Sonntagsbetrachtungen 2009

31.12. 2009: Up de Drüppel

Nu is dat bold sowiet. Wi hebbt de Greep van neie Johr all in Hand. Noch is de Döör dicht, man blot n poor Stünnen noch. Dat is’n sünnerboren Nacht,wenn dat ole Johr so sacht utklingt. De Minschen sünd unrüstig in de Tied tüschen de Johren und dat geiht de luud her. Und jüst in de Oogenblick wor de Wiesers van all de Klocken up Twalven springt,denn worrdt de schooten und knallert as mal und van meenigeen Klocktoorn worrdt de lütt. So begrööten wi dat neie Johr. Noch is dat nich sowiet. Wi stohnt de noch vör. Und dat is ook de Tied wor Bilanz trukken worrdt. Wat is west? Wat mag komen? Well sück an Anfang van Johr wat vörnohmen hett, de kann dat nu överkieken. Hebb ik dat inholln off hebb ik dat in Been saaken laaten? Wat hebb ik verwacht för mi,mien Familie, Stadt und Land? Dat is gor nich so eenfach Bilanz tö trekken, denn in een Johr geböhrt so vööl. Du vergeets ook woll wat. Sekker is: Dat, wat west is,kannst nich törügg hollen. Villicht harrst du dit off dat anners mooken wullt. Tö laat! Kann ook wesn, dat dat as’n Steen up dien Hart liggt. Tied kannst nich törüggholen. Tied löppt immer wieder. Und wi gohnt mit, so worrdt de up meenig Geburtstag seggt. Dat is ja ook wohr. Man,wo wi de Tied beleeven,dat is bi elk und een verscheden. Wenn du vull Bliedskupp sittst, denn verflüggt de Tied man so. Dat du sückse Stünnen hatt hest, wünsch ik di. Dor kannst doch dankbor för wesn. Gliekevööl gifft dat ook de Stünnen, de man so kruupen. Krankheit, Nood und Sörgen. sünd de Stünnen so toie as’n oll Stück Leer. Ik hoop in disse Stünnen is Gott di Stöhnpohl west.
Wat vör Tieden wachten nu up us in’t neie Johr? Dat kann nüms weeten. Dor will ik gor nich up spekuleeren. Wenn een in Sömmerurlaub fohrt, packt he Badeklamotten in und wenn een in Winterurlaub will, denn nimmt he Pullovers und Handschen mit. Wenn du dör de Tied geihst, denn kummt dat ook drup an wat du mitnimmst. Wi stohnt up Drüppel van’t neie Johr und ik much dat Tövertraun up Gott nich missen. Dor is een,de geiht mit uns. De Apostel Paulus hett mol seggt, dat steiht balkenfast, dat Gott bi uns is. Sückse Tövertraun wünsch ik di för 2011.
Walter Uphoff, Pastor in Middels
18.12. 2009: Muttersprache
Erinnern Sie sich noch an die ersten Worte, die Sie gesprochen haben? Die ersten Worte, die Sie gehört haben haben? Die ersten Worte, die Ihr Mund geformt hat?
An die ersten Worte erinnern sich vielleicht die Eltern. Wir selber können das kaum. Und doch bleibt die Muttersprache etwas prägendes. Sie hat einen warmen, vertrauten Klang. Sie ist die Sprache in der wir träumen. In der wir sicher umhergehen, uns in die vertrauten Folgen und Laute fallen lassen können.
Wir schön, in einem fremden Land vertraute Töne zu hören! Ein paar Worte in der eigenen Muttersprache wechseln zu können.
Fulbert Steffensky hat einmal gesagt, die Musik und die Lieder sind die Muttersprache des christlichen Glaubens. Und es ist eine internationale Muttersprache. Musik überwindet spielend Sprachbarrieren, bringt Menschen in Bewegung, weckt Gefühle und begeistert. Musik gibt den verborgenen Gefühlen eine Stimme. Sie läßt einstimmen in Lob und Klage. Was noch ersehnt wird, wird herbei gesungen. Was schon gut und schön ist, wird besungen. Manches Lied läßt uns die Schönheit ahnen, die tief verborgen im Bauplan dieser Welt ruht. Musik und Lieder sind Ausdruck dafür, was Worte alleine nicht sagen können. Sie sind der angemessenste Umgangston im Gespräch mit Gott. Ob mit den melancholischen Klängen eines Blues oder im trällernden Bogen eines Lobliedes.
Ohne Musik und Lieder ist ein christlicher Gottesdienst undenkbar. Und auch die Advents- und Weihnachtszeit wäre ohne die Lieder gar nicht zu denken. Sie wecken Erinnerungen, sie schaffen Atmosphäre. Nicht so gut, wenn sie aus der Konserve auf dem Weihnachtsmarkt oder im Einkaufsparadies heruntergedudelt werden. Am besten, wenn sie selbst gesungen werden.
Unter dem Weihnachtsbaum singen nur noch 39% der Deutschen selbst. 47% überlassen dem CD-Spieler die Arbeit, 14% singen gar nicht. Wie schade! Dabei tut Singen so gut. Eine Frau kommt mir nach der Chorprobe strahlend entgegen: „Das war richtig gut! Ich fühle mich wie neugeboren.“, sagt sie mir. Singen ist gesund. Es stärkt die Abwehrkräfte und steigert das Wohlbefinden. Es kräftigt die Muskeln und trainiert sogar die Seele. Singen kann wie ein Anti-Depressivum wirken, sagen Forscher.
Wir enthalten uns aber nicht nur in dieser Hinsicht Wertvolles, wenn wir immer weniger singen. Denn gerade unsere geistlichen Lieder, alte Choräle und moderne Weisen, sind zuverlässige Führer zum Glauben.
„Seit ich im Gospelchor mitsinge, fällt mir das mit dem Glauben viel leichter.“, sagt eine junge Frau. „Erst habe ich nur die Lieder mitgesungen, aber dann habe ich angefangen darüber nachzudenken. Und dann habe ich entdeckt, daß da für mich ganz viel Wertvolles drinsteckt.“
Musik und Lieder sind die Muttersprache unseres Glaubens. Wenn wir das Singen einstellen, wenn wir die Lieder verlernen, schneiden wir uns von dieser Muttersprache ab. Den Reichtum der Choräle, der Musik möchte ich nicht missen. In mancher eigenen Glaubenskärglichkeit sind sie wie ein belebender Schluck Wasser. „Das soll und will ich mir zu Nutz/ Zu allen Zeiten machen,/ Im Streite soll es sein mein Schutz,/ In Traurigkeit mein Lachen,/ In Fröhlichkeit mein Saitenspiel,/ Und, wann mir nichts mehr schmecken will,/ Soll mich dies Manna speisen;/ Im Durst solls sein mein Wasserquell,/ In Einsamkeit mein Sprachgesell/ Zu Haus und auch auf Reisen.“, hat Paul Gerhardt in einem seiner Choräle unnachahmlich gedichtet. Ohne Musik und Lieder fehlen unserem Glauben Worte und Klang, Tiefe und Leichtigkeit. Darum: vergessen Sie Ihre Glaubens-Muttersprache nicht. Und geben Sie dem Gesang nicht nur unter dem Tannenbaum eine Chance.
Pastorin Anne Ulferts-Tatjes, Wiesmoor
11.12. 2009: Winterrose
Frierend drängen sich die Jugendlichen in das kleine Häuschen. Die Menschen huschen an diesem eisigen Tag achtlos vorbei. Jeder sieht zu, daß er schnell ins Warme kommt. Und wer doch mal kurz stehenbleibt strebt schnell zu Bratwürsten und Glühweinbuden weiter. Da will man was für den guten Zweck tun und keinen interessiert´s. Die Jugendlichen sind unverdrossen, auch wenn nur wenige Menschen sich in den Hirtenstall verirren.
Immerhin, am Ende des Tages kommt doch noch ein bisschen was für behinderte Kinder in Rumänien zusammen.
Als ich über den Weihnachtsmarkt nach Hause gehe, dudelt vom Kinderkarussell das alte Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“ herüber. Ein Hoffnungslied, das anknüpft an das, was der Prophet Jesaja einst seinem Volk als Hoffnung verkündet hat. „Ein Spross wächst aus dem Baumstumpf Isai, ein neuer Trieb schießt hervor aus seinen Wurzeln.“ (Jes 11,1)
Könnte man hier auch brauchen, denke ich. Irgendwie ist das hier ja jedes Jahr dasselbe. Die Buden, das Gedränge, der Glühweindunst, das Riesenrad. Nichts Überraschendes. Vielleicht suchen die Leute das hier auch gar nicht.
Aber ein „Ros entsprungen … mitten im kalten Winter“, das würde ich mir wünschen. Ein bisschen mehr Hoffnung. Ein bisschen mehr Sehnsucht. Ein bisschen mehr fragen nach dem was sein kann und nicht nur nach dem, was schon immer so war. Darum geht es doch eigentlich. Bringt das was?, hat einer der Passanten gefragt. Das passt hier doch gar nicht her.
Advent ist noch mehr als das, was ich schon kenne. Schade, wenn das untergeht. Schade, wenn Kirche auf dem Weihnachtsmarkt nicht mehr passt.
Gehen wir eigentlich auch unter, wenn wir den Ursprung unserer christlichen Feste, unserer Kultur, mehr und mehr vergessen? Jesaja musste das in seiner Zeit erleben. Die Gleichgültigkeit der Menschen führte in den Untergang. Der Baumstumpf, von dem Jesaja spricht, ist das Volk Israel, das eigene Wege ging und seine Freiheit verlor.
Und doch war das nicht das Ende. Ein neuer Schoss, ein Trieb ist da. Ein Baum hat Hoffnung, auch wenn er abgehauen ist. Er kann wieder ausschlagen.
Das ist ein schönes Hoffnungszeichen. Wie eine Rose mitten im Winter. Das gibt neuen Mut. Das reizt zur Hoffnung. Gott will es so.
Ein Gedicht von Bertold Brecht kommt mir in den Sinn:
Ach, wie sollen wir die kleine Rose buchen?
Plötzlich dunkelrot und jung und nah?
ach, wir kamen nicht sie zu besuchen
Aber als wir kamen, war sie da.
Ehe sie da war, ward sie nicht erwartet.
Als sie da war, ward sie kaum geglaubt.
Ach zum Ziele kam, was nie gestartet.
Aber war es so nicht überhaupt?
Ich weiß nicht ob Brecht damit an das alte Weihnachtslied oder Jesaja gedacht hat. Aber seine Zeilen passen wunderbar zu diesem Bild. „Ehe sie da war, ward sie nicht erwartet. Als sie da war, ward sie kaum geglaubt.“ So ist das wohl mit dem Glauben und mit der Hoffnung. Es dürfte sie gar nicht geben, aber nun gibt es sie. Und das ist gut so. Wir brauchen sie. Die Rosen im Winter. Und heute sind mir unsere Konfirmanden zu einer kleinen Rose „mitten im kalten Winter“ geworden.
Pastor Uwe Tatjes, Paulusgemeinde Aurich-Kirchdorf und Beauftragter für Internet und Neue Medien des Kirchenkreises Aurich
04.12: Würde Jesus bei IKEA einkaufen?
Genau diesen Titel hat das Buch von Tobias Faix, das meiner Frau neulich in die Hände fiel. Sie hat es sofort gekauft. Das wollte sie doch zu gern wissen: würde Jesus bei IKEA einkaufen? Womöglich mitten im Advent?
Wer meine Frau kennt, weiß, dass sie an keinem IKEA vorbei fahren kann. Sie kennt (fast) alle Filialen, von Nord- über Mittel- bis Süddeutschland. Selbst beim Urlaub in Italien bog unser Auto wie von selbst bei IKEA in Florenz ein. Keine Filiale ist vor meiner Frau sicher. Morgens holt sie sich ein lecke-res Frühstück ab. Mittags verbringt sie die Zeit mit einem Teller Köttbullar. Und in der Markthalle findet sich immer etwas, das sie mitnehmen kann.
Und nun diese Frage: „Würde Jesus bei IKEA einkaufen?“ Meine Frau hoffte beim Lesen des Buches auf ein klares: „Ja, hätt er – sein Tisch wäre auch mit den unvermeidlichen Gläsern, Teelichten und Servietten ausgestattet gewesen.“ Aber sie bekam auch nicht zu hören: „Nein, das hätte er auf gar keinen Fall.“ Stattdessen erhielt sie reichlich Stoff zum Nachdenken. Nachdenken darüber, ob mein Leben als Christ auch mit meinem (Einkaufs)Alltag zu tun hat. Nach-denken über Armut und Reichtum in der Welt. Wie be
wusst lebe ich als Christ? Wie verantwortlich bin ich? Und vor allem: wofür habe ich Verantwortung? Worauf kommt es mir beim Einkaufen an? Hauptsache billig?
Meine Frau haben diese Fragen nachdenklich gemacht. Mein Leben als Christ sollte Auswirkungen auf meinen Alltag haben. Mein soziales Gewissen schärfen. Was kaufe ich? Wofür gebe ich mein Geld aus? Wen unterstütze ich mit meiner Kaufkraft?
Fragen über Fragen. Fertige Antworten gibt es wohl nicht. Meine Frau wird vermutlich auch bei der nächsten Autobahnfahrt wieder bei IKEA ihren Kaffee trinken. Aber die innere Unruhe bleibt ihr nach diesem Buch wohl erhalten: muss ich wirklich alles haben, was ich sehe? Konsum um jeden Preis? Je billiger, desto besser – egal, welche Arbeitsbedingungen im Herstellungsland herrschen? Unser Kaufverhalten sollte uns hin und wieder einen gehörigen Schrecken einjagen. Womöglich mitten im Advent.
Bernhard Haffke, Pastor in Victorbur
27.11.: Advent
„Was verbindet Ihr mit Advent ? „, so habe ich am letzten Mittwoch die Vorkonfirmandinnen und Vorkonfirmanden gefragt. Ich wollte gern wissen, was sie unter Advent verstehen oder was sie sich von dieser Zeit erwünschen und erhoffen. Ich habe die Antworten erst mal gesammelt und merke jetzt, wieviel Wahrheit diese jungen Menschen da ausgesprochen haben.
„Zeit haben füreinander“, war eine Antwort, und ich mußte unwillkürlich denken: Ja, das ist gut, sich Zeit füreinander zu nehmen in der Familie- aber warum eigentlich nur im Advent? Wäre das nicht immer gut und wichtig?
„Vorfreude auf Weihnachten“, sagten andere. Mein Theologenverstand wollte damit nicht so recht einverstanden sein: Weihnachten ist doch ein anderes, ganz eigenes Thema, und Advent ist eben nicht „Vorweihnachtszeit“, sondern will mit großem Ernst die Gedanken an die Wiederkunft Christi wachhalten. Das haben wir ja meist vergessen, und die Weihnachtsfeiern in Betrieben und Vereinen finden alle in der Adventszeit statt. Dabei ist die Adventszeit eigentlich eine ernste Buß- und Fastenzeit. Eigentlich. Und doch… ich merke, wie ich diese jungen unbefangenen Menschen voller Lebensenergie beneide. Sie freuen sich einfach auf Weihnachten. Und wie sollen wir uns denn an Weihnachten so richtig freuen, wenn wir keine Vorfreude auf das große Fest haben? Vielen Erwachsenen ist die Vorfreude auf Weihnachten abhanden gekommen vor lauter Planen und Vorbereiten, untergegangen in Hektik und Betriebsamkeit…
„Kerzen anzünden“, sagte ein Konfirmand, und dann fuhr er fort: „Zur Zeit passieren so viele schlimme Dinge. Es wird ein Licht angezündet, damit es hell wird. Es soll zeigen: Gott ist da. Damit wir wieder Hoffnung haben.“
Es durchfuhr mich förmlich. Er hatte es mir aus der Seele gesprochen und zugleich den tiefen Sinn von Advent in seine Worte gefaßt. Wieviele Menschen in Ostfriesland, Kinder und Erwachsene, sind betroffen und erschüttert von schlimmen Ereignissen. Sind bedrückt von dunklen Gedanken und unlösbaren Fragen. Gegen dieses Dunkel ein Hoffnungslicht setzen, daran denken, wenn wir die Adventskerze anzünden: Das ist der Kern von Advent. Im Kirchenlied von Jochen Klepper (Ev.Gesangbuch, Nr.16) finde ich das wieder:
„Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern. Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein. … Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld. Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld. Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr, von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.“
Zeit füreinander, Vorfreude auf Weihnachten, und ein Licht der Hoffnung, daß Gott auch unsere Dunkelheiten wieder hell macht- all das wünsche ich Ihnen für den Advent.
Michael Stanke, Pastor in Wiesens und Koordinator für Notfallseelsorge im Landkreis Aurich
20.11.: Umzug

