Sonntagsbetrachtungen 2012

24. Dezember 2012: Fröhliche Weihnacht überall?

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Was gehört für uns unverzichtbar zu den perfekten Weihnachten?
Im sommerlichen Australien fiel es mir als Ostfriesen schwer, in rechte Weihnachtsstimmung zu geraten. In Indien fehlten die Kirche und die Weihnachtslieder am Heiligen Abend. In Arizona war es zu hell, und es gab Truthahn statt Weihnachtsgans. In Frankreich vermissten wir unsere Lieben. In Kamerun gab es keinen Schnee. In Zentralafrika fehlte noch viel mehr, es herrschte Bürgerkrieg, die Menschen waren auf der Flucht, es gab keinen Frieden. In Südafrika gab es weit und breit keinen echten Tannenbaum, und es war zu heiß. Überall schien etwas zu fehlen.
Zu keiner anderen Zeit im Jahr sind uns unsere Traditionen so wichtig und wertvoll wie zu Weihnachten. Wenn nur ein kleines Puzzleteil fehlt, gibt es für uns kein ‚richtiges‘ Weihnachtsfest. Doch zurück in der deutschen Heimat, mit Weihnachtsmärkten, kaltem Winter und kurzen Tagen, Glühwein und Spekulatius, Geschenken und Liedern unter der geschmückten Nordmanntanne, gutem Festessen in harmonischem Familienkreis, da ist es doch fast genauso, wie wir es uns vorstellen! Wenn uns nicht die Zeit fehlen würde, um in all der Betriebsamkeit den Augenblick zu genießen… Es ist eben doch wieder nur ‚fast‘ perfekt, denn wir erinnern uns: früher, als wir Kinder waren, ja, da hat es zu Weihnachten doch immer geschneit.
Damals, im fernen Betlehem, da fehlte auch vieles. Maria und Josef hatten kein eigenes Dach über dem Kopf, waren fern von ihren Familien. Der Tannenbaum und die Weihnachtsgans fehlten wohl auch. Übrigens auch der Schnee. Wunschlos perfekt war es im Stall von Bethlehem wohl auch nicht. Und doch war alles da, was nötig ist für Heilig Abend: Gott kam zu uns Menschen. Er verschenkte sich ganz und gar an uns. Er selbst wurde Kind, um unsere Not zu wenden. „Hier habt ihr alles, was wichtig ist für euer Weihnachtsfest!“, mag er sich gedacht haben. Davon sangen auch seine Engel: „Euch ist heute der Heiland geboren!“ Deswegen kommt Christus zu uns, in unsere gebrochene, nicht perfekte Welt. Deswegen kommt er zu mir, um mir nahe zu sein und mich heil werden zu lassen. Das ist das Wesentliche an Weihnachten, wo und wie auch immer auf Gottes weiter Welt wir es feiern mögen.
In diesem Sinne wünsche ich ein gesegnetes Weihnachtsfest,
John Förster, Pastor in Riepe

22. Dezember 2012: Freuet euch in dem Herrn allewege, freuet euch!

Heike Musolf, Schulpastorin im Kirchenkreis Norden

Mit meinen Schülerinnen und Schülern bereite ich wie jedes Jahr einen Schulgottesdienst vor. „Muss es denn wirklich wieder die olle Weihnachtsgeschichte sein?“ – das ist nicht nur ihre Frage, auch die Kollegen und Kolleginnen stellen sie. „Ohne Lukas 2 kein Weihnachten, so einfach ist das“, lautet meine lapidare Antwort, aber nun mal ehrlich: Was sagt uns diese Geschichte vom Stall, den Engeln und den Hirten heute noch? Wie kann sie uns nah kommen, wie uns bewegen? Uns beschäftigen doch die Nachrichten dieser Tage, sie verängstigen und beunruhigen uns. In Newtown/USA trauern 20 Elternpaare, 20 Familien um ihre jungen Kinder. Um Lehrerinnen und Lehrer wird getrauert, eine ganze Gemeinde ist traumatisiert. In Sekundenschnelle wurden sie aus ihrer Welt gerissen, nichts ist, wie es war. In Bangladesh kämpfen Menschen immer noch mit den Verwüstungen der Überflutungen, Haiti hat sich noch nicht vom Erdbeben erholt, unendlich ist die Geschichte menschlichen Leids. Hier haben wir sie, unsere Hirten, die sich des Nachts ängstigen, die voller Furcht auf den Tag warten, weil sie die Gefahren, die das Leben bedrohen, kennen und spüren. Und auch unter uns gibt es Menschen, die zu den Hirten gehören. Menschen, die geliebte Menschen verloren haben, Menschen, die sich um ihre Gesundheit sorgen, Menschen, die keine Heimat, keine Familie, keine Unterkunft haben. Hirten gibt es genug in unserer Welt. Wer sind wir in dieser Geschichte? Wo stehen wir in der Krippe? Und wer sind die Engel, die die gute Botschaft bringen, die das anbrechende Licht verkündigen? Meine Schüler und Schülerinnen haben schließlich ihre Antwort gefunden und in einem eindrucksvollen Film verarbeitet. Sie lautet: Gott ist Mensch. Gott ist der Mensch, der leidet. Als Gott in die Welt kam, nahm er das Los der Armen, Hungrigen, Heimatlosen und Entrechteten auf sich. Gott ist Mensch. Mensch werde du auch Mensch. Warte nicht auf Wunder, nicht auf Engel. Gottes Engel haben keine Flügel, sie haben Hände, die helfen, Füße, die hin- gehen können, einen Mund, der trösten kann und Ohren, um zu hören, was Menschen bewegt. Und so sind die Engel in unserem Gottesdienst ganz neu besetzt: Wer sich um Menschen annimmt, ihnen nahekommt, ihnen Bruder oder Schwester ist, der gehört zur Menge der himmlischen Heerscharen. Der verkündet: Fürchtet Euch nicht! Ihr seid nicht allein in eurer Not und Angst. Euer Gott ist bei euch. Und so geht unser modernes Krippenspiel dann doch voller Hoffnung zu Ende. Wo Menschen dem Gebot Christi folgen, wo Menschen Menschen in ihrer Not wahrnehmen und ihnen nahekommen, da ist Weihnachten. Da ist das Reich Gottes gekommen, das sich damals im Stall von Bethlehem in der Geburt eines kleinen, hilflosen Kindes ankündigte. So kann ich auch von der Freude sprechen, die aufkommt, wo ein Mensch menschliche Nähe spürt. Wo ein Mensch den anderen annimmt, da ist Gott mitten unter ihnen. Freuet Euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch. Der Herr ist nahe.

Heike Musolf, Schulpastorin im Kirchenkreis Norden

15. Dezember 2012: Bahn frei!

Silke Kampen, Pastorin In Wallinghausen

Über mangelnden Schnee in unseren Breiten können wir uns im Moment wirklich nicht beschweren. Und wir hatten schon jede Sorte Schnee: leichten und körnigen, aber auch den schweren, matschigen Schnee. „Bahn frei!“ heißt es dann morgens. Ich hole den Schneeschieber, den Besen und mache mich daran, einen Weg für den Briefträger zu bahnen. Aber die Auffahrt ist deutlich breiter. Also schippe ich weiter, es könnte ja auch der Paketdienst mit dem großen Transporter kommen – eine nicht so abwegige Idee in diesen Tagen. Und wer weiß, wer noch vor der Tür stehen wird … Bahn frei!, so denke ich, ist auch nur eine Umschreibung für den Wochenspruch, der für den 3. Advent vorgesehen ist. Da heißt es beim Propheten Jesaja: „Bereitet dem Herrn den Weg, denn siehe, der Herr kommt gewaltig“ (Jesaja 40, 3). In diesen Tagen machen und müssen wir viele Wege frei machen. Manche holen das Schneeblech, andere schwören auf den großen Besen, wieder andere haben eine große ratternde Schneefräse, die das weiße Gebilde auf den Straßen nur so wegfrisst. Wir bereiten unsere Wege, damit Menschen sicher an ihr Ziel gelangen können. Bereitet dem Herrn den Weg! Das hören wir im Advent. Wie aber soll ein Weg aussehen, der für die Ankunft Gottes richtig ist? – Der Weg für Gott müsste ja wohl alles vom Feinsten sein: ein glatt gepflasterter Weg, möglichst Marmor, mit Säulenhallen, hell erleuchtet, nur das Beste aus unserm Leben, der rote Teppich ausgerollt. Dann könnte Gott kommen. Hat Jesaja es so gemeint? Jesaja lebte einige Hundert Jahre vor Christi Geburt. Israel hatte einen Krieg verloren und war praktisch aus der Landkarte ausradiert. Die damalige Oberschicht im Lande war nach Mesopotamien verschleppt worden, weit weg, in die Fremde. Da hat der Prophet eine Vision, dass Gott mit diesen seinen Leuten nach Jerusalem zurückkehrt. Mitten durch die Wüste ziehen sie, niemand kann Gott aufhalten. So mächtig ist er, dass selbst die fest stehenden Berge sich verneigen und sich ihm nicht in den Weg stellen. Achtung, jetzt kommt Gott! Er befreit die Gefangenen, er macht alles gut. Aber natürlich sind es nicht die Menschen, die aus der Wüste eine begehbare Straße machen, sondern Gott selbst. Und er führt alle mit sich, die er befreit hat. Auch die, die an ihre Rettung nicht mehr geglaubt haben. Das also bedeutet der Ruf des Propheten Jesaja: Bahn frei! – hier kommt Gott, niemand kann ihn aufhalten! Aber dann sind noch andere Töne von diesem Propheten zu hören. Es taucht ein anderes Bild von Gott auf: Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer in seinen Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen (Jesaja 40, 11). Jetzt ist Gott nicht so pompös. Fürsorglich trägt er selbst das kleinste Schaf, sorgt sich um die, die nicht mitkommen. Gott sorgt sich um die, die an den Wassern zu Babylon sitzen und weinen. Er sorgt sich um die, die den Anschluss verpasst haben. Und er sorgt für die, denen Respekt verweigert wird. Nur eine Vision, vielleicht eine Sinnestäuschung, lieber Prophet? Jesaja wird sicher Spott und Hohn geerntet haben. Aber er traut Gott diesen Rettungsversuch und diese Erlösung zu, obwohl äußerlich nichts dafür zu sprechen scheint. An Weihnachten füllen sich unsere Kirchen wieder: Vielleicht aus Gründen der lieben Gewohnheit und Tradition, vielleicht. Aber der Gott, der den Himmel verlässt, kommt in unser unbehaustes Leben. Das spüren Gottesdienstbesuchende: Gott kommt zu mir. Er ist das Kind, das ganz kleine und zerbrechliche. Und das bin ich auch. – Die Sprache der Liebe versteht so jede und jeder – ohne große Worte. Aber werbende Worte sollen wir ruhig machen und ausposaunen dürfen wir es immer: Bahn frei und roter Teppich für diesen Gott: Er kommt gewaltig, Berge und Hügel weichen! Er kommt und wird uns helfen. Bahn frei!

Silke Kampen, Pastorin in der Matthäus-Gemeinde Aurich-Wallinghausen

8. Dezember 2012: Und Gott sah, dass es gut war

Die Begeisterung kannte kaum Grenzen, am Himmel wie auf Erden. Am 21. Dezember 1968, drei Tage vor dem Weihnachtsfest, war die Apollo-8-Mission in ihrer Saturn-Rakete aufgebrochen: Drei US-amerikanische Astronauten auf dem Weg zum Mond. Planmäßig an Heiligabend hatten sie ihr Ziel erreicht, die Umlaufbahn um den Mond. Zehnmal umkreisten sie ihn. Bei den Fernsehübertragungen aus dem All lieferten die Bordkameras gestochen scharfe Bilder von der Oberfläche des Erdtrabanten. Überwältigt vom Anblick der aufgehenden Erde, dem langsam im Sonnenlicht erstrahlenden blauen Planeten weit unter ihnen, richteten die Männer über Funk ihre besondere Botschaft zum Weihnachtsfest an das staunende Publikum daheim. Mit fester Stimme verlas der Kommandant der Mission die biblische Schöpfungsgeschichte aus 1. Mose 1 und schloss weihnachtliche Grüße an die gesamte Menschheit an. WasmagdiedreiAstronauten vor mehr als vier Jahrzehnten bewogen haben, angesichts des größten damals denkbaren Erfolgs der Physik zu Heiligabend ausgerechnet an die biblische Geschichte von der Erschaffung der Welt durch Gott zu erinnern? Allein der faszinierende Blick auf die Erde aus bis dahin nie erreichter Höhe wird es nicht gewesen sein, auch kaum ein Gefühl der Demut und der Dankbarkeit gegenüber Gott. Am Tag nach dem Fest, am 27. Dezember 1968, kehrten die drei Männer in ihrer Kapsel wohlbehalten auf die Erde zurück. Doch was haben Weihnachten mit dem Jesus-Kind in der Krippe und die Schöpfungsgeschichte miteinander zu tun? Im Internet ist alles zu finden. Auch der berühmt gewordene Funkspruch aus dem All zum Weihnachtsfest 1968. Die Jazz Big Band Graz hat ihn jetzt einem ihrer Musikstücke unterlegt. „Space Trip: The Day we landed“ heißt es, zu Deutsch: Reise durch den Raum: Der Tag, als wir gelandet sind. Wunderschöne Melodien sind zu hören, perfekt gespielt von den BläsernderBigBand.Dazu ein Sänger, der von großen Erwartungen ans Leben singt, die noch jeden Menschen bewegen. Doch je rastloser es uns durchs Leben treibe, desto mehr gerate Gott in den Blick. Die eigene, die ganz persönliche Reise durch Zeit und Raum, komme bei ihm zum Ziel. Hineinkopiert in die Musik ertönt hinter dieser österreichischen Big Band und ihrem Sänger aus dem Munde eines der drei Astronauten die damals aus dem All gefunkte Geschichte von der Erschaffung der Welt mit dem mehrfach wiederkehrenden Satz: Und Gott sah, dass es gut war. Haben die Grazer Jazzmusiker am Ende mehr im Sinn als nur genial komponierte und gespielte Musik? Zehn Minuten traumhaft schöne Melodiebögen, aber auch ein religiöser, gar christlicher Anspruch dahinter? – Die neue CD der Jazz Big Band Graz habe ich immer wieder angehört in den vergangenen Wochen. Und tatsächlich: Diese ungewöhnliche musikalische Reise kommt mir durchaus weihnachtlich vor. Nicht nur, weil sie an das Weihnachtsfest 1968 erinnert und an die atemberaubenden Fernsehbilder vom Mond – und der Erde. Ohnehin sind wir für Musik besonders empfänglich in der Adventsund Weihnachtszeit. Kein Weihnachtsmarkt, kein Kaufhaus ohne die einschlägige musikalische Unterhaltung zum bevorstehenden Fest, und in den Kirchen laufen die Chöre zu großer Form auf. Festlich sollen die Gottesdienste zu Weihnachten sein, vor allem dank möglichst viel Musik. Am Weihnachtsfest wollen wir zur Ruhe kommen. Viel zu schnell ist das Jahr vergangen, lautet die verbreitete Klage noch jedes Mal. Das ist zwar physikalischer Unsinn, doch das Gefühl, wieder nur rastlos durchs Leben gehetzt zu sein, wollen wir wenigstens zu Weihnachten abstreifen. Mir hilft dabei diesmal die musikalische Reise durch Raum und Zeit mit der Grazer Big Band. Denn auf ihre Weise erschließt sie mir, was wir alle vom bevorstehenden Fest erwarten, ob in einem der zahlreichen Gottesdienste oder zu Hause im Kreise der Familie: Harmonie und das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein.DieZeit nicht wieder nur nutzlos verschwendet zu haben und das Leben lieben zu können. Ins Reine zu kommen mit sich und der Welt. Genau da bringt sich Gott ins Spiel. Der Gott, der am Beginn von allem steht. Und der sah, dass es gut war. Ist es nicht genau dies, was wir uns nur allzu gern von neuem zusprechen lassen zum Weihnachtsfest? Gott ist von Anfang an da, auch jetzt noch. Im Jesus-Kind in der Krippe, seinem Sohn, steht er zu dem, was er geschaffen hat, und lässt sich wieder darauf ein zum Zeichen dafür, dass er diesen uranfänglichen Satz niemals zurücknimmt: Und Gott sah, dass es gut war. Wenn das so ist, dann kann ich mich diesem Gott jetzt von neuem anvertrauen und bei ihm wahrhaft zur Ruhe kommen – trotz allem, was durchaus nicht gut ist in dieser Welt. Doch ohne dieses Vertrauen gehe ich verloren in Raum und Zeit. Vielleicht war das der Gedanke hinter der Weihnachtsbotschaft vom Mond zu Heiligabend 1968. Für mich ist er es in diesem Jahr ganz besonders, dank der wunderbaren Musik einer Jazz Big Band ausdenAlpen.

Dr. Andreas Lüder, Pastor In Ostgroßefehn

1. Dezember 2012: Macht hoch die Tür

Nun beginnt sie wieder, die heimelige gemütliche Adventszeit mit der besonderen Atmosphäre von Tannengrün, Adventskränzen, Adventskalendern, Kerzenschein und leckeren Keksen. In keiner anderen Zeit wird so viel und so gern gesungen, wie in der Adventszeit. Ein Lied darf dann auf keinen Fall fehlen, es ist im evangelischen Gesangbuch unter der Nummer 1 zu finden und ist damit zugleich das Lied zum Auftakt für die Adventszeit: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit.“ Und da mit dem ersten Advent auch ein neues Kirchenjahr beginnt, zeigt dieses Lied zugleich an, wem wir als Christen im neuen Jahr die Tore und Türe weit aufmachen wollen, nämlich dem kommenden Herrn und Heiland Jesus Christus. Gedichtet wurde dieses Lied bereits im Jahr 1623 von dem Pastor und Dichter Georg Weissel, er lebte von 1590 1635 in Ostpreußen. Die heute bekannte Melodie kam dann gut einhundert Jahre später hinzu. Es ist immer wieder erstaunlich, dass manche Lieder durch Jahrhunderte hindurch immer wieder gesungen werden und eine bestimmte Zeit im Kirchenjahr durch Text und Melodie prägen können. Persönlich freue ich mich schon wieder sehr darauf, dieses Lied in den Gottesdiensten und Adventsfeiern zu singen. Auch, weil diesem Lied ein Zitat aus dem Psalm 24 zugrunde liegt, in dem es heißt: „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe!“ Dieser Psalm wird in den Gottesdiensten am 1. Advent ebenso zitiert, wie die Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem. Auf beides spielt das Lied in seinen Strophen an. In der Adventszeit geht es ja darum die Türen, nicht nur unserer Adventskalender, weit zu öffnen, damit Christus mit seinem Heil und Segen, mit seiner Freundlichkeit und Barmherzigkeit zu uns kommen kann. Jesu Kommen, seine Ankunft unter uns – das heißt ja Advent – hat Auswirkungen sowohl für Stadt und Land (so in der 3. Strophe) als auch in unserem privaten Leben. Darum schließt dieses Lied in seiner letzten Strophe mit einer persönlichen Bitte, die dazu einlädt, adventlich mit einzustimmen: „Komm, o mein Heiland Jesu Christ / meins Herzens Tür dir offen ist. / Ach zieh mit deiner Gnade ein; / dein Freundlichkeit auch uns erschein. / Dein Heilger Geist uns führ und leit / den Weg zur ewgen Seligkeit. / Dem Namen dein, o Herr, / sei ewig Preis und Ehr.“ Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern gesegnete Adventstage!

Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent

25. November 2012: Christus ist mein Leben, und Sterben mein Gewinn – Zum Ewigkeitssonntag

„SIE WERDEN STERBEN.“ Im ersten Moment bin ich befremdet, als mir dieser Satz aus einer Zeitschrift in übergroßen Lettern entgegen schreit. Was soll das? Eine Drohung? Eine der neuen Strategien, mich zu einer Entscheidung in gewissen Fragen zu drängen? Dann lese ich weiter: „Lasst uns darüber reden. Die ARD Themenwoche „Leben mit dem Tod“ ab 17. November…“ Lasst uns darüber reden! Unsere Gesellschaft ist geprägt von der Verdrängung dieser Einsicht: Ich muss sterben. Lieber wenden wir uns dem zu, was wir Leben nennen: mit Aktionismus den Gedanken an den Tod an den Rand drängen, wegsehen.

Wenn uns der Tod einholt, überfällt uns Angst, wir werden krank und entziehen uns. Wir werden sprachlos. Immer wieder erfahre ich das in meiner Arbeit mit jungen Menschen, die sich um alte und sterbende Menschen kümmern müssen. Darüber reden fällt unendlich schwer.

Und doch ist es wichtig. Wer einmal eine schlimme Krankheitsdiagnose bekam, wer den Tod vor sich sah, ganz nah und ganz real, unabwendbar, der weiß, was Leben ist. Der hat gespürt, was uns an diese Welt bindet: Da sind die Kinder, die ich versorgen und auf einen guten Weg bringen will, Arbeiten, die nur ich zu Ende bringen kann, Konflikte, die ich nicht gelöst habe, Ungesagtes, Unbearbeitetes, Unerledigtes. Selten ist mit den nächsten Angehörigen geklärt, wo ich beerdigt werden möchte, was dort gesagt werden soll, welchen Trost ich selbst habe angesichts des Todes, was ich ihnen über das Grab hinweg zu sagen habe, und sei es „nur“ die Versicherung unendlicher Liebe.

Wer mit einem lieben Menschen diese letzten Themen besprechen musste, der weiß, was Leben ist. Und der weiß auch, was der Apostel Paulus meint, wenn er im 1. Kapitel des Philipperbriefes schreibt: „Ich weiß nicht, was ich wählen soll, denn es setzt mir beides hart zu: Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre; aber es ist nötiger, im Fleisch zu bleiben um euretwillen…“ Der spürt auch in seinem Ringen, was der Schreiber von Psalm 90 schon vor 3000 Jahren gewusst hat: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden…“ Lebensklug, lebensweise im Blick auf den Tod.

