Sonntagsbetrachtungen 2016

Worte zur Woche aus den Ostfriesischen Nachrichten

Silvester 31. Dezember 2016:

Mit dem Ersten Sonntag im Advent hat das neue Kirchenjahr begonnen – da ist der ‚Kirchenkalender‘ dem normalen Gang um einiges voraus. Ich selber erlebe aber mehr am 31. Dezember das Gefühl des Übergangs. Dabei kommen mir viele Gedanken in den Sinn: an das, was gut war im zurückliegenden Jahr und woran ich gerne zurückdenke, aber auch an das, was nicht gut war. So wird es mir auch diesmal gehen. Sehr dankbar sind meine Frau und ich für unser erstes Enkelkind! Wunderschön war auch, dass wir mit meinen Eltern ihre Diamantene Hochzeit feiern konnten. Dass sich bei unseren Kindern mit Blick auf ihren Beruf manche Türen geöffnet haben. Nicht zu vergessen: unsere Schifffahrt auf der ‚schönen blauen Donau‘! Dankbar blicke ich auch auf viele Momente, in denen ich in meinem Amt gespürt habe, dass ich gebraucht werde und Menschen zur Seite stehen konnte, als sie das gerade nötig hatten. Ich denke an wunderschöne Gottesdienste, die wir in unserer Kirche gefeiert haben und Pläne, die wir umsetzen konnten. Mir kommt aber auch anderes in den Sinn: dass ich oft Menschen zum Friedhof begleiten musste, die mir zum Teil seit vielen Jahren auch persönlich ans Herz gewachsen waren. Dass ich nicht allen so zur Seite stehen konnte, wie ich es gerne gewollt hätte und wie sie es erwartet haben. Enttäuschungen fallen mir ein, die ich verarbeiten und verwinden musste. Als belastend erlebe ich auch, dass in unserer Region im Moment vier Pastor/innen fehlen. Und natürlich ist es auch keine schöne Erfahrung, dass wir nach dem massiven Wasserschaden im Dezember 2015 immer noch nicht mit dem Bau unseres neuen Pfarrhauses anfangen konnten und mit vielen Kompromissen leben müssen. Ein kleiner Teil meines Jahresrückblicks – und so wird es sicher bei jeder/m sein: dass da Erinnerungen hochkommen an etwas, wofür man einfach nur dankbar ist – dass es aber auch das gibt, was traurig und niedergeschlagen macht. Dinge, die wie Müll auf meiner Seele liegen und mich mutlos machen wollen. Und mit ‚Müll‘ ins neue Jahr zu starten, finde ich nicht besonders erstrebenswert. Da ist nur die Frage: wohin damit?

Hermann Reimer, Pastor in Spetzerfehn

Hermann Reimer, Pastor in Spetzerfehn

Zwei Sätze fallen mir dazu ein – Worte, die Gott spricht. Erstens macht er uns durch Jesus Mut: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!“ Matthäus 11, 28 Was mühselig für mich ist und was wie eine Last auf mir liegt – damit soll ich zu Jesus gehen. Auch mit dem ‚Müll‘, der mir beim Jahresrückblick bewusst wird. Er wird einen Weg finden, wie er so damit umgehen kann, dass es mir besser damit geht! Zweitens lässt Gott durch seinen Botschafter Jesaja ausrichten: „Denkt nicht an das, was früher war, und was vormals war – kümmert euch nicht darum. Seht, ich schaffe Neues, schon sprießt es.“ Jesaja 43,18-19a Das verstehe ich so: Für Gott ist auch der Müll meines Lebens kein Hindernis, mit mir den Weg zu gehen, den er sich vorgenommen hat! Gottes Macht ist herrlicher als die hässlichen Momente unseres Lebens. Seine Pläne reichen weiter als wir denken. Auch wenn wir an unsere Grenzen kommen – er, Gott, gibt uns Zukunft und Perspektive. Er ist dabei, etwas Neues in unserem Leben hervorzubringen. Darauf will ich vertrauen – und dann getrost auf das zugehen, was im neuen Jahr auf mich zukommen mag. Es wird auf jeden Fall ein Jahr sein, in dem Gott das Sagen hat! In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen frohen Jahreswechsel und dann: „Völ Glück un Segen in’t neij Johr!“

Von Hermann Reimer, Pastor in Spetzerfehn

Heiligabend 24. Dezember 2016: Gott kommt in tiefer Nacht

Es gehört zu den Geheimnissen der Weihnacht, dass die Ankunft Gottes auf Erden in der dunklen Nacht geschah. Bei dem Evangelisten Lukas heißt es: „Es waren Hirten auf dem Felde, die hüteten des Nachts ihre Herde.“ In der Dunkelheit und Schutzlosigkeit der Nacht strahlt der Stern von Bethlehem am hellsten und die frohe Botschaft auch: „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus“, so hören es die Hirten als Erste. Licht und Freude in dunkler Nacht, für Menschen, die es am bittersten nötig haben.
So kommt Gott zu uns – auch heute.

Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent für den Sprengel Ostfriesland-Ems

Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent für den Sprengel Ostfriesland-Ems

Mich bewegt es immer sehr, dass Pfadfinder das Licht aus der Geburtskirche in Bethlehem bis zu uns in die Kirchen und Häuser bringen. Ein kleines Licht, das von einem zum anderen weitergereicht wird als Licht der Weihnacht und als Zeichen des Friedens.
Wir können diese Zeichen und Gesten von Frieden gut gebrauchen – in unseren Tagen besonders.
Weihnachten ist kein Fest, das die Idylle braucht, um zu gelingen. Weihnachten ereignet sich inmitten der Nacht von Trauer und Angst, von Dunkelheit und Hoffnungslosigkeit unseres Lebens. Gott kommt ja zu uns, weil wir ihn dringend brauchen in unserer Not, in unserer Welt, die sich nach Frieden sehnt. Gott kommt als Kind und bringt Licht gegen die Dunkelheit und Liebe gegen den Hass.
Das feiern wir Weihnachten und stimmen unsere Loblieder an, die Gott in der Höhe preisen und die Sehnsucht nach Frieden auf Erden wachhalten. Dieses Singen und Loben wagt es, den Mund mutig voll zu nehmen und gegen die Wirklichkeit anzusingen, weil wir auf Gott und seine Liebe vertrauen. Unser Glaube ist dabei wie ein Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist.
Wie die Engel in jener Nacht, als Jesus geboren wurde, auf den Feldern von Bethlehem in dunkler Nacht sangen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!“

Von Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent für den Sprengel Ostfriesland

17. Dezember 2016: Kein Raum in der Herberge

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Carl Osterwald, Pastor i. R., Münkeboe

Man liest so etwas, irgendwo ist es passiert – eigentlich schlimm, so etwas sollte nicht sein – und auf einmal geschieht es in der Nachbarschaft, mitten in einem ostfriesischen Dorf: Die 7. Klasse ist keine Musterklasse. Kinder, die 14 Jahre alt sind, besonders wenn sie geballt auftreten, sind eine höchst lebendige, muntere Schar. Dimitri gehört zu ihnen. Und nun ist Dimitri auf einmal nicht mehr da. Und in der Klasse wird es totenstill. „Er war doch mein Freund.“ „Er gehörte doch zu uns.“

Er gehörte auch zu uns. Wie seine drei Geschwister ist er in der Kirche „Zum guten Hirten“ in Münkeboe getauft. Der Pastor hat ihn gesegnet, ihm die Hand aufgelegt: „Friede sei mit Dir.“ Gottes Kind bist Du, eingegliedert in die Gemeinde und Gemeinschaft der Christen. Es ist alles ganz normal, da ist nur dieser eine Haken: Dimitris Eltern sind Jugoslawen. Aber das sind sie eigentlich auch nicht; sie wurden unter Druck gesetzt und als der Druck unerträglich wurde, flohen zu uns. Sie sind – früher sagte man: „Zigeuner“. Heute nennt man sie „Roma“ und „Sinti“, aber das ändert nicht viel. Haben möchte man sie nirgends – auch nicht bei uns. Es hat natürlich alles seine Ordnung. Das Verfahren war korrekt. Es gab ein Urteil, Einspruchsmöglichkeiten, Entscheidungen, einen Anwalt und schließlich ein rechtskräftiges Urteil, und dann ist auf einmal nichts mehr zu machen. Das letzte Wort heißt: „Abschiebung“.

Maria und Joseph, damals in Bethlehem, wurde der Stall angeboten. In der Bundesrepublik Deutschland gibt es solche Ställe nicht. Weder in der Herberge noch im Stall ist Raum für solche, die niemand haben will und die vor 50 Jahren noch in Konzentrationslager verschleppt und umgebracht wurden. Abschiebung mit allen Konsequenzen war das damals, aber davon soll man heute lieber nicht mehr reden: „Man muss endlich die alten Geschichten ruhen lassen.“ Das geht nur nicht, wenn man sich mit der noch älteren Geschichte aus dem Lukas Evangelium beschäftigt. Mir gefällt der Wirt: „Das Haus ist voll aber wir schicken keinen fort. Kommt nur herein, wir finden schon noch Platz.“ In einer Herberge kannst du dich bergen, gibt es Geborgenheit auch für Fremde, und wenn es auch nur im Stall ist, Wärme und Obdach soll jeder haben.

Wir könnten lernen aus dem Bösen, das wir getan haben an Juden und Zigeunern und Menschen, die uns nicht passten. „Nie wieder!“ heißt es mit Überzeugung gesprochen in den Feierstunden am Mahnmal für die Opfer der Gewaltherrschaft. Was soll eigentlich „nie wieder“ geschehen? Lernen wir es denn wirklich nicht, dass die Abschiebung von Menschen der erste Schritt in die Unmenschlichkeit ist?

Diese Betrachtung habe ich 1990 geschrieben. Rückblickend frage ich: Kann man immer noch ernsthaft glauben, das Flüchtlingsproblem auf unserer Erde sei durch Abschiebung zu lösen?

Von Carl Osterwald, Pastor i. R., Münkeboe

10. Dezember 2016: Merry X-mas

Auf Weihnachtskarten, in Schaufenstern oder auf Geschenkpapier ist das zu lesen. Merry X-mas, das ist die Abkürzung für „Fröhliche Weihnachten“. Seit fast 500 Jahren ist diese Abkürzung in der englischen Sprache bekannt. Aber das X ist gar kein X, sondern der erste griechische Buchstabe im Wort Christus. Das Zeichen für Chi sieht aus wie ein X. Alles, was mit Christus zu tun hat, kann damit abgekürzt werden.
Der Verein Deutsche Sprache hat 2008 das Wort X-mas zum überflüssigsten und nervigsten Wort des Jahres erklärt. So weit möchte ich nicht gehen. Dennoch ist mir das X verdächtig.

Walter Uphoff, Pastor in Middels

Walter Uphoff, Pastor in Middels

In der Mathematik steht das X nicht für Christus, sondern für eine Unbekannte oder eine Variable. Aber Weihnachten ist doch kein Fest mit einem Unbekannten! Weihnachten hat entscheidend mit Christus zu tun. Es ist nicht einfach ein Fest der Liebe, ein Fest der Familie oder der Geschenke. Weihnachten feiere ich die Menschwerdung Gottes in Christus.
Diesen Christusbezug besingen wir und davon hören wir. Es ist der „Heiland aller Welt zugleich“ auf dessen Geburtstagsfest wir zugehen. Da möchte ich mir kein X vormachen lassen, sondern begehe zum X. Mal das Geburtsfest Christi.
Weihnachten ohne Christus kann man feiern, aber mir würde da etwas fehlen. Gott kommt in mein Leben. Mit ihm kann ich rechnen. Daran erinnere ich mich gern.

Von Walter Uphoff, Pastor in Middels

3. Dezember 2016: Erwartungsvoller Aufbruch in Geduld

Adventszeit: Vier Wochen stehen uns zur Verfügung, uns einzustellen und vorzubereiten in der vorweihnachtlichen Zeit. Ein Adventskranz mit vier Kerzen mag dieses zu Hause anzeigen. In diesen hoffnungsvollen Wochen der Erwartung mögen ein Adventskranz mit vier Kerzen symbolisieren: Licht für Licht nimmt die Helligkeit wieder zu. Erst ein Lichtlein brennt, dann zwei, drei und vier, nun steht das Christkind vor der Tür und klopft an bei mir. Nicht Fest der einhunderttausend Lichter, kein Lichter-Event, keine Illumination der Dunkelheiten unserer Tage. In Schlichtheit und zartem Licht wird langsam angekündigt, die Erdung des Gottessohnes.

Rainer Hecker, Pastor in Aurich-Oldendorf

Rainer Hecker, Pastor in Aurich-Oldendorf

Worauf warten wir im Advent: Auf bessere Zeiten? Auf eine gute Zukunft? Auf einen erfolgreichen Abschluss? Auf den ersehnten Ruhestand? Auf eine überraschende Entwicklung? Auf ein gutes Wort? Auf mehr Vertrauen? Auf besseres Verständnis? Auf Gotteserfahrung? Auf ein schönes Fest? Auf Kommen Gottes? Auf Weihnachten? Aber wie?
Lassen wir Christus, das Licht der Welt, in uns wachsen oder erdrückt uns das Drumherum der Welt, innere Sorgen, Ablenkungen und unsere Pflichten, unser kleines Licht des Glaubens? In welcher Gestalt kommen Gott und Jesus jedes Jahr zu uns im Advent? Wo und wie begegnen wir ihnen, wie bereiten wir ihnen den Weg? Welche Tore werden weit, welche Türen in der Welt geöffnet? Begegnet uns der gekommene und kommende Gott in den Fremden und Flüchtlingen dieser Erde? Klopft er durch sie bei uns an und bittet um eine Herberge, ein Dach über dem Kopf?
Ein altes Adventslied versucht, Antwort zu geben: Er ist gerecht, ein Helfer wert, Sanftmut ist sein Gefährt und Barmherzigkeit bringt alle Not zum Ende. Komm’ mein Heiland Jesus Christ, meines Herzens Tür dir geöffnet ist, dein Geist uns führ’ und leit’ den Weg zur Liebe zum Leben und auch zur Seligkeit. Gelobt sei mein Gott in der Höhe und Tiefe! Denn er will zu dir kommen und bringt mit sich Freude und Zuversicht (frei nach Psalm 24/ Lied „Macht hoch die Tür!“).
Öffnet die Herzen und singt mit Freuden: Sehet die zweite Kerze brennt. So wird die Vorweihnachtszeit dir Stärkung, Kraft und Helligkeit geben und dich einladen, auszubrechen aus dem ausgetretenen Alltagsweg, aufzubrechen und auf die Suche zu machen nach dem, was an Weihnachten Gestalt annehmen will. Vielleicht sind die Begegnungen das Wesentliche!

Von Rainer Hecker, Pastor in Aurich-Oldendorf

26. November 2016: Eine Welt mit Nächstenliebe und Menschlichkeit

Oh Gott, da kommt Besuch. Oh nein, die Wohnung ist nicht aufgeräumt, ich habe keinen Kuchen im Haus, meine Lockenwickler sind noch im Haar, bin noch nicht geduscht.
Oh Gott, da kommt Besuch – oh ja, das ist schön, Dich habe ich nicht erwartet, aber ich freue mich, dass Du da bist, komm rein, setz Dich, wie geht’s Dir und Deiner Familie?
Wenn ich zurückblicke auf das vergangene Kirchenjahr, dann erinnere ich mich an unterschiedliche Reaktionen auf das „Kommen und Ankommen“: Das letzte Vierteljahr 2015 stand unter der immensen Vorbereitung auf die vielen Menschen, die ihre Zuflucht zu uns genommen haben; der Fremde war, wurde und ist mein Nächster. Dann kamen Monate der Auseinandersetzung und Diskussion per Wort und Tat über das Willkommen-Sein oder auch Nicht-Willkommen-Sein dieser fremden Nächsten. Und jetzt in der vergangenen Woche das Bild, dass der letzte Flüchtling die Auricher Notunterkunft in der ehemaligen Kaserne verlassen hat. Dazwischen viele Bilder, Worte und Taten von Mitmenschlichkeit und leider auch Unmenschlichkeit.
Daran zu erinnern am Beginn des neuen Kirchenjahres ist wichtig – nicht nur wegen der mühsamen Schritte in Richtung auf die Integration von Fremden an allen Orten und zu allen Zeiten.

Michael Schlieker, Pastor in Simonswolde

Michael Schlieker, Pastor in Simonswolde

Schau genau hin, nimm wahr, zeig Herz.
Der Festspruch aus dem alttestamentlichen Propheten Sacharja lädt uns ein und fordert uns gerade dazu auf, hinzuschauen: Siehe – schau genau hin, nimm wahr, zeig Herz – es kommt etwas und jemand auf Dich zu, begegnet Dir, sucht Kontakt, sucht Heimat, Geborgenheit, Nähe und Liebe.
Ein König – nicht irgendjemand, nicht etwas Unbekanntes, etwas Anonymes, keine schweigende Masse, sondern ganz deutlich jemand, der die Fäden des Lebens in der Hand hält, der die Gewalt besitzt, der Entscheidungsgewalt hat; nicht als Tyrann, sondern als Mensch.
Ein Gerechter und ein Helfer – von diesem König wissen wir, mit welchem Programm, mit welchem Inhalt, mit welcher Zukunftsvision er sein Amt antritt.
Längst wird nicht mehr nach Werten oder Ethik gefragt
Im Advent erwarten wir den Sohn Gottes, der als Kind ankommt und die Welt verändert. Zuerst haben sich arme Leute und gebildete Leute auf ihn eingelassen. In der weiteren Entwicklung gewinnt dieser König nicht nur Anhänger, sondern auch Feinde. Nicht alle Menschen wollen sich ihre Entschei-dungsgewalt nehmen lassen. Konkurrenz und Neid durchziehen diese Welt bis heute. Nach persönlichem Gewinn wird gefragt, aber schon längst nicht mehr nach Inhalten, nach Werten oder nach Ethik. Gerecht ist nur, was mir nützt – und helfen lassen, wollen wir uns eigentlich auch nicht, das hieße ja, wir seien schwach und bedürftig und das will schließlich keiner.
Sacharjas König und in seiner Folge auch das Jesuskind wollen eine menschliche Welt mit Defiziten und Solidarität, mit Nächstenliebe und Menschlichkeit. Wenn wir das schaffen, kann Weihnachten kommen – und der Advent kann zu einer Zeit der inneren Einkehr werden, damit diese Werte bei uns wieder in Kraft gesetzt werden, wir sie in uns selber Wirklichkeit werden lassen.

Von Michael Schlieker, Pastor in Simonswolde

19. November 2016: Letzte Ehre

Der 1. Advent. Ein neues Kirchenjahr. Wir warten auf eine Geburt. Neues Leben. – Nein, keine Sorge, hier ist nicht die falsche Andacht zu einem falschen Termin abgedruckt. Wir wissen, was kommt. Eine Geburt. Neues Leben. Aber vorher in diesen Tagen gedenken wir unserer Toten.
Am Volkstrauertag haben wir der Kriegstoten und der Opfer von Gewaltherrschaft erinnert.
Jetzt, am Ewigkeitssonntag, sind in unseren Kirchengemeinden alle Angehörigen besonders eingeladen, die im vergangenen Kirchenjahr einen Angehörigen zu Grabe getragen haben. Wenn der Tod in unsere Häuser kommt, dann bringt er etwas schrecklich Endgültiges mit sich. Keine weitere gemeinsame Zeit mit dem Verstorbenen, keine Gespräche mehr, die alten Gewohnheiten kippen und gelten von einem auf den anderen Tag nicht mehr.
Der Abschied. Er macht uns viele Gedanken. Und er macht uns zu schaffen. Deshalb holen wir in diesen Tagen unsere Verstorbenen noch einmal in unseren Alltag. Es gibt gute alte Gewohnheiten und Verbindlichkeiten. Viele Menschen fahren oft sogar weit über Hunderte Kilometer „nach Hause“, schmücken ein Grab, stehen davor, hören Liedern und Gebeten zu. Vielleicht ist das eine Antwort auf die Frage, die heute viele Menschen umtreibt: Wo ist meine Heimat? Vielleicht dort, wo das Grab eines nahen Menschen ist.
Der Tod lässt sie einen Moment innehalten
Vor einiger Zeit war ich ganz gerührt. Da geht ein Leichenzug von der Kapelle auf einer öffentlichen Straße zum Friedhof. Auf der Gegenfahrbahn hält eine Frau mit ihrem Auto an. Wartet, bis der Leichenzug an ihr vorbeigegangen ist, und fährt erst dann weiter. Respekt. Der Tod lässt sie einen Moment innehalten. Früher in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, war das selbstverständlich. Ist es heute nicht mehr. Ich habe diesen Moment als sehr wohltuend erlebt.

