Sonntagsbetrachtungen 2017

Worte zur Woche aus den Ostfriesischen Nachrichten

29. Juli 2017: Fesseln der Vergangenheit lösen

Sorget euch nicht um morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.“ (Matthäus 6,34) Die Botschaft: Lasst euch nicht binden von eurer Vergangenheit, nicht fesseln von den Sorgen über die Zukunft, sondern wartet getrost ab, was morgen passieren wird.
Sie alle kennen diese Situation: Da zerbricht man sich kurz vor dem Schlafengehen den Kopf über eine Angelegenheit, die am nächsten Morgen sehr wichtig und dringlich scheint – und wenn dann der Termin naht, tritt ein Ereignis in unser Leben, mit dem wir niemals gerechnet haben und all unsere Sorgen haben sich in Luft aufgelöst. Wenn ich mir die Zeit nehme, über mich und mein Leben nachzudenken, stelle ich immer wieder fest, dass mich Erlebnisse oder Einstellungen aus der Vergangenheit begleiten, die fesseln und ein befreites Leben im hier und jetzt erschweren.
„Lass das man – das kannst du doch nicht!“ Diesen Satz habe ich in meiner Kindheit und Jugend gefühlte tausendmal gehört. Dazu ein Beispiel: Ein Wanderzirkus war in eine kleine Stadt gekommen und ein kleiner Junge beobachtete, dass ein großer Elefant mit einer Kette an einem kleinen Holzpflock festgebunden war. Es wäre für dieses große Tier ein Leichtes, den Pflock herauszureißen. Der Junge fragte den Tierpfleger: „Warum macht denn der Elefant das nicht einfach?“ Der Tierpfleger antwortete: „Wenn ein Elefant auf die Welt kommt, wird er direkt an eine Kette gelegt, die an einen kleinen Pflock befestigt ist. Das Baby hat tatsächlich nicht die Kraft den Pflock aus dem Boden zu reißen. Babyelefanten probieren es immer wieder an der Kette zu ziehen, um sich zu befreien, so lange, bis sie gelernt haben: Es hat keinen Zweck.“ Nach vielen Jahren ist aus einem Babyelefanten ein großes Tier geworden und der erwachsene Elefant könnte den Pflock mit Leichtigkeit aus dem Boden ziehen – er versucht es aber erst gar nicht, denn er hat als Kind gelernt: Das schaffst du doch nicht – du hast nicht genug Kraft. Der kleine Junge sah dem großen Elefanten noch eine Weile beim Fressen zu. Die Eisenkette rasselte, doch den Elefanten schien das nicht zu stören, aber der kleine Junge fand, dass er traurig aussah.
Wir alle haben im Laufe unseres Lebens doch schon Erfahrungen des Scheiterns gemacht und kennen so grausame Sätze wie: „Das kannst du nicht“ oder „Lass das man, dafür bist du noch zu klein“. Solche Erfahrungen und Glaubenssätze sind wie Ketten und Pflöcke. Sie binden uns. Aber dies sind gestrige Erfahrungen. Heute hätten wir mehr Erfahrungen und Kraft. Und dennoch versuchen wir oft nicht, uns zu befreien von dem, was uns bindet – weil wir irgendwann gelernt haben, dass wir es nicht können, oder weil die Sorgen um Morgen uns lähmen. Ich wünsche mir, dass Matthäus uns Mut macht, hier und heute über den Schatten zu springen, jedem neuen Morgen zu vertrauen, und den Pflock aus der Erde zu ziehen, der uns fesselt. Dann haben wir die Kraft, uns zumindest etwas weniger Sorgen um den morgigen Tag zu machen.

Von Helmut-Gerold van der Wall, Prädikant im Kirchenkreis Aurich

22. Juli 2017: Bergwandern

Im Moment reden viele über den Urlaub. Ich habe den Eindruck, dass viele Ostfriesen besonders gern in die Berge fahren.
In einem alten Gebet aus der Bibel heißt es: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ In der Bibel ist der Berg ein Ort, an dem man Zuflucht finden kann, Geborgenheit, Kraft und besondere Nähe zu Gott.
Bei der Bergwanderung brauche ich eine gute Landkarte, damit ich überhaupt weiß, wie ich zum Gipfel komme. Für mein Leben brauche ich auch eine gute Karte wie zum Beispiel die Bibel. Da ist es eigentlich genauso wie bei der Landkarte. Ich habe sie nicht immer aufgeschlagen, aber ich weiß trotzdem, die grobe Richtung. Und wenn ich es genauer wissen muss, kann ich nochmal nachsehen. Auf einen Berg zu steigen bedeutet, Abschied zu nehmen von dem Ort, an dem ich bisher war. Aber es bedeutet auch, Neues zu entdecken mit allen meinen Sinnen. Wenn ich durch eine reizvolle Landschaft wandere, weitet sich mein Gesichtskreis.

Heidrun Ott, Pastorin in Moordorf

Für mich ist auch der Glaube so etwas wie eine Wanderung zum Gipfel. Er schärft meine Sinne dafür, Neues zu entdecken, für mich selber, aber auch mit anderen und auch mit Gott.
Ich habe eine Menge Weggefährten, die mit der gleichen Karte zu dem gleichen Ziel unterwegs sind. Nicht alle auf demselben Weg, manche mit großen Umwegen, aber immerhin, das gemeinsame Ziel verbindet uns, wir können uns gegenseitig beraten und gemeinsam die schöne Aussicht genießen.
Es ist ein besonderes Erlebnis, auf einem Berggipfel zu stehen. Alle Strapazen sind nun vergessen und ich freue mich an der schönen Aussicht, an der Natur. Ich fühle mich meinem Schöpfer ein Stück näher. Es tut mir gut, einmal Abstand zu bekommen von meinem ganz normalen Alltag.

Von Heidrun Ott, Pastorin in Moordorf

15. Juli 2017: Heiliger Urlaub

Endlich ist er da, der Sommer und mit ihm die Urlaubszeit und die großen Ferien. – Wissen Sie schon, was Sie in diesem Sommer machen? Haben Sie die Wochen schon verplant mit Gartenarbeit, dem ein oder anderen Grillfest, möglicherweise mit Umbauarbeiten? Oder wartet auf Sie ein Urlaub, auf den Sie sich schon lange freuen?
Wir sind mitten in den Sommerferien und viele nutzen die Gelegenheit, um einmal wegzufahren, irgendwo hin ins In- oder Ausland. Etwas Neues sehen oder vertraute Orte aufzusuchen, die sie schon immer mal wieder sehen wollten. Alle Sinne mit leckerem Essen zu reizen, sich am Strand brutzeln zu lassen oder etwas in Sachen Kultur zu unternehmen. Urlaub ist für viele die schönste Zeit des Jahres, Zeit zum Entspannen, Zeit für Familie und Freunde.
Urlaub. Das englische Wort dafür ist Holiday. Wussten Sie, dass das Wort Holiday ursprünglich anders geschrieben wurde? Holyday, so schrieb man es anfangs. Holyday – heiliger Tag, heilige Tage. Das steckt hinter diesem Begriff. Das Wort, das wir heute für unseren Urlaub am Strand oder in den Bergen benutzen, hat eigentlich eine ganz andere Bedeutung. Es macht aus den Tagen etwas Besonderes. Unsere Urlaubstage sind heilig – für den ein oder anderen sind diese Tage ja tatsächlich so etwas wie eine Erlösung vom Stress des Alltags.
Wie wäre es denn, wenn wir diese Holydays tatsächlich einmal mit etwas Heiligen füllen? Vielleicht einen Gottesdienst am Urlaubsort besuchen, oder eine Kirche, ein Kloster aufsuchen und die Luft des Glaubens atmen, den viele Generationen von Menschen dort gelebt haben. Eine Kerze anzünden in einer Kirche für sich selbst oder andere und sich betend in Gottes Gegenwart begeben. Mal wieder in der Bibel lesen und gucken, ob ich dort etwas für mich entdecken kann. Es könnte doch eine Bereicherung sein, wenn nicht nur der Körper, sondern auch die Seele auftanken kann im Urlaub, in diesen Tagen, die einmal heilig genannt wurden.
Und übrigens – heilige Tage, Holydays, gibt es nicht nur für die, die in Urlaub fahren. Gott hat uns allen einen heiligen Tag geschenkt – den Sonntag. Gott selbst hat an diesem Tag geruht und auch wir dürfen an diesem Tag zur Ruhe kommen, uns in seine Gegenwart begeben und unsere Seele Urlaub machen lassen. Wir müssen nicht auf den Urlaub warten, sondern können das jede Woche in Anspruch nehmen.
Also – legen Sie sich doch mal mit Gott in die Hängematte, auf die Gartenliege, an den Strand, teilen Sie sich mit ihm eine Kirchenbank oder einen Klostergarten, lassen Sie Ihre Seele baumeln und genießen Sie Ihren Holyday – ob zuhause oder unterwegs, im Urlaub oder immer wieder Sonntags.

Von Elske Oltmanns, Pastorin in Bagband

8. Juli 2017: Reflexion

Es ist ein spannendes Wort, dieses „Reflexion“. Denn auf der einen Seite meint der Begriff zum Beispiel die Spiegelung eines Gegenstandes auf dem Wasser, und gleichzeitig bezeichnen wir mit Reflexion auch das Nachdenken über Gewesenes. Wir reflektieren über etwas, das wir erlebt haben, tauschen uns darüber aus, und versuchen die Ereignisse wie eine Spiegelung neu zu deuten. Beide Male sehen wir sozusagen ein Spiegelbild, ein Bild, das es zu begreifen und erklären gilt.
In der Bibel hören wir so ein reflexives Wort. Hier ist es in einem weiteren Sinn gemeint, nämlich „selbstreflexiv“, also auf mich bezogen. Hier heißt es: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“.
Oftmals, wenn wir diesen wohlbekannten Vers hören, denken wir an Diakonie; also daran, anderen zu helfen. Der zweite Teil des Verses geht hierbei oft unter. „… wie dich selbst“ heißt es da.
Ich soll auf mich schauen und bei mir mit der Liebe anfangen, denn wie kann ich einen anderen Menschen lieben, wenn ich mich selber nicht mal ausstehen kann. Wenn ich selber nicht in den Siegel schauen kann und sagen: „Ich mag dich“.
Haben Sie das schon einmal ausprobiert? Morgens nach dem Zähneputzen; einfach noch einen Moment länger in den Spiegel zu schauen, sich selbst anzulächeln und sich selber zu sagen: „Ich mag dich! Ich wünsche dir einen schönen Tag.“
Hört sich vielleicht lächerlich an, aber es gibt Studien die belegen, dass wir damit unsere Haltung zu uns selber beeinflussen können und damit zugewandter auf andere Menschen wirken. Probieren Sie es doch einfach mal aus! Und seien Sie gespannt, was es mit Ihnen macht.
Und im Sinne des Wortes Reflexion können Sie überlegen, ob sich irgendetwas verändert hat. Ob eine andere Einstellung zu Ihnen selbst etwas in dem verändert, wie Sie in den Tag gehen; etwas verändert, wie Sie auf ihren Nächsten zugehen. Und vielleicht finden Sie so auch eine Antwort auf die Frage, ob nicht beides, Eigenliebe und Nächstenliebe, untrennbar miteinander verbunden sind.