Was Leben heißt, wie viel es bedeutet, wie wertvoll es ist, spürt jeder von uns im Blick auf den Tod. Wie schnell scheidet sich da wichtig und unwichtig, wie klar wird uns, was wir gut gemacht haben und was wir versäumt haben, wie nah kommen wir uns im Ergründen dessen, was noch fehlt, bis wir beruhigt Abschied voneinander nehmen können.

An diesem Sonntag gedenken wir unserer Toten: Totensonntag. Wir Christen aber blicken weiter. Wir bleiben nicht am Grab stehen, sondern wir schauen auf den, der uns eine Zukunft eröffnet, die heil macht, was wir nicht heilen konnten, die vollendet, was wir hier unabgeschlossen hinter uns lassen müssen, die zu Ende bringt, was wir nur hoffen und wünschen können. Deshalb hat dieser Sonntag noch einen zweiten Namen: Ewigkeitssonntag. Wir blicken auf den Herrn, der den Tod besiegt hat, der uns Leben schenkt und die Gewissheit, dass alles in ihm geborgen und aufgehoben ist, dass unser Leben in ihm zum Ziel kommt. „Denn Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.“ Im Blick auf ihn kann ich mein Leben ansehen und annehmen, kann ich auch den Tod als Ziel und Ende dieses Lebens wahrnehmen.

„Sie werden sterben.“ Ich werde sterben! – Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn, darum, wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.

Heike Musolf, Schulpastorin an der Conerus-Schule (BBS) Norden und am Ulrichsgymnasium Norden.

17. November 2012: Herr, erbarme dich

60 Millionen Tote waren die traurige Bilanz des Zweiten Weltkrieges. Gefallene, Zivilisten, Verfolgte, alte Menschen und Kinder, frisch Getraute und Familienväter, Nachbarn und unzählige Namenlose anderer Länder. 60 Millionen Menschen. Eine unvorstellbar große Zahl. Stellen wir uns vor, diese Toten würden auf dem Boden in einer Reihe liegen. Kopf an Fuß, Kopf an Fuß, Kopf an Fuß. Alle zwei Meter ein weiterer Mensch. Endlos lang wäre diese Reihe.
Doch wie lang wäre sie wirklich? Es würde sich ausrechnen lassen. Und dann wird uns bewusst, was für eine verheerende Bilanz dies war: 60 Millionen mal zwei Meter. Das ergibt eine Reihe von Kriegsopfern von Aurich über Leer nach Münster. Von dort bis Frankfurt. Und von dort weiter nach Basel, einmal quer über die Alpen bis nach Mailand. Und dann durch ganz Italien bis zur Spitze des Stiefels. Dort wäre erst einmal das Mittelmeer erreicht. Aber auch über das Wasser würde die Reihe der Toten reichen. Bis zur afrikanischen Küste geht die Reihe weiter, einmal den ganzen Nil entlang, durch Wüsten hindurch bis an die Südspitze von Südafrika. Eine gewaltig lange Reihe.
Wäre sie dann endlich zu Ende? Nein, sie reicht weiter bis an den Südpol. Und von dort über die unvorstellbare Weite des Pazifiks, die Mikronesischen Inseln bis zur Ostspitze von Sibirien, von dort dann weiter bis zum Nordpol. Und vom Nordpol über Spitzbergen, das Nordkap, die norwegischen Fjorde und Dänemark wieder zurück nach Ostfriesland, zum Ausgangspunkt unserer Reihe der Toten. Einmal rund um die Erde. Eine unvorstellbar lange Wegstrecke. Alle zwei Meter ein neues Opfer des Zweiten Weltkriegs.
Um die korrekte Länge dieser Reihe von 60 Millionen Toten zu erreichen (Kopf an Fuß, Kopf an Fuß) müsste man die Erde jedoch nicht nur einmal umkreisen, sondern dreimal! 60 Millionen Tote mal zwei Meter ergibt 120 000 Kilometer. Der Erdumfang beträgt 40 000 Kilometer. Dreimal um die Erde… Wer sich das noch genauer vorstellen möchte, möge doch bitte einmal ausrechnen, wie lange man brauchen würde, diese Strecke zu Fuß zurückzulegen.
Mit diesem Rechenbeispiel wird deutlich, was wir an Volkstrauertag bedenken. Es sind nicht nur die Namen derer, die in unseren Kirchen und auf Denkmälern zur Erinnerung festgehalten sind. Weltweit waren und sind die Verluste zu betrauern: Volkstrauertag.

An ihm verstummen die Konzepte und Appelle zum Frieden, so bitter nötig sie auch sind. Doch angesichts der unzähligen Opfer muten manche Vorschläge zur Wahrung und zum Schaffen des Friedens klein an. Wir kennen sie alle: Toleranz, Gleichberechtigung, Gewaltfreiheit, Nachhaltigkeit, Versöhnung. Und doch: Volkstrauertag ist nicht so sehr der Tag der Vorschläge, sondern eher der Tag des Innehaltens, ein Tag des Trauerns. Und in dem Trauern dann eine leise Stimme:
Herr erbarme dich.
Was menschliches Versagen, menschliche Kriegsführung zerstört hat, kann durch Menschen allein nicht wieder gut gemacht werden. Daher wenden wir uns an Volkstrauertag an Gott, auch mit all der Schuld, die durch Menschen über andere gebracht worden ist. Möge Gott heilen, was zerbrochen ist.

Jörg Schmid, Pastor an der Ev.-ref. Kirche Aurich

10. November 2012: Martini

„Martinus Luther war ein Christ, ein glaubensstarker Mann. Weil heute sein Geburtstag ist, zünd ich mein Lichtlein an.“ – Heute werden Kinder und Jugendliche wieder durch die Straßen ziehen: Mit liebevoll gebastelten Laternen, Kostümen und den Rucksäcken und Taschen, die sich schnell füllen. Und während ich schon mal die eingebeulten Laternen vom Dachboden hole, erinnere ich mich, wie ich vor fast vierzig Jahren selbst unterwegs war. Diejenigen, die die Türen für uns Kinder öffneten, hatten schon mal einen Schokoriegel bereit, aber auf jeden Fall gab es Pfeffernüsse, Mandarinen und eben auch ein Butterbrot, sorgfältig in Papier eingeschlagen.
Ein „Butterbrot“ würde den Kindern heutzutage wohl kein Lächeln mehr ins Gesicht zaubern, aber es machte mir damals deutlich, dass diese Gänge von Haus zu Haus durchaus in kärglicheren Zeiten Kinder satt gemacht haben. Im Rheinland entstanden aus dem Einsammeln von Martinsgaben zu Ehren des Heiligen Martin, dem Martin von Tours (geb. 316), solche Bettelund Heischeumzüge von Kindern mit ausgehöhlten Rübenund Kürbislaternen. Die Tradition des Martinisingens am 11. November hat also weit verzweigte Wurzeln und ist vermutlich über die Niederlande dann nach Ostfriesland, ins Ammerland, ins Emsland und Oldenburger Land gekommen. Vom Martinisingen der Kinder in Ostfriesland ist allerdings erst 1784 die Rede. Und im Blick darauf, dass die Reformation schon 1519 in unseren Gefilden Fuß gefasst hatte, erstaunt es mich, dass erst mit dem Großereignis des 300-jährigen Reformationsjubiläums die Wende in den Martini-Bräuchen eingeläutet wurde: Protestantische Lehrer schrieben – auf der Grundlage von vertrauten und eingängigen Melodien – hochund plattdeutsche Lieder. Um sich letztendlich vom katholischen Brauchtum abzusetzen, verlegte man das Singen auf den 10. November, dem Geburtstag Martin Luthers. Deutlich besingen die Kinder mit „Zu Eisleben ward uns geboren ein Mann“ und „Martinus Luther war ein Christ“ die Leistungen des Wittenberger Reformators, aber auch die von Calvin und Zwingli werden in alten Gesängen erwähnt.
Und heute? Fremd mutet es an, wenn in den Bekleidungsgeschäften der großen Ketten heute diese Lieder in der Innenstadt ertönen und zeitgleich kassiert wird, während Kinder um Aufmerksamkeit bitten. Fremd mutet es an, wenn von der Glaubensstärke und der Freiheit eines Christenmenschen gesungen wird, während wir lieber vor den Flachbildschirm auf die Couch wollen. Fremd, aber über-lebensnotwendig ist es, vom eigenen Glauben zu sprechen und zu singen, damit uns nicht alles gleich-gültig oder inhalts-leer wird. Hier gilt, was die Schnäppchenjäger zu hören bekommen: Wenn weg, dann weg. Wenn wir am Martini, am 10. November, nur von bunten Lichtern und Herbstgebrause singen, dann nehmen wir den Kindern die Inhalte und Bedeutung dieses besonderen Tages in Ostfriesland und überlassen es dem Kommerz und unserem Konsum, das „Beste“ aus diesem Tag zu machen.
Die Lichter des Martin-Luther-Tages, die heute in den Laternen leuchten, sind also ein „gar herrliches Licht“, denn: „wär er (erg. Martin Luther) nicht gekommen, hätt ́st du die Bibel nicht“, nicht den Zugang zur Bildung und Verständigung, nicht zur Individualität und Freiheit. Und das sind doch Werte, die uns etwas wert sind, oder?

Silke Kampen, Pastorin In Wallinghausen

3. November 2012: Hochzeitsvorbereitungen

Wozu ist unser evangelischer Glaube gut? Jedes Jahr im Spätherbst naht der Reformationstag und mit ihm die Frage, was uns heute noch mit den Wittenberger Vorgängen vom 31. Oktober 1517 verbindet. Längst rüstet die Stadt an der Elbe sich für das fünfhundertjährige Jubiläum jenes Tages, als Martin Luther in 95 Thesen gegen die Kirche wetterte. Spätestens wenn in gut vier Jahren die Touristenströme aus aller Welt in Wittenberg einfallen werden, heißt es Farbe bekennen: Wozu brauchen wir den evangelischen Glauben – noch?

Ein Brautpaar weiß die Antwort. Heiraten stehe wieder hoch im Kurs, so berichtete im Sommer der österreichische Fernsehsender ORF und zeigte verschiedene Brautleute bei ihren Hochzeitsvorbereitungen. Doch selbst langweilige Fernsehunterhaltung zu später Stunde in der Urlaubszeit vermag noch interessant zu werden.

Denn eines der Brautpaare erzählte davon, wie schwierig es gewesen sei, neben der standesamtlichen Trauung auch einen Hochzeitsgottesdienst zu organisieren. Das sei ihnen wichtig – doch der Haken dabei: Der zukünftige Ehemann war schon einmal verheiratet. Für die katholische Kirche, der in Österreich noch die allermeisten Menschen angehören, ist der Fall damit klar. Nach ihrem Verständnis ist die Ehe ein Sakrament, und den Segen dafür gibt es nur einmal im Leben, weil sie unauflöslich ist. Pech gehabt.

Das hat die beiden zutiefst getroffen. Die Enttäuschung darüber stand ihnen noch ins Gesicht geschrieben. So wuchs in den jungen Leuten der Entschluß: Wir wechseln die Kirchenzugehörigkeit und werden evangelisch. Rasch fand sich ein evangelischer Pastor, der den beiden einiges vom evangelischen Glauben erzählte und sie daraufhin in seine Gemeinde aufnahm. Nun stand einer kirchlichen Trauung nichts mehr im Wege.

Wozu ist der evangelische Glaube gut? Nur für den kirchlichen Segen auch in Lebenssituationen, die nicht mehr ganz den altvertrauten Normen entsprechen? Die Frischvermählten erzählten auch von der großen Freiheit im Glauben, die sie im Gespräch mit jenem Pastoren verspürt hätten: ein bis dahin nicht gekanntes Gefühl, das froh mache, weil nicht mehr kirchliches Regelwerk das Leben einschränke. Der Mensch stehe ganz im Mittelpunkt. Längst ging es den beiden jungen Leuten nicht mehr nur um ihre kirchliche Trauung. Sie rangen um den Glauben, der ihr Leben wahrhaft zu tragen vermag.

So war das in Österreich auch schon vor fünfhundert Jahren. Weit entfernt von Wittenberg, hielt dort bereits kurz nach 1517 die Reformation Einzug. Eine Dorfkirche zu Füßen des Großglockners gibt davon heute noch Zeugnis, obwohl in Österreich der Protestantismus um 1600 von der katholischen Kirche wieder verdrängt wurde und heute nur noch eine untergeordnete Rolle spielt.

Zu Luthers Zeiten hatte man am Südrand der Alpen gerade erst den Gold- und Kupferbergbau als höchst einträgliche Geldquelle entdeckt. Vor fünfhundert Jahren ließ der Bergbau die Leute dort über Nacht reich werden. Das stärkte ihr Selbstbewußtsein, auch in Fragen des Glaubens. Hart erarbeiteter Wohlstand schafft auch ein Gefühl von Freiheit, und die nahmen sich die Menschen nun auch gegenüber der behäbig und selbstgefällig gewordenen katholischen Kirche heraus. Da kam der religiöse Aufbruch aus Wittenberg gerade recht.

So finden sich in der Kirche von Sagritz am Großglockner heute noch Spuren vom evangelischen Selbstbewußtsein jener Bergleute. Denn man betritt die Kirche durch eine kleine Vorhalle im Kirchturm, die um 1520 mit lauter Decken- und Wandgemälden ausgestattet wurde. Sie zeigen keine mittelalterlichen Heiligendarstellungen mehr, welche den Menschen damals ein vorbildliches und verdienstvolles christliches Leben vor Augen führten. Zu sehen sind vielmehr die Leidensgeschichte von Jesus Christus und dazu genau die Kernsätze aus dem Neuen Testament, die Martin Luther zu der Überzeugung brachten, einzig und allein im unbedingten Vertrauen auf Gott sei die „Freiheit eines Christenmenschen“ zu finden, wie er zu jener Zeit in einer seiner reformatorischen Hauptschriften schrieb.

Daß diese Zeugnisse evangelischen Selbstbewußtseins in einer längst wieder katholisch gewordenen Dorfkirche erhalten geblieben sind, mag auch der Ehrfurcht vor den Bibel-Worten geschuldet sein. Denn kein Christ kommt an der Bibel vorbei.

Wie all das mit Leben zu füllen ist, kleidet sich in die unabweisbare Frage: Wozu ist der evangelische Glaube gut – wenige Jahre vor dem Jubiläum der Wittenberger Reformation? Alljährlich am 31. Oktober in Gottesdiensten zum Reformationstag hochtrabend ein paar markige Worte von Martin Luther zu beschwören, reicht nicht. Manchmal führt mich sogar eine langweilige Fernsehsendung im Urlaub weiter.

Dr. Andreas Lüder, Pastor in Ostgroßefehn

27. Oktober 2012: Reformation feiern

Der 31. Oktober hat in meinen Erinnerungen an meine Kindheit eine besondere Bedeutung.

Nicht nur, dass an diesem Tag auch Weltspartag war und ich als Kind dann meine mal mehr, mal weniger mit einigen Münzen gefüllte Spardose zur Sparkasse brachte, um den mühsam ersparten kleinen Betrag in mein Sparbuch eintragen zu lassen. Der 31. Oktober gewann für mich als Schüler auch an Bedeutung, weil es an diesem Tag schulfrei gab und dafür alle Klassen gemeinsam in die Kirche zum Reformationsgottesdienst gingen. Noch sehr genau kann ich mich an jenes kleine Anspiel erinnern, dass ältere Schüler dabei zur Aufführung brachten. Mit wuchtigen Schlägen hämmerte ein als Martin Luther verkleideter Schüler ein großes Blatt mit der Aufschrift „95 Thesen von Dr. Martin Luther“ an eine alte prachtvolle Tür, die im Altarraum stand. Und selbstverständlich sangen wir dann auch das Reformationslied „Ein feste Burg ist unser Gott“, dass ich seither auswendig singen kann.

Da in der Geschichte über Martin Luther auch die Rede von Geld war, das in einem Kasten klingt, brachte ich dies als Schüler lange Zeit mit meinen kleinen ersparten Münzen in Zusammenhang.

Erst später habe ich begriffen, dass es Martin Luther um den Glauben ging, der sich einzig und allein auf Christus verlässt. Davon war er durch das Lesen der Bibel überzeugt: um an Gott zu glauben, braucht ein Mensch kein Gängelband von kirchlichen Gesetzen und auch keine eigenen Leistungen vorzuweisen. Vielmehr muss er sich bewusst werden, dass er in seinem ganzen Leben auf Gottes vergebende Liebe angewiesen ist. Luther nannte das in seiner ersten These „Buße“ und meinte damit die Umkehr vom selbstgerechten Weg und eine bewusste Hinwendung zu Gott. Diese Hinwendung zu Gott ist keine einmalige Angelegenheit, sondern muss immer wieder neu geschehen, jeden Tag.

Eine Reformation der Kirche muss sich – so Martin Luther – auf vier unaufgebbare Erkennungszeichen gründen und zwar auf den Glauben, auf Christus, auf die Bibel und auf die Gnade, wie sie uns durch Christus von Gott geschenkt wird.

Wenn wir heute in den Kirchengemeinden und in der Kirche nach Reformen rufen und sie auch gestalten, dann gilt es, diese Kennzeichen fest im Blick zu behalten.

Den Reformationstag feiern wir jedenfalls in guter Weise, wenn wir uns dabei auch an die Anfänge der Evangelischen Kirche erinnern und nicht vergessen, dass Gott durch Wort und Tat eines einzigen Menschen das Gesicht seiner Kirche verändern kann, wenn Glaube, Christus, die Heilige Schrift und die Gnade dabei die Grundlage bilden.

Landessuperintendent Dr. Detlef Klahr, Sprengel Ostfriesland

20. Oktober 2012: Propheten

Propheten sind keine Leute, die vor ihrer Glaskugel sitzen und die Zukunft vorhersagen. Propheten reden in die Gegenwart. Sie legen den Finger in die Wunde und fordern das Recht für die Unterdrückten. Das bedeutet: Sie fordern Veränderung. Sie fordern, dass Menschen ihr Leben ändern und andere zu ihrem Recht kommen zu lassen. Das ist unbequem. Das hört keiner gerne. Mit so einer Botschaft macht man sich nicht beliebt. Nicht selten riskieren Propheten ihr eigenes Leben. In dieser Woche haben wir die Worte eines modernen Propheten hören können. Dem chinesischen Autor Liao Yiwu wurde der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. In seiner Rede sagte er: „Zu den ausländischen Investoren wird gesagt: ’Immer hereinspaziert, kommt und errichtet bei uns Fabriken, macht Geschäfte, baut Hochhäuser und knüpft Netzwerke. Solange ihr nicht den Finger in die Wunde legt und über Menschenrechte sprechen wollt, könnt ihr tun und lassen, was euch beliebt. Kommt und verschmutzt unsere Flüsse, verpestet unsere Luft, vergiftet unser Essen und unser Grundwasser; kommt und bedient euch unserer billigen Arbeitskräfte und lasst sie Tag und Nacht wie Maschinen am Fließband schuften. Je mehr ihr dafür sorgt, dass sich die Chinesen durch die Umweltverschmutzung körperliche und seelische Krebsgeschwüre zuziehen, desto höher wird euer Profit sein. In dieser größten Müllkippe der Welt stecken die besten Geschäftsmöglichkeiten.‘“ Vergleichen Sie einmal die Worte dieses modernen Propheten mit den Worten des Propheten Amos, die dieser vor knapp 3000 Jahren gesagt hat: „Hört dies, die ihr die Armen unterdrückt und die Elenden im Lande zugrunde richtet und sprecht: ’Wann will denn der Feiertag ein Ende haben, dass wir Getreide verkaufen können und das Maß verringern und den Preis steigern und die Waage fälschen und sogar noch den Abfall mit Gewinn loswerden?‘ Die Armen macht ihr zu euren Sklaven, auch wenn sie euch nur ein Paar Schuhe schulden. Der HERR hat bei sich, dem Ruhm Jakobs, geschworen: Niemals werde ich diese ihre Taten vergessen! Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ Die Worte des Liao Yiwu haben auffallende Ähnlichkeit mit den Worten mancher alttestamentlicher Propheten. Auch sein Schicksal – ein Leben im Exil – hat auffallende Ähnlichkeit mit dem Schicksal vieler alttestamentlicher Propheten. Er prangert das Unrecht an und klagt diejenigen an, die sich auf Kosten der Armen bereichern. Aber es sind nicht nur „die da oben“, die sich die Worte der Propheten sagen lassen müssen. Es sind auch die vermeintlich „kleinen Leute“ – wir. Es gibt wohl kaum jemanden, der nicht schon Kleidungsstücke oder andere Waren günstig erworben hat – günstig nur deswegen, weil die Löhne und die Arbeitsbedingungen in den Herstellerländern so schlecht sind. Umkehr ist unbequem. Aber die alttestamentlichen Propheten sagen: „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ Darauf steht Gottes Verheißung.

Viola Chrzanowski, Pastorin In Holtrop

13. Oktober 2012: Was der Westerender Altar erzählt …

Vor 360 Jahren wurde in der Westerender Kirche unser Altar aufgestellt. 360 Jahre – das ist zwar kein rundes Jubiläum, aber trotzdem ein Anlass zum Feiern. In Westerende begehen wir diesen Geburtstag morgen ab 17 Uhr mit einer Zeitreise in das Jahr 1652 (siehe Seite 33). Ein Quartett von Instrumentalisten bringt Musik aus der Epoche zu Gehör, historische Persönlichkeiten treten auf und: Das Altarbild wird lebendig!