Tido Janssen, Pastor der Lamberti-Gemeinde und Superintendent des Kirchenkreises Aurich

Wir kennen viele gute Gewohnheiten

Wir kennen viele gute Gewohnheiten, um unseren Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Das Einsargen mit der Familie, mit Nachbarn. Ein schön gepflegtes Grab, an dem viele Erinnerungen aufbewahrt werden. Und auch der Ewigkeitssonntag, wo wir in unseren Kirchen die Verstorbenen alle noch einmal mit Namen nennen und meist auch eine Kerze für sie anzünden. Ein Lebenslicht.
Ich bin am Nachmittag dieses Ewigkeitssonntags zu einem Gottesdienst in Marcardsmoor. Die Namen, die Kerzen, natürlich kommen sie im Gottesdienst vor. Und dann gehen wir auf den Friedhof zu allen Gräbern, bei denen im vergangenen Jahr jemand beerdigt wurde. Und auch dort wird der Name der Verstorbenen genannt, und der Bibelvers, der zur Trauerfeier gehörte, wird noch einmal gelesen. Schließlich wird auf jedem Grab eine Rose niedergelegt. 21 Gräber. 21 Menschen, die zu uns gehört haben und nicht vergessen sind. Und für jeden Verstorbenen spielt der Posaunenchor eine Liedstrophe. Eine schöne Tradition. Solches Gedenken tut uns allen gut. Mich wird das sehr berühren. Die Verstorbenen: Wir vergessen Euch nicht. Wir geben Euch die letzte Ehre. Und als Christen wissen wir, was kommt: Leben. Ewiges Leben.
Und dann kann das neue Kirchenjahr kommen. Dann kann es Advent werden.

Von Tido Janssen, Pastor der Lamberti-Gemeinde und Superintendent des Kirchenkreises Aurich

12. November 2016: Trauer und der aufrechte Gang

Wer einen Menschen durch den Tod verloren hat, gerät oft seelisch ins Arbeiten – in die Trauerarbeit. Noch hängt der Mantel des Verstorbenen an der Garderobe, das letzte Buch, das er gelesen hat, liegt auf dem Tisch und am Abend blättert man in Briefen, die er vor Jahren geschrieben hat. Es ist, als müsse er jeden Augenblick zur Tür hereinkommen. Aber er kommt nicht und wird nicht mehr kommen.

Christiane Schuster-Scholz,Pastorin in Holtrop, Akelsbarg, Felde, Wrisse, Bietzefeld

Christiane Schuster-Scholz, Pastorin in Holtrop

Viele kennen das, umso mehr in Erinnerung an eine Zeit, die seit 77 Jahren hinter allen Beteiligten des Ersten und Zeiten Weltkrieges liegt. „Ich habe meinen Bruder verloren, und noch immer tut es weh! Es ist nicht zu fassen, dass ein 17-jähriger Junge erschossen wird“, sagt eine Frau, und sie zeigt mir das Foto des jungen Mannes, das in ihrem Wohnzimmer steht. „Das ist auch nicht zu fassen“, stimme ich ihr zu. Und doch glaube ich, dass wir das Trauern nicht verlernen dürfen. In den letzten beiden Weltkriegen sind 65 Millionen Menschen umgekommen vom Atlantik bis zum Ural, vom Nordkap bis nach Nordafrika. Umgekommen auf den Schlachtfeldern, im Bombenhagel, durch Hunger und Vertreibung, verschleppt in Zwangsarbeit und Vernichtungslagern. In diesem Jahr führt uns das Gedenken an die Schlacht um Verdun vor 100 Jahren erneut die Sinnlosigkeit und Brutalität solcher kriegerischer Auseinandersetzungen vor Augen. Aktuelle Bilder aus dem Nahen Osten von umkämpften Straßenschluchten voller Trümmer lassen weltweit Wahlkampfgeplänkel mit bedenkenlosem Machtgehabe zynisch erscheinen.
So viel Leid kann sprachlos machen. Manch’ einer wird sich fragen: „Ist Gedenken und Trauern überhaupt noch sinnvoll? Das Leben geht doch weiter und über alte Wunden wächst Gras.“ Die Antwort liefert ein Sprichwort: „Weil die Toten schweigen, beginnt alles wieder von vorn.“ Deshalb darf dieses Leid nicht in Vergessenheit geraten. Alle diese Opfer können uns mahnen und uns unsere Verantwortung deutlich vor Augen führen, dass so etwas nie wieder passieren darf. Frieden ist nicht selbstverständlich, sondern eine beständige Gestaltungsaufgabe. Und auch Trauer braucht ihren Ort und ihren Raum. Raum für all das Nicht-fassen-Können. Raum für alle Wut, alle Trauer und alle erschöpfte Ruhe, im Stückweise-Begreifen. Eine solche Trauer beugt nicht nieder, verkrümmt uns nicht. Sie befähigt uns zum aufrechten Gang. Bei Paulus finde ich die Zusage, dass Gott uns darin nicht allein lässt, dass er uns begleitet, beisteht und uns Halt gibt:
„Desgleichen hilft auch der Geist unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen.“ (Röm. 8, 26)

Von Christiane Schuster-Scholz, Pastorin in Holtrop

5. November 2016: Ein Wort gegen die Angst

Was treiben uns manchmal für Ängste um. Angst, weil einer gesagt hat: „Das darfst du nicht.“ Angst, weil einer sagt: „Das geht nicht.“ Angst, weil einer sagt: „Wenn du es wagst, du selbst zu sein, werden andere dich ablehnen.“ Wer sich solche Ängste zu Herzen nimmt, wer solche Sätze, solche Haltungen verinnerlicht, der trägt eine Last wie einen schweren Stein mit sich herum. Solche Ängste hindern uns daran, frei zu atmen, frei zu denken, frei zu leben. Sie verhindern zu sein, was wir im tiefsten Herzen sind. Und am Ende kommt ein, wie Luther ihn nennen würde, „in sich verkrümmter Mensch“ heraus. Aber kein Mensch, der frei im Leben und aufrecht vor Gott steht.

Harald Lemke, Pastor für Westerende, Bangstede und Barstede

Harald Lemke, Pastor für Westerende, Bangstede und Barstede

In der Apostelgeschichte heißt es: „Fürchte dich nicht! Rede nur, schweige nicht! Denn ich bin mit dir!“ (Apg. 18,9-10) Gott sagt seinen Menschen deutlich: „Hab keine Angst – was andere dir einreden, interessiert mich nicht. Schweige nicht, auch wenn andere sagen, du musst. Rede, wenn du spürst, dass du den Mund nicht halten darfst.“ Mancher Mensch ist so zu sich selbst gekommen. Mancher Neubeginn hat so seinen Lauf genommen. Manche Veränderung konnte beginnen, weil einer den Mund nicht mehr hielt. Mancher hat so das erste Mal richtig tief durchgeatmet.
Für mich ist dies Wort ein Befreiungsschlag. Es ist ein Wort, das mich ermutigt, die Stimmen zu prüfen, die mich schweigen heißen, die mich verkrümmen und einzwängen. Es ist ein Wort, das den Menschen aufstehen lässt gegen das, was ihn klein machen will. Es ist ein Wort gegen die Angst, die ihn hindert zu sein, was er ist. Es ist ein Wort der Ermutigung, denn als Christ dürfen wir wissen: Gott ist mit uns. Gott hat allein das Recht an mir – und nicht die alten Stimmen meiner Angst. Solche Freiheit, dieses Durchatmen gelingt, wo ich es mit Gott wage. Da brauche ich mich nicht zu fürchten. Da kann ich reden, handeln und sein. Als freier Mensch Gottes: Fürchte dich nicht!

Von Harald Lemke, Pastor für Westerende, Bangstede und Barstede

29. Oktober 2016: Ta

22. Oktober 2016: Ta

15. Oktober 2016: Tapetenwechsel

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Sandra Stelzenberger, Diakonin in Victorbur und Weene

„Ich brauche mal wieder einen Tapetenwechsel“, sagt meine Gesprächspartnerin. Sie meinte damit nicht den Ausflug in den nahe gelegenen Baumarkt, um sich mit Kleister, Tapetenrollen und Tapeziertisch zu versorgen. „Tapetenwechsel“, sagt man umgangssprachlich, und drückt damit die Sehnsucht aus, das Gewohnte für eine gewisse Zeit hinter sich zu lassen.
In den Herbstferien war ich mit einer Jugendgruppe im Erzgebirge unterwegs. Tapetenwechsel pur: Berge und Fichtenwälder statt Nordseestrand und endlose Weite. Nach bergmännischer Tradition hieß es bei der Begrüßung „Glück auf“ statt „Moin“. Fünf Tage lang haben wir uns von vielen neuen Eindrücken richtig verwöhnen lassen. Doch es müssen gar nicht immer so große Distanzen sein. Manchmal reicht vielleicht ein kleiner Raumwechsel direkt vor der Haustür: ein Herbstspaziergang, eine Tasse Tee mit einem lieben Menschen oder ein Konzertbesuch. Schon der kleinste Tapetenwechsel kann erfrischen und lässt uns danach mit neuem Mut an alltägliche Aufgaben herangehen. Irgendwie ziehen uns die Möglichkeit, etwas Neues zu erleben und der Wunsch nach Veränderung an. Nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Die Bibel scheint unseren Wunsch nach Tapetenwechsel gut zu kennen. Sie spricht häufig von Erneuerung und weiß zu berichten, dass Veränderung bei Gott anfängt. Als Schöpfer hat er die Fähigkeit, Neues hervorzubringen und unser Leben von Grund auf zu renovieren. „Wenn also ein Mensch zu Christus gehört, ist er schon eine neue Schöpfung. Was er früher war ist vorbei, etwas ganz Neues hat begonnen.“ (2. Korinther 5,17)
Bei Gott werden nicht nur die Tapeten gewechselt. Wenn ein Mensch anfängt, Jesus Christus zu vertrauen, beginnt etwas ganz Neues. Neu ist die Gewissheit: Ich bin geliebt. Jesus Christus liebt mich – bedingungslos. Das gibt meinem Leben einen unvergänglichen Wert. Neu ist auch die Hoffnung, die mein Leben erfüllt. Jesus Christus hat durch seine Auferstehung den Tod überwunden. Ich vertraue darauf, dass ich zu ihm gehöre – über den Tod hinaus und dass er mir ewiges Leben schenkt. Darum kann ich Ihnen und mir nur empfehlen, unserer Sehnsucht nachzuspüren, das eigene Leben zu bedenken und neu oder immer wieder mit Gott Kontakt aufzunehmen. Es könnte der Anfang eines bemerkenswerten Tapetenwechsels sein.

Von Sandra Stelzenberger, Diakonin in Victorbur und Weene

8. Oktober 2016: Die andere Hälfte musst du dir denken

Im Intercity zwischen Oldenburg und Leipzig. Abteile gibt es hier nicht: Großraumwagen mit zwei Etagen. Einer der Mitfahrer hat sich in den Vorraum gestellt, um offensichtlich ungestört zu telefonieren – und alle hören mit. So erfahre ich, dass es meinem Mitfahrer wieder besser geht. Gut. Einer der Kollegen hat eine Präsentation gemacht oder einen Vortrag, jedenfalls eine „speech“. Ein Kunde hat deutliche Vorstellungen davon, wie seine Wünsche umgesetzt werden sollen. Er hat wohl deutlich gemacht, dass letztlich er das Sagen hat. Es muss noch eine Teambesprechung geben. Andere Teammitglieder haben gefragt, warum der unhörbare Gesprächspartner am anderen Ende nicht dabei war. Was denn da los sei. Ob es eine Krise gäbe, etwas vorgefallen sei oder der Kollege krank. Aber keine Sorge, das hat man erklären können. Der Kollege hatte schon lange seinen Urlaub geplant und war deshalb nicht bei diesem wichtigen Kundengespräch dabei. Dann hat es wohl noch so eine Art Jahreshauptversammlung gegeben. Der Umsatz der Firma sei im Verhältnis zu anderen Mitbewerbern im zweistelligen Prozentbereich gestiegen. Außerdem solle es nun für die neuen Werbespots auch so eine typische Klangfolge geben, wie andere große Unternehmen sie hätten. Die wurde bei dieser Versammlung – oder war das mehr so ein Mitarbeiterfest?… Der unfreiwillige Zuhörer kommt ins Grübeln… Also bei dieser Zusammenkunft wurde das live vorgespielt. „Stell dir mal vor! Live auf Aluminium-Profilen!“ Ich versuche, mir das vorzustellen und warte jetzt darauf, dass mir eine Werbung mit Klängen, die von Aluminium-Profilen erzeugt werden, über den Weg läuft. Ein Firmenname fällt. Wie klingt Aluminium überhaupt? Habe ich das schon mal gehört? Ich werde mal darauf achten. Auf jeden Fall sei das „total geil“ gewesen. So langsam kommt mein Mitfahrer zum Ende, das er mehrmals umkreist. Dem Angerufenen wünscht er noch einen schönen Urlaub. „Und mach dir keine Sorgen. Es läuft.“

Roman Ott, Pastor in Plaggenburg

Roman Ott, Pastor in Plaggenburg

Dies war eine religiöse Situation. Warum? Jemand spricht mit einem unsichtbaren Gegenüber und ein dritter wird Zeuge. Vermittelt durch einen anderen Menschen habe ich Einblick in eine andere Welt bekommen. Unwillkürlich war dabei meine Mitarbeit, nämlich meine Gedanken, um ein Gesamtbild zu konstruieren. Das Ereignis (Telefongespräch) hat gewirkt und mich zumindest für die Dauer des Gesprächs beschäftigt – eine vom Telefonierenden sicherlich so nicht geplante „Neben-Wirkung“.

Erfahrungen, Dinge und Zusammenhänge, die ich kenne, Annahmen und auch meine Fantasie spielten bei der Rekonstruktion dessen, worum es da wohl gegangen ist, eine Rolle – ohne alle Fakten prüfen zu können. Aber interessant war es und anregend!
Beim Zuhören habe ich ein Bild von der sprechenden Person und ihrem Gegenüber entwickelt. Ich versuchte mir vorzustellen, was für Persönlichkeiten die Kollegen sind, deren Lebens- und Arbeitssituation, die Firma und die Gegenstände, mit denen sie sich beschäftigen. Bezweifelt, dass mein Mitfahrer mit einer realen anderen Person gesprochen hat, habe ich übrigens nicht. Das gilt, auch wenn ich sie weder hören noch sehen konnte und nur eine Hälfte der Kommunikation mitbekommen habe. Die andere Hälfte musste ich mir denken.

Auch in der Bibel erhalten Menschen durch andere Menschen wissenswerte, für das eigene Leben interessante und anwendbare Informationen, Einsichten, Handlungsanweisungen. Es gibt Fragen, die man hat und Fragen, die man gestellt bekommt. Man kann nicht alle Teilnehmer am Kommunikationsprozess sehen und hören. Sondern man bekommt das nur vermittelt. Sie geben „Bausteine“ und lassen auch Lücken für die eigene Meinung, für Prüfung, Annahme, Ablehnung und Ergänzung. In den Lücken ist sozusagen Gott zuhause. Glauben kann nur jeder selber. Glaube ist eben ein „eigenes Unternehmen“, ein kreatives. Und wer weiß: vielleicht hat ja auch der eigene Glaube eine typische, unverwechselbare „total geile“ Klangfolge.

Übrigens: mein Mitfahrer führte dann noch zwei weitere Telefonate. Die waren nicht mehr so interessant und aufschlussreich. Schade, ich hätte gerne mehr erfahren. Aber so ist es eben auch mit Glauben: er bleibt prinzipiell offen und wenn man neugierig und kreativ bleibt, ergibt sich ein lebendiges und sich wandelndes (Glaubens-)Bild.

Von Roman Ott, Pastor in Plaggenburg

1. Oktober 2016: „Wir müssen wach füreinander sein“

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Stefanie Holle, Geschäftsführerin des Caritasverbandes Ostfriesland

Die Jahreskampagne des Deutschen Caritasverbandes 2016 „Mach dich stark für Generationengerechtigkeit“ fragt, was die einen für die anderen tun können, was die eine Generation der anderen Generation mitgeben kann, wo die eine Altersgruppe ihre Fähigkeiten und Ressourcen in den Dienst der anderen stellen kann. Warum ist es dem Deutschen Caritasverband genau jetzt ein Anliegen, das Thema Generationengerechtigkeit so in den Mittelpunkt zu stellen?
In unserer Arbeit erleben wir Menschen unterschiedlichster Generationen mit allen Facetten und Problemen. Wir erleben aber auch Menschen aller Generationen, die mit anpacken und etwas tun. Dies möchte ich an einem Beispiel deutlich machen: Ich habe eine Familie mit sechs Kindern vor Augen. Der Vater hat keinen Schulabschluss und arbeitet bei einer Zeitarbeitsfirma. Die Mutter putzt dreimal in der Woche ein Bürogebäude. Geld für etwas Besonderes wie Klassenfahrten, neue Schuhe oder Kleidung fehlt in der Regel. Die Kinder beeindrucken mich sehr, da ich sie noch nie schlecht gelaunt erlebt habe. Sie gehen regelmäßig zur Tafel, holen Lebensmittel für die Familie und arbeiten viel im Haushalt mit. Das Lernen für die Schule haben sie immer alleine gemacht.
Die Eltern haben nach Hilfe gefragt. Hier hat sich ein ehrenamtlicher Rentner gefunden, der mit der Familie Haushaltspläne erstellt, Papiere sortiert und Amtsgänge begleitet. Jugendliche sind mit den Kindern einkaufen gewesen, damit sie Schuhe haben und Kleidung, um am normalen Schullalltag teilnehmen zu können. Zwei Rentnerinnen wechseln sich ab und machen zweimal in der Woche Hausaufgaben mit den Kindern.
Jesus fordert uns zu Barmherzigkeit und Hilfe auf, am deutlichsten wohl im Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Die Lebensvoraussetzungen werden in allen Generationen nicht einfacher, das zeigt das vorherige Beispiel und sicher viele andere Situationen und Momente. Um dies zu ändern, sind wir alle gefragt, heute!
Wir können das Leben gemeinsam gestalten und ein Stück gerechter machen. Wir müssen wach füreinander sein, Vorurteile abbauen und aufeinander zugehen. Ich bin mir sehr sicher: Jung braucht alt und alt braucht jung. Erntedank kann Anlass sein, zu bedenken, was wir einander verdanken, und es vielleicht auch einmal zu sagen und deutlich zu zeigen: die Alten den Jungen und die Jungen den Alten. So kann Generationengerechtigkeit stark werden.

Von Stefanie Holle, Geschäftsführerin des Caritasverbandes Ostfriesland

24. September 2016: Was macht man so als Christ?

Christ?! .. Ach! Interessant. Und was macht man da so?“ In seiner wunderbaren Karikatur „Exoten“ wirft Thomas Plaßmann diese Frage in den Raum. Fünf Menschen beim Smalltalk über Gott und die Welt. Das heißt, über Gott normalerweise ja nicht so, denn was kann man über Gott schon „smalltalken“? Das ist immer gleich so ernst.
Und outet sich jemand: Ich bin Christ. Nichts Schlimmes eigentlich. Man könnte einfach weiter reden, als wäre nichts geschehen. Aber einer nimmt das Stichwort auf. „Was macht man da so?“ Vielleicht will er ihn nur auf den Arm nehmen. „Erzähl mal: Gehst du jeden Sonntag in die Kirche, betest du jeden Tag?“ Vielleicht weiß er es wirklich nicht. Umfragen zeigen, dass immer mehr Menschen im Land von ihrer eigenen Religion kaum Ahnung haben. – Also: Was macht man als Christ?
Eine mögliche Antwort wäre natürlich: Gottesdienste besuchen und sich zur Gemeinde halten. Das war von Anfang an sozusagen ein Markenzeichen. Aber heute ist das nicht mehr selbstverständlich, eher exotisch.