Von Indra Grasekamp, Pastorin in Aurich-Kirchdorf

1. Juli 2017: „Erfüllt von der Begegnung“

„Hallo, hast Du heute Zeit? Ich würde gerne mit einer Delegation der Jugendgruppe vorbei kommen. Wir haben etwas zu erledigen in deiner Straße und danach würden wir uns gerne bei dir stärken. Essen und Trinken bringen wir mit, du brauchst dich um nichts zu kümmern.“ Am anderen Ende der Telefonleitung höre ich ein Lachen: „Ja, ich habe Zeit. Recht wäre es mir, wenn ihr so gegen 17 Uhr kommt.“ – „Das passt, bis später.“
Nach unserem Telefonat habe ich gemischte Gefühle: Natürlich freue ich mich auf die Begegnung, aber habe ich sie vielleicht doch ein bisschen überfahren? Schließlich ist unser Jugendkiste-Ehrenmitglied nicht mehr die Jüngste, aber mit ihren 88 Jahren ist sie hellwach und neugierig. Naja, nun ist es abgemacht.
Wir kommen zu Viert mit den Lebensmitteln gegen 17.45 Uhr bei ihr an. Ihr syrischer Freund ist auch da. Ein großes „Hallo“ und Umarmungen zur Begrüßung. Sie zeigt uns, wo das Geschirr und das Besteck in der Küche sind.
Mit einem Sandwichmaker machen wir Sandwiches. „Was ist das denn?“, fragt sie neugierig und ist gespannt. Während sich zwei Jugendliche mit ihr im Esszimmer unterhalten, wirken die anderen beiden in der Küche. Gurke und Paprika werden geschnitten. Mit einem Tischgebet fangen wir gemeinsam an. Es wird sich rege unterhalten, zugehört und gelacht. Das Neue, die Sandwiches, schmeckt auch.
Nach dem Aufräumen sind wir nach eineinhalb Stunden wieder weg. Erfüllt von der Begegnung. Es hat etwas Verbindendes und Schönes: miteinander zu essen, beisammen am Tisch sitzen, lachen, voneinander erfahren, Zeit zusammen verbringen, Worte und Gedanken teilen, ein Gebet sprechen und auf das gemeinsame Wohl anstoßen.
Auch Jesus kannte das Ritual des miteinander Essens. Mit Zachäus dem verachteten Zöllner sitzt er am Tisch und hält Mahlgemeinschaft. Diese Begegnung ist wie eine Zusammenfassung des öffentlichen Wirkens Jesu. Umkehr und Buße sind nicht Voraussetzung für unser Wohl, sondern durch die Zuwendung Gottes zu uns Menschen wird uns seine Liebe zu teil.
Ich grüße Sie mit dem Wochenspruch für die kommende Woche aus Lukas 19,10: „Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“

Von Oltmann Buhr, Diakon in der Kirchengemeinde Timmel

24. Juni 2017: Glauben heißt wissen

Ich denke an einen jungen Mann. Er stand vor meiner Tür. Um den Hals hatte er eine dünne Kette mit einem kleinen Kreuz. Das hielt er mir unter die Nase und fragte: „Kannst du das taufen?“ Als ich nicht gleich verstand, wurde er deutlicher: „Kannst du das Kreuz taufen oder so? Damit mir das Glück bringt!“ Nein – das konnte ich nicht. Ich habe versucht, ihm zu erklären, warum nicht. Aber mein Besucher ging davon und wollte sich einen anderen Pastor suchen, der „nicht so pingelig“ ist.
Eine etwas schräge Begegnung – aber im Grunde genommen konnte ich gut verstehen, worum es dem Mann ging: Er wollte etwas, an das er sich klammern kann. Das ihm ein bisschen Sicherheit vermittelt in dieser Welt, in der vieles aus den Fugen geraten ist. Sicherheit in einer heillosen Welt. Ein Bekannter von mir legt großen Wert darauf, dass sein Maskottchen im Auto immer dabei ist, befestigt am Rückspiegel. Auf meine Frage, ob er da wirklich dran glaubt, entrüstet er sich: Natürlich nicht, das sei nur so ’ne Angewohnheit. Ich meinte darauf, dann könne er das Ding ja auch rausnehmen. Nein! Unmöglich! Irgendwie wäre ja dann das Sicherheitsgefühl weg. „Man kann ja schließlich nie wissen.“ Kann man nie wissen? Natürlich nicht, sagt er. Alles, was man glaube, was man glauben müsse, wisse man nun mal nicht. „Glauben“ heiße „nicht wissen“. Und da müsse eben jeder selber sehen, wie er ein Stück Sicherheit bekomme.
Man kann nie wissen? Muss man also mit ihr leben, mit der Angst vor dem nächsten Tag?
Muss man mit der Angst vor dem „Schicksal“ leben? Muss man sich zufrieden geben mit „Glücksbringern“ oder den Tagesanweisungen in Horoskopen? Muss man leben wie auf Glatteis – immer in Schleudergefahr? Man muss nicht! Niemand ist einem blindwütigen Schicksal ausgeliefert. „Glauben“ heißt: wissen! Wissen, dass da ein Gott ist, dem ich nicht gleichgültig bin. Der zuhört, wenn ich mit ihm rede. Dessen Liebe mich umgibt – egal, was passiert in meinem Leben. Der mir sagt, wo ich herkomme. Welchen Sinn mein Leben hat. Der am Ende meines Weges auf mich wartet.
Wer sich an ihn hält, dem verspricht er durch Jesus: „Ich bin bei dir alle Tage!“ (Mt 28,20). Also: Du musst keinen Schritt mehr gehen, an dem ich nicht bei dir bin! Welchen Weg du auch gehen musst – du gehst ihn nicht alleine! Ich kenne viele, die daraus Gelassenheit schöpfen, sich auf ihr Leben konzentrieren und das anpacken, was es zu tun gibt. Ohne ständig Angst haben zu müssen. „Ich bin bei dir alle Tage!“ Es tut gut, sich daran erinnern zu lassen – in diesem Sinne: Herzlich willkommen im Gottesdienst!

Von Hermann Reimer, Pastor in Spetzerfehn

17. Juni 2017: Schöner scheitern

Im schwedischen Helsingborg hat das „Museum des Scheiterns“ eröffnet. Gründer Samuel West präsentiert gefloppte Erfindungen: Dinge, von denen die Erfinder sich Großes erhofften, die aber letztlich scheiterten.
Wie kam Samuel West auf diese erst einmal verrückt erscheinende Idee? Im Interview sagt er: „Wenn wir etwas Neues wollen, müssen wir Fehlschläge hinnehmen.“ Besucher der Ausstellung empfinden es als befreiend, dass selbst die Großen scheitern können: „Wenn Google scheitern kann, dann muss ich mich nicht schämen, wenn ich scheitere.“
Mir geht es ähnlich, mir gefällt die Idee dieses Museums, lässt sie doch einen liebevollen, annehmenden Blick auf mein persönliches Scheitern zu: auf das Scheitern von Beziehungen oder beruflichen Projekten, von Idealvorstellungen, von Ideen oder Wünschen, wie ich gerne lieber wäre oder andere mich sehen sollten. Manchmal bin ich verzweifelt über all das, was nicht gelungen ist und leide unter dem Auseinanderklaffen von Wunsch und Wirklichkeit. Das Scheitern als Ausgangspunkt für etwas Neues zu sehen – das fällt nicht leicht. Wenn überhaupt, ist das oft erst im Nachhinein möglich.
Als Jesus am Kreuz starb, konnte das von seinen Anhängern zunächst nur als Scheitern verstanden werden. Jesus war mit seinen Ideen gescheitert und seine Botschaft hatte eine vernichtende Niederlage erlitten.
Kurze Zeit später aber deutet der Apostel Paulus dieses Ereignis so: „Die Botschaft, dass für alle Menschen am Kreuz die Rettung vollbracht ist, muss als barer Unsinn erscheinen – wir aber erfahren darin Gottes Kraft.“ Gerade im Scheitern, gerade in der Niederlage, im Schmerz und im Gefühl tiefster Verlassenheit steckt der Keim zu etwas Neuem. Und so geschah das, was nach den Regeln dieser Welt abwegig oder unsinnig erscheint: Der Tod Jesu und die Begegnungen, die seine Anhänger danach mit ihm hatten, wurden zum Ursprung einer neuen Bewegung – und zum Grund der Hoffnung darauf, dass auch unser eigenes Scheitern nicht umsonst ist und einen Wert hat.

Von Ulrich Menzel, Pastor an der IGS Aurich-West

10. Juni 2017: Gefällt mir

Ausgerechnet die Bayern. Mit 42 Millionen Likes bei Facebook steht der FC Bayern an der Spitze. Ach Arne, falls du dies liest, der BVB nimmt den zweiten Platz mit 15 Millionen Likes ein.
Likes, das heißt „Gefällt mir“. Sie sind nicht bei Facebook? Das spielt keine Rolle. Denn: Wer freut sich nicht, wenn andere Gefallen an einem finden? Ich finde dich toll. Du hast mir gefehlt. Was würde ich nur ohne dich machen? Ich hab dich lieb. Ich liebe dich. Heute beim Frühstück schon solches gehört? Sie glücklicher Mensch. Vor ein paar Tagen erst? Klasse. Schon länger her? Sie können sich gar nicht mehr daran erinnern? Das tut weh.
Wertschätzung erleben und erfahren, das Wissen gemocht zu werden, das brauchen wir doch. Es tut gut, das auch mal zu hören. Nicht immer vermuten, der andere wird das schon wissen. Sagen Sie es doch mal laut. Morgen werde ich Kindern von sechs und sieben Jahren dies direkt zusprechen. Sie kommen zum Tauferinnerungsgottesdienst. Sie werden hören: In Gottes Augen bist du unendlich wertvoll. Gott hat dich lieb. Das ist ein Like, der gut tut. Durch die Taufe sind wir Gottes Kinder. Er kennt uns mit Namen und verspricht unser Leben zu begleiten.

Von Walter Uphoff, Pastor in Middels

3. Juni 2017: Pfingsten ist immer möglich

Als es geschah, saßen sie in Jerusalem traurig und ängstlich zusammen. Nein, damit hatten sie in dieser Situation nicht gerechnet, dass Gottes Geist sie plötzlich neu beseelte, sie mutig wurden und aus ihrem Haus herauskamen. Sie stellten sich auf den öffentlichen Platz der Stadt und erzählten voller Begeisterung von Jesus und seinen Taten und von seiner Auferstehung. So luden sie andere zum Glauben an Christus ein.

Dass einige spotteten, war ihnen egal. Denn viele kamen, hörten sie reden und verstanden in ihrem Herzen, was sie sagten, und ließen sich taufen.

Als es geschah, da wussten sie alle selbst nicht, wie es kam. Aber als an dem Tag in Jerusalem die Sonne unterging, da waren es nicht mehr ein paar Jünger, sondern Tausende, die nun an Christus glaubten.

 

So berichtet die Bibel von dem ersten Pfingstfest in Jerusalem und jedes Jahr zu Pfingsten erinnern wir uns an diese Geschichte. Gottes Geist, seine Kraft, sein Segen kam über die Menschen und sie spürten die Veränderung. Das war nur der Anfang, denn immer wieder haben Menschen im Glauben die Erfahrung gemacht, dass Gott ihr Leben verändert. Dass aus ängstlichen mutige Menschen werden, dass sich Perspektiven und Wege aufzeigen, die man vorher nicht gesehen hat. Dass ein Ruck durch das Leben geht und klar wird, es muss und kann sich etwas verändern. Gottes Geist ermutigt und befähigt Menschen, zu leben und sich nicht durch Ängste und Selbstzweifel vom Leben aussperren zu lassen.

