, er wollte selbst singen. Und er sang. Es tat gut. Es tat einfach gut und so fiel es ihm leicht, von Gott zu singen.

Kantate! Singt, dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. Ob er schön oder richtig sang, war nicht wichtig. Heute hatte sein wunderbarer Tag eine Ursache und eine unbändige Kraft. Dieser Tag wurde größer als er selbst. Singen wurde zum hörbaren Staunen: Ich singe mit, wenn alles singt und lasse, was dem Höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen. Aus meinem Herzen rinnen. „Kantate“ – singet!

Von Silke Kampen, Pastorin in Egels, Popens und Wallinghausen

21. April 2018: Vorbilder im Alltag

Wann haben Sie zuletzt gejubelt? Und warum bzw. zu welchem Anlass? Über den Urlaubsbeginn, einen Gewinn oder eine gute Schulnote bzw. ein Lob vom Chef oder der Chefin? Ums Jubilieren geht es am Sonntag. Jubilate – so heißt dieser Sonntag nämlich und das lateinische Wort bedeutet übersetzt: Jubelt!

Jubeln – am Samstag werden wir ihn wieder hören aus den Fußballstadien bzw. auf den Fußballplätzen. Hier bei uns in Ostfriesland natürlich auch beim Boßeln auf den Straßen.
Worüber kannst du jubeln? Was lässt dich in deinem Leben jubeln? Häufig feiern wir Jubiläen – persönliche oder auch als Paar oder Firma, Chor oder Verein. Besondere Tage sind dies, Festzeiten, die viel bedeuten und geben können, von denen wir zehren können in der darauffolgenden Zeit.

Wo jubeln wir? Im Stadion, im Konzert – manchmal vielleicht auch in der Kirche, aber wohl eher selten. An diesem Sonntag dürfen wir es aber.

Was ist wohl das Gegenteil von jubilieren? Wem nicht danach zumute ist zu jubilieren, der mag aus welchen Gründen auch immer ängstlich, traurig, depressiv, eher leblos sein. Solche Zeiten im Leben gibt es auch – und dann sehnen wir uns danach, eines Tages wieder jubilieren zu können, auch wenn das in diesen Momenten unerreichbar zu sein scheint. Ich wünsche Ihnen und euch Zeiten des Jubilierens und dass die Sehnsucht danach nie verloren geht. Einen guten Sonntag!

 Von Pastorin Anita Schürmann, Schulpastorin an der BBS 2 in Leer und Mitarbeit im Kirchenkreis Aurich

 14. April 2018

„Autoritär“ ist etwas anderes als „autoritativ“. Das habe ich in meiner Ausbildung gelernt. Gemeint war der Unterschied zwischen einem Verhalten, das allein aufgrund der Position oder des Lebensalters Respekt und Gehorsam einfordert und einem Verhalten, das durch Umgangsform, Argumentation und Kompetenz beim Gegenüber Respekt und Akzeptanz zu erlangen sucht. Klingt schlau und war damals (Anfang der 1980er) die strahlende Erkenntnis der modernen Pädagogik. Ich wage zu behaupten: gar nicht so neu. Denn Ähnliches findet sich schon in der Bibel. Im 1. Petrusbrief ist zu lesen (Kapitel 5, 1ff), dass die „Ältesten“, also jene, die Verantwortung für andere tragen, es freiwillig tun sollen, von Herzensgrund, nicht um schändlichen Gewinns willen, nicht um zu herrschen, sondern als Vorbilder. Wie viel habe ich von Menschen gelernt, die ihre Erfahrungen im Leben und im Glauben reflektiert hatten und frei davon erzählen mochten; von Irrwegen und Offenbarungen, von Glücksmomenten und Zweifeln, von Gelingen und Scheitern. Nicht der Pastor, für den der auswendig gelernte Psalm 23 zu einem „guten Christen“ gehörte, hat mich als Konfirmand überzeugt, aber der „alte“ Mann, der uns erzählte, wann und warum dieser Psalm für ihn so wichtig geworden war, dass er seine Worte nicht mehr vergessen konnte. Dieser Mensch war ein Vorbild, eine „Autorität des Glaubens“. Auch Sie sind eine „Autorität des Glaubens“, wenn Sie Ihre Geschichte mit Gott (bzw. Gottes Geschichte mit Ihnen) offenherzig und authentisch erzählen. Versuchen Sie es einfach! Und wenn Sie hören, was Andere zu erzählen haben, entdecken Sie vielleicht ganz unerwartet die eine oder andere „Autorität des Glaubens“ in Ihrem nahen Umfeld. Angeregte Sonntagsgespräche wünscht Ihnen