Uwe Noormann, Pastor in Tannenhausen und Georgsfeld

Uwe Noormann, Pastor in Tannenhausen und Georgsfeld

Naheliegender ist vielleicht das Verhalten. Das scheint einfacher: nicht lügen, nicht stehlen, nicht neiden, den Nächsten lieben usw. Ein Christ ist ein Gutmensch. Er ist nett und freundlich, er regt sich nicht auf und ist hilfsbereit und verlässlich. Das klingt doch gut.
Andere sagen vielleicht: Ein Christ vertritt bestimmte Werte. Er setzt sich ein für Frieden und Freiheit, für die Achtung der Menschenwürde, für mehr Gerechtigkeit oder für die Bewahrung der Schöpfung. Das klingt auch gut.
Aber macht das alles ein Christ? Er sollte ja vielleicht, und es gibt gute Gründe dafür – aber macht man das so? Und was ist mit denen, die das nicht machen? Ist man dann kein Christ mehr, oder nur Halbtags-Christ oder Weihnachts-Christ?
Sie merken: Es scheint tatsächlich kein Thema für einen Smalltalk zu sein. Die Frage müsste sowieso anders gestellt werden. Nicht: was macht man so, sondern: was machst du so – was mache ich so, was machen Sie so als Christ oder Christin?
Meine Antwort wäre dann: Ich versuche mein Leben im Vertrauen auf Gott zu leben. Ich glaube, dass Gott mich mit vielen Dingen beschenkt. Darüber will ich mich freuen und dafür dankbar sein. Und ich glaube, dass Gott mir auf vielerlei Weise zeigt, was ich tun (oder lassen) soll. Das will ich beherzigen, auch wenn ich zugeben muss, dass das nicht immer gelingt. Aber ich kann’s ja mit gutem Mut wieder versuchen.
Und was machen Sie so?

Von Uwe Noormann, Pastor in Tannenhausen und Georgsfeld

17. September 2016: Und auch ein bisschen langweilig

Nach dem Familiengottesdienst zum Schulanfang gehe ich gemeinsam mit den Kindern aus der Kirche heraus. An meiner Seite die kleine Merle-Sophie. Sie schaut mich von unten mit strahlenden Augen an und sagt: „Das war aber schön heute Morgen!“ Ich lächele zurück und denke: Ja, Recht hast du und das Lob gebe ich gerne an die Mitarbeiterinnen vom Kindergottesdienst weiter. Merle-Sophie hat ihren Satz aber noch nicht beendet, im Gehen fährt sie fort: „Und auch ein bisschen langweilig“. Inzwischen sind wir draußen angekommen, die Kinder verteilen sich auf dem Spielplatz und werden von ihren Eltern abgeholt.

Kurt Booms, Pastor in Weene

Kurt Booms, Pastor in Weene

Mir ist die „Beurteilung“ des Gottesdienstes nicht aus dem Kopf gegangen: Das war schön und auch ein bisschen langweilig. Da war das Lob, weil sich das Mädchen wohlgefühlt hat in der Kirche, sie sich von der erzählten Geschichte angesprochen fühlte, die Lieder ihr gefallen haben. Und dann hat sie wohl auch gespürt, dass es in unseren Gottesdiensten anders zugeht, selbst im Familiengottesdienst, in dem auch geklatscht und getanzt wurde. Sie hat so etwas wie „Lange-Weile“ empfunden. Sie hat gemerkt, dass die Uhr anders geht in dieser Stunde, dass das Tempo des Lebens draußen geblieben ist.
Im ersten Moment habe ich ihren Zusatz von der Langenweile als Kritik empfunden. Im Nachdenken darüber erkenne ich darin eine gute Beschreibung unserer Gottesdienste. Wir nehmen uns am Sonntagmorgen eben auch Zeit für eine Stunde „Lange-Weile“. Hoffentlich nicht so, dass die Augen zufallen, aber doch so, dass wir zur Ruhe kommen. Die Schnelllebigkeit, mit der wir die Woche über oft zu kämpfen haben, die Hektik des Alltags hat hier keine Chance. Das Tempo der Arbeitstage wird entschleunigt. Geborgen in den festen Mauern unserer Kirchen, gönnen wir uns am Sonntag im Gottesdienst eine „Lange-Weile“ und können dabei die Seele baumeln lassen. So hat der Kindermund es treffend beschrieben, und vielleicht sagen sie es morgen am Ausgang auch so wie Merle-Sophie: „Das war schön.“ Und spüren: Die „Lange-Weile“ hat mir gut getan.

Von Kurt Booms, Pastor in Weene

10. September 2016: Dat Hoorn röppt: Bee nu!

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Jürgen Hoogstraat, Pestor in Vittebur

Wenn du unnerwegs büst, denn kanns’t ook wat beleeben. Wor du ook kummst in de Welt – wat sünt d’r ’n Lüe bi d’ Padd. Overall is dat drock – nechgliek off in de groode Stadt off in dat lüttjeste Dörp. Dor is keen Ruh off Rast, Dag un Nacht. Wor du ook büst bi uns in d’ Noorden – dat gifft haast keen Stee, wor du keen Autos off Lastwagens fohren hörst. Overall suust un bruust dat – mal luut un maal sacht. Un wenn ik dor so up hör – nechgliek off over Dag off midden in d’ Nacht, denn denk ik van Johr to Johr: Dit Johr hörst du weer mehr Huulen van de Rettungswagens. Weer un weer waak ik s’nachts up, wenn de Helpers unnerwegs sünt na Lüe, de schkofel un krank sünt off de Mallör hatt hemm. Weer un weer verfehr ik mi, krieg ik dat glenne Lücht van de Krankenwagens in d’ Speegel to sehn un dat Huulen van dat Rettungshoorn to hören, bün ik mit Auto unnerwegs. Gau gah ik an d’ Siet, dat ik Bott maaken kann för uns flietige Helpers.
As ik ’n jungen Bengel was, hebb ik in so’n Moment alltied bloot docht: Och Heer, wat mach d’r nu wall weer gebörd wesen. Hopenlik is’t neet so schlimm un dor kann ’n Minske noch hulpen worden. Dat is nu in de lesde Johren ’n bietje anners worden. Annert hett sück, dat bi ’n langen Autofohrt mit leeve Lüe ut mien Verwandtschkupp. De harren bi hör Mauder in Huus lehrt: Hören ji mal dat Geschkall van d’ Rettungswagen – denkt an mien Woorden: So up Moment kannst du de Minske neet helpen, de dor in liggen mutt – man du kannst doch völ vör hum daun. Dat Hoorn van de Rettungswagen röppt neet bloot: maak Bott! Maak Bott! Nee, dat röppt ook för de schkovel Minske, de dor in liggt: Bee nu! Bee nu! Dau n’ lüttje Gebed för een Minske in Noot! Frag uns leeve Heer um Hülp för ’n Minske, de schlecht tofohrt is.
Dat hebb ik nooit weer vergeeten, wat mien Verwandten mi vertellen deen un nu hemm wi dat bi uns in Huus overnohmen. Nechgliek off unnerwegs off in Huus: Eem ’n Woordje mit uns Heer prooten, hörst du ’n Rettungswagen, un eem de Schloov vör Gott brengen, de dor in liggen mutt. De hett raupen: Bee nu! Bee nu! Nix anners steiht in Gotts Woord in Jakobus sien Breev (Jakobus 5,13): Is well van jau neet gaud tofohrt, de sall man driest raupen, dat för hum beed woord! Beden helpt un de Heer gifft Stöhn! Dor kannst di tau verlaaten!

Van Jürgen Hoogstraat, Pestor in Vittebur

3. September 2016: Da ist etwas in Schieflage geraten

„Manchmal fällt es mir morgens schwer, mich für meine Arbeit zu motivieren.“ Das sagte vor Kurzem ein Landwirt in einem Gespräch. „Dabei liebe ich meinen Beruf. Er ist wirklich schön.“ Da ist etwas in eine Schieflage geraten. Der Milchpreis deckt nicht die Produktionskosten.
Da ist es natürlich, sich selbst zu fragen: „Warum tust Du das? Und wie lange hältst Du das durch?“

Tido Janssen, Pastor in der Lamberti-Gemeinde und Superintendent des Kirchenkreises Aurich

Tido Janssen,
Pastor in der Lamberti-Gemeinde und Superintendent des Kirchenkreises Aurich

Unser Gespräch zeigt: Landwirte leiden auch noch an anderen Dingen. Sie werden beschimpft. Sie werden angegriffen. Sie leiden unter fehlender Akzeptanz der Verbraucherinnen und Verbraucher. Oder auch: Niemand interessiert sich wirklich für ihre Probleme. Ein Problem: Der direkte Kontakt zwischen Landwirten und Verbrauchern besteht in der Regel gar nicht mehr. Dabei braucht es ein gutes Miteinander von Erzeugern und Verbrauchern. Wir alle leben von gesunden Lebensmitteln. Wir sind jeden Tag neu darauf angewiesen, unser „täglich Brot“ zu bekommen. Ich bin dankbar, dass ich mich hier satt essen kann. Gute Qualität verdient einen fairen Preis. Hier sind wir Verbraucher gefragt: Mit 12,8 Prozent des Einkommens geben wir historisch wenig Geld für Nahrungsmittel aus. 1950 waren es noch 44 Prozent.
Gemeinsam müssen wir alle ein Interesse an nachhaltiger Landwirtschaft haben. Dem sind wir aus christlicher Schöpfungsverantwortung verpflichtet. Natürlich sind da auch die Landwirte in der Verantwortung. Es braucht einen gärtnerischen Umgang mit der Natur. Landschaften, Tiere und Pflanzen haben einen Eigenwert, den es zu achten gilt. Nicht nur unsere, sondern auch alle kommenden Generationen sollen eine Erde vorfinden, auf der sie genauso gut leben können wie wir. Dafür braucht es eine achtsame und maßvolle Lebens- und Wirtschaftsweise.
Um nachhaltig wirtschaften zu können, fordern die Landwirte mit Recht verlässliche Rahmenbedingungen. Sie befinden sich mitten in einem rasanten Strukturwandel. Gab es um 1960 allein in einem Auricher Ortsteil noch 64 landwirtschaftliche Betriebe, sind es heute noch sechs. Und dieser Wandel ist immer noch nicht abgeschlossen.
„Sie verdienen
unsere kritische Solidarität“
Unsere einheimischen Landwirte verdienen, dass wir sie mit ihren Leistungen und Problemen wahrnehmen und ernstnehmen. Sie verdienen unsere kritische Solidarität. Mir ist bewusst, wie schwer Veränderungen im Bereich von Produktionsverfahren, aber auch Ideen regionaler Vermarktung und die Änderung unserer Kauf- und Essgewohnheiten umzusetzen sind. Wir sind letztlich alle in einer gemeinsamen Verantwortung.
Lassen wir die Landwirte und ihre Familien nicht allein. Ich hoffe, dass sie auch in Zukunft morgens motiviert aufstehen können, um ihre Arbeit gerne zu tun.

Von Tido Janssen, Pastor in der Lamberti-Gemeinde und Superintendent des Kirchenkreises Aurich

27. August 2016: Lobe den Herrn, meine Seele

Gott braucht unser Lob und unseren Dank nicht; Seine Vollkommenheit ist nicht abhängig davon. Doch wo der Mensch einstimmt in das Lob Gottes, werden ihm die Augen geöffnet für all das, was wir jeden Tag neu vom Schöpfer empfangen: Beginnend mit der Versorgung bereits im Mutterleib, folgend dem ersten Atemzug, der ersten Sekunde unseres irdischen Lebens. Bereits die erste Stunde hat 3600 davon, der erste Tag 86 400! (Einladung: Rechnen Sie nach, wie viel Lebens-Sekunden auf Erden hat Gott Ihnen bis heute geschenkt? Und: Wie viel Erfüllung, wie viel Bewahrung waren darin?).

Hans Bookmeyer, Pastor für besondere Aufgaben im Kirchenkreis Aurich

Hans Bookmeyer, Pastor für besondere Aufgaben im Kirchenkreis Aurich

Der große Theologe und Arzt Albert Schweitzer (der in Afrika vielen notleidenden Menschen geholfen hat und gewiss auch viel Schweres miterlebte – und mittrug) bekannte: „Wer Gott von Herzen dankt, wird selber reich. Der kennt sein Leben nicht, der es nicht im Dank zu Gott bespiegelt. … Des Glücks der Gemeinschaft mit Gott kannst du teilhaftig werden, wenn du anfängst, Gott aus tiefstem Herzen zu danken. Wenn dein Dank den Weg über Gott nimmt, wirst du aus der irdischen Betrachtung der Dinge herausgehoben; du fühlst, wie dein Dasein in Gott ruht. Was schwer schien, wird leicht. … Darum, wenn du schwach und matt und unglücklich bist, fang an zu danken, damit es besser wird mit dir. … Und wenn du das erste gefunden hast, dann kommt eins nach dem andern, und du wirst zuletzt nicht mehr fertig mit dem Danken. … Und wenn es so schwer ist, dass du meinst, damit nicht fertig zu werden, dann such, worin du Gott dafür dennoch danken kannst; denn manchmal sind wir blind für das, was Gott mit uns will, und werden erst sehend, wenn wir versuchen, ihm zu danken.“ (Aus „Stimmen der Väter“, Christl. Verlagsanstalt, 1973, Seite 317)
Und unter anderen auch Paul Gerhardt, der die Wirren des 30-jährigen Krieges voll miterleben und mit erleiden musste, hat (gerade dadurch?) nicht aufhören können, Gott für alles Empfangene zu loben und zu danken, so zum Beispiel in seinem bis heute gern gesungenen Sommerlied „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ (Evangelisches Gesangbuch Nr. 503); in der achten Strophe heißt es dort: „Ich selber kann und mag nicht ruhn, des großen Gottes großes Tun erweckt mir alle Sinnen; ich singe mit, wenn alles singt, und lasse, was dem Höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen.“
Wer mit Paul Gerhardt einstimmen mag, wird in unserer Zeit bei womöglich manchem Schweren freudig überrascht spüren, wie das Lob zu Gott zugleich zum Proviant für die Seele wird.
Darum: Ja, lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was wer dir Gutes getan hat – und täglich, sekündlich, stets auf Neue tut, damit du nicht verloren gehst im irdischen Lebens-Gewirr, sondern bewahrt bleibst bis zum Ziel in Gottes vollkommener Herrlichkeit.

Von Hans Bookmeyer, Pastor für besondere Aufgaben im Ev.-luth. Kirchenkreis Aurich

20. August 2016: Ich glaube, ich werde altmodisch

Manchmal habe ich das Gefühl, ich werde altmodisch. Aber urteilen Sie selbst:
Viele Menschen waren zur Beerdigung der Frau gekommen. Am Ende der Trauerandacht gehen die Träger gemessenen Schrittes neben dem Sarg her und tragen ihn aus der Kirche. Die Familie folgt, dann die Gemeinde. An unserer kleinen Dorfstraße wartet der Leichenwagen. Die Träger heben den Sarg in den Wagen, die Menschen versammeln sich auf dem Rasen und dem Weg neben der Kirche. Ich stelle mich auf die Straße. Ein paar Worte zum Abschied, das Vaterunser. Ich hole Luft, will sprechen – in dem Moment muss ich einen Schritt nach vorne machen, denn hinter mir schiebt sich ein Auto vorbei. „Hat wohl nicht so schnell erkannt, warum wir hier stehen“, denke ich noch, da schiebt sich schon der nächste vorbei. Wir beten, der Verkehr fließt.

Georg Janssen, Pastor in Ihlow

Georg Janssen, Pastor in Ihlowerfehn und Ludwigsdorf

Szenenwechsel. Ich habe Vertretung in einer Nachbargemeinde. Wieder eine Beerdigung. Um zum Friedhof zu kommen, müssen wir die Kreisstraße überqueren. Zwei Männer sichern die Straße. Die Autos bleiben stehen. Als erstes ein Lastwagen. Der Motor tuckert unüberhörbar. Ich schaue zum Fahrer rüber. Mache mit der Hand eine Bewegung, so wie man einen Schlüssel umdreht. Denke: „Kerl, moak dien Maschien ut!“ Er zündet sich eine Zigarette an. Und stellt dann doch den Motor ab.
Zwei Wagen hinter ihm geht eine Autotür auf. Der Fahrer steigt aus. Stellt sich neben sein Auto. „Respekt!“ denke ich. Er weiß es noch. Die Beifahrertür geht auf. Ein Mädchen im Alter meiner Konfirmanden steigt aus und tut es ihm gleich. Steht neben dem Auto und schaut zu uns herüber. Beide zeigen mit dieser kleinen Geste, dass sie uns in diesem Moment ganz nahe sind. „Alles hat seine Zeit!“ sagt die Bibel. Aber vielleicht haben wir die ja auch nicht mehr. Oder ich bin vielleicht ja auch nur schlichtweg altmodisch.

Von Georg Janssen, Pastor in Ihlowerfehn und Ludwigsdorf

13. August 2016: Staunen über die Wunder

Nun ist es so weit. Die Ferien sind endgültig zu Ende. Ein neues Schuljahr hat begonnen. „Das erste Jahr macht ja noch Spaß. Das zweite fällt schon ab und dann erst das Dritte.“
Die Zehnjährige, die gerade in die vierte Klasse gekommen ist, ist skeptisch. Sie erlebt die Schule als einen langsamen, aber beständigen Abstieg. Dabei macht ihr das Lernen eigentlich Spaß, das Entdecken von Unbekanntem, das Erobern von neuen Erkenntnissen und Fähigkeiten – manchmal auch dann noch, wenn es mit Mühe und Anstrengung verbunden ist.

Thomas Henneberger, Pastor In Aurich-Oldendorf

Thomas Henneberger, Pastor in Aurich-Oldendorf

Oft sind es leider gerade wir Erwachsenen, die den Kindern die Freude am Lernen verderben und verleiden – weil wir ihre kleinen Erfolge nicht recht würdigen oder unsere Ansprüche zu hoch sind; weil wir zu ungeduldig sind oder alles besser wissen.
Es kann auch anders gehen. Es gibt auch andere Beispiele. Zum Glück. Ich denke da an Lehrerinnen und Lehrer, die sich durch die Entdeckerfreude von Kindern anstecken lassen und dieser Neugier bei sich selbst und bei den Kindern Raum geben. An Eltern und Großeltern, die sich durch die Lebensfreude ihrer Kinder und Enkelkinder verändern und bewegen lassen und neu entdecken, welch ein kostbares Geschenk das Leben ist.
Wohl nur der wird fähig, Kindern bei ihrem Lernen zu helfen, der seinerseits bereit ist, auch bei ihnen in die Lehre zu gehen. Vieles, was uns Erwachsenen oft verloren gegangen ist, können wir von Kindern neu lernen: Das Staunen über die Wunder, die uns umgeben. Die Freude auch an den kleinen Dingen des Lebens. Den Mut, sich anderen Menschen vertrauensvoll zu öffnen. Aber auch die Trauer, die Empörung und die Wut, die aufschreit und Protest erhebt gegen die Bedrohungen und Zerstörungen des Lebens.
Wie sagte doch Jesus, an die Adresse von uns Erwachsenen gerichtet:
„Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ (Matthäus 18, 3)

Von Thomas Henneberger, Pastor in Aurich-Oldendorf

6. August 2016: Demut, was ist das eigentlich?

Wenn man einen Sprungturm im Schwimmbad von unten betrachtet, dann ist der eigentlich gar nicht so beeindruckend. Man weiß: Das ist machbar. Im Grunde genommen sogar – lächerlich.
Warum manche da so kreischen beim Runterspringen? Oder: wie süß der Kleine da, wie der so zitternd am Geländer steht und sich eigentlich doch nicht traut. Die anderen versuchen ihm Mut zuzureden, aber er steigt doch lieber die Leiter wieder runter.
Na, wär’ doch gelacht. Und dann steigt man selbst die Leiter hoch und merkt: Auha!
Von oben sieht das Ganze auf einmal viel höher aus. Schon ab dem Drei-Meter-Brett sind die Menschen auf der Liegewiese auf einmal so klein. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Größe des Sprungbeckens. Der Wind weht gewaltig, und der Magen fühlt sich so seltsam an.

