Sonntagsbetrachtungen 2013

31. Dezember 2013 – Silvester: … und wo eine Träne fällt, blüht auch eine Rose…

Anne Ulferts-Tatjes, Pastorin in Wiesmoor

 

Wir stehen an der Schwelle eines neuen Jahres. Auf der Schwelle zögern wir oft etwas. Denn wir wissen ja nicht, was kommt. Wir vergewissern uns dessen, was gewesen ist. Der Blick geht zurück. Jahresrückblicke flimmern über die Bildschirme, Firmen stellen Bilanzen auf, Resümees werden gezogen. International war das Jahr 2013 von Aufständen und Demonstrationen gekennzeichnet: In Ägypten, der Türkei und der Ukraine protestierten Tausende gegen ihre Regierung. Und Edward Snowden hielt mit seinen Enthüllungen die Welt in Atem und sorgte bei vielen für ein Nachdenken über die Arbeit der Geheimdienste, aber auch wie demokratisch unsere Regierungen im Hintergrund arbeiten.
So war 2013 ein Jahr des Umbruchs. Ein Jahr, das uns in Atem gehalten hat. Mich persönlich berührt hat das Bild eines kleinen Mädchens aus dem Sudan, das vor dem Hungertod gerettet werden konnte. Eine kleine Geschichte von so vielen, wo Menschen Hilfe suchen, auf der Flucht sind, auf der Suche nach einem besseren Leben. Wir dürfen sie nicht vergessen.
Altjahrsabend verleitet immer dazu, Bilanz zu ziehen. Und dabei kennt der persönliche Rückblick sicher ganz andere Schlagzeilen als Zeitungen und Fernsehen, andere Höhepunkte und Niederlagen. Was ist uns im letzten Jahr gut gelungen, was haben wir versäumt? Wofür können wir dankbar sein? Wo hat sich manches gut gefügt, was erst so schwierig aussah? Am Ende des Jahres schauen wir zurück auf das, was war. Und wir schauen voraus, auf das, was kommt.
Der Dichter und Theologe Johann Peter Hebel schreibt in seinem Neujahrslied:
„Mit der Freude zieht der Schmerz traulich durch die Zeiten, /
Schwere Stürme, milde Weste, /
bange Sorgen, frohe Feste wandeln sich zur Seiten.“

Beides, das Schöne und Helle, aber auch die Sorgen im Großen und im Kleinen werden uns auch ins neue Jahr hinein begleiten. Sie gehen mit durch die Zeit. Aber: Die Hoffnung doch genauso. Auch sie geht mit. Johann Peter Hebel schreibt darum diesen schönen Vers: „Und wo eine Träne fällt, blüht auch eine Rose.“ Sein schönes Neujahrslied handelt davon, dass im Wandel der Zeiten einer mit uns geht und mitträgt.

Gebe denn, der über uns
wägt mit rechter Waage,
jedem Sinn für seine Freuden,
jedem Mut für seine Leiden
in die neuen Tage,
jedem auf des Lebens Pfad
einen Freund zur Seite,
ein zufriedenes Gemüte,
und zu stiller Herzensgüte
Hoffnung ins Geleite.

Das brauchen wir, fast 200 Jahre nach Entstehung des Neujahrsliedes von Peter Hebel. Mut für schwere Zeiten, Freunde zur Seite, Träume, die uns durch tragen. Und das Wissen, dass nicht allein Freud und Schmerz mich begleiten. Auch Gott, der beides in Händen hält, trägt mit. Einen guten Jahreswechsel und ein behütetes neues Jahr 2014!

Anne Ulferts-Tatjes, Pastorin in Wiesmoor

28. Dezember 2013: De olle Fraag: Wat kriegen wi vör´n Winter?

Nu kummt de lesde Sönndag in d’ Dezembermaant wi gahn up de Wintermaanten daal. Wat meenst, wat kriegen wi vör’n Winter t’ankomen Johr? Iis un Schnej, ruug un kolt? Off blifft dat noch all ’n bietje liesam Weer? Un de Sünntje brengt uns glatt noch ’n Körl Warmte? Ja, wat kriegen wi vör’n Winter – dat fragen sück de Minsken all solang dat Minsken givt.

Jürgen Hoogstraat, Pastor in Victorbur

 

Ik hebb mal ’n mooien Staaltje hört van de Indianers in Amerika. De satten ook binanner to prooten un harren geern wusst, wo dat Weer in de Wintertied worden dee. Do leepen se na hör Medizinmann un froogen hum: „Du hör eem! Du musst dat doch wall weeten – wat kriegen wi för ’n Winter?“ „Och, du leeve Tied!“, doch de Medizinmann, „dat weet ik ook neet. Wat segg ik hör nu bloot? Naja, beter, ik overdriv ’n bietje!“
„Ja, Lüe“, see he, „dat will ik jau seggen: Dat word’n harten Winter, hopenlik hebben ji genug to brannen in Huus.“ S’abends satt he bi sien Frau in d‘ Köken un doch: „Wat hebb ik hör bloot seggt? Ik weet ja süllmst neet, wat för ́n Winter word.“ He keek sien Frau an un see: „Weest wat, ik raup mörgen in Washington an bi de Hochschkaul van de Weerwickers, de mutten dat weeten.“
Un so reep he anner Dag futt na ‘t Upstahn dor an: „Hört eem, Lüe! Ik wull woll geern eem weeten, wat vör Weer wi ́t ankomen Winter kriegen.“ „O ha“, see de Frau ut Washington: „Dat word ́n harten langen Winter – de Indianers sünt nu all an ’t Brannholt binanner haalen!“
Ja, wat wi Minsken all so weeten un können! Mennig Mal kiekst du heel hoch bi ’n Minske up un nahst kummst du d’r achter, wat vör ’n Schkojer dat west is. Off du denkst van een anner: Wat ’n Blaud! Wat ’n olle Schloove! Un naahst stellt sück rut: Wat vör ’n besünner Minske dat west is! Wi denken noch all licht: Wi weeten van Beschkeed, wat mit ’n Minschke los is. Un wi laaten uns tau geern wat wiesmaken. Word een düchdig schlecht maakt un se laaten keen gaud Haar an hum, dann sall dor wall mit an wesen.
Frauher see m‘ smalls: Dat is wir’s wohr, dat dat so is. Hett ook in ’t Blatt stahn!“ Un was mennig mal nett so loogen as man wat kann – man so ’n arm Blaud, de was d’r unner dör un dürs sück neet mehr sehn laaten.
För uns Wichter un Jungs givt dat Sieden in ’t Internet, wor se sück sowat gefallen laaten mutten. Dat is stuur. Un se worden dor up ankeken. Un se denken – dat is smaals noch stuurder, dat elk un een hör dor up ankieken deiht. Is d’r ook nix van wohr. Sok ’s Minsken – nechgliek off groot off lüttjet, gahn dör ’n heele stuuren Wintertied van hör Lebend. För mennig een word dat düster un kollt, un he mach neet mehr buten Dör, word he so schlecht maakt. Un mutt he denken: All kieken se mi drup an. Keeneen proot mehr mit mi.
Sok’s Minsken kennst du ook. Kenn ik ook. Weest wat? Wi beid will’n disse Dagen up een so ’n Minske daalgahn. Wi gahn mit Gotts Woord up Padd, de uns Maud maaken will: De Minske kiekt bloot up dat, wat vör Oogen steiht, man de Heer kiekt dat Hart an! (1. Samuel 16,7.) Wi beiden können Minsken Lücht un Warmte brengen, mutten se dör so ’n Wintertied. Dor kummt de Sünntje för hör vandage – midden in de düsterste Tied.
Wi hebben nu to Wiehnachten so völ van dat mooie LüchtförunsHartenmitnehmen dürst – dat langt ook noch för Annern, de in ’t Düstern sitten. Dat word ’n heel anner Winter vör hör, kieken wi hör mit de Heer sien Oogenan.
Disse Johr hett ook noch dree Dag – wullt du neet ook ’n Körlke Wiehnachtslücht wiederdragen? Na well geihst du hen? Amen.

Jürgen Hoogstraat, Pastor in Victorbur

 24. Dezember 2013: Wann beginnt Weihnachten?

Heinfried König, Pastor in Aurich

 

Am Montag nach dem Ewigkeitssonntag, werden einige sagen, wenn der Rat der Stadt seinen Rundgang über den Weihnachtsmarkt gemacht, alles abgenommen und für gut befunden hat. Andere werden erwidern, dass für sie Weihnachten beginne, wenn die ganze Innenstadt aus einer Wolke von Glühwein, Bratwurst und gebrannten Mandeln duftet und sich die Burgstraße, jedenfalls was die Gerüche angeht, in einen orientalischen Basar verwandelt. Für andere beginnt Weihnachten mit dem Öffnen des ersten Türchens am Adventskalender.
Wiederum andere sagen, wenn d’ Frisia sungen hett, denn is’t Wiehnachten. Jeder hat so seinen Beginn und nimmt die Signale der Außenwelt gern in Anspruch.
Doch was ist, wenn die Lautsprecher der Supermarktkette uns nicht mehr zum Kaufen für ein großartiges Fest animieren, wenn die Duftwolke der Innenstadt wieder zu einer Mischung aus Nebel und Feuchtigkeit geworden ist?
Dann ist es gut, sich ganz schlicht daran zu erinnern, dass die Christen an Weihnachten die Menschwerdung Gottes feiern. Dass Weihnachten mehr ist als ein buntes Kinderfest unter der Überschrift „Wir warten aufs Christkind“. Mit Weihnachten geschieht eine Veränderung mit uns, wenn wir uns denn darauf einlassen. Gott kommt zu seinen Menschen. Lebt wie sie und erlebt die Welt wie sie. Erlebt Hass und Neid, Feindschaft und Freundschaft, aber er verliert nie das Vertrauen zu seinem Vater im Himmel. Er lädt die Menschen zu eben solchem Vertrauen ein. Er lädt sie ein, in dieses Geheimnis der ande- ren Wirklichkeit einzutreten. Er lädt sie ein, mit Gott immer besser vertraut zu werden.
Es gibt über unsere Welt viele Wahrheiten, bittere und hoffnungsvolle. „Ich bin das Licht der Welt“, sagt Christus. Das ist eine hoffnungsvolle Wahrheit.
„Denn die einen sind im Dunkel und die anderen sind im Licht. Und man siehet die im Lichte – die im Dunkel sieht man nicht.“ – Das ist die bittere Wahrheit. Bert Brecht hat sie so ausgedrückt, und jeder Tag kann sie bestätigen.
Die bittere Wahrheit aber will aufhören, und die hoffnungsvolle Wahrheit will sich erfüllen. Das ist das eigentliche Weihnachtsgeheimnis. Und dann kann es geschehen: Angestrahlt vom Licht des Kindes in der Krippe erkenne ich in meinem Nächsten die Schwester oder den Bruder in Christo. Dann beginnt Weihnachten und setzt sich fort.

Heinfried König, Pastor in Aurich

21. Dezember 2013: “Das Rote ist gar nicht die Blüte!”

Andreas Scheepker, Pastor am Ulricianum und in Westerende, Barstede und Bangstede

Ich bin erstaunt, als mein Bekannter mir das Geheimnis des Weihnachtssterns erklärt.
Diese Pflanze mit ihren intensiv dunkelroten Blättern gehört für mich immer an den Beginn der Adventszeit. Zum ersten Adventssonntag stellen wir immer einen Weihnachtsstern bei uns zu Hause auf, manchmal auch zwei.
Ursprünglich ist diese Pflanze gar nicht bei uns beheimatet. Sie stammt aus Mexiko und aus Mittelund Südamerika. Vor etwa 200 Jahren hat sie der erste Botschafter der USA in Mexiko, Joel Robert Poinsett, in den Vereinigten Staaten bekannt gemacht. Nach ihm wurde die Pflanze Poinsettie genannt. Alexander von Humboldt brachte 1804 den ersten Weihnachtsstern mit nach Europa. Später bekam er den lateinischen Namen Pulcherrima, das bedeutet: die Ein Weihnachtsstern. „Schönste“. Heute werden in Deutschland jedes Jahr etwa 40 Millionen Exemplare dieser Pflanzen vor allem in der Vorweihnachtszeit verkauft. Schon ab dem Herbst muss die Pflanze in der Dunkelheit stehen, damit sich die intensiven Farben in den oberen Blättern ausbilden. Durch Züchtungen gibt es inzwischen auch Varianten in Weiß, Rosa, und sogar zweifarbig. Vielleicht gelingt es ja eines Tages, auch gestreifte und karierte Exemplare zu züchten. Wer weiß?
Dabei liebe ich die klassische Form: dunkelgrüne Blätter und dunkelrote Blütenblätter. Blütenblätter? Nein, keine Blütenblätter. Mein Bekannter belehrt mich eines Besseren: „Das Rote ist gar nicht die Blüte!“ Er zeigt es mir. Mitten in den farbigen Blättern sieht man die unscheinbare, kleine gelbe Blüte. Oft ist sie versteckt unter den dunkelrot leuchtenden Hochblättern. Aber auf diese unscheinbare Blüte kommt es an, denn hier bringt die Pflanze Frucht, damit aus dem Samen bald neue Pflanzen wachsen.
Vielleicht ist der Weihnachtsstern auch darin ein Symbol für unser Weihnachten. Unsere Weihnachtsfeiern sind wie die schönen rot gefärbten Hochblätter des Weihnachtssterns. Sie leuchten in intensiven Farben: dunkelgrüne Tannen und Kerzen in warmem Rot, dunkle, geheimnisvolle Farben wie die Nacht, glanzvoll wie die Sterne, bunt wie das Geschenkpapier. Sie duften nach guten Gerüchen. Sie klingen nach wunderbarer Musik und geheimnisvollem Knistern von Geschenkpapier. Das ist nicht die Blüte. Es sind schöne Blätter, aber davon können wir nicht leben.
Mitten darin versteckt ist die Blüte. Sogar in den Weihnachtsgeschichten ist diese Blüte versteckt unter so bedeutsamen Personen wie Augustus und seinem Statthalter, Herodes und den Weisen: unscheinbar, leicht zu übersehen, ein Kind, fast nebensächlich zur Welt gekommen, während sich große Ereignisse abspielen. Und doch ist dies die Blüte, aus der gute Frucht und neues Leben kommen für uns alle.
In der Verborgenheit zeigt sich uns Christus. Es ist leicht, ihn zu übersehen und zu überhören. Es wäre uns viel damit geholfen, wenn wir darauf achtgeben, wenn wir uns dafür Zeit und Stille nehmen, aufmerksam hinhören, hinsehen, innehalten. Das kann ganz schön mühsam sein. Davon kann ich auch ein Lied singen, dass man vor lauter Besinnlichkeit kaum noch zur Besinnung kommt. Manchmal müssen wir uns das bewusst vornehmen, uns darum bemühen. Es lohnt sich.
Mich erinnert der Weihnachtsstern mit seiner unscheinbaren gelben Blüte an die dritte Strophe aus dem Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“:

Das Blümelein so kleine, 
das duftet uns so süß, 
mit seinem hellen Scheine 
vertreibt’s die Finsternis: 
Wahr‘ Mensch und wahrer Gott, 
hilft uns aus allem Leide, 
rettet von Sünd und Tod.

Dieses Lied singt von einer ganz anderen Pflanze. Aber darauf kommt es nicht an. Auf den kommt es an, der zu uns kommt und für uns da ist – trotz allem, was gegen uns spricht: Christus. Herzlich sind Sie, liebe Leserinnen und Leser der „Ostfriesischen Nachrichten“, eingeladen, in Ihrer Kirche den vierten Advent mitzufeiern und Christus auch im Verborgenen und Unscheinbaren zu entdecken. Gott sei Dank, dass er uns schon längst gefunden hat.

Andreas Scheepker, Pastor am Ulricianum und in Westerende, Barstede und Bangstede

14. Dezember 2013: Dor kummt een Schipp

Leev Lesers,

Anne Ulferts-Tatjes, Pastorin in Wiesmoor

wat weer dat för´n Störm letzte Week.
Unweer in Ostfreesland un Stormfluut an´t Nordsee. De Kinner bruugen nich no´t School; un de Regen un de Wind bruusen an´t Fenster.
Wat för´n Kraft hett de Natur, unbendig.
Un ik hebb an de Schippen docht, de up See sünt. An de Minschen, de disse Kraft up´t Water un an uns Waterkant utleefert sünt. Hier sünt wi Tohuus, Störm un Notweer kennen wi, mit de Respekt för de Natur sünt wi groot worden. In disse unmaakelk Tieden mag jede gern in Huus wesen.
Man hier an´t Waterkant un uns Küste, gifft ok heel bült, de nett disse Tied nich Tohuus wesen könnt, wiel se hör Arbeid woar anners hebben.
För de, de to See fahren un all weten, dat se nich noa Huus hen komen giff dat de moi Tradition dat se over´t Radio over´t Funk mit hör Familie un hör Angehörigen in Kontakt komen un sük melden könnt-
dat is ok een Stück deutsche Weihnacht de Sendung, de ji ok kennen mögen:
Gruß an Bord. Disse Sendung is een van de ollste Senden van´t NDR. 1953 is de erste Gruß an Bord over´t Äther goan – doamals noch van Norddiek un is intüschen een Institution bi de norddüütsche Sender, numehr 60 Joar.
Nich bloot för de Seemannsfamilien gehört se to´t Wiehnachtsfest de to – ok heel bült Landslüü hören sük disse Senden an.
Gruß an Bord- de Familien denken an hör Leevsten, de nich bi hör wesen könnt, foak ja over bült Moanten un de overall up Welt mit hör Schippen unnerwegens sünt.
Mi geiht dat so, wenn ik an´t Küste in een Haven de Schippen see, off nu in Emden off noch vööl beeindruckender in Hamburg – dann hebb ik Respekt för de Arbeit an Bord, aber ik hebb ok Respekt för dat Leven hier an´t Water un wi hebben ja in de letzte Dagen de Kraft ok seen, de de Natur hett. Joa, un een bittje Fernweh is ok de bi.. wenn man de groot Potten sücht..
Un so wunnert mi dat nich, dat van ollers her dat Schipp een Symbol is davör, dat Minschen unnerwegens sünt. Dat wi uns Lebend als een Reise verstaan-
Uns Lebensschipp kann ruhig dorhen fahren, woart goat voran geiht, man wi könnt ok in Störm komen, dann kann uns Lebensschipp hen un her goan un wi mutten seen dat wi nich overt Kopp gaan.
Uns Lebend vergleken mit een Schipp up See – woar man ok nich immer weet off dat Water ruhig blievt off Wind un Störm upkoamen.
Uns Lebensschipp..
Aber dat Schipp, dat mutt ruut up See, wat sük Lebend nöömt- ok wenn dat moal in´t schuukkeln kummt.
Dat hebb ik ditt Joar bi uns Jung Jannes seen, de mit School kloar worn is un woar he mit de anner jung Lüü sien Lebens-Schipp kloar moakt hett un alleen – dat eerste Moal sien Segels sett hett, indem se de Haven, hör seker Ankerplatz dat Ollenshuus verlaaten hebben. Eenig sünt in´t Studium off in´t Utbuilden gaan, Jannes hett sien Rucksack packt un is nu in Kanada.
So nimmt dat Lebensschipp van de jung Lüü Fohrt up… ok wenn dat moal up un andeel geiht.
Un nett an´t Küste ok hier bi uns- doar finnen wi in heel bült Karken Schippen, de de Karken schmücken.
Un so is dat Schipp nich bloot een Bild för uns Lebend- man ok to een Symbol för uns Christen woorn. Van een Kark segen wi ok Karkenschipp un de Besatzung van dit Schipp- de Gemeente – de sitt mit Blick noa vörn, um Gotts Word to hörn un utricht up sien Woord.
Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt, fährt durch das Meer der Zeit, so heit dat ok in een van de neeij Leeder.
Un nu in´t Adventstied erinnern wi uns an een van de ollste Adventslieder woar dat heit: Dor kummt een Schipp- is laden bet an sien böverst Boord, brengt Gott sien Söhn vull Gnaaden, brengt uns dat ewig Woord.
Dat Leed vertellt van een Reis up Schipp, dat Jesus van Gott her kummt noa uns hen – woar hoog Wellen an dat Schipp schlaan un dat hen un her geiht.
Een besünner Fracht, Gott schickt dat Kostbarste un Beste, wat he hett.
Dat Segel van dit Schipp is de Leevde un de Mast is sien Erbarmen mit uns.
Up hooge See, woar dat nich maakelk is un woar man in Not koamen kann- so kummt Gott sien Söhn bi uns.
Wi sitten all in een Boot – segen wi ok wall – un Jesus sett sük in uns Boot- in uns Lebensschipp.
Sovööl sünt wi hum weert- wat uns Lebensschipp ok vörn Kurs nimmt- wi könnt Jesus mit in´t Boot nehmen.
Dat heit nich, dat doar denn gien Störm mehr upkummt, man dat helpt, dat wi dedör komen, dat wi dörstahn.
Deshalb disse kostbare Fracht.
Un wenn ok mien Lebenschipp so hen un her geiht, dat ik de Segel instrieken mutt; dat mi de Kraft fehlt weer Kurs up to nehmen- de Mast de steiht noch doar. De heilig Geist- so seggt dat Leed- Kraft de van Gott kummt, dat wi´t Moatfeern nich hangen laaten.
De Mast is noch doar un erinnert uns: Jesus fohrt mit. Un he kann de Störm befehlen un de Wellen beruhigen.
Dor kummt een Schipp is laden bet an sien böverst Boord – brengt Gott sien´n Söhn vull Gnaden, brengt uns dat ewig Woord.
Gott schmitt Anker ut in disse Welt, he moakt sük bi uns fast. He moakt uns Harten fast, umdat wi nich unnergaan- ok wenn de Wellen hochschlaan.
Good, well hum in sien Lebenschipp mit de bi hett, de weet, ok wenn de See hoch geiht un de Wind mi in´t Gesicht steiht, de Mast van mien Lebensschipp hollt, wiel he bi mi is. Sien Leevde is de Kraft de mien Lebensschipp voran brengt un bi hum kann mien Leben weer een gooten Kurs upnehmen.

So old is nu all dat Leed mit de kostbare Fracht.
Un hört man de Melodie, dann kunn man meenen, as wenn sük de Wellen bewegen..
Doar kummt een Schipp un brengt dat Leben för uns.
Sien Woord knütt dat faste Band. Dor könnt wi up an.
Wenn wi disse Stüürmann mit an Bord hebben up uns Lebensschipp, denn bruukt wi gien Not hebben.
Un mach Unweerlüchten um uns to wesen, dann
maakt he de Harten fast un troo.