Immer, wenn es geschieht, dass Gottes Geist Menschen zum Leben, zur Liebe und zur Freiheit befähigt, dann wird klar, dass niemand diesen Geist für sich erzwingen kann. „Gottes Geist ist frei und weht, wo er will“, heißt es in der Bibel.

Mir gefällt, dass dafür die Taube als Symbol gewählt worden ist. Gottes Geist, der hineinschwebt ins Leben wie eine Taube, sich hier und da hinsetzt und wohl auch wieder weiterfliegt, unverfügbar. So wie Noah in der Arche die Taube sehnsuchtsvoll erwartete bis sie kam, einen Ölzweig im Schnabel hielt und damit anzeigte, dass Hoffnung besteht für das Leben und einen Neuanfang.

Pfingsten ist jederzeit möglich, auch bei uns!

Von Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent des Sprengels Ostfriesland-Ems

27. Mai 2017: Schuster, Müller, Kaiser

„Wie lieblich ist der Maien aus lauter Gottesgüt, des sich die Menschen freuen, weil alles grünt und blüht. Die Tier sieht man jetzt springen mit Lust auf grüner Weid, die Vöglein hört man singen, die Loben Gott mit Freud“ (Ev. Gesangbuch 501, 1606).

Rainer Hecker, Pastor in Aurich-Oldendorf

An Himmelfahrt bekam ich doch so ein kleines „Geschoss“ direkt ins Gesicht. Abends beim Füttern der Hühner für den nächsten Tag. Da lag dieses „Geschoss“ vor mir auf dem Rücken, die Beine strampelten nach oben; sie fanden sofort an meinem Zeigefinger halt. Die Fühler des Tierchens am Kopf tasteten voran. Welch ein Glück! Es gibt sie wieder häufiger, die Maikäfer.
In längst vergangener Kinderzeit bekamen sie Beinamen wie Schuster, Schornsteinfeger, Müller, gar Kaiser, diese hatten ein purpurrotes Halsschild und standen gegenüber dem Fußvolk der Maikäfer ganz oben und galten als selten und hatten auf dem Schulhof einen hohen Tauschwert. „Tausche Müller und Schuster gegen einen Kaiser.“ So hatten sie einen hohen Sammlerwert bei Kindern, denn es gab Zeiten, da waren die Maikäfer sehr selten geworden und sie galten als Glücksbringer und Frühlingsboten. In manchen Jahren traten Maikäfer in großen Mengen auf und wurden deshalb auch hartnäckig bekämpft, weil sie dann als Schädlinge galten. Das sieht der seltene Wiedehopf ganz anders: Er braucht die kräftigen Käfer, die lange im Erdreich ruhten, zur Aufzucht seiner Jungen als Nahrung. Egal ob Kaiser, Müller oder Schuster, wichtig ist: „Es gibt ihn noch! Und wieder mehr.“
Die Schöpfung findet ihr Gleichgewicht zwischen Beute und Jäger. Hätten wir Menschen alleine das Sagen, sähe es sehr dunkel für unseren Erdball aus. Da ist es, denke ich, gut zu wissen: Da ist Gottes Güte, sie bleibt mein Helfer jetzt und allezeit. So singt es der Verfasser des 63. Psalmes: „Du Gott, bist mein Helfer, und unter dem Schatten deiner Flügel frohlocke ich, dass all die kleinen und großen Geschöpfe mich hinweisen, auf den, der alles einst ins Leben rief, Maikäfer, Storch und Schwalben und viele mehr, dir sei Lob’ und Ehr’, weil alles grünt und blüht, die Blüt’ zur Frucht vermehre.“ Wieder das Lied „Wie lieblich ist der Maien“ (Ev. Gesangbuch 501).
Es ist beruhigend zu wissen, Gott, dass du da bist und auf unseren Lebensweg achtgibst.
Gehen müssen wir ihn selber.

Von Rainer Hecker, Pastor in Aurich-Oldendorf

Himmelfahrt 24. Mai 2017: „Ich bin dann da…“

Kinder können am schönsten sagen, was unseren Glauben ausmacht. Ich frage Kindergartenkinder: „Was macht Jesus im Himmel?“ Meldet sich ein kleiner Junge: „Er sagt Gott, dass er gut zu uns sein soll.“ – Jesus, aufgefahren in den Himmel, wirbt bei Gott um Sympathie für uns Menschen. Damit ist alles gesagt. Ich habe dieses Glaubensbekenntnis eines fünfjährigen Jungen für mich übernommen. Er hat mir geholfen zu verstehen, was wir am Himmelfahrtsfest feiern. Der Altar in der Auricher Lamberti-Kirche zeigt ein wunderbares Bild: Auf einem Berg sind die beiden Fußabdrücke Jesu zu sehen. Jesus selbst entschwebt in den Himmel. Zu sehen sind nur noch seine beiden Füße, noch von den Nägelmalen am Kreuz gezeichnet.

Tido Janssen, Pastor in der Lamberti-Gemeinde und Superintendent des Kirchenkreises Aurich

Nun muss man heute wohl kaum lange erklären, dass die Rede von einer „Fahrt in den Himmel“ jenes antike dreistöckige Weltbild voraussetzt, das nicht mehr das unsrige ist. Als ob Jesus tatsächlich eine Weltraumfahrt angetreten habe! So etwas heute zu behaupten, wäre absurd. Zur Zeit, als Lukas den Bericht über die Himmelfahrt schrieb und auch noch als der Lamberti-Altar zu Beginn des 16. Jahrhunderts angefertigt wurde, war diese Vorstellung durchaus nicht ungewöhnlich. Damals wurde von vielen „Entrückungen“ berichtet, nicht nur von Jesus, auch von Herakles, Romulus, Alexander dem Großen und anderen. Erzählt wird ein Entschwinden von der Erde. Nie geht es um die eigentliche Himmelsreise, denn weder der Weg in den Himmel noch die Ankunft im Himmel werden erzählt. Meist verdeckt eine Wolke schnell den Entrückten, ein Zeichen für die Nähe und Unnahbarkeit Gottes.
Die Himmelfahrt erzählt also nichts anderes, als dass Jesus jetzt bei Gott ist. Dies ist nichts anderes als ein besonders herausgehobener Aspekt des Ostergeschehens.

Mit der Himmelfahrt sagt Jesus nicht: „Ich bin dann mal weg.“ Sondern: „Ich bin dann mal da. Bei Gott. Und lege bei ihm ein gutes Wort für Euch ein.“ Jesus ist jetzt nicht mehr nur an einem einzigen irdischen Ort. Eingegangen in Gottes Wirklichkeit ist er dann wie Gott selbst überall für uns da.

Etwas anderes kommt hinzu. Die zurückbleibenden Jünger werden direkt angesprochen: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“ (Apostelgeschichte1,11). Der Erzähler Lukas schreibt uns allen ins Stammbuch: Wartet nicht untätig darauf, dass Jesus aus dem Himmel wiederkommt. Guckt in die Welt! Geht hin und erzählt selbst von diesem Jesus! Er will auch Euch allen heute sagen und zeigen, dass Gott Euch nahe ist.

Das Bild auf dem Lamberti-Altar zeigt deshalb sehr schön: Jesus hat auf dieser Welt große Fußspuren hinterlassen. In vielen biblischen Geschichten finden wir sie. Darüber hinaus ist er auferstanden und jetzt bei Gott. Dort ist er unser Fürsprecher.

Von Tido Janssen, Pastor in der Lamberti-Gemeinde und Superintendent des Kirchenkreises Aurich

20. Mai 2017: Mut zu innerer Einkehr

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.
Psalm 66, Vs.20

Hast Du noch Fragen, Bitten oder Wünsche? Oder bist Du satt, gesättigt, wunschlos glücklich oder ist Dir alles egal? Das Leben stellt so viele Anforderungen an uns, dass wir nicht mehr klar auf uns selber schauen. Im Jetzt stehen wir: Wie komme ich durch? Wie setze ich mich durch? Wo bleiben die Zwischentöne, das Ungewisse, das Suchende? Habe ich Anlässe, still zu werden, Pausen zu genießen, die Hände einfach mal zum Gebet zu falten? Will ich das? Bringt mir das was? Muss ich mich schon wieder wehren gegen eine Unterstellung, einem Vorwurf, einer modernen fake-Nachricht?

Das Leben ist vielfältig und anspruchsvoll, nicht leicht und einfach. Das wusste auch der Psalmbeter. Er macht Mut, es wieder mit der inneren Einkehr zu versuchen. Wer betet, bringt seine Anliegen, seine Sorgen und Wünsche zum Ausdruck. Er lädt sie sozusagen beim Adressaten ab. Der Angeredete, der Gebetene, ist Gott. Ja, er ist noch da. Es gibt ihn noch inmitten der Unübersichtlichkeit dieser Welt. Und er steht wohlwollend und annehmend mir gegenüber; er bleibt positiv eingestellt zu uns: Seine Güte bleibt, wendet sich nicht von uns.

Michael Schlieker, Pastor in Simonswolde

Nächste Woche beginnt der Evangelischen Kirchentag in Berlin und Wittenberg. Menschen kommen zum Singen, Beten, Spaß haben und sich Gedanken machen um Gott und die Welt. Das Motto lautet: „Du siehst mich“! Gott sieht Dich und mich – und er sieht wohlwollend auf uns und wendet seine Güte nicht von uns ab, ob in Berlin, Wittenberg, Aurich, Norden, Georgsheil, Ihlow oder Wiesmoor. Darum dürfen wir ihn loben, dass Er uns sieht und hört, unsere Gebete annimmt und in seiner Güte bei uns ist. Bei ihm dürfen wir uns fallen lassen, uns Zeit nehmen, Wünsche formulieren, Fragen aussprechen, Bitten denken und das Suchende zulassen. Und ob wir nun in der vor uns liegenden Woche bleiben oder reisen, traurig sind oder uns freuen, unser Gott ist bei uns, Tag und Nacht. Dank und Lob dafür. Amen

Von Michael Schlieker, Pastor in Simonswolde

13. Mai 2017: Verbindungen

Schon lange bin ich auf der Suche nach meinen Wurzeln – die Ahnenforschung hat mich gepackt. Sie führt mich immer wieder in eine weite Welt. Ich lerne viel – so z.B. über Geschichte – Das, was ich einmal im Geschichtsunterricht gehört hatte, kommt mir jetzt selber nah, weil es meine eigene Familie betrifft. Ich lerne Sprache und Schrift ganz neu entdecken und denke an so manche meiner vielen Konfirmanden in den Jahren: Wie schlecht lesen die Kinder z.T. – und sollen sie dann mal ausnahmsweise einen Text lesen, der in einer alten verschnörkelten Druckschrift geschrieben ist, dann ist das fast unmöglich. Ich entdecke, wie viele Menschen mit mir verbunden sind – und erschrecke oft, wie wenig vielen Menschen heute noch über ihre Familien wissen. Ja oft kennen die Kinder nicht mal die Namen von Onkel und Tante. Viele leben weiter auseinander und die Kontakte werden dünner, manche reißen ganz ab. Das Forschen nach den Wurzeln meiner Familie hat mir ein ganz neues Gefühl für den Halt im Leben gegeben – ich gehöre in ein großes Geflecht von Menschen hinein, die in irgendeiner Weise, ob nah oder fern, mit mir verwandt sind. Uns verbindet etwas.