Ich lese eine Traueranzeige. Da ist jemand gestorben, den ich ganz gut kannte. Ich hatte es schon befürchtet, als ich den Postkasten aufschloss und diesen besonders festen Briefumschlag mit dem schwarzen Rand drum herum sah. Da rief ich meiner Frau schon zu: ‚Ich glaube jetzt sie gestorben.’
Und in der Tat, es war die Todesnachricht.
Auf der Karte in dem Umschlag – ebenfalls mit schwarzem Rand versehen – ist ein Kreuz. Neben dem oberen vertikalen Balken, direkt über dem rechten horizontalen steht ein Bibelvers: ‚Jesus Christus spricht: In meines Vaters Haus sind viele Wohungen …’
Ich muss lächeln, denn dass passt gut zu der Verstorbenen.
Das letzte Mal als wir telefonierten, hat sie auf die Frage, wie es ihr denn gehe, geantwortet: ‚Ich gucke immer schon mal in den Himmel und neulich habe ich jemanden mein Namensschild an eine Tür im Haus Gottes anschrauben sehen.’
Ich erinnere mich, dass ich dieses Bild auch nach dem Telefonat noch eine Weile im Kopf hatte. Das Bild vom eigenen Türschild im großen Haus Gottes, in das wir nach dem Sterben umziehen.
Ich lese die Traueranzeige.
‚Unsere geliebte Mutter, Oma und Tante ist umgezogen …’ steht da. ‚Sie starb in den frühen Morgenstunden. Wir sind gewiss, dass sie ihr Zimmer in Gottes Himmelshaus bezogen hat.’
Ich freue mich über diesen Glauben der Angehörigen und ich bezweifele es auch nicht, dass die Verstorbene einen Platz im Himmel haben wird. Warum auch …?
Ich lese weiter.
‚Die Beerdigung ist am kommenden Mittwoch,’ rufe ich meiner Frau zu und dann muss ich es zwei Mal lesen, was da steht: ‚Von Trauerkleidung bitten wir auf Wunsch der Verstorbenen abzusehen.’
Also kein schwarzer Anzug, kein schwarzes Kostüm. Diesen Satz finde ich ungewöhnlich. So habe ich ihn noch nicht gelesen. Mutig …
Am Mittwoch bei der Beerdigungsfeier haben sich fast alle daran gehalten. Nicht gerade bunt, aber vielfarbig gekleidet sitzen wir in der Kirche. Singen ‚In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesus Christ’.
Alle sind traurig. Beerdigungsstimmung eben … aber als die Pastorin in der Predigt von den vielen Zimmern erzählt, den Wohnungen, die im Haus Gottes sind, und als sie erzählt, dass die Verstorbene ihr kurz vor dem Sterben noch davon berichtet habe, dass sie da bereits ein Zimmer mit Türschild hätte … als die Pastorin das erzählt, geht so ein Lächeln durch die Bankreihen. Nein, kein Lachen, das passt nicht zur Traurigkeit, die auch da ist, aber ein Lächeln. Ein Auferstehungslächeln … Wir singen ‚Wir sind von Gott von umgeben, auch hier in Raum und Zeit und werden bei ihm leben und sein in Ewigkeit’. Mein Kirchenbanknachbar korrigiert meinen Gesang. Es heißt ‚… und werden in ihm leben …’. Ich finde ‚bei ihm’ schöner.
Wenn viele morgen in die Kirchen und auf die Friedhöfe gehen, um an ihre Gestorbenen zu denken, wünsche ich ihnen, dass sie daran glauben können, dass Gottes Haus mit den vielen Wohnungen auch Platz für ihre Toten hat.

Hans Hentschel, Pastor in Riepe und Beauftragter für das Kirchenkreismagazin

13.11.: Euer Herz erschrecke nicht!
Das Ende des Kirchenjahres bringt uns eine stille Woche mit ernsten Gedenktagen. Morgen – am vorletzten Sonntag – wird in vielen Gottesdiensten der Toten und der Opfer der Kriege gedacht. Kränze werden an den Ehrenmälern niedergelegt. Auch wenn sie weniger geworden sind, diejenigen, die noch von den Weltkriegen direkt betroffen sind, Vater, Bruder oder Verlobten verloren haben, so sind die Schicksale doch gegenwärtig. Die Betroffenheit ist auch nach Jahrzehnten spürbar. Dabei bleibt es für Alt und Jung ein Tag, um für den Frieden zu beten im Kleinen, wie im Großen.
Die Mitte der Woche bringt uns den Buß- und Bettag. Die Erinnerung an einen freien Tag ist inzwischen verblasst. Die Kirchentüren aber sind geöffnet, Gottesdienste werden überall gefeiert. Das Nachdenken über den eigenen Lebensweg steht im Mittelpunkt. Lebensziele können überdacht werden. Es geht um die Möglichkeit, sich Fehler und Schuld einzugestehen und vor Gott zu bringen. In der Feier des Abendmahles will Gott in der Beichte mit uns einen neuen Anfangspunkt setzen.
Am Ende steht der Ewigkeitssonntag. Wir gedenken der Verstorbenen der letzten Monate, die Namen werden im Gottesdienst verlesen. Abschiede, die schon länger zurück liegen, sind wieder ganz nahe. Die Wege führen noch einmal an die Gräber. Wir suchen Trost in den Worten der Bibel. In den vertrauten Gesängen, dem Gebet und der gottesdienstlichen Gemeinschaft. können wir Kraft finden. Die Gedanken sind in die Vergangenheit gerichtet und doch kann dieser Tag auch helfen, sich wieder mehr dem Leben und der Zukunft zu öffnen. Trauer braucht ihre Zeit. Trauer lässt sich nicht einfach begrenzen, dennoch kann sie sich wandeln. Trauer kann sich aus dem Gottvertrauen verwandeln in neuen Lebensmut.
Der I. Advent ist am Ende der Woche dann nicht mehr weit entfernt. Davor aber kreisen die Gedanken um das Leben und das Sterben. Gehen wir in diese Tage mit der Losung des Jahres. Jesus sagt uns: „Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich!“
Pastor Kurt Booms, Kirchengemeinde Weene

06.11.: Selig die Friedenstifter!