Ihr Torsten Hoffmann, Diakon im Kirchenkreis Aurich

7. April 2018: Weinen oder Lachen

Liebe Leserin und lieber Leser, das war ein aufregender Tag für Finn aus Uthwerdum. Er ist nun schon fünf Jahre alt und machte am Dienstag zum ersten Mal bei unserem Kinderkirchentag mit. Was für ein wunderbares Gewimmel und Gewusel, wenn 130 Kinder und 30 Leute aus dem Team unsere Kirche bevölkern!
„Du bist einmalig – Gott hat Dich wunderbar gemacht!“ lautete das diesjährige Thema. Bei der Eröffnungsandacht durften alle zunächst einmal in einen Spiegel blicken. Dann gab es Beispiele dafür, wie einzigartig wir sind. Zum Beispiel können wir das ja am Fingerabdruck erkennen. Der ist bei allen Menschen auf der Welt wirklich unverwechselbar. Und immer wieder zeigten die ausgestreckten Zeigefinger unserer Mitarbeiter auf die Kinder: „Du bist einmalig – Gott hat Dich wunderbar gemacht!“
Finn ruckelte auf seinem Platz hin und her. Hinter seiner Stirn arbeitete es mächtig. Dann sprang er hoch und rief: „Das ist nicht richtig! Laura fehlt!“ Für einen sehr kurzen Moment schien danach alles in Ordnung. Dann hörten wir wieder seine Stimme: „Das ist nicht richtig! Keno fehlt!“
Zugegeben: Wir haben nicht gleich begriffen, was Finn meinte. Aber da kam er schon mutig vor den Altar angestiefelt. Ganz schnell hat er uns erklärt, dass es ihm um die Kinder ging, die am Dienstag nicht dabei waren. Für Finn war das ganz wichtig, dass sie auch einmalig sind, von Gott wunderbar gemacht.
Was haben wir doch für tolle Kinder, liebe Leser! Wie viel können wir von ihnen lernen. Finn hat ein ganz feines Gespür dafür, dass nicht nur er selbst, sondern auch die anderen zählen. Dass er selbst einmalig ist und Gott hat ihn wunderbar gemacht, das ist prima. Aber was ist mit Laura und Keno, mit denen, die wir gerade nicht vor Augen haben? Für die gilt das doch genauso gut!
Es gibt eben nicht nur mich. Es gibt auch die anderen. Es macht mich stark und selbstbewusst, dass Gott mich gerade so haben möchte, wie ich bin – mit all meinen Stärken und all meinen Schwächen. Aber das ist nicht alles. Es macht mich so stark, dass ich nicht nur mich selbst sehe, sondern auch die Leute um mich herum im Blick behalte und ihnen mit Respekt begegne.
Im 1. Johannes-Brief, Kapitel 3 Vers 1 heißt es: Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen – und wir sind es auch! Als Gottes geliebte Kinder leben wir aus der Liebe und geben sie in Wort und Tat weiter. Daraus wächst Gemeinschaft und ein gelingendes Miteinander. Und das brauchen wir. Denk dran: Du bist einmalig, Gott hat Dich wunderbar gemacht. Und Laura und Keno und all die anderen auch! Amen.

Von Andrea Düring-Hoogstraat, Pastorin in Victorbur

31. März 2018: Weinen oder Lachen

„Ich weiß nicht, ob ich weinen oder lachen soll“, sagt sie. Sie sieht das Leben ihres Bruders. Dieser lebensfrohe Mann. Diese Kraft. Dann diese Krankheit, die ihn plötzlich aus allen Lebensbezügen reißt. Er ist tot. Nicht wirklich alt geworden. Aber viele Erinnerungen. Sie erzählt: Schönes. Lustiges.

Das bleibt ihr. Das will sie in ihrem Herzen festhalten. Unbedingt. Und jetzt dieses schnelle Ende. Schneller, als es ihre Seele begreifen kann und will. Traurig. Unendlich traurig. Das Leben kann hart sein, so hart. „Ich weiß nicht, ob ich weinen oder lachen soll“, sagt sie. Beides ist ihr nahe. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt.

Zwischen Karfreitag und Ostern: Heute ist so ein Tag, Karsonnabend. Den Schrei des Sterbenden noch im Ohr: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Er bekommt keine Antwort. Stille. Stiller Freitag. Schwer auszuhalten, besonders in besinnungslosen Zeiten. Es ist in unserem Leben und in unserer Welt nicht alles so, dass wir jeder Zeit lachend und tanzend darüber hinweggehen könnten.

Und auch nicht einfach darüber hinweggehen sollten. So viele Menschen leiden, hier und weltweit. Sehen wir sie. Hören wir sie. Besuchen wir sie. Achten wir sie. Fragen wir sie, was sie benötigen und was ihnen guttut. Und wir selber – leiden doch auch. Manches ist schwer, schwer zu ertragen. Es ist so. Krankheit, Krieg, Krux, Krawall …

Unsere Gesellschaft wird durch solch mitfühlende Zeit reicher. Unser eigenes Leben gewinnt neue Tiefe. Auch das Schwere sehen und hören wollen. Und es aushalten. Nicht Karfreitag, nicht Karsonnabend, nicht Tag für Tag einfach weitermachen wie immer. Nicht nur feiern. Nicht immer tanzen. Das Leben ist nicht jeden Tag Kabarett und leicht.

Unser Innehalten ist sogar gesetzlich geschützt. Eine Zumutung. Ja, es wird uns zugemutet, sich dem Schweren zu stellen und nicht einfach darüber hinwegzugehen und darüber hinwegzusehen. Ich bin dankbar und froh, in einer Gesellschaft zu leben, die dieses Innehalten noch aufrechterhält.

Ich bin überzeugt, dass es uns und unserer Welt besser geht, wenn wir solche Zeiten bewusst einhalten und sie gestalten. Es schärft unsere Sinne. Wir achten aufeinander. Wir sehen das Leid. Wir sehen, was sich ändern muss.

Für uns Christen folgt dann schon in der nächsten Nacht nach der großen Stille das große Staunen. Gottes „Ja“ zum Leben. Der Stein ist vom Grab weggewälzt. Und andere Steine fallen vom Herzen. Die Frauen entdecken es dann am Ostermorgen als Erste auf dem Friedhof: Der Tod ist besiegt. Das ist dann wirklich ein Grund zum Feiern. Und zum Tanzen.