Harald Lemke, Pastor für Westerende, Bangstede und Barstede

Schließlich lerne ich auch etwas über die Konfessionen und die Probleme, die sie den Menschen vor noch gar nicht allzu langer Zeit bereitet haben. Was waren damals verschiedene Konfessionen in der Ehe für ein Problem, was gab es da für Verwerfungen. Gott sei Dank ist das überwunden. Ich habe im Zuge dieser Forschung immer wieder entdeckt, wie sehr der Gedanke Gottes aus dem 1.Buch Mose seine Berechtigung hat: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ Wer sich auf der Suche nach seinen Ahnen befindet, der wird viele Geschichten entdecken, die davon berichten, wie gut es ist, nicht nur „Ich“ sagen zu können, sondern das „Wir“ zu leben. Bei allen Problemen, die das auch immer wieder mit sich bringt. Gott setzt auf das „Du“. Für mich ist es spannend zu entdecken, wer alles zu diesem „Wir“ meiner Familie und zu mir gehörte und gehört. Sollte Sie anfangen wollen – viel Spaß bei der Suche. Es lohnt sich.

Von Harald Lemke, Pastor in Westerende, Bangstede und Barstede

6. Mai 2017: Freude verwandelt

Lachen ist gesund. Medizinische Untersuchungen zeigen: Wer lacht, lebt länger und lebt länger gesünder. Regelmäßiges Lachen führt dazu, dass Patienten schneller wieder gesund werden. Lachen ist „Aspirin für die Seele“ – so lässt sich lesen. Lachen befreit von Anspannung, Stress, Ärger und Angst. Beten übrigens auch. Fröhlich beten ist also doppelt gesund. Und darum geht es genau an diesem Sonntag, der den Namen „Jubilate- jubelt!“ trägt. Jubilate! Jubelt! Seid fröhlich, denn alles ist neu geworden!

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe neues ist geworden. 2. Kor 5,17

Pastorin Christiane Schuster-Scholz aus St. Jürgen zu Holtrop, Akelsbarg, Felde, Wrisse und Bietzefeld

So wirkt Ostern weiter. Die Osterzeit, in der wir uns jetzt befinden, ist eine fröhliche Zeit. Eine Zeit, in der die Freude im Mittelpunkt steht. Es ist eine Zeit, in der gelacht werden kann. Gelacht, wie im Ha-ha-ha- im Halleluja. Lachen, das kann man aus ganz verschiedenen Gründen. Eigentlich müssten wir Kinder fragen: Kinder lachen am Tag etwa 400 Mal. Erwachsene hingegen im Schnitt nur 15 Mal. Um zu lachen, fallen mir 3 Gründe ein: Ich lache, wenn etwas komisch ist. Oder ich lache auch, wenn ich mich freue, etwa, wenn mir ganz unverhofft etwas geglückt ist. Oder ich lache, wenn ich jemanden auslache. Wenn Menschen über einen anderen lachen, ist das eigentlich nicht schön. In den Ostergeschichten wird allerdings der Tod ausgelacht, weil er ausgespielt hat. Er hat keine Macht mehr. Und dieses Lachen ist dann so etwas wie ein Glaubensbekenntnis.

An Jubilate feiern wir in unserer Holtroper Kirche Konfirmation. Auch da gibt es viel Spannung, auch da wird viel gelacht. Jugendliche bekennen sich zum christlichen Glauben. Sie machen sich fest im Glauben, antworten mit ihrem „Ja“ auf Gottes „Ja“, das er längst zu ihnen gesagt hat. In unserer Gemeinde tun sie das mit Handschlag. Manches hat sich bei ihnen verändert. Schon rein äußerlich. In ihren Festkleidern sehen sie ganz anders aus. Aber auch innerlich. Wenn ich Vertrauen wage, Gott im Gebet in die Hand legen kann, was mich niederdrückt, dann verändert das mein Leben. Und auch, wenn ich am Ende eines Tages überlege: „Wofür kann ich Gott an diesem Tag danken?“ Das macht das Herz leicht. Ich schöpfe ganz neue Kraft. Und manchmal kann ich im Rückblick auf ein Missgeschick ganz einfach herzlich lachen. „Euer Herz soll sich freuen und diese Freude kann niemand von euch nehmen.“

Ihre Pastorin Christiane Schuster-Scholz aus St. Jürgen zu Holtrop, Akelsbarg, Felde, Wrisse und Bietzefeld

29. April 2017: Hirten

„Mögen Sie Schafskäse?“ Bevor ich eine Antwort geben konnte, entschied mein Gegenüber lachend: „Ich bringe Schafskäse mit. Das passt zu Ostern und zur Kirche.“ Sie hatte recht: Schafe und Ostern gehören zusammen – nicht nur, dass Menschen in biblischer Zeit von diesen Herdentieren lebten, sondern die wolligen Vierbeiner haben es ins Alte und Neue Testament geschafft.
Am morgigen Sonntag „Misericordias Domini“ (lat. Barmherzigkeit des Herrn) stehen Schafe zusammen mit ihren Hirten, die sie hüten, im Mittelpunkt. Seit der Konfirmandenzeit kennen viele den Psalm 23. Besonders der erste Vers berührt auf eigene Art: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Das Bildwort vom Hirten beschreibt, wie Gott sein will. Menschlich, warm und barmherzig wird von Gott erzählt, der uns zu grünen Auen führt und das gute Leben gönnt. Der Psalm 23 erzählt, ohne viele Worte zu machen: Gott sorgt und kümmert sich, führt und hält Menschen zusammen. Auch Jesus spricht von sich selbst als einen Hirten. Allerdings nimmt er es genau: Er spricht von einem guten Hirten. Vor 2000 Jahren war die Lebenswirklichkeit rau: Es gab damals schon die schlechten Hirten, die verführten und ausnutzten.
Immer sind schlechte Hirten unterwegs, die Tatsachen verdrehen, und auf ihren Vorteil bedacht sind, überall und grenzübergreifend. Was macht einen guten Hirten oder eine gute Hirtin aus? Das ist eine aktuelle Frage in diesen Tagen der politischen Wahlen und Weichenstellungen.

Silke Kampen, Pastorin In Wallinghausen

Jesus antwortet konkret: Der schlechte Hirte hat kein inneres Verhältnis zu den Schafen seiner Herde. Sobald Gefahr droht, lässt er die Herde im Stich, um sein eigenes Leben zu retten. Der gute Hirte hingegen stellt das Wohl seiner Herde über das eigene.
Hirtinnen und Hirten dieser Zeit, also Menschen, die Verantwortung tragen wollen und sollen, müssen sich nach ihren Maßstäben, inneren Beziehungen zur Gemeinschaft und ihren grundsätzlichen Werten befragen lassen. Schließlich sind die, die diese Rechenschaft fordern – die „Schafe“ , nicht unmündig und dumm! Trotzdem ist es schwer, in der Masse der Information und Bilderfluten die Zeitgeister zu unterscheiden, die guten und zuverlässigen Hirtinnen und Hirten zu entdecken und Vertrauen zu fassen.
Es ist keine Sache nur des eigenen Geschmacks, sondern der eigenen Mündigkeit und des wachsamen Blicks. Jesus legt die Messlatte hoch: Er weiß, dass er den Weg des guten Hirten gehen wird, deshalb kann er sagen: Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte setzt sich für seine Schafe ein, für die Erfolgreichen wie für die, denen Glück und Erfolg abhandengekommen sind, für die ewigen Gewinner, aber mehr noch für die, bei denen so vieles auf dem Spiel steht. Das ist die beste Botschaft der Welt und diese Entscheidung ist bereits gefallen.

Von Silke Kampen, Pastorin in Wallinghausen

22. April 2017: Wie neu geboren

„Ich fühle mich wie neu geboren…“ – nach einem wohltuenden Bad, einer Nacht mit ausreichend Schlaf, einer entspannenden Massage, dem Saunagang oder wenn ich nach der Gartenarbeit erfrischt aus er Dusche steige. „Ich fühle mich wie neu geboren“ – ein wunderbares Gefühl, wenn die Kräfte zurückkehren, und ich mit neuem Schwung an die nächsten Herausforderungen herangehen kann.

Sandra Stelzenberger, Diakonin in Victorbur und Weene

 

Daran erinnert mich der erste Sonntag nach Ostern. Er hat den lateinischen Namen „Quasimodogeniti“. Übersetzt heißt das „Wie die neugeborenen Kinder“. Mit ihnen werden in der Bibel die Menschen verglichen, die beginnen, an Gott zu glauben. Der Apostel Paulus hat es einmal so formuliert: „Wenn jemand zu Christus gehört, ist er eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen; etwas ganz Neues hat begonnen!“ Aber was bedeutet es, wie ein neugeborenes Kind zu werden? Es heißt nicht, dass ich mein Leben ein zweites Mal lebe. Manchmal wünsche ich mir das, um dann bessere Entscheidungen zu treffen oder Fehlern aus dem Weg zu gehen. Aber ich befürchte: Selbst wenn mir das bei einem zweiten Versuch gelingen würde, würde ich neue Fehler machen und andere falsche Entscheidungen treffen.

Wer anfängt, an Gott zu glauben, fängt nicht bei null an. Er behält seine Vergangenheit mit allem Guten und allen Fehlern. Dennoch wird sein Leben ganz neu. Es wird neu, weil er sich an Jesus Christus bindet. An Jesus zu glauben heißt: Ich vertraue auf ihn. Ich nehme es für mich an, dass er am Kreuz gestorben und drei Tage später auferstanden ist. Ich bekenne meine Schuld und bitte ihn und Menschen um Vergebung.

Wer so an Jesus Christus glaubt, ist wie neu geboren. Er hat nämlich die Chance, jeden Tag ohne Altlasten in die Zukunft gehen – wie neugeborene Kinder. Gotteskinder eben.

Ich fühle mich wie neu geboren – das ist vielmehr als ein gutes Gefühl nach einem langen Tag. Neu geboren sein bedeutet: Ich bin als Gottes Kind unterwegs – mit einem Vater im Himmel, der mir jeden Tag einen Neuanfang schenkt und mich darum ermutigt, niemals aufzugeben.

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen

Sandra Stelzenberger, Diakonin in Victorbur und Weene

Ostern 15. April 2017: Ostern – vom Leben umfangen

Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent im Sprengel Ostfriesland-Ems

„Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?“ So dichtete es Schalom Ben-Chorin 1942 in Jerusalem. Er setzte damit den Frühling und die zarten Blüten des Mandelbaumes gegen die schroffe und harte Wirklichkeit des Krieges und die Vernichtung der Juden.
Die leichten Blüten im Wind gaben ihm Hoffnung, dass das Leben siegt. Es ist ganz und gar nicht selbstverständlich, dass Menschen immer wieder an der Hoffnung festhalten, dass am Ende die Liebe und das Leben siegen.
Am Osterfest geht es aber genau um diese unerhörte Hoffnung, gegen allen Augenschein den Glauben an den Sieg des Lebens festzuhalten. Nicht Terror und Gewalt, nicht Krieg und Elend, nicht Menschenverachtung und Tod behalten das letzte Wort. Zart und doch unübersehbar setzt sich Gottes Handeln der Liebe in dieser Welt durch. Das Leben siegt über den Tod. Dies werden wir als Christen Ostern wieder weltweit feiern. Mitten in den Erfahrungen von Leid und Tod ist unser Osterglaube oft selbst nur wie eine zarte Blüte im Wind. Aber eben auch darin ein wunderbarer Hinweis auf den Sieg des Lebens, den Christus uns in seiner Auferstehung geschenkt hat.
Wenn wir die Osterbotschaft von Jesu Auferstehung in unserer Wirklichkeit hören, ahnen wir wieder, was es bedeutet, an das Wunder des Lebens zu glauben.
Martin Luther hat diese widersprüchliche Erfahrung unseres Lebens mit Blick auf Ostern wunderbar treffend zusammengefasst, wenn er sagt: „Mitten im Leben sind wir vom Tode umfangen. Kehr’s auch um: Mitten im Tode sind wir vom Leben umfangen.“
Manchmal ist es ein Blütenzweig oder eine zarte Geste der Liebe, die uns diese Kehrtwende wieder in Erinnerung ruft, dass das Leben siegt.
Ich wünsche allen ein frohmachendes und gesegnetes Osterfest.