Das ruft Jesus, der Friedefürst, in der Bergpredigt den um ihn versammelten Menschen zu, und er fügt an: denn ihrer ist das Himmelreich! Klar und deutlich klingt seine Botschaft durch die Zeit. Und sie gilt heute erst recht. Landauf landab hat sich wieder das alte Denken, das nach zwei Weltkriegen überwunden schien, in den Köpfen etabliert: vor allem mit Waffen sei Frieden zu schaffen.
Im Herbst 1980, vor 30 Jahren, fand zum ersten Mal – mitten im „Kalten Krieg“ – die „Ökumenische FriedensDekade“ in den beiden deutschen Staaten statt. Kirchen und viele in der Friedensarbeit engagierte Gruppen einigten sich damals in einer waffenstarrenden Welt auf das Motto „Frieden schaffen ohne Waffen“. Seitdem werden in jedem Jahr im November Christenmenschen an ihren Auftrag erinnert, in der Nachfolge Jesu Christi sich nach ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten für den Frieden zu Hause und in der Welt einzusetzen. In diesem Jahr beginnt die „FriedensDekade“ an diesem Sonntag und endet am Buß- und Bettag. In vielen Gottesdiensten wird daran gedacht werden. Das Motto lautet: „Es ist Krieg. Entrüstet euch!“ Sachlich wird festgestellt, was kaum noch jemand bestreitet: auch in Afghanistan ist Krieg und deutsche Soldaten und Entwicklungshelfer, auch Frauen, sind

hineingezogen.
Ent-Rüstung ist angesagt über die Auf-Rüstungsbestrebungen in vielen Ländern der Welt und ganz besonders auch über die Tatsache, dass Deutschland im internationalen Rüstungsexportgeschäft inzwischen schon den dritten Platz erklommen hat.
Was können wir schon tun?, werden Sie vielleicht fragen. Eines können Sie und ich gewiß tun. Peter Spangenberg hat es 1989 in einem Choral so gesagt:
„Wir beten für den Frieden, wir beten für die Welt, wir beten für die Müden, die keine Hoffnung hält, wir beten für die Leisen, für die kein Wort sich regt, die Wahrheit wird erweisen, dass Gottes Hand sie trägt.“
Friedensstifter haben die wunderbare Verheißung Jesu: ihrer ist das Himmelreich. Da braucht es keine „Reichsparteitage“. Schalom – der Friede Gottes geleite Sie durch die kommende Woche.
Reinhard Uthoff, Evangelisch-Reformierte Gemeinde Aurich

31.10.: Protestanten
Menschen gehen auf die Straße und protestieren. Für Veränderungen oder gegen Veränderungen. Und das nicht erst seit gestern, sondern immer schon.
Die Nachfahren derjenigen, die Martin Luther auf die Straße gebracht hat, heißen Protestanten. Sie feiern morgen sozusagen den Geburtstag ihrer Kirche, den Reformationstag. Sie feiern, dass damals Menschen gegen eine Kirche demonstriert haben, die sie bevormundet hat, die Ablassbriefe und die Leute für dumm verkauft hat.
Oft geht es um äußere Verhältnisse, wenn protestiert wird. Aber Luther ging es gleichzeitig um eine neue Weise, von Gott und dem Menschen zu denken. Luther hat sich getraut, die Bibel anders zu lesen als seine Lehrer und hat in den Psalmen und im Römerbrief neue Entdeckungen gemacht. Er hat sich mit der Gerechtigkeit Gottes beschäftigt, ein altes Thema.
Neulich haben wir uns im Konfirmandenunterricht darüber unterhalten, wie jemand sein muss, vor dem man Respekt hat. „Cool und streng“, fanden die Jungen. „Gerecht“, fanden alle, auch die Mädchen. Am Schluss stellten wir fest: So, wie wir uns eine Respektsperson vorstellen, so wird in der Bibel Gott beschrieben. Der, den ich ehren und achten kann.
Als Luther aber in seiner Studierstube saß und seine Vorlesungen vorbereitet hat, da hat er gesehen: Diese Gerechtigkeit Gottes besagt nicht nur, dass Gott gerecht ist. Die Gerechtigkeit Gottes ist auch eine Gerechtigkeit, die Gott uns zuspricht. Er hält uns, er macht uns gerecht. Auch wenn wir so vieles falsch machen.
Luther vergleicht das mit der Tätigkeit eines Arztes: Er sieht, dass wir krank sind, so wie Gott sieht, dass wir sündigen. Aber er sieht uns als den, der gesund werden wird, er hat uns schon als Gesunden vor Augen – so wie Gott uns schon als Gerechten betrachtet.
Klingt vielleicht kompliziert. Aber was heißt das konkret?
Ich hoffe, es gibt in Ihrem Leben jemanden, der Sie so liebt, wie Sie sind. Mutterliebe ist oft so. Da ist jemand, dessen Liebe Sie sich nicht erarbeiten müssen. Der auch zu Ihnen gestanden hat, als Sie mal Mist gebaut haben. So ist Gott. Er fragt nicht nach Leistung, Macht, Ruhm. Seine Liebe muss man sich nicht erst verdienen. Für ihn hat jeder Mensch dieselbe Würde, denn jeden hat er nach seinem Ebenbild gestaltet. Was aber auch heißt: Mit meiner Leistung kann ich vor Gott nicht angeben. Diese Liebe, diese Würde ist die Basis,um auch selbst Gutes zu tun.
Eigentlich steht das alles so in der Bibel. Und trotzdem war es damals revolutionär, so zu denken. Diese Gedanken haben nicht nur dieses Land verändert. Und wenn Sie morgen nicht auf die Straße gehen wollen – vielleicht findet sich in Ihrer Nähe ein Reformationsgottesdienst.
Dr. Detlef Dieckmann-von Bünau, Pastor in der Kirchengemeinde St. Johannis der Täufer in Engerhafe und Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenkreis Aurich

23.10: Goldener Oktober
In diesen Tagen schauen Menschen sehnsuchtsvoll bis verzückt zum Himmel hinauf, die nicht unbedingt reiligiös ansprechbar sind. Es ist auch weniger die himmlische Sphäre, deren Anschauung sie sich öffnen – es ist die klare Luft über unseren Köpfen, die dem Oktober seine besondere Gestalt verleiht. Inmitten der sich wunderbar allfarbig verwandelnden Blätter und Baumwipfel sehe ich die klare Luft und höre ihre Stille.
Wenn meine mit Lärm sich umgebenden Kinder plötzlich innehalten, der Bauer, wenn er bei mir anhält und seinen Trecker ausmacht, da hört man es auf einmal: Nichts! Diese stille klare Luft an sonnigen Oktobertagen und in den sternklaren Nächten, die schon die Verheißung von Frost und Reif in sich trägt. Und eines Morgens ist die Welt wie verzuckert.
Alles Einladungen an uns Menschen, selbst auch innezuhalten und dankbar zu werden. Uns zu öffnen und die Stille zu tanken. Und die Früchte des Jahres auch an uns zu spüren. In uns selbst, wo es auch ruhig wird und still.
Woher sonst kommt jener unbändige Trieb, im Laub zu rascheln und sich zu bücken, sich die Taschen mit Kastanien vollzustopfen, sie vom Deichspaziergang in Taschen und Kapuze mitzubringen und in das Glas auf dem Esstisch zu dekorieren – diese prallen Früchte, genießbar wohl allein für Rehwild, doch schon manchen hat eine Kastanie in der Manteltasche vom Rheuma befreit.
Sie sind wohl der Inbegriff praller Dankbarkeit, wir sehen es an den Kindern, mit denen wir dick eingemummelt durch die Straßen streifen. Die keine Kastanie lassen können, bis alle in der Tüte sind und nach Hause geschleppt werden. Und dieser Anblick der prallen, braunen Früchte, eingemummelt in ihre dicken Schalen, und obwohl der Frost morgens regiert und ansagt, der Winter stehe vor der Tür, öffnen sie sich, und halten die Kastanien in die blinzelnde Sonne. Zeigen ihnen die warmen Strahlen der goldenen Oktobersonne, die in die Weintrauben die letzte Süße treiben. Alles eine Einladung an uns, auch uns zu öffnen, und die Wärme und die Stille zu tanken. Und den Gedanken an Winter an uns heranzulassen.
Ist das alles, was es zu erleben gibt? Was ist mit denen, die zum Himmel hinaufschauen? Stehenbleiben und sich den Hals verrenken auf der Suche nach der Ursache all der Rufe, die schon von weit her zu hören sind. Und in klaren Nächten ist es, als flögen sie über unser Bett. Die Linien der Wildgänse, diese V-Figuren, wie von Schöpfers Hand an den Himmel geworfen, und wie sie Artgenossen herbeirufen mit ihrem Geschrei. Mitunter würden wir gern ihrem Ruf folgen …
Und die aufgeregten Kunstflug-Wolken der Jungstare, wie sie übermutig sich sammeln zu dicken Haufen, in wunderbaren Kunstflugfiguren sich üben, ganz lautlos.
Wenn ich schaue zum Himmel, und sehe die Werke deiner Hände, mein Gott. Ich staune, auch über mich, wie die Ruhe mit der Anschauung einkehrt.
Und wir nehmen die Früchte und die Bilder und Farben und die Stille mit hinein in unsere Häuser.
Denn warrt dat Harvst op uns´ Fresenhoff.
Dann wird die Geselligkeit groß unter uns.
Mit Nabers, Kinners, Ollen un Frünnen.
Pastor Wolfgang Beier, Pastor in Münkeboe-Moorhusen
16.10.: Vorbilder
„Wir brauchen wieder Vorbilder!“, höre ich die Leute sagen.
Nach einer Zeit, in der auf Vorbilder gern verzichtet wurde, wird jetzt wieder nach ihnen gefragt.
Doch wo soll man die Vorbilder für heute finden? Ja damals, wissen sie zu antworten, da gab es doch noch den Albert Schweitzer, die Mutter Theresa und andere. Und an ihren runden Geburtstagen werden sie wieder gewürdigt. Die heute 15jährigen Jugendlichen kennen diese beiden schon gar nicht mehr. Und selbst Boris Becker und Michael Schuhmacher sind ihnen sicher aus ganz anderen Gründen ein Vorbild, als es Albert Schweizer einmal für ihre Urgroßeltern gewesen ist. Hinter dem Wunsch nach Vorbildern versteckt sich vielmehr die Verweigerung sein Reden und Handeln auch zu verantworten. Es wäre verlogen auf ein Vorbild zu weisen und selbst hinter diesem Anspruch zurückzubleiben. Vielmehr ist es so, dass jeder Vater und jede Mutter ihren Kindern ein Vorbild sind. Ob sie es wollen oder nicht. Jede Lehrerin und jeder Lehrer ihren Schülern ein Vorbild sind. Ob sie es wollen oder nicht. Jede Pastorin jeder Pastor ihren Gemeindemitgliedern ein Vorbild sind. Ob sie es wollen oder nicht. Und Vorbild sein heißt leben und nicht reden. Heute wird zu viel verantwortungslos „geredet“ und zu wenig verantwortungsvoll gelebt.
Wundern wir also nicht, wenn uns die Vorbilder, wenn uns die Menschen fehlen, die das leben, was sie sagen. Die für ihr Wort einstehen, auch wenn sie dabei sich außerhalb ihrer Gemeinschaft stellen. „Das ist doch auch nur ein Mensch“, heißt es dann entschuldigend, wenn Reden und Handeln enttäuschend auseinander fielen. Das Vorbild im alten Stil war sicher weit weg und hoch auf dem Sockel gehoben. Warum suchen wir nach Vorbildern? Wir sind das Vorbild.
Jesus hat einmal gesagt: „Was immer ihr von den Mitmenschen an guten Taten erwartet, das tut ihnen. Das ist das ganze Gesetz Gottes und die Botschaft der Propheten.“ Kürzer kann man es nicht sagen.
Pastor Heinfried König, Lamberti