„Ich weiß nicht, ob ich weinen oder lachen soll“, sagt sie. So ist das Leben. Beides gehört dazu. Aber am Ende wird für uns die Freude stehen. Pure Lebensfreude. Gottes Geschenk.

Von Tido Janssen, Pastor in der Lamberti-Gemeinde in Aurich und Superintendent im Kirchenkreis Aurich

25. März 2018: Der Esel führt zum Ziel

In vielen Gottesdiensten werden wir morgen hören, wie Jesus begeistert empfangen wurde, als er damals in Jerusalem einzog. Auf ein Detail will ich hinweisen: Jesus saß dabei auf einem Esel, einem ganz gewöhnlichen Tier. Auf diesem Esel sucht Jesus den Weg zu den Menschen, um ihnen Gottes Liebe bis aufs Blut zu zeigen. Das steht ihm in den kommenden Tagen ja bevor, dass er gemobbt, gedemütigt und zu Tode gebracht wird. Damit für seine Freunde der Weg zu Gott frei wird. Der Esel trägt ihn zu dieser Aufgabe. Nein, ein Esel bin ich nicht und ein Esel sind Sie auch nicht, liebe Leserin, lieber Leser. Aber die Aufgabe, die dieser gewöhnliche Esel übernimmt, die können wir auch übernehmen: dass die gute Nachricht von Jesus Christus zu den Menschen kommt. Damit sie fröhlich werden. Kraft bekommen. Mutig werden und zuversichtlich. Das können Sie, auch wenn Sie nicht Theologie studiert haben und nie auf einer Kanzel stehen werden! So wie kein prachtvolles Ross Jesus trug, sondern ein normaler, gewöhnlicher Esel. Ich denke an eine Oma, die für ihr Enkelkind betet, das in der kommenden Woche operiert werden muss. So hilft die Oma dabei, dass Jesus bei ihrem Enkelkind seine Kraft erweist. Anders gesagt: Sie bringt Jesus dorthin, wo er jetzt gebraucht wird. Oder ich denke an den Mann, der sich von seinem bisschen Freizeit jede Woche etwas abknapst, um im Chor seiner Kirchengemeinde mitzumachen. Dadurch hilft er, dass auf musikalische Art Jesus zu den Menschen kommt. Und ich denke an die, die als Patin oder Pate versprochen haben, dafür zu sorgen, dass ihr Patenkind in die christliche Gemeinde hineinwachsen kann. Wenn sie ihrem Patenkind eine Kinderbibel schenken und vielleicht sogar selber daraus vorlesen, dann bringen Sie damit Jesus selbst zu ihrem Patenkind. Alles nichts Spektakuläres. So, wie ein Esel nichts Spektakuläres ist. Aber er ist da, als Jesus ihn braucht, um ihn zu denen zu bringen, denen seine Liebe gilt. Dazu können wir uns zur Verfügung stellen, auch wenn wir keine Esel sind.

Von Hermann Reimer, Pastor in Spetzerfehn

18. März 2018: Gott im OP

In ziemlichem Tempo wird mein Bett durch die Flure des Krankenhauses geschoben. Empfang durch das OP-Team. „Was soll bei Ihnen gemacht werden?“ Zwischendurch umsteigen aus dem Krankenbett auf den OP-Tisch. Man gibt sich viel Mühe, ist nett und höflich, stellt Fragen, nicht nur medizinischer Art. „Sie sind Pastor? Ah ja. Wo? Machen Sie mal den Mund auf.“ „Sie wollten wohl immer schon mal einem Pastor in den Hals gucken.“ Gelächter. „Wie lange brauchen Sie für das Schreiben einer Predigt? Was ist Ihr Lieblingsweihnachtslied?“ Da liegt man also sehr reduziert vor bis dato unbekannten Menschen, die an einem „herumschnippeln“ wollen und sie stellen unerwartete Fragen. „Wie groß ist Ihre Gemeinde? Wie viele davon kommen denn so? Unterschiedlich, ah ja. Machen Sie mal den Mund auf.“ Irgendeine Zahl wird genannt. Es geht um die Narkose. „Wir machen auch mal etwas Besonderes.“ „Ja, was denn?“ „Gottesdienst im Freien, an besonderen Orten oder demnächst einen Tango-Gottesdienst.“ –„Was ist das denn?“ „Wo sonst gesungen wird, wird da getanzt. Oh, jetzt merke ich die Wirkung der Narkose….“ Und dann bin ich weg. Als ich aufwache, ist alles vorbei. Die Operation ist gut verlaufen. Obwohl diese OP heutzutage Standard ist – ein Wagnis ist es doch, sich anderen anzuvertrauen. Sie haben ihre Sache gut gemacht. Die Gespräche rundherum haben mir noch einmal gezeigt: Im Alltag stecken Fragen nach Glauben, Überzeugungen und der zugehörigen Praxis, Notwendigkeit von Vertrauen und einfach eine Frage: Was ist der Mensch und was tut Gott dabei? Darüber musste ich noch einmal sehr nachdenken. Ich bin rundum angetan von all dem, wie es gelaufen ist. Gott segne diese Menschen, denen ich da kurz sehr nahe war. Ich glaube, er war auch mit dabei.