Von Landessuperintendent Dr. Detlef Klahr, Sprengel Ostfriesland-Ems

8. April 2017: Wellness für die Seele

Das Telefon klingelt. Ich hebe den Hörer ab: „Andreas-Kirchengemeinde Plaggenburg, Pastor Ott, Moin.“ Eine freundliche Frauenstimme spricht mich in ziemlichem Tempo an: „Guten Tag, ich habe bei Ihnen ein Wellness-Wochenende gebucht.“
„Sie haben bei mir ein Wellness-Wochenende gebucht?“
„Ja.“
„Entschuldigen Sie, sind Sie sicher?“
„Bin ich denn nicht bei….“
„Sie sind hier bei einer Kirchengemeinde und ich bin der Pastor.“ Die Frau am anderen Ende spricht jetzt langsamer: „Oh, da muss ich mich verwählt haben.“
„Das passiert hier öfter. Wahrscheinlich haben Sie einfach eine Zahl nach der Vorwahl ausgelassen oder zu schnell getippt.“
„Ach so.“
„Ach, das macht nichts. Da sind sie nicht die erste. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende bei….“
Wir legen beide gleichzeitig unter entspanntem Gelächter auf. Das war überraschend und erfrischend.

Roman Ott, Pastor in Plaggenburg

Dieser Dialog hat tatsächlich so ähnlich stattgefunden und ist insofern keine Erfindung. Die Begegnung am Telefon war amüsant. Sie ist aber auch nachdenkenswert. Menschen wollen sich entspannen, mal rauskommen, mal auftanken, körperliche Fitness verbessern. Sie brauchen es, neue und ungewöhnliche Erfahrungen zu machen. Wohltuend soll es sein, aber wenn etwas fremd ist, möchte man doch begleitet werden, damit man nicht zu sehr verunsichert wird.
So kümmern sich Menschen um etwas, das sonst zu kurz kommt und sie lernen etwas dazu. Manchmal suchen sie besondere Herausforderungen. Es geht um körperliche Erfahrungen, aber auch um alle Sinne, den ganzen Menschen, mit Geist, Seele und Leib.
Menschen können sich an ihren wöchentlichen Ruhetagen auch um ihre Seele kümmern, klassisch-traditionell vielleicht oder auf eigene Weise. Es soll etwas für Leib, Seele und Geist bewirken. Auf eine etwas andere Art und Weise als es bei dem Gespräch am Telefon thematisiert wurde, kann man etwas für seinen Glauben und seine Seele tun. Dafür ist hierzulande der Sonntag besonders geschützt. Vielleicht macht man das mit der „Seelenpflege“, dem „Wellness-Wochenende“ nur als Ausnahme, vielleicht selten, aber doch regelmäßig.
Gott sei Dank – in genau dem wörtlichen Sinn – gibt es den Sonntag, um sich anregen zu lassen und die Kontakte zu Gott, zu anderen Menschen und zu sich selber zu pflegen.
Wellness für die Seele? Ja, so könnte man diesen besonderen Tag auch verstehen.

Von Roman Ott, Pastor in Plaggenburg

2. April 2017: Vor grauem Haupt aufstehen …

„Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der Herr.“ (3. Mosebuch 19, Vers 32)

Aufstehen!
Natürlich hatte ich das gelernt, als junger Mensch.
Dass man aufsteht, wenn ein schwächerer, unsicherer stehender älterer Mensch in den Bus oder in den Zug einsteigt. Ich will hilfreich sein, wo das körperliche Alter eben Hilfe brauchen kann.

Aufstehen!
Natürlich hatte ich das gelernt, mich beim Begrüßen zu erheben, wenn ein graues Haupt den Raum betritt.
Denn der Ältere soll sich ja nicht herunterbeugen müssen, weder im körperlichen, noch im übertragenen Sinne. Die große Lebens-Erfahrung ist zu würdigen. Ich will zeigen, dass ich Achtung habe
vor allen Lebens-Leistungen, die ein Mensch mit vielen Lebensjahren „auf dem Buckel hat“.

Aufstehen!
Natürlich hatte ich das gelernt, als Jugendlicher im Religionsunterricht, dass man Vater und Mutter, dass man die Älteren ehren soll, auf dass man selber lang, gut, geachtet und gestützt leben kann. Ich will vorbildlich für Ältere da sein, damit die Jüngeren dieses Da Sein für die Älteren – und auch einmal für mich – in ihrem Gedächtnis und Herzen bewahren.

Die Alten ehren…
„Ehren“ bedeutet im Hebräischen eigentlich „schwer machen“, Gewicht verleihen.
Den Älteren mit ihrer Lebenserfahrung Gewicht verleihen in der Familie und in den Gemeinschaften. Auf die wir uns verlassen, auf ihren Rat und ihre Tat.
Wir verleihen ihnen Gewicht, indem wir sie wichtig nehmen. Ihnen zuhören. Uns Dinge zeigen lassen von ihnen.

… Und wir sollen den Alten Gewicht geben, sie „schwer“ machen, – das heißt auch: ihnen immer einen vollen Teller an unserem Tisch gönnen, für sie gut sorgen, auch wenn sie nicht mehr allein für sich sorgen können. Sie sollen es gut haben bei uns, wie wir es gut hatten bei Ihnen. Wir sollen voneinander und miteinander gut leben können. Schließlich: wir sollen ihnen „ihr“ Gewicht geben:
Das Gewicht, das sie in unser Leben hineingebracht haben. Ihr Gewicht als Mutter und Vater, als Oma, als Freund, als Ermutigende und Tröstender, als Hausmitbauende und als Selbstvertrauen aufbauende Nächste in unserem Leben.

Wolfgang Beier, Pastor in Münkeboe und Moorhusen

Ich glaub sogar, das ist das größte Gewicht, das die Älteren für uns haben. Das Gewicht, das sie unserem Leben gegeben haben. Mit ihrer Sorge. Auch mit ihren Schwächen. Vor allem aber: Mit ihrer Liebe. Und dieses Gewicht ihrer Liebe, das spür ich in mir, jedes Mal, wenn ich sie sehe. Und auch, wenn sie kaum mehr etwas tun können, nur noch da sein können. Das tun Sie immer noch, jeden Tag, bis zuletzt. Da sein für mich. Sie nehmen mich wichtig. Sie geben mir Gewicht. Sie haben mich lieb. Ihr Leben lang.

Und dieses Gewicht bewahr ich mir. Indem ich meine geliebten „Alten“ ge-wichtig nehme. In meinem Herzen. Bis zum letzten gemeinsamen Tag. Und darüber hinaus.

Und dann noch: Gott fürchten …. Ehrfurcht haben vor Gott. Davor, wie er uns so geschaffen hat. Dass wir uns gegenseitig Gewicht geben, wichtig nehmen, aufbauen in unserem Leben. Ehrfurcht haben vor Gott. Davor, wie er jedem, jeder von uns Gewicht gibt, um eine gewichtige Aufgabe zu übernehmen in seiner Schöpfung. Vom Anfang bis zum Ende. Vom Kind Sein bis zum Alt Sein. Jeder von uns hat seinen Sinn, hat sein Gewicht für´s gute Leben, fürs Miteinanderleben, – auch mit grauem Haupt. Ehrfurcht haben vor Gott. Und vor jedem seiner Geschöpfe. Und sie ehren, ihnen Gewicht geben.
Auch mir selbst.
Auch im Alter.

Von Wolfgang Beier, Pastor in Münkeboe und Moorhusen

25. März 2017: „Dann ist er bald auch wieder da“

Eine schöne Karikatur von Volker Kischkel („Mock“) zeigt einen Pastor, der in einer Sakristei an seinem Laptop sitzt. Über ihm schwebt undeutlich ein Bleistift mit Flügeln – wohl ein Bild für den Heiligen Geist, der ihm gute Gedanken eingeben soll. Aber dann ist es passiert – der Pastor ist sichtlich ratlos und erschrocken: „Verflucht, jetzt habe ich Gott gelöscht!“
Eine witzige Idee, dass ausgerechnet ein Pastor Gott löscht – und eine absurde dazu. Wer sich mit Computern auskennt, weiß ja: Ein Klick auf den Wiederholen-Button, und Gott ist wieder da. Oder man schreibt es einfach noch mal hin. Also, lieber Pastor: Keine Sorge, Gott ist nicht weg, nur weil du aus Versehen das Wort gelöscht hast.

Uwe Noormann, Pastor in Tannenhausen und Georgsfeld

Aber dann denke ich: So absurd ist die Idee gar nicht. Das Gefühl, dass Gott weg ist, haben vermutlich viele schon gehabt. Manche sagen auch: Der ist sowieso nur ausgedacht, dann kann man ihn auch einfach wieder wegdenken. Ganz so einfach ist das sicher nicht, aber ich verstehe gut, dass man Mühe haben kann mit Gott. Wenn man in einer schwierigen Situation betet, aber es scheint niemand zu hören. Wenn man um Hilfe fleht, aber nichts tut sich. Jede Not und jedes Elend ist eine kritische Anfrage an Gott. Und es gibt keine leichten, schnellen Antworten. Man kann hier und da ein paar Gründe finden, vielleicht sogar eine Erklärung. Aber am Ende gibt es nur persönliche Antworten. Wie glaube ich Gott zu erfahren in dem, was mir begegnet oder auferlegt wird.
Und meine Erfahrung ist: Gott ist der, der mir Trost und Halt gibt. Ich spüre ihn nicht immer, und manche Fragen bleiben offen. Aber ich merke, dass ich trotz allem gehalten werde. Ich habe oft genug gesehen und erlebt, dass sich ein neuer Weg fand, wo alles ausweglos aussah. Das soll mir fürs Erste genügen.
Wichtig ist für mich auch, dass Gott sich in Jesus dem Leid stellt, es aushält, es trägt, und am Ende einen Durchbruch schafft. Ich muss das nicht alles verstehen, aber auch daran kann ich mich anlehnen oder festhalten.
In unserer Bläser-Andacht morgen Abend erzählen wir davon mit dem Gospel: God loves people more than anything. Gottes Liebe ist größer, als wir uns vorstellen können, und sie ist uns nahe gerade auch an den Bruchstellen unseres Lebens. Es gibt Zeiten, in denen man das nicht sehen kann. Da scheint Gott wie gelöscht. Aber wenn man auf den richtigen Knopf drückt – das heißt mit ihm redet, ihn fordert, sich auf seine Worte verlässt – dann ist er bald auch
„wieder da“.