Un well Tied hett an´t 24. Dezember, de mach doch moal sien Radio anmoaken, wenn dat heit: Gruß an Bord un denken an all uns Landslüü overall up´t Welt up hör Schippen, de Heilig Dag un Wiehnachten fern der Heimat sünt.
Anne Ulferts-Tatjes, Pastorin der Friedensgemeinde Wiesmoor

7. Dezember 2013: Lichter der Hoffnung …

Indra Grasekamp, Pastorin in Aurich-Kirchdorf

Kerzen, Lichterketten, Beleuchtung im weitesten Sinne. So weit das Auge reicht, können wir kleinere und größerer Lampen in den Fenstern sehen und Kerzenschein durch die Vorhänge.
Aber warum ist gerade in dieser Zeit das Licht für uns so wichtig? Warum holen wir gerade in diesen Tagen Kerzen hervor, die wir sonst das ganze Jahr nicht benutzen?
„Lichter der Hoffnung“, so der Titel die Adventskantate von Klaus Heinzmann. Hier heißt es im Refrain eines Lieder weiter: „Lichter der Hoffnung, Licht, das nicht trügt. Lichter der Hoffnung, Licht, das genügt, das uns erleuchtet und leuchten lässt. Licht, das aus Gott ist, wird uns zum Fest“.
Licht ist etwas Wichtiges in unserem Leben. Besonders in der dunklen Jahreszeit brauchen wir die Lampe in der Stube oder die Kerze auf dem Tisch. Doch darüber hinaus, ist es nicht nur das Mittel, damit wir uns in unseren Häusern und auf der Straße auch in der Dunkelheit fortbewegen können und sehen wo wir hingehen.
Licht hat auch immer etwas Beruhigendes…. es bringt Hoffnung mit sich.
Wir feier an diesem Sonntag den 2. Advent und gehen weiter hinein in eine Zeit des Wartens und der Vorfreude auf die Geburt Jesus Christi. Jesus, der sich selber als das Licht der Welt bezeichnete. Sprechen wir in diesen Tagen vom Licht, oder stellen wir uns Kerzen auf, so reden wir nicht nur über Beleuchtung, sondern auch über das Licht der Hoffnung. Hoffnung auf den Sohn Gottes der in unsere Welt kommt. Hoffnung auf etwas Besseres. Hoffnung auf Frieden in der Welt.
„Lichter der Hoffnung, Licht, das nicht trügt. Lichter der Hoffnung, Licht, das genügt, das uns erleuchtet und leuchten lässt. Licht, das aus Gott ist, wird uns zum Fest“

Indra Grasekamp, Pastorin in Aurich-Kirchdorf

30. November 2013: Warten wir noch, oder fangen wir ohne ihn an?

Ulrich Menzel, Schulpastor an der IGS Aurich-West

Ein Stuhl ist noch frei, als das Abendessen beginnen soll. „Kommt B. noch? Warten wir noch, oder fangen wir ohne ihn an?“ fragt eine.
„Warten wir noch, oder fangen wir ohne ihn an?“. Das frage ich mich manchmal auch angesichts des früh einsetzenden vorweihnachtlichen Trubels in den Geschäften, in der Werbung und in den Medien. „Warten wir noch, oder fangen wir ohne ihn an – ohne ihn, ohne die Hauptperson?“
Die Weihnachtsmänner stehen schon seit September in den Regalen der Läden, die Weihnachtsmärkte sind eröffnet. Weihnachten fängt doch erst am 24. Dezember an – und doch lese ich (nicht nur) in einer Werbezeitung schon jetzt: „Nun beginnt wieder die schöne Weihnachtszeit!“ Was feiern wir da eigentlich?
 Richtig ist: nun beginnt wieder die Adventszeit: eine Zeit, die eigens dem Warten vorbehalten ist – eine Zeit, in der wir den (noch) leeren Stuhl besonders schmerzlich wahrnehmen – eine Zeit, in der wir noch Vorbereitungen für das große Fest treffen können.
„Warten wir noch, oder fangen wir schon an?“ Sind wir selbst eigentlich schon angekommen? Sitzen wir schon – oder springen wir noch ein paar Mal auf, weil dieses oder jenes noch fehlt? Sind wir bei uns selbst angekommen?
Jetzt haben wir diese Zeit! Was für eine wohltuende Nachricht ist das in einer Welt, in der alles immer sofort verfügbar sein soll. Wir müssen noch gar nicht alles vorbereitet haben. Wir müssen noch gar nicht in Weihnachtsstimmung sein. Wir können uns noch Zeit lassen.
„Lasst uns noch warten und nicht anfangen ohne ihn…!“

Ulrich Menzel, Schulpastor an der IGS Aurich-West

23. November 2013: Licht an!

Bernd Battefeld, Pastor in Strackholt

Die dunkle Jahreszeit ist da. Kurze Tage, lange Abende, dunkel und feucht, Novemberstimmung!
Wir gehen auf den letzten Sonntag im Kirchenjahr zu. Fest verankert scheint er im Bewusstsein und in unserem Sprachgebrauch als „Totensonntag“.

Am Sonntag im Gottesdienst hören wir die Namen aller im vergehenden Kirchenjahr Verstorbenen: Männer und Frauen, Großväter und Großmütter, Väter, Mütter, Ledige und auch Kinder!
Lebensgeschichten ziehen an mir vorüber, Erinnerung an Vergangenes und Trauer – Novemberstimmung, so erleben das viele.
Und so hören wir auch den Wochenspruch der neuen Woche aus dem Lukasevangelium 12.35. Jesus spricht: „Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen!“
Halt, so sagt Jesus, da ist mehr als die statische Betrachtung des Endes! Eure Trauer um die Verstorbenen ist da, schmerzvoll und ganz nah, aber beim schmerzvollen Erleben des Vergehens schaut auch auf das Kommen: Mein Kommen!
Seid bereit, ich komme, euer Weg ist nicht zu Ende, ihr alle seid unterwegs.
Rafft euer Gewand, seid marschbereit!
Licht an, ich komme, weil ich größer bin als der Tod und alles, was euch Angst macht! So höre ich Christi Wort an uns in diesen dunklen Tagen.
Der Name „Ewigkeitssonntag“ für den kommenden Sonntag ruft uns ins Gedächtnis:
Licht an! Ich bin größer als alles, wovor ihr euch fürchtet. Seid bereit!

Bernd Battefeld, Pastor in Strackholt

16. November 2013: Denkmal

Jürgen Klein, Pastor in Moordorf

In Berlin fuhr ich neulich wieder an der Holocaust-Gedenkstätte, dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas, das ich 2010 besuchte, vorbei. Dort ragen auf einem 19 073 Quadratmeter großen Feld 2711 Betonklötze (Stelen) unterschiedlicher Länge wie Särge nach oben aus dem Boden heraus. Menschen können dazwischen herumlaufen. Manche fühlen sich eingeengt. Kinder spielen Verstecken. Wächter bewachen die Stätte. Manchmal ragt ein Kopf heraus, ein Gesicht wird sichtbar, eine Identität unter den vielen zugrunde gegangenen jüdischen Identitäten. In den Straßen Berlins werden wie andernorts „Stolpersteine“ des Erinnerns geputzt. Manche hier aber sind hilflos und verlassen unruhig den Ort.
Eine Bekannte von mir war mit ihrer Freundin auch dort. „Und“, fragte ich sie, „hast du verstanden, was dieses Mahnmal sagen will?“ – „Nein, nicht so ganz, wir wollten uns das nur einmal ansehen.“ – „Ja wart ihr etwa nicht im Museum unten, wo die Schicksale vieler Juden aufgeschrieben sind, die Fotos der Familien in ihrer Normalität so kontrastreich den ganzen Irrsinn darstellen? Dort kann man das Ungeheure und Schreckliche erinnern und so abarbeiten.“ – „Nein, von diesem Museum unten wussten wir gar nichts“, antwortete sie.
Eine der letzten Worte von Miklos Radnitz (1909-44), einem Juden aus Ungarn, die ich dort unten las, lauteten zum Beispiel: „Geduld bringt jetzt die Rose Tod hervor.“ Schwere Denkarbeit!
Ein Volk, das nicht trauert, vergisst das Erinnern, und damit die Möglichkeit, die unten liegenden Schichten, die auch wir von den Generationen vor uns irgendwie in uns aufgenommen haben, zu verstehen. Was haben wir alles unbewusst aufgenommen von unseren Eltern und Großeltern, die unter den Kriegen und danach gelitten haben? Was arbeitet da noch in uns? Warum sind wir die, die wir heute sind? Ein Gedenkort ist ein Ort, an dem sich das Denken und Handeln verändern können. Von solch einem Ort konnte Jakob sagen: Gewiss ist der Herr an diesem Ort, und ich wusste es nicht (1. Mose 28,16). Der Weg übers Denkmal oben nach unten in tiefere Schichten lohnt sich also, ansonsten verirrt man sich vielleicht oben.

Jürgen Klein, Pastor in Moordorf

9. November 2013: Ein großer Schatz

Ein Schatz. Ein riesiger Schatz. Unentdeckt in einer Schwabinger Wohnung. Jetzt gefunden. Bilder. 1500 Kunstwerke. Picasso, Matisse, Chagall, Franz Marc, Emil Nolde, Max Beckmann, Max Liebermann. Sagenhaft! Wert: 1 Milliarde Euro. Vielleicht sogar noch viel mehr. Gibt es nicht? Gibt es doch!
Es sind Bilder mit einer Geschichte. Bilder, die die Nationalsozialisten als „entartet“ bezeichneten. Sie entfernten sie aus Museen. Die Bilder seien „artfremd“ und bedeuteten einen „Verfall“.
Welche Arroganz! Welche Fehleinschätzung! Der heutige Wert der Bilder zeigt das.
Der gefundene und verschollen geglaubte Schatz elektrisiert Kunstfreunde in aller Welt.
Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, dass es in unserem Land vor knapp 80 Jahren möglich war, diese Kunstwerke und mit ihnen die Künstler so herabzuwürdigen. Ich möchte es nicht glauben. Aber es war so.
Genauso war es möglich, Menschen nur deshalb verächtlich zu machen, weil sie Juden waren oder einfach anders. „Artfremd“. Und dann zündete man ihr Gotteshaus an. Auch in Aurich. Man zerstörte ihre Geschäfte und Häuser. Sie wurden vertrieben oder gingen lieber gleich selbst. Dann wurden sie sogar ermordet. Was für eine Selbstüberhebung! Welch zügellose Gewalt! Ich möchte es nicht glauben. Aber es war so.

Tido Janssen,  Pastor in der Lamberti-Gemeinde  und Superintendent des Kirchenkreises Aurich

Was heute ein riesiger Schatz ist, war auch damals eine große kulturelle, religiöse und menschliche Bereicherung. Umso mehr muss es uns freuen, dass in Ostfriesland jetzt wieder jüdische Kunst entsteht. Ab heute ist sie im Auricher Rathaus zu sehen: die Ostfriesland-Haggadah. Es sind Bilder, die zeigen, wie Gott das Volk Israel aus der Unterdrückung durch den Pharao und die Ägypter führt.
Bis heute gehört diese Geschichte auch zu unseren größten Schätzen, erzählt sie doch vom Freiheitswillen Gottes und der Menschen. Und sie beschreibt (mit den 10 Geboten) die Verantwortung, die ein Leben in Freiheit mit sich bringt. Auch, dass die Freiheit von allen respektierte Grenzen benötigt, damit niemand sich über andere erhebt und das gemeinsame Leben gelingt.
Freiheit und Verantwortung – wir müssen sie immer neu gewinnen und bewähren. Wir haben sie nicht einfach ein für allemal. Wir können sie auch verlieren. Das zeigt unsere deutsche Geschichte. Freiheit und Verantwortung – sie sind ein wahrer Schatz. Er kostet keine Milliarde. Wohl aber gedankenvolles Leben und Wachsamkeit. Und unseren beständigen Einsatz dafür.

Tido Janssen,
Pastor in der Lamberti-Gemeinde
und Superintendent des Kirchenkreises Aurich

2. November 2013: Halloween – oder einfach nur Gnade?

Es scheint, als sei in diesen Tagen das Fest der faszinierenden Verkleidungen und der tausend Kürbisfratzen nun auch in Aurich angekommen.
Was in Amerika begann, zieht heutzutage sogar die als eher nüchtern geltenden Ostfriesen in seinen Bann. Da werden Kürbisse in allen Variationen ausgeschält und furchterregende Grimassen erzeugt, die ein wohliges Schauern in uns erregen und den im November so lauen Partykalender gehörig aufzupolieren versuchen.
Auch ich selbst durfte als Urlauber in den USA eine solche „Kürbis-Schnitz-Aktion“ hautnah erleben – für einen guten Zweck – versteht sich …
Und so machte ich mich dort mit dem entsprechenden Werkzeug in der Hand an einen der großen Kürbisse, höhlte den Inhalt aus und schnitt voller Elan meine ganz persönliche Grimasse rein. Fertig war mein amerikanisches Halloween.
Doch als ich mir das Ding in fertiger Pracht noch einmal ansah, dachte ich mir: So faszinierend die bald angestrahlten Früchte und Ihre dunklen Masken drumherum auch sein mögen, der inhaltliche Mehrwert dieses Festes scheint wie mein damals eigenhändig ausgekratzter Kürbis – einfach nur hohl.
Wie gut, dass der eigentliche Anlass zum Feiern vorgestern am 31. Oktober ein anderer war.
Denn mit diesem Tag dürfen wir uns voller wirklicher Freude daran erinnern, dass Gott einem Mönch mit Namen Martin Luther die Masken und Fratzen gefüllt mit all den vergeblichen Vorsätzen seines Lebens ein für alle Mal von seinem Gesicht genommen hat.
Wie sehr hatte Luther dabei auf seine eigene Kraft gesetzt, und gedacht: Ich muss mich selbst mit guten Taten erlösen. Ich muss mir meinen Glauben verdienen!“
Mit übergroßem, ja fast unmenschlichem Anspruch an sich selbst hatte er dabei versucht, sich Gottes Liebe zu erkaufen und sein Leben zu meistern. Doch was ihm blieb, war nur die Erkenntnis: Ich schaff es nicht: Immer mehr verlangte Luther sich selbst ab, bestrafte sich mit Schlägen für seine Sünden und richtete seinen Körper wie seine Seele fast zugrunde… bis ihm eines Tages Jesus Christus selbst begegnete und ihm zeigte: „Martin, du kannst dich nicht aus eigener Kraft verändern: Aber Ich will dies für Dich tun!“
Nicht von ungefähr fasst der Apostel Paulus in der Bibel genau diese Erfahrung in folgenden Worten zusammen: „Aus Gnade seid ihr selig geworden, und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es.“ (Eph 2,5). Mit anderen Worten. Der christliche Glaube ist nicht unser Werk, sondern allein Gottes Geschenk.
Und mit diesem Versprechen lädt uns Gott auch heute, fast 500 Jahre nach dieser Erfahrung Luthers dazu ein, dass wir unsere persönlichen Masken vor ihm und vor anderen Menschen einfach nur ablegen. Denn damit dürfen wir nicht nur ungeschminkt so sein, wie wir sind, sondern wie er uns in Jesus Christus gemeint hat – als seine geliebten Kinder.

Karsten Beekmann, Pastor in Walle

Und wenn Sie das nächste Mal einen leuchtenden Halloween-Kürbis vor Augen haben, dann freuen Sie sich doch daran. Nicht äußerlich, maskenhaft und starr, sondern von innen heraus, und in dieser einen Sache so klar: „Durch Gnade sind wir selig geworden, und das nicht aus uns, Gottes Gabe ist es.“ Halloween – oder einfach nur Gnade?

Karsten Beekmann, Pastor in Walle

31. Oktober 2013: Wir sind Priester, Bischof und Papst

Der Reformationstag erinnert uns zu Recht an einen Mann, der wie kein anderer das religiöse und kirchliche Leben in Deutschland grundlegend verändert hat: Martin Luther.
In vier Jahren wird der 31. Oktober als gesetzlicher Feiertag an 500 Jahre Reformation erinnern. Mit seinen 95 Thesen, die sich gegen die gängige Praxis des Sündenablasses der katholischen Kirche richtete, begann 1517 die Reformation. Ob Luther die Thesen am 31. Oktober an die Schlosskirche zu Wittenberg anschlug, ist historisch nicht sicher. Fest steht, dass er sich mit diesen Thesen erstmals öffentlich gegen die Bußpraxis seiner Kirche und damit indirekt auch gegen den Papst richtete.
Niemand kann sich von seinen Sünden mit Geld loskaufen, so Martin Luther. Sondern der Mensch muss sich Gott mit ehrlichem Herzen zuwenden, denn nur Gott allein kann uns die Sünden erlassen. Diese Hinwendung zu Gott sei als tägliche Buße (These 1) nötig.
Luther wollte zu diesem Zeitpunkt keine neue Kirche gründen oder sich von seiner eigenen Kirche lossagen. Ihm ging es vielmehr um das richtige Verständnis der Heiligen Schrift und ihrer Aussagen zur Vergebung der Sünden. Aber mit dieser theologischen Auseinandersetzung begann, was dann in den folgenden Jahren von der kleinen Universitätsstadt Wittenberg aus als Reformation in die Weite des römischen Reiches Deutscher Nation wirken sollte.
Schon in den 95 Thesen deutete sich an, was Luther immer wichtiger wurde: Nämlich, dass der Mensch in der Heiligen Taufe als Kind Gottes angenommen wird. Das verleiht dem Gläubigen eine Würde und Weihe, die jeden Christen und jede Christin zu einem Priester werden lässt. Das „Priestertum aller Getauften“ ist bei Martin Luther die eigentliche Revolution im Verständnis von Glauben und Kirche, die dann auch zum Bruch mit der katholischen Kirche geführt hat. Kein Priester und kein Papst stehen näher bei Gott als jeder getaufte Christ. Luther konnte daher sagen: „Was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, dass er schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht sei…“ Zwar kann nicht jeder dieses Amt ausüben, aber jeder getaufte Christ hat so eine Mitverantwortung für die Verkündigung des Evangeliums und damit auch für die Kirche.

Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent des Sprengels OstfrieslandDieser Gedanke, den Luther aus dem Studium der Heiligen Schrift gewann, hat die Kirche damals verändert. Wo immer Christen ihren Glauben in dieser Welt öffentlich vertreten und verantwortlich ihre Kirche mitgestalten, da wird sich auch heute das Gesicht dieser Kirche grundlegend verändern.

Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent des Sprengels Ostfriesland

26. Oktober 2013: Heimat finden ist die Erfüllung von Sehnsucht

Je mobiler die Menschen sind,
desto intensiver suchen sie einen Ort,
an dem sie verwurzelt sind.

Wolfgang Beier, Pastor in Münkeboe und Moorhusen

Die Wildvögel ziehen wieder dicht über unsere Köpfe und Häuser gen Süden auf der Suche nach wärmeren Quartieren – eine zweite Heimat, wo es warm ist. Nicht so unwirtlich wie nun in der eigentlichen Heimat, wo sie brüten und Nachwuchs großziehen. Sie müssen umziehen, und zweimal im Jahr wieder neu Heimat finden.
Wir sehen dem Schauspiel zu, und stehen mit nach oben gereckten Köpfen – Fernweh lockt uns ein wenig, und die Aussicht schreckt uns, deren Vorboten ihr Wegzug ist: nun kann der Winter sich breitmachen. Wir sind doch auch immer noch sonnenhungrig, und der Winter wird wieder so ewig lang sein.
Als ob dies Naturschauspiel die Worte der Jahreslosung illustriere: »Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.«

Neben vielen anderen Neuankömmlingen unter uns, auch Pastoren ziehen um in diesen Tagen, werden selbst Nachbarn, bekommen Bögen, Kränze und Herzen zur Begrüßung, manche bringen Familie mit, sie kommen teilweise von weit her, von Äthiopien, Kanada und Hannover, und werden heimisch bei uns.
In diesen Tagen sind es Jürgen Klein in Moordorf, Anika Langer in Engerhafe und Indra Grasekamp in Aurich-Kirchdorf. Umzug und Neuankommen. Mit Residenzpflicht in einer Pastorei. Sie suchen hier Heimat zu finden, dort, wo die Menschen bereits heimatlich verwurzelt sind. Und sind eingeladen, sich einzulassen auf Land und Leute.

Dabei ist es ein komplexes Thema, sich zu beheimaten.
Allem voran überhaupt die Frage, was Heimat denn eigentlich sei.
Nicht so sehr jedenfalls ein geografischer Begriff!
Sehen wir einmal davon ab, was für negative Beiklänge das Wort »Heimat« im vergangenen Jahrhundert verstellt hatten, so erscheint es landläufig ganz selbstverständlich: Heimat ist, wo du hineingeboren bist, wo deine Eltern und Vorfahren bereits lebten, und deine eigenen Kinder geboren werden.
Ist Heimat also etwas Vorgefundenes, Statisches, dynamisches, etwas, das schon vor uns existierte und auch ohne uns existiert?
– „Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muß“ (Herder)
– „Heimat ist da, wo ich verstehe und wo ich verstanden werde.“ (Jaspers)
– Heimat als „der Ort, wo sie einen hereinlassen müssen, wenn man wiederkommt.“ (Frost)
Diese unterschiedlichen Definitionen des Begriffs Heimat zeigen mir, dass Heimat nicht etwas Statisches, sondern Dynamisches ist. Heimat verlieren, suchen und finden, sich nach einer Heimat sehnen, Heimisch werden, sich zuhause fühlen, sich verstanden oder wohl fühlen und sich als Gemeinschaft verstehen, unabhängig vom Geburtsort. Heimat kann und muss immer auch erworben, angeeignet werden.
»… die zukünftige suchen wir.«

Dabei spielt eine große Rolle die Bedeutung von Landschaft,
die umgebende wie auch die freie Natur,
von Individualität und kollektivem Bewußtsein,
von Musik, von Kultur und Religion.

Wir wünschen allen, die in diesen Tagen in unserer Nachbarschaft ankommen,
dass sich ihre Sehnsucht erfüllt und sie bei uns heimisch werden!

Wolfgang Beier, Pastor in Münkeboe und Moorhusen

19. Oktober 2013: Tu des Guten zu viel

Christiane Schuster-Scholz, Pastorin in Holtrop

Morgens am Frühstückstisch: „Na, Jann, bist du mit dem falschen Fuß aufgestanden?“ Unser Sohn kommt verspätet an den Tisch und faucht seinen Bruder an. „Nee, nur der nimmt mir alle Brötchen weg! Der kriegt ja sowieso immer alles!“
Mein Mann und ich sehen uns an: Gleich gibt es wieder Streit. Ja, ja, das kennen wir so gut und das ist im Großen auch nicht anders.
Ein Wort ergibt das andere. Auge um Auge, Zahn um Zahn, so funktioniert das mit dem Recht seit jeher. Nach dem Gesetz des Gleichgewichts. Wie du mir, so ich dir. Jede Schuld fordert eine Bezahlung. Aber, wohin führt das? Dient das dem Respekt vor dem Leben? Jesus geht einen anderen Weg und er erzählt dazu Beispiele aus dem Alltag. Da ist zunächst die Geschichte mit der Wange. Gemeint ist der Schlag mit dem Handrücken auf die rechte Wange, der in früheren Zeiten als entehrend galt: Jesus sagt: Verzichte auf deine Ehre. Halte auch die andere Wange hin.
Kurz gesagt: Tu des Guten zu viel.
Die Beispiele können einem überspitzt vorkommen. Aber sie sind auch keine Gesetzesvorschläge. Vielmehr wollen sie mit Fantasie weitergedacht werden.
Das haben Paulus und die Gemeinde in Rom getan. Trotz täglicher Anfeindungen leben sie das. Denn sie wissen, sie haben Gott auf ihrer Seite. Sie geben allen, die danach fragen, zu essen und zu trinken und leben nach dem Motto: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Röm. 12,21)
Das haben sie bei Jesus gelernt. Nur wer Böses mit Gutem vergilt, ist wirklich frei.
So handelt Gott auch – so großmütig und so vorbehaltlos.
Mein Mann und ich am Frühstückstisch, wir machen uns schon darauf gefasst, nun wieder eingreifen zu müssen, da überrascht uns unser Jüngster: Der jüngere Bruder hat seinem älteren sehr gut zugehört, aber statt loszuschimpfen hält er ihm den Brotkorb hin: „Hier, für dich. Die haben wir heute Morgen gebacken.“
Unser Sohn staunt und ich glaube, er hat gemerkt: Egal, wie wir morgens aufstehen, ob nun mit dem falschen oder mit dem richtigen Fuß: Entscheidend ist, was wir daraus machen.