Von Roman Ott, Pastor in Plaggenburg

11. März 2018: Konfirmation

Christus sagt: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es
allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“
Johannes 12,24.
An den kommenden Sonntagen werden in unseren Kirchen wieder viele junge Menschen konfirmiert. Mit ihrer Konfirmation bestätigen sie, sich Gott auf ihrem Lebensweg anzuvertrauen und mit seiner spürbaren Gegenwart in ihrem Leben zu rechnen. Sie möchten versuchen, mithilfe der zehn Gebote ihr Leben auszurichten und Jesus als Vorbild für ihr eigenes Denken und Handeln anzunehmen. In ihrem Alltagsleben sieht es oft ganz anders aus: Die Jugendlichen erleben Leistungs- und Erfolgsdruck an ihren Schulen. Der Schlaue setzt sich durch. Leistungsstärke wird belohnt. Nicht mitzukommen oder sogar von Mitschülern wegen einer Schwäche verspottet zu werden, ist unerträglich. Opfer zu sein ist uncool, „du Opfer!“ ein verbreitetes Schimpfwort. Sie erleben – ob z. B. in Sportübertragungen, der Wirtschaft oder der Politik der ‚großen‘ Leute: Wer betrügt und sich mit unfairen Mitteln im hartgeführten Konkurrenzkampf einen Vorteil zuungunsten anderer erschleicht, hat zumindest einen kurzfristigen Erfolg, der wird manchmal sogar als cool und gerissen bewundert. Jesus stellt diese Denkweise mit seinem ganzen Leben auf den Kopf. Obwohl er von Gott mit Vollmacht ausgestattet ist, nutzt er diese Gaben ausschließlich zum Vorteil und Heil für andere. Er kam, um zu helfen. Und zwar besonders denen, die nicht zu den Starken, Erfolgreichen und Gesunden dazugehören. Er möchte dienen statt beherrschen. Er setzt alles, sogar sein eigenes Leben, für andere ein.
Jesus fordert uns heraus: Finde heraus, wo du mit deinen Gaben mithelfen kannst, zum Gewinn für viele. Finde heraus, wann deine Courage gefragt ist und dein Gewissen dir sagt, dass jetzt Aufstehen besser ist als Wegducken. Unsere jungen Mitmenschen brauchen positive Vorbilder, die sich an christlichen Werten, die lebensbejahend und -bewahrend sind, orientieren. Dazu müssen unsere Jugendlichen zunächst erst einmal selbst erleben, was ein christlicher Grundwert ist: Sie sollen begreifen, dass sie unendlich wertvoll sind, dass sie auch dann respektiert und geliebt sind, wenn ihr Bemühen nicht von Erfolg gekrönt ist, dass sie sowohl mit ihren Begabungen als auch mit ihren Schwächen zu einer christlichen Gemeinschaft dazugehören. Gott kann auch durch unser Nicht-Perfektsein etwas Gutes wachsen lassen.

Von John Förster, Pastor in Riepe/Ochtelbur

4. März 2018: Aufbruch

Wer seine Hand an den Pflug legt und schaut zurück, der ist nicht geschickt für das reich Gottes. Lk 9,62

Pastorin Heike Musolf, Paulusgemeinde Aurich-Kirchdorf

Aufbruch – wer ein Ziel erreichen möchte, der muss irgendwann einmal den ersten Schritt tun. Jeder von uns kennt die Situation, dass man innerlich bereits im Aufbruch ist, begeistert von einer Idee, einer Vision, wie die Zukunft viel heller, viel besser, viel lebenswerter sein könnte. Und ganz oft gibt es mitten in dieses Aufbrechen hinein Stimmen, die uns zwingen, zurückzuschauen. „Das hat noch nie geklappt“, „das haben schon viele versucht“ „du hast gegen so viel gute Konkurrenz doch eh keine Chance“… Wie oft ihn Ihrem Leben haben Sie sich von solch wohlmeinenden Ratgebern ausbremsen lassen? Wie viele Visionen blieben, was sie waren: Träume, Sehnsüchte, unerreichbar? Manchmal beneide ich Kinder und Jugendliche, die sich noch Träume erlauben und auch nicht von diesen abbringen lassen. Sie folgen einem inneren Ruf, sie lassen sich locken und haben keine Angst vor der Größe der Idee. Trotzdem ertappe ich mich dabei, dass ich versucht bin, Bremserin zu sein. Ich merke, wie schwer es ist, andere dort träumen und aufbrechen zu lassen, wo mich meine Erfahrung klein gemacht hat, und ich mir und dem Leben nichts mehr zutraue. Und dann staune ich, wenn die Träume wahr werden: Da bekommt einer den erträumten, erhofften Ausbildungsvertrag, ausgewählt unter 1800 Bewerbern, er allein. Da reist eine Gruppe Pfadfinder nach Nepal, um die Freunde vom Bundeslager zu besuchen – gegen alle Vernunft. Da finden sich genügend motivierte Menschen, um fröhlich einen neuen, großen, starken Kirchenvorstand zu bilden und in die Zukunft zu starten – obwohl gerade diese Gemeinde kämpft und es schwer hat. Visionen werden wahr – wenn wir ihnen trauen. Welche haben Sie für sich und Ihr Leben? Die Vergangenheit ist vorbei, die müssen wir hinnehmen, wie sie ist. Die Zukunft aber fängt jetzt an und sie gehört uns. „Mache Dich auf, werde Licht, denn Dein Licht kommt und die Herrlichkeit des Herrn gehet auf über Dir“ – aber erst einmal muss man in Richtung des Lichtes schauen und darf das Licht nicht aus den Augen verlieren. Die Passionszeit ist eine gute Zeit, um über einen Aufbruch nachzudenken. Zunächst im Rückblick und in einer Bestandsaufnahme dessen, was mich bedrückt, einengt und unfrei macht, aber auch in Erinnerung an Träume, die mich einmal bewegten, – und dann nach vorne schauen, auferstehen und leben.