Jens Blume, Pastor in Timmel und Mittegroßefehn

Jens Blume, Pastor in Timmel und Mittegroßefehn

Von wegen lächerlich.
Vielleicht folgt man doch dem Beispiel des süßen Kleinen von vorhin und klettert die Leiter wieder runter (man wollte ja sowieso gerade ein Eis holen, der Sprungturm war nur ein Missverständnis).
Aber es nützt nichts. Hinter einem stehen andere Springer auf der Leiter. Und die alle lachen, als wäre das gar nichts. Also: Augen zu und durch. „Hochmut kommt vor dem Fall.“ Wortwörtlich.
Und wenn man dann unten im Wasser angekommen ist (eben ein Stoßgebet) – dann kann man sich brüsten: „Ach, das war doch gar nichts! Was ein Spaß! Am liebsten würde ich ja gleich noch mal springen aber ich wollte ja Eis holen.“
Der biblische Wochenspruch für die kommende Woche steht im ersten Petrusbrief, Kapitel 5, Vers 5b:
Alle aber miteinander haltet fest an der Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.
Petrus richtet seine Worte ausdrücklich an die Ältesten in der Gemeinde, an diejenigen, die viel Erfahrungen gesammelt haben. Was auf der einen Seite ein Schatz ist – ein „Erfahrungsschatz“ – kann schnell in Überheblichkeit umschlagen. So, als wüsste man alles und jedes von vornherein einzuschätzen und könnte alles bewerten. Das ist, so schreibt Petrus, nicht im Sinne Gottes. Im Gegenteil! Es sind vielmehr die Demütigen, die in besonderer Gnade stehen.
„Demut“ – ich finde: Das klingt so schüchtern, so duckmäusig und wenig selbstbewusst.
Ein Blick ins schlaue Buch verrät: Das deutsche Wort „Demut“ ist aus dem althochdeutschen „dio“ (Diener) und „muot“ (Gesinnung) zusammengesetzt. Dabei geht die Bedeutung eher in Richtung „Gefolgsmann“, weniger in Richtung „Knecht“.
Demut bezeichnet also die Bereitschaft oder den Mut zum Dienen – eine Geisteshaltung, mit der ein Mensch um anderer (oder im Zusammenhang des ersten Petrusbriefes: um der Sache Gottes willen) sich zurücknehmen und unterordnen kann.
Das Ganze hat also etwas mit Respekt zu tun. Eine wertschätzende Haltung, die sich daran freut, wenn anderen etwas gelingt. „Demütig“ sein heißt also überhaupt nicht, das „eigene Licht unter den Scheffel zu stellen“ und sich kleinmachen, sondern: andere und anderes wertschätzend anerkennen.
Das ist doch ein wunderbarer Wochenspruch. Sowohl für uns in unserem Privatleben als auch mit Blick auf die Athletinnen und Athleten der Olympischen Spiele, die uns in der nächsten Zeit sehr bewegen werden.
Am Sonntag beginnen übrigens die Wettbewerbe im Turmspringen.

Von Jens Blume, Pastor in Mittegroßefehn und Timmel

30. Juli 2016: Auffrischung des Glaubens

„Update!“, befiehlt mir mein Computer, genau gesagt das Sicherheitssystem meines PCs, sobald ich ihn anschalte. „Auf den neuesten Stand bringen“, soll ich mein Sicherheitssystem demnach. „Aktualisieren“ oder „auffrischen“, so könnte man es auch übersetzen. Offenbar lauern immer neue Gefahren und Herausforderungen im weltweiten Netz, vor denen ich meinen PC wappnen kann. Wäre das nicht praktisch, wenn ich einen solchen Warnhinweis auch in Lebens- und Glaubensdingen erhielte? Wenn ich morgens früh aufstehe, dann weiß ich doch auch nicht, was mich im weltweiten Netz der Menschheit so alles erwartet, welche Gefahren da lauern, vor welche Herausforderungen ich gestellt werde. Und wie sähe so ein „Update“ wohl aus? Die Tageslosung kann eine Aktualisierung des Glaubens bieten. Denn sie erinnert jeden Tag neu an die Zusagen, die Gott uns gibt und an das, was er von uns erwartet. „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet.“ Das ist mein Konfirmationsspruch. Wäre doch auch ein tägliches „Update“, wenn ich mir den so an die Wand hängen würde, dass ich täglich dran vorbei komme. Wie lautet Ihr Konfirmations- oder Taufspruch?

Sabine Bohlen, Pastorin in Wiegboldsbur und Forlitz-Blaukirchen

Sabine Bohlen, Pastorin in Wiegboldsbur und Forlitz-Blaukirchen

Mal wieder die Bibel zur Hand nehmen und lesen, Texte wie die Bergpredigt Jesu, das kann auch zu wunderbaren Impulsen für meinen Alltag führen. Im Grunde genommen ist jedes Gebet eine Auffrischung meines Glaubens, weil ich mir damit bewusst mache, dass ich meinen Tag (oder manchmal auch meine Nacht) nicht allein bewältigen muss. Ich habe ja meinen Gott im Rücken. Und schließlich ist auch jeder Gottesdienst ein „Update“ des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung. Jeden Sonntag hören wir eine biblische Geschichte, die uns im Alltag weiterbringen, korrigieren, trösten, helfen, erfreuen, bestätigen wird. Gönnen Sie sich doch auch mal wieder eine Auffrischung Ihres Glaubens! In diesem Sinne wünsche ich allen ein gesegnetes „Update“.

Von Sabine Bohlen, Pastorin in Wiegboldsbur und Forlitz-Blaukirchen

23. Juli 2016: Was erfrischt und stärkt uns?

Wir waren schon einige Zeit gewandert. Der Weg führte durch einen Wald, leicht bergan. Es war heiß. Am liebsten hätten wir Pause gemacht, aber es lag noch eine lange Wegstrecke vor uns. Zuerst hörten wir ihn nur. Das Rauschen wurde immer lauter. Schließlich sahen wir ihn: den Gebirgsbach. Mit ungeheurer Kraft stürzte er hinab, brach sich an Steinen, überschäumte, immer weiter. Das Wasser war klar, sehr klar und angenehm kalt. Natürlich legten wir eine Pause ein. Danach gingen wir weiter – erfrischt und gestärkt.
„Denn bei dir ist die Quelle des Lebens“, heißt es im 36. Psalm.

Stefan Wolf, Pastor in Wiesmoor

Stefan Wolf, Pastor in Wiesmoor

Viele werden sich auf den Weg machen in den nächsten Tagen und sich hoffentlich gut erholen können. Erfrischung und Stärkung brauchen wir. Gönnen wir sie uns! Wer rastlos lebt, erreicht nicht mehr. Hätten wir damals keine Pause auf unserer Wanderung gemacht, hätten wir den Aufstieg zum Ziel wahrscheinlich nicht geschafft. Der Gebirgsbach war wie ein Geschenk, das uns unüberhörbar zur Unterbrechung eingeladen hatte. Gut, dass wir sie angenommen haben!
Was erfrischt und stärkt uns? Freie Zeit mit der Familie oder mit Freunden oder alleine, einfach mal abschalten, auf dem Sofa, im Garten, beim Ausflug. Auch in unseren Kirchen und Gemeinden können wir uns erfrischen und stärken: Im Gebet, in der Stille, im Zuhören, im Gespräch, beim Singen oder Musizieren, in Gottesdiensten und Andachten. Denn dort begegnen wir Gott, der ewigen Quelle des Lebens, die niemals versiegt. Aus ihm strömt alles Leben. Bei ihm können wir immer wieder Erfrischung und Stärkung finden. In seinem Sohn Jesus Christus wird das sichtbar. Er hat Menschen befreit: von Schuld, von Krankheit, vom Durst nach Anerkennung.
Achten wir darauf, dass wir uns erfrischen und stärken! Lasst uns nicht einfach weitergehen, wenn der Gebirgsbach lockt! Manchmal liegt er auf unserem Weg, manchmal müssen wir ihn suchen.
Im Buch des Propheten Jeremia heißt es: „Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen.“ In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und euch gute Entdeckungen und Erfrischungen in dieser Sommerzeit!

Von Stefan Wolf, Pastor an der Friedenskirche Wiesmoor

16. Juli 2016: Wat blifft – Was bleibt

Pastorin Angelika Scheepker, Lamberti-Kirchengemeinde Aurich

Pastorin Angelika Scheepker,
Lamberti-Kirchengemeinde Aurich

Heute möchte ich an dieser Stelle an eine großartige ostfriesische Schriftstellerin erinnern, deren Todestag sich in diesem Jahr zum 25ten Mal jährt.
Greta Schoon wird am 11. Juli 1909 in Spetzerfehn geboren und wächst dort mit drei Geschwistern auf. Der Vater stirbt im ersten Weltkrieg, da ist Greta sechs Jahre alt. Die Mutter muss von da an die Familie allein durchbringen. Sie hat wenig Zeit für die Kinder. Greta vermisst den Vater. Er hat sich für Greta immer eine gute Schulausbildung gewünscht. So kommt sie im Alter von 10 Jahren von Spetzerfehn an die Höhere Töchterschule nach Aurich. Diese Schulausbildung bedeutet die Trennung von der Familie. Greta lebt bei einem kinderlosen Auricher Ehepaar und wird hier streng, aber behütet erzogen. Von 1928 bis 1931 besucht Greta Schoon in Bremen eine Frauenschule mit sozialpädagogischem Schwerpunkt. Dort wird sie zur Kindergärtnerin ausgebildet. Die Begleitung und Erziehung von Kindern und ihr soziales Engagement wird fortan ihr berufliches Leben prägen. Wegstationen sind u.a. Brasilien, Wiesmoor, Wittmund, Emden und zuletzt Leer, wo sie die evangelische Kindertagesstätte im Paul-Gerhardt-Haus leitet.

Durch ihre Arbeit entwickelt Greta Schoon einen guten Blick für Menschen, die kleinen und die großen, – und für ihre Sorgen und Nöte. Was Greta Schoon unvergesslich macht, ist ihr schriftstellerisches Wirken. In Emden ist sie zum Beispiel in den 50er Jahren im Arbeiterviertel Transvaal tätig. In dieser Zeit entstehen viele ihrer Kinderlieder, so auch das bekannte und heute oft zu Martini gesungene Lied „Mien lüttje Lateern“. Greta Schoon selber hat erzählt, dass sie früh angefangen hat mit dem Versuch, sich durch das Schreiben auszudrücken. Mit der plattdeutschen Sprache groß geworden, hat sie in der Schule Hochdeutsch lernen müssen wie eine Fremdsprache. Geschrieben, gedichtet und gereimt hat sie in beiden Sprachen, bis sie sich im Alter ganz auf das Schreiben in Plattdeutsch konzentriert.

Damit findet sie zu ihrer eigentlichen Passion: ihre plattdeutsche Muttersprache verhilft ihr zu einer sprachlichen Größe, die ihr schon zu Lebzeiten zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen zu teil werden lassen und sie auf eine Ebene stellen mit ihrer ostfriesischen Schriftstellerkollegin Wilhelmine Siefkes und anderen zeitgenössischen Autoren. Kritiker loben Greta Schoon dafür, dass sie mit ihrer Lyrik die plattdeutsche Sprache salonfähig macht und aus dem Bereich der Heimatdichtung herausgeführt hat. „Kuckuckssömmer“, „Dat Bladenhuus“ un „Dat wi överleven“ gehören mit zu ihren bekanntesten Werken. Ihre Themen sind biografisch, zeitgeschichtlich, gesellschaftskritisch und im christlichen Glauben verankert.

Auf die Frage, was sie bei sich als Auftrag sieht, warum sie schreibt, antwortet sie bei der Verleihung des Klaus-Groth-Preises für niederdeutsche Literatur 1981: „Wenn ik schriev, denk ik nich an en Updragg. Ik schriev för mi. Un wat ik schriev, dor bün ik in, dor stah ik achter. Erst naderhand mark ik, dat ik nich alleen för mi schreven hebb. Dat ok annern sük dorin weerfinnen könen. Well vandaag schrieven deit, mutt Fragen upbreken, openbaar maken. Fragen, de in uns` drifftige Tiet verschütt gahnt, de versacken: Well sünd wi? Wat drifft uns um? Wor stüürn wi hen? Fragen, de notnödig sünd, wenn wi överleven willn. Antwoorten hebb ik nich parat. De kann ik nich geven. Wat mien Updragg is, much ik an Enn mit en Gedicht seggen:

Wat blifft
is
en Stück Füür
dat noch
brannen sall
wenn dien Hand
de dat
schreven hett
al lang
kolt is.

Wat blifft
is
en Woort
dat noch
klingen sall
wenn dien Mund
de dat utsproken hett
al lang swiegen mutt.

Wat blifft
is
en Stück Minsch
dat de anner
söken sall
wenn dien Hart
dat hum
utstüürt hett
al lang
Aske is.“

Am 7. März 1991 stirbt Greta Schoon nach schwerer Krankheit in Leer. Sie ist unverheiratet. Im Familiengrab in Spetzerfehn wird sie beerdigt.
Was bis heute geblieben ist, ist ihr Wort, das immer noch klingt und Menschen anspricht, wo es gelesen wird.
Und über alles hinaus, was wir Menschen tun und sagen können, ist der, der bleibt, Gott. Sein Wort bleibt. Es spricht uns zu: Wir sind mit den Fragen unseres Lebens nicht allein, sondern allezeit in Gottes Liebe und Barmherzigkeit geborgen.

Von Angelika Scheepker, Pastorin der Lamberti-Kirchengemeinde Aurich

9. Juli 2016: „Bei uns ist Gott zu Hause“

Holger Rieken, Pastor in Wiesmoor und Marcardsmoor

Holger Rieken, Pastor in Wiesmoor und Marcardsmoor

„Im eigenen Bett schläft es sich doch am besten!“ So sagen viele, wenn sie von einer Urlaubsreise zurückkommen. Zuhause sein, das bedeutet, man ist mit allem völlig vertraut. Auf Schritt und Tritt fühlt man sich sicher. Ganz anders ist das im Urlaub.
Da ist alles neu. Und das ist auch spannend. Wo gibt es den nächsten Supermarkt? Wo ist das Geschirr? Wie schlafe ich in dem Bett? Welche Düfte sind in der Luft? Im Urlaub in der Fremde zu sein, macht Freude.
„Fremd sein – zu Hause sein“ – das sind in der Bibel sowohl im Altem Testament wie im Neuen Testament geprägte Begriffe. Die Israeliten waren über Jahrhunderte „in der Fremde“. Als Fremdlinge lebten sie in Ägypten. Daran haben sie keine guten Erinnerungen.
„Bitter war die Zeit in Ägypten!“ Voller Tränen war der Weg ins gelobte Land, der Weg in die Heimat. Doch zu Jesu Zeiten lebte das Volk Israel seit Jahrhunderten im Land der Verheißung. Das gelobte Land war Heimat geworden. Sie hatten nicht nur Städte gebaut, sondern auch den Tempel in Jerusalem. Dort in den Vorhöfen Gottes wurden schöne Gottesdienste gefeiert. Alles hatte seinen Platz. Alles hatte seine Ordnung. So pflegten die Israeliten, das Haus Gottes.
Aber die Leute aus anderen Völkern hatten keinen freien Zugang im Tempel. Sie wurden „Gottesfürchtige“ genannt. Sie mussten auf dem Tempelgelände im äußeren Vorhof bleiben. Jesus predigte jedoch Neues: Er stellte die alten Regeln in Frage. Für Jesus galten nicht als erstes die äußeren Regeln im Tempel, sondern er sprach die Regungen des Herzens an. Daher wurden seine Jünger dann auch die „Anhänger des neuen Weges“ genannt. Darauf bezieht sich der Wochenspruch für die neue Woche aus dem Epheserbrief:
„So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen!“
Das war neu: Auch Angehörige anderer Völker sollten im geistlichen Tempel Gott anbeten dürfen. Dass die Gemeinschaft mit Jesus das entscheidende Merkmal des Gottesvolkes ist, musste gelernt werden.
„Mitbürger der Heiligen, Gottes Hausgenossen“ dürfen an Jesus Christus Glaubende sein. Die Verheißungen sind in Jesus erfüllt. Ganz vertraut, so direkt wie Hausgenossen, dürfen Christen mit dem Vater im Himmel reden. Durch Jesus sind wir Kinder Gottes. Wir gehören zu Gott, sind nicht Gäste und auch keine Fremdlinge. Wir Menschen sind Gott nicht fremd. Er betrachtet uns als seine Hausgenossen, als Menschen, die bei ihm, bei Gott, ein und aus gehen. Bei uns ist Gott zu Hause.
Hausgenosse sein heißt auch die schweren Zeiten gemeinsam zu tragen, wenn einer krank wird oder arbeitslos, wenn es in der Schule Probleme gibt. Gott ist da. Das gilt, wenn es schwerfällt, miteinander unter einem Dach zu leben, gemeinsam das Leben zu gestalten. Das gilt, wenn es Knatsch gibt und alles zu sehr nach Baustelle oder Bruchbude aussieht. Der Zweifel und die sorgenvollen Gedanken gehören dazu.
Und doch zu wissen, genau hier will ich Hausgenosse sein, bei allen Schwierigkeiten an dieser Gemeinschaft, an der Beziehung Gottes zu mir festhalten. Hausgenosse sein, seinen Platz haben, im Alltag wie an Feiertagen fest dazuzugehören. Drauf kommt es in der Kirche an.
Die anderen und ich, wir sind gemeinsam für Gott keine Fremden, er trägt, was uns zu schaffen macht. Wer immer möchte, gehört dazu, kann hier seine Sehnsucht nach Heimat stillen.
Ich hänge mir das Bild gerne auf: In der Gemeinde, in der Kirche leben, bauen wir als Gottes Hausgenossen – als die Menschen, die wir sind.

Von Holger Rieken, Pastor in Marcardsmoor

2. Juli 2016: Glänzend

Johannes Haushofer hat es gemacht. Im Internet veröffentlichte er seine Misserfolge. Jede abgelehnte Bewerbung, jede Stelle, die er nicht bekam, jeden Preis, um den er sich erfolglos bewarb. Dieser Lebenslauf des Scheiterns wurde tausendfach „geliked“ und geteilt, der deutsche Psychologe Haushofer wurde dadurch weltweit bekannt. (Geben Sie „CV of failures“ oder „Lebenslauf des Scheiterns“ in eine Suchmaschine ein…). Viele Menschen, deren Lebenslauf auch nicht immer glänzend ist, fühlten sich ermutigt. Schließlich fügte Haushofer, nicht nur scherzhaft, seiner Liste des Scheiterns als letzten Punkt hinzu: „Dieser verflixte Lebenslauf des Scheiterns hat mehr Aufmerksamkeit erfahren als meine gesamte akademische Forschung!“

Johannes Haushofer kann das tun. Denn er ist – mit 36 Jahren – Assistant Professor an einer der renommiertesten Universitäten der Welt, ein ziemlich erfolgreicher Mensch also. Wie aber ist das mit mir? Mit meinen Misserfolgen? Kann ich damit auch so locker umgehen? Auch wenn ich kein Professor bin? Meine kleinen und großen Fehler – kann ich die auch so selbstbewusst eingestehen?