Interessant ist die Person des Stifters: Hermann de Werve gehört sicher zu den schillerndsten Persönlichkeiten im Ostfriesland dieser Zeit. In Esens aufgewachsen studierte de Werve Theologie und vermutlich auch Medizin. 1607 wurde er Pastor in Westerende. Er übte zusätzlich eine Nebentätigkeit aus, die man heute bei einem Pastor eher nicht vermuten würde: Er betätigte sich als Astronom und Astrologe. Einer seiner Förderer war der berühmte ostfriesische Astronom und Pastor David Fabricius. Seine Gutachten und Ratschläge waren auch bei den ostfriesischen Grafen sehr gefragt. Berühmt wurde er als Autor von Jahreskalendern. Nach 17 Jahren musste er sein Pfarramt aufgeben und betätigte sich als Arzt und sehr erfolgreicher Autor, bis er Berater des Mainzer Kurfürsten wurde und schließlich im Umfeld des kaiserlichen Hofes in Wien lebte, wo er 1656 starb. Interessant ist auch das Bildprogramm des Westerender Altars. Während in den meisten ostfriesischen Kirchen das zentrale Altarbild das Abendmahl zeigt, ist im Westerender Altar ein anderes Bild zu sehen. Dargestellt wird hier eine Szene, die der Evangelist Lukas berichtet: Als Jesus im Haus des Simon zu Gast ist, betritt eine Frau mit zweifelhaftem Ruf den Raum, wirft sich Jesus zu Füßen und bittet um Vergebung. Jesus nimmt die Frau gegen ihre Kritiker in Schutz. Wem viel vergeben wird, kann auch viel Liebe zeigen. Ob Hermann de Werve durch die Stiftung dieses Altares seine Gemeinde nachträglich um Vergebung bitten wollte? Angeblich musste er sein Pfarramt aufgeben, weil er durch seine Nebentätigkeiten seine Pflichten als Autor vernachlässigt hatte. Darüber wissen wir nichts. Vielleicht hatte Hermann de Werve durch seine Lebensgeschichte mit vielen Brüchen und Verletzungen ein tiefes Gespür dafür, dass wir Vergebung und die Möglichkeit eines neuen Anfangs brauchen. Sicherlich hat er in seinem Dienst als Pastor erlebt, dass es auch in einer Kirchengemeinde gegenseitige Verurteilungen und Verwerfungen gibt, die ein gemeinsames Leben schwer möglich machen. Dem gegenüber stellt er mit seinem Altarbild Gottes Wort von der Vergebung. Ich finde es gut, dass dieses Bild die Mitte unseres Altares darstellt. Das Wort von der Vergebung brauchen wir, auch in unseren Kirchengemeinden, in denen durchaus nicht alles so harmonisch ist, wie wir das gern darstellen. Es gibt kein Leben, ohne dass wir aneinander schuldig werden und einander wehtun. Aber es soll nach Gottes Willen auch so sein, dass wir gemeinsam das Wort von der Vergebung durch Christus hören. Dieses Wort von der Vergebung macht mir klar: Es steht mir nicht zu, andere zu bewerten, und ich stehe auch nicht im Urteil anderer Menschen. Dieses Wort macht uns sensibel für Selbstkritik. Es befreit uns, Fehler zuzugeben und andere um Verzeihung zu bitten. Es hilft uns, anderen zu vergeben. Es gibt uns die Chance, gemeinsam neu anzufangen. Damit ist doch schon viel gewonnen, oder?

Andreas Scheepker, Pastor in Westerende

6. Oktober 2012: Lob der Kleinigkeiten

Ich habe Zeit, um zu genießen. Meine Augen sehen die schönsten Dinge. Kleinigkeiten. Bunt verziert, schön. Ein Apfel. Rot und auch grün, der holzige Stengel. Rund liegt er gut in der Hand. Zum Reinbeißen lecker. Saftig und knackig und spritzig. Frisch und sauer. Der ganze Mund schmeckt Apfel. Herrlich. Kleinigkeiten machen das Leben schön. Eine einzige Sonnenblumenblüte. Welch leuchtende Farbe. Welche Vielfalt an Formen. Ein starker Stamm.
So viele Früchte, die in den vergangenen Monaten wieder gewachsen sind! Ich gehe zu den Ständen beim Auricher Erntefest. Eine Fülle, die ich nur begreifen kann, wenn ich auf das Kleine achte: Diese Kartoffel, dieses Ei, dieser Kürbis … Ich staune, und ich freue mich daran. Ich gehe zum Wochenmarkt und sehe die Gemüsesorten, die mich locken. Und dazu mein täglich Brot. Fisch. Käse. Fleisch. Gewürze. Was es alles gibt! Und die Menschen, die es mir freundlich anbieten. Ich habe es gut. Ich werde satt. Tag für Tag. Mich macht das dankbar. Und ich merke, dass dieser Dank mein Leben reich macht. Gedankenvoll genießen. Ich mache mir bewusst, was andere für mich tun, damit ich mich ernähren kann. Danke!
Auf dem Auricher Erntefest sitze ich neben einer Frau, die selbst in der Landwirtschaft tätig ist. Sie erzählt mir, dass 800 Gramm Getreide für ein Kilogramm Brot gebraucht werden. Und dass man einen Quadratmeter Boden benötigt, um ein Kilogramm Brot zu backen. „Unser Boden ist kostbar!“ Und dass heute jede achte Auszubildende in der Landwirtschaft eine Frau ist.
Ich freue mich, dass so viel für mich getan wird, ohne dass ich es merke. Und doch geschieht es. Kleinigkeiten. Aber zusammen ist es etwas Großes. So viel wächst uns zu. Wir dürfen es schmecken und sehen. Und niemand von uns kann letztlich selber machen, dass die Kartoffeln reif werden und der Blumenkohl dick und die Äpfel rund. Im Schweiße unseres Angesichts müssen wir vieles machen, aber am Ende brauchen wir Segen. Gottes Segen. Den legt er hinein in all die Kleinigkeiten. Er legt seinen Segen auch auf das, was wir tun. Er legt seinen Segen in unsere Arbeit, damit wir erfolgreich sind und das Leben genießen und in seiner Vielfalt feiern können. Erntedankfest ist deshalb ein Höhepunkt im Jahr. Ich mache gerne genussvoll Pause und staune über Gottes bunte schöne Welt. Der Dank macht mein Leben langsamer. Er braucht Zeit. Er gibt mir ein Gespür dafür, was mir alles in die Hände gelegt wird. Der Dank macht mein Leben gehaltvoll und schön. Übrigens: die Muttersprache des Dankes sind die Lieder und ist die Musik. Der Dank kommt mit der gewöhnlichen Sprache nicht aus. Die Lieder gehen mit unseren Herzen durch. Darum singen wir in unseren Gottesdiensten am Erntedankfest die Verse von Matthias Claudius: „Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand… Alle gute Gabe kommt her von Gott, dem Herrn. Drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn.“ Für diesen Dank dürfen wir den Mund auch ganz voll nehmen.

Tido Janssen, Pastor und Superintendent in Aurich

29. September 2012: Den Himmel schauen

Wolken treiben im Wasser- blau um den Neuen Ihlower Altar. Durch die Lichtkuppel in der Decke fließen Sonnen- strahlen, streichen über das von zarten Maserungen durchwirkte Buchenholz. Aus versteckten Boxen erklingen Takte und Töne. Das Klanggemälde „Stille Räume“ pumpt Herzschläge in den Raum der Spurensuche. Im Glaskreis, der den kegelförmigen Herrentisch umschließt, spiegelt sich der Dachreiter der Zisterzienserkirchen-Imagination. Der schlanke Glockenturm lenkt den Blick von Betrachtern und Besuchern auf den Boden: Wer den Himmel sehen will, muss auf die Erde schauen.
Diese Gedankenwege der Künstler und Konzeptionisten, die Aura und Architektur der Klosterstätte Ihlow bei Aurich geprägt haben, hätten Bernhard von Clairvaux (1090-1153) vermutlich angesprochen. Ihm und seinem Zisterzienser-Orden – zu dem das Ihlow-Kloster von 1228 bis 1529 gehört – geht es vor allem um eines: Den Blick der Mönche und Menschen auf die Quelle des Lebens zu lenken. Und laut Bibel sprudelt diese eben nicht in den unendlichen Weiten über den Wolken, sondern mitten unter Alt und Jung, Klein und Groß, Schwarz und Weiß.
Ganz entscheidend von der geheimnisvollen Gegenwart Gottes im Hier und Jetzt ist Dietrich Bonhoeffer geprägt. Sein wohl bekanntestes Gedicht, das sich vertont im Evangelischen Gesangbuch unter der Nummer 65 findet, atmet diese Botschaft in jeder Zeile: Von guten Mächten treu und still umgeben.
Sonnenstrahlen streichen über den Buchenholz-Altar der Klosterstätte „Stille Räume Ihlow“. In das Licht hinein fließen Takte und Töne. Immer wieder neu formt sich das Klanggemälde, versammelt Betrachter und Besucher um den Glaskreis aus Wasser- blau. Wolken, die weit über dem nachgebildeten Dachreiter ihre Bahnen ziehen, spiegeln sich darin. Ein Flüstern. Wo zwei oder drei in meinen Namen versammelt sind (Matthäus 18,20). Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch (Lukas 17,21). Herzschläge im Raum der Spurensuche: Wer den Himmel sehen will, der sollte nicht immer nur nach oben schauen.

Oliver Vorwald, Pastor in Bagband

22. September 2012: In einem Hafen an Europas Südküste

In einem Hafen an der Südküste Europas sitzen zwei Touristen und dösen in der Mittagssonne. Es sind die einzigen Gäste auf der Terrasse des Straßencafés. Ein Klein- lastwagen nähert sich. Er ist voll beladen mit Steinen, Bauholz, Zement und Handwerkszeug. Der Fahrer in Arbeitskleidung steigt aus und geht auf die beiden zu. „Kalimera – guten Tag“, grüßt er freundlich. „Kalimera“, entgegnen die beiden Urlauber trocken. Sie fühlen sich trotz der Freundlichkeit des Fremden in ihrer Mittagsruhe gestört. „Kommen Sie aus Deutschland?“, fragt er weiter. – Die Touristen, ein gut situiertes Ehepaar in den Fünfzigern, sind verwundert über die Direktheit, mit der der
Mann nicht nur den Grund ihres Aufenthalts, sondern auch ihr Herkunftsland ohne Umschweife anspricht. Dann fährt er fort: „Darf ich Sie etwas fragen?“ Er nimmt sich einen Stuhl vom Nachbartisch, bestellt Kaffee für alle drei und beginnt seinen Vortrag. „Ich habe ein Grundstück gekauft. Es liegt an einer kleinen Bucht mit herrlichem Strand. Dort möchte ich Ferienwohnungen bauen. Aber ich habe ein Problem: Meine Bank gibt mir kein Geld. Können Sie mir helfen?“
Die Urlauber sind sprachlos angesichts solcher Dreistigkeit. Sie wollen Urlaub machen, aber nicht über Geld reden. Doch der Einheimische zählt seine Argumente auf. „Ich zahle einen guten Zins. Bedenken Sie: ein, zwei, maximal drei Jahre – dann ist die Krise vorbei. Es kommen wieder mehr Urlauber ins Land. Sie werden schöne, neue Wohnungen suchen. Meine werden dann fertig sein. Wenn Sie wollen, kann ich Sie zu Miteigentümern machen und zu fairen Bedingungen am Gewinn beteiligen. Wir könnten einen Pool bauen, eine Wasserrutsche für die Kinder, ein kleines Fischrestaurant – meine Frau kann sehr gut kochen.“ Er lächelt und streichelt seinen kleinen Bauch. „Wir könnten Solarzellen installieren. Hier scheint fast immer die Sonne. Wir würden ein Windrad aufstellen und das ganze Dorf mit Energie versorgen. Die Gewinne würden sprudeln. Sie hätten ausgesorgt.“ Seine Augen strahlen. „Und dann könnten Sie das ganze Jahr Urlaub machen und brauchten nie mehr zu arbeiten.“ Er schaut die beiden erwartungsvoll an und trinkt einen Schluck von seinem Kaffee.
Auch die Urlauber nehmen einen Schluck Kaffee. Sie schweigen und überlegen, was sie darauf antworten sollen. Dann, nach einer Weile sagt der Mann: „Aber wir arbeiten gern.“ Und die Ehefrau überlegt und ergänzt: „Mit so viel Urlaub könnten wir gar nichts anfangen.“
Der Einheimische schüttelt den Kopf. Er steht auf, zahlt die Rechnung und geht zu seinem Wagen. Bevor er ins Fahrerhaus klettert, dreht er sich um und lächelt den beiden deutschen Urlaubern noch einmal zu. Dann zündet er sich eine Zigarette an und rollt nachdenklich und auch ein wenig neidisch davon.
(Gedichtet im Urlaub nach der „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ von Heinrich Böll aus dem Jahre 1963)

Michael Groothues, Militärpfarrer in Aurich

15. September 2012: Een mit Tied

Wi hebben wall för elke Dag 24 Stünnen van uns leeve Heer mitkreegen, man de Tied, de is vandage overall knapp. Mutt wiedergahn, mutt wiedergahn. Bloot neet uphollen, boot neet prooten, bloot nanner neet in ́d Oogen kieken, dat kunn wall Tied kösten.
Dor muss ik disse Week weer an denken, as ik wat för mien fiefjohrige Fründ Marten to sien Gebursdag bruken dee. N ́grooten Piratenmütz to spölen wull he so bedrövt geern hebben, man ik kunn jüst so een as de lüttje Störte- beker nu bruken dee, in heel Südbrookmerland un ook in de groode Stadt Auerk neet kriegen. Nu muss de van wie- der weg her un de Mütz hebb ik in ́d Internet ördert. Nett harr ik de Putzmakers dat henstürt, dor kreeg ik all Post torügg: dor und dor musst du up kieken in dat groode Nett, denn kannst sehn, wor dien Mütz nu is.
Erst was he in Kehl heel bo- ben an ́d Rhein, denn kweem he all dichter bi un tomal was he in Ollenbörg, un as ik mehr schlecht as recht mien Naam up dat hennig Dingerees inkribbelt harr, do kunn ik binnen in Huus up de sülvige Siet lesen: „10.04 Uhr ut- leevert/daan“.
De Postloopers mit de Paketwagens, de könen mi alltied begrooten: so wenn se de Piratenmütz off wat d ́r anners all ördert word in de wiede Welt, utleevert hebben un du dat unnerschreeben hest, is dat „daan“ un se mutten mit een Been in ́d Rünn all weer in hör Wagen sitten. Anners fehlt hör de Tied. Un wenn du hör noch so geern n ́Koppke Tee off wat to schlickern doon wullt: wat neet in ́d Rünn off in ́d Loopen geiht – dor hebben de Blooden keen Tied to. Dat is neet good – un mennig een anner geiht dat bi sien Wark nett so, dat he van overall her beluurt word, off ́t ook woll flink genug geiht.
Wi hebben uns dat all recht so anwennt, dat wi meenen, wi mutten ook alltied noch mehr un noch mehr in 24 Stünn packen.
Mennig Mal is d ́r hast keen Tied mehr to prooten. As
mi ́d vör`n Settje man all wat poterg gung, do hau mi een oll Kulantje up mien (sehr!) Schkuller un see sünner mal hoch Sücht to haalen: „Na? Wo geiht? Geiht? Ho! Na, denn geiht ja.“ He hau mi nochmal up Schkuller un wech was he.
He harr nu all alleen seggt un as ik hum nett van mien sehr Schkuller vertellen wull (wor he all uphauen dee!), do harr he ́d Proot all ut un hull hum dör ́t Latten. Musst mal süllmst um denken, wo faak wi seggen: „Du, ik hebb heel keen Tied, ik wull man bloot em…“, off: „ Du, ik dür mi neet uphollen, ik sull bloot eem…“ off: „Man neet mehr as ́n halv Stünn! Mehr kann ́t neet lieden.“
Gotts Woord, de weet, wo wi sünt. Gott ́s Woord, de kennt uns beter as wi süllmst un ik mutt mi alltied wunnern, wo dat vör langer Tied all dör uns hen keeken hett. De weet, wat vör Flutters wi sünt. Un Gotts Woord, de hett n ́wunnerbor Böskupp för di un mi: dor word uns van de Heer vertellt, de alltied Tied för di hett. Wat is dat för ́n Heer, de neet an di seggt: „Du hör eem, du lüttje Minske: ik mutt mi um de heele Welt mit all hör Minsken un Deeren un Planten sörgen, nu holl du mi neet ook noch up!“
De neet up Uhr kiekt un seggt: „Daan! – Du hest dien Tied hatt, nu mutt ik wieder!“ Nee, nett annersum: He kummt neet bi di, bloot eem för fiev Menüten, wenn du hum röppst. He kummt bi di un blivt bi di. Ook wenn dat pickedüster Nacht um di to is – he ritt neet ut, woord dat benaut.
He will di disse Sönndag ook weer so geern in sien Woord mitdoon: „Vertell mi, wat du up Hart hest! Ik hör di unik hör di to. Ik hebb Tied – jüst för dat, wat di up Hart liggt.“
Dat is dat Mooiste un Beste, wor wi mit in de neeje Week gahn können, wenn wi beid weeten: wor wi hum mit koomen, wat d ́r ook is, wi dür ́n hum all seggen. He will uns so geern helpen. Di ook un mi ook.
Un dat will ́n wi nanner ook vertellen, wenn wi dor achter komen sünt: „Gott hett mi hört“! (Psalm 66,19). Dor is een mit Tied – för di.

Jürgen Hoogstraat, Pastor in Victorbur

8. September 2012: In einem Boot

Der Graureiher beäugt das unkoordinierte Gepaddel eher kritisch. Die Kiebitze haben ob des fröhlich lärmenden Haufens längst die Flucht ergriffen. Lena hat Rückenschmerzen. Hendrik seinen Vordermann naßgemacht. Vanessa nicht die geringste Ahnung vom Steuern. Wenn´s nicht klappt, sind meist die anderen schuld. Konfirmanden unterwegs. Genau gesagt: die Kennenlernfreizeit der neuen Vorkonfirmanden unserer Gemeinde. Gemeinsam ziehen wir vier Tage mit Kanus über die ostfriesischen Kanäle. Und da gilt: wir sitzen alle in einem Boot. Wenn wir vorankommen wollen, müssen alle an einem Strang ziehen. Müssen sich Steuermänner und -frauen finden, die das Boot auf Kurs halten. Und Paddelleute, die mitziehen und Tempo machen. Das alles muß sich einspielen. Das geht nicht ohne Frust und Zick-Zack-Kurs, ohne Genöle und häufiges Auswechseln und Experimentieren der Mannschaften. Aber die Konfis lernen dabei etwas über sich, ihre Fähigkeiten und Grenzen, sie lernen, daß sie nur gemeinsam zum Ziel kommen. Eine Mannschaft muß daraus noch werden. Denn: wir sitzen alle in einem Boot. Gemeinschaft ist prägend für die Kirche. Eine Mannschaft, ein schönes Bild für Gemeinde. Das ist keiner besser oder schlechter: alle werden gebraucht, jeder hat seinen Platz. So ein Boot ist für die paar Tage wie eine kleine Welt. Es wird zum (Er-)lebensraum und vom Wasser aus sieht die Welt ganz anders aus. Ich nehme mich und die Welt um mich herum neu wahr. Das ist im Kirchenschiff nicht anders. Kirchenschiffe heißen die Bereiche unserer Kirchen, wo die Gemeinde sich zum Gottesdienst versammelt. Im Gottesdienst werde ich in meinem täglichen Werk unterbrochen und komme zur Besinnung. Aber man hat das auch übertragen verstanden: Kirche und Glauben selbst als ein Schiff, ein Boot, das durch das Meer des Lebens mit seinen Weiten und mit seinen Stürmen trägt. Das ist ein wunderbares Bild, das gut zu der Erfahrung der Menschen hier paßt. Wir haben gelernt, mit dem Meer zu leben. Schifffahrt gab es hier immer. Und die Erfahrung, daß es ein gutes Schiff und eine gute Mannschaft braucht, um auf dem Meer bestehen zu können. Reiner Kunze notiert in einem seiner Gedichte: “Rudern zwei ein Boot/ der eine kundig der Sterne/ der andere kundig der Stürme/ wird der eine führn durch die Sterne/wird der andere führn durch die Stürme.” Wir wunderbar, wenn eine Mannschaft sich gut ergänzt, ihre Gaben zusammenschmeißt und ein gutes Team wird. Ein Wunschbild für unsere Kirchenschiffe, für unsere Gemeinden. Damit eine Mannschaft daraus wid, muß man lange üben. Aber es ist wichtig. Denn wir sitzen in einem Boot. Unterwegs auf dem Kurs, den Gottes Botschaft der Hoffnung weist. Ob evangelisch, katholisch, freikirchlich oder orthodox. Ob alt oder jung, dick oder dünn. Schnell oder langsam, modern oder konservativ. Ob´s in unseren Kirchenschiffen immer besser zugeht als in den Konfirmandenbooten hier auf dem Kanal? Auf jeden Fall müssen wir das auch immer wieder üben: eine Mannschaft sein. Damit wir Kurs halten und die Kirchenschiffe attraktiv bleiben für Menschen, die Schutz und Trost, Orientierung und Gemeinschaft bei uns suchen. Den Konfis in den Kirchenbooten macht das jedenfalls inzwischen richtig Spass. Und mir macht das Mut.

Pastor Uwe Tatjes, Aurich-Kirchdorf

1. September 2012: Kirche braucht (d)ein Gesicht!

Stellen Sie sich vor, es ist Gottesdienst und jeder geht hin…. Schier unglaublich, oder?  Un-sere Kirchen würden aus allen Nähten platzen, da müssten Stühle und Bänke herangetragen werden – es gäbe ein fröhliches Rufen, ein Entdecken von Freunden und Nachbarn. Und dann die Feier des Gottesdienstes: herrlich, wenn so viele zusammen singen, beten, hören und hinterher miteinander reden, Anteil nehmen und geben.