Christiane Schuster-Scholz, Pastorin in Holtrop

12. Oktober 2013: … demütig sein vor deinem Gott

„Womit soll ich mich dem Herrn nahen, mich beugen vor dem hohen Gott? Soll ich mich ihm mit Brandopfern nahen und mit einjährigen Kälbern?
Wird wohl der Herr Gefallen haben an viel tausend Widdern, an unzähligen Strömen von Öl? Soll ich meinen Erstgeborenen für meine Übertretung geben, meines Leibes Frucht für meine Sünde?“
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Michael Schlieker, Pastor in Simonswolde

Viele gute Fragen und Möglichkeiten sind das, mit denen der Text beginnt. Sie bündeln sich in der einen Frage: Woran hat Gott Gefallen? Oder, wie Martin Luther sich fragte: Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Noch schöner ist aber, dass der Prophet Micha die Antwort gleich mitliefert. Und was für eine (Vers 8). Gibt es eine klarere, schönere Antwort in der Heiligen Schrift auf das, was meine Bestimmung im Leben ist? Ich finde keine.
Drei Dinge sind es: Gottes Wort, Liebe und Demut. Damit ist doch alles gesagt. Jesus ändert das nicht, er führt es nur aus auf vielerlei Weise. Wenn er sich Menschen zuwendet, wenn er Geschichten von der Liebe Gottes erzählt und sich im Garten Gethsemane demütig unter Gottes Willen beugt. Mehr als diese Worte Michas kann er auch nicht sagen. Nur in einem geht er darüber hinaus: Er erfüllt sie. Mit Leib und Seele. Darum leuchtet wie nirgends sonst Gottes Gnade und Wohlgefallen über ihm.
Doch wo hat das seinen Anker in unserem Leben?
Die Frau wirkt unscheinbar, als sie mir die Wohnungstür öffnet. Klein und schmal, aber fest der Händedruck. Als wir in der Küche sitzen und reden, höre ich das Beatmungsgerät im anderen Zimmer. „Das ist für meine Tochter“, sagt sie. „Sie muss beatmet werden.“ Dann frage ich nach: „Warum? Was ist passiert?“ Und erfahre: Zehn Jahre ist die Tochter alt, mit offenem Rücken geboren, oft schon operiert, trotzdem kann sie nicht atmen, nicht schlucken, nicht laufen. Sie braucht Betreuung rund um die Uhr, ist nur im Rollstuhl mobil. Sprechen kann sie nicht, aber mit den Lippen Worte formen. „Das macht sie gut. Nach einer Stunde verstehen Sie, was sie sagen will“, sagt die Mutter.
Ich bin erschüttert: So ein Schicksal! Und so viel Aufwand für die Pflege. Ist das nicht belastend? „Ach, wissen Sie, natürlich fragen das alle, die uns besuchen kommen“, sagt die Frau. „Aber es belastet mich nicht. Es gehört zu unserem Leben dazu. Man braucht eine feste Struktur für den Tag, dann geht das schon.“ Sie lehnt sich zurück. „Und wissen Sie, wenn mein Mann und ich deprimiert sind, dann überträgt sich das ganz schnell auf unser Kind. Und das wollen wir nicht.“ Und sie erzählt: Das Leben war mal anders geplant. Ein Kind gehörte dazu, das schon. Dann sollte es in den Süden gehen, auswandern, dort arbeiten, wo es warm ist. „Dann ist alles anders gekommen. Ich habe meinem Mann gesagt: Du kannst auch gehen, wenn du das nicht willst. Ich schaffe das auch alleine. Aber er ist geblieben. Wir sind eine Familie. Heute kann ich mir ein Leben ohne meine Tochter nicht mehr vorstellen.“
Die Zehnjährige fährt gerne im Rollstuhl shoppen, spielt Schach, ist gut in der Schule. Sie will Steuerberaterin werden. Als ich gehe, winke ich ihr zu. Fröhlich winkt sie zurück.
Vielleicht brauche ich solche Geschichten, um aus meinen „Tiefs“ im Leben herauszukommen.
Ich jedenfalls bin fröhlich aus dieser Begegnung gekommen. Vielleicht haben wir auch in dieser Woche die Chance, den Zuspruch des Lebens im Leben zu spüren, die Liebe, die Bescheidenheit und das Nachfühlen eines kräfteschenkenden Wortes von außen.

Michael Schlieker, Pastor in Simonswolde

5. Oktober 2013: Ernte ist Erfüllung von Hoffnung

„Solange die Erde steht, 
soll nicht aufhören Saat und Ernte, 
Frost und Hitze, Sommer und Winter, 
Tag und Nacht.“ (1. Mose 8,22)

Sunnive Förster, Pastorin in Riepe

Jedes Jahr säen wir Samen auf unsere Felder und in unseren Gärten. Jedes Jahr hoffen wir, dass die Saat aufgeht, wächst, reift und Früchte trägt. Jedes Jahr hoffen wir, dass Gott sein Versprechen hält, uns zu geben, was wir zum Leben brauchen. Wenn es dann so weit ist und wir schließlich ernten dürfen, sehen wir froh und dankbar, dass unsere Hoffnung zu einer Gewissheit wurde, dass unser Schöpfer wieder für uns gesorgt hat.
Solch erfüllte Hoffnung ist ein Genuss für all unsere Sinne! Die Farben und Formen von Obst, Gemüse und Getreide, der Geruch eines gepflückten Apfels, das Geräusch des Windes in einem Maisfeld, der Geschmack von selbst gebackenem Zwetschgenkuchen sind eine Wohltat und erfreuen unser Herz. Ein besonderes Ereignis ist das jährliche Binden der goldenen Ähren zu einer Erntekrone, die vor dem Erntedankgottesdienst feierlich in der Kirche aufgehängt wird. Die Erntekrone ist zu groß und zu schwer, um von einem Menschen getragen zu werden. Mit ihr ehren wir Gott für die uns geschenkten Ähren.
Nicht der Mensch soll gekrönt werden für seine Mühe und Arbeit, sondern Gott, der das Wachsen und Gedeihen schenkt. Er ist es, der die Ernte möglich macht, indem er seinen Segen auf unsere menschliche Arbeit legt. Wir verdanken es ihm, wenn aus gutem, fruchtbarem Boden Nahrung für uns wächst.
Der Blick auf die Erntekrone, wie sie groß und feierlich von der Kirchendecke hängt, lässt uns ehrfürchtig sein, weil wir uns wieder darauf besinnen, was uns alles von Gott zum Leben geschenkt wird. Bewusst und aufmerksam dürfen wir uns über unsere Erntegaben freuen. Bewusst und dankbar dürfen wir sie genießen.

 

Von Sunnive Förster, Pastorin in Riepe

28. September 2013: Ein Sonntag für die Engel

Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent in Emden

Der kommende Sonntag trägt den Namen des Erzengels Michael, der als Bezwinger des Satans in der Bibel Erwähnung findet (Offenbarung 12,7). Das Gedenken an die Engel hat eine lange kirchliche Tradition. Es wird dabei nicht nur des Erzengels Michael gedacht, sondern aller Engel, die in der Bibel Erwähnung finden. Jene Engelshierarchie, die über die Erzengel, Cherubinen und Heerscharen bis zu den Weihnachts- und Auferstehungsengeln im Neuen Testament reichen.
Der Gedenktag der Engel bietet die Chance, sich im Gottesdienst thematisch mit dem Thema der Engel auseinanderzusetzen.
Engel haben Hochkonjunktur, vielleicht weniger in der kirchlichen Verkündigung, allemal aber in der gerne sogenannten „Volksfrömmigkeit“. Freilich sind sie, in ihrer bildlichen und figürlichen Darstellung nicht immer Ausdruck für den Glauben, sondern finden eher als nostalgisch-kitschigen Schmuck in Wohnung und Garten Verwendung.
Lange galt in der Theologie die Auffassung, moderne, aufgeklärte Menschen brauchen die Vorstellung der Engel nicht. Im 20. Jahrhundert aber haben die Engel auch in der theologischen Reflexion eine Renaissance erfahren. „Gottes Engel brauchen keine Flügel“ (so 1957 Claus Westermann), ihre Funktion ist eng mit dem Auftrag verknüpft, den Gott als Botschaft an die Menschen ausrichten lässt.
Auch Martin Luther hielt nicht nur ganz bewusst an dem kirchlichen Feiertag des „Erzengels Michael und aller Engel“ fest, um so die Bedeutung der Engel als Botschafter der göttlichen Nachricht herauszustellen. In seinem Morgenund Abendsegen nimmt er ganz bewusst auf die Engel Bezug und betet: „Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde.“ Für Luther bedeutete das aber keinen Glauben „an“ die Engel, sondern ein Vertrauen auf Gott, der dafür sorgt, dass in unserem Leben seine Macht und sein Eingreifen für uns erfahrbar werden, besonders in Anfechtung und Not. Darum konnte Luther in einer Predigt sagen: „Wo zwanzig Teufel sind, da sind auch hundert Engel; wenn es nicht so wäre, dann wären wir schon längst zugrunde gegangen.“

Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent Sprengel Ostfriesland

21. September 2013: Diesen Sonntag gilt: In der Ruhe liegt die Kraft

„Probier’s mal mit Gemütlichkeit…“ Kennen Sie, oder? Na, das singt doch Balu, der Bär in Walt Disneys Zeichentrickfilm-Klassiker „Das Dschungelbuch“ (nach dem Buch von Rudyard Kipling). Alles, was der kräftige Kerl tut, braucht Zeit: Essen, Wandern, Singen, Tanzen und Schlafen. Von Eile und Tempo hält dieser Bär nichts. Gerade vor großen Entscheidungen.
In der Ruhe liegt die Kraft, lautet eine Redensart. Und Balu, der Bär – hätte er diesen Satz gekannt – würde diese Worte vermutlich zu seinem Wahlspruch machen. Damit hätte er biblische Tiefenschärfe an den Tag gelegt.

Oliver Vorwald, Pastor in Bagband

Das Buch der Bücher weiß, dass alle Dinge ihre Zeit brauchen. Bäume zum Beispiel. Bäume schießen nicht von gestern auf heute in den Himmel. Buchen oder Eichen wachsen Tag für Tag, Monat für Monat. Jahre verstreichen, bis aus einem Samenkorn ein starker Stamm wird. Und auch Gott hat die Welt nicht an einem Tag geschaffen. Fast eine Woche nimmt er sich dafür Zeit. Er macht eins nach dem andern: Berge, Meere, Wälder, Fische, Vögel und Menschen. Und am siebten Tag, da ruht er sich aus. Auch er: Gott gönnt sich eine Atempause. Genau deshalb übrigens gibt es den Sonntag.
In der Ruhe liegt die Kraft. Auf jeden Fall. Denn die Dinge brauchen ihre Zeit, sonst werden sie saftund kraftlos, erzählt die Bibel. Also, machen Sie es wie der Schöpfer des Himmels und der Erde: Probieren Sie es hin und wieder mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit. Der Sonntag ist eine gute Gelegenheit dafür. Und vielleicht hilft diese Übung auch in der Entscheidungsfindung bei den Bundestagswahlen?

Oliver Vorwald, Pastor in Bagband

14. September 2013: Unsere Stärke: Freude am HERRN!

Hans Bookmeyer, Pastor für besondere Aufgaben im Kirchenkreis Aurich

Pure Freude, das ist menschliche Lebens-Erfahrung, gibt es nicht. Ihr steht der Kummer entgegen, beginnend mit alltäglichen Unannehmlichkeiten, Sorgen, Nöten, bis hin zum Versagen, zur Krankheit, zur Lebens-Angst. Diese Erfahrung mussten bereits Menschen zu allen Zeiten machen, so auch zu Zeiten des Alten Testamentes – sie hatten sich (womöglich, ohne es zu merken) von der Lebens-Ader, von GOTT, weit entfernt. Durch Nehemia werden ihnen zunächst die Augen geöffnet, und sie erkennen: Fern von GOTT, dem GOTT des Lebens, sind wir auf dem Irrweg, in der Tiefe (Sünde), aus der wir allein nicht mehr herauskommen. Und sie begannen zu weinen. Nehemia jedoch verweist sie zurück auf GOTT, gibt ihnen neue Hoffnung und spricht zu ihnen: „Seid nicht bekümmert; denn die Freude am HERRn ist eure Stärke!“ (Nehemia 8, 10b; Monatsspruch für September). – Und das Volk beginnt, neu zu leben, ja, es feiert ein großes Freudenfest. Und doch gibt es bis auf den heutigen Tag nicht die pure Freude – Kriegs-Erschütterungen, Katastrophen im großen und persönliche Ärgernisse, persönlich erfahrenes wie selbst verschuldetes Leid und Vieles mehr bis hin zum Ausgeliefertsein im Tod stehen ihr entgegen wie eh und je. Aber anders als zu Nehemias Zeiten, der nur auf den GOTT des Lebens verweisen kann, wodurch neue Lebenskraft, neue Lebensfreude erwachsen, sind seit Christus, dem Retter, diese Worte als wahrhaftig erwiesen, worauf der Wochenspruch für diese Woche verweist: „Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium (die gute, freudige Nachricht)“ (2. Timotheus-Brief, Kap. 1, Vers 10). Dem Tod die Macht nehmen können wir nicht, und es ist mit unserem Geist auch nicht zu begreifen. Doch GOTT verheißt uns Seinen Geist, dass wir um Christi willen darauf trauen mögen, dass ER es kann und tut – wenn wir uns IHM anvertrauen, werden wir spüren, was Timotheus (das meint: Gottesfreund!) bekennt: „GOTT hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“ (2. Timotheus-Brief, Kap. 1, Vers 7; aus der Epistel zum Sonntag). Wer sich auf IHN einlässt, wer IHN in sich wirken lässt, wird mitten in aller vielfältiger Bekümmernis diese Kraft, neues Leben wirkende Liebe, Besonnenheit, Seelenfrieden erfahren – und Freude, die im GOTT des Lebens verwurzelt ist – segensreich ausstrahlt – und bleibt – selbst im Schatten des irdischen Todes. Mögen wir mit Johann Franck darauf trauen, der uns das Lied „Jesus, meine Freude“ (Evang. Gesangbuch, Nr. 396) hinterlassen hat – und offen sein für Gotteserfahrungen der Art, die Johann Franck selbst nach der bitteren Zeit des 30jährigen Krieges hat machen dürfen: „Denen, die GOTT lieben, muss auch ihr Betrüben lauter Freude sein“ (Strophe 6), auf dass auch in heutiger Zeit die Freude am HERRN uns immer wieder neu zur Stärke werde.

Hans Bookmeyer, Pastor für besondere Aufgaben im Ev.-luth. Kirchenkreis Aurich

7. September 2013: Kunn ́t man n ́bietje lichter wesen

Jürgen Hoogstraat, Pastor in Victorbur

Mien Frau un ik sünt vör ́n Settje van ́n Reis weerkoomen. Wat wassen wi blied, dat wi ́d Huus weer inkriegen deen. All dat Geschleep mit Kuffers, Taschen un Püten was nu ut. Wi kunnen dat Reev eem daalsetten un de schwore Lasten kweemen in ́t Waschmeschien off in ́t Schkapp. „Wi harren ja weer völstovöl mit“, so meen ik. Man mien Frau meen: „Wat mutt, dat mutt. Ik will dat good up Stee hebben. För mooi un malle Weer. Un Schkoh Schkoh bruukt de Minske ook.“ Wi bruken uns dor all düchdig mit van Narr, dat de Kuffers elke Mal bordevull sünt un ik mi dor all bolt upsetten mutt, dat se noch dicht gahn. Ik denk dann smaalls: kunn ́t man n ́bietje lichter wesen wat de Minske all so schleepen mutt, geih ́t up Reis. Kuffer in Hand, Pütt mit Reem um Schkuller to un Ringentaschke in ́t anner Hand. De Kuffergreep drückt di in de eene Hand, in de anner Hand ritt di ́t Ringentaschke in ́t Fleesk un Schkuller deiht di seer van all Geschleep. Ja: kunn ́t man n ́bietje lichter wesen. Un dat is neet bloot so bi de lüttje un groot Reisen, de wi so maaken, dat is up uns heel Lebensreis so.

Wi Minsken loopen faak mit heel dicke Kuffers vull Sörgen, Püten vull Verdreet un Taschken vull van anner Lebenslasten. Schküld kann dor in sitten, dien eegens off wat annern di upladen hemm. Verdreet kann dor in sitten, wor elk un een van weet off wor du mit nümms over prooten kannst. Sörg kann dor in sitten, um dien Leevsten, um dien Femilje, dien Frünnen. Sörge kann dor in sitten, wo dat woll wiedergeiht in uns lüttje un groot Welt. Sörg kann dor in sitten, off du mörgen dien Utkomen noch hest. Mennig een van uns schleept sovöl Kuffers, Taschen un Püten vull Lebenslasten mit sück, dat he bolt neet van ́t Stee kummt. So schwor word dat un dat Loopen word all stuurder. Man dor is eene, de will geern mitdragen. „Schmiet dien Sörgen up mi! Ik will ́t woll dragen!“ seggt he. Un dat is Jesus, de dat seggt (na 1.Petrus 5,7). Du löppst stuurder as ́t mutt, seggt he ook. Koom bi mi, ik will di so geern helpen to dragen. Wenn du bi hum kummst un di an hum hollst, sünt dien Kuffers un Taschen un Pütten neet so tomal löss Nee, so geiht dat neet. Man wenn he mitdragen deiht, word di ́t lichter. De sülvige Heer, de Himmel un Eer maakt hett, de hett keen grooter Sörge, as dat du ́n bietje lichter loopen kunnst. Well sück an hum hollt, dürt sück de Kuffer vull Schküld offnehmen laaten. Well sück an hum hollt, dragt he geern de Püten vull Noot mit. Un de Ringentaschke mit Sörgen leggt he sück ook up. Jesus schleept dat Wark na sien Krüzbarg un de Reemen van uns Püten schnieden hum in ́t Schkullers. Sien Hannen verneelt he sück mit de Greepen van de Kuffers un Taschken. Man dat word hum neet tovöll. He will di so geern dragen helpen un röpt vandage ook weer: Schmiet dien Sörgen up mi! Ik will ́t woll dragen!“. Dat kann n ́heel Bült lichter worden, löpst du mit hum wieder.

Jürgen Hoogstraat, Pastor in Victorbur

31. August 2013: Wem vertrauen Sie am meisten?

Sabine Bohlen, Pastorin in Wiegboldsbur und Forlitz-Blaukirchen

In eine kleine Stadt kam ein Drahtseilakrobat. Der Marktplatz war voll, als er seine Kunststücke viele Meter über dem Boden ausführte. Alle verrenkten ihre Hälse und zitterten mit. Nach einiger Zeit kam der Akrobat nach unten, ging zu einer Schubkarre und fragte die Anwesenden. „Traut ihr mir zu, dass ich diese Karre sicher über das Seil schiebe?“ Alle nickten, denn er hatte schon viele Kunststücke vorgeführt.

„Gut, sagte der Mann, dann bitte ich nun jemand von Ihnen sich in die Karre zu setzen, nachdem ich sie auf das Drahtseil gehoben habe.“ Da machten alle erschrockene Gesichter. Keiner traute sich.

Plötzlich stand ein kleiner Junge neben dem Künstler. Ja, er wolle sich in die Karre setzen. Und noch bevor die Umstehenden ihn davon abhalten konnten, war er auf das Gerüst gekleckert und saß in der Karre. Alle hielten den Atem an, bis beide das Ende des Seils erreicht hatten. Stürmischer Beifall. Als der Junge wieder unten war, fragten ihn einige: „Sag mal, hattest du denn gar keine Angst da oben in der Karre.“ „Nein“, sagte der Junge und lächelte. „Mein Vater hat doch die Karre geschoben!“

War das also nur ein Trick? Vielleicht ein Trick mit der Angst und dem Staunen der Zuschauer. Kein Trick jedoch, was das Vertrauen des Sohnes zum Vater angeht. Was hat der Vater alles tun müssen, um seinem Sohn die Angst zu nehmen. Wie oft hat er ihn auffangen müssen. Denn niemand wird mit Vertrauen geboren. Er lernt es langsam durch die Zuwendung der Eltern, durch Wärme, freundliches Lachen und gute Worte. Wer von den Zuschauern nach Hause gegangen ist und weiter nachdachte, hat sich vielleicht gefragt: „Hätte mein Sohn oder meine Tochter mir auch so vertraut?“

In Psalm 118 steht: „Es ist gut, auf den Herrn zu vertrauen und sich nicht auf Menschen zu verlassen.“

Wem vertrauen Sie am meisten?

Sabine Bohlen, Pastorin in Wiegboldsbur und Forlitz-Blaukirchen

24. August 2013: Gute Nachbarschaft – ein Gottes-Dienst

Jens Blume, Pastor in Timmel und Mittegroßefehn

Mein jetziger Nachbar hat mir einmal erzählt: Als er damals hierher gezogen ist, da gab es (natürlich) einen schönen Bogen zum Einzug und ein kleines Fest „auf gute Nachbarschaft“. Bei dieser Gelegenheit nahm ihn einer aus der neuen Nachbarschaft (inzwischen ist er längst verstorben) beiseite und sagte zu ihm: „Nachbar! Tu mir einen Gefallen: gib mir die Chance, ein guter Nachbar zu sein!“

„Ja–äh–liegt das denn an mir?“, war die verblüffte Antwort. „Allerdings! Wenn Du zum Beispiel mal eine Leiter brauchst oder ein Werkzeug, oder wenn Du mal jemanden brauchst, der mit anpackt oder etwas für Dich erledigt – dann frag gefälligst! Ich selbst werde das genauso tun. Nur – wenn Du Dich nicht meldest, dann kann ich nichts für Dich tun! Und wenn Du nicht weißt, wenn ich etwas brauche, dann kannst auch Du nichts für mich tun. Dann wären wir füreinander schlechte Nachbarn. Das wollen wir doch vermeiden!“

Eine verlässliche Gemeinschaft und ein gegenseitiges Helfen – beides ist unverzichtbarer Teil unserer christlichen Lebenspraxis.