Peter Schröder-Ellies, Pastor in Aurich-Lamberti

Peter Schröder-Ellies, Pastor in Aurich-Lamberti

Vor kurzem war ich auf der Abi-Entlassungsfeier meiner Tochter. Mehrfach wurde den jungen Menschen mit auf den Weg gegeben: „Alle Türen stehen dir offen! Du kannst alles schaffen!“ Ich verstehe ja, was damit gemeint ist. Den jungen Menschen Mut machen, ihr Selbstvertrauen stärken – das ist gut. Aber: „Du kannst alles schaffen!“ – das stimmt einfach nicht. Sie werden auch mit Misserfolgen leben müssen.

Mir geht ein Bild nicht aus dem Kopf: Meine Tochter in ihrem Abiballkleid. Roségoldglänzend, ein Traum aus glitzernden Pailletten. Von den Schultern bis zu den Füßen umhüllt dieser Glanz die junge Frau. Sie strahlt – auch innerlich. Wunderschön.

Dieses Bild ist für mich auch ein Symbol geworden – für Gottes Segen. Gottes Segen ist wie dieses Kleid: Gottes Segen hüllt dich ein, taucht dich in lichten Glanz, lässt dich erstrahlen. Beim Abi-Gottesdienst haben wir für die jungen Menschen gesungen: „Und bis wir uns wiedersehen möge Gott seine schützende Hand über dir halten!“ Das war für mich der anrührendste Moment. Ja, das tut gut, das glaube ich fest: Wohin du auch gehst – Gott geht mit dir. Gottes Segen hüllt dich ein. Du bist gesegnet, und du sollst ein Segen sein.

So sollen sie aufbrechen zu neuen Zielen, unsere Schulentlassenen. So können wir gehen, jede und jeder von uns auf seinem eigenen Weg: Selbstbewusst, voller Stolz und Freude über alles, was gelingt, umhüllt von Gottes Glanz, der uns liebenswert macht, auch wenn mal nicht alles so klappt.

Von Peter Schröder-Ellies, Pastor in Aurich-Lamberti

25. Juni 2016: Urlaubszeit

Der Sommer steht vor der Tür und die Sommerferien haben begonnen. Freuen Sie sich auch schon auf den Urlaub? Endlich hat man Zeit für die Dinge, die sonst oft zu kurz kommen: In der Sonne liegen und relaxen, Zeit für die Familie, sich von der Arbeit erholen, den Alltag hinter sich lassen, Ausflüge machen, verreisen oder so manches andere, zu dem man sonst nicht kommt.

Frank Karsten, Schulpastor BBS 1 Aurich & KGS Großefehn

Frank Karsten, Schulpastor BBS 1 Aurich & KGS Großefehn

Wenn ich dann aus meinem gewohnten Trott herauskomme, nehme ich plötzlich Dinge wahr, für die ich im Alltag keinen Blick frei hatte. Probleme des Berufsalltags treten in den Hintergrund und ich kann Abstand gewinnen. Und ich entdecke, dass diese Zeit mir neue Antworten auf alte Fragen gibt, die mir im Alltagstrott nie eingefallen wären.
So können der Urlaub und die freie Zeit mich und mein Leben verändern. Ich spüre, dass ich neue Kraft bekomme, die mich gestärkt in die Zukunft blicken lässt und ich kann voller Energie an die Dinge herangehen, die vor mir liegen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie in Ihrem Urlaub Zeit für das finden, was immer zu kurz kommt und dass Sie zur Ruhe kommen.
Vielleicht bleibt auch Zeit, ein wenig über Gott nachzudenken, in der Bibel zu lesen oder einen Gottesdienst zu besuchen. Ich habe neulich in einem Buch eine Karikatur gefunden unter der stand. „Egal, wo Sie hinkommen, Kirche ist schon da.“ Auf dem dazugehörigen Bild war ein Taucher abgebildet, der unter Wasser eine Kirche gefunden hatte, in der gerade Gottesdienst gefeiert wurde. Egal, wo wir hingehen, hinfahren oder hinfliegen, oder auch wenn wir zu Hause bleiben, Gott ist auch da und begleitet uns.
Ich möchte Ihnen für Ihren Urlaub – egal wo Sie ihn verbringen – einen altirischen Reisesegen zusprechen: Das Licht helfe Dir, Kurs zu halten auf Deiner Reise. Der Sonnenschein wärme Dein Gesicht, und der Regen falle sanft auf Deine Haare. Bis wir uns wiedersehen, halte Gott Dich geborgen in seiner schützenden Hand.

Von Frank Karsten, Schulpastor der BBS 1 Aurich und der KGS Großefehn

18. Juni 2016: Wir-Gefühl

Zurzeit hat König Fußball das Sagen. Von Nachmittag an bis zum späten Abend kann man im Fernsehen ein Spiel nach dem anderen sehen. Autos fahren mit kleinen Fahnen oder Spiegelverkleidung in Deutschland-Farben, und in Geschäften sind die Schwarz-Rot-Gold- Aufsteller nicht zu übersehen. Unser Land ist im Fußballfieber. Hoffentlich bis zum Endspiel, denn dann ist unsere Mannschaft noch im Turnier. Nur, was ist, wenn Jogis Jungs schon vorher ausscheiden? Dann hat die Mannschaft versagt, der Trainer seinen Job schlecht gemacht. Ob dann frühzeitig der Vertrag verlängert wird mit dem Bundestrainer, wie es zu lesen war? Ich denke nicht! Wenn es gut läuft, jubeln alle mit, aber wenn es nicht klappt, dann steht man schnell allein da. Und von allen Seiten hagelt es Kritik.

Lars Kotterba, Pastor in Wiesens und Brockzetel

Lars Kotterba, Pastor in Wiesens und Brockzetel

Das gilt besonders für den Fußball und auch für unser Leben im Allgemeinen. So jedenfalls erlebt es so mancher, dass er, wenn er einen Tiefpunkt im Leben erreicht hat, dort allein gelassen wird. Freude wird geteilt, aber Fehler nicht verziehen. Wer am Boden liegt kann nicht damit rechnen, dass jemand kommt und aufhilft.
Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. So heißt es im Wochenspruch für die kommende Woche aus dem Galaterbrief des Apostel Paulus. Einer trage des anderen Last: Das ist eine Aufforderung für uns alle. Sicher dürfen wir uns auch mit dem anderen mitfreuen, wenn es ihm oder ihr gut geht, aber wir sollten ihn oder sie nicht allein lassen, wenn es mal nicht gut ist. Geteilte Last ist halbe Last, sagt ein Sprichwort in fast biblischer Aufnahme des Wochenspruchs.
Das, was die Bibel hier fordert, und was das bedeutet, lässt sich auch im Fußball finden. Sicher hinken solche Vergleiche auch immer ein wenig. Aber eine Mannschaft, die zusammenhält, wo der Teamgeist wirkt, wo keiner eine Sonderrolle beansprucht, kann weit kommen. Der „Underdog“ Island hat in dieser Woche den favorisierten Portugiesen ein Unentschieden abgerungen. Die Mannschaft hat zusammengehalten und nicht aufgesteckt, auch nachdem sie selbst ein Tor kassiert hatten. Der Ausgleich war eine verdiente Mannschaftsleistung.
Der Sport macht es uns vor, wie es gelingen kann. Da spielt es auch keine Rolle, wo jemand her kommt – Podolski, Boateng, Müller, alle bilden eine Mannschaft. Wichtig ist, dass das Miteinander zum Ziel führt. Vielleicht sollten wir uns nicht nur auf spannende Spiele freuen, sondern uns auch von dem Wir-Gefühl anstecken lassen. So leicht kann es sein, Christi Gesetz zu erfüllen.

Von Lars Kotterba, Pastor in Wiesens

11. Juni 2016: Hoffnung

„Hoffnung haben wir“ – unter diesem Motto steht der 7. Ostfriesische Kirchentag, der seit gestern in meiner Heimatgemeinde Westrhauderfehn gefeiert wird. Rund um das Zentrum der größten ostfriesischen Fehnkolonie wird den hoffentlich zahlreichen Besucherinnen und Besuchern ein bunt gemischtes Programm geboten. Da dürfte für jede und jeden etwas Passendes dabei sein.

Andrea Düring-Hoogstraat, Pastorin in Victorbur

Andrea Düring-Hoogstraat, Pastorin in Victorbur

Westrhauderfehn hat eine besondere Geschichte. 1769 gegründet, entwickelte es sich schnell zu einer aufstrebenden wohlhabenden Gemeinde. Die Hochseeschifffahrt lieferte Kapitänen und Mannschaften ein sicheres gutes Einkommen. Und so erbauten sich die Fehntjer 1848 eine geräumige klassizistische Kirche, an die 1885/86 ein Turm angebaut wurde, der mit 53,5 Metern der höchste in Ostfriesland ist. Die Fahrensleute wussten in jener Zeit ohne Funksysteme, Radar und GPS, wie wichtig Orientierungspunkte sind. Ohne Seezeichen, Feuertonnen und Leuchttürme wären sie schon in der Deutschen Bucht vom Kurs abgekommen, mit ihren Schiffen auf Grund gefahren und hätten Schiffbruch erlitten.
Dabei ging die Reise dort ja erst los, die sie über die Weltmeere erst Monate später hoffentlich in den sicheren Heimathafen und nach Hause zu ihren Lieben zurückbringen würde. Die Seeleute und ihre Familien kannten die Gefahr. Noch in den 60er und 70er Jahren wurden zu Silvester in der Fehntjer Kirche die Namen der Seeleute verlesen, die im zu Ende gehenden Jahr auf See geblieben waren. Und immer wieder erzählte man uns Kindern Geschichten wie die vom Schicksal der „Melanie Schulte“, die Weihnachten 1952 im Nordatlantik versunken ist und 35 Menschen mit in die Tiefe riss. Auch Männer aus Westrhauderfehn waren darunter.
Wie gingen nun die Seeleute, wie ihre Frauen und Kinder mit der Gefahr um? Sie orientierten sich an ihrem geistlichen Seezeichen. Sie hatten ihren hohen Kirchturm, der zeigt, wo die Kirche steht, wo Trost und Kraft und Hoffnung zu finden sind. Sie machten ihr Lebensschiff an einem unverrückbaren Punkt, am Kreuz auf Golgatha fest. Sie vertrauten auf Jesus, der seine Leute im Unwetter nicht allein lässt, sondern den Sturm stillt und mit ihnen den sicheren Hafen ansteuert.
„Hoffnung haben wir“ im Blick auf Jesus – wie die alten Fahrensleute. Hoffnung ist eine starke Kraft, die uns Sorgen überwinden und neuen Ufern zustreben lässt. Zur Hoffnung sind wir berufen, und der Kirchentag in Westrhauderfehn lädt uns dazu ein. Wenn Sie heute und morgen Zeit haben: Leinen los und hin! Es lohnt sich!

Von Andrea Düring-Hoogstraat, Pastorin in Victorbur

4. Juni 2016: Ein kleines Pfingstwunder im Internet

Gestern bin ich im Netz unterwegs und sehe Videos von jeweils zwei Menschen, die sich fremd sind und einander vier Minuten gegenübersitzen – der eine ein Flüchtling, der andere ein Europäer, jung, alt, Frauen, Männer, in ganz unterschiedlicher Kleidung. Manche schauen sich nur scheu an oder halten den Blick nicht aus. Viele versuchen irgendwann, sich zu verständigen. Aber das ist schwer mit unterschiedlichen Sprachen.

Wolfgang Beier, Pastor in Münkeboe und Moorhusen

Wolfgang Beier, Pastor in Münkeboe und Moorhusen

Wie wäre das, wenn wir alle dieselbe Sprache sprechen würden? Was würde es für unsere Gemeinschaften, unsere Beziehungen bedeuten? Was war das eine Überraschung auf dem Grönemeyer-Konzert in Tannenhausen, als der Rapper Knackeboul die Aufgabe hatte, das Publikum einzustimmen, und es regnete – „Regen, Regen, du musst gehen“ 12 000 stimmten darin ein, zehn Minuten lang, und dann hörte der Regen auf, für ein wunderbares Konzert. Wow!
Eine Antwort auf diese Frage erzählt diese Geschichte: Alle Bewohner der Erde aber hatten eine Sprache und ein und dieselben Worte. Als sie nun aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Land Schinar und ließen sich dort nieder. Und sie sagten: Auf, wir wollen Ziegel formen und sie hart brennen. So diente ihnen der Ziegel als Baustein, und der Asphalt diente ihnen als Mörtel. Und sie sagten: Auf, wir wollen eine Stadt bauen und einen Turm, dessen Spitze bis an den Himmel reicht, und uns so einen Namen machen, damit wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen.
Nicht nur eine Sprache, sogar ein und dieselben Worte hatten die Menschen damals. So konnten sie sich schnell einig werden und miteinander verabreden, etwas zu schaffen, was nie zuvor Menschen zustande gebracht haben: einen Turm, der bis in den Himmel reicht. Wozu? Damit sie sich einen Namen machen als die Größten, als die Höchsten, als Himmelsstürmer. Dahinter steckt die Angst, zerstreut zu werden, die Angst, die Gemeinschaft zu verlieren, das Eigene und Einende.
Da stieg der Herr herab, um die Stadt zu besehen und den Turm, die die Menschen bauten. Und der Herr sprach: Sieh, alle sind ein Volk und haben eine Sprache. Und dies ist erst der Anfang ihres Tuns. Nun wird ihnen nichts mehr unmöglich sein, was immer sie sich zu tun vornehmen.
Auf, lasst uns hinabsteigen und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner mehr die Sprache des andern versteht. Und der Herr zerstreute sie von dort über die ganze Erde, und sie ließen davon ab, die Stadt zu bauen.
Das ist nicht ohne Ironie: Während die Menschen ganz nach oben wollen, begibt sich der Allerhöchste hinab zu ihnen und schaut sich an, was die Menschen da so treiben. Er denkt nach und kommt zu dem Ergebnis, dass die Menschen zu mächtig werden, wenn sie ein einziges Volk mit einer einzigen Sprache sind. Wenn alle dasselbe sagen und denken. Wenn es keine abweichende Meinungen geben darf. Wenn alle dasselbe wollen müssen.
Also verwirrt er die Sprache, so dass ihre Pläne nicht mehr zum Himmel wachsen – und zerstreut sie über die ganze Erde.
Und so leben wir nun: mit vielen Sprachen, mit vielen Kulturen, mit dem Versuch einander zu verstehen und all den Missverständnissen.
Schwieriger ist das Leben seitdem, und ich kann jeden verstehen, der sagt, manchmal ist es mir zu schwierig, im Beruf, in der Partnerschaft, in der Familie.
Und gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass wir das brauchen, dieses Nicht-einer-Meinung-Sein, die Gegenprobe zu dem, was ich denke, die Korrektur durch den anderen. Würden wir ohne all das wirklich wachsen? Und zum Glück lernen wir dazu. So haben die Menschen nach dem Turmbau offenbar gelernt, sich besser zu verständigen. Denn irgendwann haben sie ja Städte gebaut, sogar so schöne wie Leer und Aurich.
Die Menschen in den Videos haben oft mit Händen kommuniziert – oder einfach mit den Augen. Als würden die Augen und Gesichter erzählen, wie unterschiedlich die Lebensgeschichten sind und wie nahe sich beide doch darin sind, dass sie Hoffnungen und Sehnsüchte haben. Ein kleines Pfingstwunder.

Von Wolfgang Beier, Pastor in Münkeboe und Moorhusen

28. Mai 2016: Einfach mal den Mund halten

Es war am Eingang zu einer Motorradmesse. Da stand er, groß, um die 40, sympathisch, mit einer Bibel in der Hand und einer Lederweste, deren Aufnäher ihn als einen „christlichen Biker“ auswies. Wir kamen ins Gespräch, in dessen Verlauf wir diverse „theologische Erkenntnisse“ austauschten.

Torsten Hoffmann, Diakon in Aurich-Sandhorst

Torsten Hoffmann, Diakon in Aurich-Sandhorst

Es wurde fast ein Wettbewerb. Wer hatte die schlaueren und tieferen Erkenntnisse über Gottes Wesen und Wirken zu bieten? Er war überzeugt von der Kraft Gottes. So überzeugt, dass Zweifel an Gott für ihn völlig undenkbar waren. Und ich? Ich pries gerade meine Zweifel als die Lebendigkeit des Glaubens. Eines Glaubens, der darum wisse, dass Gott am Ende immer noch viel mehr ist als alle meine Erkenntnis. In Gottes Liebe wären alle meine Zweifel aufgehoben. Ich fand, das klang schlau. Er schaute mich verständnislos an. Eines fehlte uns an diesem Morgen wohl beiden: das Staunen eines Paulus, der schreibt: „O, welch eine Tiefe des Reichtums der Weisheit und der Erkenntnis Gottes. Wie unbegreiflich ist sein Handeln, wie unerforschlich sind seine Wege! Von Gott kommt alles, durch Gott lebt alles, zu Gott geht alles. Ihm sei Ehre in Ewigkeit!“
Die Moral von der Geschicht‘? Einfach mal den Mund halten und staunen! Aufhören, die Rätsel göttlichen Handelns lösen zu wollen. Es ist gut und richtig, es macht Spaß und bringt voran, sich mit biblischen Texten intensiv auseinanderzusetzen, im persönlichen und gemeinsamen Gebet geistliche Impulse zu empfangen, nach einem Sinn zu suchen, aber wir sollten darüber die Fähigkeit des Staunens nicht verlieren. Mir fehlt etwas, wenn ich nicht mehr staune über einen Gott, der den Menschen so grenzen- und bedingungslos liebt, dass er alles tut, damit keiner verloren geht.
In diesem Sinne: einen Sonntag voller Staunen.

Von Torsten Hoffmann, Diakon in Sandhorst

21. Mai 2016: nn

14. Mai 2016: An Pfingsten geht es um Begeisterung

An Pfingsten blühen meist die Pfingstrosen. Deshalb heißen sie so. Ihre Blüte ist traumhaft schön: rot, rosa, weiß. Wenn die erste Knospe sich öffnet und die Farbenpracht sich zeigt, ist jeder entzückt: Wie kann es eine solche Intensität, eine solche Farbenpracht nur geben? Darüber ist jede Tulpe, so schön sie auch sein mag, eben nur eine Tulpe. Die Tulpe erfreut. Doch die Pfingstrose begeistert.

Jörg Schmid, Pastor der refomierten Kirche in Aurich

Jörg Schmid, Pastor der refomierten Kirche in Aurich

Genau darum geht es an Pfingsten: um die Begeisterung. Wie Feuer kam es damals über die Menschen in Jerusalem. Sie waren zusammen und wurden plötzlich erfasst. Ein Brausen. Ein Feuer. Verständigung, obwohl sie unterschiedliche Sprachen verwendeten. Der Heilige Geist kommt auf die Erde. Und dann eine gewaltige Predigt von Petrus, an deren Ende sich sage und schreibe 3000 Menschen taufen ließen. Begeisternd!
Machbar ist solch ein Fest nicht. Man kann zwar den Rahmen dafür schaffen, doch ob der Funke überspringt, ist offen. Dafür steht Pfingsten: für die nicht machbare, wohl aber dann, wenn sie da ist, spürbare Begeisterung. Der Geist weht, wo er will. Schön, dass dies damals geschah.
Lassen wir uns heute begeistern? Und wenn ja, von was? An Pfingsten – von den Pfingstrosen? Schön wäre es! Denn die haben keine Risiken und Nebenwirkungen. Die Pfingstrose führt Menschen zusammen in ihrer Begeisterung über ihre Schönheit. Und sie danken dem Schöpfer, dass er so etwas wachsen lässt. Die Pfingstrose führt übrigens auch die Ameisen zusammen, die auf den groß gewordenen Knospen so gerne herumspazieren.
Das ist noch immer eines der besten Kennzeichen von Kirche gewesen: Menschen (und Lebewesen) zusammenzuführen. In Gemeinschaft und dann das miteinander teilen, was einen bewegt. Übrigens: wenn die Pfingstrosen noch nicht blühen, weil Pfingsten wie dieses Jahr früh liegt oder der Frühling trotz der letzten warmen Tage kühl war: pflanzen sie, wenn sie können und wollen, eine japanische Pfingstrose. Sie blüht als sogenannte verholzende Pfingstrose schon sehr früh. Und dann sogar auch in Gelb. Echt begeisternd!