Nur eine “himmlische Vision“? Vielleicht – aber wer keine Visionen hat, wird auch nichts be- wegen. Vor einigen Monaten haben wir in meinem Heimatkirchenkreis (Rhauderfehn) den „Tag des Gottesdienstes“ gefeiert. Es war der Abschluss einer Zeit, in der wir in unseren Ge- meinden den Gottesdienst besonders in den Blick genommen haben. Wir hatten Fragebögen verteilt und ausgewertet, uns gegenseitig in Gottesdiensten besucht – Rückmeldung gesucht und gegeben. Und jetzt wollten wir von dem Gelernten zurückgeben – in die Gottesdienste hinein.

Lassen Sie sich einladen, sonntags in Ihrer Heimatgemeinde fröhliche Gottesdienste zu fei-ern. Nur wo viele feiern, wird ein schönes Fest daraus.

Und was bringt mir das, mag sich manche(r) fragen? Warum sollte ich am Sonntagmorgen in die Kirche gehen, statt gemütlich mit meiner Familie zu frühstücken, liegen gebliebene Arbeit zu verrichten oder vielleicht ein gutes Buch zu lesen?

Ja, warum sollte ich?

  • um zur Ruhe zu kommen im Lauf einer hektischen Woche
  • um Gott wieder näher zu rücken
  • um mit Gott zu reden
  • um neue Impulse für mein Leben zu bekommen
  • um Gemeinschaft zu haben
  • um mich tragen zu lassen von Liedern, Gebeten und sogar dem Glauben der anderen.

Gottesdienst lebt (auch) von den Menschen, die zusammen feiern. Lebt davon, dass viele mitmachen und dem Gottesdienst ein Gesicht geben.

Und wenn mir manches nicht gefällt im und am Gottesdienst? Dann ist es gut und wichtig, das zu sagen – alle, die den Gottesdienst gestalten, sind auf Rückmeldungen angewiesen. Nur so kann sich das Gesicht der Kirche wandeln.

Schenk deiner Kirche sonntags (d)ein Gesicht!

Bernhard Haffke, Pastor in Victobur und Filsum

25. August 2012:  „Dein Weg komme dir freundlich entgegen!“

„… wir haben mal eben eine Frage: Unsere paar Urlaubstage sind fast rum… nützt ja nichts, wir müssen am Mittwoch abreisen. Die Schule beginnt bald wieder. Und die Arbeit. Könnt ihr diese Schlusssätze aus dem Familiengottesdienst vom Sonntagmorgen, nur so, für uns, am Mittwochmorgen wiederholen? “ Die ehrenamtlich Mitarbeitenden von „Kirche Unterwegs“, einem Arbeitsfeld der Kirche im Tourismus speziell auf Campingplätzen unserer evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, waren anfangs überrascht. Sollen wir das machen? Wie könnte eine Segenshandlung – darum geht es doch wohl – am Abschluss des Urlaubs überhaupt aussehen? Welche Worte wären die richtigen? Als Pastor, der die Mitarbeitenden mit einem persönlich zugesprochenen Segen in den Dienst auf die Plätze sendet, wurde ich zügig von ihnen gefragt: „Was hältst du davon? “ Kurz gesagt. Seit drei Jahren ist der Reisesegen auf allen „Kirche Unterwegs“-Campingplätzen etabliert. Er wird mit stetig steigender Tendenz gewünscht, wahrgenommen und von „Kirche Unterwegs“ in verschiedenen liturgischen Formen verantwortlich gestaltet. Etwas ausgeholt: „Was hältst du davon? “ Mein erster Eindruck bei der Frage nach einem Segen am Mittwochmorgen vor einer Reise: Es ist ein tiefer Wunsch, vor Gefahr und Unfall beschützt zu werden, auf dem Heimweg aus dem Urlaub und nicht nur da. Allgegenwärtig sind die spektakulären, zum Teil übertrieben reißerischen Aufmacher von Unfällen, Verletzten und Toten in Zeitung, Funk und Fernsehen. Das macht Angst, viele fühlen sich ungeschützt und verunsichert. „Was hältst du davon? “ Für eine Reaktion auf den Wunsch nach Segen fielen mir auch aus Gesprächen berührende Äußerungen von Urlaubenden ein: „Im Urlaub habe ich mich frei gefühlt, gestärkt und aktiv. Das möchte ich auch zu Hause spüren können. Ich möchte beachtet werden. In mir protestiert etwas gegen den Druck, den ich mir selber mache: Ich kann alles selber bewerkstelligen und alle Probleme selber lösen. Kann ich aber gar nicht! Ich habe in euren Gottesdiensten gehört: Es gibt mehr als nur meine eigenen Ideen vom Leben. Das trifft sich mit meiner großen Sehnsucht, etwas zu ändern; an mir, an unserem Zusammensein in der Familie, an meiner Zeiteinteilung im Alltag. “ Ist unter diesen Voraussetzungen ein Reisesegen am Mittwochmorgen sinnvoll? Ja! Segen kennt nicht nur einen Ort und nicht nur einen bestimmten Tag. Er ereignet sich am Sonntag wie am Mittwoch. Gott selber wendet sich denen zu, die ihn suchen. Gott kommt auf uns zu. Tritt und trifft auf unseren Weg und schenkt, dass immer neu Gesegnete zum Segen für andere werden. Als „Kirche Unterwegs“ gestalten wir einen Reisesegen bewusst mit Worten und Gesten als eine sinnliche Erfahrung. Wir laden ein: (Wieder) einmal still sein, empfangen, loslassen, glauben können, dass ein mir zugesprochenes Wort Kraft hat. „Möge der Weg sich vor dir öffnen und möge Gott mit dir sein, steht mit weißer Schrift auf einem lila Band“, das während des Segens gegenseitig lose um das Handgelenk gebunden wird. Worte werden mir zugesprochen und dabei werde ich berührt und angesehen. Ich bin Gottes alles wert! Und gemeinsam wird gesungen: Geh unter der Gnade, geh mit Gottes Segen; geh mit seinem Frieden, was auch immer du tust. Hör auf Gottes Worte: bleib in seiner Nähe, ob du wachst oder ruhst. Wer Segen empfängt, ist nicht automatisch vor allem bewahrt. Aber stellt sich in einen größeren Zusammenhang, in eine göttliche Wirklichkeit. Möge sich allen, die aus dem Urlaub gekommen sind oder wieder kommen; allen, die nach den Ferien neu starten; allen, die auf der Suche sind: Gottes Weg sich öffnen und Gott mit Ihnen sein.

Hartmut Schneider, Pastor Kirche im Tourismus, Region Nord

18. August 2012: Die Demut und der Blumentopf

Ein Klassiker: Schwarz und Weiß – wie auf dem Schachbrett: Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade (1. Petrus 5,5b). Hochmut, Demut. Da stehen sich zwei gegenüber: Sie müssen sich entscheiden! Neigen Sie zu Hochmut oder praktizieren Sie hin und wieder wenigstens etwas Demut? Demut – ja, aus der Kirchenecke würden Sie diesen Begriff vermuten und am liebsten dort lassen. Überholt, vergessen, muffig. Einzig die zweite Silbe könnte bei uns etwas zum Klingen bringen, zugegebenermaßen. Ja, wenn wir über Mut reden würden, dann! Mut bedeutet schließlich, etwas beherzt zu wagen und sich zu trauen. Mut riecht sehr nach Heldentum und schmeichelt uns. Demut wird uns nicht so gut zu Gesicht stehen, meinen wir. Sie ist so klein, diese Demut, dass sie gar nicht richtig auffällt im Getöse der Zeit. Aber das meinen wir nur. Die Demut ist uns einfach abhandengekommen. Dabei bedeutet sie nichts anderes, als aus freien Stücken zu akzeptieren, dass es etwas Höheres und Unerreichbares gibt. Sie riecht nicht nach Selbstzweifel, sondern nach realistischer Selbsteinschätzung: Ich kann eine ganze Menge, aber ohne den Segen Gottes ist letztlich nichts möglich. Demut bedeutet: Ich sortiere die Dinge nach ihrer Wichtigkeit in der angemessenen Reihenfolge. Und auf Platz 1 steht Gott. Wenn Ihnen diese Art Demut abhandengekommen ist, dann hilft dieser Versuch eines Professors für seine Studierenden, der mir so – auch mit dem Schluss! – erzählt wurde (Urheber unbekannt): Ein Professor hatte einige Gegenstände vor sich. Als der Unterricht begann, nahm er wortlos einen sehr großen Blumentopf und begann diesen mit einem größeren Spielball zu bestücken. Dann nahm er Golfbälle dazu. Er fragte die Studenten, ob der Topf nun voll sei. Sie bejahten es. Dann nahm der Professor Kieselsteine und schüttete diese in den Topf. Er bewegte den Topf sachte und die Kieselsteine rollten in die Leerräume zwischen den Golfbällen. Dann fragte er die Studenten wiederum, ob der Topf nun voll sei. Sie stimmten zu. Der Professor nahm als nächstes eine Dose mit Sand und schüttete diesen in den Topf, natürlich füllte der Sand den kleinsten verbliebenen Freiraum. Er fragte wiederum, ob der Topf nun voll sei. Die Studenten antworteten einstimmig „Ja“. Der Professor holte zwei Dosen Bier unter dem Tisch hervor und schüttete den ganzen Inhalt in den Topf und füllte somit den letzten Raum zwischen den Sandkörnern aus. Die Studenten lachten. „Nun“, sagte der Professor, als das Lachen langsam nachließ, „ich möchte, dass Sie diesen Topf als die Repräsentation Ihres Lebens ansehen. Der große Ball steht für Gott, die Golfbälle sind die wichtigen Dinge in Ihrem Leben: Ihre Familie, Ihre Kinder, Ihre Gesundheit, Ihre Freunde, die bevorzugten leidenschaftlichen Aspekte Ihres Lebens, welche, falls in Ihrem Leben alles verloren ginge und nur noch diese verbleiben würden, Ihr Leben trotzdem noch erfüllend wäre. Die Kieselsteine symbolisieren die anderen Dinge im Leben wie Ihre Arbeit, Ihr Haus, Ihr Auto. Der Sand ist alles andere, die Kleinigkeiten. Falls Sie den Sand zuerst in den Topf geben“, fuhr der Professor fort, „hat es weder Platz für die Kieselsteine noch für die Golfbälle, geschweige denn für Gott. Dasselbe gilt für Ihr Leben. Wenn Sie all Ihre Zeit und Energie in Kleinigkeiten investieren, werden Sie nie Platz haben für die wichtigen Dinge. Achten Sie zuerst auf den großen Ball, dass er seinen Platz in Ihrem Leben hat: Von Gott kommt alles her. Wenn Sie mit diesem großen Ball beginnen, Ihr Leben zu füllen, wissen Sie von selbst, dass dann die Golfbälle kommen, nämlich die Dinge, die wirklich wichtig sind. Setzen Sie Ihre Prioritäten. Das ist wahre Demut. Der Rest ist nur Sand. “ Einer der Studenten erhob die Hand und wollte wissen, was denn das Bier repräsentieren soll. Der Professor schmunzelte: „Ich bin froh, dass Sie das fragen. Es ist dafür da, Ihnen zu zeigen, dass, egal wie schwierig Ihr Leben auch sein mag, es immer noch Platz hat für ein oder zwei Bierchen. “

 Silke Kampen, Pastorin in Wallinghausen

 

11. August 2012: Auch Zeit zur Muße

„Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen! Und: „Müßiggang ist aller Laster Anfang!“ – Wer kennt sie nicht, diese Mahnungen der Lehrer und Eltern, die besonders dann lästig sind, wenn man sich gerade in aller Ruhe hingesetzt hat, den Krimi aufgeschlagen hat, Musik hört oder einfach nur vor sich hin träumt. Auch ich kenne sol- che Situationen, und ich bin ärgerlich, wenn mich jemand aufscheuchen will, auch wenn es sich um eine noch so wichtige Aufgabe handelt. Zugleich bekomme ich ein schlechtes Gewissen, und schon ist die Gemütlichkeit dahin.

Genau in diese Kerbe scheinen die Verse aus dem 6. Kapitel der Sprüche Salomos zu schlagen. Auch hier wettert der Schreiber gegen den Müßiggang, gegen das sorglose Leben. Die Ameisen sollen wir Menschen uns mit ihrem Fleiß, ihrem Eifer und ihrer Strebsamkeit zum Vorbild nehmen: „Gehe hin zur Ameise, du Fauler, betrachte die Weise, dass du klug werdest.“

Klug sollen wir unsere Zeit und unsere Kräfte einteilen, damit wir zur rechten Zeit die richtigen Dinge tun, damit wir auf die Wechselfälle des Lebens gut vorbereitet sind. Eigene Einsicht und Vorausschau sollen uns dazu bewegen, wie auch die Ameise keines äußeren Zwanges bedarf, sondern ihren inneren Gesetzen gehorcht.

Mir leuchten diese Lebensmaximen ein; wer könnte auch ernsthaft etwas gegen sie ins Feld führen? Aber zugleich werde ich unruhig. Verstehen wir nicht allzu oft diese Mahnung als ein ehernes Gesetz, das alle Muße zu Müßiggang abstempelt, alle Ruhe und Erholung zur Faulenzerei?

Ich persönlich möchte das alttestamentliche Bibelwort vielmehr als einen Anstoß nehmen, darüber nachzudenken, wie mein Leben ein erfülltes Leben sein kann ohne Langeweile, aber auch ohne den ständigen Druck, etwas Sinnvolles tun zu müssen. Ich möchte darüber nachdenken, wie mein Leben einen Sinn und ein Ziel bekommen kann, ohne dabei meine Existenzberechtigung durch Leistungen erarbeiten zu müssen. Die Ferien laden besonders dazu ein. Vielleicht nehmen ja auch Sie diese Einladung an.

Ute Beyer-Henneberger, Arbeitsstelle für Ev. Religionspädagogik Aurich

4. August 2012: Vertrauen gewagt?

„Frau Meenken, wissen Sie, ob auf dem 1. Ostfriesischen Kirchentag jemand den Glauben gefunden hat? Hat jemand Gott wieder Vertrauen geschenkt?“ Die Fragen dieses Radiojournalisten sind anders. Sonst beantworte ich Fragen nach Besucherzahlen, Pannen im Ablauf, Finanzierung oder Programmpunkten. Das kann ich. Als Geschäftsführerin für den 6. Ostfriesischen Kirchentag schüttele ich seit Wochen solche Antworten aus dem Ärmel. Zwischen Tür und Angel. Einfach so. Die fragen ja eh immer das Gleiche. Aber dieses Interview ist anders. Ich komme ins Grübeln und betrachte den Kirchentag im Rückblick durch eine andere Brille. Ja, da gab es die ältere Frau, die mich zwischen den Buden ansprach. Schon lange trägt sie sich mit dem Gedanken, ehrenamtlich ihren Glauben und ihre Hilfe weiterzugeben. Jetzt traut sie sich. Sie fragte, ob ich einen Tipp für sie hätte, wer Unterstützung braucht. Ich erinnere mich an den Mann, der seit vielen Jahren der Kirche den Rücken zugedreht hat. Er hatte seine Gründe. Aber auf dem Kirchentag erkundigte er sich vorsichtig bei mir, wo er die Wiedereintrittsstelle findet. Viele solche Geschichten fallen mir bei diesem Interview ein. Am Kirchentag selbst habe ich solche Momente gar nicht wahrgenommen. „Und was hat Sie persönlich am meisten berührt, Frau Meenken?“ Diese Frage habe ich mir während der ganzen Organisation und der Abrechnung danach nie gestellt. Nach längerer Pause kommt mir ein Moment in den Sinn. Als die Hunderten Ehrenamlichen mit viel Liebe ihre Stände auf der Kirchenmeile aufbauten. Das berührte mich sehr. Dass die Kirchenmeile so wunderbar vielfältig war, das konnte ich mir vorher nicht ausmalen. Die kleinen liebevollen Details und die gehaltvollen, ehrlichen Gespräche an den Buden haben viele Menschen den Glauben an Gott wieder näher gebracht. Danke, an alle, die den 6. Ostfriesischen Kirchentag mit Ihren Ideen, ihrer Kreativität und Zeit möglich gemacht haben. Ich weiß, dass man- cher Besucher dadurch wieder Vertrauen gewagt hat und ich wünsche Ihnen allen, dass Sie der Schwung des Kirchentages und Gottes Zusage noch lange durch den Alltag trägt: „Ik bün bi di!“

Cathrin Meenken, Pastorin und Geschäftsführerin des 6. OKT

28. Juli 2012: Vertraut nur

Bin ich auf Reisen und schlafe woanders, brauche ich nachts einen Lichtschimmer zur Orientierung; Licht durch eine Türritze z. B. Zu Hause, im eigenen Bett, ist das keine Frage: Hier bin ich sicher und kenne mich aus. In der Fremde aber ist alles anders und alles neu, und wenn es dunkel wird, verändert sich das Zimmer, „verändert sich die Welt“. Die Schatten fallen anders, Schränke; verändern ihre Form. Das wirkt durchaus beunruhigend. Licht hilft. Licht macht sicher und berhigt. Für mich jedenfalls. Ich vermute, es geht etlichen Menschen wie mir. Deshalb erzählt die Bibel häufig vom Licht, das durch Jesus Christus in die Welt gekommen ist. Im Epheserbrief ist auch da- von die Rede, dass Licht den Menschen helfe. „Lebt als Kinder des Lichtes; die Frucht des Lichtes ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit“ (Epheserbrief 5,8b.9) Zwischen den Zeilen ist von Sicherheit die Rede. Wenn ich mit dem Licht Christi die Werke der Finsternis aufdecken und erkennen kann. Das gelingt mit dem Licht, das Christus den Menschen bringt. Die Früchte des Lichtes sind: Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. Wo diese drei herrschen, geht es auch mitmenschlich zu. Christi Licht bietet Sicherheit. Somit klingt die Aufforderung, als Kinder des Lichtes zu leben, ganz ver- nünftig und glaubwürdig. Denn Menschen lieben Sicherheit und Geborgenheit und Orientierungshilfen. In diesem Licht lässt es sich leben, auch wenn man sich hin und wieder fremd fühlt. So lasst euer Licht leuchten, das euch den Weg weist, damit andere durch euch den Wegweiser des Himmels erkennen können. (Ev.-Lesung) Christus sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Trotz Befremdlichem, vertraut nur!

Rainer Hecker, Pastor in Aurich-Oldendorf

21. Juli 2012: Gottes Hausgenossen

Manchmal gibt es Sachen, die sind so selbstverständlich, dass man sie ab und zu neu buchstabieren muss. So, wie die Sache bei Jan und Ellen. Seit über 20 Jahren sind sie nun verheiratet. Es ist eine gute Ehe. Die Kinder sind inzwischen groß, sie gehen zumeist ihre eigenen Wege. Zwischen Jan und Ellen ist im Laufe der Jahre eine gute Arbeitsteilung entstanden. Sie kauft ein, kocht das Essen, schmiert ihm sein Frühstücksbrot, er mäht den Rasen, letzten Monat hat er das Wohnzimmer tapeziert und wenn was mit dem Auto ist, dann kümmert er sich darum. Neulich hat Jan eine Flasche Sekt und einen Blumenstrauß gekauft. Als seine Frau ihn erstaunt anschaut, sagt er: „Du tust so viel für mich. Das ist doch nicht selbstverständlich.“ Und dann haben sie ein bisschen gefeiert.

Manchmal gibt es Sachen, die sind so selbstverständlich, dass man sie ab und zu neu buchstabieren muss. So, wie die Sache bei Helge und Gott. Helge ist eine Ausnahme. Das sieht er an jedem Sonntagmorgen, an dem er zur Kirche geht. Männer sind nicht viele da. Aber Helge hat eine Geschichte mit der Kirche, die fing vor vielen Jahren im CVJM an. Ihm tut er gut, der Besuch in der Kirche. Darum geht er hin. „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen“, liest der Pastor gerade aus dem Epheserbrief vor. „Nicht mehr Gast, sondern Gottes Hausgenosse!“ geht es Helge durch den Kopf. „Das ist so selbstverständlich. So oder so ähnlich habe ich es schon tausendmal gehört. Dabei ist das gar nicht selbstverständlich. Gott ist der Herr im Haus. Und doch darf ich mich zu ihm an den Tisch setzen. Aber nicht als Gast sondern sogar als Teil der Familie. Gott muss für seine Menschen viel übrighaben. Ob die Menschen das sehen?“ Und leise sagt er: „Danke.“

Georg Janssen, Pastor in Ihlow

14. Juli 2012: Trau di!

„Vader,Vader! Hermann kann swemmen!“ Joke’s Stimm översloog sück bold. Hermann, dat was Jokes, eegentlich heet he Johann, best Fründ. Beid ween se fief Johr old. „Up disse Siet van Kanal is Hermann in’t Water kropen und denn an’t anner Siet swummen und törügg! Ik will ook swemmen können.“ „Ja,denn mutten wi wol los“, sä Vader, „man nich in Kanal, wi gohnt nah Tant Marthas Kuul.“ Badebüx und Handöök inpaakt und denn sull dat losgohn. Bitje natt maaken und denn immer wieder rin in’t Water. As Joke dat Water bit an’t Hals stunn wurr hum doch benaut tö. „Nu man los! sä Vader. Hannen und Fööten so bewegen as ik di dat seggt hebbt.“ N poor Sekunden gung dat gööd, denn ober muss Vader ingriepen. Joke was an’t pruusten. „Ik bün tö swoor för dat Water. Ik goh so unner.“ „Nee, mien Jung, dat Water dragt di al, dor bruukst kein Nodd hebben“, beruhigte Vader hum. De heele Nahmiddag ween se an’t utprobeeren. Und endlich söben Ür obends kunn Joke sük över Water hollen.„Vader,datmuttiknu ober Hermann vertellen, ik kann ook swemmen!“ Jokes Vader hett hum hulpen und hum allens wiest. Man swemmen muss Joke alleen. Dat kunn nüms anners för hum. So is dat ook mit use Glööven. Annern könnt di wol wat vertellen, man glööven musst sülmst. Trau di! Wees nich bang! Denn kannst marken, ook de Glööv dragt di. Gott is dor und seggt di tö: Ik bün bi di. Dor kannst up an! In hoge und leege Tieden. Trau di! Wees nich bang up Gott tö vertraun. Us Vader in Himmel sall di wol helpen.