09.10.: Dat een woord
Van en heel wichtig Woord vertellt en lüttje Geschicht: Achter’n hoge Müür bleihde en wunnerbare Tuun, mit Blömen un en Dobb mit Seerosen, mit Busken un Bomen, mit Vögels, de singen un mit all, wat man sük blot wünsken kann. In disse moje Tuun wullen vööl Minsken geern rin. Se versöchden, over de Müür to klautern. Aber immer wenn se boven ankwemen, wuss de Müür ’n Stückje hoger. Se versöchden ok, de Poort open to breken, aber keen Warktüch weer stark genoog, dat se ‘t schaffen kunnen. Daar kweem en lüttje Kind, stellde sük vör de Tuunpoort un see en Woord. Daar gung de Döör open, un dat Kind kweem rin.
Hebben Se al raden, wo dat Woord heet, dat dat Kind seggt hett?
Bitte! Dat lüttje Woord „Bitte“. Dat gifft Minsken, de könen annern nich um wat bidden. Dat gifft Minsken, de mögen annern nich um Hülp angahn. Dat gifft Minsken, de könen annern nich um Vergeven bidden. Se denken, dat se sük lüttjet maken, wenn se annern um wat bidden. Se willen nich, dat annern denken, dat se alleen nich torecht komen. Se willen van keeneen Hülp nödig hebben. Se willen sülvst all könen un weten.
Minsken, de nich bidden könen, sünd arm Minsken. Un denn
gifft dat Minsken, de kennen dat anner Woord nich, dat to „Bitte“ tosamen hört, as Jack un Büx un as Eidööl un Eiwitt: „Danke“. Dat gifft Minsken, de könen nich danken. Se menen, dat se nüms wat to verdanken hebben. Wat se hebben, dat steiht hör natürelk to. Of se sehn in hör egen Leven blot dat, wat slecht is und waarunner se lieden. För all dat Gode in hör Leven hebben se keen Sinn. Ok sükse Minsken sünd arm dran. Well nich danken kann, word untofree. Well nich danken kann, nimmt sük sülvst vööl Goods weg.
Bitte un Danke – disse beid Woorden hören för vööl Kinner to de eerste Woorden, de se lehren. Gott wees Dank! Daarmit hebben se al vööl begrepen, wo Gott uns Minsken maakt hett un wat de Rhythmus van uns Leven is: Nehmen un Geven, kriegen un schenken, bidden un danken. Dat is so as Inamen un Utamen. Gott schenkt – daarmit fangt dat Leven an. Keeneen hett sien Leven sük sülvst to verdanken. Un van Anfang an sünd wi as lüttje Kinner up anner Minsken anwesen. Un ok, wenn wi groot sünd, bruken wi anner Minsken, de achter uns stahn und de för uns daar sünd. De uns tohören un verstahn, de uns helpen un de uns ok maal wat seggen, wat uns good deit. Dat bruken wi all: Groten un Kinner, Jungen un Ollen. So hett Gott uns maakt, dat wi nanner bruken un nanner vööl geven un Goods doon könen.
Un ok daaran hett Gott docht: Wenn uns in uns Leven dat Klagen nahder is as dat Danken, denn seggt he: Kiek up dat Krüüz. Un dat seggt an di: Gott is för di daar, ok denn, wenn du Kummer hest, un wenn di nich na Danken tomoot is. Gott is för di daar, ok wenn du heel unnern büst un de Weg neet süchst, de vör di liggt. Ik wünsk uns all, dat Gott uns to dankbaar Minsken maakt, de van annern Hülp un Leevde annehmen, un de Hülp un Leevde wiedergeven können.
Angelika Scheepker, Pastorin in Westerende
02.10. Vom Danken, Abgeben und Teilen
„Die Kartoffel, die Kartoffel, hat sich Gott gut ausgedacht. Lässt sie wachsen, lässt sie reifen, sieht zu, was man daraus macht“, haben wir in der Familienkirche gesungen. Und dann kommt der Refrain, der erzählt, was aus der Kartoffel gemacht werden kann: „Erdäpfelknödel, Kartoffelpüree, Pommes frites mit Ketchup!“ singen und klatschen Groß und Klein. In drei Gruppen sitzen die Kinder vorne im Altarraum, hören und spielen dabei die Geschichte von der Kartoffelernte. Es waren drei Länder, und alle ihre Bewohner mögen gerne Kartoffeln. Als der Herbst da ist, gehen die einen aufs Feld und ernten viele große und dicke Kartoffeln. Die stehen nun im Korb vor den Kindern. Die Kinder des anderen Landes gehen auch ernten: sie graben weniger aus, und die Kartoffeln in ihrem Korb sind ziemlich klein.
Und im dritten Land gibt es gar nichts zu ernten. Wildschweine waren da und haben alles weggefressen. Der Korb vor dieser Gruppe ist leer. Laut rufen diese Kinder mit mir den anderen zu: wir haben auch Hunger!
Was tun? Es wird spannend. Die Geschichte hat ein offenes Ende. Ich frage die Kinder mit den dicken Kartoffeln, was sie machen möchten. „Abgeben“ kommt als Antwort, „teilen“. Und wieviel? „Fünf Kartoffeln“. Von dem vollgefüllten Korb legen wir fünf dicke Kartoffeln in den leeren Korb. Und die Kinder mit den kleineren Kartoffeln? „Ich möchte sie behalten.“ „Na, drei geben wir ab.“ So wird’s gemacht. Ziemlich ungleich sehen die Körbe noch immer aus.
„Jede und jeder gebe, wie sie es im Herzen vorher bedacht und entschieden haben, nicht bedrückt oder aus Zwang. Denn Gott liebt die, die fröhlich geben.“ schreibt Paulus (2.Kor.9, 7).
Gott schaut nicht, wieviel wir geben. Ob drei, fünf oder mehr Kartoffeln. Ob fünf, zehn, hundert oder mehr Euro. Gott ist wichtig, dass wir von Herzen und fröhlich geben. Und dass wir überhaupt geben. Jede Gabe, egal ob groß oder klein, hilft und erzählt von unserem Gott, der uns großzügig mit allem beschenkt, was wir zum Leben brauchen. Und dem wir dafür Danke sagen, wenn wir geben. Morgen zum Erntedankfest und jeden Tag.
In der Familienkirche haben wir noch ein ganz anderes Ende der Kartoffelgeschichte probiert. Alle Kartoffeln wurden in die Mitte geschüttet und die Kinder teilten sie gleichmäßig auf die drei Körbe auf. „Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt“, erklang zur Gitarre. Gottes Liebe wird mit Händen zu greifen sein, unsere Welt wird Gottes Welt sein, wenn unsere Herzen voll Dankbarkeit nicht nur zum Abgeben, sondern zum gerechten Teilen bereit sind.
Susanne Schneider, Pastorin in St. Johannis Sandhorst
25.09: Konfinacht
Manches gibt es nur geschenkt.
Es ist Freitag, so gegen 22 Uhr. Es ist tiefschwarze Nacht und im Dorf ist es ganz still. Ab und zu wird die Stille unterbrochen durch ein Auto, das die Kirchdorfer Straße entla
ng fährt. Mitten in die Stille hinein plötzlich ein schriller spitzer Schrei aus dem Wald. Dann folgt ein lautes Lachen.
Ich muss schmunzeln. Denn ich ahne, was dort gerade geschehen ist. An diesem Abend hatte ich meine Hauptkonfirmanden eingeladen, um mit ihnen eine Nacht im Gemeindehaus zu verbringen. Wir hatten zuerst mit den Konfirmanden und ihren Eltern Bilder von der Freizeit im Sommer angeschaut, danach wurde gegrillt. Die Eltern hatten Salate mitgebracht und wir hatten Zeit zum Kennenlernen und zum Reden.
So gegen 22 Uhr sind die Konfirmanden in kleinen Gruppen mit den Mitarbeitern in den Wald gegangen. Ohne Taschenlampen sollten sie den Weg zum Kloster finden. Um ihnen eine Hilfe zu geben, hatten die Mitarbeiter den Weg mit kleinen Knicklichtern markiert. Wenn einem dann im stockfinsteren Wald ein dünner Ast durchs Gesicht streicht, klar, dass man sich dann erschreckt.
Am Kloster haben wir uns alle wieder getroffen. Mit einigen sind wird dann noch auf den Turm gestiegen. Wir haben gestaunt, wie weit man bei Nacht sehen kann. Bis zu den blinkenden Leuchttürmen an der Küste.
Gegen 24 Uhr sind wir wieder beim Gemeindehaus. Die Luftmatratzen werden aufgepumpt, ein Mädchen hat ein Loch in Ihrer Matratze. „Herr Pastor, haben sie wohl einen Flicken für mich?“ Mit Fahrradflickzeug ka
nn ich ihr helfen. Langsam wird es ruhiger im Haus. Draußen sitzen noch einige Jugendliche um den Feuerkorb herum, eng aneinander gekuschelt, die Flammen spiegeln sich in ihren Gesichtern.
Eigentlich will ich sie ins Bett schicken, aber ich gehe dann doch leise wieder zurück.
Aus der Kirche, die an unserem Gemeindehaus angebaut ist, höre ich Stimmen. Vorsichtig öffne ich die Tür. Drinnen sitzen einige Konfirmanden, ihre Schlafsäcke haben sie als Kissen mitgenommen. Vor ihnen brennt eine Kerze. Auf die Fensterbänke haben sie Teekerzen gestellt. Einer spielt Gitarre und sie singen: Laudato si, o mio signor. Ich schaue ihnen zu und denke. Da hast du deinen Konfirmanden so viel erzählt von der Bibel und von Gott, und sicher bleibt auch das eine oder andere hängen, aber solche Momente wie diese, die kannst du nicht machen. Die sind ein Geschenk.
Georg Janssen, Pastor in Ihlowerfehn und Ludwigsdorf
18.09.: Weiter Raum
„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“. Dieser Satz passt sehr schön zu unserer ostfriesischen Landschaft. Ich liebe diese Landschaft, diesen Blick auf das Weite, auf Wiesen und Weiden und ganz viel Himmel darüber. Manchmal, wenn ich eingeengt von Terminen bin und mich dann aufs Fahrrad setze und diesen weiten Raum sehe, dann geht es mir wieder besser, dann spüre ich diese Weite auch in mir, dann sehe ich wieder neue Möglichkeiten.
Der Mensch, der den 31. Psalm geschrieben hat, spricht zunächst nicht von Weite, sondern von Enge. Er ruft Gott um Hilfe an; denn er fühlt sich von anderen eingeengt und bedrängt. Er vertraut darauf, dass Gott ihm helfen kann. Schließlich erfährt er: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“. Gott hat ihn aus der Enge in die Weite geführt.
Bei uns ist es oft der Stress, der uns einengt. Dann kann man an gar nichts anderes mehr denken als nur an das, was noch alles zu tun ist – und das scheint immer mehr zu werden. Es können aber auch negative Gedanken sein, die uns einengen. „Ich bin einfach nicht gut genug“ oder „Ich schaff das sowieso nicht“ sind zum Beispiel solche Gedanken. Es können aber auch wie im 31. Psalm andere Menschen sein, die uns den Spielraum zum Leben nehmen. Menschen, die an uns herumnörgeln oder wodurch auch immer ganz schön zusetzen.
Gott stellt unsere Füße auf weiten Raum. Ich verstehe das so: Er lässt mich nicht nur die Situation sehen, die mich gerade einengt, sondern lässt mich darüber hinaus schauen. Ich sehe neue Möglichkeiten, fühle mich gestärkt und zuversichtlich.
Es gibt Tage, da kann selbst der weite ostfriesische Raum nicht unser Herz öffnen. Denn letztlich kann das nur Gott. Er hat ja in seinem Sohn Jesus Christus die Enge von Schuld und Sünde durchbrochen, um uns in den weiten Raum der Vergebung zu führen. Er hat ja sogar den engen Raum des Todes durchbrochen hat, um uns in die Weite der Ewigkeit zu führen. Wenn wir in seinem Namen zusammen sind, können wir diese Weite spüren. Und das kann auch in einem ganz engen Raum sein. In jedem Gottesdienst, in jeder Andacht, in jedem Gebet können wir erfahren, wie Gott uns aus der Enge in die Weite führt.
Der Beter des 31. Psalms blickt zuerst nur auf das, was ihn bedrängt. Ich kenne das auch. Manchmal scheint dann es keinen Ausweg aus einer Situation zu geben. Wie kommt der Beter des 31. Psalms da heraus? Er blickt von sich weg. Er blickt auf Gott. Auf den Gott, der ihn schon vor so vielem bewahrt hat. Auf ihn vertraut er, und auf einmal sind neue Möglichkeiten da. Weite Räume meinen Füßen.
Pastor Stefan Wolf, Wiesmoor
11.09.: Sorge Dich nicht!
Für eine Viertelstunde war „Elternzeit“. Die muntere Schar der Kinder war in den hinteren Teil der Kirche gezogen, wo sie eifrig bastelte – gut betreut vom Kindergottesdienstteam. Für uns Eltern hieß das: Pause. Zeit zum Nachdenken. Zeit, mit den anderen Eltern ins Gespräch zu kommen. Als Anregung hatten wir ein Blatt mit dem Evangelium des Sonntags vor uns. Um das Sorgenmachen ging es darin. Und ja: Eltern machen sich viele Sorgen. Lernt mein Kind schnell genug lesen? Machen die Lehrerinnen und Lehrer auch alles richtig? Machen wir Eltern alles richtig? Welche Chancen wird mein Kind mal haben? Wird es gesund bleiben? Werde ich es gut versorgen können?
„Sorge dich nicht, lebe!“, so lautete der Titel eines Bestsellers vor einigen Jahren. Diese Aufforderung könnte fast als Überschrift über dem Text in Matthäus 6,25–34 stehen. „Sorgt nicht um euer Leben. Seht ihr nicht die Vögel unter dem Himmel? Warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Sorgt nicht für morgen.“
Nicht für morgen sorgen?! Wie soll das gehen? Wer sorgt denn morgen für mich, wenn ich heute nicht vorsorge? Nur Traumtänzer können nach 1. Petrus 7 leben, wo es von Gott heißt: „Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.“
Ich erinnere mich noch gut, dass wir es damals, in der Familienkirche, nicht leicht hatten mit dem Bibeltext. Zumal einen der Text am Ende wieder in die alltäglichen Sorgen zurückwirft: „Darum sorget nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.“ Das klingt ja erstmal ganz gut, der Tag sorgt für das Seine. Nach dem Motto: Es wird sich schon alles finden. Doch dann kommt das dicke Ende: „Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“ Und da möchte man wieder tief aufseufzen: Eine Plage pro Tag! Heute würden wir sagen: Ein Problem pro Tag. Oder vielleicht: Eine Herausforderung pro Tag. Immer noch ganz schön viel und manchmal mehr als man schaffen kann. Doch dann war es gerade dieses – auf den ersten Blick entmutigende – Ende, aus dem wir eine Weisheit für unseren Alltag gezogen haben: Offenbar gehört ja jede Sorge zu einem bestimmten Tag. Und das heißt dann doch auch: Ich muss mir die Sorgen von morgen nicht schon heute machen. Ich kann Geduld haben. Ich kann vertrauen. Ich kann darauf vertrauen, dass mein Kind schon zur rechten Zeit das Richtig lernen wird. Ich kann darauf vertrauen, dass es seinen eigenen Weg finden wird. Ich kann darauf vertrauen, dass wir alle versorgt sein werden.
Wenn ich aus diesem Vertrauen lebe – wie verändert das mein Leben? Vielleicht muss ich mich dann gar nicht mehr so oft sorgen. Wie wird es meine Beziehung zu meinem Kind, zum Lehrer, zu mir selbst verändern, wenn ich aus diesem Vertrauen lebe?
Heute fällt mir noch etwas anderes an diesem Evangelium in Matthäus 6 auf: Er macht einen Unterschied zwischen der Sorge und der Fürsorge. So auch im Wochenspruch in 1. Petrus 7: Weil Gott für mich sorgt, muss ich mich nicht Sorgen. Fürsorge als Mittel gegen das Sich-Sorgen. Fürsorge – vielleicht sogar wichtiger als das Vor-Sorgen.
„Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen“, heißt es in Matthäus 6,33. Aus dem, was über das Sorgen gesagt wurde, kann ich mir ein Bild vom Gottesreich machen: Das Reich Gottes nicht als Gemeinschaft der Sich-Sorgenden oder Vor-Sorgenden, sondern als eine Gemeinschaft derer, die für einander sorgen.
Ich begreife: Gott sorgt für mich. Sonst wäre ich nicht da. Seine Fürsorge erlebe ich jeden Tag. Und deshalb kann ich sie auch weitergeben.
Dr. Detlef Dieckmann-von Bünau, Pastor in der Kirchengemeinde St. Johannis der Täufer in Engerhafe und Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenkreis Aurich
04.09.: Wie haben wir das nur früher gemacht?
Jetzt ist schon September! Je häufiger man das erlebt, desto mehr meint man: die Jahre fliegen nur so dahin. Überhaupt: die Jahre rieseln einem nur so durch die Hand. Früher war das anders! Als wir Kinder waren, da hat ein Jahr ewig gedauert. Da war schon eine Woche eine unglaubliche Zeitspanne. „Sieben mal aufstehen“ – meine Güte war das noch lange hin! Die Zeit bis zum Geburtstag, die Zeit bis zur Einschulung, das Warten auf den Heiligen Abend. Das alles war doch endlos…!
Selbst die Ferien waren früher länger. Da ist man aufgestanden und hat sich auf das Abenteuer jedes Tages gefreut. Es war immer sonnig, und auch die Freunde hatten immer Zeit! Wie haben wir das nur gemacht?
Wenn man ältere Menschen befragt, dann klingen ihre Erzählungen ganz romantisch: abends hat man sich gegenseitig besucht. Dann hat man zusammen gesungen, sich etwas erzählt und Handarbeiten verrichtet. Wie haben die das früher nur gemacht?
Damals musste man doch noch viel mehr arbeiten. „Freizeit“ – das ist doch ein Begriff der jüngeren Tage! Und doch schien Zeit langsamer, manchmal: freier zu sein. Mag sein: die Erinnerung färbt vieles schön. Mag sein: unser Gedächtnis dehnt manches in die Länge. Aber -da beißt die Maus keinen Faden ab- die gemessene Zeit war immer gleich. Und ich fürchte, die Frage: „wie haben wir das früher nur gemacht“ verweist uns auf einen geänderten Lebensstil – früher und heute. Auf eine andere Art, Zeit wahrzunehmen, bewusst zu erleben und entsprechend zu gestalten. Womit verbringen wir unsere „Freizeit“, die uns moderne Technik und die lange erkämpften Arbeitsbedingungen beschert haben?
Wie oft gehen wir heute einfach mal rüber zu den Nachbarn, um zusammenzusitzen und zu erzählen? Um eine Tasse Tee zu trinken und ein bisschen Zeit miteinander zu teilen und zu genießen? Nicht die Quantität an Zeit, sondern die Qualität, sie zu nutzen, hat zu einer gefühlten Beschleunigung des Lebens geführt.
In Psalm 31 heißt es:
“Ich aber HERR hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott! Meine Zeit steht in deinen Händen.“ Ich glaube, wenn wir erkennen, das nicht nur die Arbeitszeit, sondern unsere gesamte Lebenszeit nicht unser eigenes, verfügbares Gut ist, gewinnen wir die Freiheit, sie bewusster und in Beziehung zu anderen zu gestalten. Zeit erleben wir immer in Beziehungen. In Beziehung zu Ereignissen, in Bezug zum Jahreslauf, in der Erkenntnis, das unsere Lebenszeit ein Geschenk Gottes ist und in unserer Beziehung zu anderen Menschen.
Unser Zeitgefühl zu „entschleunigen“ kann gelingen, wo wir dieses „in Beziehung stehen“ bewusst für uns annehmen. Indem wir Begegnungen einen Raum geben – durch Besuche und Gespräche etwa. Oder durch ein bewusstes Erleben der Natur und des Jahreslaufes. Auch in der Begegnung mit Gott (in der Stille, im Gebet) können wir „Halt“ finden. Auch ein „Halt!“ gegenüber einer anscheinend rasenden Zeit.
Wie haben wir das früher nur gemacht?
In Zeiten, in denen unsere Lebenswelt sich nicht so rasant veränderte, in denen wir den Tageslauf nicht von Terminkalender und Sendezeiten bestimmen ließen, schien es noch besser gelungen zu sein, immer wieder „Halt!“ zu sagen und „Halt“ zu finden.
Das Rad der Zeit können wir natürlich nicht zurückdrehen. Und vielleicht spielt uns die Erinnerung ja tatsächlich einen Streich, so dass wir nur meinen, Uhren seien in der Kindheit noch langsamer gelaufen.
Aber, wenn wir die Sehnsucht fühlen, wir bräuchten mehr Raum für uns, mehr Luft, mehr Zeit – dann steht es uns frei, uns auf das Geschenk Gottes zu besinnen. „Meine Zeit steht in deinen Händen.“ Und es liegt oft an uns selbst, diese Zeit sinnvoll zu nutzen, um sie zu entschleunigen.
Mit guten Wünschen für die Wochen im September!
Pastor Jens Blume, Pastor in Mittegroßefehn und Timmel