Von Heike Musolf, Pastorin in Aurich-Kirchdorf

25. Februar 2018: Friede diesem Haus

Manchmal liest man so etwas ja noch an dicken Balken über der Eingangstür eines Fachwerkhauses: Bring Frieden mit, wenn du eintrittst! Oder: Mit Gottes Hilfe erbaut! Oder: An Gottes Segen ist alles gelegen! Früher wusste man oft besser, dass das Leben weniger wegen der eigenen Kräfte gelingt als vielmehr durch den Segen, den Gott schenkt. Das zeigte man dann auch anderen, die vor dem eigenen Haus standen. Heute ist es zwar noch genauso, aber unsere Einstellung hat sich ziemlich verändert. Menschen meinen eher, dass es die eigenen Kräfte sind, die das Leben gestalten und gelingen lassen. Jesus ist noch „altmodisch“ und bittet seine Jünger, dass sie Frieden wünschen und bringen, wenn sie ein Haus betreten. Aber im 10. Kapitel im Lukasevangelium, in dem uns diese Worte überliefert sind, sagt er auch: Leicht wird es nicht, in der Welt von mir zu sprechen. Und hat natürlich recht damit. Wer an eine Tür klopft und vom Glauben sprechen will, hat es nicht leicht – falls so etwas in einer christlichen Gemeinde überhaupt noch geschieht. In christlichen Gemeinden wird auch geklopft, besucht und zu etwas eingeladen. Ich
vermute, dass nicht so oft direkt über den Glauben gesprochen wird zwischen Tür und Angel. Der Glaube gilt als Privatsache und gehört öffentlich eher in die Gottesdienste und Andachten.
Dabei gibt es das Bedürfnis, unverkrampft über das zu sprechen, was einen im
Innersten bewegt. Und wo immer mehr Menschen sowohl innerlich als auch äußerlich eher für sich sind, könnte es gut tun, auch einmal über das zu sprechen, was einer oder eine glaubt. Es liegt an der Form, in der das geschehen könnte. Was ist – und wie geht – zwanglos? Ich weiß da auch keinen Rat. Ich vermute aber, dass die Voraussetzung solcher Gespräche viel mit „Frieden“ zu tun hat. Und mit dem Wissen, dass mich niemand zu etwas überreden will. Übersehen und überhören wir also möglichst die Zeichen nicht, die sagen: Was kann ich glauben? Was soll ich glauben? Wer redet mit mir? Und beginnen dann das Gespräch mit etwas, was Frieden anzeigt. Versuchen wir doch mit Gottvertrauen auf diese Weise dazu beizutragen, dass unsere Erde so wird, wie Jesus es sicher gewollt hätte.

Von Elske Oltmanns, Pastorin in Bagband

17. Februar 2018: Wegweiser

Helmut-Gerold van der Wall, Prädikant in Ochtelbur

Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand. Psalm 73,23

Immer wenn ich auf das von meiner mittlerweile erwachsenen Tochter getuschte Bild an der Wand in meinem Büro schaue, erinnere ich mich an die Zeit unserer Urlaube an der Nordsee.
Das kleine Mädchen sitzt auf meinen Schultern. Sie liebt es so „chauffiert“ zu werden und freut sich, dass ich im Urlaub endlich Zeit für sie habe. Wir laufen durch den Sand und bestaunen die Nordsee.
Die Flut kommt und traktiert klatschend das Ufer. Die gewaltigen und lauten Wassermengen machen mein Kind unruhig und es scheint sich Gedanken zu machen ob wir auch sicher wieder nach Hause kommen.
Ich spürte ihre Unruhe und plötzlich hörte ich ihre Stimme: „Weiß mein Papa wo der Weg lang geht?“
Ich küsste ihre Wange und antworte: „Ja – das weiß dein Papa!“
Wir gingen weiter – es ist stiller geworden in uns und um uns herum. Plötzlich spürte ich die kleine Hand in meinem Haar – Sie sagte nichts –doch das Händchen sagte alles. Der Papa ist bei mir, darum bin ich geborgen, auch am Rand einer lauernden Gefahr.
Auf meine damals Vierjährige war ich etwas neidisch und schämte mich dafür. NEIN, vier Jahre wollte ich nicht wieder werden – aber die Erfahrung des Geborgenseins – dieses Gefühl – das wünschte ich mir und ich wünsche es allen Menschen die Angst kennen. Es gibt so viele auf dieser Welt…
Zu wissen wo der Weg lang geht erinnert mich an Jesus, der gesagt hat: „Ich bin der Weg!“ Und eben dieser Weg führte durch manch drohende Gefahr, auch und sogar durch ein Meer, von der Krippe bis zum Kreuz. Könnte ich doch meine Hand in seine legen.
Ob Glaube so etwas ist wie Hand in Hand