Walter Uphoff, Pastor in Middels

7. Juli 2012: Hatten Sie schon einmal das Gefühl, zur unpassenden Zeit am falschen Ort zu sein?

Phlipper 2,11: ALLE ZUNGEN SOLLEN BEKENNEN, DASS JESUS CHRISTUS DER HERR IST, ZUR EHRE GOTTES, DES VATERS.

Vor einigen Jahren hatten wir über einen Freund letzte Karten für ein Auswärtsspiel unserer Bundesliga-Lieblingsmannschaft erhalten. Als wir frohgelaunt das riesige Fuβballstadion betraten, bemerkten wir schon auf dem Weg zu unseren Plätzen, dass etwas nicht stimmte: Wir befanden uns im Bereich der gegnerischen Anhänger! Während wir sehnsüchtig auf die andere Seite des Feldes hinübersahen, wo gleichgesinnte Anhänger enthusiastisch unsere Vereinslieder sangen und lautstark die Namen unserer Lieblingsspieler skandierten, mussten wir die Schmährufe der uns umzingelnden Menschenmasse ertragen, mit denen unsere Spieler bedacht wurden.

Mein Freund hatte schon auf dem Weg zu unseren Plätzen vorsorglich seinen Fan-Schal in der Jacke versteckt, um keine Unannehmlichkeiten zu provozieren. Auch ich zog es recht eingeschüchtert vor, angesichts dieser gegnerischen Übermacht meine Gesinnung für mich zu behalten, und so schluckten wir unseren Ärger über ihre agressiven Rufe und Gesänge hinunter.
Doch sollte unser Ärger nicht lange andauern, denn bereits wenige Minuten nach Anpfiff schoss unsere Mannschaft das erste Tor. Natürlich vergaβen wir unsere vornehme Zurückhaltung und jubelten laut auf: TOOOR!…. Totenstille umgab uns. Dann gab es erste schmerzhafte Reaktionen auf unser ungewolltes Bekenntnis. Einige Rempler und rüde Sprüche folgten. Als unsere Mannschaft ärgerlicherweise wenig später sogar das zweite Tor erzielte, zogen wir es vor, durch unsere bloβe Anwesenheit das Leiden unserer Rivalen nicht zu verschlimmern und begaben uns langsam zum sicheren Tribünenausgang. Auf der Flucht hinaus hörten wir die Jubelgesänge der Anhänger unserer Mannschaft von der Gegentribüne: „Miro Klose: Fuβballgott!“ Die Bekenntnisbereitschaft mancher (Sport) Fans treibt mitunter seltsam religiöse Blüten…

Bekenntnisse haben ‚gemeinschaftsstiftenden’ Charakter: das Treuebekenntnis in der Ehe, das Bekenntnis zu einem Verein, einer Partei, einer religiösen Gemeinschaft etc. zeigt Zugehörigkeit und wird gern sichtbar und hörbar ausgedrückt. Gleichzeitig ist das Bekenntnis oft exklusiver Natur: Wir gehören zueinander, aber ihr gehört nicht dazu! Das Bekenntnis zum Einen schlieβt das Bekenntnis zum Anderen aus. Es gibt kein sowohl-als-auch, sondern es heiβt: entweder-oder!

Hiervon zeugt der Vers des wohl ältesten Hymnus, den die ersten Christen als Bekenntnis formulierten und der im Philipperbrief von Paulus niedergeschrieben wurde. Sie verehrten Jesus Christus, der ihnen zur Rettung vom Vater gesandt wurde und bezeugten ihren Glauben in einer ihnen feindlich gesinnten Umgebung. Während es im Fuβballstadion unangenehm sein mag, seine Gesinnung gegenüber Rivalen zu bezeugen, war es für sie lebensgefährlich. Doch ohne ihr mutiges Bekennen damals hätte sich unser christlicher Glaube nicht weltweit verbreitet.

Der Vers aus dem Philipperbrief handelt von der festen Zuversicht, dass einmal nicht nur ein Teil (die Gegentribüne) sich zu Christus bekennen und ihn bejubeln wird, sondern das ganze Stadion von Gesängen Ihm zu Ehren erfüllte sein wird, so wie es heute tatsächlich in Fussballstadien auf Evangelischen Kirchentagem geschieht. Dies ist Wunder genug Christus unseren Herrn zu loben!

Mit sommerlichen Grüβen

John Förster, Pastor in Riepe

30. Juni 2012: Lass mich dein Lastesel sein!

Ich bin doch nicht dein Lastesel!, brummt er, beladen wie ein Esel mit Einkaufstüten. Sie indes schlendert von Schaufenster zu Schaufenster: Ach, Schatz…! Shopping am Wochenende. Rote Ampeln und Parkplatzsuche. Gedränge in der Fußgängerzone. Warteschlangen an der Kasse. Liebe ist eben… ihr Lastesel sein.
Einer trage des andern Last, heißt es von Paulus in der Bibel (Die Bibel: Galater, Kapitel 6, Vers 2). Geteiltes Leid ist halbes Leid. So soll es sein, wenn zwei sich lieben. Sie können füreinander Lastesel sein, damit das geliebte Gegenüber Hände und Kopf frei bekommt. Dann werde ich befreit – nicht nur von den Tüten beim Einkauf. Manch andere Last, manche Sorge, wiegt viel schwerer und ist doch nicht zu sehen. Wie gut tut es, wenn mir jemand ein offenes Ohr schenkt und Sorge trägt für meine Seele. Der Lastesel als Seelentröster.
Paulus legt diese Liebe noch großzügiger aus. Füreinander Lastesel sein – nicht nur in einer Liebesbeziehung. Füreinander Lastesel sein – das ist christliche Nächstenliebe schlechthin! Der Satz, den der Apostel an Christinnen und Christen in Galatien geschrieben hat, geht noch weiter: Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Klingt wie ein moralischer Zeigefinger? Nein, im Gegenteil! Nächstenliebe kommt von Herzen. Sie ist alles andere als anstrengend. Sie geht sogar leicht von der Hand. Denn so ist die Liebe. Und nicht anders. Liebe ist ein Geschenk. Niemand hat sie in der Hand. Sie lässt sich nicht erzwingen. Sie braucht die Freiheit wie die Luft zum Atmen. Gott ist die Liebe, heißt es in der Bibel. In der Liebe in meinem Herzen macht er sich selbst mir zum Geschenk. Und das Beste ist: Diese Liebe kann ich mit anderen teilen, ohne etwas zu verlieren. Vielleicht gewinne ich sogar noch dabei. Zum Beispiel eine Freundin oder einen Freund oder die Liebe meines Lebens. Das ist ein Gesetz ganz nach Gottes Geschmack: das Gebot der Liebe.
Noch einmal zurück auf die Shoppingmeile. Lass mich dein Lastesel sein!, sagt er und nimmt ihr die Einkaufstüten ab. Und sie? Sie schenkt ihm ein bezauberndes Lächeln!

Alexander Wilken, Pastor in Moordorf.

23. Juni 2012: Wendezeiten

Sonntag ist Johannistag! In unserer Gegend wissen die Menschen, dass dann die Spargelzeit endet. Nun ist genug Spargel gestochen, die Pflanzen müssen sich erholen und die Spargelstecher sicher auch. Es ist die Sonnenwende. Vielerorts werden am Johan- nistag Feuer angezündet und so die Sonnenwende gefeiert. Wichtiger aber ist, dass dieser Tag seinen Namen von Johannes dem Täufer hat. In der Bibel wird von ihm als Wegbereiter für Jesus berichtet. Er zog umher und predigte, lebte in der Einsamkeit der Wüste, trug Umhänge aus Kamelhaar und ernährte sich asketisch von Heuschrecken und wildem Honig. Er selbst und seine Lebensweise waren auffällig. Seine Zeitgenossen konnten ihn nicht übersehen. In seinen lautstarken Predigten forderte Johannes eine Umkehr der Menschen von ihren bisherigen Wegen. Sie sollten sich auf das Kommen Jesu vorbereiten und sich zum Zeichen ihrer Umkehr taufen lassen. Dem Zeugnis der Bibel ist zu entnehmen, dass Jesus selbst sich von Johannes im Jordan taufen ließ. Als Johannes Jesus sah, da sagte er: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen!“ Johannes meinte damit, dass Jesus wichtiger sei, als er selbst. Er stellte sich sozusagen in die zweite Reihe. Da ist es eine schöne Symbolik, dass mit dem Johannistag die Tage wieder kürzer werden und erst mit dem 24. Dezember die Wintersonnenwende erreicht ist und die Tage mit dem Kommen Jesu wieder länger werden. Wendezeiten markieren das Leben. Ich glaube, es ist gut, wenn wir uns solche Wendezeiten bewusst machen. Schon ist die Mitte des Jahres erreicht, und die Tage werden ab jetzt wieder kürzer. Vielleicht ist das ein Anlass zu fragen: „Was war eigentlich bisher in diesem Jahr? Und welche besonderen Erwartungen habe ich für die zweite Jahreshälfte?“ Vielleicht klingt bei solchen Fragen ja auch etwas von den Hinweisen des Johannes mit an. Johannes spricht von Buße und Umkehr und meint damit die Hinwendung zu Gott. Nicht einfach so dahinleben und die Tage verstreichen lassen, sondern das Leben mit allen Höhen und Tiefen auf Gott beziehen.

Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent für den Sprengel Ostfriesland

16. Juni 2012:

Christus spricht: ” Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid;
ich will euch erquicken. “ [Matthäus 11, 28; Wochenspruch ]

Jesus als der Christus [Gesalbter, Gottes Sohn, Retter] wendet sich an alle – niemand ist ausgenommen, und somit auch an Dich und mich, wie es auch um uns stehen mag. Er wendet sich an uns, um uns mit der Kraft Gottes zu erfüllen für unser Leben in dieser Welt und um uns hinein zu nehmen in Gottes Vollkommenheit.
Er will uns „erquicken“ – für mich ein herrlich-wohltuendes Wort, das heute im aktiven Wortschatz nur noch selten zu finden ist. [In einem kleinen Handbuch für sinnverwandte Wörter, Titel: „Sag es treffender“, von A. M. Textor, rororo 1974, wird es im Zusammenhang mit über 40 weiteren Begriffen aufgeführt, unter anderem: kräftigen, stärken, aufblühen, gesunden, aufleben, erstarken, geheilt werden, – auferstehen.]

Jesus schließt niemanden aus, insbesondere keine Person, die es schwer hat, die vielleicht niedergeschlagen ist, am Rande der Gesellschaft steht, deren Nöte womöglich keiner hören will. Er sagt: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid – ICH will euch erquicken“, also: Kräftigen und stärken, ihr sollt wieder aufblühen, geheilt werden – ja: auferstehen!
Dabei sind Jesu Worte keine bloßen „auf-die-Schulter-klopf-Worte“, im Sinne von „Kopf hoch“ oder „es wird schon wieder …“ – Er selbst ist unter Hohn, Spott und Geißelung den schweren Weg ans Kreuz und in den irdischen Tod gegangen. Zum Ersten, um alles auf sich zu nehmen, was uns von GOTT, dem Schöpfer allen Lebens -jetzt und in Ewigkeit-, trennen könnte; zum Zweiten, um deutlich zu machen: auch in der tiefsten Tiefe, selbst in der Ohnmacht des Todes sind wir gehalten von GOTTes Hand und begleitet von Seiner Liebe; und zum Dritten, um jede und jeden, die und der an Christus als den Retter glaubt, nach dem Dienst des irdischen Lebens zum Leben in GOTTes ewiger Vollkommenheit zu führen.

Ein Sprichwort sagt: „Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“ – Christen brauchen, Gott sei Dank!, nicht zu spekulieren: Für sie hat dieses Licht unverlöschliche Gestalt angenommen in Jesus Christus, dem Gottessohn, der uns nicht nur Orientierung geben, sondern erquicken möchte und kann, wie kein Mensch es tun kann.
In ihm ist das Wort „erquicken“ greifbar, fassbar geworden, das im Alten Testament des öfteren in Bezug auf Gott ausgesprochen wird, z.B.: „Er erquicket meine Seele.“ (Psalm 23, 3a), „Ich hatte viel Kummer in meinem Herzen, aber Deine Tröstungen erquickten meine Seele.“ (Psalm 94, 19), „ICH will die Müden erquicken.“ (Jeremia 31, 25a).
Indem Jesus von Nazareth sagt: “Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ICH will euch erquicken.”, offenbart ER sich auch hierin als der Gottessohn, der uns einlädt, sich uns IHM anzuvertrauen, auf dass unser Leben nicht hoffnungslos sei, werde oder bleibe, sondern neu durchdrungen werde von der Gotteskraft, die tröstet, kräftigt, stärkt, wieder aufblühen lässt und schließlich unzerstörbares Leben schafft. –
Die Erfahrung dieser wunderbaren Gottesgabe der Erquickung wünsche ich uns allen – und, dass sie  – wo es möglich ist – von uns weitergegeben werde, GOTT zur Ehre, unseren Mitmenschen zur Hilfe, uns selbst zum Erblühen des Lebens.

Hans Bookmeyer, Pastor für die Ev.-luth. Kirchengemeinden Ochtelbur, Bangstede & Barstede

9. Juni 2012: Heilig?

Jakob hat einen langen Weg zurückgelegt. Nun legt er sich schlafen. Ein Stein als Kopf- kissen, sein Mantel als Decke. Er träumt von Gott, der mit ihm über seine Zukunft spricht. Am nächsten Morgen stellt Jakob den Stein als Denk-Mal auf und gibt dem Ort den Namen Bethel, „Gotthausen“. Er verspricht, dass hier ein Gotteshaus entstehen soll, was auch geschah. So ein besonderer heiliger Ort hat eben auch seine Geschichte. Ein lebendiges Geschehen lag dem ursprünglich zugrunde, ein Überwältigtsein von Gott, ein lebendiger Glaube. Aber der Kult kann in den folgenden Generationen zur Routine werden. Er kann erstarren. Schon früh kritisieren Propheten, die im Namen REGION HEUTE Gottes auftreten, dass Menschen Gott (und auch fremde Götter) in Gegenständen sozusagen materialisiert sehen. Es ist doch nur Holz, Stein, Metall. „Ist das für euch der lebendige Gott, der mit euch eine Geschichte eingegangen ist?“ So fragen diese Propheten entsetzt. „Ist das Glaube?“ Heilig ist Gott allein. Kein Platz, kein Ort, kein Gegenstand ist materiell heilig – und zugleich ist alles Gott heilig, ihm geweiht. Alles ist mit Respekt zu behandeln, weil er es geschaffen hat, vor allem alles, was lebt, also den Odem Gottes in sich trägt. Nichts ist von Gottes Wirken ausgenommen und ausgeschlossen und zugleich auch vom Wirken der Menschen. Ein Aspekt spielt dabei eine besondere Rolle: Ob es dem Leben der Menschen dient und da besonders der Gemeinschaft. Man könnte sagen, dass es um ein dynamisches Verständnis von Gott, von Orten und von Gemeinschaft und Glauben geht. Dies Verständnis wurde im Laufe der Geschichte immer wieder mal neu entdeckt. Es gab und gibt immer wieder Bewegung und Erstarrung, Erstarrung und Bewegung. Von daher haben die Reformatoren bei der Entstehung der evangelischen Kirche entschieden, dass die bisherige Einteilung der Welt in heilig, Gott geweiht, und nicht-heilig (profan) nicht mehr gilt. Alles ist Gott und den Menschen (in unterschiedlicher Weise) zugeordnet. Heiligkeit haftet nicht an irgendwelchen Dingen, Orten und Gegenständen. Heilig ist allenfalls das Geschehen, das auf Menschen ausgerichtet ist, wie z. B. bei Taufe und Abendmahl. Heilig sind die Gegenstände, die dafür benutzt werden, nicht. Kirchenräume und die Gegenstände in ihnen sind grundsätzlich zur Gestaltung freigegeben. Wenn man nun etwas einweiht, dann nimmt man es nach evangelischem Verständnis schlicht in Gebrauch, damit es den Menschen dienen soll. Im besten Fall erfahren sie dabei auch etwas von Gott. Sie sind eingeladen, mit Vertrauen auf Gott in einer tragenden Ge- meinschaft zu leben. Heilig ist, was an diesen Orten und mit diesen Dingen wie z. B. einem Taufbecken geschieht:
– dass Menschen hineingenommen werden in eine Beziehung zu Gott und zu anderen Menschen
– dass ihnen Gottes Geleit zugesagt wird
– dass sie auch in die Pflicht genommen zu einem Leben, das Gottes Willen entspricht. Alles andere ist der „Tod im Topf“, wie man in meiner vorigen Gemeinde mit einer Redewendung sagte. Was ist heilig bzw. geweiht? Etwas, das in Beziehung zu Gott steht bzw. in der Beziehung des Menschen zu Gott in Gebrauch ist. Das Entscheidende dabei ist die Gemeinde, die sich zum Gottesdienst versammelt (und dass sie es denn auch tut) und die Dinge und Gegenstände dabei in Gebrauch hat. „Heilig“ ist das Geschehen und die Gemeinde, solange sie zum Gottesdienst zusammenkommt. Lasst Gott in seinem Wirken da sein und sperrt ihn nicht in einen Stein, einen Gegenstand und an einen Ort. Man kann Gottesdienst auch auf einer Wiese oder in einer Gaststätte feiern, solange sich da wirklich Gemeinde versammelt. Besondere Gegenstände und Orte, die ausnehmend wert geschätzt sind, mag es weiterhin geben, aber grundsätzlich sind sie zur Gestaltung freigegeben.

Roman Ott, Pastor in Plaggenburg

2. Juni 2012: Horch: bim-bam! Oma Kiiche?

Mein zweijähriger Enkel ist zu Besuch. Die Glocken unserer Sandhorster St. Johanniskirche haben es ihm angetan. Kein Wunder! So nah und so klar und laut kann er Kirchenglocken in der Großstadt Hamburg, wo er wohnt, nicht immer hören. Horch: bim-bam! Jede volle Stunde steht er und lauscht. Und besonders morgens um acht Uhr, mittags um zwölf Uhr und abends um achtzehn Uhr, wenn das volle Geläut mehrere Minuten ertönt, flitzt er auf die Terrasse und zeigt zum Turm hoch. Da bim-bam! Und dann kommt er zu mir gelaufen und fragt: Oma Kiiche? Denn so war es am ersten Tag, als er ankam. Die Glocken läuteten und Oma ging zum Gottesdienst in die Kirche. Und als die Glocken eine Stunde später wieder ertönten, durfte er rüberkommen in die Kirche und mich abholen. Und von da an war die Verbindung da: wenn es läutet, muss Oma zur Kirche. Warum nicht jeden Tag? Warum  nicht um acht, um zwölf, um sechs Uhr? Das konnten wir dem kleinen Kerl nicht erklären. Bei jedem Geläut kommt es: horch: bim-bam! Oma Kiiche?

Ich finde, mein Enkel hat in seiner Faszination viel von dem Sinn der Glocken erfasst: sie rufen uns Menschen zum Gottesdienst. Sie läuten am Sonntag, um uns zu sagen, dass Gott auf uns wartet und sich freut, wenn wir uns eine besondere Stunde Zeit für ihn nehmen. Eintauchen in einen gastlich vorbereiteten Raum, ein bunter Blumenstrauß auf dem Altar, Kerzen brennen. Orgelmusik ertönt, man kommt zur Ruhe. Und spätestens jetzt ist klar: diese Stunde Gottesdienst ist auch eine Zeit für mich. Ich kann Lieder singen, mir wird vorgelesen aus der Bibel, ich höre eine Predigt. Kann meine Gedanken ziehen lassen, bleibe an einem Wort, einem Satz, einer Idee hängen, die mich berührt. Mir wird mitgeteilt, was so los ist in der Gemeinde. Ich denke im Gebet an andere. Und, ach ja, da ist ja Frau M., die ich schon so lange nicht mehr gesehen habe. Nachher, wenn die Glocken zum Ausgang läuten, spreche ich sie an. Kirche, Gottesdienst tut gut.

Und genau deshalb läuten die Glocken auch morgens, mittags und abends. Kiiche? Nein, ein Sonntags-Gottesdienst geht nicht dreimal am Tag. Aber was geht, ist: innehalten und den Alltag unterbrechen. Mich eben einen Moment während des Geläutes sammeln. Gott Danken für den guten Schlaf und den sonnigen Tag am Morgen, ihm einen lieben Menschen oder meine Sorgen anvertrauen am Mittag, und das Tagwerk bedenken am Abend. Das ist dann auch “Kiiche”, wie am Sonntag, nur am anderen Ort. Und ein wenig kürzer. Und tut genauso gut.

Gott hat Zeit für Sie, den lieben langen Tag. Dass Sie sich Zeit für Gott nehmen – daran wollen die Glocken Sie erinnern. Horch: bim-bam!

Susanne Schneider, Pastorin in Sandhorst

26. Mai 2012: Was will das werden?
Gedanken zum Pfingstsonntag

Die Apostelgeschichte erzählt über das erste Pfingstfest: „Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen. Andere, die das hörten, waren bestürzt und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? Wieder andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein.” (Apostelgeschichte 2)

Was will das werden?

Ein Brausen. Ein gewaltiger Wind. Zungen wie von Feuer. Und Worte, die zünden. Menschen, die begeistert sind. Ungezügelt. Unkontrollierbar. Menschen, die spüren: „Ich bin gemeint. Ich kann mich nicht und ich will mich nicht distanzieren. Gott redet mit mir!”
Manchen wird’s unheimlich.

Was will das werden?