„Nächstenliebe“ oder „Diakonie“ – das sind Wörter, die in der Regel auch denen positiv etwas sagen, die sonst dem Glauben eher skeptisch gegenüber stehen. Warum sollten gerade wir Christinnen und Christen im Besonderen in die Pflicht genommen sein? Und: Wie sieht denn das Helfen konkret aus?

Der biblische Wochenspruch für die neu anbrechende Woche steht im Matthäus-Evangelium, Kapitel 25:
Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Weil wir ja nun nicht vorhaben, jemandem vorsätzlich etwas Böses zu tun (in dieser Richtung könnte man den Satz ja auch lesen – wie eine Drohung), und wenn wir mit unserem Leben diesem Satz entsprechen wollen, dann gilt es, die „geringsten Brüder“ und die „geringsten Schwestern“ als solche zu erkennen.
Im Matthäus-Evangelium ist von Hungrigen die Rede. Auch von Durstigen, Unbekleideten, Fremden, Kranken und Gefangenen.
Gastfreundlich sein, Fremde willkommen heißen und weder Kranke noch Gefangene allein ihrem Schicksal überlassen – das sollen wir tun!
Und tatsächlich: In großen und kleinen Hilfen versuchen wir diesem Auftrag gerecht zu werden. Durch Spenden für Menschen in Katastrophengebieten (zum Beispiel in den von Hochwasser betroffenen Gebieten Deutschlands), im Rahmen unserer Kirchenkreis-Partnerschaft mit dem Sudan oder über „Brot für die Welt“ und, und, und…
Die „geringsten Geschwister“ – das sind aber auch diejenigen mit der geringsten Entfernung: die Nachbarn. Helfen und Sich-helfen-lassen gehört dabei zusammen. Das Wissen, dass wir alle einmal in die Situation kommen, in der wir die Hilfe anderer brauchen. Und diese Hilfe können wir dann genauso hemmungslos in Anspruch nehmen, wie wir unsrerseits Hilfe ganz selbstverständlich anbieten.
Und Jesus sagt uns nun: „…das habt ihr [dann] mir getan.“ Ein Dienst an Christus, ein Dienst an Gott. Die Praxis des Glaubens hat mehrere Seiten. Eine davon ist die helfende Seite. Die Seite, in der unser Glaube zur Tat schreitet bzw.: Das Helfen ist Ausdruck eines lebendigen Glaubens.
Wir Christinnen und Christen schieben die Verantwortung für andere nicht von uns ab. Wir delegieren nicht alles an professionelle Hilfswerke, geben eine Spende und lehnen uns dann selbstzufrieden zurück. Sondern: Es ist eine Form von Dienst an Gott (Gottesdienst), wenn wir Nöte der anderen erkennen, wenn wir quasi auf Hilfsanfragen warten und uns dann bewegen, um etwas gegen die Not zu tun.

Vielleicht ist das die Leiter oder das Werkzeug, das wir verleihen, wenn der Nachbar danach fragt. Vielleicht ist es der Besuch bei Kranken oder bei Menschen, die in den Umständen ihres Lebens gefangen sind.
Vielleicht ist es die Hilfe, die wir von anderen erfahren, in denen wir den Gottesdienst erkennen können.

Jens Blume, Pastor in Timmel und Mittegrossefehn

17. August 2013: Siehst du mich – Süchst Du mi?

Silke Kampen, Pastorin In Wallinghausen

„Hast Du mich gesehen?“, so fragt ein Kind seine Mutter, als es nach Hause kommt. Morgens war es mit dem Bus der Kreisbahn genau am Haus der Eltern vorbeigefahren – ein Schulausflug – und die Mutter hatte die Gardine zur Seite gerafft, was eigentlich nur zum Fensterputzen oder bei der großen Backaktion der Neujahrskuchen passieren durfte. Ja, sie hatte das Schulkind in dem braun-gelben Anorak im Bus gesehen und deutlich die Hände gehoben und gewinkt, um zu zeigen: Ich sehe Dich!

Mit dem Gesehen-Werden helfen wir in der mobilen Welt gerne und notwendigerweise nach: Beliebt sind bei nun bald wieder früh einsetzender Dunkelheit oder morgendlichen Dunkelgrau im Herbst Reflektoren aller Art: Snapbänder mit LED-Beleuchtung für Arme und Beine, neon-gelbe Überwürfe und Warnwesten für die Schulanfänger. Die Aktion des Verkehrssicherheitsforums für Schüler aller Altersstufen in Ostfriesland heißt deshalb auch: „Süchst Du mi?“ – „Sichtbarkeit bringt Sicherheit“, so lautet der Untertitel. Wie wahr! Denn letzten Winter habe ich einen Hund in neon-grüner Schutzweste bei Dunkelheit leuchten sehen: Gerade noch rechtzeitig konnte ich abbremsen. Der Hund trottete in Seelenruhe weiter und behielt seine gute Laune, seine Gesundheit, wenn nicht sogar das Leben. Ich natürlich auch. Sehen – gesehen werden ist immer eine Sache auf Gegenseitigkeit.

„Siehst Du mich?“ – gesehen zu werden bedeutet merken, dass jemand da ist und mehr als nur existiert. Gesehen zu werden bedeutet wahrgenommen zu werden. Das tut allen Beteiligten gut: Denen, die sehen und wahrnehmen, und denen, die beachtet und gesehen werden. Es tut unserer Seele gut, nicht allein zu sein und beachtet zu werden. Auch im übertragenen Sinne gilt: „Sichtbarkeit bringt Sicherheit“. Ich werde wahrgenommen, ich fühle mich sogar an-gesehen und deshalb auch sicher. Jeder Gottesdienst schließt mit dem Segen – er hat also einen großen Sicherheitsaspekt, wenn der sogenannte Aaronitische Segen gesprochen wird: Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr erhebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden (4. Buch Mose Kapitel 6, Verse 24-26).

Der Segen ist ein gutes Wort für mich in der kommenden Woche. Ich bekomme nicht nur etwas auf die Ohren, das dann den Weg zum Herzen findet, der Segen hat eben ein optische Seite: Ich werde freundlich angeschaut, angesehen: Gott sieht mich. Er strahlt sogar, wenn er mich sieht. Meine eigenen Schatten verblassen in seinem Segen. Wenn wir aus Angst, gefrustet oder niedergeschlagen Gott die Frage stellen. „Siehst Du mich überhaupt noch – süchst Du mi oder bün ik all vergeten?“, wird er mit dem Segen antworten: „Ich sehe dich!“ Und wir stehen plötzlich in einem ganz anderen Licht da.

Oder wir fragen Gott lachend, erleichtert und haben Lust, an diesem Wochenende das Stadtfest zu feiern, dann werden wir am Sonntag, den 18. August 2013, um 11 Uhr auch eine Antwort auf die Frage erhalten: „Süchst Du mi?“, ganz sicher, denn Sichtbarkeit bringt schließlich Sicherheit.

Silke Kampen, Pastorin in Wallinghausen

10. August 2013: Hochmut kommt vor dem Fall …

Es gibt Menschen, bei denen man das Gefühl der Selbstverliebtheit, der Selbstüberschätzung wie auch der Arroganz verspürt. Man könnte auch von „Hochnäsigkeit“ sprechen; damit vermitteln sie zudem den Eindruck, sie seien überzeugt, einfach „besser“ zu sein. Wer als Gegenüber kein ausgeprägtes Selbstwertgefühl hat, kann sich da nur „kleiner“ vorkommen.

Hans Bookmeyer, Pastor in Bangstede und Barstede

Der Umgang mit solchen Menschen ist nicht immer leicht; sie geben gern einen Rat, brauchen selbst aber keinen (sie wissen ja vermeintlich alles besser); sie geben wohl Hilfe, brauchen aber keine; sie reden wohl, aber eine Unterhaltung ist schwierig, da ihre Meinung kaum eine andere zulässt (außer die bestätigende); sie sehen wohl Fehler anderer, machen ihrer Überzeugung nach selbst aber alles richtig …

Solche Menschen können einsam werden, merken es aber womöglich lange Zeit nicht, fast, als ließen sie nicht einmal sich selbst an sich heran.

Doch: Alle menschliche Erfahrung lehrt, dass niemand vollkommen ist, dass im Grunde jede und jeder der Begleitung, der Hilfe, des Verständnisses, der Vergebung – der Liebe bedarf.

Hochmütige stehen sich offenbar schließlich selbst im Weg, und wenn sie dann fallen, fallen sie tief … – denn sie haben (wollen) keinen, wissen um keinen, der sie auffängt, hält – liebt.

Martin Luther sagt: „Der Hochmut bewirkt, dass die Leute mächtiger, weiser und gerechter sein und scheinen wollen, als sie in Wahrheit sind.“ [Weimarer Ausgabe Band 40 III, S. 379].

Im Wochenspruch heißt es bei Petrus (1. Petr. 5,5): „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“

Dabei will Gott uns gewiss nicht „klein“ machen, hat er uns doch selbst mit unseren Gaben und Fähigkeiten ausgestattet; liebt er uns doch so sehr, dass er in Seinem Sohn sich selbst für uns gibt, aus lauter, reiner Liebe – auf dass wir darauf vertrauen dürfen: Wo auch immer wir sind, „oben“ oder „ganz unten“ – schließlich im irdischen Tod: Er lässt uns nicht allein, nicht fallen – er schenkt uns letztlich sogar eine Zukunft, die wir uns selber nicht schaffen können.

Gott verschließt sich uns nicht, aber wer vermeintlich keine Hilfe, keine Vergebung, keine Liebe braucht, verschließt sich damit am Ende auch Gott und fiele ins Bodenlose, sofern er sich nicht doch die Augen öffnen ließe.

Gott möchte uns die Augen öffnen, um uns unverdient, geschenkweise, aus Gnade, ein neues Leben zu geben, schon hier auf Erden (befreit von auf Dauer überfordernder Selbstüberschätzung) und dereinst in Seiner Vollkommenheit.

Johannes Scheffler formuliert im Text des Liedes „Ich will dich lieben, meine Stärke“ [Ev. Gesangbuch, Nr. 400]: „Ich lief verirrt und war verblendet … und liebte das geschaffne Licht. Nun aber ist ́s durch dich geschehn, dass ich dich hab ersehn.“ [Strophe 4] Und: „Ich danke dir, du wahre Sonne, dass mir dein Glanz hat Licht gebracht; … ich danke dir, du güldner Mund, dass du mich machst gesund.“ [Strophe 5].

Hans Bookmeyer, Dornum, Pastor für besondere Aufgaben im Kirchenkreis Aurich

3. August 2013: Wegweiser

„Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege!“ Mit diesem Psalmwort endet bei uns in Weene im Gottesdienst die Lesung. Damit wird anschaulich, dass die biblischen Worte nicht nur einen guten Klang haben, sondern auch mit hinaus in den Alltag gehen sollen, dass sie dort draußen gelebt und vor der Kirchentür beherzigt werden wollen.

Kurt Booms, Pastor in Weene

Meine Gedanken gehen bei diesem Satz allerdings auch immer auf eine Reise in die Vergangenheit, in eine Zeit, wo noch nicht alles mit Straßenlaternen ausgeleuchtet war, wo es in unseren Dörfern und Städten manche dunkle Ecke gab und man froh war, ein Licht und eine Leuchte bei sich zu tragen. Gleichzeitig denke ich an die Kinder mit ihren Martini-Laternen, welche ihnen im Finstern den Weg weisen und ganz sicher auch etwas von der natürlichen Ängstlichkeit verscheuchen. Ich habe auch die langgestreckten Tunnel auf den Urlaubsfahrten in den Süden vor Augen, wo man aufatmet, wenn sie zu Ende gehen und das Tageslicht und die Sonne sich wieder zeigen.

„So ist es mit Gottes Wort“, sagt der Psalmdichter. Gerade, wenn es über schwierige Abschnitte geht, in den Dunkelzeiten des Lebens wird es besonders wichtig. Gerade dann zeigt sich seine Bedeutung. Er meint: Das Wort Gottes hat die Kraft, dir in den finsteren Tälern des Lebens den Weg zu weisen, dich mit seiner Leuchtkraft zu ermutigen und dir dabei den Rücken zu stärken. Davon ist er felsenfest überzeugt: Wer mit Gottes Wort seinen Weg geht, wird niemals ganz die Orientierung verlieren, wird immer das Ziel vor Augen haben. In diesem Vertrauen dürfen wir dann auch auf den blicken, der von sich gesagt hat: „Ich bin das Licht der Welt!“

Von Kurt Booms, Pastor in Weene

27. Juli 2013: Glaube und Geiz gehen getrennte Wege

Michael Groothues, Militärpfarrer in Aurich

Glaube und Geiz – das passte gut zusammen. Es war der Soziologe Max Weber, der den wissenschaftlichen Beweis erbrachte. Der Fromme, sagt er, arbeitet fleißig. Sein mühsam verdientes Geld gibt er kaum aus, sondern spart es. Durch Zinsen vermehrt es sich und wird zu einem guten Kapital. So wird der Fromme mit seiner sparsamen Grundhaltung zum Mitgründer des Kapitalismus. Es war eine tolle Leistung, damals vor 100 Jahren. Es ist die Wiege unseres Wohlstands.

Doch die Gründung und die Blütezeit des Kapitalismus haben ihre besten Tage hinter sich. Das reichlich angesammelte Kapital verselbstständigt sich. Es führt zur Vernichtung von Arbeitsplätzen und zur Bedrohung der Schöpfung. Das einst Gebotene ist zum Fluch geworden. Das Kapital führt ganze Nationen an den Rand des Abgrunds.

Wo liegt die Lösung? Im Sozialismus? Ebenfalls Sackgasse. Die Lösung liegt im Menschen selbst.

Der Mensch muss neu Maß nehmen, sein Verhalten nachjustieren. Arbeit und Ruhe kommen ins Gleichgewicht. Verdienst und Konsum wechseln sich ab. Qualität und Quantität bilden eine Harmonie. Freude und Lebenslust führen auf den rechten Pfad.

Ideen gibt ́s genug: Der hochwerte Edelstahlgrill – schon lange ein Traum kommt in den Garten! Die coole Markenjeans vom Händler in der City – ausprobiert und eingepackt! Dazu ein paar Westernstiefel – gleich mit in die Tüte. Die Reise in den Süden – so gut wie gebucht! Das Bankkonto wird abgespeckt, das E-Bike bar bezahlt. Auch die Kinder und Enkel haben einen Wunsch frei. Weihnachten ist noch weit. Doch das Leben ist zu kurz, um es aufzusparen. Wie sagte Jesus: „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon (Lukas 6,9).“

Nachjustieren ist die Lösung! Glaube und Geiz gehen getrennte Wege. Nicht leicht, aber Liebe und Gottvertrauen machen ́s möglich. Und im Urlaub – da gönnen wir uns was.

Michael Groothues, Militärpfarrer in Aurich

20. Juli 2013: Hand geben?

Das Handgeben ist ein alter Brauch, den es vielleicht bald schon nicht mehr gibt. Ich erlebe es immer öfter, dass mein freundlicher Gruß zwar erwidert, meine ausgestreckte Hand aber nicht ergriffen wird. In Erkältungszeiten kann man dieses sicherlich auch noch medizinisch rechtfertigen. Es ist ja auch nicht unbedingt nötig. Ein freundliches „Moin“ von Weitem ist oft nicht weniger herzlich gemeint. Dennoch verbinde ich mit dem Handgeben ganz positive Erfahrungen.

Entstanden ist diese Sitte bei unseren germanischen Vorfahren, um dem anderen seine unbewaffnete Hand zu zeigen – sozusagen als Friedensangebot. Vielleicht haben wir solche Friedensangebote in unseren Breiten heute nicht mehr nötig, oder doch?

Heidrun Ott, Pastorin in Moordorf

Mir tut es gut, wenn sich mir jemand im Moment des Handgebens mit seiner ganzen Aufmerksamkeit zuwendet. Er signalisiert mir: Ich nehme mir Zeit, mich dir zuzuwenden. Und ich könnte mir Zeit nehmen, ihm etwas zu erzählen. Das spielt sich allesinSekundenschnelleab, aber es ist eine echte Begegnung mit einigen wertvollen Informationen. Da lasse ich mich von jemandem berühren, vielleicht nicht nur im wörtlichen Sinn, sondern auch darüber hinaus.

In der Bibel ist „Hand“ eines der meistgebrauchten Wörter. Es wird als Bild für Gottes Liebe zu den Menschen gebraucht. Gott reicht den Menschen seine Hand. Er hält schützend seine Hand über sie und er verbindet menschliche Hände. Die Hand hat eine beziehungsstiftende Kraft. Vielleicht ist das Handgeben ein alter Brauch, der seine Kraft doch nicht verlieren wird.

Heidrun Ott, Pastorin in Moordorf

13. Juli 2013: Zeugen sein

Sven Kramer, Studienleiter der ARO

Liebe Leserin, lieber Leser, der Kopf will das Neue. Unsere Augen brauchen immer neue Reize und Bilder. Der Verstand will Neues erkennen und Unbekanntes begreifen. Menschen wollen immer Neues erfahren und erleben. Sie wollen das Fremde erforschen und Ungewohntes erproben. Es ist eine tiefe Sehnsucht nach Aufbruch und Abenteuer in uns. Das Fremde und Ferne, das Neue und Unbekannte lockt. Fernweh lässt die Menschen reisen, manchmal auch rasen. Es lässt sie aufbrechen und unterwegs sein. Der Kopf will das Neue.

Das Herz will das Alte. Tief in uns wohnt neben der Neugier auch die Sehnsucht nach dem Gewohnten, dem Vertrauten und Bekannten. Kinder wollen immer dieselben Geschichten hören und brauchen feste Abläufe. Menschen haben Lust am Geprägten und Verlässlichen. Wiederkehr schafft Bequemlichkeit, aber auch Ruhe und Frieden.

Neben dem Drang, die Welt zu erobern, liegt das Verlangen, zu bewahren. Neben dem Fernweh wohnt das Heimweh. Wir wollen raus in die Ferne und zugleich rein in das Gewohnte, Liebgewordene und Vertraute. Denn unser Herz braucht einen Ruheort. Wir sehnen uns nach bekannten Liedern, nach verlässlichen Grenzen, nach geprägten Worten und festen Zeiten.

Der Kopf will das Neue. Das Herz will das Alte. So leben wir in einer Spannung aus Aufbruch und Heimkehr, aus Fernweh und Heimweh, aus Bewegung und Ruhe. Und auch unser Glaube – wenn er uns tragen soll – wird eine Mischung sein aus Wagnis und Verlässlichem, aus Loslassen und Festhalten, aus Losgehen und Bleiben, aus Veränderung und Bewahrung. Im Timotheusbrief lese ich, dass ich bei dem bleiben soll, was ich gelernt habe und mir vertraut ist (1. Tim 4,16). Aber im Epheserbrief lese ich: „(…) Lasst uns wachsen in allen Stücken … Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist (…)!“ (Eph 4,15.23f).

Sven Kramer, Studienleiter der ARO

6. Juli 2013: Leonie und Ben

Wer ist das nun wieder? Größen aus der Show-Branche, Sport oder Politik? Nein, auch keine Namensvorschläge für Kates und Williams Baby, dessen Geburt in diesen Tagen erwartet wird. Leonie und Ben sind die beliebtesten Vornamen des Vorjahres für den Landkreis Aurich. Jedes Jahr gibt es die Hitliste der Vornamen. Im Grunde erstaunlich, dass sogar Namen einer Mode unterworfen sein können. Andere orientieren sich bei der Namensgabe an Verwandtschaft, an der ostfriesischen Heimat, an vermeintlichen Vorbildern aus der Gesellschaft oder Bibel. Manchmal gibt es interessante Zusammenstellungen, aber für die Eltern machen sie Sinn. Auch mit Ihrem Namen wird sich eine Geschichte verbinden. Meine Vornamen sind eine Mischung aus damaliger Hitliste und Oma. Manchmal bin ich damit zufrieden, manchmal nicht. Gut, dass ich mir meinen Namen nicht aussuchen musste. Was hätte ich gewählt? Ich fand es schwer genug, Namen für unsere Kinder auszusuchen. Was wir alles bedenken wollten. Und dann musste die Entscheidung fallen. So wie bei der Heirat, als es um den Nachnamen ging, eine erste Bewährungsprobe der Partnerschaft. Denn Fausts Antwort auf Gretchens Frage nach der Religion, kann ich nur bedingt zustimmen: “Herz! Liebe! Gott! Ich habe keinen Namen dafür! Gefühl ist alles; Name ist Schall und Rauch!” Es ist mehr für mich. Mit Namen verbindet sich Lebensgeschichte. Wer Dinge beim Namen nennt, bekennt sich zu einer Sache. Wer einen Menschen beim Namen nennt, nimmt ihn als Person ernst. Wer sich zu Gott bekennt, macht sich noch an einem anderen Namen fest als dem eigenen. Ist Christus eigentlich der Nachname von Jesus?, fragt mich ein Vierjähriger. Ein besonderer Mann hat einen besonderen Namen. Wahrer Mensch und wahrer Gott, so verfasst es das nicänische Glaubensbekenntnis. Als Getaufte bekommen wir Anteil an dieser Gemeinschaft von Mensch und Gott, Himmel und Erde und als Christ oder Christin an diesem Namen.

Silke Helene Kotterba, Pastorin und Krankenhausseelsorgerin der UEK Aurich

Ich trage diesen Namen gern. Er macht mich frei von einem guten oder schlechten Ruf, der so oder so zur Last werden kann. In Gottes Namen darf ich anderen begegnen auf Augenhöhe, immer wieder neu, auch mit neuen Namen, die sich durch Hochzeit oder Scheidung ergeben. Familiäre Zusammenhänge von Kindern und Eltern sind nicht immer klar ersichtlich. Manchmal ist das Leben kompliziert und schwieriger als erhofft. Jesus hat die Geschwister genannt, die mit ihm auf Gott vertrauen. So können neue Beziehungen entstehen. Wer Zusammenhänge wissen will, kann höflich fragen. Wer einen Namen wissen will, auch. Manchmal vergessen Menschen ihren Namen und den der Liebsten, weil eine Krankheit Namen raubt. Auch das kann passieren. Und es kann wehtun. Es macht deutlich. Wir haben Grenzen, in Namenswahl, Namensgebung, Namensgedächtnis. Das ist menschlich. Wichtig finde ich, nicht zu vergessen, dass hinter der Konfirmandin, dem Oberschenkelhalsbruch, der Lehrerin, dem Pflegefall eine Person mit Namen steht. Die Würde ist unantastbar, der Name auch. Wer ihn nimmt und durch eine Nummer ersetzt, hat die Würde verwirkt. Auch solche Zeiten hatte Deutschland, leider.

Ein Name ist ein Pfund, mit dem wir wuchern können. Einander beim Namen zu nennen, sich vorzustellen, das Du oder Sie zu vereinbaren, ist eine Chance zum Kontakt. Und wenn wir uns Namen nicht merken können, ist das menschlich. Einer kennt uns auf ewig und schreibt unseren Namen ins Buch des Lebens. In Gottes Namen. Amen.