Von Helmut-Gerold van der Wall, Prädikant in Ochtelbur

10. Februar 2018: Welche Verkleidung tragen Sie zu Fasching?

Es ist Karnevalszeit. Zumindest viele Kinder verkleiden sich gerne zu Fasching. Sich verkleiden. In eine andere Rolle schlüpfen und sich mal so benehmen wie das eigene Vorbild, ein Held oder eine Comicfigur – das macht den meisten Kindern großen Spaß. Aber es gibt auch viele unsichtbare Verkleidungen, die vor allem wir Erwachsenen häufig nutzen und zwar nicht nur zur Karnevalszeit. Oft verstecken wir uns hinter Masken: etwa, um nach außen Autorität zu zeigen, obwohl man sich unsicher fühlt, um Schwächen oder Verletzungen zu verbergen oder um eigene Ziele und Wünsche zu verfolgen, ohne dass die Mitmenschen die eigenen Pläne sofort durchschauen. Manche Masken sind nötig. Andere sind hilfreich. Aber heilsam ist es, wenn man Menschen, Orte und Zeiten kennt, wo man ganz sein kann, wie man ist – ohne sich verstellen oder verstecken zu müssen. Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Und die Fastenaktion 2018 der Evangelischen Kirche hat das Motto „Zeig dich! Sieben Wochen ohne kneifen“.
Das ist eine Einladung, zu sich selbst zu stehen und sich für Mitmenschen und für Werte, die das Leben und das friedliche Zusammenleben schützen, einzusetzen. Wer dieses Thema weiter vertiefen möchte, kann im Buchhandel oder im Internet einen Fastenkalender bestellen, der jeden Tag – von Aschermittwoch bis Ostern – Gedanken zu diesem Thema anbietet.
Für diese Woche und die beginnende Fastenzeit wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, dass Sie eine besondere Zeit erleben, in der immer wieder und immer öfter „Masken fallen“ können, weil Vertrauen herrscht.
Ich wünsche Ihnen, dass die Fastenzeit zur Gelegenheit wird, sich darauf zu besinnen, was wirklich wichtig ist: die Gabe des Lebens. Das Geschenk, dass Gott uns liebt, so wie wir sind. Die Verheißung, dass Gott das Leben aller seiner Kinder so wertvoll findet, dass er dem Leben einen ewigen Horizont schenkt.
Die Fastenzeit lädt uns genau dazu ein: bewusst darauf zu verzichten, was uns von Gott, vom Leben und von einem ergänzenden und friedlichen Zusammenleben mit unseren Mitmenschen ablenkt oder trennt – zum Beispiel auf unsere Masken. „Zeig Dich!“ – so können echte Begegnungen geschehen, die Oasen des Vertrauens und der Mitmenschlichkeit schaffen können. Nicht nur für unsere Mitmenschen, sondern auch für uns selbst.

Von Matthias Tolsdorf, Pastor in Moordorf

3. Februar 2018: Die zehn großen Freiheiten

„Oh ja, ich weiß noch genau, wie in dem alten Monumentalfilm mit Yul Brynner und Charlton Heston der Mose vom Berg runterkommt mit den beiden Tafeln, auf denen die Gebote stehen! Fast vier Stunden hat der Film gedauert.“ – Wir reden über die zehn Gebote. Die einen empfinden sie als genauso altbacken wie den gleichnamigen Film aus den 50er Jahren. Gebote und Verbote sind nicht up to date. Ich lasse mir nicht gerne sagen, was ich zu tun und zu lassen habe. Das will ich selbst bestimmen. „Du sollst…“ und „du sollst nicht…“, das engt meine Freiheit ein. Und: typisch Kirche, moralisch und bevormundend. Was Spaß macht, ist verboten.
Andere meinen, die alten Gebote haben sich – jedenfalls einige – durchgesetzt als Grundlage allgemeiner Gesetzgebung. Eigentum soll geachtet werden; und der Rhythmus von Werktagen und einem Ruhetag zum Beispiel sind bei uns nicht nur Gebot, sondern Gesetz.
Ich möchte mit meinen Gedanken zurück zum – nein, nicht zum Film, sondern zur Ursprungsgeschichte der Bibel, die da verfilmt wurde. Die Frauen und Männer des Volkes Israel hatten lange, lange Zeit als Sklavinnen und Sklaven in Ägypten leben müssen. Fronarbeit für den Pharao hatten sie geleistet. Als Sklave, da bekommt man gesagt, was man zu tun hat. Als Sklavin ist frau abhängig, eigener Wille zählt nicht. So zu leben prägt die Persönlichkeit, prägt die Gemeinschaft. Irgendwann gehorcht man nur noch.
Und dann kam die große Befreiung. Auszug aus Ägypten, das ganze Volk fand sich in der Wüste wieder – als freie Menschen. Aber nun war auch niemand mehr da, der Befehle gab, denen man zu gehorchen hätte. Wie sollte man sich verhalten? Was galt für das Zusammenleben?
Der Theologe Ernst Lange hat die zehn Gebote, die Gott in dieser Situation seinem Volk gab, „die zehn großen Freiheiten“ genannt.
„Ich bin dein Gott, der dich aus der Knechtschaft in Ägypten geführt hat“, diese Präambel steht über allem. Gott schenkt seinem Volk Regeln, damit die Freiheit nicht wieder verspielt wird. Damit es in guter Gemeinschaft zusammenleben kann.
Es geht nicht darum, individuell irgendwelche Forderungen zu erfüllen, die Gott gerade mal einfallen und denen gegenüber Gehorsam verlangt wird. Nein, das gelingende Miteinander seiner Menschen vor ihm ist Gott wichtig. Weil er sie liebt. Und weil er gerade ihre Freiheit liebt.
Die zehn großen Freiheiten:
Arbeite dich nicht kaputt, ruhe dich aus. Und ermögliche den Ruhetag auch allen anderen, die mit dir leben. Nutze sie nicht aus.
Achte die Frau oder den Mann, mit dem oder der du zusammenlebst. Habe deine Herkunftsfamilie im Blick, sorge für die Alten.
Verabscheue Gewalt, wehre sie ab – auch bei anderen.
Schau nicht neidisch auf den Besitz anderer. Besitz ist nicht Leben, Habgier verdirbt dein Herz.
Vergiss nicht, dass du dein Leben und deine Freiheit Gott verdankst. Wenn ihr so vor mir, eurem Gott miteinander lebt, wird es gut werden.
So fasse ich die Regeln der beiden Tafeln Gottes, die Mose vom Berg mitbringt, in meine Worte. Und in mir steigt eine Ahnung auf, welch Leben in gelingender Gemeinschaft in den zehn Geboten steckt. Welche Vision von gutem Zusammenleben sie beinhalten.