Der Geist ist los. Gott selbst zieht durch die Häuser. Nichts und niemand kann ihn aufhalten: Keine Tür. Keine Mauer. Alle Barrieren fallen. Völker verständigen sich. Konfessionen bilden Koalitionen. Unterschiede werden aufgehoben.
Die Frommen und die, die viel mehr auf der Suche sind, die den alten Riten nicht folgen mögen und mehr Fragen als Antworten in Bezug auf ihren Glauben kennen, sie hören einander geduldig zu.
Jung und alt sitzen nebeneinander, sprechen dieselbe Sprache. Reiche reden mit Armen, Satte sitzen mit Hungrigen zusammen am Tisch und sättigen sich gemeinsam.
Große Gräben werden zugeschüttet, Grenzen werden von den Landkarten entfernt.
Häuser stehen offen und Menschen sehen sich in die Augen, stehen Hand in Hand, helfen sich, wo sie können. Oben und unten spielt keine Rolle.

Was will das werden?

Ein Traum. Nein, viel mehr als ein Traum. Unser Pfingsten. Haben wir diesen Traum schon längst verloren?

Was will das werden?

Was für ein aufrührender Gedanke. Die, die schon abgeschrieben sind, oder die man sonst nicht auf dem Zettel hat für die großen Aufgaben, die niedrigen Mägde, die nur den Besen kennen und keinen Mindestlohn, die Alleinerziehenden, die Alten, die längst eine Pflegestufe haben, die Demenzkranken – sie werden sein wie die Träumenden…
Was für ein heiterer Gedanke. Was für eine Frechheit. Welche Zartheit in diesem Gedanken. Niemand wird vergessen und niemand wird ausgeschlossen. Gerade die Unbeachteten werden beachtet.
Die Pfingstgeschichte – sie ist wie Hefe, die etwas zum Gären bringt. Es ist eine aufwühlende Geschichte.
Und sie kommt uns quer dazwischen. Wir können sie für eine Zeit vergessen oder verschweigen. Aber wir haben sie.
Und sie wird sich melden. Sie schärft unser Gewissen, unseren Verstand, unseren Glauben, unser Wünschen, unsere Tatkraft.
Vergessen wir nicht: Es ist Gottes Geist, der weht. Er lässt sich nicht unbedingt in die von uns gewünschten Bahnen lenken.
Er weht, wo er will.
Er nimmt Menschen die Angst und lässt sie ihren Kleinmut vergessen.
Er lässt sie ihre eigene Spra-, che finden. Er lässt Menschen zueinander finden.
Nichts und niemand kann Gottes Geist aufhalten. Keine Tür. Keine Mauer. Kein Spott. Keine kirchliche Hierarchie.
Alle Barrieren fallen.

Was will das werden?

Tido Janssen, Superintendent im Kirchenkreis Aurich

16. Mai 2012: Siehe, ich bin bei euch

„Die hätten wir eigentlich schon wegräumen müssen“, sagte die Kollegin entschuldigend. Wir blickten auf die Osterkerze, während der Gottesdienst in uns noch nachklang.

Der erste Sonntag nach Himmelfahrt. Wir waren zu Besuch in der schmuckvollen Dorfkirche in der Partnergemeinde im Erzgebirge. Und ich dachte: Schön, dass die Kerze noch dasteht. Denn so erinnert sich mich an diese wunderbare alte Tradition: Zu Ostern stellt man die Osterkerze im Altarraum auf und zündet sie bei jedem Gottesdienst an. Damit wird Jesus als das Licht der Welt gefeiert, das neu zum Leben kam, das am Ende des Tunnels des Todes leuchtet. Am Himmelfahrtstag wird diese Kerze gelöscht – gleich nachdem die Geschichte gelesen wurde, wie Jesus in den Himmel entrückt worden ist.

Eine Kerze entzünden, etwa bei der Taufe, das ist ein starkes Bild für die Hoffnung, die wir in Jesus Christus haben. Eine Kerze löschen ist ein noch stärkeres Symbol: Wo eine Kerze erlischt, da geht etwas zu Ende. 40 Tage, so erzählen es die Evangelien, hat sich Jesus den Jüngerinnen und Jüngern gezeigt, nachdem Gott ihn wieder ins Leben gebracht hat. Ist mit den Seinen gegangen, hat mit ihnen geredet und das Abendmahl gefeiert. Und dann war er wieder fort. Und seine Anhänger fragten sich, nach Karfreitag nun schon das zweite Mal: Wie sollen wir ohne ihn leben?

Seit der Himmelfahrt war Jesus nicht mehr da wie zuvor. Man konnte ihn nicht mehr so sehen, wie wir einander sehen können; man konnte ihn nicht mehr anfassen, nicht mehr befragen. Als hätte er seine Jüngerinnen und Jünger allein gelassen. Als wären sie nun fern von ihm, fern von Gott.

Wie für alle, die ohne einen nahen Menschen weiterleben müssen, war das eine vollkommen neue Situation für die Angehörigen Jesu. Jesus fehlte ihnen. Auch wenn sie sicher waren, dass er nun bei Gott war, zu seiner „Rechten“, also direkt neben ihm saß, wie wir in jedem Gottesdienst bekennen. Geblieben war ihnen die Erinnerung an sein Leben, an all das, was er Menschen Gutes getan hat; an seine Worte, mit denen er Menschen geleitet hat, an sein Vermächtnis.

Nun mussten sie vieles, was Jesus getan hatte, selbst in die Hand nehmen: Seine Botschaft weitergeben, seine Liebe für die Ausgegrenzten verbreiten, sein Heil und seinen Segen miteinander teilen, im Abendmahl die Vergebung der Sünden feiern. Die Sehnsucht nach Jesus blieb, und so warten wir Christinnen und Christen bis heute, dass er wiederkommt. Und immer dann, wenn wir zu ihm beten, ist es schon, als wäre er da; immer dann, wenn er uns zu dem Brot und dem Wein einlädt, in dem er sich selbst gibt – ist er schon da.

In dieser Spannung leben wir, in dieser Zwischen-Zeit, da Jesus nicht mehr da und doch bei uns ist, da er mitten unter uns ist und gleichzeitig erst noch wieder kommen wird. Kurz bevor es hieß, dass er gen Himmel fuhr und aus den Augen der Seinen entschwand, da versprach er uns allen: „Siehe, ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Matthäus 28,20).

Diesen Satz lesen wir vor jeder Taufe. Und dann brennt wieder die Osterkerze, die zu Himmelfahrt erloschen ist: Weil Er bei uns ist.

Dr. Detlef Dieckmann-von Bünau, Pastor in Engerhafe und für die Öffentlichkeitsarbeit des Kirchenkreises Aurich

5. Mai 2012: Durchatmen

In dieser Woche hat er wieder begonnen, der lange Weg von Leer ans Meer. Über 2000 Läuferinnen und Läufer starten nun wieder zu den Etappen des Ossiloop. Meine Kondition würde dazu nicht reichen, nicht mal für eine Etappe. Sicher schon nach den ersten Metern würde mir die Luft ausgehen. Beim Laufen ist es wichtig, richtig zu atmen. Sich frischen Wind um die Nase wehen lassen und die Sonne zu genießen– das ist es, was den Sport im Freien bereichert. Der morgige Sonntag Kantate, lädt besonders zum Singen ein, und wie beim Sport ist es auch beim Singen wichtig, richtig zu atmen. Manchmal hab ich das Gefühl beim Singen, das meine Luft nicht mehr reicht für die letzten Töne, aber meistens gelingt es dann doch. Und auch ich im Alltag kann man außer Atem kommen. Wenn es anstrengend wird, wenn der Stress überhand nimmt, weil die vielen Aufgaben sich türmen. Da kann einem die Puste ausgehen. Manches schnürt einem sogar die Kehle zu. Gott gab uns Atem, damit wir leben! heißt ein Lied aus dem Gesangbuch. Terminstress, Schule, zu viel Arbeit oder keine, immer höhere Lebenshaltungskosten, Krankheit und Tod machen uns das Leben schwer. Aber Leben ist mehr! Leben ist auch: Gesundheit schätzen, Freunde haben, sich verlieben, ausruhen nach einem langen Tag, musizieren, gemeinsam fröhlich sein, Sport treiben (ohne Leistungsdruck). „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder“ und „alles, was Odem hat, lobe den Herrn! Halleluja!“ Die Psalmen laden zum Singen ein. In den 150 Psalmen der Bibel wird Gott gelobt, wird gejubelt und auch geklagt, Unrecht beweint und Gerechtigkeit erbeten. Das Leben hat viele Facetten! Damals wie heute. Es gibt Grund zur Klage, aber auch Grund zur Dankbarkeit. Wer jubelt, spürt sein Leben und weiß, wem er es verdankt. Wer Gott lobt, hat das Vertrauen nicht verloren, dass Leben nicht Fluch ist, sondern Gottes Segen. Gott lässt uns nicht außer Atem geraten. Wir dürfen aufatmen und durchatmen, auch wenn es manchmal langen Atem braucht. Und Gott den Schöpfer allen Lebens loben, das kann man im Singen und beten, aber auch im Laufen von Leer ans Meer, in Gottes wunderbarer Schöpfung.

Lars Kotterba, Pastor in Wiesens

28. April 2012: Alles neu

Die ersten Knospen sind schon aufgegangen. Das Grün an den Zweigen, die Farben der Blüten sind nicht zu übersehen. Morgens beim Aufwachen ist es hell und abends wird es nicht mehr so schnell dunkel. Manchmal schien er schon in der Luft zu liegen: der Frühling. Aber noch ist es nicht soweit. Hoffentlich wird es bald wärmer. „Alles neu macht der Mai?“ Na, hoffentlich!

Kennen Sie das auch? An einem warmen Frühlingstag morgens aufwachen, die Vögel singen hören und sich wie neugeboren fühlen? Einfach herrlich! Die Welt sieht ganz anders aus als sonst. Freundlich scheint sie vor mir zu liegen. So vieles scheint möglich zu sein. „Ich geh durch alle offnen Türen, will wissen, was dahinterliegt“, singt Enno Bunger in seinem aktuellen Song „Euphorie“.

Auch der Bibelspruch für die vor uns liegende Woche erzählt von einem ganz neuen Lebensgefühl: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2. Korinther 5,17) Ich spreche diesen Satz gerne, wenn wir in der Gemeinde zusammen Abendmahl feiern. Am Ende stehen wir im Kreis, Hand in Hand, und hören auf ein Bibelwort. „Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“. Das berührt mich immer sehr. Alles, was mein Leben schwer gemacht hat, und auch alles, mit dem ich anderen das Leben schwer gemacht habe, ist jetzt vorbei. Gott fängt neu mit mir an. Das ist so wie Frühling im November. Ein ganz neues Lebensgefühl.

In jedem Gottesdienst kann mich dieses Gefühl durchströmen. Aber auch dann, wenn ich morgens die Losung lese oder die Hände falte und Gott alles sage, was ich auf dem Herzen habe. Dann kann ich spüren, wie es mir leichter ums Herz wird. Auch dann, wenn es draußen kalt ist und regnet. Denn durch Jesus Christus ist ja schon alles neu geworden. Gott hat ihn von den Toten auferweckt. Für uns zum Zeichen. Denn damit haben Tod und Sünde, Gottesferne, keine Macht mehr über uns. Gottes Liebe kennt keine Grenzen.

Ich kann die Welt mit anderen Augen sehen: hoffnungsvoller und gelassener. Ich kann meinen Mitmenschen neu begegnen: weitherziger und offener. Ich kann auch mich selbst mit neuen Augen sehen: versöhnter und dankbarer.

Durch die Taufe sind wir hineingenommen in diese neue Wirklichkeit, sind wir hineingenommen in Christus, sind wir eine neue Schöpfung. Einfach herrlich!

Stefan Wolf, Pastor in Wiesmoor

21. April 2012: Auf und davon

Kennen Sie den? Da treffen sich drei Pastoren auf einer Tagung. Einer erzählt: “Bei uns im Kirchturm haben wir die reinste Taubenplage. Wir werden die Tauben einfach nicht los. Habt ihr damit auch solche Probleme?” – “Und wie,” meint der Zweite. “Kürzlich habe ich sie alle eingefangen und 200 km weiter wieder freigelassen. Und was glaubt ihr, nach zwei Tagen waren alle wieder da.” Darauf sagte der Dritte: “Also, ich hatte mit unseren Tauben ja die gleichen Probleme. Erst gab es keine Lösung gegen dieses Übel, aber dann fiel mir etwas ein! Wisst ihr, ich habe die Tauben einfach alle eingefangen und getauft und konfirmiert. Seitdem habe ich sie in der Kirche nie mehr gesehen.” Nun beginnt sie wieder, die Zeit der Konfirmationen, aber sind die Konfirmandinnen und Konfirmanden mit den Tauben vergleichbar? Sieht man sie nach der Taufe und Konfirmation wirklich nicht wieder? Auf den ersten Blick ist es so. Woran liegt es? Haben wir Pastoren etwas falsch gemacht? War unser Unterricht nicht spannend genug? Konnten wir den Jugendlichen unseren Glauben nicht überzeugend vermitteln? Sicherlich sind auch hier manche Gründe zu suchen. Doch die Konfirmation der Jugendlichen findet mitten in ihrer Pubertät statt. Da will man sich erst einmal bewusst von dem abgrenzen, was die Erwachsenen tun und sagen. Man will eigene Wege gehen. Auch der eigene Glaube wird in dieser Zeit überprüft. Kann ich noch so glauben, wie ich es bisher getan habe oder wie meine Eltern es tun? Die Jugendlichen müssen zu einem eigenen Ich finden, dazu gehört auch der eigene Glaube. Unser Glaube verändert sich, er ist nicht ein für alle mal festgelegt. Es kommen Zweifel, Fragen und Unsicherheiten. Wer von uns kennt das nicht? Das gehört zum Glauben dazu. An diesen Dingen kann unser Glaube reifen, nicht nur in der Jugendzeit, sondern unser ganzes Leben lang. Daher werden die Jugendlichen im Konfirmationsgottesdienst auch nicht gefragt, ob sie alles glauben, was die Kirche lehrt, sondern ob sie in diesem Glauben bleiben und darin wachsen wollen. Darauf kommt es an: Dranbleiben und nicht stehen bleiben. Damit der Glaube wachsen kann, brauchen die Jugendlichen Gruppen, in denen sie sich über Glaubensfragen austauschen können. In vielen Kirchengemeinden gibt es spezielle Angebote für Jugendliche. Viele Jugendliche werden nach der Konfirmation nicht mehr gesehen, das müssen wir feststellen, doch es gibt viele Jugendliche und Erwachsene, die einen festen Platz in den Kirchengemeinden gefunden haben und ihre Kirche mitgestalten. Jeder darf und kann mit seinem Glauben unsere Gemeinden bereichern – dazu ist man nie zu jung und nie zu alt. Mach mit!

Frank Karsten, Schulpastor BBS 1 Aurich & KGS Großefehn

14. April 2012: Protestleute gegen den Tod

Haben Sie die Ostereier schon weggeräumt? Ich hoffe nicht, denn die Osterzeit hat gerade erst begonnen. Mit dem Osterfest beginnt eine fünfzigtägige Freudenzeit. Für die Gestaltung dieser Zeit hat sich viel Brauchtum entwickelt, auch der Ostereierschmuck. Bei fast allen Bräuchen klingt die Osterbotschaft von Leben und Tod, von Sterben und Auferstehen an. Bis zum Geschehen der Auferstehung können wir historisch nicht gelangen. Aber wir können dem nachspüren, was die Auferstehung Jesu bewirkt hat. Etwas Neues hat begonnen. Mutlose, resignierte Menschen haben sich so verändert, dass sie andere daran teilhaben lassen wollen. Sie fühlen ihr Leben so mit neuem Sinn erfüllt, dass sie diesen Neubeginn auch anderen ermöglichen wollen. Viele haben heute das Gespür für das Geheimnis der Osterzeit verloren. Sie freuen sich am Frühling – aber Ostern, das ist doch jetzt vorbei. Für die frühe Kirche gehörte das zusammen: Die Auferstehung Jesu Christi erneuert auch die Schöpfung. Das Leben ist stärker als der Tod – im Großen wie im Kleinen. Darum sind Christen Protestleute gegen den Tod. Es gibt viele Erfahrungen von Tod bereits vor unserem Ableben. Unsere Sprache verrät uns: Wir haben einen toten Punkt; wir schweigen etwas tot; wir sagen, der ist für mich gestorben; jemanden in Angst und Abhängigkeit halten; jemanden abschieben, weil er unbequem ist – all das und vieles andere ist Tod und Töten mitten im Leben. Dagegen stehen Christen auf und gehen ihren Auferstehungsweg. Denn sie haben im Geheimnis von Ostern erkannt: Mitten im Tod gibt es neues Leben. So ist Ostern ein Fest, das zu feiern ist. Und es ist eine wunderbare Aufgabe, andere Menschen aufstehen zu lassen. Auferstehung mitten im Leben ebenso erfahrbar werden zu lassen, wie der Tod mitten im Leben erfahrbar ist. So sind Christen Protestleute gegen die vielen kleinen Tode mitten im Leben. Und dadurch sind sie auch Protestleute gegen den großen Tod am Ende des Lebens. Dafür haben sie einen Verbündeten: Ostern, die Auferstehung Jesu Christi, ist Grundlage ihrer Hoffnung, das Fundament ihres Vertrauens, die Basis ihres Glaubens.

Sven Kramer, Pastor in der ARO Aurich

7. April 2012: Ostern das Leben feiern

Heute werden wieder an vielen Orten in Ostfriesland die Osterfeuer brennen. Eine alte Tradition. Die Feuer leuchten in die dunkle Nacht weithin sichtbar und sind damit Vorboten auf den Ostermorgen. Nach der langen Winterzeit feiern Menschen das wieder erwachende Leben. In vielen Kirchen wird es Osterfrühgottesdienste geben, die in der noch dunklen Kirche beginnen. Die Christen feiern dem Licht der aufgehenden Sonne entgegen. Diese Gottesdienste gehören zu den festlichsten im ganzen Kirchenjahr. Wenn in die noch dunkle Kirche das Osterlicht getragen wird und die Kerzen der Besucher entzündet werden, dann erstrahlt die ganze Kirche in dem schönen Osterlicht. Ein wunderbares Sinnbild für den Glauben, der sich darauf verlässt, dass auch in dunkelster Nacht Christus sein Licht für uns leuchten lässt.

„Christus ist auferstanden!“ So lautet die Botschaft am Ostermorgen. Nicht anders haben es die Frauen erlebt, von denen die Bibel berichtet. Sie kamen traurig und verzweifelt zum Grab Jesu und haben es dort als Erste gehört: „Der Herr ist auferstanden!“

Diese Botschaft von der Auferstehung haben sie weitergesagt und in die Welt getragen. Seit Ostern glauben Menschen, dass der Tod nicht das letzte Wort über unser Leben behalten wird, weil Jesus den Tod besiegt hat. Für uns Christen ist das die zentrale Aussage unseres Glaubens. Darum feiern wir durch das ganze Jahr an jedem Sonntag im Gottesdienst ein „kleines“ Auferstehungsfest.

Wo Menschen der Osterbotschaft Raum geben, wo sie hören, dass Jesus den Tod besiegt hat, da kann Osterglaube entstehen. Auf dem Hintergrund der Auferstehung Jesu kann die christliche Gemeinde auch in der Erfahrung von eigenem Leid und Tod die Hoffnung behalten und selbst an Gräbern – wenn auch mit Fragen und Zweifeln – singen: „Jesus lebt, mit ihm auch ich!“

Wenn wir Ostern feiern, dann feiern wir das Leben, das Gott uns Menschen schenkt – auch über den Tod hinaus. Ich wünsche allen Lesern ein fröhliches und gesegnetes Osterfest!

Dr. Detlef Klahr, Emden Landessuperintendent im Sprengel Ostfriesland

 

31. März 2012

In einem Fernsehfilm habe ich den Spruch gehört: Mit der Ehe ist es wie mit dem Mi-litär – alle meckern drüber, trotzdem finden sich immer genug Freiwillige. Das ist in der Tat erstaunlich. Denn mit der Ehe lassen sich zwei Menschen auf ein Unterfangen ein, das nicht nur lohnend, sondern auch höchst riskant ist. Damit eine Ehe gelingen kann, braucht sie Stärkung und besonderen Schutz. Das sieht nicht nur die Bibel so, sondern steht auch so im Grundgesetz.

Dennoch gibt es – zumindest nach meinem Eindruck – in unserer Gesellschaft ein deutliches Bestreben, die Ehe zu schwächen. Und zwar, so scheint mir, weil die Ehe (wie auch die des gleichen Schutzes bedürftige Verpartnerung) zu den Einrichtungen in unserer Gesellschaft gehört, die die unbeschränkte, grenzenlose Verwertung von Arbeitskraft und Geld stören – ähnlich wie der Sonntag, der ja auch zunehmend ausgehöhlt wird. Dass zwei Menschen sich aneinander binden, das Leben miteinander teilen wollen, Verantwortung für das Leben miteinander und füreinander übernehmen, schränkt ihre Disponibilität für den Arbeitsmarkt ein und steht quer zu dem immer mehr dominierenden Menschenbild des auf sich allein gestellten Wirtschaftssubjekts und der Maxime, wonach jeder Einzelne seines Glückes Schmied zu sein habe.

Dazu einige Beobachtungen:

– Ein früherer Nachbar ist nach einem Schlaganfall zum schweren Pflegefall geworden. Über die Ehefrau hinweg ist damals ein Vormundschaftspfleger für ihn eingesetzt worden, weil er weder Patientenverfügung noch Vorsorgevollmacht aufgesetzt hatte. Dass Ehegatten eigens derartige Erklärungen aufsetzen müssen, damit im Ernstfall nicht ein anderer über sie bestimmt, das halte ich für eine faktische Entkräftung des Eheversprechens.

Seit einiger Zeit steht das Ehegattensplitting auf der politischen (und mehr noch journalistischen) Abschussliste und wird als Steuerprivileg diffamiert. Privileg bedeutet: ein unberechtigter Vorteil, ein eigentlich nicht gerechtfertigtes Vorrecht. Das ist das Ehegattensplitting aber keineswegs, sondern vielmehr entspricht und entspringt es dem Begriff der Ehe und ist dessen logische Konsequenz: Zwei Menschen sorgen gemeinsam für ihr Leben, erwirtschaften gemeinsam ihren Lebensunterhalt, teilen ihr Einkommen miteinander – und werden steuerlich darum gemeinsam veranlagt. Sie dagegen als wirtschaftliche Einzelsubjekte behandeln zu wollen, das hieße, die Ehe nicht mehr als solche anzuerkennen.