Silke Helene Kotterba, Pastorin und Krankenhausseelsorgerin der UEK Aurich

29. Juni 2013: In den Urlaub

Dr. Andreas Lüder, Pastor in Ostgroßefehn

Wenn es denn so einfach wäre. Nur eben das Haus verlassen, einmal um die Ecke biegen – und schon geht es ab in den Urlaub. Eine grandios einfache Möglichkeit bietet uns eine Straße an, irgendwo in Deutschland. „In den Urlaub“, so heißt sie auch gleich. Ein Foto von dem ungewöhnlichen Straßenschild fand ich jetzt im Internet.

Klingt das nicht nach einer der üblichen Verlockungen der Reise-Branche? „Urlaub von Anfang an“ versprechen sie, oder „noch urlaubiger“ seien ihre Reiseangebote – ganz so, als ließe sich das Urlaubsvergnügen beliebig steigern, natürlich nur im Interesse der immer anspruchsvolleren Kunden.

„Ich bin dann mal weg“: Auch das ist zum geflügelten Wort geworden, seitdem der beliebte Komiker Hans-Peter Kerkeling sich vor einigen Jahren mit diesem Satz von seinen Freunden verabschiedet hat, um sich auf den Weg nach Santiago de Compostela zu machen. Als Pilger zu Fuß auf dem Jakobsweg durch den Nordwesten Spaniens bis zu jenem Wallfahrtsort an der Atlantikküste. Ein ganz und gar einmaliger Urlaub war das, wie seinem vielgelesenen Buch über diese Wanderung zu entnehmen ist. Eine Reise zu sich selbst, zu dem, was das Leben wahrhaft trägt – jenseits von Terminstress und beruflicher Dauerbeanspruchung.

Vielleicht müssen wir dafür gar nicht unbedingt erst nach Spanien reisen. Es genügt wohl tatsächlich schon, einfach mal das Haus zu verlassen und um die Ecke zu biegen. Da beginnt das Abenteuer, auch hier bei uns in Ostfriesland. Ungewöhnliche Straßennamen wecken meine Neugier. Wohin gelange ich, wenn ich diese Straße „In den Urlaub“ einschlage? Wartet dann am Ende der Straße das Haus am See, das keine Wünsche offen lässt? Das gleichnamige Lied von Peter Fox ist auch nach Jahren immer noch täglich im Radio zu hören. Der ulkige Schlager scheint unverwüstlich, denn er spielt mit unserem Traum von einem rundum unbeschwerten Leben bis ins hohe Alter.

Fast immer sind die Wege dann doch länger. Weite Reisen nehmen wir in Kauf für die Ruhe und Entspannung unter südlicher Sonne, oftmals auch per Flugzeug. Auch meine Familie und ich werden bald schon wieder in den Süden reisen, wie viele andere Erholungsuchende auch. Abstand gewinnen vom Alltag, Zeit füreinander haben, die Seele baumeln lassen – die Hoffnung aller Reisenden jetzt in der Ferienzeit.

Seit zehn Jahren schon verbindet sich für mich damit auch der seelsorgerliche Dienst für andere Gäste an unserem Urlaubsort auf der Südseite der Alpen, wo jetzt bereits die sommerliche Hitze vom Mittelmeer heraufzieht. Fern der Heimat, endlich herausgerissen aus dem Alltagstrott zu Hause, kommt man sich selbst noch einmal ganz neu auf die Spur. Und fragt sich nach dem, was das eigene Leben eigentlich trägt und auf welche Wege es uns geführt hat im Laufe der Jahre.

Im Urlaub schauen wir uns selbst über die Schulter: Wo komme ich her und wo will ich noch hin? Und was hat das mit Gott zu tun? Spielt Gott überhaupt noch eine Rolle in meinem Leben? Kein Wunder, dass viele Menschen an ihren Urlaubsorten ganz unbefangen wieder mal in eine Kirche gehen, nicht nur so mancher Kunstschätze wegen. Sie spüren die meist bereits jahrhundertelange Frömmigkeit, von der solch eine Kirche zeugt: Hier erleben Menschen den tragenden Grund ihres Lebens, Tag für Tag. Hier erfahren sie Gott.

So manchen Urlauber zieht es darum auch wieder in einen Gottesdienst. Dafür sind wir evangelischen Urlauberseelsorger da: Gottesdienst zu feiern mit Menschen, die zu Hause an Kirchen achtlos vorbeigehen, weil ihnen der Glaube schon lange nichts mehr bedeutet. Doch im Urlaub erreicht die Frohe Botschaft wieder ihre Seele. Manchmal höre ich das auch so von Gottesdienstbesuchern: Dafür musste ich wohl erst in Urlaub fahren, sagen sie – und staunen dabei über sich selbst.

Mit dem Staunen fängt der Glaube an:
mit dem Staunen darüber, was Gott auf meinem Lebensweg noch alles bereithält.
Egal, ob er mich in der Ferienzeit nur mal eben um die Ecke biegen lässt
oder mir einen erholsamen Urlaub unter südlicher Sonne schenkt.

Dr. Andreas Lüder, Pastor in Ostgroßefehn

 

22. Juni 2013: Sommergrippe

Cathrin Meenken, Pastorin an St. Lamberti Aurich

„Dich hat’s richtig erwischt!“ Diese Worte meines Hausarztes wollte ich Mitte Juni eigentlich nicht hören. Aber die Zeichen sind eindeutig: Halsschmerzen, Husten und vor allem Kopfund Gliederschmerzen! Alle um mich herum genießen den Sommer. Doch ich quäle mich mühsam aus dem Bett und wundere mich, wie viele Knochen in meinem Körper überhaupt wehtun können. Langsam, Schritt für Schritt, gehe ich unsere steile Treppe hinunter. Ich muss lachen, denn mein stöckeliger Gang erinnert mich an Oma Erna, die mit ihren damals fast achtzig Jahren diese Treppe regelmäßig gehen musste. Unwillkürlich habe ich ihre mahnenden Worte im Ohr: „Noch bist du jung, aber Du wirst irgendwann an Oma zurückdenken.“ Für einen Moment bekomme ich Angst: Fühlt sich so alt sein an? Meine Pläne für das Alter sehen anders aus. Ich möchte viel unterwegs sein und mich des Lebens freuen! Aber mit solchen trägen Knochen ist daran nicht zu denken.

Alt werden wollen viele, so sagt ein Sprichwort, alt sein nur wenige. Da ist was dran.

Wir haben weder das Alter noch die Gesundheit in der Hand. Während meiner Sommergrippe wird mir diese Tatsache wieder bewusst. Wie wohltuend sind da die Worte Gottes: „Ja, ich will euch tragen bis ins Alter und bis ihr grau werdet.“ (Jesaja 46,4) Ich darf mein Alter und meine Gesundheit in die Hände Gottes legen. Gott, der mich das ganze Leben getragen hat, wird nicht müde, mich im Alter weiter zu tragen und festzuhalten. Mutig kann ich mich den Fragen und Aufgaben stellen, die das Alter so mit sich bringt. Den guten, wie den schweren Herausforderungen. Auch wenn das Alter nicht so gesund ist, wie gewünscht und erhofft. Ich vertraue darauf, dass Gott mir Mittel und Wege zeigen wird, die Treppe vor meinen Füßen zu bewältigen. Hoffentlich wird er mein Herz berühren, wenn die Worte meiner Außenwelt mich scheinbar nicht mehr erreichen. Und bis dahin möge er mir ein Lächeln auf die Lippen zaubern, wenn ich mein erstes graues Haar entdecke!

Cathrin Meenken, Pastorin in Aurich-Lamberti

15. Juni 2013: Alles Geschaffene ist vergänglich

Sunnive u. John Förster, Pastoren in Riepe

Zu Jahresbeginn 2013 konnte niemand damit rechnen, für wie viele unserer Mitbürger sich der Jahresspruch aus dem Hebräerbrief: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“, schmerzhaft und radikal bewahrheiten würde.

Voller Schrecken sehen wir in diesen Tagen Bilder von überfluteten Landschaften und Dörfern entlang der Elbe. Innerhalb weniger Jahre kam es in Deutschland zu einer weiteren Jahrhundertflut. Tausende Menschen sind davon betroffen. Während Statistiken mit Zahlen das Ausmaß dieser erneuten Katastrophe darzustellen versuchen, nehmen wir Anteil an Einzelschicksalen. Ein Bild zeigt ein Boot, das mit Menschen gefüllt ist. Auch ein Mädchen sitzt darin und schaut zurück auf ihr Zuhause, das rundherum von Was- ser eingeschlossen ist. Das Wasser reicht bis an den oberen Rand der Fenster und der Eingangstür. Glücklicherweise ist das Mädchen unversehrt gerettet, es ist aber noch nicht abzusehen, wie groß der Verlust an Haus und Gut für die Familie ist und wie schmerzhaft dieser Verlust von Liebgewordenem und Vertrautem für ihre Seele ist.

Angesichts dieser Realität mag unser Jahresspruch brutal und zynisch klingen. Denn danach sehnen wir uns doch: nach einem festen und verlässlichen Zuhause! Ein Zuhause, wo wir uns sicher und geborgen fühlen. Oft ist es ein Lebenswerk, uns unsere Existenz selbst aufzubauen: ein Haus oder eine Wohnung, die unser eigen ist, wo wir uns wohlfühlen. Auch wenn wir wissen, dass wir dort nicht für ewig leben werden, bestimmt diese selbstgeschaffene Heimat unser Denken, Planen und Handeln. Wie schlimm ist es für einen Menschen, wenn dieser Ort von einem Moment auf den anderen bedroht oder gar zerstört wird. Wie viele alte Menschen haben es in Kriegszeiten und den Jahren danach erleben müssen, als ihr Zuhause in Trümmern lag oder sie aus ihrer Heimat vertrieben wurden. So ein Einschnitt ist tragisch und verändert unser Leben, weil plötzlich nichts mehr so ist wie es war. Wir müssen schmerzhaft erkennen, dass wir nichts festhalten können, dass alles Geschaffene vergänglich ist.

Was bleibt uns in solchen Schicksalsschlägen? Der Wochenspruch der vergangenen Woche lautet: „Christus spricht: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“ Diese Zusage Christi nimmt nichts von der bedrängenden, notvollen Situation, in der sich das Mädchen und viele andere befinden. Christus will uns mit seinen Worten aber trösten und wie- der Hoffnung geben.

So wie Jesus bei uns ist und unserer Seele neue Kraft und auch Heimat geben kann, ist er gleichzeitig durch sein Leben Vorbild, einander in schweren Zeiten beizustehen. Dies ist das Gebot der Stunde: Gegenseitige Hilfe und Unterstützung in einer schweren Zeit wie dieser. So sind viele Geschädigte überwältigt von der Hilfsbereitschaft von Menschen, die aus ganz Deutschland kommen, um ihnen beizustehen und weitere Gefahren abzuwenden. Institutionalisierte Hilfe (Feuerwehr, Bundeswehr, Technische und Medizinische Hilfswerke) ist in Deutschland ausgezeichnet organisiert. Sie kann jedoch nur verwirklicht werden durch Menschen, die bereit sind, sich mit ihrer Kraft und Zeit einzusetzen. Solch tatkräftige Anteilnahme ist Nächstenliebe in Jesu Sinn: Liebe, die sich an der Hilfsbedürftigkeit unserer Mitmenschen orientiert.

Sunnive u. John Förster, Pastoren in Riepe

8. Juni 2013: Die Muscheln aus Barstede

Wird der Altar in der Barsteder Kirche zugeklappt, dann sehen wir: zwei Muscheln. Muscheln? Was haben Muscheln in der Barsteder Kirche zu suchen?

Die Muschel ist ein altes christliches Symbol, das wir in vielen Kirchen finden. Sie ist ein altes Pilgerzeichen, mit dem Christen auf dem Weg sich seit vielen Jahrhunderten kenntlich machen als Menschen, die mit Gott oder auf der Suche nach Gott unterwegs sind.

Pilgermuschel Barstede

Die Pilgermuschel oder auch Jakobsmuschel genannt, ist das wohl bekannteste Zeichen für Pilger und kennzeichnet auch heute viele Pilgerwege, vor allen Dingen natürlich den berühmten Weg nach Santiago de Compostella. Das Symbol der Jakobsmuschel geht auf den heiligen Jakobus, dem Schutzpatron der Pilger, zurück.

Die Muschel hatte für Pilger früher auch einen ganz praktischen Nutzen: sie wurde als Trinkgefäß oder als Hilfe beim Essen benutzt und konnte leicht an der Kleidung befestigt werden, z.B. am Hut. Oft wurde die Pilgermuschel am Wallfahrtsort verkauft. Die Pilgermuschel wurde ein wichtiges Erkennungszeichen, das einen Pilger auszeichnete.

Aus christlicher Sicht hat das Symbol der Muschel mehrere Deutungen erfahren: Das sogenannte Jakobsbuch aus dem 12. Jahrhundert versteht die beiden Klappen der Muschel als Sinnbild des Doppelgebotes der Liebe: „Du sollst Gott, deinen Herrn über alles lieben“ – das ist die eine Klappe der Muschel, „Und deinen Nächsten wie dich selbst“ – das ist die andere Muschelklappe.

Gottesliebe und Nächstenliebe bilden gemeinsam die Einheit der Muschel. Das eine kann nicht ohne das andere sein. Wo beides zusammen kommt, entsteht, wie in der Muschel, ein geborgenes Zuhause, wo Menschen sich wohlfühlen und leben können, und wo etwas Kostbares wachsen kann.

Eine andere Deutung sieht die Muschel als Bild des Grabes, aus dem der Mensch eines Tages auferstehen wird, wie Christus, der der erste Auferstandene ist. Mit dieser Deutung hat die Muschel wohl auch ihren Platz auf dem Barsteder Altar gefunden: hier stehen die Muscheln über den Szenen aus der Passionsgeschichte und erinnern daran, dass das Leiden und Sterben Christi nicht das letzte Wort Gottes sein wird.

Jesus selbst vergleicht das Himmelreich einmal mit einer besonders schönen Perle, für die ein Kaufmann alles aufgibt, was er hat, um nur diese Perle zu besitzen. So wird die Muschel auch zum Symbol für uns selbst und unser Herz. Christen sind wie Muscheln, sie sind Menschen, die die Perle des Glaubens im Herzen tragen und darin bewahren, wie etwas besonders Kostbares.

Viele Menschen sind seitdem unterwegs auf dem Weg ihres Lebens mit ihren Zweifeln und Fragen und mit ihrer Sehnsucht nach diesem Glauben und Vertrauen.

Angelika Scheepker, Pastorin in Westerende, Bangstede und Barstede

Um diesem Glauben auf der Spur zu sein, muss man nicht unbedingt bis ganz nach Compostella laufen. Auch unsere schönen Kirchen sind Orte des Glaubens, wo wir versuchen, in gemeinsamen Gottesdiensten und im Leben unserer Gemeinden mit Gott und unserem Glauben unterwegs zu sein.

Die Barsteder Pilgermuschel erinnert uns: wir sind unterwegs auf dem Weg unseres Lebens, mit all´ unseren Lasten und dem, was uns festhält. Aber das, was uns bindet und bedroht, wird nicht das letzte Wort haben, das letzte Wort spricht Christus, der sagt: Ich lebe, und Ihr sollt auch leben!

Angelika Scheepker, Pastorin in Westerende, Bangstede und Barstede

1. Juni 2013: Überraschungen

Pastoralreferentin Brigitte Hesse, Dekanat Ostfriesland

Manchmal überraschen die alten Texte der Bibel wirklich und werfen Vorurteile, da seien nur überholte Werte und nicht mehr relevante Kulturhaltungen zu entdecken, über den Haufen. Eine solche Überraschung ist das Weihegebet von König Salomo in dem von ihm neu gebauten Tempel, aus dem in den katholischen Gottesdiensten am WochenendeeinStückgelesen wird. Hier betet er für die Fremden, die Andersgläubigen, die sich auf den Weg machen werden, um diesen berühmten Tempel zu besuchen. Wenn sie dann kommen und beten, so Salomo, „höre sie dann im Himmel, dem Ort wo du wohnst, und tu alles, weswegen der Fremde zu dir ruft“. Erstaunlich: Nicht „mein Gott“ und „euer Gott“, „Ihr da, wir hier“, sondern eine Universalität, die nur einen Gott kennt, der sich allen, die ihn suchen, erfahrbar machen soll. Das ist in einem Text, der fast 3000 Jahre alt ist, schon eine Überraschung und für die Suche nach einem sich gegenseitig achtenden Miteinander der Religionen heute höchst aktuell. Der Verzicht Salomos, Menschen als Gläubige oder Heiden zu sortieren, sein Glaube, es dem einen und einzigen Gott überlassen zu können, wie er auf die Glaubenswege der Menschen reagiert – das ist religiös aufgeklärt und könnte Ausgangspunkt eines neuen Dialogs sein. Ohne Ansehen der Person, ohne Bewertung ihrer Moral, ihres Glaubens und ihrer Familienund Einkommensverhältnisse soll es auch bei Organspenden gehen. Einzig und allein medizinische Ge- sichtspunkte bestimmen eine Reihenfolge bei den Organempfängern. So sollte es sein, doch das Vertrauen in dieses Prinzip ist durch die zahlreichen Skandale gebrochen. Der heutige Tag der Organspende, der bundesweit begangen wird, versucht durch Information und Präsentation der Beteiligten eine neue Glaubwürdigkeit in die Abläufe zu schaffen und Menschen für die Bereitschaft zur Organspende zu gewinnen. Das geschieht in Essen auf der diesjährigen Zentralveranstaltung der ‚Deutschen Stiftung Organspende‘ (DSO), aber auch in Ostfriesland, zum Beispiel beim heutigen ersten ökumenischen Gottesdienst in Leer zum Thema oder bei der eine Woche später stattfindenden Infoveranstaltung ebenda. Und auch hier ist klar: Alle Menschen, die dringend ein Organ zum Weiterleben brauchen, haben das gleiche Anrecht darauf. Es gibt keine Menschen erster und zweiter Klasse. Wer Organspender ist, weiß, dass er nicht weiß, wem seine Organe ein Weiterleben ermöglichen. Er muss nicht werten, sortieren, ausschließen, bevorzugen… doch irgendwo wird es passen. Und dann wird es für jemanden weitergehen, eine neue Lebenszeit, ein zweiter Geburtstag… Das ist eine gute Botschaft. Gott steht ihr nicht im Wege, sondern ist auch selbst diese Botschaft. Er hört, wer ihn ruft, er ist Leben und will das Leben. Und wir? Auch wir können anderen zum Leben helfen. Im Extremfall durch eine Organspende, aber auch durch Zuhören, durch Zuwendung, durch konkrete Hilfe. In diesem Sinne: ein sonniges Wochenende und eine gute Woche!

Pastoralreferentin Brigitte Hesse, Dekanat Ostfriesland

25. Mai 2013: Bedeutung von Namen

Kurt Booms, Pastor in Weene

„Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind“ – so sagt es Jesus seinen Jüngern im Lukasevangelium (10,20). Ausgehend von diesem Wort haben wir uns zum Thema „Taufe“ im Konfirmandenunterricht Gedanken gemacht zu unserem eigenen Namen:

Warum habe ich eigentlich diesen Namen von meinen Eltern bekommen? Und Was haben sie sich dabei gedacht? Hat er eine Bedeutung und kann ich ihn übersetzen? Gefällt mir mein Vorname? Was tue ich, um mir einen guten Namen zu machen? Ich habe an die alte Tradition erinnert, die Namen in der Familie weiterzugeben, auch dass sie manchmal nach Persönlichkeiten oder Stars ausgesucht werden. Es fiel auf, dass viele Namen ihren Ursprung in der Bibel haben und sich in die deutsche Sprache übertragen lassen. Ein gutes Zeugnis, eine hervorragende Leistung im Sport, auch ein freundliches Wesen, all das macht meinem Namen Ehre.

Unabhängig von allem Glück oder auch der Unzufriedenheit mit dem eigenen Namen, gibt Jesus uns eine Hoffnung, die darüber weit hinausgeht. Er hat nicht nur hier auf der Erde einen guten Klang und eine Bedeutung, sondern auch für und bei Gott. In der Taufe wird unser Name für alle Zeiten mit Gott verbunden. Wenn er vielleicht schon lange von Menschen vergessen wurde, so bleibt er doch bei ihm aufgehoben in alle Ewigkeit. Das ist wahrlich ein Grund zur Freude.

Das ist doch ein schönes Gesprächsthema für dieses Wochenende: ein wenig Namensforschung zu betreiben, bei den Eltern oder anderes nachzufragen und sich darüber auszutauschen. Dabei kann es zu manch überraschender Einsicht kommen. In der Erinnerung an die Taufe, dürfen wir uns freuen, dass unsere Namen im Himmel geschrieben sind.

Kurt Booms, Pastor in Weene

18. Mai 2013: An Pfingsten den guten Geist feiern

Der polnische Papst Johannes Paul II. feierte 1979 auf dem Warschauer Siegesplatz einen Gottesdienst. Zu ihm waren über eine Million Menschen gekommen. Der Kommunismus hielt das Land und die Menschen in Schach. Da rief der Papst in die versammelte Menge: „Sende uns deinen Geist! Und erneuere das Angesicht der Erde!“ Dann hielt Johannes Paul II. einen Moment inne. Es wurde ganz still. Dann zeigte er mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den Boden. Dazu rief er: „Dieser Erde!“

Für die Menschen in Polen war dieser Gottesdienst eine enorme Ermutigung. Friedlich machten sie sich daran, ein freieres und gerechteres Polen zu schaffen. „Solidarnosc“ war nicht nur der Name einer Gewerkschaft. Es wurde Programm. Ein neuer Geist der Solidarität sollte in das Land einziehen. Heiliger Geist. Die Fenster und Türen wurden aufgemacht. Mit vielen Polen verbinden auch uns Deutsche heute längst wieder freundschaftliche Beziehungen.

Tido Janssen,  Pastor in der Lamberti-Gemeinde  und Superintendent des Kirchenkreises Aurich

An vielen Stellen gibt es eine neue Sehnsucht nach diesem guten Geist. Und es gibt viele Orte, wo dieser gute Geist hier – hier bei uns – wohnt und zu erleben ist. Zum Beispiel in Moordorf. Ich war eingeladen zum 120-jährigen Gemeindejubiläum. Liebevoll war die Kirche von Gemeindemitgliedern geschmückt worden. Ein freundlicher Geist der Gastfreundschaft empfing mich und war überall spürbar. Eine Freude am Miteinander. Wir haben festlich Gottesdienst gefeiert. Und anschließend gab es leckeres Spanferkel mit Bratkartoffeln. Auftakt für eine Woche voller Ideen für weitere schöne Veranstaltungen.

Andererseits gibt es andernorts auch Gremien, da käme niemand auf die Idee zu sagen: „Hier herrscht ein guter Geist!“ Da geht es nur um die Durchsetzung eigener Interessen. Da wird nicht gut miteinander und übereinander geredet. Die Wahrheit wird oft verkürzt. Ein starker guter Geist, der die Welt, der diese Welt verändert: Pfingsten feiern wir ihn. Hier! Es gibt so viele hier bei uns, die von diesem Geist bewegt sind. Sie denken nach über ihr Leben, suchen nach Spuren Gottes. Dankbar sagt ein Jubilar gerührt: „Mit Gottes Hilfe habe ich das alles geschafft.“ Andere kommen zusammen, um davon gemeinsam zu singen und zu musizieren. Wieder andere gehen ganz selbstverständlich und ohne großes Aufheben zu ihrer Nachbarin, um ihr zu helfen und beizustehen. Engagement hat viele Gesichter. Gottes Geist erneuert das Angesicht der Erde. Dieser Erde. Unserer Lebens-Orte. Unseres Lebens. Diesen Geist finden wir in den Herzen vieler liebevoller Menschen, die sich für andere einsetzen, die das Gemeinwohl fördern, die sich für eine Politik einsetzen, die unsere Welt und unsere Orte friedlicher und gerechter macht.

