Sonntagsbetrachtungen 2011

SONNTAGSBETRACHTUNG
Von TIDO JANSSEN,Pastor und Superintendent in Aurich31.12.2011, 12:00 Uhr
Wie ein unbeschriebenes weißes Blatt Papier liegt es vor mir, das neue Jahr 2012. So viel Gestaltungsspielraum. So viel, was ich dort hineinschreiben kann. Zeit, die noch offen ist. Offen für neue Ideen. Offen dafür, endlich das zu tun, was ich schon längst tun wollte. Zeit, die frei ist für Wünsche und Fragen. Was ist mir wichtig? Wenn ich drei Wünsche frei hätte, welche würde ich nennen? Wenn ich einmal alt bin: Was möchte ich über mein Leben sagen können? Was kann ich dafür jetzt tun? Wenn mir einer Macht gibt – was würde ich als Erstes ändern? Welches Lied möchte ich singen? Wen möchte ich besuchen? Einladen? Welches ist mein liebster Ort? Wo fühle ich mich am meisten hingezogen? Was bedeutet mir Gott?
Das unbeschriebene Blatt fordert mich heraus. Nicht zu schnell starten. Nicht hineinstolpern ins neue Jahr. Ich bringe viel mit an diese Schwelle. Auch das wirkt hinein ins Neue, schon jetzt. Die Erfahrungen des letzten Jahres haben mich verändert.
Was war mir wichtig? Was brauche ich auch jetzt? Und wen? Wünsche will ich aufschreiben auf mein Blatt. Nicht zu allgemein. Nicht oberflächlich. Herzensanliegen. In der Gegenwart leben. Viel mit anderen. Mit Kultur. Mit…
Mit Vertrauen. Mit meinem Konfirmationsspruch hinein in den Januar. „Weise mir, Herr, deinen Weg; ich will ihn gehen in Treue zu dir.“ (Psalm 86,11). Er geht mit mir. Notier ich mir. Der Anfang ist gemacht.

SONNTAGSBETRACHTUNG
Von DETLEF KLAHR,Landessuperintendent für den Sprengel Ostfriesland24.12.2011, 12:00 Uhr
Weihnachten hat es als Fest auch mit Wiederholungen zu tun. „Bei uns läuft der Heilige Abend immer nach dem gleichen Schema ab, sonst meutert meine Familie“, sagte mir eine Bekannte. Erst zur Kirche, dann schön Essen, dann Singen am Weihnachtsbaum und dann die Bescherung. Ein Ritual hilft, damit alle wissen: So läuft es ab, so kenne ich es von klein auf. Da mag man es nicht, das jemand in der Familie sagt: „Dieses Jahr machen wir alles mal ganz anders!“ Dann fehlte nur noch, dass jemand am Heiligen Abend sagt: „Letztes Jahr war es aber viel schöner“, das könnte die Feststimmung dann schnell vermiesen.
Alle Jahre wieder! Ja, jedes Jahr aufs Neue die alte und schon bekannte Geschichte von der Geburt Jesu in Bethlehem, die alten bekannten Weihnachtslieder und die vertraute Atmosphäre in der Weihnachtsstube. Das alles hat einen großen nicht zu verachtenden Wert.
Es kommt aber eine andere Erfahrung hinzu. Zwar ist in jedem Jahr Weihnachten Vertrautes und Gleiches dabei, und doch ist es auch immer wieder ganz anders – in gewisser Weise ganz neu. Wir sind eben nicht Jahr um Jahr dieselben. Wir finden uns in jeweils anderen Situationen des Lebens und veränderten Lebensverhältnissen vor. Die biblische Weihnachtsbotschaft der Bibel erreicht uns eben nicht als die sich wiederholende immer gleiche Geschichte, sondern sie erreicht uns als Botschaft der Liebe Gottes immer neu und konkret in unserem derzeitigen Leben. Da kann ich die Geschichte von Jesus in der Krippe schon 40-mal gehört haben. In diesem Jahr höre ich sie wieder anders, mit anderen Ohren, weil mein Leben anders aussieht als im letzten Jahr.
Es geht beim Weihnachtsfest genau darum, dass wir bei allem immer gleichen, auch offenbleiben für das immer Neue in der Weihnachtsbotschaft. Um die Erfahrung, dass die Geburt Jesu vor 2000 Jahren mit dem Leben zu tun hat, dass wir hier und jetzt führen.
Das Lied „Alle Jahre wieder“, das wir aus Kindertagen kennen, besingt es auf seine Weise:
„Alle Jahre wieder, kehrt
das Christuskind,
auf die Erde nieder, wo wir
Menschen sind.
Kehrt mit seinem Segen ein
in jedes Haus,
geht auf allen Wegen mit
uns ein und aus!“
Steht auch mir zur Seite

SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Hans Bookmeyer, Pastor für Ochtelbur, Bangstede und Barstede:17.12.2011, 12:00 Uhr
„Freuet euch in dem HERRn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der HERR ist nahe!“ (Philipper 4, 4-5, Wochenspruch)
Freude kann im Grunde nicht verordnet werden; man empfindet sie oder aber man empfindet sie nicht. Paulus aber hat eine Entdeckung gemacht: Als Saulus war er bemüht, Gott-gerecht zu leben, was ihm aus eigener Kraft jedoch nicht gelang – ja, stattdessen hatte er (ohne, dass es ihm bewusst gewesen war, den Gottessohn und dessen Anhänger verfolgt). – Christus selbst jedoch hatte ihm die Augen geöffnet und ihn erkennen lassen: In der Menschwerdung des Gottessohnes hat GOTT aus Seiner Liebe heraus den Grund zur Freude gelegt. Durch Christus wird jede und jeder, die und der an IHN als den Erlöser glaubt, durch alle Finsternis, selbst durch den irdischen Tod, hindurch zum ewigen Leben bei GOTT in dessen unzerstörbaren Frieden geführt. – Die unüberbietbare Freude ist also schon da – sie braucht nur ergriffen, angenommen zu werden:
GOTT schenkt uns Seinen Sohn, und so wie Kinder – im Normalfall – sichtbarer Ausdruck der Liebe sind, so offenbart uns GOTT in Jesus Seine ganze Liebe, der durch Seine Hingabe am Kreuz für uns zum Christus, zum Retter, wird.
Ist die Liebe schon unter Menschen einem Wunder gleich, so gilt dies insbesondere für die Liebe GOTTes, die allen Menschen widerfahren möchte, den großen und den kleinen, vornehmlich den einsamen und traurigen. – Und so heißt es dann auch im Lied Nr. 42 des evangelischen Gesangbuches [EG], Strophe 3: „Wenn ich dies Wunder fassen will, so steht mein Geist vor Ehrfurcht still; er betet an und er ermisst, dass GOTTes Lieb unendlich ist.“
In Jesus kommt uns der oft so fern anmutende, in „Dunkelheit“ verborgene, vielleicht sogar rätselhaft erscheinende GOTT ganz nahe; ER macht sich ganz klein, damit wir uns nicht fürchtend abzuwenden brauchen, sondern herzukommen können, Seine wärme-strahlende Herzlichkeit spüren, Geborgenheit – und dann Freude erfahren dürfen, wie kein Mensch sie geben kann … .
„Wenn ich dies Wunder fassen will …“, ja dann braucht es wohl eine Zeit der Vorbereitung und der Besinnung. Eine solche Zeit möchte ich Ihnen wie mir wünschen für die letzten Tage des Advent, dass wir uns bei aller Geschäftigkeit Muße gönnen und schenken möchten, im Familienkreis oder mit Nachbarn einander im Licht der Adventskerzen durch Gespräche und Lieder einzustimmen auf das Wunder von Weihnachten, damit wir GOTTes Liebe und die dadurch gewirkte Freude erfahren und weitergeben können, auf dass wir dann mit Paul Gerhardt einstimmen mögen [EG Nr. 37, Str. 4]: „Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen; und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen. O dass mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel ein weites Meer, dass ich Dich möchte fassen!“
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Pastorin Andrea Düring-Hoogstraat, Victorbur10.12.2011, 12:00 Uhr
Wer häufiger in unsere Kirche kommt, bemerkt den Unterschied sofort: Neuerdings durchschreitet man den Mittelgang wie auf Wolken. Man fühlt sich richtig hochgehoben, erhaben. Ein Blick nach unten verrät den Grund. Da strahlt uns in sattem Rotwein-Rot – man könnte es auch „Weihnachtsrot“ nennen – ein funkelnigelnagelneuer Kokosläufer entgegen. Nein, den hat uns nicht der Nikolaus gebracht. Das gute Stück wurde ernäht, erstrickt, erhäkelt und erbastelt. Unser Handarbeits- und Bastelkreis hat unsere Gemeinde damit beschenkt. Und das will schon etwas heißen, denn in unserer 60 Meter langen Kirche muss der Läufer 41 Meter lang sein. Damit man besser schummeln kann, gibt es ein 20 Meter- und ein 21 Meterstück. Ich verrate Ihnen nur: So ein Teppich ist nicht billig. Darum haben wir ihn angemessen eingeweiht. Unsere älteste aktive Handarbeitsdame hat ein rotes Band durchgeschnitten, und dann gab es für die großzügigen Spenderinnen noch etwas Leckeres.
Doch wie sind die Frauen auf die Idee für ihre großzügige Gabe gekommen? Warum musste es ausgerechnet dieses Stück sein? Gewiss, der alte Läufer hatte seinen Dienst getan. Er war ausgeblichen und abgewetzt, grau und dünn geworden. Über kurz oder lang hätte der Kirchenvorstand für Ersatz sorgen müssen. Aber darauf wollten unsere Damen nicht warten. Ihnen liegt unsere alte Kirche eben besonders am Herzen. Und so sagten sie sich: „Wir stiften einen roten Teppich für den lieben Gott. – Mit seiner kräftigen Farbe und seiner warmen Ausstrahlung macht er unser Gotteshaus noch mehr zu einem Ort heimeliger Geborgenheit. Von dem Läufer haben wir alle in Victorbur etwas: Jetzt, wenn wir zum Gottesdienst darüber gehen, und irgendwann einmal, wenn man uns über ihn rollt.“
Auf ihre eigene Weise folgten die Frauen so der Aufforderung des 3. Advent: Bereitet dem Herrn den Weg, denn er kommt gewaltig! Wenn Gott schon zu uns kommt, wenn er schon „gewaltig“ kommt, dann könnte er sich natürlich selbst den Weg bahnen – und das tut er auch. Aber er möchte uns in sein Kommen mit hinein nehmen, uns in seine Ankunft und den Anbruch seiner Herrschaft verwickeln. Dass er kommt, soll zu unserer Sache werden, denn er kommt ja für uns. So freut er sich, wenn sich ihm Türen und Herzen öffnen und ihm der rote Teppich ausgerollt wird. Die 41 Meter, die in unserer Kirche liegen, will er noch verlängern. Wenn Jesus Christus erst bei uns ist, rollt er uns nämlich einen roten Teppich aus. Das tut er nicht nur für die Supertalente und Überflieger, die Powerfrauen und Machertypen. Nein, auch und gerade all denen, die auf steilen, steinigen, mühsamen Wegen durchs Leben gehen, rollt er den roten Teppich aus, all denen, für die sich niemand interessiert, all denen, die sich schwertun mit sich selbst, ihren Nächsten und Gott. Sie sind es ihm wert. Uns normale Erdenbürger will er dorthin führen, wo es für uns Trost und Halt, Liebe und Vergebung, Frieden und Erlösung gibt.
Der Kokosläufer zieht uns hinein in die Kirche und unter Gottes Wort. Das Anschlussstück, das Jesus uns vor die Füße legt, ist blutrot und bringt uns durch alles Kreuz und Leid hindurch zu Gott, der uns das Ewige Leben schenkt. Wenn wir mit beiden Beinen auf dem roten Teppich bleiben, rücken wir dem Himmel immer näher. Da sind wir nicht allein unterwegs. Eine bunte, muntere Gesellschaft folgt Gottes Sohn: Menschen, die bereit sind, Gott und einander den Weg zu bereiten, Freud und Leid zu teilen und Lasten gemeinsam zu tragen. Der 3. Advent fragt uns: Weißt Du, wie der Läufer in Deiner Kirche aussieht, und wie es sich anfühlt, darüber zu gehen? Und hast Du schon den Läufer unter den Füßen, der Deinem Leben die richtige Richtung zu Frieden und Erfüllung gibt? Es ist Advent. Gott rollt Dir den roten Teppich aus.
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Johannes Ehrenbrink, Pfarrer in St. Ludgerus, Aurich03.12.2011, 12:00 Uhr
Am vergangenen Wochenende hatte ich einen sehr schönen und intensiven Einstieg in die Adventszeit. Am Freitagnachmittag traf sich die Frauengemeinschaft unserer Gemeinde zu Besinnung, Gespräch, Gottesdienst und gemeinsamem Essen. Jesus und das anbrechende Reich Gottes waren Thema.
Am Sonnabendnachmittag kamen 55 Jugendliche zusammen, die sich auf den Empfang des Firmsakramentes vorbereiten. In Gruppengesprächen und im Plenum versuchten die Jugendlichen, Jesus von Nazaret genauer auf die Spur zu kommen und zu fragen, wie Jesus sich heute wohl verhalten würde. Der Nachmittag endete mit einem eindrucksvollen Jugendgottesdienst, in dem Jugendliche und Erwachsene von ihrem ehrenamtlichen Engagement berichteten. Unsere Jugendband trug wesentlich dazu bei, dass dieser Gottesdienst ein echtes Gemeinschaftserlebnis wurde.
Bereits am Samstagmorgen hatte sich ein Lkw mit zwei Fahrern auf den Weg nach Litauen gemacht. Der Wagen war vollgepackt mit Einrichtungsgegenständen, Geschirr und Kleidung für einen Pfarrer in der Nähe von Vilnius, der zwar ein Pfarrhaus zur Verfügung hatte, aber keinerlei Inneneinrichtung.
Und am Sonntagnachmittag feierten wir einen Adventsgottesdienst mit zahlreichen Familien und Kindern und trafen uns anschließend im Gemeindehaus zu einem gemütlichen Adventsnachmittag mit Gespräch, Spiel und vielen Leckereien.
An diesem ersten Adventswochenende durfte ich exemplarisch all das erleben, was für mich in der Adventszeit wichtig sein soll:
– Besinnung, zur Ruhe kommen, nachdenken, mich neu orientieren.
– Gemeinschaft pflegen, mir Zeit nehmen für Gespräche und Besuche.
– Bewusst Gottesdienst feiern; die Begegnung mit diesem Gott suchen, der uns in Jesus sein Gesicht gezeigt hat.
– Helfen; versuchen, genauer wahrzunehmen, was die Menschen in meiner Umgebung und darüber hinaus brauchen.
Der Start in die Adventszeit war gut. Die Vorsätze sind da. Wenn es mir ( und vielleicht auch Ihnen) gelingt, sie wenigstens zu einem Teil umzusetzen, dann könnte die Adventszeit wirklich zu einer Vorbereitungszeit werden auf Weihnachten, auf das Geburtsfest Jesu.

SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Oliver Vorwald,Pastor in Bagband26.11.2011, 12:00 Uhr
Licht fließt zum Himmel. Dabei streicht es sanft über raue Backsteine, steigt an karminroten Stahlpfeilern empor. Weiter oben füllt es Kuppel und Gewölbe, bricht durch Streben in den fliehenden Tag. Im Schiff wurzeln Menschen, atmen die Atmosphäre der Illumination. Viermal im Jahr – an den Adventssonntagen – verwandeln Strahler und Bodenfluter die nachgebildete Ihlower Klosterkirche zum Abend in eine Licht-Kathedrale. Und über allem strahlt im Dachreiter – dem schlanken Glockenturm – ein klarer, heller Stern.
Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell (Jesaja 9,1-6).
Zweifellos. Sätze aus einem der bekanntesten biblischen Texte für die Adventszeit. Sie lesen sich, als hätte Jesaja sie für die Besucher der illuminierten Imagination gesprochen. Das erste Mal fallen diese Worte vor mehr als 2500 Jahren. Sie richten sich in düsteren und dunklen Tagen an die Landsleute des Propheten. An Frauen und Männer, die von Krisen und Kummer gedrückt werden. Angekündigt wird ein Regierender neuen Typs. Die ersten und auch die späteren Christen hören diese Sätze ganz neu. Nämlich als Hinweise auf die Geburt Gottes als Kind in der Krippe. Denn es geht sowohl in Jesajas Worten als auch in den Weihnachtsgeschichten des Neuen Testaments um (sein) Licht. Die Engel umgibt es, als sie den Hirten auf dem Felde bei den Hürden vom Wunder der Christnacht erzählen. Und die Weisen aus dem Morgenland folgen einer strahlenden Himmelserscheinung bis an jene Wiege im Stall von Bethlehem.
Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell (Jesaja 9,1-6).
Gar kein Zweifel. Jesaja hat diese Sätze auch für die Besucher der Klosterstätte Ihlow gesprochen. Aber nicht bloß für jene. Sondern für alle in und um Ostfriesland. Als Fin-gerzeig auf Heiligabend. Dass das Kind aus der Krippe kein Leben im Düstern oder Dunkel lassen will. Dass der Herrscher neuen Typs niemanden in Krisen und Kummer verkümmern sehen möchte. Denn die Weihnachtsgeschichten verkündigen, dass Gott über jedem Leben ein Licht aufgehen lässt. Das leuchtet für eine helle Zukunft. Selbst wenn die ersten Atemzüge in einem windschiefen Stall getan werden. An den Adventssonntagen schreiben Strahler und Bodenfluter dieses Versprechen in den Nachthimmel. Dann verwandelt sich die Imagination der früheren Ihlower Klosterkirche in eine Weihnachts- und Hoffnungs-Kathedrale. Gekrönt mit einem klaren Stern.
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Von Uwe Tatjes,Pastor in Kirchdorf19.11.2011, 12:00 Uhr
Eigentlich wollte ich über den Friedhof nur abkürzen. Die nasse Kälte kriecht unter die Jacke und lässt mich frösteln. Dunkel und november-grau hängt der Himmel über der Friedhofsallee. Dunkel und grau und schwer.
So wie die Gedanken, die sich mit diesem Ort verbinden. Während ich mein Fahrrad unter den Bäumen durchschiebe, bin ich wieder mit unterwegs. Unterwegs mit den ganzen Trauerzügen, die diese Allee entlanggezogen sind.
Bilder, Gedanken und Gefühle stellen sich ein. Wie Gäste in einem Café im Winter, die stampfend und fröstelnd Schutz vor der Kälte suchen. All das, was an die Toten erinnert, möchte nicht allein bleiben. Denn einsam sein und vergessen sein fühlt sich kalt an. Erinnerung ist wie ein leise bullernder Ofen, vor dem man sich die Hände reiben kann.
Ein junges Paar überholt mich und strebt dem Ausgang entgegen. Die wollen schnell nach Hause. Raus aus der Kälte. Weg von der Dunkelheit, die sich langsam wie eine Decke über den Friedhof zieht. Ich will auch nach Hause. In die Wärme. In das Licht.
Und dennoch gehen nicht alle weg. Viele kommen immer wieder hier her. Sind hier, als lebten die Toten noch. Suchen Nähe. Geben Fürsorge und Wärme. Danke, dass du warst.
Eigentlich wollte ich nur abkürzen und jetzt bin ich doch stehengeblieben. Ich komme an den beiden nicht einfach so vorbei. Konzentriert stecken sie Tannenzweige auf das Grab. Die Oma und der kleine Junge. „Damit Opa es warm hat“, sagt der kleine Junge und nimmt eifrig den nächsten Zweig. Seine Oma nickt nur und packt jetzt wieder Schalen und Ge-stecke auf die grüne Tannenzweigdecke.
Zufrieden betrachten die beiden ihr Werk. Der Kleine erzählt Opa von dem, was er in der Schule erlebt hat und vom letzten Fußballspiel, das sie leider verloren haben. Aber er hat ein Tor geschossen. Für Opa. „Du fehlst beim Fußball, Opa“, sagt der Junge zum Grabstein hin. „Keiner hat so laut gejubelt wie Du. Und sich über jedes Tor gefreut. Und auch, wenn wir verloren haben, hast Du uns auf die Schulter geklopft. Runterfallen, Popo knallen, weiter geht das Leben. Weißt Du noch?“
Oma streicht ihm über den Kopf. „Opa ist ja noch da. Und wir können ihm alles erzählen.“ „Im Himmel?“, fragt ihr Enkel zurück und blickt ein wenig zweifelnd auf den dunkelgrauen Abendhimmel. Ein Flugzeug zieht dort seine Bahn und es ist, als ob seine blinkenden Signalleuchten die Frage des Jungen stumm wiederholen.
„Nicht in dem Himmel da oben“, schüttelt Oma den Kopf. „In welchem denn?“, fragt ihr Enkel zurück. „In dem Himmel, wo Du und ich auch schon manchmal leben. Wenn es richtig schön ist.“ „So, wie letztes Jahr, als Opa und ich drei Tage im Zelt im Garten geschlafen haben?“ „Ja, oder wie im Sommer, wenn Opa, Du und ich, mit dem Fahrrad lachend am Deich langgefahren sind und den Wind in den Haaren gespürt haben.“ „Ist er da nicht allein?“, will der Junge wissen. „Nein“, lacht Oma, „da sind schon viele andere. In dem Himmel, wo wir niemals allein sind. Wo Gott auf uns aufpasst. So wie auf uns beide. Was meinst Du? Trinken wir jetzt einen Kakao?“ „Das wäre himmlisch“, sagt der Kleine lachend.
Erst jetzt bemerken die beiden mich. Ihre rotbackigen Gesichter blühen wie kleine rote Blumen auf dem Friedhof. Ich nicke ihnen verlegen zu.
„Euer Opa hat es gut“, sage ich und schiebe mein Fahrrad weiter.
Mir kommt ein Vers von Erich Fried in den Sinn. „Noch einmal sprechen / von der Wärme des Lebens / damit doch einige wissen: / Es ist nicht warm / aber es könnte warm sein.“ Und während ich durch den Ausgang des Friedhofs gehe, ist mir nicht mehr kalt.
BETRACHTUNG ZUM BUß- UND BETTAG
Von Tido Janssen, Pastor und Superintendent in Aurich16.11.2011, 12:00 Uhr
Nimm Tempo aus dem Alltag! Dieser Buß- und Bettag räumt uns Zeit ein, darüber nachzudenken, ob unser Tun und Lassen in die richtige Richtung geht. Ganz persönlich, politisch-gesellschaftlich, auch kirchlich. Bequem ist er nicht: der Buß- und Bettag. Er stellt sich quer zum „Weiter so!“
Wollen wir überhaupt darüber nachdenken? Seit 1995 arbeiten wir – außer in Sachsen – an diesem Tag für die Pflegeversicherung. Feiertag gestrichen!
Auf der anderen Seite klagen viele darüber, wie viel sie zu tun haben, wie sehr sie in alle möglichen Verpflichtungen eingespannt sind und wie wenig Zeit bleibt, um über wichtige Weichenstellungen nachzudenken.
Ein Buß- und Bettag könnte uns locken, uns selbst zu befragen: „Wie geht es mir? Bin ich zufrieden? Wo läuft etwas schief? Wo sollte ich das Ruder herumwerfen und eine andere Richtung einschlagen? Was kann, was muss ich ändern? Was blende ich aus? Wo übersehe ich wesentliche Dinge?“
Auch politisch könnte es sich lohnen, an diesem Tag Tempo zu drosseln. Zumindest zu fragen: „Wo sind wir längst Getriebene von Mächten und Märkten, deren Gesichter wir gar nicht kennen? Wo liegen kluge Alternativen zum „Weiter so!“? Hecheln nicht auch Entscheider nur noch hinterher? Gestaltungskraft – wo und wie finden wir sie neu? Welche Alternativen gibt es zu überschuldeten Staaten? Müssten wir dann auf Wohlstand verzichten? Und würden wir das auch als Wählerinnen und Wähler akzeptieren? Welchen Lebensstil können wir uns global leisten?
Und mein Glaube – wie lebendig ist er noch? Wie sorgfältig pflege ich ihn? Aus welchen Wurzeln speist sich meine Kraft? – Keine Zeit für solche Fragen?
Buß- und Bettag – ein unbequemer Tag. Er ist schnell vorbei. Ich kann auch nicht alle Fragen auf einmal beantworten. Habe auch nicht überall gleich gute Antworten. Aber nachdenken möchte ich darüber, auch gemeinsam. Mich unbequemen Fragen stellen. Auch nicht zu schnell urteilen. Gute Alternativen brauchen Zeit. Sie müssen klug abgewogen werden.
Sie kennen die Geschichte von dem Feigenbaum, an dem schon drei Jahre keine Früchte wachsen. Jesus erzählt von ihm. Der Besitzer geht zum Weingärtner und sagt: „Hau ihn ab!“ Der Weingärtner sagt: „Nimm Tempo raus! Gib ihm noch ein Jahr. Ich will ihn düngen, den Boden umgraben. Neues Wachstum braucht liebevolle Pflege.“ Der Weingärtner ahnt oder weiß: Die Wurzeln brauchen Luft. Wenn es gut werden soll, muss der Baum aus der Tiefe neu belebt werden. Es reicht nicht, den Blick nur auf das, was direkt oberhalb der Erde zu sehen ist, zu lenken. Die Wurzeln – sie brauchen meine Aufmerksamkeit. Dann kann es was werden mit schönen Früchten. Wäre doch schade, wenn Neues nicht wächst, weil wir zu schnell nur immer weiter so machen…

SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Uwe Noormann, Pastor in Tannenhausen / Georgsfeld12.11.2011, 12:00 Uhr
„Lernt aus verwehter Spur, sorgt, dass die Wüste nicht wächst“. Diese Inschrift soll am Eingang des Soldatenfriedhofes in Al Alamein stehen. Ein Wort, das gut zum Volkstrauertag passt, den wir morgen in den Kirchen und an den Gedenkstätten begehen. Sie sind zwar noch nicht verweht, die Erinnerungen in unserem Land, aber die Generation, die sich erinnern kann, ist klein geworden. Und die Jüngeren, die Nachgeborenen, verstehen es immer weniger und beteiligen sich kaum noch. „Könnt ihr diese alten Geschichten nicht ruhen lassen? Das ist doch schon fast 70 Jahre her.“
Kann man es ihnen verdenken? Wer will sich schon gerne mit den düsteren Kapiteln der Vergangenheit beschäftigen? Und warum auch – es scheint doch alles überwunden und abgehakt, jedenfalls hier bei uns…
Aber so einfach ist das natürlich nicht. Friede ist nicht selbstverständlich, sondern muss immer wieder neu erarbeitet werden. Wir sehen ja auch bei den Konflikten der Gegenwart, wie schnell Grenzen überschritten und Rechtsempfinden und Menschlichkeit über Bord geworfen werden. Der Jubel über den ,Abschuss‘ eines erklärten Feindes zeigt, wie dünn die Grenze auch bei uns ist.
Lernen, damit die Wüste nicht wächst. Die Fehler der Vergangenheit vermeiden. Krieg als das sehen, was er ist: menschenverachtend und zerstörerisch. Dazu gehören aber auch solche Wüsten wie die der Gleichgültigkeit (was geht uns das an) oder der Geringschätzung (selber schuld, die haben es nicht anders verdient). Ein Schlüssel zu diesem Lernen ist die Erinnerung: Wissen, was Menschen einander antun können, wahrnehmen, was Opfer durchmachen müssen. Dazu können Gedenktage helfen, oder auch Stolpersteine. Ein anderer Schlüssel ist der Glaube: Rechenschaft ablegen vor dem, der das Leben erfunden hat; Hoffnung schöpfen, weil das Leben mehr ist als wir für gewöhnlich daraus machen; Aufbrüche wagen, weil Gott vergibt, befähigt und ermutigt.
Wenn wir in der Kirchengemeinde den Volkstrauertag begehen, versuchen wir beides: Wir stellen uns an die Seite derer, die sich noch erinnern, und halten so das Gedenken wie auch die Mahnung der Vergangenheit hoch. Und wir stellen uns unter Gottes Wort, weil wir glauben, dass nur Gott uns helfen kann, wirklich aus den Schatten der Vergangenheit zu treten und neues Leben zu wagen.
Eins der Lieder, die wir in unserer Gemeinde morgen singen, drückt das so aus: Gott gab uns Hände, damit wir handeln. Er gab uns Füße, dass wir fest stehen. Gott will mit uns die Erde verwandeln. Wir können neu ins Leben gehen.
Ich glaube, mit Gottes Hilfe können wir dazu beitragen, dass Wüsten nicht wachsen.
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von HANS BOOKMEYER,Pastor für Ochtelbur,Bangstede und Barstede05.11.2011, 12:00 Uhr
Siehe, jetzt ist die Zeit
der Gnade,
siehe, jetzt ist der Tag
des Heils.
[Wochenspruch, 2. Kor. 6, 2]
Jetzt ist die Zeit der Gnade,
Herr?
Auf meinem Kalender
stehen jetzt
die dunklen Tage:
Mein Herz ist schwer
und trauervoll.
Andere
sehen in ihrem Alltag
mein Leid nicht.
Man spricht nicht darüber –
oder nur kurz, floskelhaft,
zwischen dem Wetter
und
sonstigen „Tagesthemen“.
Mein Leid
muss ich alleine tragen.
Stumm schreit es in mir.
Jetzt ist der Tag des Heils,
Herr?
Vor Augen habe ich
das tagtägliche Unheil,
Herr:
Leid und Katastrophen
in der Welt,
die Medien sind voll davon;
Streitigkeiten
und alltägliche Missver-
ständnisse
um mich herum
und ich mittendrin;
Gleichgültigkeit
und Einsamkeit
bis in die Familien hinein.
Und:
Vor wie viel
Schuld und Versagen
vergangener
wie heutiger Tage
schließe ich die Augen,
Herr?
Doch:
Durch Wegsehen
wird nichts heiler,
durch Verschweigen
nichts ungeschehen,
nur härter,
nur bitterer,
nur kälter.
All´ das weißt Du, Herr.
Und kommst doch zu mir.
Du kommst –
gerade deshalb?
Schon vor Menschen
habe ich
keinen Anspruch
darauf.
Und Du, Herr,
schenkst mir
Deine Nähe,
Deine Güte.
Du weinst mit mir
in meinem Leid,
trägst mit mir die Schuld,
dass ich
darunter nicht zerbreche,
gibst
in meinen stummen Mund
mir Worte des Lebens.
Du öffnest mir die Augen,
mitten
in den finst‘ren Tagen
auf Dein Licht zu sehen,
das
unvergänglich strahlt;
Dir zur Heilung
anzutragen,
was
vor und in mir,
was
durch mich
zerbrochen
ist.
Danke, Herr,
dass jetzt,
in diesen dunkeln Tagen,
Du mir
Deine
Gnade
schenkst;
danke, dass
statt mich zu zerbrechen,
Du mir
gerade jetzt
Dein
Heil
gewährst.
Hilf, Herr,
dass auch ich,
frei von aller Nacht
und and‘rer Macht
es mit dem Apostel Paulus
sagen kann:
„Ist jemand in Christus,
so ist er eine neue Kreatur;
das Alte ist vergangen,
siehe, Neues ist geworden.“
[ 2. Kor. 5, 17 ]
Denn:
Siehe, jetzt ist die Zeit
der Gnade,
siehe, jetzt ist der Tag
des Heils!
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Andrea Düring-Hoogstraat,Pastorin in Victorbur29.10.2011, 12:00 Uhr
In diesem Jahr wird der „Goldene Oktober“ seinem Namen voll und ganz gerecht. Wir alle genießen wohl die schönen, strahlenden Tage, die er uns beschert – eine kleine Entschädigung für den grauen, verregneten Sommer, ein Bonbon vor den Herbststürmen und den düsteren Novembertagen.
Unser Jugendkreis hat uns in dieser Woche einen ganz speziellen Gast zugeführt, dem das Wetter besonders entgegenkam. Das war Pastor Francois Pihaatae, der mit einem Begleiter von „Brot für die Welt“ anreiste. Er stammt von der anderen Seite der Welt, vom „nassen Kontinent“, also aus dem Pazifik mit seinen 20000 Inseln, 12000 Sprachen und acht Millionen Einwohnern. Was aber hat diesen Mann aus der Wärme seiner Heimat ausgerechnet nach Victorbur verschlagen?
Er soll in Zukunft die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen im Pazifik nach außen vertreten. Das ist ein ökumenischer Zusammenschluss von 25 Kirchen, die mit einem Mund für ihre Mitglieder sprechen und auf deren Probleme aufmerksam machen wollen. Egal, ob ihre Inseln unabhängige Staaten sind oder britische bzw. französische Kolonie: Die Menschen dort haben gemeinsame existenzielle Sorgen.
Viele ihrer Inseln versinken im Meer. Das Wasser kommt nicht nur von allen Seiten auf sie zu, sondern es steigt mittlerweile sogar durch den Boden an die Erdoberfläche. Jetzt ist es soweit, dass die ersten Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Doch wohin sollen sie gehen? Wer nimmt sie auf?
Neuseeland öffnet die Tür für 75 (!) Betroffene im Jahr. Und selbst wenn sie irgendwo Land für sich finden – Klima, Sprache, Kultur und Lebensgrundlagen werden selbst im direkten pazifischen Raum, der sich fast unendlich weit erstreckt, völlig anders sein als zu Hause. Manche von den größeren Inseln mögen geschützt werden können mit viel Geld und moderner Technologie. Aber die Verwaltungswege sind weit, Absprachen kompliziert. Oft fühlen sich die einzelnen Inseln alleingelassen – wie ein Tropfen im Ozean. Nun sagt die ökumenische Arbeitsgemeinschaft: „Ja, allein sind wir ein Tropfen, gemeinsam aber ein ganzes Meer“, und wird als Nicht-Regierungsorganisation aktiv.
Pastor Pihaatae ist in Deutschland, um Verbindungen zu knüpfen. Von Victorbur geht er nach Berlin zu Begegnungen mit Regierungsausschüssen. Bei uns war er, weil unsere Jugendlichen einen heißen Draht zu „Brot für die Welt“ haben. Dort in Stuttgart dachte man sich: „Die Victorburer leben doch direkt (na ja…) an der Küste. Vielleicht können die ihm einen Eindruck von modernem Küstenschutz verschaffen.“
Und wirklich haben ihn Obersielrichter Behrends und Oberdeichrichter Wiltfang herzlich und mit offenen Armen empfangen und ihm die Entwässerung und den Deichbau in unserer Region anschaulich im Schöpfwerk an der Knock erläutert.
Dann ging es in die Niederlande, wo der Bürgermeister und ein Verwaltungsfachmann auf Schiermonnikoog ihm die niederländischen Schutzmaßnahmen gegen das Wasser erklärten. Zwei Sprüche gefielen unserem Gast ganz besonders: „Kein Deich, kein Land, kein Leben“ und „Well nich will dieken, mutt wieken“.
Doch bei all den vielen interessanten Begegnungen war es der Gottesdienst, der Pastor Pihaatae besonders viel bedeutet hat, dazu der Besuch in unserer Ostvictorburer Bibelstunde. Er hat sich mit bewegenden Worten an unsere Gemeinde gewandt.
„Ihre Vorfahren haben diese große Kirche gebaut. Hier haben sie miteinander gebetet und sich Kraft und Mut geben lassen für den Kampf gegen das Wasser. Von dieser Kirche aus sind sie ans Werk gegangen und haben die Deiche gebaut. Wenn Sie mich heute fragen: „Was können wir hier in Ostfriesland tun?“, dann sage ich Ihnen: Denken Sie an die Menschen im fernen Pazifik und beten Sie mit uns. Es tut uns gut, zu wissen, dass Christen überall auf der Welt mit uns im Gebet verbunden sind. Wenn wir zusammenstehen und beten, geht es uns wie Petrus, als er über das Wasser ging. Solange er auf Jesus blickte, fiel es ihm leicht, auf den Wellen voranzuschreiten. Als er nach unten blickte, von Jesus weg, versank er im See. Wenn wir uns im Gebet von Gott und in der Gemeinschaft stärken und ermutigen lassen, gehen wir nicht unter, sondern können viel erreichen.“
Für uns sind dies die letzten schönen Herbsttage. Dann kommt der dunkle November mit den Gedenktagen, die viele von uns so traurig und schwermütig machen. Unter uns sind etliche Leute, die sich davor fürchten, von ihrer Trauer und ihren Erinnerungen in ein dunkles Meer hineingezogen zu werden und darin zu ertrinken.
Wir können viele pazifische Inseln leider nicht retten, aber wir können Deiche bauen gegen das Meer der Hoffnungs- und Aussichtslosigkeit. Dazu müssen wir so vorgehen, wie Francois Pihaatae uns das empfohlen hat. Wir dürfen zusammenkommen in unseren Kirchen, die in Jahrhunderten so viele Gebete, so viele Klagen gehört und so viel Traurigkeit gesehen haben. Dort können wir unsere Anliegen einfließen lassen in den Strom des Gebetes der Gemeinde.
Wir merken: Wir sind nicht allein. Wir haben alle unsere eigenen Lasten, aber unsere Banknachbarn auch. Wir blicken auf Jesus, der den Tod für uns am Kreuz besiegt hat. Seine Auferstehung macht Mut. Sie rückt die Zukunft ins Blickfeld. Mit Gottes Hilfe können wir im Gebet Deiche gegen das Meer der Hoffnungs- und Ausweglosigkeit errichten, neue Lebensfelder einpoldern und erschließen und auch wieder sicher wohnen.
Wer auf Jesus sieht, kann wie Petrus über die Wellen gehen. Das lassen Sie uns ausprobieren!
Amen.

SONNTAGSBETRACHTUNG
Von von Viola Chrzanowski, Pastorin in Holtrop22.10.2011, 12:00 Uhr
In gemütlicher Runde sitzen wir im Gemeinderaum vor unseren Teetassen. Die Augen richten sich auf mich. Natürlich, von der Pastorin wird zu Beginn eine kleine Andacht erwartet. Ein paar besinnliche Worte, die uns einstimmen auf einen fröhlichen Abend in netter Gemeinschaft.
Ich hole mein Losungsbüchlein aus der Tasche und schlage die Losung des Tages auf. Ein Wort aus dem 14. Psalm: „Der Herr schaut vom Himmel auf die Menschenkinder, dass er sehe, ob jemand klug sei und nach Gott frage. Aber sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben; da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer.“
Ein hartes Wort! Kein Wort für einen besinnlich-gemütlichen Abend. Die Bibel ist nicht immer besinnlich-gemütlich. Sie redet Klartext. „Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer.“
Nichts mit „In jedem Menschen steckt doch ein guter Kern“! Hätten wir das von der Bibel erwartet? Ja, jemand wie der Gaddafi, der erscheint uns leicht als das verkörperte Böse. Auf den können wir das wohl anwenden. Aber auf jeden von uns?
Die Bibel sagt: Sie sind alle abgewichen. Alle. So wie ein Kind, das sich an der stark befahrenen Straße von der Hand der Mutter losreißt und seinen Weg ohne die Mutter gehen will. Das Kind ärgert sich darüber, dass die Mutter ihm Vorschriften macht, Gebote gibt. Das Kind will frei laufen, wohin es will. Es sieht nicht, dass der Weg weg von der Hand der Mutter ins Unheil führt.
Der „gute Kern“ in uns selber ist es nicht, der uns davor bewahrt, ins Unheil zu rennen. Sondern Gott ist es, der uns an die Hand nehmen will. Jesus Christus ist es, der uns den neuen Anfang ermöglicht, unseren Weg mit Gott zu gehen.
Jeden Tag aufs Neue stehen wir vor der Entscheidung: Will ich meinen Weg mit Gott gehen oder ohne Gott? Will ich auf dem Weg gehen, auf dem er mich führt, oder will ich meinen eigenen Weg gehen – ohne Gott?
Wie entscheiden Sie sich heute? Werden Sie Ihren Weg heute mit Gott gehen?
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Pastor Wolfgang Beier,Münkeboe-Moorhusen15.10.2011, 12:00 Uhr
„Hallo, hör das mal an, der Herr ist mein Hirte, er weidet mich auf einer grünen Aue, so was lern ich nicht!“ Ich vergesse nicht den empörten Gesichtsausdruck des Konfirmanden, der sich mit mir auseinandersetzen wollte. Gerne wolle er auswendig lernen, aber bitte nicht solche Sätze. Alte Sprache und abstrus. Grüne Aue, von wegen, ihm ginge es schlecht. Dürfe abends nicht lange aufbleiben, in der Schule nur Arbeiten schreiben, und Taschengeld sei knapp.
Mit meinem Schmunzeln konnte ich aber nicht umhin, ihm in einem Winkel meiner Seele recht zu geben. Mir wird nichts mangeln, habe ich das in meinem bisherigen Leben so erlebt? Hat ER, Gott, der Herr, mich immer zum frischen Wasser geführt? – Sicher nicht, und trotzdem ist dieser Psalm der bekannteste und beliebteste Psalm der Bibel bis heute. Gerade in seinen alten wohlvertrauten Worten, die jüngeren Ohren erst einmal erschlossen sein wollen. Dass uns im Leben nichts mangelt, auch wenn so Vieles fehlt, ist einer der Spitzensätze unseres Glaubens.
Geld fehlt, und wird knapp in unseren Familien, es tut weh und macht Sorgen, und doch entscheidet sich unser Glück nicht daran. Schulden drücken, und irgendwo fehlt immer ein Quentchen Gesundheit zu unserem Glück, und doch leben wir, und können ganz tief Vertrauen empfinden, Segen und Glück. Es fehlt an Manchem. Das iPhone, das ich mir nicht leisten kann. Vielleicht aber ein iPad? Die Reparatur des Autos, neue Winterreifen, einen Zahnersatz. Und höre dabei die Worte: Es soll dir nichts mangeln. In allem, was fehlt, soll es mir, in meiner Seele nicht mangeln.
Von Gott, dem Hirten, wird gesagt: Er erquickt meine Seele. Ja, das habe ich oft erlebt, dass bei allem meine Seele erquickt wurde. Wieder so ein Wort. So, wie es auf dem Denkmal vor unserer Kirche in Münkeboe steht, wo der Christus mit ausgebreiteten Armen den Menschen im Dorf zuruft: „Kommet her zu mir alle, ich will euch erquicken.“
Und wieder das befremdete Rätselraten einer Konfirmandin, was das denn heiße: quicken? Quick? So alte Worte, und doch bilden sie die Grundsubstanz von Zufriedenheit und Glück in unserem Leben, was wir Segen nennen: Es soll dir nichts mangeln in deinem Leben, ER erquickt deine Seele.
Ich denke an die Worte des Liedes von Eugen Eckert:
Keinen Tag soll es geben,
da du sagen musst:
Niemand ist da, der mir die
Hände reicht.
Keinen Tag soll es geben,
da du sagen musst:
Niemand ist da, der mit
mir Wege geht.
Keinen Tag soll es geben,
da du sagen musst:
Niemand ist da, der mich
mit Kraft erfüllt.
Keinen Tag soll es geben,
da du sagen musst:
Niemand ist da, der mir die
Hoffnung stärkt.
Keinen Tag soll es geben,
da du sagen musst:
Niemand ist da, der mich
mit Geist beseelt.
Keinen Tag soll es geben,
da du sagen musst:
Niemand ist da, der mir
das Leben schenkt.
Und der Friede Gottes,
der höher ist als unsre
Vernunft,
der halte unsren Verstand
wach
und unsre Hoffnung groß,
und stärke unsre Liebe.
Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Nun schreiben wir im Konfa erst mal diesen Satz und hängen ihn mit großen Buchstaben in die Kirche. Und singen dies Lied. Mal sehen, was sich tut. Und Ihnen – eine herzliche Einladung in die morgigen Gottesdienste.
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Jens Blume,Pastor in Timmel und Mittegroßefehn08.10.2011, 12:00 Uhr
Selbst die eifrigsten Verwender des Satzes: „Auch der Herbst kann noch schöne Tage haben…“ können sich dieser Tage nicht mehr vertrösten. Blätter fallen, Regen und Nebel legen sich über das Land
Man kann durchaus die Schönheit der Landschaft bewundern – weil knorrige Äste die Fantasie anregen, wenn sie sich durch das Gemisch aus Regen und Nebel strecken. Das gibt so schaurig-schöne Landschaftsbilder…
Auch wenn sich Kühe oder Pferde vom abendlichen Bodennebel halb verschluckt vor untergehender Sonne abzeichnen – dann ist das allemal ein schönes Bild.
Andere sehen dem Herbst mit Bangen entgegen. Denn: Viele Menschen empfinden in den Tagen des Herbstes einen tiefen Schmerz. Schwermut breitet sich in ihnen aus. Und sie empfinden eine Verlorenheit, die Kraft und Mut zum gelingenden Leben nimmt.
„Red´ dir doch nichts ein!“, hört man gutmeinende Ratgeber dann sagen und „Reiß dich mal zusammen!“. Und irgendjemandem fällt dann bestimmt der unvermeidliche Spruch ein: „Auch der Herbst hat schöne Tage. Allein schon die klare Luft und wenn alles so frisch nach Erde riecht.
Mach Dir eine Tasse Tee, setz Dich auf Dein Sofa und deck Dich warm zu! Genieß das doch einfach! Und denk an etwas Schönes!“
Das Problem ist: Diejenigen, die die Schwermut nicht kennen, diese Melancholie der Seele, denen fällt es schwer, Menschen mit Schwermut angemessen zu begegnen. Zu sehr sind wir alle gewohnt, dass dann eine Fassade errichtet wird. Zu gern nehmen wir seelisch Schweres nicht ernst. „Alles ist leicht, nimm´s nicht zu schwer!“ Freundlich-fröhliche Menschen überall – aber wie sieht es innen aus, in den Gedanken, in der Seele?
Es ist schon ein großer Schritt für diejenigen, die an Depressionen leiden, die Fassade fallen zu lassen und die eigene Schwermütigkeit anzunehmen, um etwas dagegen zu tun. Und bestimmt hilft es, sich dann der modernen Medizin anzuvertrauen.
Aber: Schon in den 50er Jahren schreibt der Theologe und Religionsphilosoph Romano Guardini: „Die Schwermut ist etwas zu Schmerzliches, und sie reicht zu tief in die Wurzeln unseres menschlichen Daseins hinab, als dass wir sie der Medizin allein überlassen dürften…“ Und er nennt Formen der Religion, die Praxis des Glaubens als taugliches Mittel, mit der Erfahrung der Schwermut umzugehen.
Menschen aller Zeiten kennen das Phänomen der Schwermut. Es gibt einige Berichte (gerade von tief gläubigen Menschen), in denen beschrieben wird, wie sie immer wieder hart mit sich ringen mussten, weil die Schwermut auf ihnen lastete. Was unsere Väter und Mütter im Glauben dagegen taten, war gar nicht so weit entfernt von dem oben genannten Rat: „Denk an etwas Schönes!“
Sie haben sich bewusst Zeit genommen, um in der Bibel zu lesen. Sie haben gebetet. Sie haben Choräle gesungen – immer und immer wieder in den Momenten, in denen sie die Schwere ihrer Seele gespürt haben. Denn ihnen war bewusst, dass die Lebensschwere nicht unserer eigentlichen Bestimmung entspricht. Nicht im Sinne eines „Reiß dich zusammen“ sind sie den dunklen Zeiten begegnet. Sie haben ihre Situation ernst genommen und haben dem das Helle entgegengestellt, das Gott durch Jesus Christus in unsere Welt hineingetragen hat.
„Mache dich auf und werde Licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir!“ (Jesaja 60,1) lautet die Losung für diesen Sonntag und als Wochenspruch begleitet uns: „Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen und das Licht und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.“ (2. Timotheusbrief 1,10b).
Zwei „Licht-Texte“, die das Dunkel dieser Zeit und das Dunkel unserer Seele durchdringen, damit es uns leicht wird, wenn die Schwere drückt.
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Anne Ulferts-Tatjes, Pastorin in Wiesmoor01.10.2011, 12:00 Uhr
Freunde erzählten uns neulich, wie schwer es sei, unter der Woche die ganze Familie an einen Tisch zu bekommen. Die Arbeitszeiten der Eltern, die Kinder mit langen Schultagen oder noch das Sportprogramm am Abend, machen es nicht einfach, dass immer alle da sein können und dass Zeit da ist, in Ruhe am Tisch zu essen und zu erzählen, was jeder erlebt hat und ins Gespräch zu kommen. Ja, manchmal muss sich die Familie schon richtig verabreden, um zusammenzukommen.
Der Tisch ist für mich dabei viel mehr als ein funktionales Möbelstück.
Was wäre das Leben ohne einen Tisch, an dem wir unseren festen Platz haben?
Wie schön ist es, sich an einen einladenden gedeckten Tisch zu setzen und willkommen zu sein. Ich weiß noch, dass wir als Kinder gerne unter dem Tisch in der Küche saßen, dort ungestört spielen konnten und den Erwachsenen zuhörten.
Geprägt durch die landwirtschaftliche Arbeit und den Tagesrhythmus gab es feste Mahlzeiten, wo die Familie am Tisch zusammenkam, das Tischgebet Mittags wurde von der Großmutter gesprochen, für uns als Kinder selbstverständlich. Die gemeinsame Mahlzeit, um zur Ruhe zu kommen, sich zu besprechen, Ärger loszuwerden, aber auch das Essen und die Gemeinschaft zu genießen und zu lachen.
Und im Laufe des Lebens sind noch viele andere Tische dazu gekommen. Das Pult in der Schule, der Tisch eines Freundes und die zahllosen anderen Tische, an denen wir feierten oder bis in die Nacht redeten.
Und dann irgendwann der Gang zu zweit in ein Möbelgeschäft: Was für ein Gefühl, den ersten eigenen Tisch zu kaufen. Dann daran die ersten Mahlzeiten, die ersten Gäste, das erste Kind…
Der Tisch ist Gastgeber, Pädagoge und ein Gleichnis für den Himmel.
Am gemeinsamen Tisch wird das Leben geteilt; diskutiert und im Gespräch nach Lösungen gesucht, Werte vermittelt.
Jesus hat einmal gesagt: „Es werden kommen vom Osten und Westen, vom Süden und vom Norden und zu Tische sitzen.“ So beschreibt Jesus das Reich Gottes. Es ist ein großer Tisch, an dem wir einen Platz haben. Wo wir aus allen Himmelsrichtungen erwartet werden. Gespannt bin ich schon jetzt auf die Tischordnung. Denn die wird anders sein als an den Tischen unserer Welt. Ich stelle sie mir so vor: Das Essen reicht für alle. Einer hört dem anderen zu. Und für diese Mahlzeit am Tisch Gottes haben wir alle Zeit der Welt.
Am Sonntag wird in unseren Kirchen das Erntedankfest gefeiert. In unserer Gemeinde gibt es nach dem Gottesdienst ein gemeinsames Essen, kommen ganz unterschiedliche Menschen zusammen, alte und junge.
Für mich ist das auch schon ein Gleichnis für den Himmel, ein Vorgeschmack.
Und in der nächsten Woche will ich versuchen, bewusster, die Familie an einen Tisch zu bekommen…