Von Uwe Noormann, Pastor in Georgsfeld und Tannenhausen

18. März 2017: Da müsste Musik sein

So ist es fast jeden Tag im Radio zu hören, wenn der Sänger Wincent Weiss von den herausragenden Momenten des Lebens schwärmt und meint: da müsste dann Musik sein, Trompeten, Geigen und Chöre.
Da müsste Musik sein? Sie ist fester Bestandteil in unseren Kirchen und zu den besonderen Anlässen! Die Lieder mit den vertrauten Texten spenden Trost in der Trauer beim Abschied von einem lieben Menschen. Sie bringen die Freude zum Ausdruck, wenn ein Paar sich vor dem Altar das Jawort gibt. Sie verstärken die Zusagen, die in der Taufe ausgesprochen werden. Bei all diesen Gelegenheiten gehört die Musik ganz selbstverständlich dazu. Unsere Gefühle finden in den Melodien und Texten ihren Widerklang.
Da müsste Musik sein? Unsere sonntäglichen Gottesdienste sind ohne Musik kaum vorstellbar. Die Lieder, in Begleitung mit der Orgel gesungen, befreien die Seele und machen das Herz leicht. Es können die lange bekannten Lieder sein, aber auch neuere können schnell vertraut und lieb werden: „Komm Herr segne uns“.
Da müsste Musik sein? Zum Segen gibt es noch unsere Chöre, so unterschiedlich und jeder Einzelne besonders wertvoll. Immer wieder bereichern sie mit ihren Klängen und den verschiedenen Tönen unsere Gottesdienste. Manchmal steht die Zeit still, wenn ein Chor singt. Wir finden im Hören zu innerem Frieden. Mit ihren Texten sind die Beiträge stets auch ein Teil der Verkündigung. Oft drücken Lieder aus, was mit Worten nur schwer zu sagen ist.
Da müsste Musik sein? Es ist ein Geschenk, dass da so viel Musik ist in unseren Kirchen und Gottesdiensten. Ich möchte Dank sagen denen, die dafür mit sehr viel Liebe und immer neuer Mühe sorgen. Ich sage Dank den Organistinnen und Organisten, die sich Woche für Woche intensiv vorbereiten; auch den Chorleiterinnen und Chorleitern, die besondere Verantwortung übernehmen und auch all denen, die ihren Glauben in einer Chorgemeinschaft leben und zum Ausdruck bringen.
Da müsste Musik sein? Das Lied ist heute Abend live in Aurich in der Stadthalle zu hören. Morgen heißt es dann in unseren Gottesdiensten vor allem anderen: da wird Musik sein!

Von Kurt Booms, Pastor in Weene

11. März 2017: Gott kummt neet mit Knieptang

Wenn du unnerwegs büst, denn kanns’t ook wat beleeben! Nu hebb ik wat hatt, dat mutt ik di eerst vertellen! Elke Johr gahn wi mit’n Bus full Lü van uns Kark up Tour un kieken uns wat in de wiede Welt an. Dor kanns’t alltied n’Bült bi lehren.
Verleden Johr wassen wi in n’ mooien Stadt, de n’dicken Müür um sück tau harr un ook n’deepen Grafft mit Water. Seker wullen se wesen, dat hör nümms in hör Stadt koomen dee, de se dor neet hemm wullen. Vandage sücht dat dor all n’bült frünnelker ut un over de breede Grafft geiht ook mennig Brügg, de di seker over’t Water helpt. De erste Abend as wi dor wassen, was ik düchdig mööi van de Busfohrt un wull geer’n noch eem n’Endje dör de Stadt löpen un eem um mi to kieken. Ik bü’el so för mi hen an de oole Grafft un dor sach ik hum ankoomen. Ik wuur rein’ Spier benaut. Mit groode Stappen kweem dor n grooten jungen Mann anstappen, de was twee Koppen grooter as ik, keek heel gremieteg ut un harr’n heel dicken Knieptang unner’t Arm. „Oha“, doch ik, nu is’t her mit di. Wenn de di nu een mit den Knieptang verpötert, kannst dien Testament maken un hörst bloot noch Engels singen.“
Un ik oll Bangbüx bleev achter’n dicken Boom stahn un bekeek de junge Mann mit de Knieptang. De hett mi heel neet in Luur kregen. Man nu sach ik eerst, wat he wull: de heel Handloop van de Brügg satt vull Schlötten, de junge Pooren mit hör Naamen un’n Hartje dor hen hangen harren. Dat süchst ja nu up mennig Stee. In Köln un Berlin uno ok an’t Knock un ant Pilsmer Füürtoorn. Dat Schlött sall heeten: wi beden blieben binanner, wi hollen tosamen, nix kann uns utnanner rieten. Man hier leep dat anners: So tomal nahm de junge Mann sien Knieptang un kneep een van de Schlöten van de Handlopp off un schmeet hum in’t Water. Se denkt neet mehr an mi un hett mi vergeeten! Ut is’t mit de Leevde! Weg d´r mit. Un he keek dat Schlött ook heel neet mehr na, he nohm sien Knieptang unner’t Arm un stappde weer torügg. Se harren sück net mehr leev – dor sull ook nix van blieben.
As ik weer in Huus was un wi s’ abends uns Andacht harren, muss ik tomal denken: goot, dat uns leeve Vader in’d Himmel neet mit Knieptang unnerwegs is! An de Handloop van heel boben bi Gott bit heel na unnern bi uns hangt so mennig Schlött mit Namen: ook een för di un een för mi – hett uns leev Heer dor süllmst henhangen! He will so geern, dat du un ik un he mitnanner dör’t Leben gahn un fast verbunnen sünt – un blieben! Wo faak denken wi neet an uns Vader in’d Himmel, wo faak vergeeten wi hum. Man he hett di neet vergeeten un he knippt dat Band neet dör! He hett di ook nu van Harten leev un hollt to di! Gott is de Leeve un well in de Leevde blifft, de blifft in Gott un Gott in hum – so segt de Bibel. Vergeet dat neet!

Von Von Jürgen Hoogstraat, Pastor in Victorbur

4. März 2017: Durch Notruf Rettung

Gut, dass es Notrufe gibt, zum Beispiel 110 oder 112. Bei Gefahr für Leib und Leben können so Helfer und Retter schnell herbeigerufen werden. Für Christen gibt es zudem einen weiteren Notruf, für welchen man nicht einmal eine Nummer, geschweige denn ein Gerät braucht. Darauf verweist der Name des morgigen Sonntages: Invokavit (lateinisch; „er ruft mich an“).
Dieser Name bezieht sich auf den 15. Vers des Psalmes 91, wo es heißt: „Er (der Mensch) ruft mich (Gott) an, darum will ich ihn erhören; ich bin bei ihm in der Not, ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen.“ – Ob Du und ich sich an Gott wenden oder nicht, von ihm her gilt unverbrüchlich: Ich bin bei Dir! Dies verspricht er durch Jesus Christus (Matthäus, Kapitel 28, Vers 20b: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“)
Doch erhört Gott auch unsere Notrufe, hilft er tatsächlich? Manche sagen sinngemäß: „Ich habe so viel gebetet, ja, gefleht; es hat nichts genützt.“ Das Gefühl, nicht nur von den Menschen, sondern sogar von Gott verlassen zu sein, kennt sogar der Sohn Gottes, Jesus Christus, der am Kreuz ausruft: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matthäus, Kap. 27, Vers 46b). Aber gerade mit diesem (menschlichen) Schrei klammert sich Jesus an Gott – und wird durch den irdischen Tod hindurchgeführt, hindurchgetragen, zurückgetragen in das vollkommene Leben Gottes ohne Leid und Qual.
Durch diesen Jesus ringt Gott um unser Vertrauen, dass, wie auch immer es um uns stehen mag, wir mit ihm „in Verbindung“ bleiben mögen; durch die Auferweckung Jesu bezeugt er: Er ist bei uns, ganz gewiss, und er trägt mit – und trägt schließlich hindurch durch alle Not. Menschen, die darauf ihr Vertrauen setzen, werden Gottes stärkende Nähe spüren, gerade wenn sie Schweres zu tragen haben.
In diesem Vertrauen hat der Pfarrer Johann Andreas Rothe Worte gefunden, die uns im Evangelischen Gesangbuch (Nr. 354, Strophe 1) überliefert sind: „Ich habe nun den Grund gefunden, der meinen Anker ewig hält; wo anders als in Jesu Wunden? Da lag er vor der Zeit der Welt, der Grund, der unbeweglich steht, wenn Erd und Himmel untergeht.“
Diese Erfahrung hat wohl auch schon der Beter des 91. Psalmes gemacht (von welchem der morgige Sonntag unter Bezug auf Vers 15 ja seinen Namen hat). Denn zu Beginn des Psalmes heißt es in den ersten beiden Versen: „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.“

Von Von Hans Bookmeyer, Pastor für besondere Aufgaben im Ev.-lutherischen Kirchenkreis

25. Februar 2017: Wandern mit Jesus

Fünf Kilometer soll man jeden Tag gehen. Das ist gut für die Gesundheit, habe ich neulich in der Zeitung gelesen. Wie wär’s mit einer kleinen Wandertour? Kommen Sie mit? Jesus und seine Freunde sind auch dabei. Etwas länger als fünf Kilometer könnte unsere Tour allerdings werden. Unser Weg führt uns heute durch die Berge von Galiläa. Ich hoffe, Sie haben feste Schuhe an. Es liegen ziemlich viele lose Steine auf dem Weg. Startklar? Dann lassen Sie uns losgehen.

Georg Janssen, Pastor in Ihlow

Was meinen Sie, ob man die Gelegenheit nutzen könnte für ein Gespräch mit Jesus? Wäre ja eine gute Gelegenheit, wenn man so nebeneinander her läuft. Schade. Zu spät! Da war einer schneller. Was fragt er? Was für Jesus das Wichtigste sei, wenn Menschen in seinem Sinne leben wollen. Da bin ich ja mal gespannt. Das kann ja ein langer Vortrag werden. „Das Wichtigste ist…“ Merkt Ihr was? Wir sind nicht die Einzigen, die die Ohren spitzen. „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Mehr nicht? Ein Satz nur? Habe ich mir doch gedacht, da kommt schon die Nachfrage. „Wer ist das, mein Nächster?“ Gute Frage. Oder will sich da einer nur vor den Konsequenzen drücken? Ganz ruhig erzählt Jesus die Geschichte von einem Mann, der überfallen wurde und der nun verletzt auf der Straße liegt. Zwei hochgestellte Persönlichkeiten drücken sich an ihm vorbei. Erst ein Dritter kümmert sich um den Verletzten. Ein Mann aus Samaria. Einer, der doch gar nicht zum Volk Israel dazugehört, macht es richtig.
Jesus bleibt stehen. Ich glaube, der wartet auf uns. Er lächelt. „Schön, dass wir uns hier begegnen. Wie sieht’s aus bei euch in eurem christlichen Abendland? Spielt Gott noch eine Rolle bei euch im Jahr 2017? Und wie ist das bei euch mit der Liebe? Habt ihr ein offenes Herz für die anderen? Ach ja – und denkt ihr ab und zu noch mal an mich?“ Ein älterer Mann aus unserer Gruppe schiebt sich nach vorne. „Weißt du Jesus, bei uns machen sich viele Menschen Sorgen um unser christliches Abendland. Ich bin mir aber nicht sicher, ob sie dich überhaupt kennen.“
Jesus schaut uns nachdenklich an. „Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr mich noch ein Stück des Weges begleitet. Denn anders als meine Jünger wisst ihr, was am Ende dieses Weges auf mich wartet. Ich gehe diesen Weg, um zu zeigen, dass die Liebe sogar den Tod auf sich nimmt. Und denen, die sich Sorgen um ihr christliches Abendland machen, sagt einfach, sie sollen so handeln, wie ich es euch erzählt habe: Liebt Gott und euren Nächsten wie euch selbst. Das ist das Fundament. Darauf könnt ihr bauen.“

Von Georg Janssen, Pastor in Ihlowerfehn und Ludwigsdorf

18. Februar 2017: Die Kraft der Vergebung

„Verzeih mir!“ – das sagt sich noch relativ leicht. „Ich verzeihe Dir, ich vergebe Dir“ – das ehrlich und von Herzen zu sagen, ist erheblich schwerer. Aber welche Kraft darin liegen kann und was Vergebung bewirken kann, das zeigt vielleicht die folgende Geschichte:
Der Außenminister des im ersten Weltkrieg besiegten Deutschland, Walther Rathenau, fiel im Jahr 1922 einem Attentat zum Opfer. Von drei Verschwörern, die ihn als „Juden“ und „Erfüllungspolitiker“ hassten. Ein Attentäter wurde von der Polizei gestellt und erschossen. Der zweite beging Selbstmord. Der dritte aber – er hieß Werner Techow – konnte entkommen.