Ich selbst kann Einlasstor für diesen guten Geist werden. Er kann mich stark machen. Für mich. Für andere. Ich kann hingehen zu anderen, bei ihnen auftauchen in der Familie, in der Freundschaft, in der Kirchengemeinde, in der Freizeit, in der Partei, in der Schule, im Beruf. Ich kann um diesen guten Gottesgeist bitten. „Sende uns deinen Geist. Und erneuere das Angesicht der Erde. Dieser Erde.“

Pfingsten fängt es mit der Kirche an. Wie damals in Jerusalem: Menschen werden erfüllt von Gottes Geist. Sie sind zuerst verwirrt und fassungslos. Sie fangen an zu reden. Gehen los. Sie verstehen sich, reden in neuen Sprachen. Sind be-geistert, werden mutig. Einige machen sich lustig und spotten: „Die haben zu viel süßen Wein getrunken.“ Den Spott ertragen sie und wir. Und machen weiter. Weil Gottes Geist in uns ist.

Tido Janssen, Pastor in der Lamberti-Gemeinde und Superintendent des Kirchenkreises Aurich

11. Mai 2013: Geh aus, mein Herz

 Geh aus, mein Herz, 
und suche Freud 
in dieser lieben Sommerzeit 
an deines Gottes Gaben; 
schau an der schönen Gärten Zier 
und siehe, wie sie mir und dir 
sich ausgeschmücket haben 
sich ausgeschmücket haben.

In diesen Wochen ist das altbekannte Lied von Paul Gerhardt ein Muss. Endlich ist es wärmer geworden und damit geht das Herz auf. Bei den zahlreichen Gottesdiensten, die im Freien gefeiert werden, darf das Lied eigentlich auch nicht fehlen.
Das Singen dieses Liedes gibt Schwung, wenn ich gleichzeitig anschaue, was da besungen wird. Worte und Melodie spiegeln gut die Stimmung wider, die bei Sonnenschein entsteht, wenn der blaue Himmel sich über uns wölbt – in „ostfriesisch blau“, so wie er nur hierzulande sein kann.

Roman Ott, Pastor in Plaggenburg

Menschen hungern genauso nach Sonne, nach den Kräften der Schöpfung, wie Pflanzen und andere Lebewesen. Das kann für Menschen zu einer religiösen Erfahrung werden. An warmen sonnigen Tagen freuen wir uns an der Schöpfung. Wir können es sehen, erleben: grüne Pflanzen bedecken den Boden, die Bäume stehen kräftig in sattem Grün, Narzissen, Tulpen mit ihrer ganzen Farbenpracht.
Hinzu kommt die Tierwelt.
In dem Lied „Geh‘ aus mein Herz“ entsteht eine Sommerlandschaft, ein großer sommerlicher Garten tut sich auf. Der Liedanfang hat sein Gewicht am Ende des ersten Satzes: „Geh aus, mein Herz und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben.“ Ohne diese Worte wäre das Lied wirklich ein „Feld-Wald-und-Wiesen-Lied“, das jede und jeder mitsingen könnte. Gewiss – auch ohne diese Worte sehr schön. Doch durch den Zusatz „an deines Gottes Gaben“ wird das Lied zu einem Bekenntnis, zur Aussage des Glaubens. Religion wird Glaube.
Alles, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können, alles, was uns freut, alles, was uns staunen lässt, ist Gottes Geschenk, seine Gabe an die Menschen. Grund, sich zu freuen und zu danken. Das ist etwas, das ich erleben oder auch im wahrsten Wortsinn bei manchem Ausflug erfahren kann, wenn man für so etwas sensibel ist. Damit solche Erfahrung aber zum Glauben wird, muss das Nachdenken, die Reflexion hinzukommen. Es ist ein Staunen nötig, dass überhaupt etwas existiert. Dann ein Sich-selbst-verstehen als Geschöpf Gottes: Nichts versteht sich von selbst, sondern alles verdankt sich Gott, auch ich selber.
Dazu kommt die belebende Freude über das, was ich als schön erlebe.
Mögen auch Sie in diesen Wochen vielfach Erfahrungen machen,
sodass Ihr Herz „ausgeht“ und dabei „aufgeht“.

Roman Ott, Pastor in Plaggenburg

Himmelfahrt 8. Mai 2013: Der Himmel ist kein ferner Ort

Christ fuhr gen Himmel. 
Was uns angeht, 
wir fahren nach Amorbach!

Mit diesen Worten drückt der Dichter Lothar Zenetti das Unverständnis aus, das viele Zeitgenossen mit der Vorstellung des Himmels oder einer Himmelfahrt haben. Selten gebrauchen wir sonst im Alltag noch dieses schöne Wort Himmel. Vielleicht noch in Formulierungen wie „Das weiß der Himmel!“, „Dem Himmel sei Dank!“, „Um Himmels willen!“, „Ach du lieber Himmel!“.

Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent in Emden

In solchen Sätzen ist ja nicht der blaue Himmel über uns gemeint. Wir können darin vielmehr Umschreibungen für Gott sehen. Denn, wo vom Himmel die Rede ist, da ist auch immer von der Nähe Gottes die Rede. Der Himmel ist da, wo Gott ist.
Auch die Himmelfahrt Jesu bedeutet nicht, dass er sich von der Erde entfernt hat, um irgendwohin weit weg zu gehen. Himmelfahrt Christi, das meint vor allem, seine Nähe ist erfahrbar an allen Orten dieser Erde. Der Himmel ist nun da, wo Christus ist! Oder anders ausgedrückt: Wo Christus in der Verkündigung seiner Botschaft und in seinem segnenden Handeln von Menschen erfahren wird, da ist der Himmel kein ferner Ort, da berühren sich vielmehr Himmel und Erde. Denn so beschreibt der Evangelist Lukas die Himmelfahrt: „Es geschah, als Jesus sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel“ (Lukas 24, Vers 51).
Christus nimmt damit teil an Gottes Weise zu herrschen und für die Menschen da zu sein mit seinem Segen. Eine Erfahrung des Glaubens, die auch heute von Freude begleitet wird und sich im Lob Gotteswiderspiegelt. Ein Fest wie Himmelfahrt erinnert daran, dass unser Leben eine Perspektive hat, die weit über das Alltägliche und selbst den Tod hinausreicht, weil Christus seinen weiten Himmel über uns offen hält.
„Christ fuhr gen Himmel. Was uns angeht….“
Wir können das fröhlich feiern!

Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent Sprengel Ostfriesland

4. Mai 2013: Soviel du brauchst

Das Volk Israel ist unterwegs in der Wüste, weg aus der Sklaverei in Ägypten. Ziel des Weges ist das gelobte Land. Die Wüste bietet nicht viel an Nahrung, aber Gott versorgt die Seinen mit dem täglich Brot. Jeden Morgen ist es auf wunderbare Weise da: Manna, Brot zum Leben. Soviel du brauchst, sagt Gott zu den Frauen und Männern, die mit Mose in der Wüste unterwegs sind, soviel du für den heutigen Tag Bedarf hast, sollst du nehmen von dem Brot, das ich gebe. Und jeden Tag werden die Israelitinnen und Israeliten satt.

Soviel du brauchst wird jeden Tag da sein. Das ist eine wunderbare Zusage, nicht nur für das Volk Israel, sondern auch für uns: in der Welt, die Gott den Menschen gegeben hat, ist genug da. Alles, was nottut zum Leben, so hat Martin Luther das tägliche Brot beschrieben. Und das ist da, Tag für Tag, jeden Morgen neu. Für alle.

Susanne Schneider, Pastorin in Sandhorst

Stimmt das? Wenn ich mich umschaue auf dieser Erde, gibt es mehr als genug Hunger. Viel zu viele Menschen, die ohne Brot sind. „Einer von vielen, das bin ich auch, einer von vielen, der mehr nimmt, als er braucht“ heißt es in dem Song von MicDonet und Dieter Falk. Geschrieben haben sie den Song als Titellied zum Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hamburg. Dort kommen in diesen Tagen unter dem Motto „soviel du brauchst“ über Hunderttausend Menschen zusammen. Um zu beten und zu singen, um Gott zu feiern, der gibt, soviel du brauchst. Und um zu reden über die Verteilung des täglichen Brotes bei uns und zwischen uns und anderen Ländern der Welt.

Soviel du brauchst. Das hat anfangs auch in der Wüste nicht gut geklappt. Da haben einige Gott nicht vertraut, mehr Brot für sich gewollt. Sie haben einfach mehr für sich gesammelt, als sie für den Tag brauchten. Und das Ergebnis: Am anderen Morgen war das Brot stinkend und voller Würmer. Ein drastisches Bild für das, was auch heute zum Himmel stinkt. Einer von vielen, das bin ich auch, einer von vielen, der mehr nimmt als er braucht – da hat Dieter Falk wohl recht.

Schauen Sie mal rein in die Berichterstattung des Kirchentages! In das, was diskutiert wird. Hören Sie mal rein, in die Gottesdienste und Konzerte mit ihren alten und neuen Liedern. Und wenn Sie dann Lust bekommen auf diese besondere Kirchentagsatmosphäre: ein Stück davon ist erlebbar bei einem Konzert mit Dieter Falk in der St. Johanniskirchengemeinde Sandhorst, wenn wir im Juni unseren Gott feiern und ihm danken, dass er 50 Jahre lang Tag für Tag die Gemeinde begleitet hat.

Susanne Schneider, Pastorin in Sandhorst

 

27. April 2013: Nachhilfe von Jesus

Bernhard Haffke, Pastor in Filsum und Victorbur

Wir schreiben das Jahr 30 nach Christus. Am Karfreitag hatten sie Jesus von Nazareth gekreuzigt. Noch vor Sonnenuntergang wurde er in ein Promi-Grab gelegt. Doch am Ostersonntag war dieses Grab leer. Einige Frauen erzählten, Jesus sei auferstanden. Die Jünger können das kaum glauben. Frauengequatsche. Wer glaubt denen schon. Sie fantasieren wahrscheinlich. Doch in den nächsten 40 Tagen werden sie klein mit Hut. Zwischen Ostern und Himmelfahrt haben sie selbst auf einmal Erscheinungen ihres Herrn. Keine Fantasien. Reale Begegnungen. Auf einmal sitzt Jesus bei ihnen am Tisch. Isst und trinkt mit seinen Freunden. Sogar gegrillt hat er für sie am Ufer des Sees Genezareth. Und er gibt ihnen Nachhilfe im Glauben. Vor Ostern hatten sie alle nichts kapiert. Sie waren zwar zwei, drei Jahre lang mit Jesus unterwegs gewesen; sie hatten live miterlebt, wie die Blinden wieder sehen und die Lahmen wieder gehen konnten; sie hatten all die schönen Geschichten gehört vom barmherzigen Samariter und den beiden verlorenen Söhnen. Doch richtig kapiert hatten sie eigentlich nichts. Sie träumten den Traum vom Reich Gottes auf Erden mit Petrus als Außenund Matthäus als Finanzminister. Judas war als Bodyguard für den Herrn Jesus vorgesehen. Denn er verstand es, mit dem Dolch zuzustechen, wenn’s nötig war. Stattdessen Golgatha. Stattdessen dieser schmachvolle Verbrechertod am Kreuz. Aus der Traum vom Reich Gottes. Judas geht hin und hängt sich auf; die anderen verbarrikadieren sich. Männer sind gelegentlich feige. Doch dann kommt Ostern. Und die heilige Zeit der 40 Tage, in denen wir übrigens auch gerade leben. Die heiligen 40 Tage zwischen Ostern und Himmelfahrt. Zeit für einen intensiven Nachhilfeunterricht. Jesus führt mit seinen Jüngern sozusagen einen Glaubenskurs durch. Ach so ist das! Das musste so? Der Gottesknecht, der Gottessohn muss leiden, sterben und auferstehen. Steht tatsächlich schon im Alten Testament (Jesaja 53). Haben wir völlig übersehen. Jetzt kapieren wir das, wo du, Jesus, es uns selber beibringst. Wir haben verstanden. Und was geht’s uns an? Was interessiert uns im Südbrookmerland, was damals angeblich geschah? Ich glaube, wir haben bis heute so etwas wie Nachhilfeunterricht im Glauben nötig. Taufe, Konfirmation, Trauung und Beerdigung, das kann nicht alles sein. Das ist: zu wenig. Jesus hat viel mehr für uns bereit. Er will uns auch heute noch im Glauben nachhelfen. Will uns begegnen mit seinen Worten und Taten. Will uns die Zusammenhänge aufzeigen zwischen dem Alten und dem Neuen Testament. Will uns herausbringen aus unserer Einsamkeit und uns zusammenbringen mit anderen, die auch das Glauben lernen wollen. Unsere Kirchengemeinden bieten solche Orte an: Gottesdienste, Jugendkreise, Frühstücksrunden usw. Komm, Herr Jesus, sei unser Gast. Werde Du selber unser Nachhilfelehrer. Wir packen das alleine nicht. Bring Du uns selbst das Glauben bei. Zusammen mit anderen. Damit unser Leben gelingt und wir es nicht an die Wand fahren.

Bernhard Haffke, Pastor in Victorbur

20. April 2013: Große Projekte

Benjamin Jäckel, Vikar in Spetzerfehn

Große Vorhaben und große Projekte hat es in allen Generationen der Menschheit gegeben. Zwar sieht es im Moment so aus, als gäbe es vor allem in unserer Zeit „große Vorhaben“ – und es sind wohl vor allem die problematischen, die uns ganz besonders im Gedächtnis bleiben: zum Beispiel Stuttgart 21 oder der neue Hauptstadtflughafen BER. Aber in Wahrheit ist das nichts Neues. Große Unternehmungen gehören zum menschlichen Leben dazu wie Essen und Trinken. Allerdings sahen „große Projekte“ früher oft anders aus als heute. Heute stehen wir Menschen vorwiegend im Mittelpunkt solcher Projekte. Früher stand meist Gott im Zentrum großer Vorhaben. So auch vor etwa 3000 Jahren, als in Jerusalem unter dem König Salomo ein Tempel zur Ehre Gottes gebaut wurde. Vergleichbar war dieses Projekt mit den heutigen in mancher Hinsicht schon. Der Tempel war als „Fußschemel Gottes“ für Israel ein Symbol für Sicherheit und Stabilität – es ging darum, für die Zukunft gewappnet zu sein. Und darum geht es in den gegenwärtigen Projekten auch. Einen wesentlichen Unterschied gibt es aber doch. König Salomo, der Verantwortliche für den Tempelbau, weiß: Nicht menschliche Schaffens- kraft, sondern nur Gottes Gegenwart kann dem großen Projekt die erhoffte Wirkung geben. Für eine gewisse Zukunft kann der Tempel nur stehen, wenn er Israel im Vertrauen auf Gottes Treue stärkt. Darum spricht Salomo am Ende der Tempeleinweihung auch die Worte: „Der Herr, unser Gott, sei mit uns, wie er mit unseren Vätern gewesen ist.“ (1. Könige 8, 57). Von Gottes Treue ist bei den Vorhaben unserer Zeit aber kaum die Rede. Dafür ist bei heutigen Entscheidungen und Beschlüssen im Allgemeinen kein Raum. Aber nach wie vor ist in unseren Herzen Raum für das Vertrauen in Gott. Und das brauchen wir auch. Denn Großprojekte gibt es nicht nur in unserer Gesellschaft. Auch in unserem Leben haben wir unsere ganz eigenen „Großprojekte“ – Partnerschaft, Ehe, eine Familie gründen, ein Haus bauen… Da gibt es so viel. Und bei all dem ist das Vertrauen zu Gott unendlich hilfreich. Mit diesem Vertrauen können wir sicherer den kommenden Entscheidungen entgegensehen und beruhigter mit ihnen umgehen. Wir können sie prüfen, sie überdenken, aber auch mit ihnen leben. Denn all unsere eigenen großen Projekte stehen unter dem Lebensziel, das uns der auferstandene Christus schenkt, und der Gewissheit, die darin liegt: „Der Herr, unser Gott, ist mit uns.“

Benjamin Jäckel, Vikar in Spetzerfehn

13. April 2013: Die Güte siegt

Rainer Hecker, Pastor in Aurich-Oldendorf

Stieglitz, Buchfink, Kleiber: Alle sind sie wieder da, wir hören ihre Stimmen, um zu singen und zu brüten. Es ist der 2. Sonntag nach Ostern, genannt „Misericordias domini“ (die Güte des Herrn). Kaum zu glauben, aber das Gemüt der Menschen taut auch wieder auf! „Schien es nicht, rief der Pastor der Gemeinde zu, als sie zur Christmette kamen, als wäre er tot, als würde er nie mehr zum Leben erwachen? Der alte Kastanienbaum vor der Kirche! Und dann brachen die Knospen auf, und er blüht und ist herrlich wie ein Baum des Paradieses! Nach dem Gottesdienst erwartete ihn ein Mann an der Tür.“ Sie haben ganz gegen ihre Absicht erwiesen, dass es kein Fortleben gibt, sagte der Mann. Der Baum wird im Herbst die Blätter verlieren und wieder kahl werden. Gewiss, er wird noch etliche Male blühen, aber schließlich bleibt er kahl und ist abgestorben. Immer ist der Herbst das Letzte, das Welken der Tod. Nachdenklich meint der Pfarrer: „Aber vergessen Sie eines nicht: die Kastanien unter dem Laub.“ Die Güte des Herrn der Schöpfung siegt.

Rainer Hecker, Pastor in Aurich-Oldendorf

6. April 2013: Schauen Sie auch genau hin?

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Mit diesem Satz beginnt einer meiner Lieblingsfilme. „The Prestige“ heißt er und handelt von zwei Magiern, die am Ende des 19. Jh. in London darum wetteifern, wer der größte Zauberer aller Zeiten sei. Der Film ist schon deshalb faszinierend, weil man als Zuschauer ein wenig hinterdieKulissenderZauberer gucken kann. Man erfährt, wie sie ihre Tricks entwickeln und durchführen. Und wie sie es schaffen, die Aufmerksamkeit ihres Publikums genau davon abzulenken, was eigentlich passiert. Denn darin besteht die Kunst der Zaubertricks: Das Augenmerk der Zuschauer wird vom eigentlichen Geschehen abgelenkt, sodass die den Eindruck haben, dass etwas geschieht, was gar nicht geschehen kann. „Schauen Sie auch genau hin?“ Diese Frage meint ein Magier nicht ernst. Denn im nächsten Moment wird er sein Publikum täuschen. Ich habe meiner Gemeinde in der Osterpredigt auch diese Frage gestellt. Wir feierten Ostern, weil Jesus Christus nicht tot geblieben, dass er nicht im Grab geblieben, sondern auferstanden ist. Unsere Evangelien berichten davon, dass ein paar Jüngerinnen am Ostermorgen Jesu Grab leer vorfinden. Gibt es das? Ein leeres Grab? Nicht nach all dem, was wir täglich erleben. Da geht es uns heute nicht anders, als den Frauen damals. Sie sehen das leere Grab und sind entsetzt. Das leere Grab ist ihnen unheimlich. Schauen sie auch genau hin? Wer nur in das leere Grab schaut, für den bleibt Gott ein Magier. Wohl ein großer Magier, immerhin lässt er einen Leichnam verschwinden. Aber mehr sieht dieser Zuschauer nicht. Denn er guckt dorthin, wo nichts passiert. Das Eigentliche, die Auferstehung Jesu entgeht ihm. Deshalb stellen die Engel am Grab den Frauen die alles entscheidende Frage: Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten? (Lk 24,5) Sie weisen die Jüngerinnen darauf hin, dass sie in die falsche Richtung schauen: Wenn ihr Jesus sucht, dann dürft ihr nicht vor dem Grab stehen und hineinstarren! Jesus ist nicht bei den Toten. Er ist kein Toter. Jesus ist ein Lebendiger. Der Lebendige. Deshalb müsst ihr ihn auch dort suchen: bei den Lebendigen, wie ihr welche seid. Vielleicht erinnern die Frauen sich später daran, dass Jesus ihnen versprochen hatte, mitten unter ihnen zu sein, wenn sie sich in seinem Namen versammeln. Da können wir ihn auch heute finden. Das ist kein Trick, sondern wirklich wahr. Jesus lebt. Er ist zu finden. Dafür müssen wir genau hinschauen. Die Engel am offenen Grab geben uns einen Tipp für unsere Blickrichtung. Ich versuche auch nach Ostern meinen Blick immer wieder auf den Auferstandenen zu richten. Jeden Tag. Denn auch wenn wir ihn aus den Augen verloren haben, im tristen Alltag mit all seinen Sorgen ist der Lebendige ganz nah! Schauen Sie auch genau hin?

Cathrin Meenken, Pastorin in Lamberti

30. März 2013: Kreide zum Osterfest

Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent in Emden

In diesem Jahr habe ich mir zum Osterfest rote und weiße Kreide besorgt. Damit werde ich eine Botschaft an den Haustüren hinterlassen, die ich zum Osterfest besuche. Und zwar das lateinische Wort „VIVIT“. Das heißt „Er lebt“ und bringt kurz und knapp zum Ausdruck, was Ostern für Christen bedeutet: Jesus lebt. Er ist auferstanden. Er hat den Tod besiegt! Das ist die alles verändernde Osterbotschaft, die unseren Glauben begründet und die sich immer wieder in unserem Leben auch gegen Zweifel und Anfechtung durchsetzen muss. In einer Osterpredigt hat Martin Luther bekannt: „Wäre die Auferstehung nicht, so hätten wir keinen Trost noch Hoffnung, und wäre das andere alles, was Christus getan und gelitten hat, vergeblich.“ Das „ VIVIT“, er lebt, hat Luther in seinem Siegel verwendet und oft mit Kreide auf den Tisch geschrieben. Seine Frau Katharina hat dieses Wort zur dauernden Erinnerung über die Eingangstür in Stein meißeln lassen. Es würde mir große Freude bereiten, Ihnen allen das „VIVIT“ wenigstens mit Kreide zu Ostern an die Tür zu malen. Einfach zur Erinnerung und zur Freude. Denn, wenn wir Ostern feiern, dann feiern wir das Leben, das Gott uns Menschen schenkt – auch über den Tod hinaus. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern ein fröhliches und gesegnetes Osterfest!