 

SONNTAGSBETRACHTUNG
Von von Heinfried König, Pastor in Lamberti24.09.2011, 12:00 Uhr
Wir Menschen leben mit einer großen Sehnsucht anerkannt und geliebt zu werden. Und wie viel tun wir dafür, dass es so wird? Wir unterwerfen uns einem Leistungsstress im Beruf, wollen es „zu-etwas-bringen“, Karriere-machen, Reich-werden. Oder wir versuchen mit übermenschlichen Leistungen im Buch der Rekorde unsere Sehnsucht erfüllt zu finden. Gehen ins Urwaldcamp. Menschen lassen sich in Castingshows schikanieren und demütigen. Wiederum andere spenden und engagieren sich für karitative Projekte, manchmal in der mutmaßlichen Vorstellung, der liebe Gott könnte ja ein Buchhalter sein und ein Payback-Konto führen. Alles mit dem Ziel, bei ihm gut „angeschrieben“ zu sein.
Wiederum, wer von uns will nicht alles recht machen? Wer möchte nicht ein rechter Vater, eine rechte Mutter, ein rechter Ehemann, eine rechte Ehefrau sein? Wer möchte nicht „gut“ sein in seinem Beruf und auch in seinem Hobby? Wer möchte nicht, wenn er aus dem Arbeitsleben ausscheidet, etwas Tüchtiges geleistet haben?
Nur wer bewertet das? Wer kann wirklich sagen, ob wir gut sind? Im Übrigen, wem ist das überhaupt wichtig – außer uns selbst? Wer fragt danach, wie wir in unserem Leben zurechtkommen? Wem sind wir wirklich wichtig? Müssen wir nicht alles viel zu sehr mit uns allein ausmachen? Wie sehr sehnen wir uns nach einer guten Meinung über uns und sind doch zutiefst unsicher. Mit wie vielen Ängsten gehen Menschen durch die Welt, die eben darin ihre Ursache haben?
Burnout – „ausbrennen“ nennt die Medizin diesen Zustand, in den Menschen hineingeraten können. In den letzten Jahren haben wir immer mehr davon gehört. In dieser Woche trat Ralf Rangnick als Schalke-Trainer zurück, weil ihn der Stress und der Leistungsdruck an Grenzen gebracht hat. Wir haben von Markus Miller, Torwart von Hannover 96, gehört, auch er outete sich, dass er Opfer von Stress und Leistungsdruck geworden ist. Viele Ärzte sind der Meinung, dass diese Krankheit schon wesentlich verbreiterter ist, als wir gemeinhin annehmen.
Was kann der Glaube da tun? Zum einen hat unsere Sehnsucht nach Anerkennung im Glauben ein Ziel gefunden. Und das andere ist, sich Jesus anzuschauen. Er war einer der zuversichtlichsten Menschen aller Zeiten. Er strotzte vor Selbstvertrauen. Er glaubte an sich selbst. Stand in ständigem Kontakt mit seinem Vater und hatte, wenn man so will, einen inneren Anker: „Warum liebt ihr die Ehre bei den Menschen mehr als die Ehre bei Gott?“ (Johannes 12, 43)
Wer an Gott glaubt, braucht nicht Gott zu sein und Gott zu spielen. Er muss nicht der Gesündeste, der Stärkste, der Schönste, der Erfolgreichste sein. Der Glaube befreit von diesem Zwang. Er schenkt uns ein Leben, das den Tod im Rücken hat und die stete Gemeinschaft mit Gott als Zukunft vor sich sieht. Ja, und dann können wir, befreit von der Sorge um uns selbst, Karriere machen, Leistungen erbringen, mit dem Wissen, wir sind mehr als unsere Leistung. Wir sind beschenkt mit dem Christus in uns.
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Georg Janssen, Pastor in Ihlowerfehn und Ludwigsdorf17.09.2011, 12:00 Uhr
„Trinkt ihr so viel Milch?“ Flavia schaute uns ganz erstaunt an. Flavia ist Ende 50 und kommt aus Peru. Sie ist Bäuerin. Der kleine Hof, den sie bewirtschaftet, liegt hoch in den Anden. Seit gut einer Woche ist sie zu Gast in Deutschland. Von ihrem Hof in den Bergen bis nach Hannover war sie eineinhalb Tage unterwegs. Es ist die erste Reise ins Ausland für sie. Sie ist in diesen Tagen mit einer Gruppe von „Brot für die Welt“ in Ostfriesland unterwegs, um in verschiedenen Kirchengemeinden aus ihrer Heimat zu berichten.
Am Donnerstag war die Gruppe bei uns in der Kirchengemeinde zu Gast. 50 Konfirmanden hörten gespannt zu, wie sie von ihrem Leben erzählte. Sie beschrieb ihren kleinen Acker, von dem ihre Familie satt werden musste. Er war voller Steine, aber in guten Jahren konnte sie dem Boden so viel Mais und Kartoffeln abringen, dass sie sogar etwas verkaufen konnte. In schlechten Jahren gab es nur wenig zu essen.
Was ihr denn bei uns besonders aufgefallen sei, wurde sie gefragt. „Ihr habt so viele Kühe auf dem Land. Trinkt ihr so viel Milch? Ihr habt auch so große Felder mit Mais und Kartoffeln. Braucht ihr das alles selber?“
Zwischen den Konfirmanden und den Mitarbeitern von Brot für die Welt entwickelte sich eine spannende Diskussion, ausgelöst durch die Fragen: Braucht ihr eigentlich all das, was ihr verbraucht? Ist es gerecht, dass ein kleiner Teil der Weltbevölkerung – und wir gehören dazu – solch einen großen Teil der Rohstoffe und Nahrungsmittel für sich beansprucht? Ist es akzeptabel, dass von diesen Lebensmitteln ein Drittel im Müll landet?
„In Wien wird so viel Brot in den Müll geworfen, wie in der nächst größeren Stadt Graz verbraucht wird!“ wusste einer. „Das wird bei uns nicht anders sein! Wir werfen Lebensmittel weg und anderswo hungern die Menschen, weil das Getreide aus vielen Ländern zu uns kommt und nicht zu ihnen“, meinte ein anderer. Eines war am Ende des Nachmittags allen deutlich geworden: „Es ist genügend Getreide auf der Welt vorhanden, um alle Menschen satt zu machen – es ist nur ungerecht verteilt.“
Als wir draußen noch mit einigen Konfirmanden zusammen standen, sagte eine Konfirmandin nachdenklich: „Was mag die Frau wohl in Peru über uns erzählen?“
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von ANDREAS SCHEEPKER,Pastor in Westerende10.09.2011, 12:00 Uhr
An den 11. September vor zehn Jahren erinnere ich mich sehr genau. Ich habe an einer Fortbildung in Oldenburg teilgenommen. Wir waren in einem Gebäude der Uni, ganz für uns, und niemand verfolgte die Nachrichten mit. Die Handys waren alle ausgeschaltet.
Mein Autoradio funktionierte nicht, sodass ich auch auf der Rückfahrt am Abend keine Nachrichten hörte. Am 11. September habe ich Geburtstag. Ich freute mich auf die Freunde, die nachher kommen würden, und hielt den Geburtstag von Franz Beckenbauer für das bedeutsamste historische Ereignis an einem 11. September.
Zuhause angekommen wunderte ich mich, dass einfach so der Fernseher im Wohnzimmer lief. Meine Frau macht tagsüber nie den Fernseher an, vor allem lässt sie ihn nicht laufen und geht dann weg.
Ich sah die Bilder von den Flugzeugen, die in die Türme des World Trade Centers flogen und hielt das für einen der üblichen amerikanischen Katastrophenfilme, bis meine Frau kam und ich erfuhr, was los war.
Für mich haben die Ereignisse des 11. September etwas Unwirkliches. Das geht vielen so. Und das war ja auch ein Ziel der Anschläge, die Selbstsicherheit unserer westlichen Zivilisation zu erschüttern und zu verstören. Diese Wirkung haben die Attentate auch nach zehn Jahren noch.
Einfache Antworten gibt es nicht. Man kann nicht die Opfer der Terroranschläge gegen die Opfer der westlichen Wirtschafts- und Außenpolitik verrechnen. Wir müssen kritisch und selbstkritisch werden gegen das Gewaltpotenzial, das in vielen Religionen steckt – genauso wie in nichtreligiösen Ideologien.
Dieses Gewaltpotenzial liegt immer in der Selbstanmaßung und Selbstüberschätzung von Menschen, die die eigene Wahrheit als Anspruch gegen andere richten und damit Gewalt legitimieren. Das gibt es in der Geschichte des Christentums und des Islam genauso wie in anderen Religionen und in nichtreligiösen Weltanschauungen.
Glauben an Gott heißt für mich: zweifeln. Zweifeln an den Absolutheitsansprüchen, die Menschen gegeneinander richten. Zweifel an der Selbstanmaßung, mit der die eigene Überzeugung Menschen dazu führt, andere abzuwerten und abzulehnen.
Glauben heißt für mich auch: Zweifeln an den einfachen Erklärungsversuchen. Die Frage nach den Ursachen des Terrors und dem Ausweg aus dem Terror müssen differenziert und vielschichtig bedacht werden. Vielleicht ist die Skepsis hier hilfreicher als die Patentrezepte. Und Fragen bringen mehr als pauschale Antworten.
Landesbischof Meister hat in einem Brief an alle Kirchengemeinden dazu aufgerufen, dass die drei Religionen Abrahams – Judentum, Christentum, Islam – für sich ihren Friedensauftrag formulieren. Er schreibt: „Als Christinnen und Christen bleiben wir an den Friedensauftrag Jesu gebunden und hören ihn immer wieder als aktuelle Herausforderung für das Leben in einer gewalttätigen Welt. Das verbindet uns mit der Gemeinschaft aller, die sich durch ihren Glauben zum Frieden beauftragt wissen.“
Ein Beitrag zu diesem Frieden ist, dass wir am Sonntag zur Wahl gehen und Männer und Frauen wählen, die für eine demokratische Partei einstehen. Ein Beitrag für den Frieden ist, dass wir dort, wo wir mit anderen Menschen zusammen leben und arbeiten, uns für Toleranz, Offenheit und faire Konfliktlösungen einsetzen, dass wir verbinden und Brücken bauen, anstatt abzugrenzen.
Alles, was in unserem Alltag und in Entscheidungen von Politik und Wirtschaft geschieht, hat Folgen für Menschen bei uns und in anderen Ländern. Dafür sensibel sein, Verantwortung für das eigene Tun übernehmen und trotz eigener Fehlerhaftigkeit das Richtige zu tun versuchen, damit wäre viel gewonnen.
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von von Stefan Wolf,Pastor in Wiesmoor03.09.2011, 12:00 Uhr
Was würden Sie an einem freien Nachmittag lieber machen, wenn Sie die Wahl hätten?
Einen Wellness-Nachmittag ganz für Sie alleine oder eine Fahrradtour mit Freunden? – Schwierige Frage, oder?
Die Antwort hängt für mich sehr von der Situation und der Tagesform ab. Manchmal muss ich einfach alleine sein, um abschalten zu können. Aber immer nur allein, das wäre schrecklich!
Neulich hat mir jemand eine Karte geschenkt, auf der der Spruch geschrieben stand: „Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen.“ Das sehe ich genauso.
Vielleicht kennen Sie das auch: Man ist morgens noch etwas müde, nicht so gut drauf und dann trifft man jemanden auf der Straße, sagt sich „Moin“, wechselt ein paar Worte – und schon sieht die Welt wieder anders aus. Ja, es sind wirklich die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen.
An diesem Wochenende feiern wir in Wiesmoor das 60. Blütenfest. Ich freue mich schon auf viele Begegnungen!
So schön es aber auch ist, andere zu treffen oder etwas mit ihnen gemeinsam zu unternehmen: Irgendwann muss man aber auch wieder allein sein.
Die Lebenskunst besteht darin, das Gleichgewicht zwischen der Zeit, die ich für mich alleine brauche, und der Zeit, die ich mit anderen verbringen möchte, zu finden. Wenn ich nur alleine bin, vereinsame ich. Und wenn ich gar nicht mehr alleine bin, komme ich nicht zur Ruhe. Den guten Mittelweg zu finden, ist oft gar nicht so einfach.
Für mich ist Jesus dabei ein gutes Vorbild. Immer wieder wird in den Evangelien erzählt, dass Jesus für sich alleine sein wollte, um zu beten. Auf der anderen Seite suchte er sich Menschen, die sich mit ihm gemeinsam auf den Weg machten. Er hat auch gerne mit anderen zusammen gesessen und mit ihnen gegessen und getrunken.
Im Glaubensleben ist auch beides wichtig: Zeit für sich alleine haben und Zeit mit anderen verbringen. Ich brauche Zeit für mich, um zur Ruhe zu kommen, um zu beten oder um für mich in der Bibel zu lesen. Auf der anderen Seite brauche ich den Austausch mit anderen über die Bibel und den Glauben. Und ich brauche den Gottesdienst, der mir wieder neue Kraft gibt und neue Gedanken bringt.
Jesus hat einmal gesagt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Matthäus 18,20) Das ist der Bibelspruch für den Monat September.
Ich bin mir sicher: Jesus ist auch dann für uns da, wenn wir für uns alleine sind. Mit diesem Satz warnt er uns aber davor, unseren Glauben ganz und gar alleine zu leben. Der Glaube verkümmert, wenn er überhaupt nicht gelebt wird. Er verkümmert aber auch, wenn er nicht mit anderen gelebt wird.
Am Sonntag feiern wir in Wiesmoor Gottesdienst auf der Freilichtbühne. Da werden sicher mehr als zwei oder drei in Gottes Namen versammelt sein. Das wird bestimmt ein ganz besonderes Erlebnis! Aber auch ein Gottesdienst, zu dem viel weniger Menschen kommen, kann mir neue Kraft schenken. Und auch, wenn ich nur mit einem anderen Menschen über den Glauben spreche, ist Jesus dabei.
Ich wünsche Ihnen an diesem Wochenende Zeit für gute Begegnungen und Zeit, um zur Ruhe zu kommen. Nehmen Sie sich auch Zeit für Gott, damit er Sie neu mit seiner Kraft erfüllen kann.

SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Karsten Beekmann,Pastor in Walle27.08.2011, 12:00 Uhr
Dieses Gefühl vergisst man(n) nicht: Zum ersten Mal war ich verliebt. Alles um mich herum war wunderbar und schön und mit einer rosaroten Brille auf der Nase wähnte ich mich wie im (siebten) Himmel! Sobald ich meine Liebste auch nur ansah, fühlte ich mich dieser Welt enthoben, auf Wolke sieben! Aber. Gibt es so etwas auch dauerhaft: Sich wie im Himmel zu fühlen?
Wenn ich mir selber den Himmel vorstelle, dann denke ich zum einen an Wolken, Weite und grenzenlose Freiheit. Und: Ich denk an Geborgenheit und Liebe. Woran das wohl liegt? Nicht umsonst unterscheidet die englische Sprache bei dem Wort Himmel zwischen „Sky“, das den blauen Wolkenhimmel bezeichnet und „Heaven“ das unsere Sehnsucht nach einer anderen angst- und „wolkenlosen“ Welt zu beschreiben versucht.
In einer Bitte des berühmten Vaterunsers heißt es dazu: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ Und wenn dies nicht nur eine undefinierbare Sehnsucht, sondern auch ein festes Vertrauen auf Gott ausdrückt, dann könnte von Ihm her tatsächlich der Himmel auf diese Erde kommen.
Ich persönlich glaube, dass Jesus diesen Satz nicht von ungefähr gesagt hat. Denn er meinte damit: Seid wachsam: Der Himmel als ein ewiges Leben bei Gott beginnt nicht erst in einer fernen Zukunft, die wir vielleicht herbeisehnen oder auch mit einem müden Lächeln von uns schieben! Nein: Der Himmel beginnt hier und jetzt, in unseren Beziehungen und Familien, bei der Arbeit und auch am Wochenende, wenn wir freihaben!
Als Jesus einmal von einem reichen Mann gefragt wird: „Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?“ Da sagt Jesus zu ihm: Verkaufe alles, was du hast, gib’s den Armen und folge mir nach.“ (Lk 18) Und als der Mann diese Worte hört, da dreht er sich um und geht traurig davon.
Denn er hat gemerkt: Hier geht es nicht um ein Irgendwann, sondern um mein hier und jetzt. Das bedeutet also: Der Himmel als Ort der Geborgenheit bei Gott beginnt nicht erst dann, wenn wir von dieser Welt Abschied nehmen, sondern heute und hier, wenn wir ein Leben in der Nähe zu Jesus Christus und zu anderen hier und heute beginnen.
Und wenn das wirklich stimmt, dann dürfen wir tatsächlich diese Welt jeden Tag mit Gottes Augen der Liebe und Vergebung nicht nur sehen, sondern auch so verändern, dass wir ein ganz kleines Bisschen von dem erleben, was uns auch am Ende der Bibel versprochen wird: „Und siehe, ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde“ (Offnb 21). Und dieser angst- und sorgenfreie Himmel bei Gott wird dann tatsächlich tausendmal schöner sein als jeder noch so gefühlsselige siebte Himmel hier auf der Erde. Also, wenn das keine Perspektive ist…

SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Dr. Detlef Dieckmann-von Bünau, Pastor in Engerhafe20.08.2011, 12:00 Uhr
Normalerweise geht mein Schwiegervater nicht in Gottesdienste, in denen er sich selbst beteiligen soll. So meidet er grundsätzlich Familiengottesdienste. Doch diesmal hatten wir nicht auf den Plan geschaut, und so fand sich mein Schwiegervater unversehens mit uns in einem Familien-Taufgottesdienst wieder. Zum Glück war es halb so schlimm: Er musste nur auf einen Zettel schreiben, was er den Täuflingen wünscht.
Nachher fragten wir einander: „Was hast du den Kindern gewünscht?“ – „Frieden, Gesundheit, Glück!“ wünschten viele. Doch mein Schwiegervater sagte: „Wahrhaftigkeit.“ Warum? „Weil das die Grundlage für unser gemeinsames Leben ist.“
Daran musste ich in dieser Woche denken, in der die Schulanfängergottesdienste anstehen, und ich mich fragte: Was möchten wir den Kindern mit auf ihren Weg geben? Was haben sie schon gelernt und nehmen sie nun mit in die Schule? Und was werden sie noch lernen?
Vor allem lernen unsere Kinder ja mit den Händen. Schon als Säuglinge beginnen sie, Dinge zu begreifen, im Kindergarten lernen sie dann, mit ihren Händen immer mehr zu gestalten, und nun in der Schule fangen die Kinder an, mit ihren Fingern über Buchstaben und Worte zu fahren und Zahlen zu schreiben.
Doch in den Schulstunden, auf dem Pausenhof und nach der Schule lernen Kinder noch viel mehr als „nur“ Buchstaben und Zahlen: Sie erfahren, dass Hände oft gemeinsame Sache machen, sich begegnen und helfen, aber auch einander drohen und sogar wehtun können. Kinder lernen, dass es Streit geben kann, der manche aus ihrer Gemeinschaft ausschließt. Und wenn es so ist, wie es sein sollte, dann lernen Kinder dabei, sich auseinanderzusetzen, ohne einander zu verletzen, sich wieder zu vertragen oder, wenn das nicht klappt, sich an Erwachsene zu wenden, die den Streit schlichten.
Und schön ist es für Eltern zu sehen, wenn dabei Freundschaften wachsen. Nicht mit allen und nicht zu jeder Zeit. Denn selbst die dicksten Freundschaften haben ihre Tiefpunkte. Und Freundschaften können schnell wechseln. Aber sie können im Laufe der Monate und Jahre auch fester werden, die Kinder merken: mit der kann ich gut spielen, der geht mit mir durch dick und dünn, auf die kann ich mich verlassen, dem kann ich vertrauen. Und so lernen sie das, was mein Schwiegervater damals den Täuflingen wünschte: dass es Verlässlichkeit zwischen Menschen gibt, dass mir jemand die Wahrheit sagt, dass es Wahrhaftigkeit gibt und dass dies die wahre Grundlage für unser Miteinander ist.
Am besten lernen die Kinder das natürlich, wenn wir Erwachsene ehrlich und wahrhaftig zu ihnen und zueinander sind. Doch da hapert’s eben oft. Nicht selten sind wir Erwachsene der Ansicht, man müsse auch mal Fünfe gerade sein lassen – zum Beispiel, wenn es ja alle machen, oder andere noch viel schlimmer sind, oder wenn angeblich niemand einen wirklichen Schaden erleidet, oder einfach nur aus Freude, sich beim „Schummeln“ nicht erwischen zu lassen.
Wie können wir ehrlich werden oder bleiben? Wie können wir wahrhaftig leben? Wie können wir unseren Kindern gute Vorbilder werden?
Einen möglichen Weg zeichnet die Bibel vor. Sie verbindet die Wahrhaftigkeit, die Verlässlichkeit ganz eng mit Gott und sagt sogar: Gott ist Wahrheit (Ps. 31,6).
„Wahrheit“ heißt auf Hebräisch ämät. Das Tätigkeitswort dazu ist aman, wir kennen es von der Bekräftigung „Amen“, die so viel bedeutet wie: „Wahrhaftig!“ Oder: „So sei es!“ Das Verb aman wird übersetzt mit „glauben, vertrauen, etwas als verlässlich nehmen“.
Wenn ich also an Gott glaube, bekenne ich mich nicht einfach nur zu der Ansicht, dass es ein höheres Wesen gibt. Wenn ich an Gott glaube, dann verlasse ich mich wirklich, vertraue ich tatsächlich auf einen, der die Wahrhaftigkeit schlechthin ist. Und das verändert mein Leben: Ich lerne die Wahrhaftigkeit kennen, habe jemandem, dem ich immer ehrlich sagen kann, was mich bedrückt oder was ich falsch gemacht habe, weil ich auf seine Gnade bauen kann: „Denn der HERR ist freundlich, und seine Gnade währet ewig und seine Wahrheit für und für“ (Ps 100,5). Und so kann ich auch ehrlich zu mir selbst sein, zu meinen Kindern und zu anderen Menschen. Wahrhaftigkeit! Das wünsche ich mir, Ihnen und in diesen Tagen ganz besonders allen Kindern mit ihren Familien, für die die Schule beginnt.

SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Dr. Andreas Lüder, Pastor in Ostgroßefehn13.08.2011, 12:00 Uhr
Fahren auch Bauern mal in den Urlaub? Besorgt fragte ein Hörer telefonisch nach, als es vor Kurzem in einer Radiosendung um die Chancen der ökologischen Landwirtschaft ging. Im Studiogespräch berichteten junge Landwirte davon, mit wie viel Arbeit das nachhaltige Bewirtschaften ihrer Höfe verbunden sei, Tag für Tag. Und dann dieser Stoßseufzer eines mitfühlenden Hörers am Telefon: Macht ihr denn niemals Urlaub?
Die Antwort fiel zwiespältig aus. Natürlich müsse auch mal eine Reise drin liegen, so schwer das auch zu organisieren sei, sagte einer der Betroffenen, schon wegen der Kinder. Denn die hätten schließlich auch das Recht, ihre Eltern wenigstens einmal im Jahr nicht immer nur bei der Arbeit zu erleben.
Auf Urlaub könne er gut verzichten, hielt ein anderer Gesprächspartner selbstbewusst dagegen. Schließlich wohne er mit seiner Familie in einer Gegend, wo im Sommer genügend Gäste anreisten, um bei ihm auf dem Hof ihre schönsten Wochen des Jahres zu verbringen. Gleich vor der Haustür habe man doch alles, was das Herz begehrt: eine herrliche Landschaft und prächtiges Wetter. Kein Wunder, ist er doch in Oberbayern zu Hause, der beliebtesten Urlaubslandschaft Deutschlands.
Hier in Ostfriesland sehen wir das genauso. Trotz des mäßigen Sommers kamen in diesen Wochen zu uns zahlreiche Gäste aus genau dem gleichen Grund: die Ruhe und die schöne Gegend zu genießen, den hohen Himmel und die gute Luft. Was sollen wir da selber wegfahren?
Dennoch zieht es so manchen wieder in die Ferne, sobald die Ferien nahen. Einmal richtig rauskommen und Abstand gewinnen vom Alltagstrott. Nicht nur, aber auch der Kinder wegen. Raus in die Natur und andere Gegenden kennenlernen. Möglichst unberührt soll unsere Urlaubslandschaft sein. Das erwarten auch unsere Gäste an der Küste und im Hinterland.
Vor gut hundert Jahren hat das Fernweh begonnen. Wer es sich damals schon leisten konnte, der packte im Sommer seine Koffer und verreiste an die See. Oder in die Berge. Zur Sommerfrische, wie es damals hieß. Und die Kirche reist mittlerweile hinterher mit ihren Angeboten für Urlauber, zu uns an die Küste, aber auch durch ganz Europa. Auf den hiesigen Campingplätzen betreut die evangelische Urlauberseelsorge die Reisenden. Damit der Urlaub gelingen möge und die Gäste allenthalben die Seele baumeln lassen können. Und neue Kraft schöpfen, nicht nur dank der guten Luft.
Seit Jahren verbinde ich unsere Familien-Sommerfrische im Hochgebirge in Kärnten mit diesem so wichtigen Dienst als Kurseelsorger. Es bereitet stets besondere Freude, mit einer bunten, internationalen Schar von Feriengästen evangelische Gottesdienste in einer beeindruckenden, aber ganz überwiegend katholischen Urlaubsgegend zu feiern, manchmal auch an ungewöhnlichem Ort.
Den wenigen Protestanten in Kärnten ist in diesem Jahr eine aufwendige Landesausstellung dort gewidmet. „Glaubwürdig bleiben“ – unter dieses Motto stellen die evangelischen Kärntner die Dokumentation ihres bald fünfhundertjährigen „protestantischen Abenteuers“, wie es im Prospekt heißt. Glaubwürdig bleiben: Als Kurseelsorger über diesen Anspruch an uns evangelische Christen mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, mit Gästen wie mit Einheimischen, hat den Dienst in diesem Jahr allein schon gelohnt. Und das, obwohl ich selbst noch im Urlaub neben dem Wandern in einer herrlichen Gegend als Pastor arbeite – und eigentlich zu Hause bleiben könnte. Denn auch unsere Landschaft kann sich sehen lassen.

SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Ute Beyer-Henneberger, Pastorin und ARO-Geschäftsführerin06.08.2011, 12:00 Uhr
„Vergiss nicht, dass deine Seele Flügel hat“ – so lautet ein Buchtitel von Meinhold Kraus. Bilder und Texte laden ein zur Meditation und Besinnung. Ein Bild zeigt einen Kahn im Schilf. Die Sonne scheint, der See liegt still in der Abendstimmung. Einladende Ruhe geht von dem Bild aus. Hier kann man entspannen, abschalten von der Unrast des Tages. Hier kann der Blick nach innen wandern, träumen, die Seele sich aufschwingen und fliegen.
Mich hat dieses Foto angesprochen, weil ich ab und an solche Oasen der Ruhe und Entspannung brauche, weil ich Zeit zum Träumen und zur Rückschau brauche auf das, was sich gewandelt hat, was mich verändert hat und die Menschen, die ich gern habe.
Viele genießen die Ferienzeit, die schönsten Wochen im Jahr, wie es immer heißt. Und hoffentlich haben viele die Möglichkeit, nicht nur auf Bildern, sondern ganz real solche Plätze zum Träumen und Entspannen zu entdecken und zu genießen. Und hoffentlich wird ihnen viel Erfreuliches und Gutes durch den Sinn gehen bei der Rückschau auf das, was war.
Aber besonders in den ersten Urlaubstagen geht einem auch ab und an das durch den Sinn, was belastend und ungelöst liegengeblieben ist und sich doch still und heimlich in das Reisegepäck der Seele eingeschlichen hat, obwohl man es auf keinen Fall mitnehmen wollte.
Mancher versucht, durch besondere Fröhlichkeit den unerwünschten Erinnerungen zu entfliehen; andere besichtigen eine Sehenswürdigkeit nach der anderen und suchen in der Aktivität das Vergessen. Jeder und jede kennt die eigenen Strategien, um sich selbst zu erlösen.
„Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan!“ (Mt 7,7) Dazu lädt der Monatsspruch für den August ein. Diese Einladung Jesu eröffnet eine andere Dimension von Erholung und Entspannung als die, die Freizeitindustrie bieten kann. Bei ihm kann unser Suchen zum Ziel kommen; wir können Ballast abwerfen. Unsere Bitten wird er hören, er hilft tragen, gibt neue Lebenschancen, eröffnet Perspektiven, wo wir keine mehr sehen. Räume öffnen sich – innere und äußere –, in denen wir so sein können, wie wir sind – ohne Fassaden, ohne Leistungsdruck oder Verdrängung von unerwünschten Erinnerungen. In der Stille wird er sich hören lassen.
Gönnen Sie sich doch in den schönsten Tagen des Jahres eine Begegnung mit Gott. Erleben Sie einmal wieder, dass Ihre Suche zum Ziel kommt, Bitten erhört werden, gute Orte gefunden werden und Ihre Seele Flügel hat.
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von von Hans Hentschel, Pastor in Riepe30.07.2011, 12:00 Uhr
„Also, für mich hat sich der ‚liebe Gott‘ erledigt“, sagt mir die junge Frau, die mir auf meiner langen Bahnfahrt gegenübersitzt. Wir sind ins Gespräch gekommen, weil ich ein Buch lese, auf dessen Umschlagseite mit großen Buchstaben „GOTT“ steht.
Ich habe im Grunde keine Lust auf ein Gespräch mit der mir fremden Mitreisenden, sage nur: „Ach so“, und lese weiter.
„Lieber Gott…“, sagt die Frau trotzdem zu mir mit so einem enttäuschten Lachgeräusch in der Stimme. „Das habe ich früher gebetet: Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm. Was für’n Quatsch man als Kind so macht.“
Redet sie wirklich mit mir oder führt sie Selbstgespräche? Ich weiß es nicht so genau. Dann fragt sie mich: „Beten Sie ,Lieber Gott…‘ und so?“
„Manchmal“, antworte ich. Sagt sie: „Wenn der Gott tatsächlich was zu sagen hat über die Welt und so, dann habe ich mehr Lust, ihn mit ‚schlimmer Gott‘ anzureden. Man braucht doch nur ein bisschen die Augen aufzumachen, und schon sieht man lauter schlimme Sachen in der Welt. Denken Sie doch nur mal an diese Sache in Norwegen. Gut, die Jugendlichen waren vielleicht nicht fromm, aber ich frage mich, ob sie früher nicht auch gebetet haben: ‚Lieber Gott, mach mich fromm…‘, und dieser Killer da, der war angeblich ein ganz Frommer.“
Jetzt klappe ich mein Buch doch zu und nehme diese Lesebrille ab, die mir nur einen dreißig Zentimeter Scharfblick ermöglicht.
„Beim Beten geht es nicht darum, ob Sie Gott lieb oder schlimm nennen“, sage ich. „Es geht darum, dass Sie überhaupt mit Gott ins Gespräch kommen. Die schlimmen Sachen in der Welt erschrecken ihn sicher genauso wie Sie. Und dass der Killer von Oslo und Utøya sich als Christ bezeichnet, empfindet er sicher so wie Sie und ich als große Lästerung.“ Jetzt habe ich die junge Frau wohl mit meiner Gegenrede überfahren, denn sie steckt sich den Kopfhörer ihres iPods wieder in die Ohren und schaut zum Fenster raus.
Was soll’s?, denke ich. Im Grunde hatte ich auch kein Interesse an einem theologischen Gespräch in der Bahn mit einer Wildfremden, setze meine Brille wieder auf, nehme das Buch zur Hand.
„Steht da auch drin, wie Gott so was zulassen kann? Ich meine erst war Fukushima und dann Utøya, und wenn ich Ihnen erzähle, was mir schon alles passiert ist, dann fange ich noch an zu heulen.“
Brille wieder abgesetzt. Buch wieder zugeklappt.
„Klar wird die Frage behandelt, warum Gott so viel Elend zulässt .“
„Und – warum?“
„An vielem sind die Menschen selber schuld. Man kann Gott nicht für Amok-läufe oder Klimaveränderungen oder die unberechenbaren Risiken der Kernenergienutzung verantwortlich machen. Gott lässt den Menschen die Freiheit, das Gute zu tun oder sich fürs Gegenteil zu entscheiden.“
„Steht das in dem Buch?“
„Unter anderem…, so ähnlich jedenfalls.“
„Beten Sie manchmal oder lesen Sie nur so ein Buch mit so einem Titel, wo GOTT großgeschrieben ist?‘
„Nee. Ich bete regelmäßig.“– „Lieber Gott?“ – „Nee. Ich sage lieber ‚Großer Gott‘ oder ‚Heiliger Gott‘ oder manchmal auch nur ‚Vater‘ .“
Die junge Frau guckt aus dem Fenster, spielt an ihrem iPod. Für sie ist das Gespräch wohl beendet. Sie wird sich ihren Teil denken. Brille auf, Buch auf.
„Wissen Sie, was komisch ist?“, sagt die junge Frau nach einer ziemlichen Weile. „Abends, wenn ich im Bett liege, bete ich manchmal immer noch: ,Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm.‘ Ist das nicht eigenartig…? Wo ich ihn doch überhaupt nicht lieb finde.“ Ich zucke mit den Schultern. „Wichtig ist wohl, überhaupt im Gespräch zu bleiben“, sage ich.
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von REINHARD UTHOFF,Pastor der ev.-ref. Gemeinde in Aurich23.07.2011, 12:00 Uhr
Warum in Schwizerdüütsch? Weil wir an diesen Tagen Gäste aus der reformierten Gemeinde Dinhard in der Schweiz unter uns haben! Am Sonntag feiern wir mit ihnen und mit der lutherischen Paulus-Gemeinde und der lutherischen St.-Johannis-Gemeinde zusammen Gottesdienst in der reformierten Kirche Aurich. Sie ist im Laufe der Jahre eine schöne Tradition geworden, die Auricher Sommerkirche. Reihum laden die beteiligten Gemeinden einander zum Gottesdienst ein. Und hinterher geht’s in die Gemeindehäuser: Eine gute Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen und ein wenig kennenzulernen. Bei den Reformierten gibt es traditionell Tee und Kuchen, und zum Mittagessen sind unsere Schweizer Gäste dann bei Gemeindegliedern eingeladen.
Viele Auricher freuen sich auf die Sommerkirche. Da wird etwas deutlich von der „heiligen, allgemeinen, christlichen Kirche, der Gemeinschaft der Heiligen“, die Christen im Glaubensbekenntnis bekennen. Schweizer und Deutsche, Menschen aller Zeiten und Völker gehören zur „familia dei“, der Familie Gottes dazu. Im gemeinsamen Gottesdienst und durch die Tischgemeinschaft wird das deutlich. Die Botschaft der Bibel ist, dass unser Gott ein Gott der Gemeinschaft ist.
Die Theologie versucht, das mit der Rede von der Dreieinigkeit Gottes auszudrücken. Die Bibel erzählt von Anfang bis Ende Geschichten von dem Gott, der uns Menschen nachgeht, weil er Gemeinschaft sucht. Er fragt den Menschen – hebräisch: adam: „Wo bist Du“. Er steht als Vater vor dem Haus und wartet auf den „verlorenen“ Sohn, so erzählt es Jesus, und so hat Jesus auch seinen eigenen Weg und Auftrag verstanden.
Morgen ist wieder ein Sonntag, und in den Kirchen in Stadt und Land wird zum Gottesdienst eingeladen, zur Gemeinschaft. Gott selbst ist der Gastgeber. Keiner wird ausgeschlossen, keine ist unerwünscht. Gut, wenn auch Sie kommen.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag.

SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Von Jürgen hoogstraat,Pastor in Vittebur16.07.2011, 12:00 Uhr
Wat mi Fründ Hinni is, de hett alltied Last mit Knaaken. Mal knippt dat hier, mal knippt dat dor, he hett dor völ Gedoo mit. Nu hett he bi´d Dokter west un de hett hum wat upschreeben, wat he in sien Tubbe geeten kann, heet Water drup un denn sull hum dat mit sien seehre Knaaken düchdig wiederhelpen. Nu is dat ja wat heel Besünners, wenn Mannlüe na´d Dokter henmutten off wenn Mannlüe wat in innehmen un inschmeeren söllen – wo stuur fallt de Mannlüe dat un wat hollt dat smalls n Sett an, bit ´se dat Wark ut Aptheek an hör Lebend laaten. Hinni hollt dat Wark leever in´t Schkapp un hett nu ja wat in Huus, wenn dat noch mehr kniepen of noch maller worden sull. Fragst du hum: „Hinni, wo hett di dat gefallen mit dat Goodje för´d Badwanne?“ Denn seggt he mit n´Schmüsterlaggen: „Dat Wark is so good, dat helpt sachs ook to´d Schkapp ut.“ Mien Frau meent alltied, so leep mach dat mit Hinnis Knaakenpien wall noch neet wesen, wenn dat mit Hülpe to´d Schkapp ut noch daan is. Weest du, wat ik löv? Mennig en deiht nett as Hinni wenn dat um Gotts Woord deiht.
Mi dünkt in de meeste Hushollen in uns Kuntrei is n´Bibel to finnen. Gotts Woort, de to´d Kunfemation, to´d Hochtied off van Opa un Oma off van annerswor her in´t Hus komen is. Un wor is de Bibel? Heel faak steiht he in´d Schkapp. Hen un her sogor mit Gold an´d Sied of mit mooien Bild drup, neet offstött un fein up Stee. Man: in´d Schkapp steiht un he kann d´r neet ut. Off ook wall Lüe geben deiht, de denken so as Hinni: Gotts Woort, dor sitt sovöll in, dat is so goot, de helpt sogor to´d Schkapp ut? Gotts Woort kann wir´s n´heel Bült, dat löv man! Mehr as wi beid mitnanner uns vörstellen könen! Man am besten helpt di dat, wenn du`t to´d Schkapp utkriegen deihst un schleihst hum open un fangst an´d lesen. Jüst in disse Maanten nu in´d Sömmer hett menig een n´bietje mehr Tied as anners un will ook wat doon för Liev un Seel. Dorum: maak di mal ran un haal dien Bibel to´d Schkapp ut. Du sallt di wunnern, wat dor insitten deiht! Wenn du neet weest, wor du mit anfangen wullt, nehm di de Pessalms vör.
De hebben Minsken alltied weer lesen un beed,Mannlüe un Fraulüe, Kinner, ja heel Gemeenden un hemm sück dor Stöhn un Mood ut haalt, Un se hemm de Heer dor in funnen, de seggen deiht: wenn´t ook noch so düster um di to is un du weest neet recht, wo`d wiedergahn sall: hier sallt du marken: Gotts Woord helpt di wieder. He will di wiesen: du büst neet alleen up Stapp, du hest dien Heer bi di, de overall mit di achterto geiht. Up blied un mooie Dagen nett so as up maal un düster Dagen. Dat helpt di wieder! Gotts Woort is wat heel anners as Minskenwoord! Gotts Woort – dor sitt n´Bült mehr Kettoon achter as achter all, wat wi annerswor hören könen. In Pessalm 119 hett dat een unnerfunnen: „Dien Woord, Heer, is n´mooien Lücht för mien Footen un maakt mi ook de düster Paaden lecht!“ (Pessalm 119,105). Dat helpt di wieder, dor kannst di to verlaaten. Amen.