Thomas Henneberger, Pastor In Aurich-Oldendorf

Von Techows Mutter wurde bekannt, dass sie unter der Tat ihres Sohnes schmerzlich litt. Dieser Frau nun schrieb Rathenaus alte Mutter, als sie von ihrem Gram hörte, einen Brief, der die Kraft der Vergebung aufscheinen lässt:
„Im namenlosen Schmerz reiche ich Ihnen, Sie ärmste aller Frauen, die Hand. Sagen Sie Ihrem Sohn, dass ich im Namen und im Geist des Ermordeten ihm verzeihe, wie Gott ihm verzeihen möge, wenn er vor der irdischen Gerechtigkeit sein volles offenes Geständnis ablegt und vor der göttlichen bereut. Hätte er meinen Sohn gekannt, den edelsten Menschen, den die Erde trug, so hätte er eher die Mordwaffe auf sich selbst gerichtet als auf ihn. Mögen diese Worte Ihrer Seele Frieden geben.“
Ein ungewöhnlicher und beeindruckender Brief. Aber die Wirkungen, die er nach sich zog, sind noch erstaunlicher und bewegender.
Ausgerechnet Techow nämlich, der inzwischen in der Fremdenlegion untergetaucht war – ausgerechnet er wurde im Zweiten Weltkrieg zu einer Schlüsselfigur im Kampf um die Errettung verfolgter Juden. Zeugen, die ihn zuletzt in Marseille trafen, berichteten, dass er mehr als 700 Flüchtlingen den Weg in die Freiheit gebahnt hatte. Verantwortlich für diesen Sinneswandel des einstigen Antisemiten aber war jener Brief von Rathenaus Mutter, von dem Techow gestand: „Er eröffnete mir eine andere Welt.“
So kann die Kraft der Vergebung wirken. Jesus sagt im Johannesevangelium: „Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen.“ Das ist keine schale Versöhnung oder billige Gnade. Denn wie die Geschichte zeigt, kann Vergebung ungeahnte und nachhaltige Veränderungen bewirken. „Ich verzeihe Dir, ich vergebe Dir.“ Wenn diese Worte von Herzen kommen, können sie uns und andere verändern und fürwahr eine andere Welt eröffnen.

Von Thomas Henneberger, Pastor in Aurich-Oldendorf

11. Februar 2017: Genug für alle

Die Vereinten Nationen schätzen, dass weltweit rund 795 Millionen von insgesamt 7,3 Milliarden Menschen hungern. Das sind knapp elf Prozent der Weltbevölkerung oder jeder neunte Mensch. Ich finde diese Zahl erschreckend. Es muss doch möglich sein, dass alle genug zum Essen haben.
Jesus erzählt einmal ein Gleichnis, in dem alle am Ende genug haben: Der Besitzer eines Weinbergs stellt an einem Tag morgens, mittags und abends Arbeiter an. Am Ende des Arbeitstages bekommen alle denselben Lohn. Die, die schon früh mit der Arbeit angefangen haben, beschweren sich: Das ist doch ungerecht. Aber der Weinbergbesitzer weist die Kritik zurück: Der Lohn war doch vereinbart.

Stefan Wolf, Pastor der Friedenskirche Wiesmoor

Man könnte diese Geschichte eins zu eins auf die Wirklichkeit übertragen. Dann würde sie den alten Traum weiterträumen, dass alle genug zum Leben hätten. Aber wenn es so wäre, wären dann nicht die im Recht, die sich beschweren, weil sie mehr getan haben als andere? Wäre so eine Welt gerecht? Vielleicht würde in so einer Welt schon bald niemand mehr arbeiten oder vielleicht würde sich kaum jemand noch anstrengen, denn am Ende des Tages gibt es sowieso denselben Lohn für alle. Vielleicht würde sich mancher das, was er meint zu wenig bekommen zu haben, mit List oder Gewalt von anderen holen.
Die Geschichte von Jesus bringt uns ins Nachdenken über Arbeit und Gerechtigkeit. Aber Jesus erzählt die Geschichte als ein Gleichnis über das Himmelreich. Er sagt uns mit diesem Gleichnis: Am Ende des Tages bekommen alle dasselbe Maß an Liebe und Barmherzigkeit von Gott geschenkt.
Und damit
verändert Jesus unseren Blick
Auch in diesem Fall kann man sich beschweren: Haben die, die erst spät zur Gemeinde dazugekommen sind, wirklich so viel Liebe verdient wie die, die schon seit ihrer Kindheit dabei sind? Jesus sagt: Ja.
Und damit verändert er unseren Blick. Wir vergleichen uns ständig mit anderen und haben oft das Gefühl: Das Leben ist nicht fair. Der Nachbar hat den besseren Job. Der hat eher Feierabend und verdient sogar noch mehr Geld. Solche Gedanken machen aber nur unzufrieden. Jesus lenkt unseren Blick auf das, was Gott uns gibt: Gesundheit, Kraft, Mut, Familie, Liebe.
So viel ist mir geschenkt. Davon kann ich abgeben. Damit am Ende wirklich alle genug zum Leben haben.

Von Stefan Wolf, Pastor der Friedenskirche Wiesmoor

4. Februar 2017: Mensch, ärgere dich nicht!

Mensch, ärgere dich nicht! Unzählige Male gespielt, gewürfelt, weitergesetzt, jemanden rausgeschmissen, die eigene Spielfigur wurde rausgeschmissen, ich habe mich doch geärgert, verloren oder Glück gehabt und gewonnen. Bei meinen Eltern zuhause haben

Sabine Bohlen, Pastorin in Wiegboldsbur und Forlitz-Blaukirchen

Sabine Bohlen, Pastorin in Wiegboldsbur und Forlitz-Blaukirchen

wir’s oft gespielt: Mensch, ärgere dich nicht. Zu dritt, zu viert – da fand man immer jemanden, der mitspielte. Und nun hat es meine jüngste Tochter als eines ihrer Lieblingsspiele entdeckt. Immer wieder holt sie es aus dem Spielzeugschrank und möchte es gerne spielen. Ein altes Spiel. 1910 erfunden. Bekannt wurde es in den Lazaretten im 1. Weltkrieg. Verwundete Soldaten haben es für sich entdeckt. Seither haben es ganze Generationen von Kindern und Erwachsenen gespielt. Warum ist es eigentlich so beliebt? Vielleicht, weil es auf dem Brett manchmal zugeht wie im richtigen Leben? Lange keine Sechs gewürfelt? Ja, das gibt es: Ich komme nicht immer so voran, wie ich möchte. Auf dem Spielfeld nicht und im Leben auch nicht. Manchmal geht aber gerade dann etwas voran, wenn ich nicht damit rechne und eigentlich nichts mehr erwartet habe. Nicht aufgeben – das ist wichtig. Nicht aufgeben. Mancher Rückschlag entpuppt sich als ungeahnte neue Chance; aber das merke ich normalerweise nicht gleich. Manches sehe ich erst im Nachhinein. In manchen Situationen meines Lebens brauche ich eine Menge Geduld und das Vertrauen: Gott wird mir heute Kraft geben für heute. Und morgen wird er mir Kraft geben für morgen. Im Spiel gegen meine Tochter hatte ich einmal schnell fast alle Figuren im Ziel. Fast alle. Als ich gerade schon ein bisschen übermütig und siegesgewiss wurde, hat meine Tochter meine letzte Spielfigur erwischt und rausgeworfen. Und kaum war ich wieder im Spiel, hat sie mich wieder erwischt und rausgeworfen. Auch das gibt es im Leben: Gerade wenn ich ein wenig übermütig werde und mich siegessicher am Ziel wähne, kommt mir womöglich etwas oder jemand dazwischen. Und ich kann gerade nochmal von vorne anfangen. Das nervt. Aber genau genommen ist es schon auch lehrreich. Noch etwas fällt mir auf: Zu manchen Zeiten bin ich mit etlichen Figuren gleichzeitig im Spiel. Wir helfen uns gegenseitig, übernehmen verschiedene Aufgaben. Der eine spurtet los, der andere sichert ab. Zu anderen Zeiten ist es ziemlich einsam auf dem Spielfeld, und ich muss allein weiter. Manches geht gut allein. Anderes ist schwierig und allein viel mühsamer. Nicht nur im Spiel, auch im Leben. Mensch-ärgere-dich- nicht spiele ich nie allein. Wenn wir zusammen spielen, wenn wir zusammen leben, lachen wir zusammen, und wir nehmen uns gegenseitig auch mal auf die Schippe. Wir ärgern uns, wir ärgern uns auch gegenseitig und stehen einander mal im Weg. Und manches nehmen wir ernster, als es sein müsste. Auf dem Spielfeld und im Leben. Mensch-ärgere-dich-nicht: ein Spiel, bei dem es manchmal zugeht wie im richtigen Leben. Einen Unterschied zwischen Spiel und Leben finde ich allerdings sehr wichtig: Im richtigen Leben hält einer seine Hand über mich. Gott. Da würfelt kein Schicksal über mein Leben und auch kein anderer Mensch. Es hilft mir weiter, daran zu denken und darauf zu vertrauen. Auf Gott zu vertrauen. Ob ich gerade ganz munter unterwegs bin oder mich schwer tue, ob mein Lebensweg schnurgerade verläuft oder mehr Biegungen und Rückschläge aufweist, als mir lieb ist, ob ich mich freue oder ob ich Mensch mich gerade doch ärgere: In allem hält er seine Hand über mir. Das zählt für mich. Es macht mir Mut und baut mich auf.