Landessuperintendent Dr. Detlef Klahr, Sprengel Ostfriesland

28. März 2013: Das Leid Christi

Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent in Emden

„Am Karlfreitag fahren wir zu meiner Oma“, erzählt mir freudig der sechsjährige Tim. Ich muss schmunzeln und denke: „Nein, mit einem Karl hat dieser hohe christliche Feiertag nun wirklich nichts zu tun.“ Aber das Wort „Kar“ ist auch schwierig zu verstehen, es kommt vom althochdeutschen Wort „kara“ und bedeutet Kummer, Klage und Trauer. Am Karfreitag denken wir Christen an das Leiden und Sterben Jesu Christi am Kreuz. Von Anfang an hat die christliche Gemeinde das als ganz wichtig empfunden, auch vom Leiden und Sterben des Auferstandenen Christus zu erzählen. Von seiner Verurteilung durch Pontius Pilatus, dass er verspottet und geschlagen und schließlich – vor den Toren der Stadt Jerusalem – an ein Kreuz genagelt wurde und dort qualvoll starb. Das gehört zur Lebensgeschichte Jesu dazu. Wenngleich daran schon die Menschen zur Zeit Jesu Anstoß genommen haben. Gottes Sohn stirbt am Kreuz – das ist die provozierende Geschichte von Karfreitag. Immer wieder lassen sich Menschen vom Leiden und Sterben Jesu berühren und werden dadurch in eigenen Erfahrungen von Leid und Tod gestärkt und singen etwa mit dem Liederdichter Paul Gerhardt: „Erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meinem Tod, und lass mich sehn dein Bilde in deiner Kreuzesnot…“ Der christliche Glaube weiß sich durch Jesu Leidensge- schichte verpflichtet, das menschliche Leid in dieser Welt nicht auszublenden, oder gar zu ignorieren. Vielmehr bringt er menschliche Leiderfahrungen mit dem Leid Gottes in Verbindung. In Christus hat sich Gott mit dem Leid der Menschen solidarisiert. Eine solche Sicht nimmt menschliches Leiden ernst, ohne sich damit abzufinden. Denn nichts ist demütigender für Leidende, als wenn ihr Leid auch noch ignoriert wird, und das geschieht viel zu oft in unserer Welt. Der Blick auf den leidenden und sterbenden Christus kann uns sensibel machen für das Leid im eigenen Leben und im Leben anderer. Damit bleibt der Karfreitag aber auch eine Provokation in unserer Erlebnisund Spaßgesellschaft, weil er der einzige Feiertag ist, der Leiden, Sterben und Tod mit Blick auf Jesus Christus so ausdrücklich thematisiert. Kein Wunder, wenn Menschen kritisieren, dass an diesem Tag Tanz und laute Musik in der Öffentlichkeit gesetzlich untersagt sind. Mit mir aber sind viele Christinnen und Christen in diesem Land dankbar, dass auch Zeit und Ruhe bleibt für Besinnung, für angemessene Trauer über Jesu Leid und das Leid der Menschen in dieser Welt. Ostern, Auferstehung und neues Leben kann nur feiern, wer das Dunkle und Schwere des Lebens nicht ausklammert. Tims Oma wird um beides wissen, um Leid und Abschied und auch um Freude und Neubeginn. Und sicher auch, dass es nicht um Karl, sondern um Jesus geht.

Dr. Detlef Klahr, Landessuperintendent Sprengel Ostfriesland

23. März 2013: Gibt es noch echte Fans?

Stefan Wolf, Pastor in Wiesmoor

Die Mannschaft läuft ins Stadion ein. Die Fans erheben sich von den Sitzen. Inbrünstig singen sie die Vereinshymne mit. Viele schwenken Fahnen. Die Stimmung ist gewaltig.
Aber als nach ein paar Minuten das erste Gegentor fällt, verstummen die Gesänge. Ärger und Enttäuschung macht sich breit. Als die Spieler dann zur Halbzeit in die Kabine gehen, ertönt ein gellendes Pfeifkonzert.
So schnell geht das manchmal. So schnell kann aus Jubel Enttäuschung und sogar Wut werden.
Natürlich gibt es auch Fans, die selbst bei einer hohen Klatsche ihre Mannschaft weiterhin anfeuern. Aber die Stimmung im Stadion kann auch schnell kippen.
Wer eben noch hochgejubelt wird, kann im nächsten Moment schon fallen gelassen werden. Das erleben nicht nur Fußballspieler, sondern auch Politiker und Popstars.
Auch Jesus ist es so ergangen. Dieser Sonntag, der Palmsonntag, erinnert daran, wie Jesus in Jerusalem einzog. Viele Leute wollten ihn damals unbedingt sehen. Sein Ruf war ihm schon vorausgeeilt: Jesus, das ist doch dieser Wundertäter aus Nazareth! Man erzählte sich, dass er auf einer Hochzeit Wasser in Wein verwandelt haben soll. Außerdem soll er mit nur fünf Broten und zwei Fischen fünftausend Leute satt gemacht haben. Viele Kranke soll er geheilt haben. Und erst neulich soll er seinen Freund Lazarus aus dem Tode aufgeweckt haben. Unglaublich!
Die Menschen strömten auf die Straße, als Jesus in die Stadt kam. Sie jubelten ihm zu. Viele winkten ihm mit Palmzweigen zu. So wurde damals ein siegreicher König begrüßt. Allerdings ritt Jesus auf einem Esel – nicht wirklich königlich.
Trotzdem: Was für ein Empfang! Aber schon kurze Zeit später wird die Begeisterung in Ablehnung umschlagen. Die Religionsführer hatten Stimmung gegen Jesus gemacht. Aber wieso ließen sich die Menschen davon mitreißen?
Ich glaube: Viele waren enttäuscht, weil sie sich etwas anders versprochen hatten. Sie hatten gehofft, dass Jesus so vieles sofort ändern würde. Wer Tote zum Leben erwecken kann, der müsste doch auch die römischen Besatzer aus dem Land vertreiben können! Der müsste überhaupt alle Probleme Leben beseitigen können!
Auch heute sind Menschen immer wieder von Gott enttäuscht, weil bestimmte Wünsche und Bitten nicht erfüllt werden. Wie schön wäre es doch, wenn ich nur durch ein Gebet wieder gesund werden könnte, wieder Arbeit finden könnte oder meinen Partner wieder für mich gewinnen könnte!
So einfach ist das Leben nicht. Gott schafft die Probleme nicht einfach ab. Aber in seinem Sohn Jesus Christus kommt er in unsere Welt, die voll von Problemen und Sorgen ist. Er will uns helfen, unser Leben zu leben. Er will uns gelassener und weitherziger machen.
Eine Welt ohne Probleme gibt es nicht. Noch nicht. Denn das ist ja das Paradies. Deshalb ist das Größte, was mir in diesem Leben passieren kann, dass mir jemand verspricht, mich durch dick und dünn zu begleiten. Von der Geburt bis zum Tod. Und sogar noch darüber hinaus. Jesus Christus hat uns das versprochen. Er ist ein echter Fan von dir und mir. Er lässt uns nicht einfach fallen, wenn wir nicht gut drauf sind. Aber er wünscht sich auch, dass auch wir echte Fans sind, die in allen Zeiten zu ihm halten.

Stefan Wolf, Pastor in Wiesmoor

16. März 2013: Die Flut geht mir bis an die Kehle

Frank Karsten, Schulpastor BBS 1 Aurich & KGS Großefehn

Ich finde es immer wieder faszinierend, wie an der Nordsee das Wasser wegfließt und anschließend wiederkommt – Ebbe und Flut.
Eine Freundin erzählte mir von einer Wattwanderung in Nordfriesland, die sie in einer Gruppe mit einem erfahrenen Wattführer unternommen hatte. Dabei sind sie von einer Insel zum Festland gewandert. Zuvor wurde die Gruppe auf die Risiken hingewiesen, weil unterwegs ein Priel genau bei Ebbe zu durchqueren war. Zu diesem Zeitpunkt mussten sie den Priel erreicht haben, da er sonst zu viel Wasser enthält und die Strömung zu groß gewesen wäre, um ihn zu durchschreiten. Es war ein genauer Zeitplan einzuhalten. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn die Gruppe zu spät am Priel angekommen wäre.
Auch unser Leben ist manchmal wie eine solche Wattwanderung, auch im Leben lauern immer wieder Gefahren und es ist gut, wenn andere Menschen uns auf diese Gefahren hinweisen. Aber wer sind diese „Anderen“? Das sind sicherlich meine Freunde, die Familie oder Arbeitskollegen. Es sind Menschen, die uns durch unser Leben intensiv begleiten. Es gibt aber noch eine weitere Person, die uns im Leben begleiten und vor Gefahren warnen möchte. Das ist Gott. Das ist zumindest sein Angebot, das er jedem von uns macht: Ich will dich in guten und in schlechten Zeiten begleiten. Ich will dich vor Gefahren beschützen. Ich will dir aufhelfen, wenn du hingefallen bist. Ich will mit dir zusammen durch das Leben gehen.
Dieser Gott möchte zu jedem von uns eine Beziehung haben, wie wir auch Beziehungen zu unseren Freunden, der Familie und den Arbeitskollegen haben. Zu einer Beziehung gehört, dass man miteinander unterwegs ist, miteinander redet und dem anderen zuhört. Das geht mit Gott ebenso wie mit realen Menschen in meinem Umfeld. Mit Gott kann man reden – beten. Gott kann man auch zuhören – er redet zu uns in seinem Wort, in der Bibel. Er spricht aber auch durch Gedanken oder andere Menschen zu uns. Es ist uns nur oft nicht bewusst, dass Gott hier zu uns redet. So kann es vorkommen, dass wir die Stimme Gottes überhören oder diese Stimme auch nicht hören wollen, weil sie etwas sagt, das unseren eigenen Vorstellungen nicht gefällt und wir lieber unsere eigenen Wege gehen.
Gott lässt uns eigene Wege gehen, doch es kann auch passieren, dass wir in Not geraten, wenn wir nicht auf Gottes Reden hören. Das ist dann so, als ob uns die Flut auf der Wanderung durch das Leben überrascht. Dann ist vielleicht die Not groß, und wie sagen viele dann: „In der Not hilft nur noch beten.“ Das dürfen wir dann tun, vielleicht genau wie es David in dem 69. Psalm mit den folgenden Worten ausdrückt: “Hilf mir, Gott. Die Flut geht mir bis an die Kehle! Ich versinke im brodelnden Schlamm, meine Füße finden keinen Halt. Ich treibe ab ins tiefe Wasser, die Strömung reißt mich mit sich fort! Bis zur Erschöpfung habe ich geschrien, meine Kehle ist ganz entzündet. Meine Augen sind müde geworden vom Ausschauen nach dir, meinem Gott. Entreiße mich dem Sumpf, damit ich nicht versinke. Zieh mich heraus aus dem Verderben, aus dem tiefen Wasser! Lass nicht zu, dass die Flut mich überschwemmt, die Tiefe mich verschlingt, der Brunnenschacht über mir seinen Rachen schließt.“
Ich wünsche Ihnen, dass Sie gar nicht erst in solch eine große Notsituation geraten, aber wenn doch, dann scheuen Sie sich nicht, Gott zu bitten, Ihnen zu helfen – ich bin sicher, er wird es tun. Vielleicht hilft er anders als wir es uns wünschen, aber er hilft, denn er hat uns die Zusage gegeben, dass er uns in unserem Leben begleitet, wenn wir es möchten. Bitten Sie Gott, dass er sie begleitet, nicht nur in der Not, sondern auch an den fröhlichen Tagen des Lebens. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen für die Zukunft viele gute Gottesbegegnungen im Reden und Hören und dem gemeinsam unterwegs sein.

Frank Karsten, Schulpastor BBS 1 Aurich & KGS Großefehn

9. März 2013: Nicht wie ich will, sondern wie du willst

pastor-walter-uphoff

Die Erzählung von Jesus im Garten Gethsemane gehört für mich zu den anrührendsten Erinnerungen der Leidensgeschichte. Jesus und seine Freunde haben das letzte Mahl hinter sich. Mit seinen engsten Gefährten zieht er sich in den Garten am Rande der Stadt zurück. Er teilt ihnen mit, dass er trauert, sich ängstigt und verzagt ist. Sie möchten doch mit ihm wachen und für ihn beten. Er wirft sich auf den Boden, er spürt, dass Gott einen Plan hat, der uns rätselhaft, ja fürchterlich erscheint. Jesus spürt, dass sein Wille und der Wille Gottes in zwei Richtungen weisen. Der geliebte Sohn Gottes liegt auf den Knien und ist erschüttert darüber, dass Gott, sein Vater, seinen Sohn töten will. Er betet: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber, doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Er erwartet alles von Gott. Welch ein Vertrauen, denke ich mir. Welch ein Gottvertrauen verbirgt sich hinter dieser Haltung. Ja, das wünsche ich mir und allen anderen: Ein unbedingtes Gottvertrauen, Vertrauen darauf, dass er alle Lebenswege begleitet und führt, dass er da ist, wenn Hilfe nottut. Jesus ist bereit zu nehmen, was kommt, sogar das Leiden und den Tod. „Nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Das ist nicht so leicht über die Lippen zu bringen. Viel zu gern möchte ich, dass geschieht, was mir gefällt, was mir gut tut. Unangenehmes, das soll weit weg sein. Nicht wie ich will, sondern wie du willst. Das kann man nur sagen, wenn das Vertrauen so groß ist, dass die Wege zum guten Ziel führen. Jesus hatte dieses Vertrauen und erwartet alle Hilfe von Gott. Da, wo es für uns schwer ist, mag Gott unser Vertrauen stärken.

Walter Uphoff, Pastor in Middels

2. März 2013: Loslassen

Jörg Schmidt, Pastor an der reformierten Kirche in Aurich

Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. (Lukas 9,62) Wochenspruch für den 3. März 2013 Jünger Jesu zu werden, ist nicht leicht. Jesus steht gerade bei einem, der ihm folgen will. Als Jünger. Man muss vieles zurücklassen, was einem gewohnt war. Die Familie, die Arbeit, das Einkommen und Auskommen, die gewohnte Umgebung. Heute würde das kaum einer auf sich nehmen. Die meisten Menschen schätzen ihre Heimat. Und doch: Wer Jünger Jesu sein will, muss alles loslassen. Jesus sagt dies sehr konkret und in der Radikalität fast untragbar. Nicht einmal verabschieden darf sich der Jünger von seiner Familie. Und auch noch nicht einmal seinen eigenen Vater beerdigen. Diese Verse bereiten jedem Kopfzerbrechen. Sie widersprechen dem, was uns nicht nur naheliegend, sondern auch geboten scheint. Jesus ist hier sehr radikal. Aber vermutlich muss man auch radikal sein, wenn man ein solches Leben eingeht: Als Jünger Jesu über das Land ziehen, jegliche Sicherheit aufgeben und wissen: Die Füchse haben Gruben, die Vögel haben Nester, aber der Menschensohn und seine Jünger, die ihn begleiten, haben nichts, wo sie sich hinlegen. Also: In mancher Nacht bloße Erde, an vielen Tagen nichts zu essen, wenig zu trinken. Hitze und Frost, Regen und Wind, Gefahren und Entbehrung jeden Tag. Getra- gen von dem Streben nach dem Reich Gottes. Radikal muss man schon sein dafür. Die meisten würden dies nicht auf sich nehmen. Einen kenne ich, der es versucht hat. Zwar nicht als Jünger Jesu, aber doch nah dran an ihrem Leben. Ein junger Mann, Ende 20. Er arbeitete in einem gesicherten Beruf. Und er hatte eine feste Freundin. Dennoch: Er wollte die Erfahrung machen, wie es ist, mit nichts loszuziehen. Mit nichts, so wie die Jünger, denen Jesus sagt: Tragt keinen Geldbeutel bei euch, keine Tasche, keine Schuhe. Mit nichts zog er los. Start war Hamburg, Ziel war Genua. Dazwischen lag der Europäische Fernwanderweg. Mitgenommen hat er nur eine Zahnbürste, eine Wasserflasche und einmal Wechselkleidung. Sonst nichts. Auch kein Geld. Nach vier Stunden musste er erstmals um Wasser bitten. Und jeden Nachmittag begann die Suche nach einem Nachtlager. Radikal muss man dafür sein. Und offen für die Begegnung in ungesicherten Situationen. Angekommen ist er. Nach vielen Monaten. Mit einem neuen Paar Schuhe, das er unterwegs geschenkt bekam. Und mit vielen Erfahrungen, die ihn das Leben neu sehen ließen. Auch die Frage, wie und wo das Reich Gottes zu finden ist. Jünger Jesu zu werden heißt, sich selbst ganz leicht zu machen. Sich selber viel unwichtiger nehmen, als wir es gewohnt sind. Das gelingt uns meist nicht. Es scheint uns zu schwer zu sein. Und doch: Man wird dabei leichter als man denkt. Und ist es vielleicht sogar leichter als wir vermuten?

Jörg Schmid, Pastor der Ev.-ref. Kirche Aurich

23. Februar 2013: Mit Leib und Seele

Jens Blume, Pastor in Timmel und Mittegroßefehn

Mit dem Sonntag „Septuagesimae“ beginnt die sogenannte „Vorfastenzeit“. „Fasten“ – dieses Wort hat für viele den Klang von zwanghafter Enthaltsamkeit. So, wie man das von mancher Frühjahrsdiät kennt: Man verkneift sich alles Leckere, um dann am Ende wahrscheinlich doch nicht in die Hose vom letzten Frühjahr zu passen. „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen“. In diesem Sprichwort wird deutlich, was mit „Fasten“ eigentlich gemeint sei kann. Die Art, wie wir essen und was wir essen, drückt immer auch ein spezifisches Lebensgefühl aus. Kennen Sie das auch noch – wenn wir früher zu Oma gefahren sind, dann wollte sie uns immer etwas ganz besonders Gutes tun: Dann gab es einen ordentlichen Braten – mit tüchtig kross-gebratener Fett-Schicht drumherum („damit es auch nach etwas schmeckt…!“). Und dann dicke, braune Sauce drüber. Daneben Butterbohnen. Die Salzkartoffeln – die waren ja nur, damit man etwas hatte, wo man die Sauce drübergießen konnte. Und wehe, wenn man nach dem dritten, völlig überladenen Teller die Segel gestrichen hat – dann war Oma beleidigt: „Es hat euch also nicht geschmeckt!“ Später gab es dann zu „richtigem Bohnenkaffee“ ein riesiges Stück ButtercremeTorte, sodass man sich irgendwann nur noch mit Müh‘ und Not aufs Sofa schleppen konnte. Reichliches Essen war ein Ausgleich für entbehrungsreiche Jahre, in denen es nichts gab. Der ausgehungerten Seele wurde ein gesättigter Leib entgegengestellt. „Wohlstand“ bedeutete: Gästen den Tisch üppig zu decken. Jemanden „richtig satt“ machen, hieß, ihm etwas Gutes zu tun. Gemeinsames Essen ist nie absichtslos! Die Art zu essen hat sich heute geändert. Das heißt: Bei meiner Oma ist es meistens immer noch so, im Allgemeinen achtet man mehr auf die Verträglichkeit des Essens. Auch mehr auf „die Linie“. Das hat sein Gutes und sein Schlechtes. Wenn heute „light“-Produkte gereicht werden, läuft man nicht Gefahr, dass daraus etwas Bleibendes erwächst… (im wörtlichen und im übertragenen Sinn). Erinnern Sie sich an die biblische Geschichte von der „Speisung der 5000“ (Lukas 9,10-17)? 5000 Menschen hören Jesus den ganzen Tag lang zu. Und als es Abend wird, bekommen sie Hunger. Die Jünger Jesu wollen das hungrige Volk wegschicken. Sie haben ja man bloß fünf Brot und zwei Fische. Die Jünger wollen nichts „Bleibendes“ schaffen, weil sie eben nichts hatten, mit dem sie hätten dick auftragen können… Jesus aber sagt ihnen: Gebt den Leuten zu essen, lasst sie sich hinsetzen und teilt aus. Die Jünger haben Angst vor der eigenen Courage, aber: sie tun ́s. Dass uns allen in unseren Möglichkeiten Grenzen gesetzt sind, das ist eine alltägliche Erfahrung. Aber manchmal werden diese Grenzen so eng gezogen (durch uns selbst oder durch andere), dass sie uns (im übertragenen Sinne) den Lebensmut abschnüren. „Das schaffe ich sowieso nie!“, außerdem: „das macht man nicht“ oder: „das hätte ich nicht von Ihnen erwartet!“ Ein, zwei solcher Bemerkungen und das schlechte Gewissen überdeckt den Mut und lähmt uns. Wenn wir mit den Finanzen nicht hinkommen / wenn wir (beim besten Willen) nicht nachsichtiger erziehen können oder wollen / wenn die Zeit eben begrenzt ist und unsere Kräfte eben auch – was machen wir dann? Entscheiden wir uns für die erste Idee die Jünger, sozusagen: „Alle nach Hause schicken“? Uns umdrehen und sagen „Lasst mich in Ruhe und seht zu, wie ihr zurechtkommt, ich steige aus!“? Ich glaube, meistens machen wir das so. Aber wir sind dann hinterher selbst unzufrieden, weil es irgendwie anders gehen müsste. In der biblischen Geschichte wird ein eigentlich unlösbares Problem überwunden – letztlich: durch ausprobieren! Im Namen Jesu werden Leib und Seele satt. Nicht „übervoll“ sondern „sinn-voll“.

Jens Blume, Pastor in Timmel und Mittegrossefehn

16. Februar 2013: Die Kirche – eine Herberge des Glaubens

Tido Janssen,  Pastor in der Lamberti-Gemeinde  und Superintendent des Kirchenkreises Aurich

Muss man an Gott glauben, um Mitglied der Kirche zu sein? Nein. Muss man nicht. Das klingt vielleicht irritierend. Kann sich eine Institution, bei der es auf Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft ankommt, halbherzige Mitläufer leisten? Kommt es ihr gar etwa nur auf die Kirchensteuern an? Braucht sie nicht gerade heute mehr denn je ein klares Profil?

Unsere Kirchen müssen Herbergen sein. Herbergen sind offen für alle. Die Kirchen halten ihre Türen offen für die, in denen der Zweifel stärker lebt als sie für sich fertige Antworten haben. Sie sind da für die Abwartenden und Unentschlossenen, für die Kritischen und Gleichgültigen. Sogar für die, die voller Ablehnung sind und sagen: „Ich glaube nicht an Gott.“ Sie können dazugehören. Nicht als mühsam tolerierte Mitglieder minderen Rechts. Gut, wenn sie dazu gehören!

Niemand von uns kann seinen Glauben wie einen Ausweis vorzeigen. Wir haben ihn nicht als verfügbaren Besitz. Er kann uns unterwegs abhanden kommen. Wir können ihn neu finden. Existentielle Krisen können auf Gott wütend machen. Menschen wie Hiob verfluchen den Tag ihrer Geburt und streiten mit Gott auf geradezu unerhörte Weise. Auch ich wurde vor einem Besuch schon gewarnt: „Passen Sie auf, die Menschen da sind gerade nicht gut auf Gott zu sprechen.“
Und dann kommen wir auf eine Weise ins Gespräch, wo ich selbst dazulerne und staune über die Lebensgewissheit anderer Menschen in schweren Zeiten.