 

SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Peter Schröder-Ellies,Pastor in Aurich09.07.2011, 12:00 Uhr
„Ihr könnt nur suchen, aber nicht finden!“ Ich habe den vorwurfsvollen Ton meiner Mutter noch in den Ohren, wenn wir Kinder ihr wieder einmal so lange in den Ohren gelegen hatten, bis sie sich selbst auf den Weg machte und das Gesuchte für uns fand.
Richtig suchen will gelernt sein. Auch heute noch. Suchmaschinen erleichtern zwar die Arbeit, können aber auch dazu verleiten, den eigenen Verstand abzuschalten. „Wie war noch mal der Vorname von Boris Becker? Wart‘ mal, ich google das schnell…“
Eine Frau, so erzählt die Bibel, zündet ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, weil sie ein Silberstück verloren hat. Für sie ist das viel Geld. Und so sucht sie und sucht, bis sie das Geldstück gefunden hat, und dann ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren hatte. (Lukas-Evangelium, Kapitel 15, Vers 8-10).
Wonach suche ich in meinem Leben? Wonach suche ich so sehr wie diese Frau? Wonach suchen Sie? Ich kenne Menschen, die sind auf der Suche. Suchen intensiv – nach dem richtigen Weg im Leben, nach dem richtigen Menschen, nach dem richtigen nächsten Schritt, nach einem Ausweg, nach einer neuen Herausforderung, nach Ruhe, nach Trost…
Es ist gut, so auf der Suche zu sein. Richtig suchen, intensiv suchen, nach dem Richtigen suchen – das kommt von Gott. Gott selbst ist auf der Suche! Das Gleichnis aus dem Lukasevangelium meint Gott: Wie diese Frau ihr Silberstück sucht, so sucht Gott den Menschen!
Suchen lernen heißt: von Gott lernen. Wikipedia weiß vielleicht auf alle Fragen eine Antwort. Der Weise aber weiß auf jede Antwort zehn Fragen. Die richtigen Fragen stellen lernen – darum geht es im Leben und im Glauben. Und so gut es ist, etwas zu finden – einen richtigen Weg, einen richtigen Menschen, einen richtigen nächsten Schritt, einen Ausweg, eine Herausforderung… – so gut ist es, im Leben auf der Suche zu bleiben. Auf der Suche nach Gott. Schon in der Suche ist etwas von Gott. Etwas von Gottes Sehnsucht, die auf der Suche ist nach uns Menschen.
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Thomas Henneberger, Pastor in Aurich-Oldendorf02.07.2011, 12:00 Uhr
In der kommenden Woche beginnen sie endlich, die Ferien. Nach einem langen Schuljahr und dem Zeugnisstress am Ende können Lernende und Lehrende aufatmen, die Eltern hoffentlich auch. Aber auch viele andere freuen sich auf zwei, drei oder gar vier freie Wochen ohne Wecker, ohne jene Zeit- und Arbeitszwänge, die sonst den Alltag bestimmen. Nach der konzentrierten Anspannung die Entspannung. Wie bei einem Bogen, dessen Sehne erschlafft. Sonne und vielleicht auch eine andere Umgebung voller Anregungen tun ein Übriges, um die Ferien für viele Menschen zu den schönsten Tagen des Jahres zu machen.
Wir brauchen solche Zeiten. Denn wie der Bogen nicht immer gespannt sein darf, ohne Schaden zu nehmen, so braucht auch unsere Seele Entspannung und Erholung von den Anstrengungen des Alltags. Sie braucht Zeit und Raum und Muße. Muße, um sich selbst neu zu ent-decken. Freiräume, um zu begreifen, dass und wie wir uns in der vergangenen Zeit verändert haben. Zeit zum Träumen von dem, was das Leben alles noch sein kann.
Von einer psychologischen Zeitschrift wurden Menschen befragt, warum sie so gerne in den Ferien wegfahren und was gerade diese Zeit für sie bedeutet. Ein Grundtenor in den Antworten war der: Ich kann mich einmal ganz anders erleben, kann Seiten und Fähigkeiten an mir entdecken, die sonst verschüttet sind. Ich traue mich, meine Träume ein wenig Wirklichkeit werden zu lassen.
Auch ich hätte einer der Befragten sein können. Wenn ich an die Ferien denke, freue ich mich auf die Zeit, mich treiben zu lassen, mich neu zu entdecken und die Welt um mich herum. Und so wünsche ich allen, die jetzt Ferien bekommen, dass sie in diesen Ferienwochen ihrer Seele etwas Gutes tun können. Dazu braucht man nicht in die Ferne zu reisen. Dazu braucht es nur die innere Einstellung, die der Schriftsteller Meinold Krauss in einer kleinen Meditation so beschreibt:
„Einfach vor sich hingehen,
kein Ziel vor Augen,
den ebenen Weg verlassen,
sich treiben lassen,
dem Zufall trauen,
dass irgendwo so etwas
wie Glück sich findet.
Dort an dem Stein die Distel blüht.
Unscheinbar ist ihr Gewand.
Doch dem liebenden Blick erschließt sich das Unscheinbare.
Er entdeckt das Wunder,
das in allem ist, was lebt.“

 

SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Pfarrer Johannes Ehrenbrink, St. Ludgerus, Aurich25.06.2011, 12:00 Uhr
Am 9. November 1943 sind vier Lübecker Geistliche von den Nationalsozialisten hingerichtet worden, weil sie sich immer wieder eindeutig gegen deren menschenverachtendes Regime geäußert hatten. Heute, am 25.6.2011, werden die drei katholischen Kapläne Hermann Lange, Johannes Prassek und Eduard Müller in Lübeck seliggesprochen und der evangelische Pastor Karl Friedrich Stellbrink in ökumenischer Verbundenheit angemessen gewürdigt.
Kardinal Walter Kasper, von 2001 bis 2010 Präsident des Rates zur Förderung der Einheit der Christen, hat einen Artikel zur Ökumene der Märtyrer verfasst, aus dem ich einige Gedanken wiedergeben möchte.
Die Enthauptung der drei Kapläne und des lutherischen Pfarrers ist ein Beispiel von vielen Verfolgungen und Tötungen in der langen Geschichte des Christentums. Da sie aber so kurz hintereinander enthauptet wurden, so dass ihr Blut ineinanderfloss, ist es ein besonders sprechendes Beispiel, das zeigt, dass man wirklich von einer Ökumene der Märtyrer sprechen kann. Man kann sagen, dass die Ökumene der Märtyrer eine der wuchtigsten Wurzeln der ökumenischen Bewegung des 20. Jahrhunderts ist. In den Konzentrationslagern des dritten Reiches begegneten sich Christen unterschiedlicher Konfession im gemeinsamen Widerstand gegen ein menschenverachtendes System und entdeckten, dass sie viel mehr Gemeinsames hatten als Trennendes. Die ökumenische Öffnung des II. Vatikanischen Konzils ist eine Frucht dieser Erfahrung.
Manchmal besteht der Eindruck, das Gedächtnis der Märtyrer sei nur ein katholisches Anliegen. Doch alle Kirchen bekennen sich im Apostolischen Glaubensbekenntnis zur Gemeinschaft der Heiligen. Martin Luther wandte sich gegen Übertreibungen und Fehlentwicklungen, aber er sprach mit großer Hochachtung von den großen Zeugen der Vergangenheit und stellte sie als Vorbild und Beispiel des Glaubens hin. Heute steht in den evangelischen Kirchen und weit darüber hinaus in der gesamten Ökumene der hingerichtete lutherische Theologe Dietrich Bonheffer in höchstem Ansehen.
Besonders in unserer Zeit kommt dem Gedächtnis der Zeugen des Glaubens große ökumenische Bedeutung zu. Viele beklagen das Auseinanderfallen von Glauben und Leben, die mangelnde Glaubwürdigkeit der Christen und das allmähliche Verdunsten des Glaubens in unserer westlichen Welt. Mehr als alles andere tragen die Märtyrer zur Glaubwürdigkeit des Christentum bei. Sie erinnern an den Ernst und an den Ernstfall des Christseins. Ihr Gedächtnis muss darum gemeinsames Anliegen aller Christen und Kirchen sein. Es ist eine heilsame Erinnerung und dringend notwendige Provokation.
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Silke Kampen, Pastorin in Egels, Popens und Wallinghausen18.06.2011, 12:00 Uhr
Bei dem Quiz „Wer wird Millionär“ wäre es vielleicht die 16000-Euro-Frage: Wer oder was sind Serafim? Und einloggen könnte man bei A) Elfenwesen aus „Tintenherz“, B) Engelwesen aus dem Alten Testament, C) Edelsteine oder D) Inselkette im Pazifik. Ohne dass an dieser Stelle ein Werbeblock folgte, ist die Antwort B richtig. Serafim sind Engel, die bei der Beauftragung des Propheten Jesaja eine Rolle spielen. Jesaja sieht sie vor sich über dem Thron Gottes schweben. Sie sind sechsflügelig: Mit je einem Paar Flügeln bedecken sie ihr Gesicht und ihr Füße, mit einem Paar halten sie sich in der Luft.
Sie übernehmen keinen Botendienst, sondern rufen und singen zur Ehre Gottes. Soweit scheinen sie den üblichen Vorstellungen von Engeln zu entsprechen. Aber in der alttestamentlichen Geschichte berühren diese Flügelwesen mit glühenden Kohlen den Mund des Propheten. Würde diese Geschichte nicht in der Bibel stehen, müsste man sie in den Bereich von Fantasy oder sogar Thriller einordnen. Man würde sie dort auch gerne belassen. Aber unsere feurigen Engel stehen am Anfang des Weges eines großen Propheten des Alten Testaments und bereiten ihn auf seinen Dienst vor. Ihre glühenden Kohlen reinigen: Keine Schuld klebt mehr an Jesaja, seine Sünden werden so gesühnt, er kann neu anfangen.
Tatsächlich, mit den Altlasten im Gepäck wird jeder Weg anstrengend. So manch einer trägt schwer, hat sich aber hartnäckig vorgenommen, diese Last nicht zur Kenntnis zu nehmen. Was nicht bei Namen benannt wird, existiert einfach nicht. Jesaja dagegen ist berührt durch heiße Kohlen, die ihm Schmerzen bereiten. Die Wahrheit tut weh, passt selten ins Konzept und schon gar nicht ins Bild von sich selbst. Die Erkenntnis, letztlich jeden Morgen mit leeren Händen vor Gott zu stehen, bleibt ein solch heißes Eisen, an dem man sich die Finger – oder den Mund – verbrennt.
Die Vision des Jesaja, seine Begegnung mit Gott ändert sein Leben, stellt es auf den Kopf. Denn aus dem jungen Mann aus der Oberschicht wird der wichtigste Prophet des Alten Testaments . Er wird die Lebensweise der Reichen heftig kritisieren und den ängstlichen König trösten. Er wird drei Jahre in der Verkleidung eines Kriegsgefangenen herumlaufen, um vor kriegerischer Politik zu warnen. Zusammen mit einem anderen Propheten seiner Zeit wird er das kommende Friedensreich auf Erden verkünden, in dem alle Völker nach Gottes Willen leben, ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden und nicht mehr lernen werden, Krieg zu führen. Er sieht den künftigen Friedefürsten voraus, in dessen Reich die Wölfe bei den Lämmern wohnen, Kühe und Bären zusammen weiden und Löwen Stroh fressen wie die Rinder.
Jesaja und die Serafim, die heute nicht wie verlorene Puzzleteile in Unterhaltungsshows oder wie Sprachfetzen an Weihnachten auftauchen sollten, stellen doch den Beginn einer bewegenden Vision dar, die immer wieder Mut macht und uns dem lebendigen Gott, dem Vater Jesu Christi und seinem Heiligen Geist näher bringt.
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Uwe Noormann,Pastor in Tannenhausen-Georgsf.11.06.2011, 12:00 Uhr
Pfingsten feiern wir seit Jahren Gottesdienst im Wald, im Meerhusener Forst, in der Nähe des Forsthauses. Dazu kommen auch viele Menschen, die sonst nicht so oft in der Kirche sind. Es ist ja auch eine besondere Atmosphäre: wenn die Vögel gleich nach dem Posaunenchor loslegen als wollten sie sagen: Das hier ist unser Gebiet, hier machen wir die Musik; wenn der Wind durch die Baumwipfel rauscht, während wir die Erzählung aus Apostelgeschichte 2 hören; oder auch wenn die eine oder andere Mücke einen guten Landeplatz am Hals oder Ohr sucht.
Mir geht es wie wohl vielen: hier draußen erscheint es mir richtiger, vom Geist Gottes zu reden und Pfingstlieder zu singen. Obwohl ich aus eigener Erfahrung weiß, dass Gottes Geist wirklich überall wehen kann: Bei einer Tasse Tee und einem guten Gespräch im Wohnzimmer, oder wenn Konfirmanden spüren, dass das, was wir da besprechen, wohl doch auch etwas mit ihrem Leben zu tun hat.
Trotzdem hat der Gottesdienst im Wald für mich noch eine andere Dimension – vielleicht, weil wir sonst in einer sehr technisch geprägten Welt leben. Die Ruach, die Brise Gottes, so wird Gottes Geist im Alten Testament genannt, und das scheint da draußen fast greifbar. Wenn ich unter den hohen Bäumen sitze und wahrnehme, wie lebendig die Natur ist, dann öffnen sich auch andere Türen in mir. Mir scheint fast, als könnte ich spüren, dass Gottes Geist uns im Innersten berührt und uns in Einklang bringen will, mit uns selbst, mit unseren Mitmenschen, und auch mit Gott.
Durch den Profeten Hesekiel verspricht Gott: Ich will euch ein neues, ein lebendiges Herz geben. Ich will meinen Geist in euch geben und zu solchen Menschen machen, die auf meine Weisungen achten.
Ein lebendiges Herz also, das empfindsam ist, das an der Sorge des Nächsten nicht achtlos vorbei geht, das mitfühlen, mitleben, mitleiden, mitlachen kann. Und einen neuen Geist, der uns das Gespür dafür (zurück) gibt, was richtig und was falsch ist, und dass wir danach leben.
Diese Verheißung gibt mir Hoffnung für mehr als nur einen schönen Gottesdienst unter Bäumen. Ich will sie mitnehmen, wenn ich aus dem Wald wieder in die Betriebsamkeit des Alltags zurückkehre. Ich will mich daran halten, wenn sich Hindernisse in den Weg stellen, oder wenn mir mal wieder eine Laus über die Leber gelaufen ist. Ich will darauf vertrauen, ob die Sonne scheint oder ob ein Unwetter aufzieht.
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Cathrin Meenken, Pastorin für denKirchenkreis Aurich04.06.2011, 12:00 Uhr
„Ich hätte nicht gedacht, dass man so viel Geduld braucht als Mutter!“, stöhnte meine Freundin, während sie versucht, ihre zappelige Tochter auf ihrem Schoß zu bändigen. Mein Sohn feiert seinen ersten Geburtstag und da steht das ganze Haus natürlich Kopf! Und dabei hatte ich einen so guten Plan. Luftballons, Kuchen und die Verwandtschaft an einem Tisch. Allerdings wurden die Pläne durchkreuzt.
Denn laufenden Meter fällt immer mal wieder ein Keks runter, der Ball rollt in die Unerreichbarkeit und die ersten Gehversuche enden mit einem „Plumps“. Immer dann, wenn ich eigentlich gerade den Kaffee nachgießen wollte. Von gemütlicher Geburtstagsrunde keine Spur. Dann auch noch das kaputte Spielzeugauto. Ich möchte es reparieren, aber mein Sohn ist so ungeduldig und möchte es mir sofort wieder aus der Hand nehmen. Er begreift noch nicht, dass es so nicht heil werden kann. Ich brauche mal wieder viel Geduld mit ihm und er mit mir. „Das wird besser, wenn Sie älter sind“, höre ich meine Mutter sagen. „Hab Geduld, sie müssen eben noch so viel lernen.“
Ich erinnere mich an eine Grundschullehrerin, die einen langen Faden an die Tafel klebte. Ihre Schüler waren keine Babys mehr, aber Geduld brauchte sie trotzdem. Immer wenn der Lautstärkepegel zu hoch wurde, schnitt sie ein Stück von dem „Geduldsfaden“ ab. Das half für den Moment. Die Kinder wussten, wenn der Faden ganz weg ist, gibt´s eine Strafarbeit. „In ein paar Jahren ist das anders“, machte mir die gestresste Lehrerin Mut, „dann merken die Schüler wie wichtig die Schule ist. Dann werden sie geduldiger.“
Geduld haben – das zieht sich durch das ganze Leben. Ich brauche Geduld für meine Mitmenschen und sie für mich. Auch zwischen Gott und mir ist das ein Thema. Geduldig half mir Gott bei den ersten Gehversuchen im Glauben und vergab mir so manche Trotzphase. Oft durchkreuze ich seinen Plan. Bitte ich Gott um etwas, halte ich ihm meine Sorgen hin, dann möchte ich dieses möglichst schnell erfüllt sehen. Da unterscheide ich mich nicht von meinem Sohn. Aber Gott kann nur etwas heile machen, wenn ich es ihm anvertraue und in seinen Händen lassen. Es ihm immer wieder aus der Hand reißen und selber dran rumdoktern bringt nicht viel.
Im Psalm 103 steht über unseren himmlischen Vater: „Der Herr ist barmherzig und gnädig, er hat viel Geduld und viel Liebe.“
Ich hätte nie gedacht, dass Gott so viel Geduld braucht mit mir!
Gut, dass er keinen Geduldsfaden hat!

BETRACHTUNG ZU HIMMELFAHRT
Von von Pastorin Viola Chrzanowski, Holtrop01.06.2011, 12:00 Uhr
Am 21. Mai war’s. Da hätte es passieren sollen. Alle wahrhaft Gläubigen hätten erhöht und entrückt werden sollen in den Himmel, dahin, wo Jesus ist. So die Prophezeiung eines bekannten amerikanischen Radiopredigers.
Das Datum ist verstrichen, wir sind alle noch hier (der Prediger übrigens auch), und es können einem jetzt nur noch die Leichtgläubigen leidtun, die Haus und Hof verkauft haben im Vertrauen darauf, dass sie all das ja nach dem 21. Mai nicht mehr benötigen würden. Wir lächeln darüber und schütteln den Kopf. Oder bestenfalls tun uns diese Leute leid.
Nein, wir sind bestimmt nicht in der Gefahr, einem solchen Scharlatan aufzusitzen, der meint, das Ende der Welt genau berechnen zu können!
Aber vielleicht sind wir in einer anderen Gefahr? Gerade habe ich gelesen: Nur noch 13 % der Briten hoffen auf ein Leben nach dem Tod. Was ist mit den anderen 87 %? Ist ihnen das Diesseits genug? Mir wäre es nicht genug. Ich möchte mich nicht damit abfinden, alle die nie wiederzusehen, die ich liebgehabt habe. Ich möchte mich nicht damit abfinden, dass viele Menschen im Diesseits kein erfülltes und langes Leben haben. Ich möchte mich nicht damit abfinden, dass Menschen Unrecht erleiden und vergeblich auf Gerechtigkeit warten.
Als Christen haben wir die Aufgabe, uns für die Menschen einzusetzen, und zwar schon hier, schon jetzt, im Diesseits: Leidenden zu helfen, Traurige zu trösten, Hungrige satt zu machen, uns tatkräftig dafür einzusetzen, dass anderen Gerechtigkeit widerfährt. Aber für uns Christen gehört immer noch etwas mehr dazu: Die Hoffnung, dass das hier nicht alles ist. Diese Zusage macht Jesus seinen Jüngern, als er sich von ihnen verabschiedet. Er wird sie nicht alleine zurücklassen. Er hat mehr mit ihnen vor. Das war nicht alles.
Rechnen? Nein. Wir sollen nicht anfangen zu rechnen, wann Jesus wiederkommen wird oder wann wir zu ihm entrückt werden.
Rechnen? Ja. Wir sollen damit rechnen, dass Jesus uns nicht alleinlässt. Dass er da ist für uns. Und dass er noch mehr für uns bereit hat.

SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Pastor Uwe Tatjes, Paulusgemeinde Aurich-Kirchdorf28.05.2011, 12:00 Uhr
Die Leute haben sich nichts mehr zu sagen. Hat unser neuer Landesbischof Ralf Meister beim Generalkonvent der ostfriesischen Pastorinnen und Pastoren am Mittwoch in Emden gesagt. Im Kommunikationszeitalter zwischen Handy und Twitter, Internet und Livetickern, im Wörtermeer verrohe die Sprache, so Meister. Und die Summe zufällig mitgehörter Handygesprächsfetzen während einer Fahrt in der Berliner S-Bahn sei die versammelte Bedeutungslosigkeit.
Mag sein. Muss aber nicht. Auf Facebook, einem der großen sozialen Netzwerke, erreichte mich vor einiger Zeit eine Nachricht von Ellen. „Bete für Arno!“ Arno ist mit Gehirnbluten ins Krankenhaus gekommen. Er liegt im Koma. Es sieht schlecht aus. Ich kenne Ellen nicht persönlich. Wir sind uns nur auf Facebook begegnet. Ihr Vertrauen rührt mich. Fortan ist Arno in meinen Gebeten. Ellen tröstet das, schreibt sie mir.
Menschen beten. Für sich. Für andere. Am morgigen Sonntag, der Rogate – „Betet“! heißt, werden wir ein Taufkind und sechs Trauerfamilien in unserer Gemeinde zu Gast haben. Wir werden beten: für das Kind, für die Trauernden, für die Verstorbenen. Zwei der Trauerfamilien hatten ihre Trauerfeier gar nicht bei uns. Aber sie haben mich angerufen und gebeten: Beten Sie für uns! Wenn man so will, ist das Gebet längst vor unseren modernen Kommunikationsmitteln das unmittelbarste Medium für eine schnelle Kommunikation. Im Gebet nehmen wir Kontakt mit Gott auf. Ohne Umwege. Instant messaging. Livekommunikation. Und das Gebet, das Menschen verbindet, verknüpft, ist mit Sicherheit das älteste soziale Netzwerk der Welt. Ich bin überzeugt: Beten hilft. Wenn ich bete, bleibe ich nicht bei mir. Ich bekomme einen anderen Blick auf mich und die Welt. Die Ruhe beim Beten tut mir gut. Es erleichtert, etwas beim Gebet abzugeben. Ich nehme meine Sorgen und die Sorgen anderer mit ins Gebet. Meine Dankbarkeit für Gelungenes hat auch ihren Platz. Ich muss nicht an den Worten feilen. Ob Stoßseufzer oder unsortierte Gedanken: ich kann so kommen, wie ich bin und rede. Wichtig ist, dass wir die Welt ins Gebet nehmen. Dass wir das, was uns beschäftigt, vor Gott bringen. Dann geht die Welt wortwörtlich nicht zum Teufel. Dann kann sich etwas ändern. In uns. In unserer Welt.
Vor einigen Tagen erreichte mich eine Nachricht von Ellen. „Arno ist aufgewacht. Es geht ihm gut, seine Reflexe sind da. Ich bin so froh. Ich danke euch für eure Gebete!“ Im Predigttext für den morgigen Sonntag heißt es: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.“ Probieren Sie es aus!
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Heike Musolf, Schulseelsorgerinan der BBS in Norden21.05.2011, 12:00 Uhr
Das ist die schönste Zeit am Tag, wenn ich endlich durch meinen Garten spazieren kann! Meistens erst nach der Arbeit, manchmal aber, am Wochenende, ganz früh am Morgen: Wollpullover an, Polster auf die Gartenbank und bei der ersten Tasse Kaffee auf die Familie und auf die Sonne warten. Was gibt es Schöneres! Die Vögel zwitschern und tirilieren, besonders unsere Amsel legt sich ins Zeug. Im Schlehdorn sitzt ein kleiner gefiederter Miesepeter, der unablässig schimpft. Der Buntspecht scheint etwas durcheinander, er bearbeitet den Ast, auf dem er sitzt. Die Nachbarkatze kommt vorbei und streicht mir um die Beine. Herrlich! Besonders im Frühjahr, nachdem die langen Wintermonate alles so grau aussehen ließen, der Garten so verlassen wirkte.
„Geh aus mein Herz und suche Freud“… Allerdings brauche ich gar nicht zu suchen, die Freude springt mich an, wenn ich das frische Mai-Grün sehe, den Flieder rieche und sehnsüchtig auf das Blühen des Jasmins warte. Die Freude ist zu riechen, zu fühlen, zu sehen, zu spüren. Zum Leben sind wir gerufen, zum Leben hat Gott uns geschaffen, zum Leben hat er uns befreit. Zu dem Leben, das sich vor uns ausbreitet, viel mehr aber zu dem Leben, das verheißen und versprochen ist, das wir nur glauben können, nur erahnen, von dem wir noch nicht wissen, wie es sein wird. Die Osterzeit liegt mitten im Frühjahr und das ist gut so. Denn die aus dem Winterschlaf erwachende Natur ist ein wunderbares Symbol für das, was uns versprochen ist: Leben trotz unserer Vergänglichkeit, leben, obwohl wir sterben müssen.
Morgen feiern die christlichen Gemeinden den Sonntag „Kantate“ mit viel Kirchenmusik, der seinen lateinischen Namen vom Beginn des Wochenpsalms 98 hat: „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder“.
Das größte Wunder des Lebens ist es, wenn wir trotz unserer Vergänglichkeit glauben dürfen, dass es ein unvergängliches Leben gibt. Wenn wir mitten in Leid und Krankheit erfahren dürfen, dass Gott uns Kraft schenkt,. Ein Wunder ist es, wenn wir angesichts des Leides und der Not menschlichen Lebens auf den hoffen dürfen, der sagt: Siehe, ich mache alles neu.
So wie im Frühjahr die Erde neu wird, so wie wir selbst zum Leben erwachen, so soll es dann sein, wenn unser Herr uns erlösen wird. Das Wunder des Lebens! Hätten wir diesen Glauben nicht, brauchten wir gar nichts zu glauben. Hätten wir diese Hoffnung nicht, dann wären wir arm. Würde uns die Liebe Gottes nicht immer wieder ins Leben rufen, dann bliebe wenig.
„Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.“ Wenn ich das Wunder des Lebens spüre, dann singt es ganz von selbst in mir: „Ich singe mit, wenn alles singt, und lasse, was dem Höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen.“
Möge der Sonnenschein die tiefe Freude über das neue Leben in Ihr Herz legen und Ihnen ein neues Lied schenken.