29.08.: Liebe ohne Hintergedanken
Meine Konfirmandinnen und Konfirmanden machten große Augen, als ich ihnen sagte, dass man, um sich als Christin oder Christ zu verstehen, eigentlich nichts leisten müsse. Für sie war das schwer zu verstehen, da sie ja zum Gottesdienst und zur Unterrichtsstunde kommen müssen. Dazu gibt es noch so manchen Text, den sie auswendig lernen sollen. Wir haben den Predigttext für den kommenden Sonntag gelesen, einen Abschnitt aus dem 1. Johannesbrief. Dieser Briefabschnitt redet von der Liebe Gottes zu uns und unserer Liebe zu Gott. Entscheidend dabei ist, dass Gott uns zuerst geliebt hat und unsere Liebe nur eine Antwort, ein Reflex, auf seine Liebe sein kann.
Seine Liebe macht uns stark dem jeweils Nächsten in seiner Situation zu begegnen und zu helfen. Und das Besondere dabei ist, dass wir sozusagen von Gott in die Situation gestellt werden und wir selbst die Hilfe für so selbstverständlich halten, dass wir uns kaum an eine solche Situation erinnern. Ganz im Gegensatz zu der heutigen Gepflogenheit, die nach dem Motto verfährt: Tue Gutes und rede darüber. Wer seine Liebe zu Gott zur Schau stellt und damit zum Selbstzweck verkommen lässt, bleibt bei sich und geht an der Liebe Gottes vorbei. Am Geheimnis, seiner Liebe zu uns, die unserer immer voraus ist und die er uns voraussetzungslos schenkt. Das ist in der Tat ein Geheimnis, bei dem nicht nur Konfirmandinnen und Konfirmanden große Augen machen. Das zu verstehen, dazu braucht es ein ganzes Leben. Aber man kann schon jeden Tag anfangen, Gott mit in sein Leben hineinzunehmen. Wie das geht: Vielleicht so wie es in einem modernen Kirchenlied in der 3. Strophe besungen: Nimm Gottes Liebe an. Du braucht Dich nicht allein zu müh’n, denn seine Liebe kann in deinem Leben Kreise zieh’n. Und füllt sie erst dein Leben und setzt sie dich in Brand, gehst du hinaus, teilst Liebe aus, denn Gott füllt dir die Hand.
Pastor Heinfried König, Aurich-Lamberti und Pressebeauftragter des Kirchenkreises Aurich
07.08.: Durst
„Bestimmt hast du so einen schon mal verschluckt – natürlich ohne es zu wissen!“ Die Nationalpark-Mitarbeiterin lächelt. Unter dem Mikroskop zeigt sie meinem Sohn
einen winzigen, quirligen Wasserfloh, den sie gerade mit einer Pipette in einem Tropfen Wasser aus einem Aquarium geholt hat. Leicht verlegen lächelt der Sechsjährige zurück. Wir besuchen gerade das Nationalparkzentrum BIOS in den Hohen Tauern in Österreich. Anschaulich erfahren dort vor allem Kinder viel über das Leben von Tieren und Pflanzen im Hochgebirge. Dieser winzig kleine Krebs kommt in allen Gebirgsbächen vor, so erzählt sie uns. „Und du hast doch bei einer Bergtour schon mal aus einer Quelle getrunken, oder?“, fragt sie meinen Sohn. Der nickt, noch im Zweifel, ob das wohl schädlich gewesen sein könnte. Doch diese Befürchtung nimmt ihm die Mitarbeiterin des Nationalparkzentrums im Handumdrehen. Alles halb so schlimm. Als hätte sie es gewußt: Brunnen und Quellen sind seine große Leidenschaft. Bei jeder Bergtour, bei jedem Spaziergang durch ein Dorf oder eine kleine Stadt fragte mein Sohn neulich im Urlaub, ob wir wohl auch an einen Brunnen kämen. Oder an eine Quelle hoch oben auf den Almwiesen. In der großen Julihitze ließ ihn die Aussicht auf Wasser tapfer mit uns weiter wandern, obwohl er eigentlich keine Lust mehr hatte oder schon müde war. Das kühle Naß in einem Brunnen am Wegesrand weckt die Lebensgeister neu, wenn wir die Arme hineintauchen oder uns etwas Wasser ins Gesicht spritzen. Aber jedes Mal fragt mein Sohn nach: „Kann man das Wasser auch trinken?“  Sogleich möchte er einen Schluck probieren – warum nicht? „Köstlich“, lobt er dann und strahlt über das ganze Gesicht. Durstig schöpft er auch mal Wasser mit der hohlen Hand aus einer Quelle am Berg. Wer weiß, vielleicht hat er auf diese Weise wirklich schon mal einen Wasserfloh verschluckt. Oder ein paar Sandkörner. Keinem Wanderer im Hochgebirge kommen Zweifel dabei, daß das gesundheitsschädlich sein könnte. Bei so mancher ausgedehnten Klettertour war ich ebenfalls froh gewesen, meinen Durst mit Quellwasser zu löschen, wenn ich meine gut gefüllte Trinkflasche im Rucksack längst geleert hatte. Ein harmloses Vergnügen, das immer ohne Folgen blieb. Sauberes Wasser aus einem Gebirgsbach oder aus einem Brunnen zu trinken: Warum sollte man Kindern diese Erfahrung verwehren, wie gut das in der freien Natur schmecken kann und erfrischt? Den schonenden, rücksichtsvollen Umgang mit einer zunehmend wieder intakten Natur zu vermitteln, das hat sich ja auch das Nationalparkzentrum dort in den Hohen Tauern zum Ziel gesetzt, gerade gegenüber Kindern und Jugendlichen. Doch für wie viele Kinder bleibt diese Erfahrung ein Leben lang unerreichbar? Sauberes Trinkwasser, wie es hierzulande aus jeder Leitung im Hause fließt oder eben auch draußen in der Natur zu finden ist, kennen Kinder und Erwachsene in ärmeren Ländern der südlichen Erdhalbkugel überhaupt nicht. Darum quält sie oftmals nicht nur der dauernde Durst, auch Krankheiten schränken ihr Leben fortwährend ein. Jeder hat die schrecklichen Bilder aus der Dritten Welt vor Augen. Nach der kleinen Lehrstunde am Mikroskop im Nationalparkzentrum der Kärntner Hohen Tauern denke ich: Tagein, tagaus über sauberes Wasser zu verfügen und es gefahrlos auch mal in der freien Natur trinken zu können – welch ein Geschenk ist das. Mit dem Wasser schenkt Gott uns alles, was wir zum Leben brauchen. Dafür dankbar zu sein und dies der nachfolgenden Generation vermitteln zu können – auch das gehört für mich jedes Mal zum Urlaub im Hochgebirge dazu. Wer mit solchen Eindrücken und Erfahrungen heimkehrt, der kann dann vielleicht auch gut nachfühlen, was ein Psalmbeter vor weit über zwei Jahrtausenden ausgesprochen hat: „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.“ (Psalm 42, 2-3)
Pastor Dr. Andreas Lüder, Kirchengemeinde Ostgroßefehn