Von Susanne Schneider, Pastorin in Sandhorst

27. Januar 2018: Wie politisch darf Kirche sein?

Nach einer politischen Predigt von Steffen Reiche, Pastor aus Berlin, in einer Christmette an Heilig Abend, löste Ulf Poschardt, Chefredakteur der Zeitung „Die Welt“, eine bundesweite Diskussion darüber aus, wie politisch eine Predigt sein darf. In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns: Darf sich Kirche politisch engagieren oder soll sie sich aus staatlichen Angelegenheiten besser raushalten? Auch die Pastoren und Diakone des Kirchenkreises Aurich stiegen in die Diskussion mit ein. Herr Poschardt sagte, dass evangelische Kirchentage sich kaum von grünen Parteitagen unterscheiden würden. Pastor Reiche meinte dagegen, man könne nicht für Brot für die Welt sammeln und dann nicht die politischen Verhältnisse kritisieren. Also: Wie viel Politik verträgt eine Predigt? Im Duden lese ich, dass Politik auf die Durchsetzung bestimmter Ziele von Regierungen, Parlamenten, Parteien und Organisationen besonders im staatlichen Bereich gerichtet ist. In der Politik geht es also um das Erreichen bestimmter Ziele. Jesus war immer politisch. Er verfolgte immer ein Ziel, nämlich das Reich Gottes auf Erden zu verkündigen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Mehr geht wahrscheinlich auch nicht. Diesen spirituellen Aspekt hat Jesus nie aus den Augen verloren und sollte bei allem politischen Engagement unser Motor sein, denn er gibt uns die Kraft, über unseren Tellerrand zu blicken. Jesus tat das immer friedlich, aber er trat den Menschen auf den Schlips und konfrontierte sie mit der herrschenden Gesellschaft. Er war dabei sehr kreativ. Er forderte z. B. von seinen Anhängern, wenn sie genötigt wurden, eine Meile als wegkundige Begleiter zu gehen und Lastenträger für die römischen Soldaten zu sein, eine Meile mehr als gefordert zu gehen. Das ist politischer kreativer Widerstand. Mit dem Überspitzen der Situation wird der Widersacher bloß gestellt. Jesus lebte die Gleichheit und Brüderlichkeit der Menschen. Er machte keine Unterschiede zwischen reich und arm. Er lud Huren und Zöllner zum Essen ein. Dafür wurde Jesus angefeindet und als Fresser und Säufer beschimpft. Das Reich Gottes gleicht einem Senfkorn. Dabei ist es nicht nur ein kleines Korn, was in die Erde gelegt wird und zu einem großen Busch wird, sondern sie ist auch eine Pflanze, die überall da wuchert und wächst, wo niemand sie vermutet hätte. Deshalb sei unsere Predigt und unser Dienst am Nächsten immer politisch und
somit am Reiche Gottes orientiert.

Von Oltmann Buhr, Diakon in der Kirchengemeinde Timmel

20. Januar 2018: Untergang? Von wegen!

Unheil und Untergang zu verkünden, ob politisch, sozial oder menschlich, das kann bequem sein, es entspricht vielen unserer Erwartungen: „Alles wird immer schlechter“ oder „Wo soll das hinführen?“ Ganz anders klingt der Wochenspruch der neuen Woche: „Über dir geht auf der Herr und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“ (Jesaja 60,2) Aufgang statt Untergang! Es ist das biblische Wort für die letzte Woche der Nachweihnachtszeit, für die letzte Woche nach dem 6. Januar, dem älteren der beiden Weihnachtsfeste. Der Spruch gehört zu den Prophezeiungen, die auf Weihnachten hinweisen. Der Stern von Bethlehem klingt nach, unsere Gedanken gehen noch einmal hin zur Krippe, dem Stall von Bethlehem. Es sind Worte aus dem Prophetenbuch Jesaja, es ist Zuspruch in einer Notzeit Jerusalems. Das war die Situation: Wirkliche Armut, Gewalt und Trauer. Der gilt die Botschaft: Schau her, über dir geht auf der Herr und seine Herrlichkeit erscheint über dir! Natürlich denke ich an Bethlehem, an den Stern über der Krippe. Ich wünsche uns allen, liebe Leserinnen und Leser, dass wir auch im neuen Jahr solche Sternstunden erfahren wie es die Hirten und die Weisen aus dem Morgenland erlebten. Keiner ist ausgeschlossen, weder die Außenseiter, dafür stehen ja die Hirten, noch die Klugen, die Intellektuellen, diese werden durch die Weisen, die Sternkundigen, vertreten! Uns allen gilt dieses mutmachende Wort, das uns an Christus erinnert: Über dir geht auf der Herr und seine Herrlichkeit geht auf über dir! Ein gesegnetes 2018 wünsche ich Ihnen.