SONNTAGSBETRACHTUNG
Von HANS BOOKMEYER,Pastor für Ochtelbur,Bangstede und Barstede(derzeit in Japan)14.05.2011, 12:00 Uhr
„Jubilate“ – das ist der Name des morgigen Sonntages. Er hat seinen Namen vom Vers 1 des Psalmes 66, da heißt es: „Jauchzet Gott, alle Lande!“
„Mir ist aber weder nach Jauchzen noch nach Jubeln zumute“, mögen einige einwenden. – Oder: „Gott sei Dank sind die Zeiten befohlener Jubel-Feiern vorbei.“
Wenn der Psalmbeter dennoch zu einem Jauchzen aufruft, an dem sich „alle Lande“ beteiligen sollen, so wohl deshalb, weil er die Glaubens-Erfahrung gemacht hat, dass dem Schöpfer seine Geschöpfe nicht gleichgültig sind: „Gott hat mich erhört und gemerkt auf mein Flehen“ (Vers 19). – Aufgrund dieser Erfahrung kann er mit Vers 20 schließen: „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch Seine Güte von mir weist.“
Auch heute gibt es gewiss die Erfahrung der Hilfe und des Beistandes Gottes. Doch wird man sie nicht verallgemeinern können; Erfahrung will persönlich gemacht sein. Bei jeder und jedem sieht sie anders aus – und gewiss wartet manche/r bislang scheinbar vergebens.
Doch eines gilt ganz allgemein: Gott hat Seine Hilfe jedem zugesagt: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass Er Seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an Ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ (Joh. 3,16).
Ungezählte Glaubenszeugen haben die Erfahrung gemacht, dass die Zusage Gottes, die Er mit dem Blut Jesu besiegelte, gilt, etwa der Psalmbeter, der daher zum Jauchzen aufruft, oder Paulus, wenn er bekennt: „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn“ (Römerbrief 8, 38/39).
Menschen, die diese Erfahrung gemacht haben, können wahrhaft jauchzen und andere, die den Beistand Gottes noch nicht erlebt haben, ermutigen, sich nicht aufzugeben, sondern es zu wagen, sich auf den Schöpfer, Retter, Beistand und Tröster einzulassen, von dem Dietrich Bonhoeffer (1945 umgebracht) auch in schwerer Zeit bekannte: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“
Ihnen allen einen gesegneten Sonntag Jubilate als Gelegenheit des Ausdrucks für alle erfahrene Freude und/oder als Tag der Hoffnung auf Erfüllung der Verheißung Gottes, dass Er durch alle Tiefen und Dunkelheiten zu neuen Höhen sowie zum unvergänglichen Licht des Lebens führt.

SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Karsten Beekmann, Pastor in Walle07.05.2011, 12:00 Uhr
Im vergangenen Herbst geschah ein dramatisches Unglück in der Bergwerksmine San Jose in Chile, das auch viele von uns in Deutschland berührt hat. 33 Bergleute saßen dort fest. Über zwei Monate lang in 620 Metern Tiefe!
Tag und Nacht schufteten nun die Bergungsmannschaften unter den Augen der Weltöffentlichkeit, um einen Rettungsschacht zu den Verschütteten zu bohren! Ganz genau hatten sie die vermissten Bergleute zunächst geortet, um sie danach anhand eines dosenbreiten Rohres mit Lebensmitteln und vor allem mit allerlei hoffnungsvollen Worten zu versorgen: „Wir holen euch aus der Dunkelheit zurück ins Licht.“
Und dann am 12. Oktober 2010 war es soweit! Mithilfe einer selbst konstruierten Stahlkapsel sollten die Männer – einer nach dem anderen – durch mehr als einen halben Kilometer Dunkelheit zurück ins Licht befördert werden.
Und tatsächlich: Das Wunder geschah.
Unter ohrenbetäubendem Jubel und unzähligen Tränen kehrte Florecio Avalos als Erster von allen 33 Bergleuten an die Erdoberfläche und damit ins Leben zurück!
Von diesem Zeitpunkt an war den anderen 32 in der Tiefe verharrenden Kumpels klar: Bald ist der in Stein gemeißelte Spuk des Todes vorbei! Denn der erste ist schon hindurch.
In unseren Kirchengemeinden haben wir genau das am vergangenen Osterfest gemeinsam gefeiert! Die Dunkelheit hat ihre Kraft verloren. Das Licht des Ostermorgens stellt unser dunkles Herz in ein neues Licht.
„Tod, wo ist dein Sieg, Tod, wo ist dein Stachel (1. Kor 15,55) ?
Denn: Der erste schon hindurch! Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!
Diese Erfahrung wünsche ich Ihnen heute und besonders morgen am „Tag des Herrn“.
Denn mit Jesus Christus wird nicht nur dieser eine Ostermorgen, sondern jeder Sonntag zu einem Auferstehungstag, an dem wir frisch und froh aufstehen und uns ganz bewusst auf den Weg in eine unserer schönen Kirchen machen.
Denn dort treffen sich Menschen, die, auch mit Fragen und Zweifeln im Gepäck, dennoch zuversichtlich und fröhlich Gottes Liebe und seine kleinen und großen Wunder an uns feiern!
Darum: Werfen Sie gern einen Blick hinter die (geöffneten) Kirchentüren unserer Gemeinden und machen Sie gemeinsam mit anderen diese unvergleichliche Erfahrung: Er, der erste ist schon hindurch! Und wenn das wirklich stimmt, dann ist eines sonnenklar: Auf geht’s, hinterher!

SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Andreas Scheepker, Pastor in Westerende30.04.2011, 12:00 Uhr

Martin Bucer gilt als „Erfinder“ der Konfirmation und wurde 1491 geboren.
Martin Luther hat nicht konfirmiert. Er hat zwar Lehrbücher für den evangelischen Glauben geschrieben, von denen der „Kleine Katechismus“ mit seinen „Was ist das?“-Fragen viele Generationen von Jugendlichen im Konfirmandenunterricht begleitet hat – aber selbst hat Luther keine Konfirmanden unterrichtet und eingesegnet.
Als „Erfinder“ der Konfirmation gilt ein Mann, dessen Name heute weitgehend vergessen ist: Martin Bucer. Er hat den Brauch der Konfirmation in der evangelischen Kirche maßgeblich gefördert, darum will ich kurz an ihn erinnern.
Martin Bucer wird 1491 geboren. Er wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Als die Eltern wegen besserer Verdienstmöglichkeiten nach Straßburg ziehen, lassen sie den kleinen Martin beim Großvater zurück. Martin ist ein lernbegieriger Schüler. Um weiter zur Schule gehen und studieren zu können, wird er Mönch. Er lernt Martin Luther kennen und er fängt an, sich für die Reformation zu interessieren. 1522 heiratet er Elisabeth Silbereisen, er wird einer der ersten verheirateten Priester, und das ist auch sein endgültiger Bruch mit der Papstkirche.
Schließlich kommt er nach Straßburg, in seine Heimatregion, zurück. Er arbeitet am Aufbau der evangelischen Kirche mit und bemüht sich um die Einführung der Konfirmation. Auch in Hessen berät er bei der Organisation des kirchlichen Lebens und führt die Praxis der Konfirmation ein.
Schließlich muss er auf Druck des Kaisers Straßburg verlassen. Er wird von Erzbischof Thomas Cranmer nach England berufen, wo er als Theologe und Berater in der entstehenden anglikanischen Kirche tätig ist. Auch hier setzt Martin Bucer sich für die Einführung der Konfirmation ein. Doch die ungewohnte Lebensweise und schwere Krankheit beschweren seine letzten Lebensjahre. Obwohl seine Freunde und Angehörigen sich sehr um ihn kümmern, stirbt Martin Bucer 1551 in Cambridge und wird dort auch beigesetzt.
Die Konfirmation ist für Martin Bucer ein „Händeauflegen, damit man die Kinder, nachdem sie im christlichen Glauben so weit gelehret, auf ihr selbst Bekenntnis und Ergeben an Christum hin zu der christlichen Gemeinde bestätigt“ werden. Nach Bucer sollen die Kinder in den Grundkenntnissen der christlichen Religionslehre befragt werden, und sie sollen ihren Willen ausdrücken, im christlichen Bekenntnis und in der Gemeinschaft der Kirche bleiben zu wollen.
Dann soll die Gemeinde für die Kinder beten, und unter Auflegen der Hände werden sie mit dem folgenden Spruch eingesegnet: „Nimm hin den Heiligen Geist, Schutz und Schirm vor allem Argen, Stärke und Hilfe zu allem Guten, von der gnädigen Hand Gottes des Vaters, Sohnes und Heiligen Geistes.“ Dann folgt nach Bucers Konfirmationsordnung das Abendmahl der Konfirmanden mit Eltern und Paten.
Für Bucer ist es wichtig, dass den Jugendlichen auf diese Weise geholfen wird, selbst ein Ja zum christlichen Glauben und ein Zuhause in der christlichen Kirche zu finden. So soll eine Brücke von der Taufe bis zum Abendmahl und zum Leben in der christlichen Gemeinde geschlagen werden.
Martin Bucers Konfirmationspraxis ist Vorbild für unsere Konfirmation geworden. Die Art des Unterrichtes hat sich natürlich sehr verändert, und das ist auch gut. Aber das Ziel ist das gleiche geblieben: Konfirmationsunterricht und Konfirmation sollen den Jugendlichen helfen, den christlichen Glauben „von innen“ kennenzulernen und selbst eine Position zu finden.
Den vielen Jugendlichen, die in diesen Wochen konfirmiert werden, wünsche ich, dass sie mit Gottes Segen ihren Weg gehen. Uns Erwachsenen wünsche ich, dass wir mit Gottes Hilfe gute Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter für Kinder und Jugendliche in unseren Kirchengemeinden sind und dass sie durch uns etwas von Gottes Liebe erfahren können.

SONNTAGSBETRACHTUNG
Von von ANDREA DÜRING- HOOGSTRAAT,Pastorin in Victorbur23.04.2011, 12:00 Uhr
Liebe Leserin und lieber Leser,
vor einiger Zeit hatten wir in Victorbur einen Fall von akuter Ostereiervergiftung. Wie in jedem Jahr hatten wir am Ostermorgen für die Kindergottesdienstkinder im Garten beim Gemeindehaus Eier versteckt. Fröhlich machten sich die Kleinen auf die Suche. Aber die Mienen verdüsterten sich von Minute zu Minute. Obwohl alle systematisch hinter jeden Busch und jede Blume blickten, und auch die Hecke genau durchforstet wurde, fand sich kaum ein Ei.
Das machte die Mitarbeiterinnen stutzig. Sie wussten ja, wie viele bunte Osterboten sie im Gras und auf den Beeten verteilt hatten. Sie erinnerten sich sogar genau an die einzelnen Verstecke. Aber auch die Erwachsenen konnten absolut nichts finden. Allgemeine Ratlosigkeit machte sich breit. Gott sei Dank gab es zumindest eine einigermaßen befriedigende Notlösung: In der Küche standen mehrere Paletten Schokoladeneier, die die Kinder über die Enttäuschung hinweg trösteten.
Ein paar Tage später wurde das Rätsel gelöst. Eine Nachbarin berichtete sorgenvoll von der schweren Erkrankung ihres kleinen Hundes, der nichts mehr fressen wollte. Er war ganz teilnahmslos, und die Verdauung war total gestört. Das Frauchen befürchtete schon, den treuen Hausgenossen einschläfern lassen zu müssen. Da wurden wir misstrauisch. Eine genauere Betrachtung der tierischen „Hinterlassenschaften“ brachte es dann ans Licht. Der kleine Hund hatte die Kindergottesdiensteier stibitzt und fröhlich mitsamt der Schale aufgefuttert… Und siehe da: Schon am Ostermontag ging es dem diebischen Vierbeiner deutlich besser.
Das ist eine merkwürdige, ein bisschen schräge Ostergeschichte. Und doch bringt sie Ostern genau auf den Punkt. Ostern geht es nämlich um Auferstehung und deshalb auch um Lachen und Jubel und Freude. Wer Ostern nicht zur Kirche geht, verpasst etwas und ist auch noch selber schuld. Lange frühstücken, auf Fahrradtour gehen und Tante Olga besuchen – das kann man den ganzen Tag noch und morgen und nächste Woche wieder.
Aber Ostern gibt’s in der Kirche etwas Großartiges für die Seele, etwas Entscheidendes für das Leben, etwas Superhilfreiches für den Alltag. Da hörst Du genau das, was Du hören musst und brauchst, genau das, was Du dir selbst nicht sagen kannst und Dir sonst viel zu selten gesagt wird. Jesus ist auferstanden! Sein Grab ist leer! Nicht mehr der Tod lacht sich ins Fäustchen, sondern Du kannst dem Tod ins Gesicht lachen, wenn Du Dich an Jesus hältst! Du darfst wieder aufstehen, Du darfst wieder hoffen, Du hast wieder Zukunft – mit Jesus.
Genau das wird Ostern gefeiert, das pure Evangelium in ganzer Konzentration. Ostern muss man einfach dabei sein. Warum? Na, weil wir doch alle Auferstehung immer wieder dringend nötig haben. Jede und jeder von uns weiß für sich selbst am besten, in welcher dunklen Grabeshöhle er oder sie sich momentan befindet. Jede und jeder hat das eigene Klagelied stets auf der Zunge oder zumindest abrufbereit im Kopf. Wie viele Sorgensteine liegen uns auf der Brust und drücken uns die Luft ab. Wie manches Mal fragen wir uns, wie wir nun wieder aus dieser verfahrenen Situation und jener persönlichen Katastrophe herauskommen sollen. Und oft sehen wir uns selbst keinen Rat, oft müssen wir erkennen, dass wir mit unserem Latein am Ende sind. Das gilt ganz verschärft immer dann, wenn Krankheit und Sterben in unser Leben treten, wenn wir Abschied nehmen müssen von unseren Lieben und mit dem Verlust so schwer zu kämpfen haben. Dann gehen wir gebeugt und krumm unter unseren Lebenslasten und können nur noch den Staub vor unseren Füßen, abernicht mehr den Himmel sehen. Dann ist es wichtig, dass wir die Osterbotschaft im Ohr, im Kopf, im Herzen tragen: Jesus lebt; der Tod ist tot. Darauf dürfen wir uns nämlich berufen. Und der Auferstandene will, dass wir mit ihm leben – in Zeit und Ewigkeit.
Seit Ostern müssen wir nicht mehr schwarz sehen. Auch unter widrigsten Bedingungen setzt sich nun das Leben durch. Wo wir eigentlich nichts Gutes erwarten, ist plötzlich wieder alles möglich. Jesus streckt uns die Hand entgegen, damit er uns unseren Grabeshöhlen, ja, dem Tod persönlich entreißen kann. Er will uns ins Freie führen, aus der Gefangenschaft, aus der Dunkelheit, aus dem Verlorensein in das helle Licht des Auferstehungsmorgens. Er will uns aufrichten und unsere Füße wieder auf weiten Raum stellen. Dann kehren Lachen und Jubel und Freude zurück, und aufrecht gehen wir weiter unsere Wege. Dass es für Sie und bei Ihnen zu Hause so richtig herrlich Ostern wird, das wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen!
BETRACHTUNG ZU KARFREITAG
Von Dr. Detlef Klahr,Landessuperintendent Sprengel Ostfriesland21.04.2011, 12:00 Uhr
„Am Karlfreitag fahren wir zu meiner Oma“, erzählt mir freudig der sechsjährige Tim.
Ich muss schmunzeln und denke: „Nein, mit einem Karl hat dieser hohe christliche Feiertag nun wirklich nichts zu tun.
Aber das Wort „Kar“ ist auch schwierig zu verstehen, es kommt vom althochdeutschen Wort „kara“ und bedeutet Kummer, Klage und Trauer.
Am Karfreitag denken wir Christen an das Leiden und Sterben Jesu Christi am Kreuz.
Von Anfang an hat die christliche Gemeinde das als ganz wichtig empfunden, auch vom Leiden und Sterben des Auferstandenen Christus zu erzählen. Von seiner Verurteilung durch Pontius Pilatus, dass er verspottet und geschlagen und schließlich – vor den Toren der Stadt Jerusalem – an ein Kreuz genagelt wurde und dort qualvoll starb. Das gehört zur Lebensgeschichte Jesu hinzu. Wenngleich daran schon die Menschen zur Zeit Jesu Anstoß genommen haben.
Gottes Sohn stirbt am Kreuz – das ist die provozierende Geschichte von Karfreitag.
Immer wieder lassen sich Menschen vom Leiden und Sterben Jesu berühren und werden dadurch Hilfe in eigenen Erfahrungen von Leid und Tod gestärkt und singen etwa mit dem Liederdichter Paul Gerhardt: „Erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meinem Tod, und lass mich sehn dein Bilde in deiner Kreuzesnot…“
Der christliche Glaube weiß sich durch Jesu Leidensgeschichte verpflichtet, das menschliche Leid in dieser Welt nicht auszublenden, oder gar zu ignorieren. Vielmehr bringt er menschliche Leiderfahrungen mit dem Leid Gottes in Verbindung. In Christus hat sich Gott mit dem Leid der Menschen solidarisiert. Eine solche Sicht nimmt menschliches Leiden ernst, ohne sich damit abzufinden. Denn nichts ist demütigender für Leidende, als wenn ihr Leid auch noch ignoriert wird und das geschieht viel zu oft in unsrer Welt. Der Blick auf den leidenden und sterbenden Christus kann uns sensibel machen für das Leid im eigenen Leben und im Leben anderer. Damit bleibt der Karfreitag aber auch eine Provokation in unserer Erlebnis- und Spaßgesellschaft, weil er der einzige Feiertag ist, der Leiden, Sterben und Tod mit Blick auf Jesus Christus so ausdrücklich thematisiert. Kein Wunder, wenn Menschen kritisieren, dass an diesem Tag Tanz und laute Musik in der Öffentlichkeit gesetzlich untersagt sind. Mit mir aber sind viele Christinnen und Christen in diesem Land dankbar, dass auch Zeit und Ruhe bleibt für Besinnung, für angemessene Trauer über Jesu Leid und das Leid der Menschen in dieser Welt.
Ostern, Auferstehung und neues Leben kann nur wirklich feiern, wer das Dunkle und Schwere des Lebens nicht ausklammert.
Tims Oma wird um beides wissen, um Leid und Abschied und auch um Freude und Neubeginn.
Und sicher auch, dass es nicht um Karl, sondern um Jesus geht.
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Pastorin Anne Ulferts-Tatjes, Wiesmoor16.04.2011, 12:00 Uhr
Manchmal wird es uns erst bewusst, wenn jemand weg ist: „Jetzt habe ich mich gar nicht verabschiedet. Wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich ihm das noch eben gesagt.“
Wie selbstverständlich gehören sie jeden Tag zu unserm Alltag dazu, die Kinder zur Schule verabschieden, das Tschüss beim Zusammensein mit Freunden, das bis zum nächsten Mal bei den Eltern.
„Machs gut, pass auf dich auf!“ Manche Abschiede erleben wir intensiver als sonst. Wenn ich weiß am Bahnsteig, ich sehe die Freundin erstmal wieder eine Weile nicht, wenn ich im Krankenhaus schon an der Tür noch einen Blick ins Zimmer werfe und noch mal den Kontakt zu dem gerade besuchten Menschen suche, noch ein Augenzwinkern; ja, hoffentlich bis zum nächsten Mal. Beim Abschied merken wir, was wir aneinander haben. Was sonst so selbstverständlich ist, wird in der Situation des Abschieds kostbar. Worte, die wir uns beim Weggehen dalassen, vergessen wir nicht so schnell.
Es gibt Abschiede von einem Ort, von einer Lebensphase, von einer Gewohnheit. Und immer wieder Abschiede von Menschen, die für eine Zeit oder für immer von uns gehen. Mir persönlich ist es wichtig, soweit es möglich ist, mich gut zu verabschieden. Eine Begegnung oder ein anderes Tun zu einem guten Abschluss zu bringen. Auch Abschiede gehören gestaltet.
Am morgigen Sonntag beginnt mit dem Sonntag Palmarum die Karwoche, die stille Woche vor Ostern, wo Menschen die Gefangennahme und die Kreuzigung Jesu erinnern. Jesus hat mit seinen Jüngern und Jüngerinnen ein Abschiedsessen gemacht. Sie haben sich an einen Tisch gesetzt und gemeinsam Passamahl gehalten. Sie haben noch mal über wichtige Dinge gesprochen.
Die Zeit ist kostbar, weil sie begrenzt ist. Es sind besondere Worte, weil es Abschiedsworte sind.
Die Worte, die Jesus bei seinem letzten Mahl gesagt hat, wurden nicht vergessen. Seine Jüngerinnen und Jünger haben sie sich immer wieder ins Gedächtnis gerufen und sie uns überliefert. Bis heute sind uns diese Worte kostbar. Wir sprechen sie bis heute nach, bei jedem Abendmahl, das wir miteinander feiern. Worte, die uns Kraft geben auf unseren Wegen und uns helfen abschiedlich zu leben.
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Reinhard Uthoff, Pastor ref. Gemeinde Aurich09.04.2011, 12:00 Uhr
Morgen begeht die evangelisch-reformierte Kirche in der „Johannes a Lasco Bibliothek Große Kirche Emden“ mit einem Festgottesdienst die 175-Jahr-Feier der „Norddeutschen Mission“. In ihr sind verbunden die Evangelical-presbyterian Church of Ghana, die Eglise evangelique du Togo – unsere afrikanischen Partnerkirchen – und in Norddeutschland die Bremische ev. Kirche, die ev.-ref. Kirche, die ev. Kirche in Oldenburg und die Lippische Landeskirche: Fünf Kirchen, die seit Jahrzehnten gleichberechtigt zusammenarbeiten, verbunden durch eine lange, wechselvolle Geschichte. Und diese Geschichte ist nicht vergessen. Zu ihr gehört die Kolonialzeit mit Ausbeutung und Unterdrückung der einheimischen Bevölkerung, bei der manchmal die Mission geschwiegen oder gar mitgemacht hat; aber auch der mutige Einsatz von Missionaren und Missionsschwestern für die Rechte der dort lebenden Bevölkerung, oft bis zum Tod. Die westafrikanischen Gemeinden pflegen liebevoll bis heute viele ihrer Gräber.
Längst ist Mission keine Einbahnstraße mehr: Zwar sind die norddeutschen Kirchen (trotz großer eigener Finanzprobleme) gemessen an Afrika noch die „reichen“ Kirchen, aber im Blick auf das geistliche Leben der Gemeinden, auf begeisternde Gottesdienste können wir von der Glaubensfreude der westafrikanischen Schwestern und Brüder eine Menge lernen!
Mission, das ist zuerst und zuletzt die Verkündigung des Evangeliums, der frohen Botschaft, der guten Nachricht, dass Gott diese Welt liebt und darum seinen Sohn Jesus Christus gesandt hat, damit Menschen Leben in Fülle und ewiges Leben finden. Mission heißt „Sendung“. Und in diese Sendung Gottes sind Christen mit hinein gerufen: Jesus nachfolgen!
Und dafür steht heute das Wort „Mission“ auch: für geschwisterliches Geben und Nehmen zwischen Christen in Ost und West und Nord und Süd. Das ist vielleicht wichtiger denn je: Die Folgen der oft gnadenlosen Globalisierung treffen Ghana und Togo weit stärker als Deutschland. Hier als Christen mit wachem Verstand und offenem Herzen einander wahrzunehmen, miteinander Lösungen zu suchen und gemeinsam gegen Banken- und Wirtschaftsstrukturen zu kämpfen, die Menschen ihrer Würde berauben und sie in Armut versinken lassen, das ist eine Aufgabe, an der mitzuwirken Christen gefordert sind. Auch das ist Nachfolge Christi.
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von von Andreas Lüder, Pastor in Ostgroßefehn02.04.2011, 12:00 Uhr
Die Luft ist frisch hier oben. Noch in der Kühle des Morgens stehen wir am Rande eines Hochtals. Zu einer geführten Wanderung durch ein geschütztes Tal im Nationalpark Hohe Tauern sind wir gekommen, wie viele andere Interessierte auch. Was mag sich dort oben in den Alpen noch finden an weitgehend unberührt gebliebener Natur?
Nun macht sich die Wandergruppe auf den Weg und marschiert tapfer bergan. Vorneweg unser Leiter: Ein ehemaliger Biologie-Professor von der Universität Salzburg, ein drahtiger Mann schon um die achtzig. Er kennt sich in der Gegend aus wie kein zweiter. Immer wieder bleibt er stehen, zeigt uns eine seltene Blume oder eine Flechte am Wegesrand und erklärt uns deren Lebensbedingungen. Eine Blindschleiche ringelt über den Weg und sucht bereits den Schatten. Er hebt sie auf. Die mitwandernden Kinder dürfen das harmlose Reptil auch in die Hand nehmen, begeistertes Strahlen in den Gesichtern.
An der Waldgrenze hält der Professor inne und weist auf eine Bergflanke. Am nackten Gestein könne man deutlich sehen, wie solche Gebirge in Millionen von Jahren aus dem Urmeer aufstiegen, erklärt er. Schicht um Schicht haben sich Kalkablagerungen am Meeresgrund festgesetzt und wurden ganz allmählich durch unvorstellbare Kräfte zum Gebirge aufgefaltet – wie eine ausgebreitete Tischdecke, die man zusammenschiebt. Dann zeigt er auf eine Schuttrinne, die sich vom Gebirgskamm herabzieht. Durch sie rieselt Wasser zu Tal. Vor uns wird es zum Bach, der sich durch die Wiesen seinen Weg sucht.
Das Wasser zerstöre ganz langsam das Gebirge, hören wir. Es sickert durch den Stein und sprengt ihn auf. Gestein platzt ab und wird allmählich zu Tal befördert, besonders wenn es porös ist. Die Gebirgsbäche spülen es aus und nehmen es zu Körnchen zermahlen mit sich.
Weiter unten vereinigt sich dieser Bach mit einem Fluss, der schon bald in die Drau fließt. Erst in Kroatien mündet dieser Strom in die Donau. Was unvorstellbar langsam, aber stetig aus den Bergen vom Wasser ausgewaschen wird, das transportiert die Donau bis ins Schwarze Meer.
Und damit kommen die Gebirge nach weiteren Millionen von Jahren da wieder an, von wo aus sie einmal entstanden sind: als Körnchen im Meereswasser, das zu zwei Dritteln unseren Erdball bedeckt.
Die Sommerhitze treibt mir den Schweiß auf die Stirn. Ich komme ins Grübeln: Nichts hält ewig. Nicht mal die mächtigen Berge zu unseren Häuptern, die doch gerade erst unter Naturschutz gestellt worden sind. Geht es der Welt als ganzer am Ende genauso wie jedem einzelnen von uns? Ich werde geboren, wachse auf, werde erwachsen. Ich finde meinen Platz in der Welt und genieße, wenn’s gut geht, die Zeit, die mir hier auf Erden beschieden ist. Doch dann werde ich alt. Meine Kräfte schwinden, und der Tod wartet schon. Eines Tages muss ich Platz machen für die nächste Generation. Das war’s. War’s das?
Kommt die Welt am Ende da wieder an, wo einst alles begann: beim Urknall oder beim Tohuwabohu (1. Mose 1,2)? Oder steht selbst dahinter noch Gott, der sich nichts und niemanden aus seiner Hand reißen lässt (Johannes 10,28)? Nicht mal von einem gewaltigen Erdbeben wie jetzt in Japan mit all seinen vernichtenden Folgen? Fragen wie diese begleiten mich durch die Geschichte vom Leiden und Sterben des Jesus von Nazareth jetzt in der Passionszeit. Die Antwort gibt’s am Ostermorgen.

SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Heinfried K. König, Pastor in lamberti26.03.2011, 12:00 Uhr
„Wohin wollen sie eigentlich?“, wurde vor Jahren auf einem Plakat der Evangelischen Kirche in Deutschland gefragt und da hatte man noch keine Ahnung davon, zu was für einer globalen Krise es kommen könnte. Wohin wollen sie eigentlich? Kann es in dieser Zeit nicht gut sein, die Maßstäbe, nach denen wir leben, zu überprüfen und sie eventuell zu ändern? Im Augenblick versuchen wir, mehr zu reparieren als neue Maßstäbe zu finden. Jesus überprüfte die Maßstäbe seiner Zeit und änderte sie, wenn notwendig. Er sagte: „Es steht geschrieben … aber ich sage euch …“ Er änderte zum Beispiel die Maßstäbe – der Heiligkeit, der Erfordernisse, um vor Gott treten zu dürfen. Es ist nicht nötig, stundenlang zu beten – wichtig ist der Ernst der Gebete. Es kommt nicht darauf an, ob man gut aussieht oder nicht, sondern darauf, ob man selbst den Blumen am Wegesrand Beachtung schenkt und wie man sie behandelt.
Wir alle sind Sklaven unserer Wünsche. Unsere Vorstellung von Erfolg ist der Motor, der uns antreibt. Als Vertriebene aus dem Paradies sehnen wir uns nach paradiesischen Verhältnissen. Menschliche Versuche ein Paradies zu bauen, enden häufig in der Hölle. Tschernobyl vor 25 Jahren und jetzt Fukushima stehen als anderes Wort für diese Bestrebungen. Und auch in unserem Land gibt es viele Tore zur Hölle.
„Wohin wollen sie eigentlich?“ Was soll mein Leben bestimmen? Der Weg ist noch weit, bis wir fähig sind, in unseren Kindern zum Beispiel einen Sinn für wahre Werte heranzubilden. Welche Botschaft vermitteln wir Kindern zum Beispiel mit den dauernden Wettbewerben der unterschiedlichsten Art? Es kann doch nicht angehen, dass Schönheit ein Verhältnis von Gewicht und Größe ist? Das junge Mädchen hungern, um diesem Ideal zu entsprechen?
Was für ein Klischee sitzt in unserem Kopf, wenn wir die Bedeutung eines Menschen nach der Höhe seines Vermögens bemessen? Und dennoch werden in entsprechenden Zeitschriften in regelmäßiger Folge die 50 oder 100 Reichsten aufgelistet. Es kann nicht sein, dass eine Person, die Millionen auf dem Konto hat, mehr wert ist als ein Kind mit 50 Cent in der Tasche! Aber beobachten Sie einmal, wie Leute mit Geld zum Unterschied von „armen Schluckern“ behandelt werden. Unsere kulturellen Maßstäbe sind dafür verantwortlich.
Die Situation in der Wirtschafts- und der Finanzwelt hatte dem Maßstab des Geldes einen Dämpfer aufgesetzt. Haben wir noch Zeit, aus der Krise mehr zu lernen, als nur, wie man sie schnell behebt und repariert? Kann Geld einen anderen Maßstab bekommen? Auch Jesus beschäftigte sich mit dem Thema. Er meinte: Das Geld als den einzigen Maßstab zu nehmen, ist die Wurzel allen Übels … Es ist Zeit für uns – für uns alle – den Maßstab zu ändern, den Maßstab für Erfolg, für Fortschritt und für uns selbst. Oder – wohin wollen sie eigentlich?
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Dr. Detlef Dieckmann-von Bünau,Pastor in Engerhafe und Öffentlichkeitsarbeitim Kirchenkreis Aurich19.03.2011, 12:00 Uhr
Die Flut der Bilder aus Japan und Libyen, die Fülle der Informationen über das, was wir doch nicht begreifen können, all das macht uns sprachlos.
Das erlebe ich immer wieder in diesen Tagen.
„Für alles gibt es eine Zeit“, heißt es im Buch Prediger im dritten Kapitel, „Zeit zu schweigen und Zeit, Worte zu machen.“ Viele Menschen haben gerade jetzt das Bedürfnis, über das Geschehene nicht noch mehr zu reden, sondern still zu werden und zu schweigen. Das kann ich gut verstehen.
Vor gut sieben Jahren, nach dem ersten großen Tsunami – damals im Indischen Ozean – haben sich viele Menschen in Gottesdiensten versammelt, um still zu werden vor Gott und um auf seine Worte zu hören.
Im Berliner Dom wurde seinerzeit ebenjener Text aus dem Buch Prediger gelesen: „Für alles gibt es Zeit – Zeit für jedes Vorhaben unter dem Himmel: Zeit zu gebären und Zeit zu sterben, Zeit zu pflanzen und Zeit, Gepflanztes auszureißen, Zeit zu töten und Zeit zu heilen, Zeit einzureißen und Zeit zu bauen, Zeit zu weinen und Zeit zu lachen, Zeit zu trauern und Zeit zu tanzen, Zeit, Steine zu werfen und Zeit, Steine zu sammeln, Zeit zu suchen und Zeit, verloren zu geben, Zeit für den Krieg und Zeit für den Frieden.“
Seit damals lässt mich dieser Text nicht mehr los. Das hat damit zu tun, dass dieser Text auf mich tröstlich wirkt – und zugleich von einer geradezu schonungslosen Klarheit ist.
Schonungslos, weil er mich nicht mit der Wahrheit verschont, sondern zur Sprache bringt, was ich mir gar nicht vorstellen mag:
Dass für Zehntausende plötzlich die Zeit des Sterbens gekommen ist, dass für andere die Zeit gekommen ist oder kommen wird, Verwandte und Freunde verloren zu geben, dass für Menschen in Libyen die Zeit des Krieges gekommen ist – während wir nur zuschauen.
Tröstlich, weil er auf der anderen Seite über das spricht, was uns verheißen ist: Dass wieder Menschen geboren werden, dass Hoffnung wachsen kann, Wunden heilen, Häuser wieder aufgebaut werden und Friede werden kann, Menschen wieder auf der Straße lachen und tanzen werden.
Und gerade weil der Prediger den Tod und die Trauer nicht kleinredet, ist dieser Trost für mich glaubwürdig. Glaub-würdig, weil ich glaube, dass mit dem Tod nicht alles zu Ende ist, sondern Gott mein Leben will, sogar über mein jetziges Leben hinaus.
Ich fand es damals mutig, diesen Text in einem Trauergottesdienst zu lesen. Denn man könnte ihn ja auch so verstehen: Wenn alles seine Zeit hat, dann kommt ja wohl alles, wie es kommen soll, ob Erdbeben, Atomkatastrophe oder Krieg. Nützt ja nichts.
Und tatsächlich haben wir auf vieles keinen Einfluss. Und können dann nur Gott anklagen.
Doch in Prediger 3,1 steht nicht, dass es für jedes Geschehen Zeit unter dem Himmel gibt, sondern für jedes „Vorhaben“.
Und dadurch ist der Ball wieder bei uns, und wir müssen uns fragen:
Was haben wir vor mit unserem Leben auf der Erde? Wie wollen wir leben? Wann wollen wir lernen, das, was wir beeinflussen können, von dem zu unterscheiden, was nur Gott in der Hand hat? Wann wollen wir verstehen, dass der Zustand unserer Welt damit zu tun hat, wie wir jeden Tag leben?
Auch das haben die Katastrophen gezeigt:
Dass es nicht nur eine Zeit zu schweigen gibt, sondern auch eine Zeit, genau über diese Fragen zu reden.
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Holger Rieken, Pastor in Marcardsmoor und Wiesmoor12.03.2011, 12:00 Uhr
Karneval und Fasching sind vorbei. Es ist wieder Fastenzeit! Weniger essen, verzichten, abnehmen. „Ein paar Pfunde zu viel auf der Waage?“ – „Die lassen sich abtrainieren!“
Fastenzeit meint mehr. Da ist doch dieses Gefühl: „Irgendetwas bei mir stimmt nicht!“; da ist doch dieser Wunsch: „Mensch, mach was aus deinem Leben!“
Für Christen ist das Fasten nicht nur ein Beitrag zur eigenen Gesundheit. Im Vordergrund steht vielmehr, dass das innere Leben fit gemacht werden soll – besonders in diesen Wochen vor Ostern. Also, nicht nur Speck weg und Frühjahrsmüdigkeit ade, sondern auch fort mit den anderen Dingen, die einen kaputtmachen:
Darum hat die evangelische Fastenaktion 2011 das Leitmotiv „Ich war’s! Sieben Wochen ohne Ausreden.“ Nicht erst der Rücktritt des letzten Verteidigungsministers hat gezeigt: Der Ehrliche ist der Dumme. Wer nicht schummelt und trickst, zieht oft den Kürzeren. Und wer Fehler oder Versäumnisse vertuschen kann, kommt auf der Erfolgsleiter oft weit nach oben. Doch unser Leben aus Halbwahrheiten hat einen Preis. Vor uns selbst und vor Gott nehmen wir unsere Verantwortung und Würde nicht wahr. Am Ende verstricken wir uns und verlieren unsere Freiheit.
Die Tage der Fastenzeit sind eine Chance, mich ehrlich zu stellen und nicht auszuweichen. So wie Jesus von Nazareth in diesen Wochen sich gestellt hat, dem Leiden nicht ausgewichen ist und der Sorge um das eigene Leben getrotzt hat.
Fasten- und Passionszeit ist nicht nur Anlass, um die Ernährungsweise umzustellen, sondern den ganzen Menschen umzubauen, vor allem sein inneres Leben! Ich möchte eine Stärke finden, die mir als Gottes Ebenbild entspricht. Und die nicht auf Tricks und Täuschung beruht. Ich möchte ein Leben, das in Kontakt mit anderen nicht von Neid und oberflächlichen Ausreden bestimmt wird.
Damit die belastende Schuld dafür aus dem Weg geräumt wird, hat Jesus den Weg des Leidens bis zum Schluss für uns ausgehalten.
Die Tage der Fastenzeit sind wie eine Entdeckungsreise, während der ich mit Gott, meinen Mitmenschen und mir wieder ins Reine kommen kann. Jeder von uns kann sie nutzen – mit Gottes Hilfe. Denn Gott steht für den Ehrlichen ein – in Jesus hat er sich selber für diesen Weg entschieden.
Dann feiern wir fit und frei in vierzig Tagen Ostern, das Fest der Auferstehung von Jesus.
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Stefan Wolf,Pastor an der Friedenskirche Wiesmoor05.03.2011, 12:00 Uhr
„Warum läuten die Glocken?“, fragt einer der Konfirmanden. „Weil jetzt die Stunde zu Ende ist“, scherzt ein anderer Konfirmand. „Das ist gar nicht mal so falsch“, sage ich zu seiner Überraschung. „Die Glocken erinnern daran, dass der Tag jetzt zu Ende ist und dass Gott uns auch an diesem Abend begleitet.“
„Wann läuten die Glocken denn überhaupt?“, will jetzt wiederum ein anderer Konfirmand wissen. „Bei uns ist das so“, erwidere ich, „dass sie morgens um acht, mittags um zwölf und schließlich abends um sechs erklingen. Dreimal wird der Tag unterbrochen.“ „Aber viele hören doch gar nicht hin“, bekomme ich jetzt zur Antwort. „Da hast Du recht“, stimme ich zu.
Später denke ich über das Gespräch noch einmal nach. Ich finde es schön, dass ich morgens, mittags und abends zum Innehalten aufgerufen werde. Wenn ich in meinem Büro sitze und die Glocken höre, lasse ich die Arbeit oft für einen Moment ruhen und höre einfach zu.
Manchmal nehme ich das Läuten auch nicht wahr. Ich habe aber festgestellt, dass ich kurze Pausen am Tag brauche.
Das ist morgens ein Gebet und ein Vaterunser. Ich brauche diesen Moment der Besinnung und der Ruhe, bevor die Arbeit beginnt. Auch im Bibelspruch für den Monat März geht es um diese Erfahrung: „Bei Gott allein kommt meine Seele zur Ruhe; denn von ihm kommt meine Hoffnung.“ (Psalm 62,8)
Ein Bild taucht vor meinem inneren Auge auf: Das Meer; ganz ruhig liegt es da. Das Sonnenlicht tanzt auf dem Wasser.
Das Leben ist oft anders: Oft ist das Wasser in Bewegung. Und manchmal scheinen die Wellen riesengroß zu sein. Das Leben ist oft unruhig. Ein Termin jagt den nächsten.
„Es ist so, als ob man einen großen Sandberg Schubkarre für Schubkarre abarbeitet“, sagte einmal ein Freund zu mir, „und kurz, bevor man fertig ist, wird wieder Sand aufgeladen.“
Das kenne ich auch. Dann wird mir alles viel zu viel.
Deshalb brauche ich diese Momente des Innehaltens – morgens, mittags und abends. Ich will nicht gedankenverloren in den Tag taumeln, sondern mich auf das besinnen, was jetzt wichtig ist: An wen möchte ich denken? Wofür will ich Gott danken? Und wofür bitte ich ihn? Danach gehe ich ruhiger und zuversichtlicher in den Tag.
Versuchen Sie es doch auch einmal. Beim nächsten Glockenläuten. Oder auch einfach so. Die Hände falten oder einfach die Augen schließen und an das Meer denken, das ganz ruhig daliegt. So ruhig wie meine Seele bei Gott.
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von von Hans Hentschel, Pastor in Riepe26.02.2011, 12:00 Uhr
Eine Bibel kann unwahrscheinlich praktisch sein. Ich war als Pastor neulich bei einem Brautpaar, um über die bevorstehende kirchliche Hochzeit zu sprechen. „Die Predigt möchte ich gern über ein biblisches Motto halten“, sagte ich. Die Braut lächelte mich an: „Ich weiß eins. Das hatten wir im vergangenen Jahr bei der Hochzeit meiner Kusine Gabi. Aber ich kriege es aus dem Kopf einfach nicht mehr zusammen …
Kriegst du es zusammen?“, fragt die junge Frau ihren zukünftigen Ehemann, der neben ihr auf dem brandneuen Ledersofa sitzt, das die beiden sich in die gerade neu bezogene und eingerichtete Wohnung gestellt haben.
Der Bräutigam schüttelt mit dem Kopf. „Nee … Keine Ahnung! Ehrlich! Beim besten Willen nicht.“
Die junge Frau fasst sich nachdenklich an das Kinn. „Weißte was“, fällt ihr etwas mit einem Fingerschnippen ein. „Ich habe in meine Konfirmandenbibel das Gottesdienstprogramm von Gabis Hochzeit reingelegt. Diese Gute Nachricht. Neulich haben wir sie doch noch beim Umzug gehabt. Weißt du, wo die Bibel ist, Schatz?“
Er schüttelt heftig mit dem Kopf. „Nee! Keine Ahnung!“
„Die muss doch irgendwo sein… Weißt du noch, wie ich sie dir gezeigt habe, da hatte ich damals doch diese Aufkleber aus der ’HÖR ZU‘ draufgeklebt …“
„Lass doch den Pastor was aussuchen …“, scheint das Interesse der Braut an der Bibel dem Bräutigam egal zu sein.
„Nee! Die Bibel muss doch irgendwo sein.“ Also begann die Bibelsuche.
Die Bibel lag schließlich unter einem alten Eichenbüfett der Oma des Bräutigams, das in der ansonsten modern eingerichteten Wohnung stand. Beim Einzug war hinten an der Wandseite einer der dunklen, gedrechselten Füße abgebrochen, und die Bibel hatte genau die richtige Dicke, dass das herrlich geschnitzte Möbel auf nur noch drei Beinen nicht mehr wackelte. Lag bombenfest unter dem mit aller Wäsche, Porzellan und Büchern voll bepackten Ding.
„Tja, die Bibel kann einem in allerlei Lebenssituationen helfen“, lachte ich.
Gemeinsam zogen wir sie unter dem Büfett hervor und fanden den Trauspruch.
Eine Bibel kann unwahrscheinlich praktisch sein …
Übrigens auch zum Lesen. … aber das ist natürlich eine andere Geschichte, die wir in unseren Gemeinden in dieser Zeit auch während der Bibelwochen erzählen, die gerade landauf landab stattfinden.
Ich wünsche ein gutes Wochenende, vielleicht mit einem Text aus der Bibel.
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Georg Janssen, Pastor in Ihlowerfehn und Ludwigsdorf19.02.2011, 12:00 Uhr
„Herr Pastor! Hem se dat all sehn? Bi uns in de Boom hangt een Fahrrad.“ Ganz aufgeregt kam mir an diesem Morgen unsere Küsterin entgegen. In meiner früheren Gemeinde stand zwischen der Kirche und dem Gemeindehaus eine mächtige Kastanie. Mitten in diesem Baum hing ein knallrotes Mädchenfahrrad.
Am Abend hatten wir unsere Kirchenvorstandssitzung. Das Fahrrad im Baum war natürlich bei allen ein Gesprächsthema. Einige schmunzelten, andere waren verärgert. „Ich bin mir sicher, das waren wieder die Jugendlichen!“, schimpfte einer der Kirchenvorsteher. Andere nickten zustimmend.
Wir alle wussten, welche Jugendlichen er meinte. Neben der Kirche standen zwei Bänke. Dort traf sich jeden Abend eine kleine Gruppe von Jugendlichen. Sie waren schon interessant anzuschauen. Einige hatten sich die Haare schwarz gefärbt, manche hatten ihre Haare mit Gel in spannende Formen gebracht und einige hatten sich ganz in Schwarz gekleidet. Fast immer hatten sie eine Dose Bier in der Hand. Bis spät in die Nacht saßen sie dort zusammen.
„Lasst uns doch die Bänke da wegnehmen“, meinte ein Kirchenvorsteher. „Wir müssen bei der Polizei anrufen“, meinte ein anderer. „Habt ihr schon mal mit den jungen Leuten gesprochen?“, fragte eine ältere Kirchenvorsteherin. Wir schauten uns an. Bis jetzt waren wir den Jugendlichen lieber aus dem Weg gegangen. „Dann wisst ihr ja gar nicht, über wen ihr redet!“ Etwas kleinlaut schwiegen wir. „Ich gehe morgen Abend mal zu ihnen. Und dann sehn wir weiter“, meinte die Kirchenvorsteherin.
„Bist du schon hingewesen?“, fragte ich, als ich sie ein paar Tage später beim Einkaufen traf. „Ja, ich war bei ihnen“, sagte sie. Und dann erzählte sie, dass sie mit ziemlichem Herzklopfen zu den jungen Leuten gegangen war. Aber die jungen Leute hatten sich gefreut, dass sie kam. „Die meisten Leute schimpfen immer nur mit uns!“, hatte einer von ihnen gesagt. Sie waren etwas zur Seite gerückt und hatten ihr auf der Bank einen Platz angeboten. Danach hatten sie erzählt. Bei dem einen gab es nur Ärger zu Hause. „Ich kann meinen Eltern nie etwas recht machen.“ Einer hatte immer noch keine Lehrstelle gefunden. Alle hatten sie ihre Sorgen. Hier auf der Bank beieinander zu sitzen, das gab ihnen Halt. Hier konnten sie erzählen, hier wurden sie angenommen.
Die Kirchenvorsteherin schaute mich an. „Das sind doch die Menschen, zu denen Jesus uns geschickt hat. Aber wie schnell wir doch bereit sind, sie zu verurteilen und abzuschieben. Wir reden so oft über die Menschen und so selten mit ihnen.“
Das mit dem Fahrrad im Baum hat sich einige Tage später übrigens auch aufgeklärt. Einige Konfirmanden hatten ein Mädchen aus ihrer Gruppe einfach nur necken wollen.
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Pastorin Marion Steinmeier, Auricher Ubbo-Emmius-Klinik12.02.2011, 12:00 Uhr
Es gibt sie, Zeiten, manchmal nur ganz kurze Momente in unserem Leben, da stürzt alles zusammen wie ein Kartenhaus. Von einem zum anderen Moment ist alles anders, gehört das eben noch gelebte Leben der Vergangenheit an, sind wir geworfen in eine neue traurige Wirklichkeit.
Das erleiden Angehörige von Unfallopfern wie jüngst in Hordorf: ein Anruf, eine Mitteilung – das Katapult in eine neue Wirklichkeit.
Das verfolgen wir Auricher gerade im Prozess um Jasmin S. und ihren getöteten Exfreund: Ein Moment in einer Nacht hinterlässt zwei zerstörte Familien und Fassungslosigkeit.
Das erleben wir in der Ubbo-Emmius-Klinik oft, manchmal zu oft, sodass die eigenen Fähigkeiten auf Leid und Trauer noch angemessen zu reagieren, klein werden, zu schwinden drohen.
In dieser Woche haben wir es besonders erlebt. Erleben müssen. Durchdringend und markerschütternd hat es auch die geschäftige und leidgewöhnte Wirklichkeit unseres Krankenhauses zerrissen. Auf dem Weg zurück von einem nächtlichen Einsatz und dem verzweifelten Versuch das Geschehene zu verstehen, geht mir dies Lied durch den Kopf:
„Harre, meine Seele“. Ein Beerdigungslied. Ich mag es nicht besonders, weil es so dramatisch-melodische Verläufe und eine sehr aufwühlende Dynamik hat. Ein ruhiges „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr“, das mich an eine sehr schöne Zeit meines Lebens in Amsterdam erinnert, fällt mir leichter zu singen. Auch bei Beerdigungen. Doch nun dies „Harre, meine Seele“. In der Frühe des Auricher Morgens, die Stadt erwacht gerade erst, sind es vor allem zwei Zeilen, an denen ich hängenbleibe: Wenn alles bricht, Gott verlässt uns nicht. Größer als der Helfer ist die Not ja nicht.
Das wünsche ich mir. Das erbitte ich im stillen Gebet von Gott. Das fordere ich ihm ab, ob ich das darf oder nicht: Wenn Du es deinen Menschen so schwer machst, dann stütze sie auch. Halte sie bei deinem Wort, gib ihnen Kraft und Stärke. Wenn alles bricht, Gott verlässt uns nicht! Größer als der Helfer ist die Not ja nicht. So sei es!
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Jens Blume, Pastor in Mittegroßefehn und Timmel05.02.2011, 12:00 Uhr
Liebe Leserin, lieber Leser – wenn Sie Ihr Idealgewicht haben, dann werden Sie das Folgende vielleicht nicht nachfühlen können. Aber ich vermute: Viele Leserinnen und Leser kennen ein Ringen gegen überflüssige Pfunde in den Anfangsmonaten des neuen Jahres. „Sie sind einfach nur zu dick!“ Das war die ärztliche Diagnose, die ich zu gleichen Teilen befürchtet und erhofft hatte.
Eigentlich war es nur die Kurzatmigkeit, die mich zur Arztpraxis getrieben hatte. Vielleicht kennen Sie das: so ein „Frühjahrs-Müdigkeits-Schlappsein-Gefühl“. An und für sich nichts Außergewöhnliches. Aber für mich war das neu. Vielleicht wird man (überraschend) doch älter? Vielleicht war ja aber auch eine ernstzunehmende Krankheit Grund dieser Beschwerden? In meiner Selbstwahrnehmung sah ich mich schon daniederliegen! Die Lunge, das Herz, der Kreislauf… Und dann sagt die Ärztin: „Sie sind einfach nur zu dick!“ Aufatmen!
Auf der anderen Seite: Das hatte ich auch befürchtet.
Ich weiß natürlich sehr gut, dass ich gut über den Jahreswechsel gekommen bin. All die Leckereien und das herrliche Essen über die Feiertage. Das gehört ja dazu. Und das kleine Bäuchlein… Ich bitte Sie! Der Volksmund sagt dazu: es gibt ein Wohlfühlge-wicht!
Ich habe mir immer eingeredet, dass ich die Grenze des Wohlfühlgewichtes nicht überschritten hätte. Mit einem Sumo-Ringer hat mich schließlich noch niemand verwechselt! Und so habe ich mir immer vorgemacht: So schlimm ist es noch nicht! Und: Ein bisschen füllig ist schließlich sympathisch! Ein dünner Hering willst Du gar nicht sein, und für eine Filmkarriere ist es ohnehin zu spät…
Aber nun stockte manchmal der Atem. Es kam zutage, was ich selbst nicht wahrhaben wollte: Es ist nicht der dicke Pulli, der einem den Blick in den Spiegel verleidet!
Und dann lese ich folgenden Wochenspruch, der uns durch die neue Woche begleitet:
„Der Herr wird ans Licht bringen, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen.“ Ein Vers aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth im vierten Kapitel.
Paulus hat ganz sicher nicht an Gewichtsprobleme gedacht, die da „im Finstern verborgenen“ größer werden. Für mich ist das aber ein Anknüpfungspunkt, an dem der Wochenspruch für mein Leben fruchtbar werden kann.
Paulus rät: Mach Dir nichts vor! Gott fordert nicht mehr von Dir, als dass du treu bist. Treu / aufrecht / ehrlich gegenüber Gott, gegenüber den anderen Menschen und auch gegenüber dir selbst. Dabei musst Du weder auf andere zeigen, noch Dich vor jemandem rechtfertigen.
Es gibt keinen Richter über die Umstände des eigenen Lebens außer Gott allein!
Gott allerdings kennt Dein Herz. Liebevoll aber bestimmt wird er richten über das, was gelungen ist und das, was nicht gelungen ist. Er weiß, wo wir uns und anderen etwas vormachen, wo wir Dinge schleifen und uns gehen lassen. Er weiß ebenso um die Dinge, in denen wir aufrichtig sind, in denen wir uns zum Guten bewegen.
Mit diesem Vers gehe ich in die neue Woche und lasse mich bewegen. Mit Blick auf das große Ganze meines Lebens als auch mit Blick auf diese ärztliche Aussage: „Sie sind einfach nur zu dick!“ Da lässt sich ja etwas ändern!
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Peter Schröder-Ellies, Pastor in der Lambertigemeinde Aurich29.01.2011, 12:00 Uhr
„Die Bibel kann man nicht einfach lesen wie andere Bücher. Man muss bereit sein, sie wirklich zu fragen. Nur so erschließt sie sich. Nur wenn wir letzte Antworten von ihr erwarten, gibt sie sie uns. Das liegt daran, dass in der Bibel Gott zu uns redet. Und über Gott kann man eben nicht so einfach von sich aus nachdenken, sondern man muss ihn fragen. Nur wenn wir ihn suchen, antwortet er.“
Dietrich Bonhoeffer hat das geschrieben. Die Bibel so zu lesen, das versuchen wir auch an diesem Sonntag wieder im Gottesdienst. Wir lesen die Geschichte von Petrus, der aus dem Boot steigt, um auf dem tobenden Wasser zu gehen. Wir lesen, wie ihn der Mut verlässt, wie er untergeht. Und wie Jesus die Hand ausstreckt und ihn herauszieht (Matthäus-Evangelium 14, 22-33).
Natürlich kann man die Bibel auch lesen wie jedes andere Buch. Dagegen ist gar nichts zu sagen. Dann lesen wir hier eine wunderhafte Geschichte, fragen uns mit Recht, ob so etwas möglich ist, und schütteln den Kopf. Wenn wir die Bibel so lesen, dann bleiben wir aber an ihrer Oberfläche.
Das Wesen der Bibel erschließt sich uns, wenn wir Antworten auf die wesentlichen Fragen des Lebens von ihr erwarten. Wenn wir die biblische Geschichte dieses Sonntags so lesen, dann erfahren wir von einem Menschen, der ausgestiegen ist aus seinem Boot. Diese kleine Nussschale auf den Wogen des Lebens, sie reicht ihm nicht mehr. Er wagt sich hinaus, sei es aus Neugier, sei es mit dem Mut der Verzweiflung. Und jetzt steht ihm das Wasser bis zum Hals. So viel stürzt auf ihn ein, er verliert den Halt, alles wächst ihm über den Kopf, er kriegt keine Luft mehr.
Und dann rettet ihn der Glaube. Aber – und das ist vielleicht die Pointe dieser Geschichte – nicht etwa sein eigener Glaube. Nein, Jesus ist es: Jesus glaubt an ihn. Er reicht ihm seine Hand, er hilft ihm heraus. Weil ein anderer an ihn glaubt, geht er nicht unter. Weil Gott zu ihm hält, findet er Halt im Leben.
Antworten auf die Fragen des Lebens suchen, nach Gott fragen: Lassen Sie uns das gemeinsam tun – warum nicht an diesem Sonntag?
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Uwe Tatjes, Pastor in Aurich-Kirchdorf22.01.2011, 12:00 Uhr
Langsam werde ich alt. Eben wusste ich noch, was ich sagen wollte, jetzt ist es mir entfallen. Ich beginne zu stocken. Aber ich habe den Faden verloren. Es ist, als ob meinen Worten das Leben entwichen ist. „Was wollten Sie denn sagen?“, schreckt mich mein Gegenüber auf.
Keine gute Erfahrung, so dazustehen. Wortlos. Und darin auch ziemlich hilflos.
Ich denke an eine andere Situation. Ich muss zu Menschen reden. Aber ich bin mit dem Herzen und auch mit den Gedanken nicht dabei. Ich rede und rede. Und merke, wie ich doch mehr und mehr die Zuhörer verliere. Ich kann es den Gesichtern der Zuhörer ablesen. Kraftlos wirken meine eigenen Worte auf mich.
Sprache ist Hoffnung, gehört zu werden. Wenn uns die Worte fehlen, wenn unsere Worte den anderen nicht erreichen, ist das bedrückend. Wer wirklich etwas zu sagen hat, wem etwas auf dem Herzen liegt, den treibt die Hoffnung an, sich mitteilen zu können. Im Gespräch etwas abzulegen von der Last. Im Austausch mit anderen neue Impulse und Anregungen zu bekommen.
Wie viele leere Worte verlieren wir jeden Tag. In banalen Gesprächen. In sinnfreien Mitteilungen. Wir reden und simsen und chatten. Aber nicht über das Wesentliche. Kommunikation auf allen Kanälen. Aber selten auf der Frequenz, wo wir ehrlich sind. Wo unser Herz zu spüren ist.
Und wenn ich wirklich wichtiges loswerden muss? Wird mich dann jemand überhaupt hören? Oder geht meine Äußerung unter im Meer der Worthülsen und leeren Floskeln? Wenn es darauf ankommt, Klartext zu reden und ehrlich zu sein: Werde ich die richtigen Worte finden?
Ich besuche eine demente Frau im Altenheim. Ein Gespräch mit ihr ist schwierig. Sie müht sich um die Worte. Ich spüre, wie sie versucht, eine Verbindung aufzubauen. Aber ihre Krankheit lässt sie immer wieder Worte und Gesprächsfaden verlieren. In ihren Augen steht die Traurigkeit, etwas sagen zu wollen, es aber nicht mehr richtig zu können. Ich versuche ihr das Gefühl zu vermitteln, dass ich bei ihr bin. Auch wenn wir uns eher im Zick-Zack bewegen. Am Ende meines Besuches lege ich der Frau die Hände auf und segne sie. Ich spreche die alten Worte eines Segens. Es ist der Zuspruch, dass Gott bei uns ist und uns hört. Sie spürt die Berührung und lauscht sich in die Worte hinein. Sie strahlt und ihre Lippen formen das Wort „Danke“.
Sprache ist Hoffnung, gehört zu werden. Ich wünsche mir, dass wir einander im Wörtermeer mit ehrlichen Worten und offenen Worten begegnen. Dass wir als Christen von der Hoffnung erzählen können, die in uns ist. Dass wir gute Worte füreinander finden. Dass wir unsere Stimme für die erheben, die keine eigene Stimme haben. In einem meiner Lieblingslieder heißt es: „Gib mir die richtigen Worte, gib mir den richtigen Ton. Worte, die deutlich von dir reden, gib mir genug davon. Worte, die klären, Worte, die stören, wo man vorbeilebt an dir. Wunden zu finden und sie zu verbinden, gib mir die Worte dafür.“
SONNTAGSBETRACHTUNG
Von von Silke Kampen,Pastorin in Egels, Popens, Wallinghausen15.01.2011, 12:00 Uhr
An manchen Tagen ist unser Tisch mit so kleinen Krümeln übersät und ich erkenne: Hier hat sich gerade eines unserer Kinder mit Hausaufgaben ausgetobt und viel ausradiert. Wie praktisch dieser Radierer doch ist: Er schafft es, dass wir das gute Gefühl haben, wieder ganz neu beginnen zu können.
Das, was misslang und daneben ging, wird ausradiert.
Nun soll es bald das „digitale Radiergummi“ geben, das Bilder im Internet auf sozialen Plattformen auslöscht, sie also nach einer gewissen Zeit unsichtbar macht. Bislang konnten Bilder und Informationen, die in diese Welt der digitalen Kommunikation gestellt werden – freiwillig oder unfreiwillig – nicht mehr „zurückgenommen“ werden.
Noch bleiben sie im digitalen Gedächtnis dieser Zwischenwelt und damit „ewig“. Das Internet als Gedächtnismacht, die nichts vergisst. Damit wird es bedrohlich für uns leichtfertige Menschen. Jeder „Ausrutscher“ bleibt und kann missbraucht werden. Das ist unmenschlich, und zwar im Wortsinn: Denn menschlich ist, dass wir uns nicht jeden Vorgang, nicht jedes Detail, nicht jedes Wort merken können. Wir vergessen. Nicht altersbedingt, sondern grundsätzlich. Die Fülle des Lebens überflutet uns. Und – Gott sei Dank! – müssen wir uns nicht alles merken. Wir dürfen, wir müssen vergessen. Das ist gut und schlecht gleichzeitig: Schwierig wird es, wenn aus Vergessen Verdrängen wird. Gut wird es, wenn wir die schuldbeladenen Situationen, unser Versagen anderen gegenüber benennen und gestehen können. Gut wird es, wenn unser Gegenüber sagt: „Vergeben und vergessen!“
Die Schuld dahingestellt und ausradiert. Man kann es noch einmal versuchen.
Bei Gott geht es menschlich zu. So lautet die Weihnachtsbotschaft. Der, der unsere Haare auf dem Haupte gezählt hat und uns nicht vergisst, wie uns Matthäus vor Augen stellt, radiert aus, was sich an Fehlern und Schuld bei uns laufend anhäuft. Er radiert aus, was wir in unserem Alltag nur streichen, nicht aber zurücknehmen können. Und viele Menschen leiden daran, dass sie sich selbst nicht vergeben können oder dass sie unfähig sind, andern das zu vergeben, wodurch sie verletzt wurden.
Der kommende 2. Sonntag nach Epiphanias ist ein Sonntag der Freude und des großen Gotteslobes: Als Christinnen und Christen freuen wir uns an dem Lebendigen, loben seine Macht, nicht die kalte, mechanische Gedächtnismacht (Gott sieht und weiß alles), sondern die, die sich in Jesus so menschlich zeigt, so barmherzig und zugewandt wie in dem Evangelium von der Hochzeit zu Kana (Joh. 2). Dort wandelt Jesus bekanntlich Wasser zu Wein. In Kana kommt das Beste zum Schluss: Brautleute und Gäste werden sich des guten Weins erinnern, den alten können sie getrost vergessen. Mit Jesus fängt im Grunde das Lebensfest noch einmal neu an, das alte – fast wie ausradiert.