31.07.: Wenn Du nicht mehr glauben kannst….

„Wenn dir der Gedanke kommt, dass alles, was du über Gott gedacht hast, verkehrt ist, und dass es keinen Gott gibt, so gerate darüber nicht in Bestürzung. Es geht vielen so. Glaube aber nicht, dass dein Unglaube daher rührt, dass es keinen Gott gibt. Wenn du nicht mehr an den Gott glauben kannst, an den du früher geglaubt hast, so rührt das daher, dass in deinem
Glauben etwas verkehrt war, und du musst dich besser bemühen, zu begreifen, was du Gott nennst. Wenn ein Wilder an seinen hölzernen Gott zu glauben aufhört, heißt das nicht, dass es keinen Gott gibt, sondern nur, dass der wahre Gott nicht aus Holz ist.“

Leo Tolstoi soll das gesagt haben. Auch wenn ich Menschen anderer Kulturen nicht als „Wilde“ bezeichne – die Erfahrung, von der Tolstoi spricht, teile ich. Im Laufe meines Lebens habe ich immer wieder einschneidende Erfahrungen gemacht, die meinen bisherigen Glauben erschütterten. Und dann habe ich mich neu auf den Weg gemacht, gesucht und gefragt, und am Ende immer wieder neu zu glauben begonnen.

Auch wenn ich diesen Weg alleine verantworten muss – es tut gut zu wissen, dass ich nicht alleine auf dem Weg bin. Dass auch andere suchen und fragen – und Antworten finden, die mir weiterhelfen.

Einer von ihnen war Dietrich Bonhoeffer. Er hat die Antwort auf seine Fragen so formuliert: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten. Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Schicksal ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.“

Peter Schröder-Ellies, Pastor in Aurich-Lamberti
12.06.: Dahin gehen, wo es weht tut…

…dazu hat gerade wieder in einer Talkshow Uwe Seeler die Mittelstürmer für die nun laufende
Fußballweltmeisterschaft aufgefordert. Dahin zu gehen, wo die Tore geschossen werden. Da präsent sein, wo es brenzlig ist. Den Strafraum zu suchen, wo es zur Sache geht und wo es dann auch einmal weh tun kann.
Dieser Gedanke hat mich nicht losgelassen. Biblisch bedacht ist das nämlich mehr als eine schlichte Fußballweisheit. Jesus selbst fasst so den Auftrag in seiner Nachfolge zusammen: wir sollen nämlich genau dahin gehen, wo es weh tut. Jesus erzählt vom Reisenden, der verletzt am Straßenrand liegt, keiner kümmert sich um ihn. Erst der Barmherzige Samariter bleibt stehen und leistet Hilfe.
Ähnliche Situationen gibt es auch immer wieder in unserem Umfeld, im Familien- und Freundeskreis, in der Nachbarschaft und unter Arbeitskollegen. Da hat einer schwer zu tragen an einem Trauerfall in seiner Familie; da sorgt sich jemand um eine Freundin in der Krankheit; da drücken finanzielle Sorgen ein paar Häuser weiter; da kommt einer nicht zu Recht mit den Anforderungen im Beruf. Das sind Situationen, die weh tun. Oft genug drücken wir uns deshalb und meiden den Kontakt oder den Besuch – machen einen Bogen um die Menschen und lassen sie allein in ihrer Not. Jesus aber fordert uns auf, genau da hin zu gehen.
Beim Fußball wird mit man mit großem Jubel belohnt, wenn man immer wieder und dann auch noch erfolgreich da hin geht ist, wo es weh tut. Das wünschen wir uns morgen am Sonntag und in den kommenden Wochen für die deutsche Mannschaft.
Vielleicht gelingt uns das auch in unserem Leben mit kleinen Anfängen, dass wir zu denen gehen, wo es weh tut. Sicher hat jeder von uns jemanden vor Augen. Sprechchöre wird es nicht geben, aber ein tiefes Gefühl der inneren Befriedigung. Also, nicht nur die Mittelstürmer, auch wir als Christen sollen dahin gehen, wo es weh tut!

Kurt Booms – Pastor in Weene

05.06.: Fräuleinwunder
Ganz Deutschland hat am letzten Wochenende mitgefiebert. Die Blicke des Landes gingen nach Oslo, wo Lena für Deutschland im Finale des „Eurovision Song
Contest“ antrat. Die Hoffnungen haben sich erfüllt. Die unbekümmerte 19jährige hat Deutschland nach 28 Jahren wieder einen Triumph in diesem Wettbewerb beschert. Lena, das neue Fräuleinwunder. Viele Menschen waren danach aus dem Häuschen, es gab Straßenpartys, Autokorsos. Fast wie im Sommermärchen 2006 bei der Fussball-WM, als das Land ein ungeahntes Gemeinschaftsgefühl erlebte und auf einer Woge der Begeisterung ritt.
Wieso eigentlich? Ich denke, die Menschen haben eine große Sehnsucht nach positiven Identifikationsfiguren. Die Wirtschaft in der Krise, unsere Währung in Gefahr, die Regierung ratlos und angeschlagen. Dann tritt noch am Montag der Bundespräsident zurück. Es gibt wenig, zu dem man momentan aufblicken kann. Kaum etwas, was das Gefühl von Halt und Orientierung gibt. Wahrscheinlich war darum die Freude über Lenas Erfolg so groß. Unter all den schlechten Nachrichten wenigstens eine gute. Auch das große Interesse an der ehemaligen Bischöfin Margot Käßmann ist wohl auf die Sehnsucht der Menschen nach positiven Vorbildern und einer Orientierung zurückzuführen, Helden sind rar geworden. Autoritäten und Institutionen in die Krise geraten. Nicht zuletzt die Kirche auch.
Da ist die Frage, was das Geheimnis der Menschen ist, die etwas Positives erreichen. Auch Lena ist danach gefragt worden. Sie hat darauf geantwortet, daß der Glaube dabei eine große Rolle spielt, etwas ist, „was ihr immer wieder Kraft gibt“. Als Andenken eines Besuchs der christlichen Kommunität in Taize, wo junge Menschen, Gemeinschaft, Gesang und Gebete erleben, hat sie einen Anhänger in Form einer Taube mitgebracht. Die Taube ist das Symbol für den Heiligen Geist. Dieser positive Geist ist allen Menschen verheißen. Niemand ist unbegabt. Jeder hat Gaben, die er mit Hilfe dieses Geistes entdecken kann. Auf unsere Situation übertragen heißt das für mich: Warte nicht auf den Helden. Sei selbst das Wunder. Entdecke die Möglichkeiten, bei Dir, bei anderen. Der Geist Gottes hilft Dir dabei, er spricht Dir Mut und Würde zu. Er macht uns Mut, mehr Demokratie zu wagen. Nicht nur „die da oben“. Sondern „gemeinsam können wir etwas erreichen“. Vielleicht sogar das völlig unerwartete, wie bei Lena. Wir brauchen keine neuen Helden. Sondern ganz einfach Menschen, die Gottes guten Geist in sich wirken lassen. Die nicht nur auf bessere Zeiten warten, sondern mitdenken, sich einbringen und anpacken. Von solchen „Fräuleinwundern“ brauchen wir noch einige.
Pastorin Anne Ulferts-Tatjes, Friedensgemeinde Wiesmoor