Von Bernd Battefeld, Pastor in Strackholt

13. Januar 2018: Alles geht schief

Ein merkwürdiger einhundertster Geburtstag liegt in diesen Tagen an. Am 11. Januar 1918 wurde Edward Murphy geboren. Sie kennen ihn nicht? Dafür kennen Sie bestimmt sein berühmtes Gesetz: „Alles, was schiefgehen kann, wird schiefgehen.“ Typisch! Das Brötchen fällt vom Frühstückstisch und landet natürlich auf der Butter- und Marmeladenseite. Natürlich bewegt sich die Warteschlange an der Supermarktkasse, in der ich stehe, viel langsamer als die Nebenschlange. Natürlich finde ich den vermissten Schlüssel in der letzten Schublade, in der ich suche. Kommt Ihnen
das bekannt vor? Edward Murphy wurde nach seiner Schulzeit Offizier und Ingenieur bei der US-Luftwaffe.
Er war an vielen Testverfahren beteiligt. Als ein sehr aufwendiger Versuch scheiterte,
weil seine Mitarbeiter ihn falsch aufgebaut hatten, formulierte er sein erstes Gesetz, das vereinfacht lautet: „Alles, was schiefgehen kann, wird schiefgehen.“
In der Folgezeit haben viele Wissenschaftler erforscht, warum etwas nicht funktioniert. Und viele andere haben Murphys Gesetze zum Anlass genommen, darüber nachzudenken, warum Menschen scheitern. Ist Murphys Gesetz vielleicht so eine Art Einstellung, mit der das eigene Scheitern vorprogrammiert ist? Zum Beispiel: Ich gehe davon aus, dass andere Menschen mich ablehnen. Deshalb verhalte ich mich ihnen gegenüber so, dass sie es wirklich schwer haben, mich zu mögen. Oder: Ich bin so verbissen darauf konzentriert, alles richtig zu machen, dass es wirklich nur danebengehen kann. Wir sind auf das Misslingen konzentriert, sodass wir unsere Möglichkeiten und uns selbst blockieren. „Wir aber wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“ Das schreibt Paulus in seinem Brief an die Römer. Dieses Bibelwort wird oft ausgesucht als Spruch zur Taufe und zur Konfirmation oder als gutes Wort für das gemeinsame
Leben. Also: Statt Murphys Pessimismus nun der Optimismus des Glaubens? So einfach geht das nicht. Genauso wie Murphy ist Paulus Realist, der das eigene Scheitern und das Misslingen selber erlebt hat. Aber er hat eine Hoffnung. Auch in Fehlern und in Niederlagen kann etwas Gutes entstehen. Darum können wir gelassen annehmen, wo etwas nicht gelingt. Gott kann auch aus unserem Scheitern Gutes machen. Und da, wo etwas schief geht, sind manchmal eben auch andere da, die uns helfen, es gerade zu rücken. Oder die neu mit uns anfangen. Ich wünsche uns allen auf dem Weg durch das neue Jahr, dass wir uns im Vertrauen auf Gott nicht durch das blockieren, was nicht gelungen ist, und dass wir das Gute in unserem Leben dankbar sehen. Und ich wünsche uns, dass wir im Vertrauen auf Gott auch das Misslingen annehmen können. Vielleicht kann daraus manchmal mehr Gutes entstehen als aus dem, was wir richtig machen.

Von Andreas Scheepker, Pastor am Ulricianum Aurich und in der Arbeitsstelle für
Religionspädagogik

6. Januar 2018: „Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“

– mit der Jahreslosung für das Jahr 2018 aus dem Buch der Offenbarung (Offb. 21,6) grüße ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, herzlich zur ersten Andacht in der ON im neuen Jahr. Umsonst – dieses Wort fällt mir auf in der Jahreslosung. Umsonst – das ist ein Wort mit zwei Bedeutungen. Es kann eine negative Bedeutung haben im Sinn von vergeblich oder auch eine positive Bedeutung im Sinne von gratis. In der Jahreslosung ist natürlich die zweite Bedeutung gemeint: Gott will uns aus der Quelle des lebendigen Wassers umsonst, also gratis, geben, als ein Geschenk, das wir nicht bezahlen müssen, sondern das wir einfach so erhalten. Doch wenn ich etwas einfach so geschenkt bekomme, dann macht mich das erst einmal skeptisch. Ich lasse mich nicht gern beschenken. Ich muss doch etwas zurückgeben, wenn ich etwas bekomme – dafür bezahlen oder arbeiten, oder dem anderen auch ein Geschenk machen. Letztes Jahr hat mir jemand etwas zu Weihnachten geschenkt, dieses Jahr bekommt er euch etwas von mir. Wenn ich etwas umsonst erhalte von jemanden, den ich nicht kenne, dann macht mich das misstrauisch. Da muss es doch einen Hintergedanken geben. Im Leben ist schließlich sprichwörtlich nichts umsonst. Im Leben nicht, aber bei Gott schon. Gott will uns aus der Quelle lebendigen Wassers geben, und zwar allen, die durstig sind – und das ganz ohne Bezahlung, ohne Leistung, ohne Gegenwert, einfach umsonst gratis, geschenkt. Ja, liebe Leser, was uns bei unseren Mitmenschen manchmal unangenehm ist, dürfen wir bei Gott getrost annehmen. Gott will uns beschenken, einfach so, einfach, weil wir seine geliebten Kinder sind. Und Gott schenkt uns noch viel mehr: seine Gnade. Es gibt eben doch Dinge, die wir nicht kaufen können, sondern die wir nur als Geschenk erhalten und annehmen können. Gott sei Dank! In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Jahr 2018

Von Anika Langer, Pastorin in Engerhafe, Forlitz-Blaukirchen und Wiegbolsbur

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