Von Jörg Schmid, Pastor der reformierten Kirche Aurich und Seelsorger an der UEK in Aurich

7. Mai 2016: Einmal sehen wir uns wieder

„Ja, wer kommt denn da?“ Eine unbändige Freude spiegelt sich auf dem kleinen runden Gesicht unserer Tochter wider, während sie ihre Mama entdeckt, die noch nichts (Gutes) ahnend mit ihrem Rad in unsere Einfahrt biegt. Mama ist wieder da! Was für eine unglaubliche Wiedersehensfreude!
Endlich ist er wieder da: Ihr Held und Retter, der ihnen neue Hoffnung gegeben hatte. Wie aus dem Nichts war er wieder aufgetaucht. Nein: Sogar vom Tod auferstanden. Was für eine Wiedersehensfreude!
Doch wenig später müssen sie begreifen, dass auch diese Freude endlich ist. Dabei erinnern sie sich an das, was er ihnen kurz zuvor noch gesagt hatte „Es dauert noch eine kurze Zeit, und ihr werdet mich nicht mehr sehen. Dann wird wieder eine kurze Zeit vergehen, und ihr werdet mich wiedersehen.“ (Johs. 16,16) Was, bitteschön, soll das jetzt wieder? Da stehen sie – nach einer quälend langen Zeit des Wartens – ihrem persönlichen Herrn gegenüber, und dann zieht es ihn – in einer Art persönlicher Himmelfahrt – einfach wieder nach oben?

Karsten Beekmann, Pastor in Walle

Karsten Beekmann, Pastor in Walle

Mit offenem Mund stehen sie da, seine engsten Begleiter und starren so lange in den Himmel, bis sich – wie in einer Art Traum – zwei Männer in weißen Gewändern zu Ihnen gesellen: „Was steht ihr hier und seht zum Himmel? Gott hat Jesus aus eurer Mitte zu sich in den Himmel genommen; aber eines Tages wird er genauso zurückkehren.“ (Apg. 1,11)
Wird es tatsächlich solch ein Wiedersehen geben, so wie es auf so mancher Trauerfeier ein Liedtext von Andreas Gabalier zum Ausdruck bringt? „Irgendwann sehen wir uns wieder. Irgendwann schaue ich auch von oben zu. Und mach für alle Zeiten meine Augen zu, dann soll ein Licht dir leuchten bis in die Ewigkeit.“
Ich bin überzeugt: Genau das ist die Sehnsucht nicht nur in unserem Abschied von einem geliebten Menschen, sondern auch in unserer Erwartung auf das, was nach Christi Himmelfahrt nun auf uns wartet: Ein Wiedersehen! Später einmal, wenn wir für immer bei ihm sein werden, der sich schon seit je her aus lauter Liebe nach uns verzehrt.
Aber auch schon jetzt, indem wir darauf vertrauen, dass er tatsächlich kommt: Der Tröster, Gottes guter Geist, der uns daran erinnert, was heute schon zählt. Jesus Christus ist und bleibt an unserer Seite – unsichtbar und doch ganz nah!
Und das weckt uns eine bleibende Vorfreude auf das, was uns von Gott bei unser persönlichen Himmel- (oder Höllen-)fahrt für alle Zeiten versprochen ist: „Einmal sehen wir uns wieder.“
Aus dieser Erwartung dürfen wir miteinander leben, lachen und weinen – nicht nur, aber ganz besonders in diesen Tagen zwischen Himmelfahrt und Pfingsten!

Von Karsten Beekmann, Pastor in Walle

30. April 2016: Kleider machen Leute

Erstaunlich, wie junge Leute sich am Konfirmationstag verändern können. Dass ein so wichtiger Anlass wie eine Konfirmation besondere Kleidung verlangt, weiß ich. Dass Kleidung einen Menschen, mindestens äußerlich, verändern kann, weiß ich auch. Trotzdem staune ich. Vieles haben sie wahrscheinlich anprobiert, bis sie das Richtige gefunden haben.

Christiane Schuster-Scholz,Pastorin in Holtrop, Akelsbarg, Felde, Wrisse, Bietzefeld

Christiane Schuster-Scholz,Pastorin in Holtrop, Akelsbarg, Felde, Wrisse, Bietzefeld

Oft wird gesagt: Wenn jemand etwas anderes anhat, ist er ein ganz anderer Mensch. Vielleicht gilt dies nicht nur äußerlich. In einer anderen Kleidung benehmen wir uns auch anders. Es ist fast so, als hätten wir innerlich etwas anderes angezogen. Paulus schreibt (Kolosser 3,12-15): „So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar.“
Wenn wir uns innerlich auch einfach so umziehen könnten, wie wir Kleidungsstücke wechseln, das wäre gut. Wenn wir Verhaltensweisen, die menschliches Zusammenleben schwermachen, einfach ablegen könnten. Nein, einfach ist das bestimmt nicht. Um sich diese Eigenschaften anzuziehen, muss man ganz schön viel anprobieren und üben. Nicht nur Jugendliche, sondern die Erwachsenen ganz genauso. Gott lädt dazu ein.
Gut, dass es andere Menschen gibt, mit denen man das zusammen probieren kann, Gottes verwandelnde Liebe an sich zu spüren. Menschen, die einem helfen und denen man helfen kann. Unsere Gemeinden sind so ein Ort – ganz praktisch kann Groß und Klein da mitmachen, suchen und ausprobieren im Krabbelkreis, im Jugendtreff, in den Gottesdiensten, in den Chören, in den Gruppen und Kreisen. Jeder ist willkommen.

Von Pastorin Christiane Schuster-Scholz, Holtrop, Akelsbarg, Felde, Wrisse, Bietzefeld

23. April 2016: Ausgerechnet

Diakonin Elke Bentlage-Heeren

Schul-Diakonin Elke Bentlage-Heeren

„Einmal wird uns gewiss die Rechnung präsentiert für den Sonnenschein und das Rauschen der Blätter, die sanften Maiglöckchen und die dunklen Tannen, für den Schnee und den Wind, den Vogelflug und das Gras und die Schmetterlinge, für die Luft, die wir geatmet haben, und den Blick auf die Sterne und für alle die Tage, die Abende und die Nächte.“ – So schreibt der katholische Priester und Schriftsteller Lothar Zenetti und es wird mir ganz mulmig.
Wenn ich das ausrechnen sollte, was das alles kostet, dann hätte ich ein Problem und zwar nicht nur, weil mir Mathe wirklich nicht liegt! Was bekommt der denn dafür, der das abrechnet, was selbstverständlich einfach da ist und mich glücklich macht?
Die Buschwindröschen im Garten, das Meer vor meiner Haustür, das Lachen, die Gesundheit, das Glas Wein? Klingt da nicht Häme mit, dass ich zur Rechenschaft gezogen werde, wo ich das Leben genossen habe, einfach so, ohne nach dem Preis zu fragen?
Diese Worte treffen mein schlechtes Gewissen. Mangelndes Umweltbewusstsein, denn ich weiß ja längst, dass alles seinen Preis hat. Ich nehme gerne und nehme viel, andere haben nichts. Teilen fällt schwer, es wird einem ja nichts geschenkt im Leben. So fühle ich mich ertappt. Ich fürchte, wir kennen sie längst, die Rechnung, und wissen: Unser Lebensstil ist unbezahlbar.
Ausgerechnet jetzt lese ich weiter: Abgerechnet wird nicht!
„Bitte die Rechnung. Doch wir haben sie ohne den Wirt gemacht: Ich habe euch eingeladen, sagt der und lacht, soweit die Erde reicht: Es war mir ein Vergnügen.“
Kann Gott sich das leisten, mich einzuladen? Die Zeche zu zahlen und die Suppe auszulöffeln, die wir uns eingebrockt haben? Mit einem Lachen und mit Vergnügen?
Führt solche Großzügigkeit und solche Leichtigkeit nicht dazu, Gottes Einladung auszunutzen und sich an den Tisch zu setzen, um sich selber zu bedienen?
Lothar Zenetti stellt meine Vorstellung von Gott auf den Kopf: Gott war und ist der einladende Gott, der seine Sonne scheinen lässt über Gute und Böse. Gott ist ein fröhlicher Geber und hat mich lieb! Er hält einen unerschöpflichen Reichtum an Sonnenschein und Blätterrauschen, an Geborgenheit und Vergebung umsonst für mich bereit und auch einen Reichtum an Frieden und Gerechtigkeit, so weit, wie Himmel und Erde reichen. Abgerechnet wird nicht! Gott hat schon bezahlt. Dafür können wir danken. Deshalb können wir teilen, ohne Angst.
Mit Vergnügen!

Von Elke Bentlage-Heeren, Schuldiakonin an den Berufsbildenden Schulen 2 Aurich

16. April 2016: Ostern hört niemals auf

Wie reagieren Sie, wenn Ihnen ein alter Bekannter, der Sie lange nicht gesehen hat, sagt: „Du hast dich überhaupt nicht verändert!“ Schmeichelt es mir zu hören, dass die Zeichen der Zeit anscheinend keine Falten in mein Gesicht gemalt haben? Dass mir das Älterwerden scheinbar nicht anzumerken ist? So wie es uns in der Gesellschaft so gern als erstrebenswertes Ziel des Ewig-jung-bleiben-Müssens eingeredet wird? Freut uns dieser Satz als positive Bestätigung unseres unveränderlichen Charakters, unseres Selbstbildes? Ist es tatsächlich erstrebenswert, sich nicht zu verändern?

John Förster, Pastor in Riepe und Ochtelbur

John Förster, Pastor in Riepe und Ochtelbur

In der Natur gibt es keinen Stillstand. Sie ist der Veränderung bis hin zur Vergänglichkeit ausgesetzt. Alles, was sichtbar ist, bleibt nicht, sondern wandelt sich und vergeht. Auch unser Wesen verändert sich in unserem Alter durch die gesammelten Lebenserfahrungen. Auch unsere Gefühle ändern sich.
Veränderung ist gut und notwendig. Das hat Paulus in seinem eigenen Leben erfahren. Dank seines ihm geschenkten Glaubens veränderte sich sein zerstörerischer Hass gegen alle Andersgläubigen in segensreiche Liebe und in den Wunsch, anderen Mitmenschen Gutes zu tun und auch sie zum Glauben bewegen zu wollen. Vom einst verhassten Jesus in Liebe berührt zu werden, wandelte sein Leben zum Besseren. Das ist Ostern für ihn.

Vertrauensvolles Wagen
Hat das unglaubliche Wunder der Auferstehung Jesu von den Toten auch MICH erreicht, sodass es mein Leben grundlegend verändert hat? Will ich diese Verwandlung überhaupt, oder fürchte ich, dass ich dann die Kontrolle über mich selbst verlieren und an Christus abgeben müsste? Glauben ist ein vertrauensvolles Wagen, dass Er es gut mit mir meint. Christus will uns von lebensfeindlichen und zerstörerischen Kräften befreien, hin zu einem neuen Leben mit und in Ihm. So wie es Martin Luther für sich erkannte. Durch die Taufe sind wir als selbstentfremdete und fremdbestimmte Menschen mit hineingenommen in den Tod Jesu, der uns an seiner Hand hält und mit sich wieder auferstehen lässt, hin zu einem befreiten, sinnvollen Leben. Dies ist kein Vertrösten auf ein besseres Jenseits. Es ist vielmehr die Zusage an unser mögliches, gottgewolltes Leben in Fülle. Hier und heute.

Kreative, Leben schaffende Energie
Ob Mann oder Frau, jung oder alt, farbig oder weiß, gebildet oder ungebildet, arm oder reich: Der Glaube an den auferstandenen Christus erneuert jeden von uns durch die kreative, Leben schaffende Energie, die in Ihm steckt. Wo ich von Angst beherrscht war, erfahre ich neuen Lebensmut. Wo mich hoffnungslose Sinnlosigkeit quälte, erkenne ich einen erfüllenden, guten Sinn für mein Leben. Wo Trauer mein Leben verdunkelte, erhellt Lebensfreude meinen Blick und mein Herz. Wo ich mir selbst und anderen misstraute, füllt zuversichtliches Vertrauen an das Gute in jedem Menschenherz mein eigenes. Wo es mir nicht möglich war, mich selbst zu lieben wie ich bin, sehe ich mich nun selbst mit Jesu liebevollen Augen an und bin befreit zur bedingungslosen Annahme meiner Mitmenschen, so fremd sie mir auch erscheinen mögen.
Glaube an den Auferstandenen ist ein ständiges Wachsen in Liebe, die mich täglich staunen lässt wie ein Kind, das vieles zum ersten Mal als kostbar erkennt und sich am neu Erlebten freut. Ostern hört niemals auf in unserem Leben, weil es das Leben über den Tod hinaus feiert. Jeden Tag neu.

Von John Förster, Pastor in Riepe und Ochtelbur

9. April 2016: Gott bewahrt Lebensmomente

Ich stehe in der Fußgängerzone. Es ist Wochenende. Endlich ein schöner warmer Frühlingstag. In der Hand halte ich ein leckeres Eis: Kirsche und Schoko-Minze. „Huhu, guck mal!“, höre ich es von der Seite. Klick! – ein Foto. Nun ist dieser Moment von mir, dem schönen Wochenende und dem Eis festgehalten. Festgehalten in einem Bild.
Und ich bin bei Weitem nicht die Einzige, die an diesem Tag fotografiert wird. Überall um mich herum zücken die Menschen ihre Fotoapparate oder Smartphones und machen Bilder.
Auch ich halte gerne schöne Momente fest, denn ich weiß, diese Momente kommen nicht wieder.
Wenn ich ein Foto betrachte, habe ich das Gefühl, ich bekomme noch mal ein Stück Anteil an diesem einen Moment. Ich erlebe noch einmal den Spaziergang an einem warmen Frühlingstag. Ich spüre ein Stück der Freude, die ich bei einer tollen Feier erlebt habe. Ich kann mich daran erinnern, wie es war, als ein geliebter Mensch noch gelebt hat.
Bilder erleichtern das Erinnern. Das Durchleben der schönen Momente.
„Ich aber, Herr, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott! Meine Zeit steht in deinen Händen.“, so steht es in Psalm 31. Gott bewahrt unsere wichtigen und schönen Lebensmomente. Sie liegen fest in seiner Hand. Bei ihm sind auch die Momente gut aufgehoben, an die ich mich nicht gerne erinnere und er bewahrt die Momente, die mir viel bedeuten. Nichts geht verloren.
Für mich bekommt meine Lebenszeit dadurch eine große Wertschätzung. Sogar die Momente, die ich selbst für unbedeutend halte.
Bei Gott hat alles eine Bedeutung. Wie in einem großen Fotoalbum bekommt jede Sequenz meines Lebens bei ihm seinen Platz.
Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende mit vielen besonderen Momenten.

Von Imke Scheibling, Pastorin in Ostgroßefehn

2. April 2016: Eine Hoffnung, die Mut zum Leben macht

Ein Trauergespräch im Wohnzimmer. Der Witwer auf dem Sofa, um ihn versammelt die erwachsenen Kinder und Schwiegerkinder. Alle sind erschöpft.
Das Auf und Ab in den letzten Wochen und das Angehen gegen die Krankheit hat gedauert und Kraft gekostet. Die Familie erzählt mir liebevoll von der Verstorbenen. Wie sie für die Familie da war, gerne alle zum Essen einlud, die Tür für alle offen stand. Der Abschied schmerzt. Es muss nun anders weitergehen. Woher soll Trost kommen?
Da beginnt der Sohn der Verstorbenen zu erzählen. Er wohnt mit seiner Familie zusammen bei seinen Eltern im Haus. Sein Sohn Luca, knapp fünf Jahre alt, hatte in den letzten Monaten mitbekommen, wie krank Oma geworden war. Immer ging er zu ihr, erzählte ihr, was es so alles Wichtiges gegeben hatte – und dass er ein Tor beim Fußball geschossen hatte. Luca besuchte sie auch noch, als sie schon auf das Bett angewiesen war und die Kräfte weniger wurden. Jeden Tag ein „Tschüss Oma“ , wenn er zum Kindergarten ging. Und ein „Hallo Oma“, wenn er wieder heimkam.
So auch an dem Tag, an dem Oma starb. Und bevor Luca in den Kindergarten geht – möchte er noch einmal zu seiner verstorbenen Oma hinein. Ein letztes Mal „Tschüss Oma“. Im Laufe des Tages holt der Bestatter die Verstorbene ab.
Als Luca wieder heimkommt, schaut er wie gewohnt bei Oma ins Zimmer.

Anne Ulferts-Tatjes, Pastorin in Wiesmoor und Ostgroßefehn

Anne Ulferts-Tatjes, Pastorin in Wiesmoor und Ostgroßefehn

Und als er sieht, dass das Bett leer ist, fängt er nicht an zu weinen, wie es die Eltern eigentlich erwartet hatten. Er sagt: Oma kann ja gar nicht da sein. Sie ist ja tot. Sie ist doch jetzt im Himmel.
Zum Trauergespräch war der Kleine schon längst im Bett. Und trotzdem spüre ich, wie sein kindliches Vertrauen die Familie durch diesen Abend trägt, wo sie liebevoll von ihrer Oma erzählen.
Bei der Trauerfeier in der Friedhofskapelle habe ich die Geschichte vom Ostermorgen gelesen. Wie die Frauen sich auf den Weg machen, um den Leichnam Jesu zu salben. Wie enttäuscht sie sind, dass jetzt alles so anders gekommen ist. Und wie sie erschrecken, als sie das Grab leer vorfinden – stattdessen ist da ein Engel, der auf sie wartet.
Und er sagt ihnen, was für uns moderne Menschen die Naturgesetze außer Kraft setzt: Fürchtet euch nicht, der, den ihr sucht, der ist nicht hier. Er ist auferstanden. Der Bote Gottes ist der erste, der von der frohen Botschaft erzählt. „Er ist nicht hier. Er ist auferstanden.“
Und als der Vater erzählt, denke ich, der kleine Luca hat viel verstanden. Denn er kann loslassen – natürlich in ganz kindlichem Verständnis – und doch hat er schon viel verstanden von der Botschaft, die wir in diesen Tagen wieder gehört haben.
Nämlich, dass wir österliche Menschen sind – und wir von einer Hoffnung leben dürfen, die uns Mut zum Leben macht. Eine Hoffnung, die über den Gräbern unserer Lieben noch mal eine tiefe Bedeutung gewinnt.
„Over uns Lebend steiht de Dod“ so habe ich mal auf einem Grabstein gelesen – ja, das ist unsere menschliche Erfahrung. Und darunter stand geschrieben: „Aber over de Dod steiht dat Leben.“
Österliche Menschen sind wir – gewiss. Gott sei Dank.

Von Anne Ulferts, Pastorin in Wiesmoor und Ostgroßefehn

Ostern 26. März 2016: Fröhliche Ostern!

Heute werden wieder an vielen Orten bei uns in Ostfriesland die Osterfeuer lodern. Diese Feuer leuchten in die dunkle Nacht weithin sichtbar und sind damit Vorboten auf den Ostermorgen. Zu derselben Tradition gehören auch die Osterfrühgottesdienste. Christen feiern dem Licht der aufgehenden Sonne entgegen.
In diesem Jahr muss man dafür besonders früh aufstehen, da ja in der Nacht auf Ostern die Uhren um eine Stunde vorgestellt werden.

Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent für den Sprengel Ostfriesland-Ems

Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent für den Sprengel Ostfriesland-Ems

Diese Frühgottesdienste gehören für mich zu den schönsten Gottesdiensten im ganzen Kirchenjahr.
Wenn in die noch ganz dunkle Kirche das Osterlicht getragen wird und die Kerzen der Besucher entzündet werden, dann erstrahlt die ganze Kirche in einem schönen österlichen Glanz.
„Christus ist auferstanden!“ So lautet die Botschaft am Ostermorgen. Nicht anders haben es die Frauen erlebt, von denen die Bibel berichtet. Sie kamen traurig und verzweifelt in der Frühe des Tages zum Grab und haben es dort als Erste gehört: „Der Herr ist auferstanden!“
Diese Botschaft von der Auferstehung haben sie weitergesagt und in die Welt getragen. Seit Ostern glauben Menschen, dass der Tod nicht das letzte Wort über unser Leben behalten wird, weil Jesus den Tod besiegt hat. Für uns Christen ist das die zentrale Aussage unseres Glaubens!
Die Botschaft von der Auferstehung verändert immer wieder grundlegend die Perspektiven unseres Lebens. Schuld, Resignation, Trauer und Tod versuchen zwar immer wieder ihre Macht zu beweisen, aber Christus, der Auferstandene behält das letzte Wort über uns und unser Leben. Genau das ist der Grund, Ostern fröhlich zu feiern!

Von Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent für den Sprengel Ostfriesland-Ems

Karfreitag 24. März 2016: Wir gewinnen Leben

„Er hat seinen Kampf verloren.“ So wurde es in den letzten Tagen über den Tod einer bekannten Persönlichkeit gesagt. Er wollte leben. Er wollte viel erleben. Und dann stirbt er. Jung. Eine Krankheit, die sich nicht aufhalten lässt. Sie ist nicht gutartig. Dann sagten andere, nicht er selbst: „Er hat seinen Kampf verloren.“ Den Kampf mit der Krankheit, um das Leben verloren. Das ist bitter und schmerzvoll. Und keineswegs selten. Wie oft verlieren wir: einen Teil unserer Gesundheit, ein Stück Selbstbestimmung, eine Portion Vertrauen, vielleicht sogar einen Rest Hoffnung oder gar einen lieben Menschen.
Und doch frage ich mich: Wird ihm das eigentlich gerecht? „Er hat seinen Kampf verloren?“ Ja, das hat er. Einerseits. Aber da war viel mehr. Viel mehr als Kampf. Da war doch Leben. Er hatte Kraft und Energie. Enorm. Leben in bunter Vielseitigkeit. Und am Ende steht ein verlorener Kampf?
Karfreitag. Ein Tag des Todes. Auch über Jesus könnte man das sagen: „Er hat seinen Kampf verloren.“ Auch er wollte leben. Die Mächtigen seiner Zeit, die religiösen Führer, die politisch Einflussreichen, die Römer haben nicht gutartig gedacht und gehandelt.
In diesen Worten liegen Dimensionen ineinander

Tido Janssen, Pastor in der Lamberti-Gemeinde und Superintendent des Kirchenkreises Aurich

Tido Janssen, Pastor in der Lamberti-Gemeinde und Superintendent des Kirchenkreises Aurich

Am Ende spricht er selbst aber nicht von einem verlorenen Kampf. Er sagt: „Es ist vollbracht!“ In diesen Worten liegen zwei Dimensionen ineinander. Menschlich gesehen vollendet sich hier ein Leben. Und was für eins. Da wurde gefeiert, so dass er am Ende noch Wasser in Wein verwandeln musste. Da wurde geteilt, so dass am Ende eine große Menschenmenge satt wurde. Da wurde die Begegnung mit ihm für andere Menschen zu einem Wendepunkt in ihrem Leben. Sie ließen alles stehen und liegen, um mehr von ihm zu hören und zu sehen. Dieser Weg ist vollendet.
Menschlich gesehen könnte in dem Satz auch ein befreiender Seufzer stecken: „Aus, vorbei, endlich Ruhe. Die Schmerzen, die Qual und Folter, Lüge und Einsamkeit liegen jetzt hinter mir.“
Und dann liegt da noch eine ganz andere Dimension in diesem Satz: „Es ist vollbracht!“ In diesem vollendeten Lebensweg und in diesem Tod am Kreuz kommt etwas zum Ziel, was im Stall in Bethlehem begann und sich durch so viele Begegnungen auf dem Lebensweg von Jesus zieht. „Es ist vollbracht!“ – das sagt dieser Jesus, in dem Menschen Gott erkannt haben und in dem Gott Menschen begegnet. In Jesus können wir einen sehen, der uns so sieht, wie Gott uns sieht.
Und dann vollbringt Gott an diesem Tiefpunkt etwas, das unserem Leben eine neue Qualität verleihen kann. Er schöpft noch einmal ganz neues Leben.
Drei Tage – und Gott macht durch überraschendes Handeln alles neu. Dann vollendet sich, was im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe der Menschen, die davon ergriffen werden, tausend neue Anfänge nehmen wird. Wir gewinnen Leben.

Von Tido Janssen, Pastor in der Lamberti-Gemeinde und Superintendent des Kirchenkreises Aurich

19. März 2016: Frühjahrsputz für die Seele

Gründlich lüften. Da putzen, wo man sonst nicht hinschaut. Ausmisten, weil doch Vieles unwichtig ist, was aufbewahrt wird. Zeitschriften, die ich noch lesen wollte. Kleidung, die nicht mehr passt. Weg mit dem Ballast!
Und nach dem Ausmisten, dann fühlt man sich so richtig gut, weil alles wieder in Ordnung ist. Viele kommen aber auch gar nicht dazu. Weil sie keine Zeit haben. Sie sagen: „Eigentlich brauche ich das auch nicht. Das kann ich doch das ganze Jahr über erledigen, immer ein bisschen.“ Wer gar nicht dazu kommt, ist unzufrieden: zu viel vernachlässigt, zu viel Ballast, zu wenig Ordnung.
Doch wie steht’s mit unserem Innenleben. Wie sieht’s da aus?
Da gibt es auch ungeliebte Ecken. Da gibt es auch manchen Ballast.
Ob ich den wohl auch ablegen kann? Ein bisschen frischer Wind könnte mir auch nicht schaden.

Heidrun Ott, Pastorin in Moordorf

Heidrun Ott, Pastorin in Moordorf

Darum möchte ich Sie einladen: Nehmen Sie sich Zeit für Ihren ganz persönlichen „Frühjahrsputz“. Wo sind die Ecken, um die ich lieber einen Bogen mache? Gibt es da etwas, das ich noch bearbeiten muss? Vielleicht gibt es Ballast, den ich abwerfen könnte. Indem ich zum Beispiel einen andern Menschen um Vergebung bitte oder einem anderen Menschen verzeihe.
Und mit Sicherheit könnte mir ein bisschen frischer Wind um die Nase wehen. Ein Wind, der mich erfrischt, belebt und auf neue Gedanken bringt.
In der Bibel wird der Wind als Bild für Gottes guten Geist gebraucht. Gottes Geist erfrischt und belebt. Er bringt einen auf neue Ideen und hilft einem, seine Gaben zu entfalten. Davon leben unsere Kirchengemeinden. Gott führt Menschen zusammen und verbindet sie im gemeinsamen Handeln.

Dieser frische Geist-Wind ist überall zu haben. Ganz sicher aber in der Begegnung mit Gottes Wort – der Bibel – und in der Begegnung mit anderen Menschen. Aber auch in der Verbindung von beidem – im Gottesdienst.
Gottesdienst ist Frühjahrsputz für die Seele.

Von Heidrun Ott, Pastorin in Moordorf

12. März 2016: Mit Gott durch das Leben gehen

„Mama, machst du mir eine Doppelschleife?“ Darum bittet mich meine fünfjährige Tochter oft. „Aber ganz stramm!“ Sie lernt gerade, sich selbst ihre Schuhe zuzubinden. Aber manchmal fehlt ihr die Geduld und geht es schneller, wenn ich ihr helfe.

Sabine Bohlen, Pastorin in Wiegboldsbur und Forlitz-Blaukirchen

Sabine Bohlen, Pastorin in Wiegboldsbur und Forlitz-Blaukirchen

Am kommenden Wochenende beginnen in einigen Gemeinden des Kirchenkreises Aurich die Konfirmationen, die letzten Konfirmationen sind im Mai. Überall machen sich in diesen Tagen Eltern und Jugendliche Gedanken über den besonderen Tag, den Tag der Konfirmation: was sie anziehen sollen, welchen Konfirmationsspruch sie nehmen sollen, ob sie ihren Konfirmationsspruch auswendig können müssen, wo gefeiert wird, wen man einladen möchte. Nun sind es nur noch wenige Tage, bis den Mädchen und Jungen in der Kirche die Konfirmationsfrage gestellt wird. „Wollt ihr im christlichen Glauben leben und bleiben, wollt ihr euch auch in Zukunft zur Gemeinde halten?“ Und natürlich versuchen die Unterrichtenden in den nächsten Kuffi-Stunden noch einmal ganz besonders deutlich zu machen, was diese Frage und die Antwort darauf bedeuten. Vielleicht hilft dieser Vergleich: Die Antwort der Mädchen und Jungen, „Ja, mit Gottes Hilfe“, das ist so etwas wie eine Doppelschleife auf mein Leben. Mit der Taufe hatte Gott schon eine Schleife gemacht. Wir beide, du als Mensch und ich als Gott, wir gehören zusammen. Diese Schleife haben die Eltern für mich machen lassen, ich war noch zu klein, um selbst eine Schleife zu binden.
Jetzt, nach einigen Jahren, kann ich selbst die Schleife machen. Habe es bei anderen abgeguckt, wie man im Glauben leben kann. Wie ein Gottesdienst abläuft, wie ich beten kann, wo ich einen Platz in der Gemeinde finden kann. All das hat mir der Konfirmandenunterricht gezeigt, jetzt kann ich selbst entscheiden.
Ich binde den Schuh noch einmal fester, damit mich nichts aus den Schuhen hauen kann. Mit Gott durch das Leben gehen, mit festem Schuhwerk und Doppelschleife, was für eine tolle Wanderung kann das sein!

Von Sabine Bohlen, Pastorin in Wiegboldsbur und Forlitz-Blaukirchen

5. März 2016: Ein Schwan auf dem Kirchendach

wetterfahne-westerende

Die Wetterfahne auf dem Kirchendach in Westerende zeigt einen Schwan.

Auf dem Dach der Westerender St. Martinskirche dreht sich eine Wetterfahne in Form eines Schwanes im Wind. Auf mehr als 80 Kirchen in Nordwestdeutschland findet sich eine solche Wetterfahne auf dem Kirchturm oder dem Glockenturm. Auch auf einem Gemeindehaus habe ich ihn schon einmal gesehen. An der Kanzel der Kirche in Asel, zwischen Jever und Wittmund, ist auch ein Schwan abgebildet. Neben den vier Evangelisten ist in der fünften Bildfläche Martin Luther zu sehen, und neben ihm watschelt ein Schwan. In einer Kirche in der Krummhörn, in Loquard, ist sogar das Schlüsselloch kunstvoll mit einem Schwanenmotiv verziert. Der Schwan ist ein Symbol für die evangelisch-lutherische Kirche.
Warum das so ist? Darauf gibt es interessante Antworten. Eine erzählt von dem tschechischen Reformator Jan Hus, der hundert Jahre vor Martin Luther als Ketzer verbrannt wurde. Sein Name Hus bedeutet ins Deutsche übersetzt: Gans. Nach einer Legende soll Hus vor seinem Tod gesagt haben: „Heute bratet ihr eine Gans, doch in hundert Jahren wird ein Schwan aufstehen.“
Luther selber hört diese Legende und bezieht sie auf sich: „Johannes Hus hat von mir geweissagt, als er aus dem Gefängnis im Böhmerland schrieb, sie werden jetzt eine Gans braten. Aber in hundert Jahren werden sie einen Schwan singen hören, den sollen sie leiden. Da soll es auch dabei bleiben, wenn Gott will.“
Als Luther beerdigt wurde, hielt sein Pastor Johannes Bugenhagen eine Trauerpredigt, in dem er Luther als Liederdichter mit dem singenden Schwan verglich. Der Schwan ist in der Folgezeit zu einem Kennzeichen und Symbol des Reformators geworden. Gleichzeitig ist er, besonders in Ostfriesland, zu einem Kennzeichen der evangelisch-lutherischen Kirche geworden.
Welche Kennzeichen brauchen wir heute für eine lebendige Kirche? Gottes gutes Wort hören und weitersagen. Gottes Liebe weitergeben, wenn wir taufen, wenn wir das Abendmahl feiern, wenn wir im Gottesdienst zusammen sind, wenn wir als Christinnen und Christen für andere da sind und helfen. Eine Gemeinschaft sein, wo unterschiedliche Menschen willkommen und zu Hause sein dürfen – geborgen und offen zugleich. Das sind solche Kennzeichen.
Sie machen uns, wie der Schwan auf der Kirche, darauf aufmerksam: Hier ist ein Ort, wo Gott für uns da ist. Hier ist ein Ort, wo im Namen Gottes andere Menschen für mich da sind. Hier höre ich das Wort, das mich tröstet, das mich persönlich anspricht, das mich zum Nachdenken bringt. Hier ist ein Ort, wo Menschen Hilfe und Zuspruch erfahren und an andere weitergeben können. Dazu sind wir alle eingeladen – egal ob mit oder ohne Schwan auf dem Dach.

Von Angelika Scheepker, Pastorin in Aurich-Lamberti

27. Februar 2016: Blick nach vorn

Jesus sagt: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes!“ (Lukasevangelium 9,62).

Ein Bild aus der Landwirtschaft, das unser Herr Christus hier gebraucht. Eine uralte bäuerliche Erfahrung spricht Christus an: Wer beim Pflügen den Blick nach hinten richtet auf das, was zurückliegt, der kann keine gerade Furche ziehen. Eine Kunst ist das, die man erst lernen muss.
Das ist der Wochenspruch für die kommende neue Woche.
Jesus spricht hier von der Nachfolge. Wer ihm vertraut, der soll nicht zurückblicken, sondern nach vorn, ihm entgegen schauen.

Bernd Battefeld, Pastor in Strackholt

Bernd Battefeld, Pastor in Strackholt

Aber wie ist das gemeint? Wir alle haben doch eine Geschichte, die wir mitbringen: das Elternhaus, die Familie, die Erziehung, Gelungenes und Erfahrung des Scheiterns, jeder hat seine Geschichte. Die gehört zu uns. Das weiß Christus.
Er selber kennt solches Wahrnehmen, ist doch die Heilige Schrift voller Erinnerungen an Gottes Geschichte mit den Menschen. Wir werden erinnert an die Welt als Gottes Schöpfung, an den Auszug aus Ägypten, die Befreiung aus der Knechtschaft. Ob Weihnachten oder Ostern, jedes religiöse Fest will erinnern und vergegenwärtigen.
Was also sagt uns Jesus dann?
Er sagt: „Ich bin deine Zukunft! Von mir kannst du leben, nicht von dem, was du erreicht hast, nicht von deinem Stand, nicht von deiner Position und nicht von deinem Ansehen! Schau‘ nicht an dir herunter und frage dich nicht ständig: Bin ich gut so? Wie komme ich an? Das Ziel deines Lebens ist nicht Selbstoptimierung, sondern der Blick auf mich! Folge mir, ich trage dich! Wie der Bauer beim Pflügen nach vorn schaut, so schaue zu mir!“

Von Bernd Battefeld, Pastor in Strackholt

20. Februar 2016: Heile mich

Monatsspruch März 2016:
Christus spricht: Wie mich der Vater geliebt hat,
so habe auch ich euch geliebt.
Bleibt in meiner Liebe! Johannes-Evangelium 15, Vers 9

Mensch, Jesus! Was erzählst du da? Ich kann vielleicht noch glauben, dass dein Vater im Himmel dich geliebt hat; schließlich bist du sein Sohn. Aber schon diese Liebe kann ich nicht wirklich begreifen. Wenn Gott dich so sehr liebte, warum hat er zugelassen, dass du leidest? Wenn dein Vater der allmächtige Gott ist, wieso hat er dich einen grausamen Tod sterben lassen? Wo war er, als du am Kreuz hingst und in tiefer Verzweiflung nach ihm schriest?

John Förster, Pastor in Riepe und Ochtelbur

John Förster, Pastor in Riepe und Ochtelbur

Nun sagst du, dass du mich genauso liebst. Was ist das für eine Liebe? Wie kann ich sie bei mir spüren? Will ich deine Liebe überhaupt? Ich gebe zu, ich sehne mich sehr nach Menschen, denen ich wichtig bin. Es tut mir gut, wenn ich bei jemandem spüre, dass er mich mag. Manchmal kann ich es nicht glauben, dass mich jemand tatsächlich so lieben könnte: Mit allen meinen charakterlichen Schwächen, mit meinem nicht perfekten Körper. Bin ich liebenswert, so wie ich bin? Ich bin misstrauisch gegen deine selbstlose, vollkommene und bedingungslose Liebe. Sie ist mir zu rein und zu groß. Ich habe schlechte Erfahrungen gemacht, wenn ich mich einem anderen geöffnet habe. Ich bin oft genug tief verletzt worden, wenn ich mich verletzlich gemacht habe. Ich bin bitter enttäuscht worden, wenn ich selbst zu lieben wagte: einladend, zärtlich, mitfühlend und letztlich doch hilflos.
Nun forderst du von mir, ich soll in deiner Liebe bleiben! Ich sehe, wie andere Menschen durch deine Liebe berührt werden. Wie etwas in ihnen aufblüht. Wie es sie befreit und verändert. Bei mir ist das anders. Will ich denn Veränderung? Möchte ich nicht lieber weiterleben wie bisher, auch wenn mich vieles stört an mir selbst und anderen, wenn mich vieles krank macht? Ich habe mich arrangiert mit all dem Schlechten um mich herum und dem Heillosen in mir. Zumindest habe ich selbst die Kontrolle über mein Leben. Wie wird es sein, wenn deine Liebe tatsächlich in mir Raum gewinnt?
Menschensohn, Christus! Mein Herz ist kleingläubig. Mein Vertrauen in deine Liebe zu mir, aber auch in meine Liebe zu dir ist zu schwach. Doch endlich berührt mich ein Wort von dir und durchdringt mein hart gewordenes Herz, wenn du sagst: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Ich möchte es wagen. Falls ich dir tatsächlich kostbar bin, dann möchte ich mein Misstrauen gegen mich selbst und gegen dich bei dir ablegen können. Ich möchte es eintauschen gegen Vertrauen. Lass mich spüren, dass du es gut mit mir meinst. Heile mich. Wenn es wahr ist, dass Gott dich durch deinen Tod hindurch so sehr liebte, dass er dir neues Leben schenkte, dann möchte ich das auch für mich erleben! Nicht erst nach meinem Tod, sondern heute.

Von John Förster, Pastor in Riepe

13. Februar 2016: Nicht alles vorbei

„Am Aschermittwoch ist alles vorbei!“, so heißt es in einem Karnevalslied von Jupp Schmitz aus dem Jahr 1953. Am Aschermittwoch ist alles vorbei? Dieses Jahr wohl nicht für einige Jecken, denn der ausgefallene Rosenmontagszug soll mancherorts nachgeholt werden. In Düsseldorf beispielsweise kütt de Zoch erst im März. Mitten in der Fastenzeit.
„Karneval in der Fastenzeit, was soll das denn“, frage ich mich. Karneval ist dem Brauchtum nach doch dafür da, vor der Fastenzeit noch einmal richtig zu feiern. So bedeutet schon alleine das Wort Karneval (carne vale) „Fleisch, leb wohl“ und spielt auf die Zeit nach der fünften Jahreszeit an. Und auch der Begriff Fastnacht weist auf die Zeit ab Aschermittwoch hin. Bis zu diesem Tag darf noch einmal richtig gefeiert werden, bevor dann bis Karsonnabend Passionszeit ist.