– Immer öfter ist zu hören und zu lesen, dass Eltern und Kinder Förderung und Stärkung verdienen, kinderlose Ehe aber nicht. Ich halte diese Tendenz für fatal, die Existenzberechtigung der Ehe an die Erzeugung von Kindern zu binden. Denn das heißt, die Ehe für sich zu schwä-chen und auszuhöhlen und sie nur noch unter dem funktionalen Aspekt der gesellschaftlichen Reproduktion, der Erzeugung künftiger Arbeitskräfte gelten zu lassen. Die Ehe aber geht darin nicht auf. Sie hat einen Wert für sich, den es zu bewahren und zu schützen gilt, gerade wenn er unter schrankenlosen wirtschaftlichen Verwertungsinteressen unterzugehen droht. Dass zwei Menschen Freude und Leid teilen wollen ein Leben lang, dass sie füreinander einstehen und Verantwortung übernehmen füreinander und miteinander – dass sie das wagen, dass sie sich darauf einlassen: Dafür bitten sie um Gottes Segen. Darum werden sie in der Kirche getraut. Und darum gehört es zu den elementaren Verpflichtungen der Kirche, die Ehe zu stärken gegen ihre gegenwärtige gesellschaftliche Aushöhlung und Schwächung.

 Thomas Henneberger, Pastor in Aurich-Oldendorf

SONNTAGSBETRACHTUNG

24. März 2012

„Wer ist das?“ – Der Kopf des achtjährigen Jungen reckt sich ganz nach oben, und seine Finger zeigen auf das, was über uns zu sehen ist. Dort, wo der Junge hinblickt, hängt unser mittelalterliches Triumphkreuz. Die Eltern des Jungen schauen jetzt auch nach oben. Ausdrucksstark sind die Figuren, die sie dort oben betrachten können. Jesus am Kreuz, darunterstehend Maria und der Jünger Johannes. Nach wenigen Momenten senken die Eltern den Blick und schauen sich etwas verlegen an.

„Wer ist das?“ – Ohne es zu wissen, hat der kleine Junge die entscheidende Frage des christlichen Glaubens gestellt. Durch die Jahrhunderte hindurch haben viele Menschen darauf eine Antwort versucht. Bildhauer schufen Darstellungen von Jesus als starkem Helden. Andere wieder zeichneten ihn als zerbrechlich und schwach. Philosophen haben seine Weisheit analysiert. Filmemacher ließen ihn mal als Revolutionär, ein anderes Mal als kitschigen Sprücheklopfer auftreten. Unzählige Buchautoren haben ihre Theorien an diesem Jesus entwickelt.

Die Hand des Jungen zeigt immer noch nach oben. Er wartet auf Antwort und schaut seine Eltern an. „Guck mal hier drüben“, sagt die Mutter. „Das ist aber auch schön.“ Sie versucht ihn abzulenken, und ich ahne, was jetzt in ihrem Kopf vorgeht. Kann man eine solche grausame Geschichte einem kleinen Jungen erzählen? Sollte man ihn nicht davor schützen?

In meinen Gedanken gebe ich der Mutter recht. Was da von diesem Jesus und seinem Kreuz erzählt wird, ist eine furchtbare Geschichte. Manchmal scheint es ja, als hätten wir uns durch die Jahrhunderte hindurch an diesen Anblick gewöhnt, und doch bleibt es eine Geschichte von Verrat, von Gewalt und Schmerz, von Abschied und Traurigkeit, von Folter und Tod, die einen nicht unberührt lässt, genauso wenig wie die aktuellen Berichte über Not, Elend und Verfolgung anderer Menschen.

Der Junge lässt sich durch seine Mutter nicht ablenken. Er dreht seinen Kopf zu mir und blickt mich erwartungsvoll an. In diesem Moment kommt der Vater und legt liebevoll die Hand auf den Kopf seines Sohnes. „Lass mal“, sagt er.

Wie viele Male werden wohl diese Eltern ihrem Sohn vor schlimmen Situationen bewahrt haben? Sie werden am Bett gesessen haben, als er krank war. Sie haben beim Spielen und im Verkehr ein sorgsames Auge auf ihn gehabt. Und sie werden auch in Zukunft alles Erdenkliche tun, um ihn vor Schaden zu bewahren. Sie haben ihn einfach lieb. Das sehe ich.

Als ich nun gerade anfangen will, dem Jungen etwas zu erzählen, ruft er ganz laut: „Ich weiß, wer das ist. Das ist Gott.“ Wir Erwachsene schauen uns an und lächeln.

Ohne es zu wissen, hat der Junge die Antwort gegeben, die die ersten Christen auf die Frage fanden, wer ist dieser Jesus. Sie erzählten von der Liebe Gottes zu den Menschen, von denjenigen, die das Glück im Leben fanden, von den Israeliten, die aus schlimmen Verhältnissen befreit wurden und eine neue Heimat fanden, von Menschen, die dankbar auf Gottes Zuwendung zurückschauten. Sollte Gottes Liebe aufhören, wenn es schwierig werden würde, wenn Angst, Verfolgung und Tod plötzlich da sind? Die Überzeugung der ersten Christen war klar: Gottes Liebe endet nicht, wenn es schwierig wird.

Noch einmal blicke ich auf den Jungen und seine Eltern, die jetzt im Begriff sind, wieder zu gehen. Ich weiß, diese Eltern werden für ihren Sohn auch in schwierigen Situationen da sein. Das ist gut. Gut aber auch, dass Gott in schwierigen Situationen für ihren Sohn da ist. Und für sie selber.

Andreas Chrzanowski, Pastor in Holtrop

 

SONNTAGSBETRACHTUNG

Von Holger Rieken, Pastor in Marcardsmoor und Wiesmoor17.03.2012, 12:00 Uhr

Endlich nähert sich der Frühling, die wärmeren Temperaturen. Jetzt geht es wieder nach draußen – in den Garten oder zum gemütlichen Teil. Leute stehen vor der Eisdiele, bestellen und essen ihr Eis. Es wird viel gelacht, geredet. Viele gehen bei wärmeren Temperaturen dorthin, verweilen dort oder nehmen das Eis mit nach Hause und haben ihre Freude daran.

Mancher wünscht sich, die Kirche hätte auch so eine Ausstrahlung. Hell, frühlingshaft, verbunden mit viel Lachen, Gemeinschaft. Man sitzt beieinander und erzählt sich vom Leben und je nachdem als Trost oder als Freude, als Genuss, als Halt, als Zeichen der Liebe hält man symbolisch Gottes gute Botschaft in Form eines Bechers oder einer Waffel Eis in der Hand. Warum auch nicht?

Zum Beispiel eine Kugel Schokolade. Glaube hat eine Schokoladenseite. Gottvertrauen heißt zwar nicht, immer gut drauf zu sein und immer schön zu lächeln – denn das Leben zeigt sich oft von einer ganz anderen Seite und muss durchlebt sein. Aber trotzdem kann Kirche Fröhlichkeit ausstrahlen, denn Gott hilft uns, freier und gelassener zu sein. Er wendet sich mit Wärme uns Menschen zu, ist nicht böse, wenn wir an ihm zweifeln oder Fragen stellen. Und diese Dankbarkeit und Freude darüber, dass wir nicht alleine sind – das ist eine Schokoladenseite.

Es gibt natürlich auch Zitroneneis, bei dem fast jeder das Gesicht beim säuerlichen Geschmack verzieht. In der Kirche muss Platz sein für Zitronen-Erlebnisse. Also für Menschen, die viel Streit und Ärger erlebt haben, die ihr Gesicht verziehen aus Trauer und Schmerz. Bei Gott und unserer Kirche sollten Menschen spüren: Hier muss ich nicht nur gute Miene zum bösen Spiel machen, hier kann ich frei heraus meine Zitronengefühle zeigen. All das hat Jesus selbst durchlebt – gut, dass seine Leidensgeschichte zum Glauben dazu gehört.

Darum bleibt Erdbeere doch die schönste Eissorte: süß, fruchtig, rot wie die Liebe. Denn die Bibel spricht zwar Gott auch mal Eigenschaften wie Zorn oder Wut zu, aber doch ist die Eigenschaft Gottes die Liebe. Seine Barmherzigkeit, seine Gnade, sein tiefster Wunsch, mit uns zusammen zu sein, dass es uns gut geht und wir eines Tages alle bei ihm glücklich versammelt sind ohne Tränen und Schmerz, das alles zeigt: Gott ist vor allem und im tiefsten Sinne: Liebe. Diese Liebe steht hinter dem Weg, den Jesus für uns durchlitten hat.

Wärme für unser Herz: Ein besonderer Eisbecher im Frühling, der sich unabhängig vom Wetter und vom Geldbeutel wieder auffüllen lässt.

 

 

SONNTAGSBETRACHTUNG

Von Heidrun Ott,Pastorin in Moordorf10.03.2012, 12:00 Uhr

Gut, dass ich ein Navi habe. In der ersten Zeit in meiner neuen Gemeinde war es außerordentlich praktisch, mit einem Navi ausgerüstet zu sein. Ich konnte mich in mein Auto setzen und mein Ziel eingeben. Das lästige Hantieren mit der Straßenkarte fällt weg. Die nette „Dame“ im Lautsprecher sagt mir dann schon, wo’s lang geht. Zurück geht es noch leichter. Einfach auf die kleine Taste mit dem Haussymbol drücken und ich finde von überall her wieder nach Hause.

Manchmal allerdings ist meine „Dame“ nicht informiert. Manche Straßen haben sich inzwischen verändert. Da gibt es unvermutet Sackgassen oder Straßen, die meine „Dame“ überhaupt nicht kennt. Ich habe darum beschlossen, mich künftig wieder selbst um meinen Weg zum Ziel zu kümmern. Mittlerweile habe ich schon ein gutes Koordinatensystem im Kopf. Ansonsten schaue ich einfach wieder auf die Karte. Ich stelle fest: Es ist gut, selbst Verantwortung für meinen Weg zu übernehmen.

Mir fällt auf, dass das auch für andere Bereiche in meinem Leben gilt.

Mache ich nur das, was andere mir sagen? Übernehme ich selbst die Verantwortung für das, was ich mache? Und welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang unser Gott?

Den Weg gibt er mir nicht vor, aber durch ihn habe ich ein gutes Koordinatensystem. Er schenkt mir eine gute Richtung, zum Beispiel so wie es der Prophet Micha formuliert: Der Herr hat euch wissen lassen, was er von euch erwartet! Achtet auf das Recht, erweist einander Gutes, tut nichts ohne euren Gott. (Micha 6,8)

Mit solchen guten Koordinaten gerate ich nicht so schnell in eine Sackgasse. Auch neue Wege kann ich damit angehen. Wenn ich nur mit Gott in Verbindung bleibe und die Gemeinschaft nicht aus dem Blick verliere! Den Weg darf ich selber finden. Manchmal wähle auch ich eine Richtung, die nicht zum Ziel führt. Aber: „Umwege erhöhen die Ortskenntnis!“

 

SONNTAGSBETRACHTUNG

Von von Uwe Noormann,Pastor in Tannenhausen und Georgsfeld03.03.2012, 12:00 Uhr

Kennen Sie noch den ersten Hit der Andrew Sisters? – „Bei mir bist du schön‘, please let me explain, bei mir bist du schön means you are grand“. Ein wunderbares Lied mit einer tollen Botschaft: Für mich bist du schön, sollen die anderen doch denken, was sie wollen, für mich bist du großartig. Natürlich wissen wir: Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Oder anders gesagt: Es ist eine Geschmacksfrage, und Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Was für den einen pottenhässlich ist, ist für einen anderen das schönste Gesicht der Welt.

Es kommt dabei nämlich gar nicht auf die objektive Schönheit an, falls es so etwas wirklich gibt. Es kommt darauf an, was dieser andere Mensch mir bedeutet. Wenn ich einen anderen Menschen liebe, spielen die Idealmaße keine große Rolle mehr. Auch andere Seiten dieses Menschen, die vielleicht nicht so liebenswert sind, ändern daran erst mal nichts. Sie werden toleriert oder man versucht, an ihnen zu arbeiten. Die Liebe kann einen Menschen auch verändern, aber zuerst einmal nimmt sie ihn so, wie er oder sie ist.

Und nun versichert uns Jesus, dass Gott genauso über uns denkt. Gott sagt zu uns: Bei mir bist du schön, ganz gleich, was die anderen über dich sagen. Für mich bist du großartig, für mich bist du wunderbar. Ob wir hübsche kleine Babys sind, die fast jeder süß findet, oder ob wir als 14-jährige Teenies die Nervengrenzen der Eltern testen; ob wir als 20-Jährige über die Stränge schlagen oder als 40-Jährige eine Dummheit machen; oder ob wir im Alter feststellen: Das eine oder andere hätte ich doch wohl lieber anders machen sollen. Das alles spielt vor Gott keine große Rolle, wenn er sagt: Für mich bist du großartig und liebenswert.

Können wir uns das eigentlich vorstellen? Können wir das glauben?

Wir wissen doch selber nur zu gut, dass wir keine Engel sind, dass wir ganz andere Seiten an uns haben, die wenig liebenswert sind. Kann Gott darüber hinwegsehen?

Jesus sagt: Er kann. Er kann sogar noch mehr: Er kann alles wegnehmen, was sich an unschönen Dingen in unserem Leben angesammelt hat. Die Dinge, die niemand wissen darf. Die Dinge, mit denen wir selber kaum klarkommen, die an uns nagen.

Natürlich findet Gott nicht alles gut, was wir tun oder lassen. Er leidet daran, wenn wir Unrecht tun oder andere Menschen verletzen. Aber trotzdem hält er an seiner Liebeserklärung fest: Bei mir bist du schön. Er weiß, wie die Liebe einen Menschen verändern kann.

In der Passionszeit erinnern wir uns daran, wie Gott seine Liebe unter Beweis stellt. Wir hören, wie weit er geht, damit wir loswerden können, was sich bei uns an unschönen Dingen findet. Wir erfahren, wie seine Liebe unser Leben reicher und heller machen kann. Und alles beginnt und endet mit seiner Liebeserklärung: Bei mir bist du schön, für mich bist du großartig

 

 

SONNTAGSBETRACHTUNG

Von Andrea Düring-Hoogstraat, Pastorin in Victorbur25.02.2012, 12:00 Uhr

Kennen Sie das Märchen „Van de Fischer un siene Fruu“? Da geht es um ein Fischerehepaar, das hinter dem Deich in einem Nachtgeschirr, einem „Pisspott“ wohnt. Eines Tages geht dem Mann ein dicker Plattfisch ins Netz. Dieser Butt bittet um sein Leben, und mitleidig lässt der Fischer ihn schwimmen. Deswegen gibt es zu Hause für ihn Ärger. Die Frau findet es unmöglich, dass ihr trotteliger Ehemann sich die Freilassung des Fisches überhaupt nicht hat bezahlen lassen. Darum soll er sofort ans Meer gehen, den Butt suchen und als „Aufwandsentschädigung“ eine Hütte fordern. Gegen seinen Willen zieht der Fischer los. Kleinlaut trägt er dem Plattfisch sein Anliegen vor. Doch der reagiert freundlich und sofort: „Gau man nao Hus! Dien Ollske sitt doar all in!“ „Hunnert!“, denkt unser Fischer, und geht erleichtert nach Hause. Aber – es dauert keine 24 Stunden, da kommt seiner besseren Hälfte die Hütte zu eng und der Garten zu klein vor. Wieder schickt sie ihren Mann zum Butt. Dieses Mal soll er ein vernünftiges Haus verlangen. Er kann sich einfach nicht wehren, wendet sich an den Plattfisch und obwohl er am Erfolg seines Anliegens zweifelt, geht es erneut glatt durch. Aber die Frau gibt keine Ruhe. Erst soll es ein Schloss sein; dann möchte sie Königin werden, oder, nein, doch lieber gleich Kaiserin. Und wenn sie schon Kaiserin ist, dann könnte sie wohl auch noch Papst werden. Immer wieder wird der Fischer losgeschickt, bis er und sein ehemaliger Fang schon fast dicke Freunde sind. Am Ende will die völlig enthemmte Fischersgattin wie Gott werden. Und da geschieht, womit der arme Mann – und wir alle – wohl schon lange gerechnet haben: „Gau man nao Hus!“, sagt der Butt. „Dien Ollske sitt all weer in de Pisspott!“

Dieses alte grimmsche Märchen steht für den nur allzu menschlichen Hang nach Höherem: „Je mehr er hat, je mehr er will; nie schweigen seine Wünsche still.“ Davon können wir alle uns nicht freisprechen. Vielleicht ist dieses Verlangen sogar so etwas wie eine Triebfeder des Fortschrittes. Lange Zeit mag diese Lebensart ja auch wohl gut gehen. Aber irgendwann wendet sich das Blatt. Ein „gesunder“ Ehrgeiz beginnt, krankhaft zu wuchern, und richtet sich am Ende nicht nur gegen unser Umfeld, sondern auch gegen uns selbst. Freunde ziehen sich zurück. Wir werden einsam und unglücklich. Es droht der Burn-out. Bevor wir es merken, „sitten wi all weer in de Pisspott“.

Das tut sehr weh, wenn wir an unseren eigenen Träumen, Hoffnungen und Erwartungen scheitern oder wenn wir aufgerieben werden durch die Anforderungen und Vorstellungen, die andere an uns richten. Da ist es wichtig, dass wir beizeiten die Reißleine ziehen. Gelegenheit dazu bietet sich jederzeit und in den nächsten sieben Wochen bis Ostern besonders. „Buße“ heißt das altmodische Zauberwort: neue Hinwendung zu Gott. Dann können wir den „falschen“ Ehrgeiz einfach sausen lassen. Wir haben ihn gar nicht nötig. Gott bejaht nämlich Dein und mein Mittelmaß. Wir müssen nicht Supermann und Superfrau sein. Gott selbst will etwas aus unserer Schwachheit machen, wenn wir ihn nur lassen. Dazu begibt er sich in der Person seines Sohnes Jesus Christus mitten hinein in alles, was uns unter Druck setzt. So will er uns den Druck nehmen, uns Luft und Freiheit verschaffen. Wir können uns entkrampfen. Im Blick auf ihn sollen wir uns selbst unsere Gedanken machen, was „gesunder“ und was „falscher“ Ehrgeiz ist. Gott nimmt sich unserer Schwächen an und macht sie zu unseren Stärken – für ein entspannteres, gerechteres, liebevolleres Miteinander in der Welt.

Die Aktion „Sieben Wochen ohne…“ lädt in diesem Jahr ein zu sieben Wochen ohne „falschen Ehrgeiz“. Versuchen wir’s doch einmal. Das ist ein gutes Gefühl, das baut auf, zu wissen: Gott bin ich gut genug. Amen.

 

 

SONNTAGSBETRACHTUNG

Von Sabine Bohlen, Pastorin in Wiegboldsbur und Forlitz-Blaukirchen18.02.2012, 12:00 Uhr

Am Mittwoch beginnt die Fastenzeit, die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag.

Fasten ist in Mode. Wie neugeboren durch Fasten. So verspricht es ein populärer ärztlicher Ratgeber und gedruckter Führer durch die Fastenzeit. Der Prophet Jesaja, der die Fastenpraxis seiner damaligen Zeit infrage stellte, bräuchte sich keine Sorgen zu machen, wenn er die aktuelle Praxis des Fastens in Deutschland sehen würde: Wer sich auf das Fasten einlässt, ist kein Miesepeter, keiner, der sich in Sack und Asche hüllen und gesenkten Hauptes selbst kasteien wollte. Nein, heute geht es fröhlich und lebendig zu in den vielen Workshops und Einkehrwochen, zu denen religiöse wie säkulare Anbieter einladen.

Fasten ist ein Test auf die Freiheit: Wie frei bin ich von Alkohol-, Zigaretten- oder Fernsehkonsum? Wer fastet, sagt sich – wenigstens zeitweise – los von fesselnden und abhängig machenden Gewohnheiten und Zwängen. So betrachtet, ließe sich unsere heutige Fastenpraxis als kollektive Entbindungsübung beschreiben.

Doch was hat die noch mit Gott zu tun? Der Prophet Jesaja würde sich doch wundern über unseren Fastenbetrieb, aus dem ein boomender Wirtschaftszweig geworden ist. Für den alttestamentlichen Propheten ist Fasten so etwas wie ein dankbarer Reflex auf Gottes Handeln, der sein Volk befreit und entbunden hat von aller Fron und Plackerei. Biblisches Fasten hat so seine Wurzel letztlich im ersten Gebot: Gott, der uns aus dem Sklavenhaus Ägypten befreit hat, will nicht, dass wir fremden Göttern dienen, also erneut in Abhängigkeit und Fremdbestimmung geraten. Insofern ist auch hier das Fasten ein Test auf die Freiheit. Fasten ist der Versuch, den Blick frei zu bekommen für die Herrlichkeit des Herrn, die, wie Jesaja es ausdrückt, – wie wundervoll, wie heilend! – aus uns lichtvoll hervorbrechen will wie die Morgenröte. Jedoch ist diese Reise ins Licht für Jesaja kein spirituelles Bypassing an der wirklichen Welt. Fasten gelingt nur und führt nur dann zur Heilung, wenn man jeder Unterdrückung ein Ende bereitet. Fasten gelingt, wenn man Hungrigen zu essen gibt, Obdachlosen hilft, Kleider für Bedürftige spendet und allen hilft, die Hilfe brauchen. Fasten hat in der Bibel also eine ganz starke soziale Komponente. Mehr als zwei Millionen Menschen beteiligen sich jährlich an der Fastenaktion „7 Wochen Ohne“ der evangelischen Kirche. Seit 29 Jahren lädt die Aktion ein, die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag bewusst zu erleben und zu gestalten. „7 Wochen Ohne“ – das heißt: eingeschliffene Gewohnheiten zu durchbrechen, die Routine des Alltags zu hinterfragen, seinem Leben möglicherweise eine neue Wendung zu geben oder auch wieder zu entdecken, worauf es im Leben wirklich ankommt. Das Motto in diesem Jahr heißt: „Gut genug! Sieben Wochen ohne falschen Ehrgeiz“.