SONNTAGSBETRACHTUNG
Von Jürgen Hoogstraat, Pastor in Victorbur08.01.2011, 12:00 Uhr
Wat was dat vör´n Wanörder in de Dagen för Wiehnachten, as Iis un Schneej tomal dat Seggen harren. Sovöl Minsken satten fast, de mit Zug na Huus hen wullen. Wat kunnen een de Blooden begrooten, de up Kuffer satten to klömen un neet van Stee kweemen. Mennig een van jo of van jo Femiljen hett dat süllmst unnerfunnen, de so geern to Wiehnachten na Huus hen wull. Dat gung dr´ smaals her as unnern in´d Gulf un ook van de Bahntjers wuss nümms mehr to seggen, welke Zug wennher un worhen fohren dee. Neet mal de Helpers van uns Bahnhofsmission harren noch Wulldeekens un Thermosbuddels – se kunnen d´r ook neet mehr tegen an.
Nett so gung dat ´n Bült Minsken, de to d´ Fierdagen na Hus hen fleegen wullen un so geern to Wiehnachten bi d´ Ollen of bi d´ Kinner wesen wullen. Wi hebben hört van junge Lüe ut Athen, de süllmst noch in Hus ankomen sünt, man hör Kuffers hungen dagenlang irgendwor in d´ Lücht un so mussen se up Unnerste up Moder un Vader an. Wi hebben hört van ´n jungen Wicht, de erst in Paris neet wiederfleegen kunn un unnerrats twee Dagen wachten muss, de an d´ darde Dag na d´ Bahnhof henloopen is un dor mit Halswark noch ´n Zug na Holland kreeg. Nu satt se Heiligabend in Holland, Kuffer in Paris un Moder in Huus to wachten. Nettekraht as bi d´ Zug wullen ook de Lüe, de fleegen wullen, so geern een hebben to fraagen, wo´t wiedergeiht. Man dor was nümms. Lange Gesichten, tells ook wall wat Frockerej, Nood un Verdreet, mennig Traantje is rullt – man dat hulp nix, dor was nümms to finnen, de seggen kunn, wo´t wiedergahn sull. Mennig Mal hebben wi dorvan hört un lesen un de Schkepsels kunnen een begrooten, de neet wieder kunnen un neet wussen, wo´t wiedergahn sull.
Weest wat? Mi dünkt, ´n bietje stahn wi beid in disse Dagen ook so vör dat neeje Johr. „Wi stahn d´r vör, wi mutten d´r dör“ – seggen wi uns wall, man mit all uns Kuffers un Taschken ut dat olle Johr stahn wi nu in de erste Week van dat neeje Johr un twalf lange Maanten liggen vör uns. Wi denken ook: Wor mutt ik lang? Kann ik wall so wiederloopen off hebb ik nix as Tegenstöten? Is mien Padd dör 2011 open un freej off sitt de vull Is un Schneej? Un sitt ik mal fast un geiht neeit wieder: is dor wall een, de ik fragen kann, de mi de Padd anwiesen deiht, wo ik na Hus henkoom? Off geiht mit dat nett as de Minsken dree Dag vör Wiehnachten, de mit Zug na Hus wullen off fleegen un se kunnen nüms finnen, de hör seggen kunn: hier kummst du na Hus? Na Hus – dat mutt keen Huus van Steen un Holt un Glas wesen, na Huus heet ook: wor koom ik to Ruh? Wor hör ik hen? Well hollt mien Leben´d in Gang? Wor kann ik rüsten bi all dat Gedau in de Welt?
Van uns ut könen wi de Pad neet finnen, de sitt unner Iis un Schneej. Man dor steiht een an de Drüppel van dat neeje Johr, de will de Schneej, de di de Lebenspadd dichtsett hett, wegschuben. Dor steiht een an de Drüppel van dat neeje Johr un seggt: „Hebb man ken Nood! Ik breng di na Huus! Verfehr di man neet! Löv an Gott un Löv an mi“, seggt Jesus. „In mien Vaders Huus is heel völ Bott un dor is ook ´n Kamerke för di.“ (Johannes 14 – driest eem nalesen!) Hol di an mi un ik dooi di dat Iis van dien Leben´d weer up, ik schkuuv di de Schneej van´t Stee und du hest ´n gaaelken Pad, wor du loopen kannst. Büst du ook noch so verdwolen un noch so van´t Padd off, ik segg di dat to: du sall ´n Stee hebben, wor du henhörst, bi mi. Seggt Jesus. Ik will di seggen, worhen un worher. Ik will di bi d´Hand to packen hebben dat du good dör dat neeje Johr kummst. Mi dürst du alltied fragen, ik stah klor för di. Holl di an mi un du büst burgen. Elke Söndag hebben se ook bi di in d´ Kark weer´n Wulldeeken un ´n Thermosbuddel ut mien Woord för di – gah driest d´r achterto un hal di dat. Bliev up sien Padd un holl di an hum, denn mach komen, wat will un keen Iis un keen Schneej kann di van Huus offholen.