Von Sabine Bohlen, Pastorin in Wiegboldsbur und Forlitz-Blaukirchen

28. Januar 2017: Erinnerung an Jan Bender

Andreas Scheepker, Pastor am Ulricianum und in Westerende, Barstede und Bangstede

Andreas Scheepker, Pastor in der Arbeitsstelle für Ev. Religionspädagogik und am Gymnasium Ulricianum Aurich

Gestern fand in der Auricher Lambertikirche die deutsche Erstaufführung der Kantate „Ein Brief von Anne Frank“ statt. Komponiert wurde sie von Jan Bender, der vor 80 Jahren der erste hauptberufliche Kirchenmusiker der Lambertikirche war.
Jan Bender hat die Schrecken des Nationalsozialismus intensiv erlebt. Er ist in Lübeck aufgewachsen. Nach seinem Studium wurde er dort Kirchenmusiker. Bald begannen die Konflikte zwischen den nationalsozialistisch geprägten ‚Deutschen Christen‘ und der regimekritischen ‚Bekennenden Kirche‘. Als Bender sich weigerte, im Gottesdienst eines deutschchristlichen Pastors die Orgel zu spielen, kam es zum Konflikt. Er wurde fälschlicherweise denunziert, die Orgel sabotiert zu haben. Er wurde etwa vier Monate im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert.
Nach seiner Entlassung wurde Bender auf die Kantoren- und Organisten-Stelle an der Auricher Lambertikirche berufen. Hier konnte er neu beginnen. Er gründete eine Familie und wurde zu einer prägenden musikalischen Persönlichkeit. Als Soldat wurde er schwer verwundet und geriet später in Gefangenschaft. In dieser Zeit entstanden die dreistimmigen Sätze der Kirchenlieder. Er schrieb in sein Tagebuch: „Ich möchte möglichst schnell heim, das Auricher Singbüchlein abschreiben in Druck geben, ein berühmter Mann werden und gar eine Sing- und Konzertreise durch die Vereinigten Staaten machen. Aber in diesem elenden Lager muss ich wohl noch lernen, daß Gott seinen Kindern oft ganz andere Wege fährt, wie sie zu gehen beabsichtigen.“
Schließlich konnte er diese Ziele doch verwirklichen. Mit seiner Lambertikantorei führte er die in der Gefangenschaft erarbeitete Musik auf. Die Sätze erschienen als „Auricher Singbüchlein“, und auch andere Kompositionen wurden veröffentlicht. Später wurde Jan Bender dann Professor für Kirchenmusik in den USA. Den Ruhestand erlebten er und seine Frau in Schleswig-Holstein. Bender verstarb 1994.
Zum Auschwitz-Gedenktag erinnern wir uns mit Jan Bender an Anne Frank: eine starke, junge Persönlichkeit, deren Leben durch den deutschen Terror so früh beendet wurde. Sie verstarb wenige Monate vor Kriegsende im deutschen Konzentrationslager Bergen-Belsen in der Lüneburger Heide. Und wir erinnern uns auch an Jan Bender, den bedeutenden Kirchenmusiker, der in bedrückender Zeit etwas von seinem Glauben und seiner Hoffnung an andere weitergegeben hat. Dieses Gedenken macht uns feinfühlig und stark für ein gutes Miteinander in unserer Gesellschaft. Im Vertrauen auf Gott wollen wir allen Formen der Menschenverachtung und Gewalt entgegentreten und Menschen des Vertrauens sein. Dazu segne Gott uns alle.

Von Andreas Scheepker, Pastor in der Arbeitsstelle für Ev. Religionspädagogik und am Gymnasium Ulricianum Aurich

21. Januar 2017: Ermutiger sein!

„Ich will dich einfach mal ermutigen, ich mag dich wirklich gerne, Gott hat dich wirklich wunderbar gemacht. Es macht mich echt dankbar, dich zu kennen, du bist ein toller Typ und du machst deine Sache wirklich gut. Mach weiter so!“

Frank Karsten, Schulpastor BBS 1 Aurich & KGS Großefehn

So las ich es neulich in einem Artikel in der App 365 Steps. Darin wurde berichtet, dass jemand diese ermutigenden Worte von einer Freundin als Brief erhalten hat.
Super Idee, finden Sie nicht auch? Wann haben Sie das letzte Mal solche Zeilen von Freunden bekommen oder wann haben Sie das letzte Mal solche Zeilen an andere Menschen geschrieben?
Solche Worte gehen doch runter wie Öl, solche Worte hört oder liest man einfach gerne. Und sie machen einem Mut, etwas richtig zu machen, auf dem richtigen Weg zu sein, anderen gut zu tun und ein geliebter Mensch zu sein.
Andere Menschen zu ermutigen ist eigentlich gar nicht schwer – eigentlich. Warum tun wir es denn so selten?
Diese Frage habe ich mir gestellt. Habe ich das Gefühl, dass die das doch sowieso wissen und ich es deshalb nicht mehr sagen muss? Habe ich Angst, dass die anderen dann den Bodenkontakt verlieren und abheben könnten, wenn ich sie lobe? Kann es sein, dass ich meine Mitmenschen einfach nicht in Verlegenheit bringen möchte, wenn sie so etwas hören oder lesen?
Es mag viele Gründe geben, aber ganz egal welche Gründe es auch sein mögen, lassen wir sie besser beiseite und fangen an, die Menschen in unserem Umfeld zu ermutigen, denn ich bin überzeugt davon, dass das die Beziehung zueinander nur vertiefen und keineswegs belasten kann.
Ich bin Gott dankbar, dass er mir Menschen zur Seite stellt, die er so wunderbar gemacht hat, dass sie mir gut tun, sei es in meiner Familie, im Sportverein, in der Schule, dem Arbeitsplatz, der Kirchengemeinde, meinem Freundeskreis oder wo auch immer mir diese Menschen begegnen.
Ich bin dankbar, dass es diese Menschen gibt und genau das möchte ich ihnen in nächster Zeit mal sagen, was für tolle Menschen sie doch sind und ich einfach dankbar bin, dass ich sie kennen darf. Ich lade Sie ein, dies ebenso in Ihrem ganz persönlichen Umfeld zu tun. Seien Sie auch „Ermutiger“, und lassen Sie sich im Gegenzug vielleicht ja auch von anderen ermutigen, denn in der Regel ist das „Ermutiger sein“ nicht einseitig, sondern beruht oft auf Gegenseitigkeit. Und selbst wenn es im Moment einseitig sein sollte, kann sich das im Laufe der Zeit ja ändern.
Probieren Sie es aus, es lohnt sich.

Von Frank Karsten, Schulpastor an den BBS 1 Aurich und der KGS Großefehn

14. Januar 2017: Öffne das Überraschungsei, schau hinein!

Bilder aus dem Wattenmeer gehen rund um die Welt. Sogar in der Washington Post sehen wir ein Bild von Tausenden bunten Überraschungseiern, die unsere ostfriesischen Strände auf den Inseln säumen. Auch wenn das für Naturschützer ein Ärgernis und für die Tiere eine Gefahr ist, ist es für Kinder und Sammler eine unverhoffte Freude: Es kommt ein Schiff geladen, trägt Ostereier an Bord!

Sunnive Förster, Pastorin in Riepe und Ochtelbur

Sunnive Förster, Pastorin in Riepe und Ochtelbur

Ein neues Jahr hat begonnen. Das Jahr 2017 liegt wie ein noch nicht ausgepacktes Überraschungsei vor uns. 365 unverbrauchte, einzigartige Tage! Von keinem wissen wir, was er uns bringt, bevor wir ihn nicht „ausgepackt“ haben. Die mit Überraschungseiern gefüllten Container gingen bei Sturm über Bord. Die Eier schwammen im Wasser und verloren ihre Verpackung und die Schokolade. Nur die farbigen Plas- tikeier mit ihrem kleinen inwendigen Geheimnis blieben ganz. Wind und Wellen spülten die Eier an die Strände. Da liegen sie nun kunterbunt im Sand und wollen aufgesammelt und geöffnet werden.
Stürme erleben auch wir in unserem eigenen Leben. Krisen schütteln uns. Manches wird über Bord geworfen, ob freiwillig oder unfreiwillig. Manches zerbricht. Manchmal wird von so einem schweren Sturm etwas Neues an unsere kleine Lebensinsel gespült: Ich begreife etwas. Ich kann etwas loslassen. Eine Entscheidung wird endlich getroffen. Ein neuer Weg tut sich auf. Ein Schritt wird gewagt.
Ich sehe die Schönheit der Welt. Ich entdecke die Liebe. Ich bin dankbar.
Jeder Tag steht bunt vor uns und will ausgepackt und genutzt werden. Ein neues, aufregendes Jahr mit Herausforderungen will gelebt werden. Wir wissen nicht, was sich in der bunten Schale eines jeden Tages versteckt. Wir wissen nicht, was uns jeder Tag bringen wird. Noch ist es verborgen. Aber wie die bunten Eier von Kindern voller Vorfreude und Spannung geöffnet werden, so können wir jeden Tag als kostbares Geschenk angehen. Neugierig auf das, was Gott uns schenken möchte. Wir vertrauen darauf, dass er es gut mit uns meint, weil er uns als seine Kinder liebt. Wenn an manchen Tage Schweres auf uns wartet, ist er bei uns. Wenn wir Freude und Schönes erleben dürfen, ist er auch bei uns.
Öffne das Überraschungsei. Schau hinein!

Von Sunnive Förster, Pastorin in Riepe und Ochtelbur

7. Januar 2017: Ein neues Herz

Die erste Woche im Januar ist vorbei und ich habe mir in diesem Jahr keine guten Vorsätze vorgenommen. Dann bin ich nicht enttäuscht, sie nicht zu erfüllen. Nach der langen Adventszeit und dem ruhigen Jahreswechsel hat der Alltag mich wieder eingeholt, fast überholt. Die Freude darüber, dass ein neues Jahr vor mir liegt, dazu ein leerer Kalender mit scheinbar unendlichen Möglichkeiten ihn zu füllen, musste der Realität weichen. Termine sind fast so schnell hineingekommen, wie die Nadeln am Tannenbaum im Wohnzimmer nun schon herunterfallen.
Vorbei der Zauber der Weihnacht?

Lars Kotterba, Pastor in Wiesens und Brockzetel

Lars Kotterba, Pastor in Wiesens und Brockzetel

Am Sonntag feiern wir in unserer St.-Johannes-der-Täufer-Kirche noch einen letzten Gottesdienst mit dem großen Weihnachtsbaum, vielleicht ist er der letzte seiner Art im Ort.
Viel zu schnell endet bei den meisten die Weihnachtszeit, weil sie schon mit Spekulatiusessen im September beginnt. Und doch möchte ich vom weihnachtlichen Gefühl nicht lassen. Gerade inmitten des manchmal so dunklen, kalten Alltags nicht, besonders auch gegen die Sorge, dass der Terror ganz nah zu uns nach Deutschland gekommen ist. Aber besonders das „Fürchtet euch nicht“ der Engel aus der Weihnachtsgeschichte macht mir Mut und Hoffnung, dass Gottes Frieden sich einmal durchsetzen wird, gegen allen Anschein. Das neue Licht, das mit Jesu Geburt in diese oft so dunkle und harte Welt gekommen ist, erhellt unser Leben, gegen alle Dunkelheit. Könige haben das erkannt, als sie dem Stern von Bethlehem folgten. Ihnen war klar, dass Gott selbst erschienen ist.
Gestern ist daran am Dreikönigstag erinnert worden, und auch bei uns in Ostfriesland ziehen viele Kinder von Haus zu Haus, verkleidet als Hl. drei Könige und bringen als Geschenk Gottes Segen für Haus und Bewohner mit.
Auch die Jahreslosung für 2017 spricht von einem Geschenk, das Gott uns macht. „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ Beides haben wir, glaube ich, nötig. Ein neues Herz, das sich öffnet, auch für das vermeintlich Fremde und einen neuen Geist, der uns hilft, auch neue Wege zu gehen und die ausgetretenen Pfade einmal zu verlassen.
Vielleicht gelingt es auch uns dann, dass wir sagen können: Fürchtet euch nicht, denn hier seid ihr willkommen, auch wenn ihr mir jetzt noch fremd seid!“
Denn nur gemeinsam können wir es schaffen, dass das neue Jahr 2017 Gottes Frieden näher kommt. Gott wird uns dabei helfen, mit Herz und Verstand!

Von Lars Kotterba, Pastor in Wiesens und Brockzetel