Machen Sie mit – es lohnt sich!

 

 

SONNTAGSBETRACHTUNG

Von SILKE KOTTERBA,Seelsorgerin an der Ubbo-Emmius-Klinik11.02.2012, 12:00 Uhr

Selten kommt es vor, dass Menschen die Worte fehlen. Manchmal geschieht es vor Freude, bei der Geburt eines Kindes, oder wenn etwas Furchtbares passiert wie ein Unfall. Da kann es einem schon die Sprache verschlagen. Ansonsten sind wir eher selten um Worte verlegen. Und dürfen es auch – unser Land gewährt Rede-, Meinungs-, Pressefreiheit – Gott sei Dank.

Und doch fällt es manchmal schwer, ins Gespräch zu kommen. Da wird hinter vorgehaltener Hand getuschelt und nicht offen gesprochen. Worte werden nicht miteinander, sondern übereinander gewechselt, und es sind nicht immer gute Worte. Natürlich sind es nicht die Wörter, die ich meinen Kindern verbiete auszusprechen, aber dennoch haben sie nichts Gutes im Sinn. Wörter – Worte? Wo ist eigentlich der Unterschied? Laut Duden machen Worte Sinn, Wörter nicht immer. Als ehemalige Buchhändlerin und jetzige Pastorin lege ich Wert auf ein gutes Wort, sei es geschrieben oder gesprochen, wie z. B. dieses: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. So beginnt Johannes sein Evangelium. Dieses Wort macht Sinn bis heute, viele US-Amerikaner schwören darauf, nicht nur vor Gericht, und auch Menschen anderer Länder und Religionen haben das Vertrauen, dass auf Gottes Wort Verlass ist.

So geht es auch mir. Es ist für mich das Wort, das Liebe, Vergebung, Trost ermöglicht. Es sucht sich Raum, wo Menschen beisammen sind, ist da im Reden, im Beten, in Gestik und Mimik und sogar – und das ist außergewöhnlich – im Schweigen, so erfahre ich es manchmal im Krankenhaus. Und auch wenn es viele Sprachen und Auslegungsformen kennt, ist es ein deutliches Wort, das nicht um den heißen Brei herumredet, sonders Tacheles.

Es nimmt die Gefühle des anderen Ernst und ebenso seine Würde. Für mich ist es in Jesus Christus Mensch geworden und ließ durch ihn Taten sehen.

Er hat dadurch viele angesprochen und kein Blatt vor den Mund genommen, wenn es um die gute Sache Gottes ging. Sein Wort ist menschlich und göttlich zugleich. Unser Wortschatz hingegen ist eingegrenzt.

Wir finden nicht immer die richtigen Worte. Es ist nicht immer leicht, sich verständlich zu machen oder einander zu verstehen. Das spüren besonders die Menschen, die im Sprechen beeinträchtigt sind, nach einem Schlaganfall beispielsweise. Und Missverständnisse kennen wir alle. Die passieren. Wir dürfen aber rückfragen: Haben Sie das gemeint? Verstehe ich Dich richtig? Das ist alle Mal besser als sich in Unterstellungen zu ergehen.

Gottes Wort ermutigt, aneinander Anteil zu nehmen oder sich respektvoll auseinanderzusetzen, auch da, wo man sich nicht sofort versteht. Manchmal ist es mühsam, aber es lohnt sich im Gespräch zu bleiben mit Gott, mit anderen, mit sich selbst. Der morgige Sonntag steht unter dem Thema des Wortes Gottes. In vielen Kirchen oder übertragenen Gottesdiensten wird es zu hören sein. Herzliche Einladung dazu! Und vielleicht laden Sie schon heute nach dem Zeitunglesen jemanden ein: Auf ein Wort! Möge Gott Ihnen soufflieren und Sie Worte finden lassen, die Ihnen und Ihrem Gesprächspartner gut tun.

 

 

SONNTAGSBETRACHTUNG

Von Anne Ulferts-Tatjes,Pastorin in der Friedensgemeinde Wiesmoor04.02.2012, 12:00 Uhr

In der Bibel, in den Sprüchen Salomos heißt es: Ein fröhliches Herz tut dem Leibe wohl, aber ein betrübtes Gemüt vertrocknet das Gebein. (Sprüche 17, Vers 22). Ein schlichter Vers und doch steckt darin viel Wahrheit und Lebenserfahrung. Wer wüsste nicht, dass zu viel Kummer krankmachen kann.

Ohne Humor, ohne Fröhlichkeit wird das Leben traurig, ja, es fehlt was. Und wie gut können einem Menschen tun, mit denen ich lachen kann, auch wenn ich vielleicht Ernstes durchmache.

Von einem Herzen, das fröhlich ist, das fest ist, kann man immer wieder in der Bibel lesen. Und im Verständnis des Alten Testamentes ist das Herz viel mehr als ein Körperorgan: In der Bibel ist es der Sitz der Lebenskraft, aber auch des Gefühls, der Furcht wie des Mutes und des Verstandes.

Fröhlichkeit und Humor brauchen wir, um ein festes Herz zu bekommen. Und dabei meint Humor nicht einfach gute Laune, sondern Humor zu haben ist die Fähigkeit, die konkrete Situation, gerade auch die widrigen Umstände, zu übersteigen. Humor kann uns helfen, die Dinge von einem anderen Blickwinkel her zu sehen und sich auch mit manchem auszusöhnen. Denn Humor haben meint auch, sich selbst nicht so furchtbar ernst zu nehmen. Und insofern hat der Humor etwas mit dem Glauben zu tun.

Denn wer Humor hat, weiß um die Unzulänglichkeit dieser Welt, aber sieht darin keinen Grund zur Verzweiflung. Man kann lachen über sich selbst, auch über andere, über menschliche Schwächen oder die Allüren der Mächtigen.

Ein fröhliches Herz tut dem Leibe wohl, so drückt es die Bibel in ihrer Lebensklugheit aus. Und es stimmt ja tatsächlich. Ärzte empfehlen uns zu lachen, weil Muskeln bewegt und körpereigene Stimmungsaufheller ausgeschüttet werden. Uns geht das Herz auf.

Humor und Glauben hängen zusammen, jedenfalls kann ich mir einen humorlosen Glauben nicht vorstellen. Ich kann und darf lachen und mir soll das Lachen nicht im Halse stecken bleiben, weil ich ahne, dass es noch eine andere Wahrheit gibt, als oft die menschliche Überheblichkeit, mit der wir unsere Unzulänglichkeiten verstecken.

Gott hat Humor – das hat auch ein Pastor lernen müssen, der sich darüber ärgerte, dass die Kirschen an seinem Baum immer weniger wurden. Er hatte einige Konfirmanden im Verdacht, wusste es aber nicht genau und hängte darum eines Tages ein Schild in den Baum: „Gott sieht alles!“ Am nächsten Morgen sieht er schon von Weitem, dass jemand etwas dazu geschrieben hatte: „Aber er petzt nicht!“ Der Humor hilft uns, das Unvollkommene an sich selbst und an anderen zu erkennen.

Und dann ist es gar nicht mehr so wichtig, ob wir vor den anderen immer gut da stehen, ob wir alles richtig machen und ob wir uns keine Blöße geben. Entscheidend ist, dass wir aus der inneren Freiheit und aus der gelassenen Distanz zu uns selbst reden und handeln können. So gesehen braucht der Humor als Grundlage den Glauben, dass wir von Gott bedingungslos angenommen sind. Dass er gute Gedanken für unser Leben hat und sich freut, wenn uns das Herz aufgeht.

Darum zum Schluss noch ein Wort aus der Bibel aus dem Buch Sirach (Kap. 30) aus dem Alten Testament:

„Gib dich nicht dem Trübsinn hin, quäl dich nicht selbst mit nutzlosem Grübeln! Freude und Fröhlichkeit verlängern das Leben des Menschen und machen es lebenswert. Überrede dich selbst zur Freude, sprich dir Mut zu und vertreibe den Trübsinn!“

Ausprobieren lohnt sich.

Haben Sie heute schon gelacht?

 

 

SONNTAGSBETRACHTUNG

Von Pastor Oliver Vorwald, Bagband und Klosterstätte Ihlow28.01.2012, 12:00 Uhr

Der Ihlower Christophorus. 2004 entdecken Archäologen bei Ausgrabungen im Bereich der früheren Ihlower Klosterkirche diese vier Zentimeter große, feuervergoldete Silberstatuette. Foto: privat

Auf diesen Moment hat sie wahrscheinlich lange gewartet. Zärtlich betrachtet die junge Frau die kleine Figur in ihren Händen, streicht behutsam ein paar Tropfen aus deren Gesicht. Ein bärtiger Mann mit einem geheimnisvollen Lächeln, auf seinen Schultern sitzt ein Knabe. Es ist eine feuervergoldete Silberstatuette des Riesen Christophorus, rund vier Zentimeter groß. Im Jahr 2004 kommt sie durch eine Archäologin zurück ans Tageslicht. Gefunden bei Ausgrabungen im Querhaus der früheren Ihlower Klosterkirche.

Auch er selbst wartet. Zunächst als Ophorus, was so viel bedeutet wie „Träger“. Dieser Name weist auf seine Gabe, die große Kraft des Riesen. So erzählt es ein frommer Klassiker des 13. Jahrhunderts, die Legenda Aurea – ein Buch mit Heiligengeschichten. Ophorus Traum heißt, den Sinn des Lebens zu erfahren. In der frommen Sprache des Mittelalters klingt das so: Er will den größten Herren auf der Welt finden und sich in dessen Dienst stellen. Deshalb macht sich Ophorus auf den Weg. Drei Herausforderungen hat er auf seiner Reise zu meistern. Die Letzte stellt ihm ein Mönch am Rande der Wüste. Der sagt zu ihm: „Besinne dich auf deine Gaben. Geh zum großen Fluss und trage die hinüber, die deine Hilfe brauchen. So dienst du dem wahren Herrn der Erde und des Himmels, Christus.“

Und dann ist er da, allerdings anders, als er ihn erwartet hat. Eines Nachts hört Ophorus ein Kind rufen. „Bring mich hinüber.“ Also trägt es der Riese durch die reißenden Fluten. Zum ersten Mal in seinem Leben muss er alle Kraft einsetzen. Nachdem sie am anderen Ufer angelangt sind, sagt Ophorus atemlos: „Mir war angst und bange. Es war, als hätte ich die ganze Welt auf den Schultern gehabt.“ Und das Kind antwortet: „Nicht nur die. Du hast auch den getragen, der Himmel und Erde geschaffen hat. Ich bin der, den du gesucht hast. Von nun an sollst du Christophorus heißen, Christusträger.“

Dieser Moment, in dem sich vieles erschließt. Es gibt ihn. Aber er wird andere Züge und Formen tragen als in der eigenen Vorstellung. Unterwegs nimmt dieser große Traum Gestalt an, in den Herausforderungen. So die Botschaft der Legenda Aurea. Und zwar dort, wo Menschen am reißenden Fluss des Lebens ihre Gaben und Stärken für andere einsetzen. Frauen und Männer, die dergestalt warten, denen wird der Herr des Himmels und der Erde eines Tages alle Tränen aus dem Gesicht streichen, erzählt die Bibel. Dann tritt auch ihr geheimnisvolles Lächeln wieder zutage, lässt sie silbergolden strahlen. Denn in diesem Moment macht er sie selbst zu Christophorus, zu einem Christusträger.

 

 

SONNTAGSBETRACHTUNG

Von Dr. Detlef Dieckmann-von Bünau, Pastor in Engerhafe21.01.2012, 12:00 Uhr

Ein Politiker steht im Verdacht, Vorteile von prominenten Freunden angenommen zu haben; ein anderer hat sich kräftig an fremdem geistigen Eigentum bedient; ein dritter muss sich wegen Fahrerflucht verantworten; eine hochrangige Geistliche erhält wegen Alkohol am Steuer 7 Punkte in Flensburg. Und möglicherweise ist das alles nur die Spitze des Eisberges, wenn derjenige recht behält, der uns unlängst als ‚ein Volk von Falschparkern, Steuerhinterziehern und Versicherungsbetrügern‘ bezeichnete.

„Gewiss gibt es keine Menschen im Land, die gerecht sind und gut handeln, ohne dass sie sich schuldig machen“, sagte vor mehr als 2000 Jahren der sogenannte Prediger (Prediger 7,20). In dem Punkt hat sich offenbar nichts geändert.

Würde Gott an uns resignieren, man könnte ihn verstehen. Welche Mühe hat er sich nicht gegeben, uns von Anfang an die Regeln beizubringen, mit denen wir gut leben und unsere Gemeinschaft mit ihm und den Mitmenschen sowie unsere Freiheit bewahren können. ‚Werden wir denn immer Sünder bleiben?‘

„Ja“, hat Martin Luther geantwortet, „wir sind und bleiben Sünder.“ Dabei dachte er natürlich weder an die Verkehrssünderkartei noch an das dicke Stück Torte. Sünde, so hat Luther aus der Bibel herausgelesen, das ist der Hochmut, die Ichsucht, die Selbstliebe und Selbstgerechtigkeit. Ganz anschaulich hat Luther erklärt: Der sündige Mensch ist auf sich selbst verkrümmt, will sich letztlich selbst anbeten lassen, sich selbst rechtfertigen, glaubt, aus sich selbst leben zu können, meint, Gottes Vergebung nicht zu brauchen. In mich selbst verkrümmt – wenn ich so lebe, dann werde ich letztlich zu einer tragischen Figur.

Wie komme ich da raus? Das war die Frage, die Luther quälte. Die Antwort suchte er in der Bibel: Der einzige, der mich aus dieser Selbstbezüglichkeit rausholen kann, las er da, ist Gott. Der Gott, der mich freispricht, der sich in Jesus der Welt geschenkt hat „zur Vergebung der Sünden“, wie wir in jedem Abendmahl erfahren. Weil er mich befreit, erlöst und heilt, bin ich als Sünder gleichzeitig ein Gerechter. – Da fragt man sich natürlich: Was ändert sich denn durch diesen Glauben? Bekommt der Sünder durch das Siegel „gerecht“ nicht einfach nur eine neue Verpackung? Oder gar einen Freibrief zum Sündigen?

Ganz und gar nicht, erwidert Luther. Und wenn er heute lebte, vielleicht erläuterte er dann seine Entdeckung an diesem Liedtext von Herbert Grönemeyer: „ein Silberstreif am Horizont / stell die Uhr auf Null, / wasch den Glauben im Regen / die Sintflut ist verebbt, / die Sünden vergeben / es kommt der Moment, / kommt die Zeit / Wasser wird zu Wein, / und die Sekunden bleiben stehen / der erste Stein fällt aus der Mauer, / der Durchbruch ist da.“

Von diesem modernen Sänger und Dichter können wir uns die Worte leihen, um mit Luther zu bekennen: Wie den Regen, so schenkt uns Gott einen Glauben, der sich gewaschen hat: der Glaube, dass uns vergeben ist und dass wir deshalb neu beginnen können. Wenn aber der alte Glaube, der Glaube an uns selbst, von uns abgewaschen ist, dann sind wir nicht mehr dieselben, sondern sind erneuert. Das ist so, als wenn wir krank waren und nun allmählich gesund werden, versichert Luther. Dass das möglich ist, ist ein Wunder, das nur Gott vermag und durch Jesus wirkt wie die Verwandlung von Wasser in Wein. Aber weil Gott dies vermag, ist es möglich. Seine Vergebung ist der Durchbruch zu einem neuen Sein.

Luther wusste genau, dass ich auch in diesem neuen Sein Fehler mache und schuldig werde, wie es der Prediger formuliert hat. Aber er macht mir auch klar, dass mein Leben nun eine neue Richtung erhalten hat: Ich schaue nicht mehr verkrümmt auf mich selbst, sondern bekomme einen freien Blick auf meine Mitmenschen und auf Gott. Und das kann mein ganzes Leben ändern.

 

 

SONNTAGSBETRACHTUNG

Von von Kurt Booms,Pastor in Weene14.01.2012, 12:00 Uhr

Jesus Christus spricht: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“ Das ist auf den ersten Blick schon eine etwas seltsame Losung, die über dieses Jahr gestellt ist. Wir wünschen uns ja alle für uns selbst eine hohe Leistungsfähigkeit, eine stabile Gesundheit. Wir erwarten im öffentlichen Leben eine starke Regierung, eine starke Währung und eine starke Rechtsordnung. Und wenn dann Fußball gespielt wird im Sommer, träumen wir von einer richtig starken deutschen Nationalmannschaft.

Die Jahreslosung widerspricht dem nicht, sie legt aber einen anderen Akzent. In seinem Ursprung ist es ein Trostwort, an den Apostel Paulus gerichtet. Er wird angegriffen von Teilen der Gemeinde in Korinth. Die Anerkennung für ihn lässt nach, sein Auftreten erscheint nicht selbstsicher genug, nicht ausreichend wortgewandt. Paulus ist verzweifelt, da spricht ihn Jesus so mit diesem Wort an. Schwachheit ist dabei kein Lebensideal, nicht für Jesus und auch nicht für die Bibel insgesamt. Schwachheit ist vielmehr eine Erfahrung, die früher oder später jeder mit sich selbst machen kann. In der eigenen Schwäche keine Niederlage und in der Schwachheit anderer Menschen keinen Mangel zu erkennen, dafür will die Jahreslosung unseren Blick schärfen.

Das Kreuz steht als Zeichen dafür. Es erinnert uns an den Gott, der nicht als König und im Palast auf diese Welt gekommen ist, sondern als hilfloses Kind, im Stall von Bethlehem. Das Kreuz erinnert uns von daher an den Gott, dem Schwäche und Schwachheit nichts Fremdes sind. Es weist uns hin auf den Gott, vor dem wir uns in unserer Schwäche und unserer Schwachheit nicht schämen müssen. Es führt uns liebevoll den Gott vor Augen, der uns in Jesus Christus gezeigt hat, dass er zu uns steht – gerade in aller Schwäche und Schwachheit.

Unser Wunsch nach Stärke in den verschiedenen Lebensbereichen ist ganz selbstverständlich und legitim. Gottes Kraft findet aber auch eigene Wege. Jesus sagt es uns zu: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“

 

 

SONNTAGSBETRACHTUNG

Von Jens Blume, Pastor in Mittegroßefehn / Timmel07.01.2012, 12:00 Uhr

„Frohes neues Jahr!“ – das traut man sich kaum noch zu sagen. Wir sind ja schon mittendrin in diesem neuen Jahr! Obwohl – eigentlich leben wir in einer „Zeit danach“.

Der Weihnachtsfestkreis hat sich mit Epiphanias geschlossen, die Weihnachtsbäume sind abgeschmückt, die meiste Dekoration auf dem Spitzboden verstaut. Die obligatorischen Papier-Hülsen abgeschossener Silvester-Raketen und Böller sind weggefegt, die Raclette- oder Fondue-Reste wurden in Reispfannen verbraten… Und was kommt nun?

Es ist wie ein Loch. Das Gefühl der „Zeit danach“, in der nicht mehr der Kalender vorgibt, was wir nun tun, sondern: wir selbst.

Mit Blick auf das Kirchenjahr liegen die kommenden Wochen zwischen Weihnachtsfestkreis und Passions-/ Osterzeit.

Eine „Zwischen-Zeit“, in der es zu gestalten gilt, was wir uns für die Zukunft vorstellen. Eine Zwischen-Zeit, die wir kreativ nutzen sollten, um einen Rahmen zu bauen für das ganze Jahr.

Der Lyriker Christian Morgenstern hat die große Bedeutung einer solchen Zwischenzeit sehr schön in folgendes Gedicht gefasst:

Es war einmal ein Lattenzaun / mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.

Ein Architekt, der dieses sah / stand eines Abends plötzlich da

und nahm den Zwischenraum heraus / und baute draus ein großes Haus.

Der Zaun indessen stand ganz dumm, / mit Latten ohne was herum.

Ein Anblick grässlich und gemein. / Drum zog ihn der Senat auch ein.

Der Architekt jedoch entfloh / nach Afri- od. Ameriko.

Im Zwischenraum, in Zwischen-Zeiten, liegt für uns die Chance, Großes zu erbauen. Eine reine Abfolge von Festen (von vorgegeben festgelegten Zeitinhalten) wären wir ein Zaun ohne Zwischenraum: Undurchschaubar und ein Ärgernis für den „Senat“ (wörtlich = „Ältestenrat“. Das heißt: für Menschen mit Lebenserfahrung).

Unser Leben braucht Feste und geprägte Rituale. Zeiten, in denen gemeinsame Überzeugungen Formen und Strukturen finden. Die Lebenserfahrung lehrt aber: Es braucht auch Luft dazwischen. Zeiten, um auszuruhen, um Gewesenes zu überdenken und Neues vorzubereiten, Zeiten, um Fehler zu analysieren und neue Wege zu versuchen, Zeiten, in denen wir uns über Gelungenes freuen können.

Die Kirche kennt, seit Benedikt von Nursia, die beiden Lebens-Pole: Vita aktiva und vita contemplativa – das tätige und das „beschauende“ Leben.

Darin steckt viel Weisheit! Denn im Wechsel zwischen Sonntag und Alltag des Glaubens, indem wir das eine auf das andere beziehen, können wir Gottes Bestimmung für unser Leben erspüren.

Lassen sie uns also auf die vita aktiva der Weihnachtszeit und des Jahreswechsels eine vita contemplativa zu Beginn des neuen Jahres folgen. Lassen Sie uns Kraft schöpfen für das, was kommt.