16.05.: Das innere Navi
Wenn man dieser Tage am Kanal entlang radelt, dann muss man an einer bestimmten Stelle sehr aufpassen. Menschen bleiben auf dem Weg stehen, holen Fotoapparate und Ferngläser heraus oder stehen in kleinen Gruppen herum und reden. Man wird als Radfahrer oder Radfahrerin gerne übersehen. Das Storchenpaar, das man von dieser Stelle am Radweg aus
beobachten kann, ist viel interessanter. Es ist zur lokalen Berühmtheit geworden. Was für einen langen Weg die beiden Störche zurückgelegt haben. Vom afrikanischen Kontinent bis zu uns nach Aurich. Und all das ohne Karte, ohne Navigationsgerät und ohne nach dem Weg fragen zu müssen. Sie werden nur von ihrem inneren Kompass geleitet und finden doch sicher ihr Ziel. Auch wir machen uns immer wieder auf den Weg: zur Arbeit, in den Urlaub, zum Erledigen der alltäglichen und der besonderen Dinge. Wir bewegen uns auf bekannten Strassen und auf unbekannten Wegen. Und häufig verlassen wir uns dabei auf elektronische und gedruckte Navigationshilfen. Der innere Kompass, das Gefühl auf dem richtigen Weg zu sein, wird dabei nicht mehr beachtet. Die Stimme im Auto sagt uns wo es lang geht. Im Psalm 23 betet ein Mensch: „Er führt mich auf rechter Straße um seines Namens Willen.“ Es ist keine Bitte an Gott: führe mich. Dieser Mensch stellt eine Tatsache fest: Gott leitet mich auf dem richtigen Weg. Er ist mein Kompass, mein Navi, meine innere Stimme. Und so erlebe ich es auch immer wieder. Da ist ein Gefühl in mir, dass mich warnt und das mich bestätigt, wenn ich unterwegs bin. Im Auto wie im Leben. Und so muss ich mich manchmal entscheiden: Folge ich der Stimme meines Navigationsgerätes, das mich auf einer bestimmten Strasse sehen möchte und sehr ungehalten reagiert, wenn ich nicht abbiege, oder folge ich der inneren Stimme, die mir sagt: Hör mal auf mich: ich leite dich auf der richtigen Strasse. Immer öfter schalte ich das Navi aus und überlasse mich meinem inneren Kompass. Ich lebe im Vertrauen darauf, dass Gott mich auf der rechten Strasse leitet. Er wird mich an mein Ziel führen. Ähnlich wie die Störche ihr Ziel bei uns gefunden haben. Sie werden uns den Sommer über hier begleiten. Wenn man auf dem Radweg am Kanal unterwegs ist, kann man sie sehen. Und im Herbst werden sie sich wieder auf den Weg ins warme Afrika machen. Immer ihrem inneren Kompass nach.
Vikarin Antje Wachtmann, Lamberti-Gemeinde Aurich

30.04 2009.: Liebe im Wonnemonat Mai
Morgen fängt der Wonnemonat Mai an. Neben den Bräuchen zum Frühjahr, die eine große Freude über die erblühende Natur ausdrücken wie z.B. der Tanz in den Mai oder der Maibaum, gilt der Mai vielen auch als ein Monat der Liebe. In manchen
Jahren läuteten die Kirchenglocken im Mai besonders viele Hochzeiten ein, und bis heute sind Frühlingsgefühle für das Herz angesagt, haben Angebote für Verliebte im Wonnemonat Mai Hochkonjunktur.
Schön ist es, wenn solche Schwingungen im Herzen ein Leben lang halten und ein Paar im Wonnemonat die goldene Hochzeit feiern kann. Aber immer häufiger entwickeln sich Beziehungswege in verschiedene Richtungen. Es gibt keine Basis mehr für solche Herzensbewegungen. „Wir haben uns auseinander gelebt“. „Wir haben zu wenig Zeit füreinander gehabt.“ Zitate aus dem öffentlichen Leben, die wir auch in unserer Umgebung hören. Ein wichtiger Schlüssel für dauerhafte Frühlingsgefühle: diese besondere Zeit im Miteinander ist nicht nur eine Zeit des Genießens, sondern mindestens ebenso eine Zeit des Gesprächs. Wie gestalten wir unsere Beziehung? In welchem Umfeld wollen wir leben? Wie intensiv sollte der Kontakt zu unseren Familien sein? Welche Freundschaften sind für uns wichtig? Wie sehen die beruflichen Situationen aus? In welchen Lebenssituationen stehe ich, stehst du unter besonderer Anspannung? Auf welche Art und Weise kommen wir zu guten Entscheidungen? Frühlingsgefühle im Mai werfen Fragen auf. Da heißt es: reden, reden, reden. Nicht über alle Fragen gleichzeitig, aber es tut dem Fundament einer Beziehung gut, wenn die Partner in Zeiten der Hochstimmung grundsätzliche Fragestellungen nicht ausklammern. Alle Bemühungen sind keine Garantie für einen dauerhaften Erfolg, Enttäuschungen bleiben nicht aus, darum entlastet es den Anspruch an meine Beziehung, wenn noch eine gute Portion Gottvertrauen mit ins Boot hinein kommt. Gottes Wege sind gut!
Der Monatsspruch für Mai ist da ein guter Hinweis. „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ (Hebräer 11,1) Solcher Glaube stützt das Miteinander. Denn so wichtig gemeinsame Planung für das Leben in Beziehungen ist, so unersetzlich ist auch darauf zu vertrauen, dass Gott, der Wege ebnet oder versperrt, es gut mit uns meint. Daraus wuchs und wächst für viele ein blühender Erfahrungsschatz.
Holger Rieken, Pastor in Marcardsmoor und Wiesmoor
17.04.: Den nehme ich!
„Den nehme ich“, sagt der Junge überzeugt und gibt mir die Liste mit den Konfirmationssprüchen zurück. „Ich muss gar nicht lange überlegen, da bin ich mir ganz sicher: „der ist schön und der ist leicht zu merken!“
„Beten sie mit mir“, bittet mich die Frau nachdenklich zum Ende meines Besuches im Krankenhaus. Sie hat von ihrer Krankheit erzählt, ihrer Sorge vor allem um ihren Mann und die Kinder. Wir haben vorausgeschaut auf die nächsten Schritte der Behandlung. Mir fällt es in dem Moment schwer, eigene Worte zu finden und so vertrauen wir uns den uralten Worten an Sie selbst stimmt schließlich mit ein.
„Das soll der Taufspruch sein für unser Kind“, sagen mir die Eltern fröhlich, „das Wort hat Tradition in unserer Familie! „Das war schon der Trauspruch meiner Eltern“, meint die Frau, „es soll auch unsere Tochter begleiten auf ihrem Lebensweg!“
Menschen in so unterschiedlichen Situationen und doch finden sie das, was sie suchen in diesem einen Bibelwort. Es spricht den jungen Menschen an, ohne dass er sich die ganz großen Gedanken macht. Er fühlt sich gut aufgehoben in diesem Wort und es ist eines, das im Gedächtnis bleibt. Es gibt dem Menschen in der Krankheit Halt, auch so etwas wie einen Ansprechpartner. Es strahlt darüber hinaus gerade in schwierigen Lebensumständen einfach eine große Geborgenheit aus. In manchen Familien wird es weiter gegeben über die Generationen. Es ist ein zeitloses Wort und junge Eltern fühlen sich mit diesen Sätzen in ihrer Verantwortung gestärkt. Sie ahnen vielleicht schon, um welches Bibelwort es sich handelt? Wahrscheinlich kennen sie es auswendig. Es ist das Bild, das auch am morgigen Sonntag „Misericordias Domini“ im Mittelpunkt unserer Gottesdienste steht. Es sind die Anfangsworte des 23. Psalms: „Der Herr ist mein Hirte!“
Kurt Booms – Pastor in der Kirchengemeinde Weene

11.04. Es is ja wie es is
In diesen Tagen versammeln sich schnieke, junge Menschen an den Altären unserer Kirchen.
Ob als Konfirmanden oder als Kommunion-Kinder, sie empfangen in festlichem Ambiente Segen und Abendmahl und Heilige Kommunion. Die Bilder der Konfirmationen aus unseren Kirchen sprechen von Lebensfreude und ungestümem Drang, mitzureden in der Welt der Großen, dabei zu sein und selbst groß zu werden. Die Gottesdienste in der Vorbereitungszeit waren bereichert durch ihr ungeduldiges, fragendes Dabeisein und suchendes Sich-Einfinden in dem Glauben der Eltern. Warum ist Kirche in meinem Ort so, wie sie ist? Und wer geht da alles hin, wer gehört dazu? Eine kleine Präsentation über den Tellerrand von Familie und Nachbarschaft hinaus. Seit alters her war Palmarum der klassische Sonntag der Konfirmation, am Beginn der Karwoche, passend mit Beichte und Abendmahl. Doch das Fest der Konfirmation hat sich verändert, und so ziehen manche Gemeinden lieber einen Termin zwischen Ostern und Pfingsten vor. Oft wird mehrmals Konfirmation gefeiert, weil das Fest inzwischen so gut bei den Menschen angekommen ist, und unsere Kirchen die Besucherströme schwer fassen. Der traditionelle, in vielen Gegenden noch heute übliche Tag der Erstkommunionfeier ist der Sonntag nach Ostern, der Weiße Sonntag. Viele Gemeinden gehen aber dazu über, den Termin zu verlegen, so auch die Diaspora-Gemeinden hier in Ostfriesland. Während Konfirmation eine Bekräftigung der Taufe ist, aus dem Lateinischen confirmatio = Bestätigung, Bekräftigung, auch Ermutigung abgeleitet, und einige Konfirmanden vorher noch ihre Taufe erleben, so erinnern sich die Kommunion-Kinder an ihre Taufe. Der Weiße Sonntag leitet seinen Namen ab von den weißen Taufkleidern der ganz früher gern zu Ostern Getauften. Die Erstkommunion ist immer mit der Erinnerung an die Taufe verbunden, die Kinder kommen mit ihren Taufpaten und ihren Taufkerzen. In der Taufe feiern wir unsere Freundschaft mit Gott, die zu Beginn allen Lebens bereits feststeht, sprechen sie den Täuflingen zu und besiegeln sie öffentlich – wir wollen, dass die Freundschaft mit Gott gepflegt und auch gefeiert wird. Mit einem Fest in der Gemeinschaft der Kirche.
Feiere bisweilen dein Leben.
Feiere, dass du gesund bist, dass dir das Leben mit Herausforderungen begegnet.
Feiere das Geschenk von Freundschaften und deine Fähigkeit zu leben.
Feiere deine kleinen alltäglichen Erfolge und die Entscheidungen, die dich einen Schritt dir selbst näher gebracht haben. Feiere, dass einer immer JA zu dir sagt.
Und wenn Martin Luther sich einmal angefochten und mutlos fühlte, so schrieb er mit dicken Buchstaben auf seinen Schreibtisch: baptizatus sum = ich bin getauft. Es is ja wie es is, und es mag kommen, wie es kommt, aber ich bin getauft. Das steht fest. In manchen evangelischen Gemeinden wird die Erinnerung an die Taufe mit einem besonderen Gottesdienst gepflegt, in Münkeboe am kommenden Sonntag um 17.00 – dazu werden alle Taufkinder des zurückliegenden Jahres besonders eingeladen.
Pastor Wolfgang Beier, Kirche Zum-Guten-Hirten Münkeboe