Die Kirche ist dazu da, Räume zu schaffen, in denen Menschen glauben können, in denen Glaube wachsen kann.
Unsere Kirchen müssen deshalb Herbergen sein – oder sich dahin entwickeln. Sie bieten einen offenen Raum und ein Dach. Dort kann ich unterkommen. Ich kann für begrenzte Zeit dort wohnen – und dann auch wieder gehen, ohnebegründen zu müssen, warum.

Ich kann dort auch immer wieder einkehren und mich regelrecht beheimaten.
Herbergen sind Orte guter Gastfreundschaft. Sie sind einladend und freundlich.
Oft dringen Töne fröhlicher Geselligkeit nach draußen.
In der Herberge werde ich auch damit rechnen, Fremden und Fremdartigem zu begegnen und zwar so, dass wir einander sehen und achten und füreinander sorgen. Herbergen erlauben Nähe und Distanz.
In der Herberge unserer Kirchen kommen nicht nur Gleichgesinnte zusammen. Wir sind sehr verschieden. Und dürfen es sein: entweder hoch verbunden mit der Kirche und den biblischen Worten, oder zweifelnd, vielleicht sogar nur auf dem Papier dazugehörend, jedenfalls zur Zeit. Aber wer weiß, vielleicht ist es bald schon ganz anders… Ich habe es schon erlebt, dass der Glaube da am stärksten war, wo ich es am wenigsten vermutet habe. Wer kann wissen, wo Gottes Geist gerade wirkt? Hauptsache, wir versperren ihm nicht den Weg.
Herbergen haben mehrere Ein- und Ausgänge. Und an manchen Ecken zieht es ungemütlich durch.
Unter diesem Herbergsdach ist eine Jahrtausende alte Tradition zuhause. Nicht jeder kennt und versteht das Erbe in gleicher Weise. Aber es gehört zu uns. Und es entlastet uns, nicht jederzeit originell sein zu müssen. Ich brauche nicht für jede Situation eigene neue Worte zu finden. Ich kann mir die alten Wortemeiner Vorfahren im Glauben leihen. Manchmal sind sie die einzigen, die ich sagen kann, weil mir selbst die Worte fehlen.

Gottes Einladung gilt jedenfalls uns allen: Glaubenden und Zweiflern, Fernen und Nahen, denen, die fast nie an Gott denken und denen, die ihm sein ganzes Leben widmen.

Tido Janssen, Pastor in der Lamberti-Gemeinde und Superintendent des Kirchenkreises Aurich

9. Februar 2013: Aus Passion

Alexander Wilken, Pastor in Moordorf

Haben Sie eine Leidenschaft? Ich jedenfalls bin passionierter Aquarianer. Neben meinem Beruf als Pastor gibt es für mich kaum Schöneres, als Fische und Pflanzen im Aquarium zu bestaunen. Gedanklich tauche ich förmlich ein in die faszinierende Unterwasserwelt. Mit leidenschaftlicher Begeisterung gebe ich mich dem Aquarium hin – aus Passion.

Am Mittwoch ist Aschermittwoch. Es beginnt die Passionszeit. Sie dauert vierzig Tage und endet am Sonntag, den 31. März mit Ostern. In dieser Zeit blicken Christinnen und Christen auf die Passion Jesu Christi. Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. Mit diesen Worten kündigt Jesus seinen Jüngern zum dritten Mal seinen Passionsweg an (Die Bibel: Lukas, Kapitel 18, Vers 31). Jährlich an Karfreitag treten Menschen in die Fußstapfen Jesu. Auf der Via Dolorosa in Jerusalem empfinden sie seinen letzten Gang zum Kreuz nach. Es ist ein schmerzhafter Weg, der mit dem Prozess durch Pontius Pilatus beginnt und mit der Vollstreckung des Todesurteils durch Kreuzigung endet.
Passion kann beides bedeuten: Leidenschaft und Leiden. Der Kreuzweg Jesu zeigt, dass beides zusammengehören kann. Sein Leiden ist der letzte Schritt seiner Leidenschaft. Denn leidenschaftlich hatte er das Kommen Gottes verkündigt, Gespräche geführt, Kranke geheilt und Tischgemeinschaft gepflegt. Seine Gegenwart war ein Ereignis. Menschen spürten, dass sie zur Familie Gottes dazugehörten. Jesus nahm ihnen die Schuld ab und lud sie sich selbst auf. Ohne Vorbedingungen. Einfach so. Aus Liebe.
In der Passionszeit geht es um Leiden und Leidenschaft. Gott liebt das Leben leidenschaftlich. Und aus Liebe zu Gott und Mensch scheut sein Sohn Jesus Christus auch das Leid nicht. Der Tod ist zwar die Endstation seines Kreuzweges. Aber er ist nicht das Ende dieser Passionsgeschichte. Am dritten Tag, als zwei Frauen im Grab Jesu nach dem Rechten schauen wollen, da trauen sie ihren Augen kaum. Das Grab ist leer. Jesus Christus erscheint ihnen, weil er von den Toten auferstanden ist. Das ist das eigentliche Ende der Passionsgeschichte. Gleichzeitig ist es der Neuanfang von Gottes Schöpfung. Also, sehen wir genau hin, wie Jesus nach Jerusalem geht! Er ist der Meister wahrer Passion.

Alexander Wilken, Pastor in Moordorf

2. Februar 2013: Kirche – Wohin? 

Lars Kotterba, Pastor in der Ev.-luth. Johannes-Kirchengemeinde Wiesens

„Kirche in guter Nachbarschaft – Kirche auf dem Lande“, so lautet der Vortrag unseres Landesbischofs Ralf Meister anlässlich des Jahresempfangs des Kirchenkreises Aurich in der Lamberti-Kirche, heute um 12 Uhr. Sie sind alle eingeladen! Ich will und kann den Vortrag hier nicht vorwegnehmen, aber ein paar Gedanken zum Titel seien erlaubt. Zustimmend lässt sich sagen: Ja, wir leben in guter Nachbarschaft der Gemeinden, auch in der Ökumene. Ja, wir sind Kirche auf dem Lande, mit allen Vor- und allen Nachteilen. Unsere kirchliche Zentrale Hannover ist weit weg. Gut, dass sich der Bischof aufmacht zu uns und wahrnimmt, welche Lebens- und Glaubensfragen Menschen hier beschäftigen. Kirche muss sich aufmachen, das gilt nicht nur für die Leitung, sondern auch für die Arbeit vor Ort. Das ist vielleicht das erste deutliche Zeichen nötiger Veränderung. Da, wo Kirchen, abgesehen von Konfirmation und Weihnachten, nicht bis auf den letzten Platz gefüllt sind, heißt es sich aufmachen zu den Menschen, die älter und unbeweglicher werden. Wir dürfen nicht warten, bis alle zu uns kommen. Ich verstehe Kirche so, dass wir uns auf machen sollen zu neuen Gottesdienstarten und –orten, zu Veranstaltungen, in denen Gottes Wort glaubhaft und mit Freude verkündigt wird, und die Menschen nicht nur am Sonntag, sondern im Alltag im Herzen berührt werden, ganz gleich, in welcher Lebenssituation sie sich gerade befinden. Keine leichte Aufgabe, ganz besonders nicht angesichts der größer werdenden Gemeindegliederzahlen, weiter Wege durch das ostfriesische Land und Reduzierung hauptamtlicher Kräfte. Kirche – wohin? frage ich mich manchmal und mögen Sie sich fragen, ganz gleich ob Sie ihr nahe stehen oder die Institution Kirche mit Abstand betrachten. Das Problem wird kein einzelner lösen können, Kirche bedeutet immer ein Wir. Ein Wir derer, die zusammen arbeiten, ehrenamtlich und hauptamtlich, auch ökumenisch; ein Wir derer, die sich durch die Zahlung ihrer Kirchensteuer mit der Institution solidarisieren, die einander wertschätzen und respektieren mit allen Stärken und Schwächen, die Gott vertrauen an hellen und dunklen Tagen, die an Jesus Christus glauben als den Weg, der zum Ziel führt. Die Bibel erzählt davon, dass Menschen sich immer wieder gemeinsam neu auf den Weg gemacht haben. Das Volk Israel, Jesus und die Jünger, die Menschen um den Apostel Paulus, sie mussten sich ebenfalls häufig auf neue Situationen einlassen. Sie taten es in ähnlichem Vertrauen, das Jakob zueigen wurde, als er träumte, Engel stiegen vom Himmel zur Erde und zurück, und er Gottes Stimme hörte: Ich bin mit dir, wohin du auch gehst. Kirche – wohin? Einen vielleicht anderen Weg als wir ihn jetzt gehen, aber letztlich einen gangbaren Weg mit guter Begleitung, gutem Ziel und Gottvertrauen.

Lars Kotterba, Pastor in der Ev.-luth. Johannes-Kirchengemeinde Wiesens

26. Januar 2013: Mit Leib und Seele

Jens Blume, Pastor in Timmel und Mittegroßefehn

Mit dem Sonntag „Septuagesimae“ beginnt die sogenannte „Vorfastenzeit“. „Fasten“ – dieses Wort hat für viele den Klang von zwanghafter Enthaltsamkeit. So, wie man das von mancher Frühjahrsdiät kennt: Man verkneift sich alles Leckere, um dann am Ende wahrscheinlich doch nicht in die Hose vom letzten Frühjahr zu passen. „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen“. In diesem Sprichwort wird deutlich, was mit „Fasten“ eigentlich gemeint sei kann. Die Art, wie wir essen und was wir essen, drückt immer auch ein spezifisches Lebensgefühl aus. Kennen Sie das auch noch – wenn wir früher zu Oma gefahren sind, dann wollte sie uns immer etwas ganz besonders Gutes tun: Dann gab es einen ordentlichen Braten – mit tüchtig kross-gebratener Fett-Schicht drumherum („damit es auch nach etwas schmeckt…!“). Und dann dicke, braune Sauce drüber. Daneben Butterbohnen. Die Salzkartoffeln – die waren ja nur, damit man etwas hatte, wo man die Sauce drübergießen konnte. Und wehe, wenn man nach dem dritten, völlig überladenen Teller die Segel gestrichen hat – dann war Oma beleidigt: „Es hat euch also nicht geschmeckt!“ Später gab es dann zu „richtigem Bohnenkaffee“ ein riesiges Stück ButtercremeTorte, sodass man sich irgendwann nur noch mit Müh‘ und Not aufs Sofa schleppen konnte. Reichliches Essen war ein Ausgleich für entbehrungsreiche Jahre, in denen es nichts gab. Der ausgehungerten Seele wurde ein gesättigter Leib entgegengestellt. „Wohlstand“ bedeutete: Gästen den Tisch üppig zu decken. Jemanden „richtig satt“ machen, hieß, ihm etwas Gutes zu tun. Gemeinsames Essen ist nie absichtslos! Die Art zu essen hat sich heute geändert. Das heißt: Bei meiner Oma ist es meistens immer noch so, im Allgemeinen achtet man mehr auf die Verträglichkeit des Essens. Auch mehr auf „die Linie“. Das hat sein Gutes und sein Schlechtes. Wenn heute „light“-Produkte gereicht werden, läuft man nicht Gefahr, dass daraus etwas Bleibendes erwächst… (im wörtlichen und im übertragenen Sinn). Erinnern Sie sich an die biblische Geschichte von der „Speisung der 5000“ (Lukas 9,10-17)? 5000 Menschen hören Jesus den ganzen Tag lang zu. Und als es Abend wird, bekommen sie Hunger. Die Jünger Jesu wollen das hungrige Volk wegschicken. Sie haben ja man bloß fünf Brot und zwei Fische. Die Jünger wollen nichts „Bleibendes“ schaffen, weil sie eben nichts hatten, mit dem sie hätten dick auftragen können… Jesus aber sagt ihnen: Gebt den Leuten zu essen, lasst sie sich hinsetzen und teilt aus. Die Jünger haben Angst vor der eigenen Courage, aber: sie tun ́s. Dass uns allen in unseren Möglichkeiten Grenzen gesetzt sind, das ist eine alltägliche Erfahrung. Aber manchmal werden diese Grenzen so eng gezogen (durch uns selbst oder durch andere), dass sie uns (im übertragenen Sinne) den Lebensmut abschnüren. „Das schaffe ich sowieso nie!“, außerdem: „das macht man nicht“ oder: „das hätte ich nicht von Ihnen erwartet!“ Ein, zwei solcher Bemerkungen und das schlechte Gewissen überdeckt den Mut und lähmt uns. Wenn wir mit den Finanzen nicht hinkommen / wenn wir (beim besten Willen) nicht nachsichtiger erziehen können oder wollen / wenn die Zeit eben begrenzt ist und unsere Kräfte eben auch – was machen wir dann? Entscheiden wir uns für die erste Idee die Jünger, sozusagen: „Alle nach Hause schicken“? Uns umdrehen und sagen „Lasst mich in Ruhe und seht zu, wie ihr zurechtkommt, ich steige aus!“? Ich glaube, meistens machen wir das so. Aber wir sind dann hinterher selbst unzufrieden, weil es irgendwie anders gehen müsste. In der biblischen Geschichte wird ein eigentlich unlösbares Problem überwunden – letztlich: durch ausprobieren! Im Namen Jesu werden Leib und Seele satt. Nicht „übervoll“ sondern „sinn-voll“.

Jens Blume, Pastor in Timmel und Mittegroßefehn

19. Januar 2013: Du bist gewählt…

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Morgen also der Wahlsonntag. Aus Überzeugung oder Pflichtgefühl wird die Stimme abgegeben. Aber wen kann man wählen? Welche Partei, welcher Kandidat behält die Übersicht in den komplizierten Verhältnissen unserer Zeit? Am Abend folgen die Auszählung, die Analysen, die Interviews. Manche werden es zu hören bekommen: „Du bist gewählt“. Dabei gilt das genauso für Sie und mich. „Nein, da muss ein Missverständnis vorliegen. Davon weiß ich gar nichts. Ich habe mich überhaupt nicht aufstellen lassen. Ich möchte nicht etwas zugeschustert bekommen, um das ich mich gar nicht bemüht habe. Wer weiß denn, ob das Amt überhaupt zu mir passt? Nein, ein Missverständnis.“ Da steht es aber – schwarz auf weiß – in der Bibel: Jesus sagt: Nicht ihr habt mich gewählt, sondern ich habe euch gewählt! (Das Evangelium nach Johannes.15,16) Jesus wählt uns in ein besonderes Amt: als Kinder Gottes in einer freundschaftlichen Beziehung mit ihm zu leben. Das Wahlergebnis steht in dieser Beziehung schon jetzt eindeutig fest. Gott traut mir mit seiner Wahl eine Menge zu, vielleicht sogar mehr, als ich mir selber zutraue. Und es ist eine echte Wahl. Wie wir mit dieser Wahl, dem Vertrauen, das Gott in uns setzt, umgehen, das liegt bei uns. Solches bedingungslose Vertrauen lässt sich aus dem eigenen Leben ausblenden oder missbrauchen. Man kann die Wahl ignorieren, den Kontakt zu Gott abbrechen, das Vertrauen beiseiteschieben und sagen: Das interessiert mich überhaupt nicht. Doch selbst wenn sich so herausstellt, dass wir kein Interesse an der Wahl Gottes haben, oder wenn wir das Gefühl haben: Wir sind das Vertrauen nicht wert, das Gott mit seiner Wahl in uns setzt – all das ändert nichts an der Wahl Gottes. Gottes Vertrauen ist kein prüfendes, sondern tragendes Vertrauen. In unserem Leben mag sich vieles ändern, die Wahl Gottes nicht. Kein Mensch ist ein Zeitschriftenabonnement, das Gott abbestellt, wenn die Zeitschrift zu schlecht wird. Gott wählt uns aus, damit wir mit ihm zusammenleben, damit wir die ersten Schritte im Glauben lernen können, damit wir unser Leben mit seinem Vertrauen im Rücken gestalten. Gottes Vertrauen in uns hört nicht auf, und ist schon da, bevor wir irgendetwas Tolles zustande gebracht haben. Also: Nehmen Sie die Wahl an?

Holger Rieken, Pastor In Wiesmoor und Marcardsmoor

12. Januar 2013: Hans im Glück

Thomas Henneberger, Pastor In Aurich-Oldendorf

Hans im Glück Zum Anfang des Jahres haben viele sich gegenseitig Glück gewünscht. Nur: Wie findet man den Weg zum Glück? Die Bibel ist voll von solchen Wegbeschreibungen. Auch manche Märchen erzählen davon. Einige tun es in einer ähnlichen Weise, wie Jesus es in seinen Gleichnissen getan hat. Zum Beispiel das Märchen Hans im Glück: Sieben Jahre lang hatte Hans bei seinem Herrn gedient. Nun wollte er zu seiner Mutter heimkehren und bat den Herrn um seinen Lohn. Er bekam ein Stück Gold, das so groß war wie Hans‘ Kopf: Aber der Goldklumpen lag ihm schwer auf der Schulter. Hans ist froh, als er einem Reiter begegnet und das Gold gegen dessen Pferd eintauschen kann. Denn auf einem Pferd reitend, so sagt er sich, komme ich schneller und bequemer voran. Doch schon bald wirft das Pferd ihn ab. Da tauscht Hans das Pferd gegen eine Kuh ein. Doch als er merkt, dass er sie nicht melken kann, tauscht er sie gegen ein Schwein, danach das Schwein gegen eine Gans und schließlich die Gans gegen einen Schleifstein. Denn Scherenschleifer, das scheint ihm ein einträglicher Beruf zu sein. Doch der Stein drückt und belastet ihn beim Gehen ganz erbärmlich. Und so macht Hans Rast an einem Brunnen und legt den Stein auf den Brunnenrand. Doch als er sich zum Trinken bückt, stößt er an den Stein, der in den Brunnen plumpst. Wieso heißt dieses Märchen eigentlich „Hans im Glück“? Hans hat doch alles verloren. Am Anfang war er reich, und am Ende ist er arm wie eine Kirchenmaus. Bei jedem Tauschgeschäft hat er sich betrügen lassen. Ist er nicht der reinste Pechvogel, dessen Ahnungslosigkeit von anderen schamlos ausgenutzt wurde? Wenn man es so betrachtet, lautet die Moral von der Geschicht: Sei bloß nicht so dumm wie Hans. Mach nur Geschäfte, die du verstehst. Achte darauf, was du besitzt, und gib es nicht leichtfertig her. Ein kluger Hans hätte sein Geld zinsgünstig ange- legt. Und wenn er es klug getan hätte, dann hätte er sich von den Zinsen seines Kapitals viele Wünsche erfüllen können und wäre dabei trotzdem reich geblieben. So jedenfalls sieht die gewöhnliche Lesart dieses Märchens aus, die kapitalistische Lesart. Es gibt aber auch eine andere Lesart, nämlich eine christliche, nahezu biblische – und nach dieser hat Hans wirklich das Glück gefunden. Das Märchen schließt nämlich so: Als Hans den Schleifstein in die Tiefe hatte versinken sehen, sprang er vor Freude auf, kniete dann nieder und dankte Gott, dass er ihm auch diese Gnade noch erwiesen und ihn auf eine so gute Art – und ohne dass er sich einen Vorwurf zu machen brauchte – von dem schweren Stein befreit hätte, der ihm allein noch hinderlich gewesen wäre. „So glücklich wie ich“, rief er aus, „gibt es keinen Menschen unter der Sonne.“ Mit leichtem Herzen und frei von aller Last sprang er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter war. Hans ist danach wirklich im Glück, weil er seine Freiheit gefunden hat. Weil er gelernt und entdeckt hat, dass man Freiheit und Glück nicht gewinnen kann durch das, was man besitzt – also nicht, indem man festhält, was man hat, sondern indem man loslässt. Hans hat gespürt, dass Besitz immer auch eine Last bedeutet, jedenfalls dann, wenn man sein Herz daran hängt. Davon macht Hans sich frei, Schritt für Schritt auf seinem Weg. Er muss immer weniger festhalten und kann immer leichter loslassen. So wird er zu einem wirklich freien und glücklichen Menschen, weil er keine Angst mehr hat vor Verlusten, weil er getrost loslassen kann, was er besitzt. So gewinnt er im Verlieren und Loslassen die Freiheit zum wirklichen Leben. Und das gelingt ihm, weil er alles, was ihm gegeben und wieder genommen wird, aus Gottes Hand empfängt. Weil er sein Herz eben nicht an seinen Besitz, sondern an Gott hängt und darauf vertraut, dass Gott für ihn sorgt in allem, was ihm im Leben begegnet. Wer so lebt, hat den Weg zum Glück gefunden.

Thomas Henneberger, Pastor In Aurich-Oldendorf

5. Januar 2013: Das Fest der Erscheinung

Peter Schröder-Ellies, Pastor in Aurich

Epiphanias – auf Deutsch „Fest der Erscheinung des Herrn“: So heißt der 6. Januar im Kirchenjahr. Vielen ist er eher als Drei-Königs-Tag bekannt. Denn die biblische Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland wird an diesem Tag im Gottesdienst gelesen. In manchen Gemeinden in und um Aurich wird der Tag als „Lüttje Wiehnacht“ begangen, als Ausklang der Weihnachtszeit, oft mit besonderen, musikalischen Gottesdiensten. Ich verstehe dieses Fest als „zweite Weihnacht“, als Weihnachtsfest für die Menschen mit dem weiten Anweg. Kamen am Heiligabend die Menschen vom Hirtenfeld um die Ecke, so kommen jetzt die Menschen aus dem weit entfernten Morgenland. Kamen am Heiligabend die Hirten, also einfache, „ungebildete“ Leute, so kommen jetzt die Weisen, die Wissenschaftler der damaligen Zeit. Kamen am Heiligabend die Armen, so kommen jetzt die Reichen, die Gold verschenken können und Weihrauch und Myrrhe. Die Reichen haben offenbar den weiteren Weg zu Gott – die, die viel haben, vielleicht zu viel, und die darüber ihre Sehnsucht nicht mehr spüren. Die Weisen sind manchmal länger unterwegs – die, die viel wissen, vielleicht zu viel, und darüber aufgehört haben zu fragen. Es gibt viele Wege zu Gott, auch für Menschen, die sich selber im Wege stehen oder die einen Umweg nehmen. Ein Weihnachtsfest für Menschen mit einem weiten Anweg – das könnte auch für mich etwas sein. Eine „zweite Weihnacht“. Wie die Menschen aus dem Morgenland könnte ich mich auf den Weg machen, um Gott zu begegnen. Der Theologe Karl Rahner hat das wunderbar formuliert: Es leuchtet der Stern. Viel kannst du nicht mitnehmen auf den Weg. Und viel geht dir unterwegs verloren. Lass es fahren. Gold der Liebe, Weihrauch der Sehnsucht, Myrrhe der Schmerzen hast du ja bei dir. Er wird sie annehmen. Was wäre das für ein Aufbruch in das neue Jahr! So kann der Weg durchs Jahr ein guter Weg werden, ein gesegneter: Dem Stern folgen, den Winken und Hinweisen Gottes. Mit leichtem Gepäck unterwegs sein – nicht glauben, ich müsste viel mitnehmen auf meiner Lebensreise. Liebe, Sehnsucht, Schmerzen – das alles wird da sein. Und Gott wird es annehmen als Geschenk und so verwandeln, dass es mir selber zum Geschenk wird.

Peter Schröder-Ellies, Pastor in Aurich