Anna Bernau, Pastorin in Bagband

Anna Bernau, Pastorin in Bagband

40 Tage lang gedenken wir Christen an die Leiden unseres Herrn Jesus Christus. Wir verzichten auf Sachen, die wir gerne mögen oder wir machen in dieser Zeit Dinge, die uns gut tun. So heißt dieses Jahr das Motto der Evangelischen Kirche: „Großes Herz! Sieben Wochen ohne Enge.“ Wir werden eingeladen, unser Herz zu öffnen und Gutes für uns und andere zu tun. Anderen eine Chance geben oder sich selbst liebevoll betrachten, das könnte man mit einem weiten, großen Herzen tun.
Das Herz groß gemacht hat auch Jesus. Wieso sollt er sonst Kranke geheilt, Arme gespeist und von der Gesellschaft Ausgestoßene besucht haben? Wieso sollte er sonst für uns gestorben sein? Nur wer ein großes Herz hat, kann die Liebe Gottes seinen Mitmenschen zeigen.
Daher ist für mich am Aschermittwoch nicht alles vorbei.
Jetzt beginnt erst das eigentliche Leben und wenn bei manchen dazu ein Karnevalsumzug gehört, na bitte. Auch im Karneval geht es schließlich um Toleranz und somit um Liebe gegenüber den Mitmenschen.
Am Aschermittwoch ist nicht alles vorbei, denn in der Passionszeit konzentriert man sich auf das Wesentliche: auf die eigenen Bedürfnisse und die der Mitmenschen und auf Gott. In dieser Zeit fiebert man einem Fest entgegen: Ostern, dem Fest der Auferstehung Jesu. Die Liebe, Gottes großes Herz, hat gesiegt.

Von Anna Bernau, Pastorin in Bagband

6. Februar 2016: Das A und das O

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
ich habe vor einiger Zeit eine Andacht gelesen, die mit folgenden Worten anfing:
„Auf Grnud enier Stidue an der elingshcen Uävirestint Cmabrdige ist es eagl, in wlehcer Rienhnelfgoe die Bcuhtsbaen in eniem Wrot sethen. Das eniizg Wcihitge ist, das der estre und der lzette Bsthucabe am rcihgiten Paltz snid. Den Rset knan man dnan onhe Polbrmee lseen. Das ghet dseahlb, wiel das mnehcschile Geihrn nciht jdeen Bschutbean ezleinn liset, sodnern das Wrot als Gnaezs.“

Und, haben Sie alles verstanden? Nein? Dann schauen Sie einmal unten nach.
Wenn Sie es verstanden haben – beeindruckend, oder?
Ich habe diesen Text ausgewählt, weil er mich an die momentane Lage in der Welt erinnert. Auch da: Überall Chaos. Alles scheint aus den Fugen zu geraten und nichts ist mehr an seinem Platz: Die Gesellschaft ist in der Frage zur Flüchtlingspolitik gespalten. Kriege und Machtkämpfe verunsichern die Menschen.
Mir macht das schon mal Angst.
„Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende.“ Das sagt Jesus von sich (Offenbarung 21, 6). Jesus ist am Anfang und am Ende der Welt. Und ebenso am Anfang und am Ende meines Lebens. Ich stelle mir das so vor:
Ich komme in das Leben und Jesus ist da. Dann gehe ich durch mein Leben und auch nun werde ich von Jesus begleitet. Aber, er lässt mich frei durch mein Leben gehen. Ich entscheide selbst, wie weit ich Jesus in mein Leben hineinlasse. Ich handle eigenverantwortlich und selbstständig. Doch dabei passiert es auch, dass ich mich verlaufe. Auf einmal ist alles anders als geplant und ich weiß nicht, wie es weiter gehen soll.

Imke Scheibling, Pastorin in Ostgroßefehn

Imke Scheibling, Piotsarn in Ohregosfeßstn

In solchen Momenten hilft mir der Glaube daran, dass Jesus immer noch an meiner Seite ist und dass er der Anfang und das Ende meines Lebens ist. Er umschließt mein ganzes Leben und alles ist bei ihm gut aufgehoben. Es wird nicht alles automatisch gut, aber ich habe die Hoffnung, dass so manches Sinnlose in meinem Leben und in der Welt durch Jesus einen neuen Sinn bekommt. So wie die Worte Sinn ergeben, wenn der erste und letzte Buchstabe stimmt.

Ich wünsche Ihnen ein schönes und gesegnetes Wochenende!

Und hier nochmal im Klartext; „Auf Grund einer Studie an der englischen Universität Cambridge ist es egal, in welcher Reihenfolge die Buchstaben in einem Wort stehen. Das einzig Wichtige ist, dass der erste und der letzte Buchstabe am richtigen Platz sind. Den Rest kann man dann ohne Probleme lesen. Das geht deshalb, weil das menschliche Gehirn nicht jeden Buchstaben einzeln liest, sondern das Wort als Ganzes.“

Von Imke Scheibling, Pastorin in der Auferstehungsgemeinde Ostgroßefehn

30. Januar 2016: „Bitte, gib mir nur ein Wort“

„Bitte, bitte gib mir nur ein Wort“, lautet der bekannte Refrain im gleichnamigen Lied der Gruppe „Wir sind Helden“, das 2005 die deutschen Charts stürmte. Beim näheren Hinhören und Hinsehen entpuppt es sich als geniales neueres deutschsprachiges Lied.
Nur ein Wort. In dem Song selbst wartet ein verliebter Mensch auf das erlösende Wort seiner Angebeteten. Ein Wort, das das Schweigen endlich bricht und klärt, wie man zueinander steht. Ein Wort kann Balsam für unsere Seele sein, es lässt uns entspannen und aufatmen. Denn nicht zu wissen, woran man beim anderen ist, treibt die Schweißperlen auf die Stirn und macht rastlos. Wir fühlen die Anspannung in jeder Faser unseres Körpers, starren auf Telefone, Handys oder Tablets.
Wir sind auf dem Sprung, wir hoffen, warten und bangen. Und sind dabei nicht wir selbst.
Ein Wort eröffnet Begegnung und Gespräch. Es hilft, einen Anfang zu setzen und das beklommene Gefühl zu verlieren, wenn fremde Menschen ein erstes Mal verlegen aufeinandertreffen. Ein Wort lässt Stimme und Gestik spielen und wir entdecken Vertrautes und können behände und leichtfüßig über die Brücke gehen, die ein Wort bauen kann.

Silke Kampen, Pastorin In Wallinghausen

Silke Kampen, Pastorin in Egels, Popens und Wallinghausen

Nur ein Wort. Wenn wir uns nichts mehr zu sagen haben, ist ein Wort der Schlüssel, der eine verbarrikadierte Tür öffnen kann – selbst nach vielen Jahren. „Entschuldigung!“ heißt so ein prominentes Wort.
Aber so bekannt es ist, so schwer fällt es manchmal, es zu sagen. Von diesem Wort wissen wir ganz genau, dass es den Weg nicht immer über unsere Lippen schafft, sondern irgendwo im Hals stecken bleibt. Es fühlt sich an, als ob es mit Eisenketten die Brust umspannte und doch ist das nicht die Wirkung dieses Wortes, sondern allein die der Angst und des falschen Stolzes.
Ist das verzeihende Wort erst einmal entschlüpft, leise oder gestammelt, entfaltet es eine Bärenkraft und räumt Wege frei wie ein großer Schneepflug: Endlich kommt man wieder zum anderen durch! Man kann neu anfangen, zaghaft oder voller Tatendrang? Das ist egal.
Worte haben Kraft und Macht.
Wir brauchen keine Meister der Worte sein, jede und jeder kann sie benutzen und einem anderen ein erlösendes, ein befreiendes, ein gutes Wort geben.
Von Gottes Wort hören wir an diesem Wochenende, dass es eine ganz eigene, lebendige Kraft entfaltet. Es ist nicht nur gut. Nein, wenn Gott spricht, bewirkt sein Wort etwas, vielleicht auch Schwerwiegendes. Es ist machtvoll und definitiv keine leere Hülse.
Der Prophet Jesaja hat es erlebt und beschreibt es im Kapitel 55 so:
Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.
Ein Wort, das gelingt, ist ein Wort, das tröstet, Brücken baut, Türen aufschließt und Zukunft zeichnet, Frieden stiftet.
Gott gebe uns solch ein Wort. Bitte, bitte, nur dies eine Wort!

Von Silke Kampen, Pastorin in Egels, Popens und Wallinghausen

23. Januar 2016: Segensreicher Vorsatz

Wenn sich etwas verändert, dann heißt das nicht zwangsläufig, dass es auch besser wird. Aber wenn etwas besser werden soll, dann muss es sich verändern.
Ein kluger Vers, den ich irgendwo mal aufgeschnappt habe. Ohne Quellenangabe.

„Besser werden“, das klingt allemal attraktiv!
Das neue Jahr ist noch jung. Gute Vorsätze haben noch eine Chance.
Also: „volle Kraft voraus!“ Noch mehr leisten – im Beruf, in der Schule, in der Familie, beim Sport, beim Hobby! Schlanker werden! Fitter werden! Denn: Deutschland sucht nur noch nach Superstars – überall. Siegertypen müssen her! Leute, die alles können! Gewinner!
Wer „nur seine Pflicht“ tut, bekommt höchstens einen Zeitvertrag und bleibt eine graue Maus. „Gut ist nicht gut genug“ – da kann immer noch „einer drauf“! Das kann immer noch ein bisschen besser! Wenn man ein Level erreicht hat, dann wartet das nächste…

Sie lesen es schon heraus: ich glaube das Streben nach vorzeigbarer Perfektion taugt nur bedingt zum segensreichen Neujahrs-Vorsatz.

Wenn sich etwas verändert, dann heißt das eben nicht zwangsläufig, dass es auch besser wird. „Schlanker“, „fitter“ oder „leistungsfähiger“ werden, das sind durchaus achtbare Ziele. Aber sol-che Ziele zu verfolgen, kann uns schnell überfordern. Der Katalog von Anforderungen, den wir zu bewältigen haben, ist eigentlich schon groß genug. Gute Vorsätze sollen nicht noch eine Schippe draufsetzen, sonst bewirken sie das ganze Gegenteil: wieder etwas, das wir nicht schaf¬fen! Wieder etwas, das wir nicht durchhalten! Im Endeffekt: eine Veränderung zum Schlechten. Also: alles beim Alten lassen? Das könnte uns so passen! Oft ist es ja einfacher, sich mit den Umständen abzufinden, als eine Veränderung zu wagen. Selbst wenn man unzufrieden ist. Da weiß man wenigstens, was man hat!
Sich so zurückzulehnen hieße aber, die Chance des neuen Jahres verstreichen zu lassen. Wenn etwas besser werden soll, dann muss es sich verändern.

Jens Blume, Pastor in Timmel und Mittegroßefehn

Jens Blume, Pastor in Timmel und Mittegroßefehn

Gute Vorsätze werden ja gefasst, damit etwas besser wird. Eine „Wertsteigerung“ gegenüber dem vergangenen Jahr. Ein nachhaltiges Selbstwertgefühl kommt aber nicht aus unseren Leistungen! Nicht aus einer vergänglichen Traum-Figur, nicht aus bestaunter Fitness und auch nicht aus einer beneidenswerten Karriere. Ein nachhaltiges Selbstwertgefühl kommt eher aus einer Grund-Freude am „Da sein“. Dass man (um nur einige Beispiele zu nennen) einen Blick hat für die wunderbare Landschaft, in der wir leben. Dass man sich Zeit nimmt für die Familie, oder für einen Besuch nebenan. Dass man sich nicht einfangen lässt vom Zeitdruck und den Anforderungen des Alltags, sondern weiß, dass jeder Lebens-Moment ein Geschenk ist – genau so, wie wir er ist.

Der Apostel Paulus hat Gott dafür gelobt, dass Gottes Kraft in den Schwachen mächtig ist (2. Kor 12,9). Das lehrt uns die Weihnacht und das lehrt uns der Karfreitag: dass Gott sich gerade in vermeintlicher Schwäche groß erweist. Der Gott, der diesen Weg der Offenbarung wählt, will nicht den äußerlich perfekten Menschen, sondern den innerlich freien und darin manchmal eben auch „fehlerhaften“ Menschen. Unser Selbstwertgefühl kann sich in dem Bewusstsein verankern, dass Gottes Kraft gerade in un-serer Schwäche mächtig ist. Sich dessen bewusst zu werden und die Lebensenergie nicht an vergängliche Ziele zu vergeuden – das finde ich einen segensreichen Vorsatz für das neue Jahr:

Der Wochenspruch für die anbrechende Woche lautet: Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit. (Daniel 9,18)

Von Jens Blume, Pastor in Mittegroßefehn und Timmel

16. Januar 2016: Es fühlt sich nicht richtig an

Ich bin spät dran in diesem Jahr. Die Weihnachtsfeiertage liegen fast einen ganzen Monat hinter uns. Selbst die „lüttje Wiehnacht“ ist schon wieder einige Tage her.
Aber ich schaffe es erst jetzt, die Dekoration wieder in der Kiste mit der Aufschrift „Weihnachten“ verschwinden zu lassen. Die Weihnachtspyramide mit den Engeln. Die Adventsterne. Die Krippe. Nach und nach packe ich es alles in den Karton. Vorsicht und behutsam. Und trotzdem: Es fühlt sich nicht richtig an. Auch, wenn die Weihnachtszeit nun „ganz offiziell“ vorbei ist.

Vera Koch, Vikarin in Aurich

Vera Koch, Vikarin in Aurich

Vielleicht habe ich den Moment deswegen so lange hinausgezögert? Den Moment, in dem Gottes Freudenboten und Maria, Josef und Jesus wieder aus meinem Blickfeld verschwinden?
Es tat mir gut, sie zu sehen. Eine Erinnerung daran, dass Gott Mensch geworden ist. In einem kleinen Baby. Einem Baby, das weinte und lachte. Das liebte und geliebt wurde. Das tut immer gut. Die Erinnerung daran, dass Gott mich versteht. Wenn ich weine. Und wenn ich lache.
Während ich die Dekoration in den Karton stecke – und schon überlege, durch was ich sie ersetzen werde – da fühlt es sich an, als hätte Gott seinen Raum in meinem Leben verloren. Seine Zeit ist vorbei. Erst mal. Im November mache ich den Platz dann wieder frei. Für Gott. Um mich zu erinnern und zu freuen am Weihnachtswunder.
„Sieh! Da ist Platz bei mir.“ Das sagt Gott zu Moses (Ex 33,21), als der bittet, Gott zu sehen und ihm nah zu sein.
Dieser Vers fällt mir ein, als ich die Krippe in meiner Hand betrachte. Gott sagt: „Da ist Platz bei mir. Für dich.“ Und er hält diesen Platz frei, ganz nah bei sich. Für mich. Für dich. Immer. Nicht nur an Weihnachten.
Meine Krippe bleibt dieses Jahr in meinem Regal stehen. An meinem Schreibtisch. In meinem Blickfeld. Es fühlt sich richtig an. Ich mache Platz dafür. Für dieses Zeichen der Erinnerung. In meiner Wohnung. Und in mir.

Von Vera Koch, Vikarin der Lamberti-Kirche in Aurich

9. Januar 2016: Kinder dürfen Fehler machen

„Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder“ [Röm 8,14]

Indra Grasekamp, Pastorin in Aurich-Kirchdorf

Indra Grasekamp, Pastorin in Aurich-Kirchdorf

Mit diesem Spruch der Woche, liebe Leserinnen und Leser, wünsche ich Ihnen einen guten Morgen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, ob es Ihnen vielleicht genauso geht wie mir? Als ich heute Morgen diesen Spruch las, fragte ich mich: Bin ich Gottes Kind? Was würde dies für mich bedeuten? Treibt mich der Geist Gottes? Müsste ich mehr für meine Mitmenschen tun? Wann merke ich, ob der Geist Gottes mich treibt?
Zu meiner Erleichterung fiel mir ein, dass Kinder nicht perfekt sein müssen. Kinder dürfen Fehler machen, denn nur so lernen sie. Dies stelle ich immer wieder fest, wenn ich Emma sehe. Emma ist die einjährige Tochter von Bekannten von mir. Jeden Tag aufs Neue kann man mit Freude beobachten, wie sie die Welt entdeckt und aus ihren Fehlern lernt.
Vielleicht erinnern Sie sich ja auch an Ihre Kinder, Enkelkinder, Nachbarskinder oder an sich selbst, als Sie ein Kind waren. Somit bedeutet dies für mich, wenn ich ein Kind Gottes bin, darf ich Fehler machen. Die Formulierung „der Geist Gottes treibt“, macht mir jedoch etwas Angst. Treibt hat etwas Negatives an sich, fast Zwanghaftes. Im griechischen Text steht an dieser Stelle das Wort „agesthai“. „Agesthai“ kann jedoch auch als „geführt werden“ übersetzt werden. Geführt werden klingt schon viel freundlicher. Also muss ich mich in meinem Handeln als Christ durch die Kraft des Geistes führen lassen, um ein Kind Gottes zu sein. Dass klingt für mich als etwas, auf das ich keinen Einfluss nehmen kann. Etwas, das geschenkt wird. Ich frage mich: Ist mir das schon geschenkt worden? In meiner Taufe? Ja, in meiner Taufe wurde mir der „Geist der Kindschaft“ geschenkt.
Für mich bleibt nun nur noch offen, damit ich meine Sorgen und Fragen klären kann, muss ich zu jeder Zeit merken, von Gottes Geist geführt zu werden? Da fällt mir wieder Emma ein. Sie wird von ihren Eltern durch das Leben geführt. Mal merkt sie es und viele Male merkt sie nicht, dass ihre Eltern sie leiten. Als Kind braucht man also nicht zu jeder Zeit zu merken, ob man geführt wird. So also auch nicht als Gottes Kind. Gott ist einfach da und führt mich.
Mit diesen Gedanken wünsche ich Ihnen eine gesegnete Woche und Gottes Führung.

Von Indra Grasekamp, Pastorin in Aurich-Kirchdorf

2. Januar 2016: Ein guter Vorsatz für 2016 – und ermutigend dazu

2016 hat begonnen! Haben Sie gebührend gefeiert? War der Jahreswechsel von Vorfreude und Enthusiasmus begleitet? Oder war Ihr Jahreswechsel eher nachdenklich und von Sorgen überschattet? Ich merke immer wieder bei Besuchen und Gesprächen, dass unsere sehr schnelllebige Zeit bei vielen Menschen immer mehr Fragen und Zweifel weckt und immer weniger Antworten und Sicherheiten gibt – und eine Folge davon ist Angst.

Matthias Tolsdorf, Pastor in Moordorf

Matthias Tolsdorf, Pastor in Moordorf

Aber wir selbst können Einfluss nehmen, ob wir diese Angst über uns regieren lassen, oder ob wir das neue Jahr nicht lieber mit Mut beginnen und in 2016 (wie in jedem neuen Monat, jeder Woche und jedem Tag) eine neue Chance sehen wollen. In diesem Zusammenhang kommt mir der Monatsspruch für Januar in den Sinn, der uns allen eine gehörige Portion Mut mit auf den Weg geben will (2. Tim. 1,7): „Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Angst gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ Dieser Monatsspruch appelliert an unsere Fähigkeiten. Und ob wir diese Fähigkeiten nutzen oder nicht, ist entscheidend dafür, ob wir ängstlich oder hoffnungsvoll in die Zukunft blicken können. Aber der Mut, zu dem der Monatsspruch uns aufruft, ist kein naiver Mut! Er ist der Besonnenheit verpflichtet, macht zur Liebe fähig und spendet Kraft. In „Besonnenheit“ steckt „besinnen“: Gottes Mut wächst in uns mit der Besinnung auf das, was das Leben lebenswert macht: das Leben selbst als Geschenk, die Begegnungen und Vernetzungen mit Anderen und das friedliche Zusammenleben. Aber selbst wenn sich unsere Sorgen und Ängste nicht mit menschlichen Argumenten zerstreuen lassen, haben wir Grund zum Mut aus dem Glauben! Dann sollten wir uns umso stärker darauf besinnen, dass für Gott kein Problem unlösbar und keine Sackgasse ausweglos ist! Ein Satz, den ich vor Jahren in einem Buch gefunden habe, beschreibt dieses ermutigende Vertrauen auf Gott mit folgenden Worten: „Mut ist die Angst, die ihr Gebet gesprochen hat!“ (Dorothy Bernard).
Ich wünsche Ihnen allen ein frohes und gesegnetes neues Jahr mit viel Glaube, Mut, Hoffnung, Freude, Gesundheit und Tatkraft!

Von Matthias Tolsdorf, Pastor in Moordorf