01.04.: Wegkreuz
Ich komme oft daran vorbei. Man könnte es übersehen, wie es da unscheinbar am Straßenrand steht.
Wer vorüberhetzt, sieht vielleicht gar nicht hin. Aber immer, wenn ich daran vorbeikomme, steht mir eine Geschichte vor Augen. Bilder kommen mir in den Sinn. Gefühle, die überwältigend waren. Leid, das bis heute währt. An dem Baum, vor dem das Wegkreuz steht, klafft eine Wunde. Und diese Wunde zieht sich fort in das Leben von Menschen hinein. Hier an diesem Baum ist der schreckliche Unfall passiert. Hier hat ein Leben ein schlimmes und jähes Ende gefunden. Ein einmaliger Mensch fehlt nun. Mir stehen die Geschichten und Bilder vor Augen. Ich denke zurück an Wege, die ich mit den Menschen gegangen bin. Leid, das sich eingegraben hat. In den Baum. In das Leben. Das Kreuz am Wegesrand erinnert daran.
Das Kreuz: Am Karfreitag erinnern wir an den Weg, den Jesus genommen hat. Ein Weg voller Leid. Ein Weg, der am Kreuz endet. Jesus trägt sein Kreuz, er trägt es durch Jerusalem nach Golgatha. Er trägt es durch die Zeit. In sein Kreuz sind all die anderen Kreuze eigezeichnet. Kreuze am Wegesrand, die erinnern an das Leid, das Menschen erfahren. Bis heute. Jedes Kreuz klagt das Leid an.
Das Kreuz ist so ein Symbol für Tod und Leid. Wir finden es auf unseren Friedhöfen, in Sterbeanzeigen. Das Kreuz – ein Symbol für Traurigkeit und Schmerz?
Ja, aber nicht nur. Zwei Balken bilden ein Kreuz. Einer parallel zur Erde, einer weist senkrecht nach oben. Ein Balken zeigt die Verbindung mit der Erde an. Der andere weist nach oben in den Himmel. Himmel und Erde, die sind im Kreuz verbunden. Das Leid, das es gibt, das Menschen erfahren, wird nicht ausgeblendet. Aber das ist nicht alles. Die Geschichte Jesu war auch mehr als Leid, mehr als dieser Weg ans Kreuz. An Ostern feiern wir seine Auferstehung. Gegen das Leid, gegen den Tod hat Gott neue Hoffnung und neues Leben gesetzt.
Darum ist das Kreuz nicht nur eine Erinnerung an das Leid. Es ist auch ein Symbol für das Leben. Menschen tragen es als Schmuckstück um den Hals, Täuflinge werden mit diesem Symbol gesegnet. Unsere Konfirmanden werden es bei der Konfirmation als Wegbegleiter geschenkt bekommen. In manchen Ländern ist es noch üblich, sich zu bekreuzigen. Ich finde, ein schönes Symbol. Es erinnert an unsere Welt, so wie sie ist. Hart und schön. Und es weist darauf hin, dass wir Grund zur Hoffnung haben. Der Tod und das Leid haben nicht das letzte Wort. Gott begleitet uns. Er hält seine Zusagen ein. Himmel und Erde sind in diesem Zeichen verbunden. Es gibt Grund zur Hoffnung. Darum können wir Menschen beistehen, die ihr Kreuz zu tragen haben.
Auch daran muss ich jetzt denken, als ich wieder an diesem kleinen Kreuz am Wegesrand vorbeikomme. Trotz allem: es gibt Grund zur Hoffnung.

Pastor Uwe Tatjes, Paulusgemeinde Aurich-Kirchdorf

27.03.: Tochter, Zion, freue Dich!
„Sonntag singen wir Tochter Zion! “ „Aha“– kurze Pause, dann: „Ist das nicht ein Weihnachtslied? “ „Ein Adventslied
genaugenommen.“ Jetzt ist meine Freundin vollends verwirrt. „Marion, Advent hatten wir schon.“ Sie grinst. Ich muss auch lachen und stelle mir vor, ob wohl die Gemeinde am Sonntagmorgen in Weene auch erstaunt das Lied Nr. 13 aufschlagen wird: Tochter Zion? Das singen wir doch sonst immer vor Weihnachten!? Stimmt. Und trotzdem passt es Sonntag auch.
Von dem König wird da gesungen, der auf einem Eselsjungen in die Stadt Jerusalem einreitet. Triumphal. Herrlich. Angefeuert und verehrt von der Menge, die ihm mit lauten Jubelrufen entgegenschreit. So beginnt in der Kirche die „Stille Woche“, mit dem lauten Jubel der Menge! Im letzten Jahr bin ich mit dem Fahrrad durch Andalusien gekreuzt und habe in der wundervollen Stadt Sevilla die Tradition der Semana Santa, der Heiligen Woche kennengelernt. Die ganze Woche vor Ostern finden Prozessionen statt. Dabei geht es gelegentlich alles andere als still zu. Wenn die Marienbilder Virgen de la Esperanza Macarena oder Esperanza de Triana durch die Stadt getragen werden, teilt sich die Menge geradezu in zwei Fanlager und man weiß nicht genau, ob man einer religiösen Prozession oder dem Durchzug zweier Fußballmannschaften beiwohnt. Jubel, Freude, hier und da sogar Marschmusik: ein bisschen Volksfeststimmung in der „Stillen Woche“.
Und bei uns? – Die Schausteller bauen ihre Karussells und Stände auf den Ostermärkten auf. Wir freuen uns auf Osterfeuer und fröhliches Familienbeisammensein. Das Wetter wird besser und lockt in den Garten. Stille Woche – nein, eher aufregende Woche: Was muss nicht noch alles gemacht werden! Ich werde versuchen, eine gute Mischung aus beidem zu haben. Die Stille zu suchen, vielleicht bei einem Spaziergang zum Kloster Ihlow oder beim Hören der Matthäuspassion, die mag ich sehr. Nach dem Jubel der Menge folgten für Jesus von Nazareth schwere und trostlose Momente der Einsamkeit und Verzweiflung. Dem will ich nachgehen. Bei meiner Arbeit im Krankenhaus. Und für mich ganz persönlich. Allein und gemeinsam mit anderen. Aber in mir drin trag ich schon den Jubelschrei einer anderen Menge: Christ ist erstanden! Halleluja!
Pastorin Marion Meyer, Ubbo-Emmius-Klinik Aurich

13.03.: Gebote
„Wie verstehen Sie eigentlich die Zehn Gebote?“ fragte mich vor einigen Tagen ein Jugendlicher, der gerade eine
Facharbeit zu dem Thema schreibt. Mir fiel spontan ein, dass mir schon öfter jemand gesagt hatte: Die Zehn Gebote kann doch sowieso keiner erfüllen! „So verstehe ich die Zehn Gebote auf jeden Fall nicht“, antwortete ich meinem Gesprächspartner. Für mich ist Gott kein strenger Gott, der uns unerfüllbare Gesetze auferlegt. Ich glaube, dass Gott es gut mit uns meint. Deshalb verstehe ich die Zehn Gebote als eine Richtschnur für ein gutes Zusammenleben.“
In den Kinos ist vor einigen Tagen ein Zeichentrickfilm zu den Zehn Geboten angelaufen – mit dem Untertitel: „Moses und das Geheimnis der Steinernen Tafeln“. Der Film erzählt die Rahmengeschichte: Bevor Gott dem Volk Israel die Zehn Gebote gibt, befreit er es durch Mose aus der Sklaverei in Ägypten. Die Zehn Gebote richten sich also an freie Menschen.
Aber wo liegen die Grenzen meiner Freiheit? Wo muss meine Freiheit enden, damit ich mit anderen gut zusammenleben kann? Um diese Frage geht es in den Zehn Geboten.
Für mich ist diese Frage eine Überlebensfrage der Menschheit. Denn wenn wir unter Freiheit nur verstehen, die eigenen Bedürfnisse auszuleben, ohne Nachdenken über Konsequenzen und ohne Rücksicht auf Verluste, werden wir viele Probleme nicht in den Griff bekommen.
Im Sinne der Bibel ist Freiheit nicht ohne Verantwortung für andere und auch nicht ohne den Schutz von Schwächeren zu denken.
Für manche bedeutet das Einhalten der Zehn Gebote nur Verzicht. Ich denke umgekehrt, dass sie den Weg zu einem glücklichen Leben zeigen. Denn wenn ich zum Beispiel immer das begehre, was andere haben, bin ich innerlich rastlos. Glücklich bin ich in dem Moment, in dem ich mit meinem Leben zufrieden bin. „Vieles in unserer Kultur und Gesellschaft ist ohne den Geist der Zehn Gebote nicht zu verstehen“, meinte mein Gesprächspartner. Das stimmt. Aber wie geht es weiter? Es liegt an uns, dass die Zehn Gebote nicht irgendwann im Vitrinenschrank veralteter Wertvorstellungen verstauben. Aber dass ein Film über die Zehn Gebote in den Kinos zu sehen ist und noch viel mehr ein Jugendlicher sich mit diesem Thema beschäftigt, macht mich zuversichtlich.
Die jetzige Kirchenjahreszeit zeigt uns, wie Gott ist. Er begleitet uns, so wie er auch Jesus begleitet hat. Er verlässt uns auch auf den schwierigen Wegen nicht, genauso wie er Jesus nicht im Stich gelassen hat. Der Gott, von dem die Bibel erzählt, ist ein liebevoller Gott. Die Zehn Gebote sind nicht dazu da, um Menschen zu unterdrücken oder klein zu machen. Sie sind die Richtschnur eines liebevollen Gottes für ein gutes Zusammenleben.
Stefan WolfPastor in Wiesmoor

06.03.2009: Freude erlebt, wer das Gegenteil kennt

Passionszeit, Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten. Es ist eine aus kirchlicher Sich intensive Zeit, die wir erleben. Damit wird ein Spannungsfeld the­matisiert, in dem die wichtigsten Fra­gen des Lebens und des Glaubens erfasst werden: wie ist es mit Leben und mit dem Tod? Und was kommt danach? Was bleibt von all dem, was mir wichtig ist?
Ganz offensichtlich: „Leicht“ sind diese Fragen nicht. Und deshalb tun wir uns oft auch schwer mit diesen Festen. Die Leichtigkeit und Fröh­lichkeit des Osterfestes, an das sich Lebens-Symbole angegliedert haben: Hasen, Ostereier und bunte Blumen, ist nur über die Passion und den Karfreitag zu erreichen – also, indem man sich dem Tod, also der Vergänglichkeit des Lebens, stellt. Am liebsten wollen wir Harmonie und keine anstrengende Auseinandersetzung. Am liebsten wollen wir, dass alles klar und nicht so kompliziert ist.
Am liebsten wollen wir, dass alles erklärbar bleibt, und wir nicht ständig von Unwägbarkeiten und Unsichtbarem bewegt werden. Aber: wenn wir das Spannungsfeld des Lebens (oder auch Probleme im Leben) nicht wahr haben wollen, dann werden wir immer einen Teil unserer Wirklichkeit ausblenden. Kreuz und Auferstehung! Die Erfah­rung der Ferne Gottes und die Ausgießung des Heiligen Geistes, der uns Gottes Nähe spüren lässt! Beides gehört jeweils zum Leben dazu!
„Gott hat den Schuldschein, der ge­gen uns sprach, durchgestrichen und seine Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben“. (Kolosser 2,14) In diesem Vers wird deutlich, warum wir uns an den Festtagen den schweren Fragen des Lebens mit Leichtigkeit stellen kön­nen. Auch wenn sie uns weitgehend unbeantwortet unser ganzes Leben lang begleiten werden, weil wir hier auf Erden nie eine abschließend gültige Antwort bekommen werden. „Gott hat den Schuldschein, der ge­gen uns sprach, durchgestrichen.“
Das hört sich dann doch „einfach“ an: Tod und Leben – beides ist durch Jesus befreit. „Fürchtet Euch nicht!“ Das singen die Engel, und das sagt Jesus. Er hat ja schon den Schuld­schein durchgestrichen. Ohne Furcht können wir uns der Ver­antwortung stellen, dieses Leben zu gestalten. Wo uns das trotz allen Bemühens nicht gut gelingt – da wird die Bitte „…und vergib uns unsere Schuld!“ erhört.
Auch, wenn das oft anders ge­schieht, als wir uns erhoffen. Und auch, wenn uns der Eindruck, Gott sei weit weg, nicht erspart bleibt. Gottes „Ja“ zu unserem Leben wird ohne die Erfahrung der Verlassenheit nicht die Tiefe des Herzens erreichen. Die aus kirchlicher Sicht intensive Zeit, in der wir gerade leben, hilft uns dabei, das zu erkennen.
Jens Blume, Pastor in Mittegroßefehn und Tim­mel