Sonntagsbetrachtungen 2010

2. April 2010: Vom Werden und Vergehen

Die Luft ist frisch hier oben. Noch in der Kühle des Morgens stehen wir am Rande eines Hochtals. Zu einer geführten Wanderung durch ein geschütztes Tal im Nationalpark Hohe Tauern sind wir gekommen, wie viele andere Interessierte auch. Was mag sich dort oben in den Alpen noch finden an weitgehend unberührt gebliebener Natur?

Nun macht sich die Wandergruppe auf den Weg und marschiert tapfer bergan. Vorneweg unser Leiter: ein ehemaliger Biologie-Professor von der Universität Salzburg, ein drahtiger Mann schon um die achtzig. Er kennt sich in der Gegend aus wie kein zweiter. Immer wieder bleibt er stehen, zeigt uns eine seltene Blume oder eine Flechte am Wegesrand und erklärt uns deren Lebensbedingungen. Eine Blindschleiche ringelt über den Weg und sucht bereits den Schatten. Er hebt sie auf. Die mitwandernden Kinder dürfen das harmlose Reptil auch in die Hand nehmen, begeistertes Strahlen in den Gesichtern.

An der Waldgrenze hält der Professor inne und weist auf eine Bergflanke. Am nackten Gestein könne man deutlich sehen, wie solche Gebirge in Millionen von Jahren aus dem Urmeer aufstiegen, erklärt er. Schicht um Schicht haben sich Kalkablagerungen am Meeresgrund festgesetzt und wurden ganz allmählich durch unvorstellbare Kräfte zum Gebirge aufgefaltet – wie eine ausgebreitete Tischdecke, die man zusammenschiebt. Dann zeigt er auf eine Schuttrinne, die sich vom Gebirgskamm herabzieht. Durch sie rieselt Wasser zu Tal. Vor uns wird es zum Bach, der sich durch die Wiesen seinen Weg sucht. Das Wasser zerstöre ganz langsam das Gebirge, hören wir. Es sickert durch den Stein und sprengt ihn auf. Gestein platzt ab und wird allmählich zu Tal befördert, besonders wenn es porös ist. Die Gebirgsbäche spülen es aus und nehmen es zu Körnchen zermahlen mit sich. Weiter unten vereinigt sich dieser Bach mit einem Fluß, der schon bald in die Drau fließt. Erst in Kroatien mündet dieser Strom in die Donau. Was unvorstellbar langsam, aber stetig aus den Bergen vom Wasser ausgewaschen wird, das transportiert die Donau bis ins Schwarze Meer. Und damit kommen die Gebirge nach weiteren Millionen von Jahren da wieder an, von wo aus sie einmal entstanden sind: als Körnchen im Meereswasser, das zu zwei Dritteln unseren Erdball bedeckt.

Die Sommerhitze treibt mir den Schweiß auf die Stirn. Ich komme ins Grübeln: Nichts hält ewig. Nicht mal die mächtigen Berge zu unseren Häuptern, die doch gerade erst unter Naturschutz gestellt worden sind. Geht es der Welt als ganzer am Ende genauso wie jedem einzelnen von uns? Ich werde geboren, wachse auf, werde erwachsen. Ich finde meinen Platz in der Welt und genieße, wenn´s gut geht, die Zeit, die mir hier auf Erden beschieden ist. Doch dann werde ich alt. Meine Kräfte schwinden, und der Tod wartet schon. Eines Tages muß ich Platz machen für die nächste Generation. Das war´s. War´s das?

Kommt die Welt am Ende da wieder an, wo einst alles begann: beim Urknall oder beim Tohuwabohu (1. Mose 1,2)? Oder steht selbst dahinter noch Gott, der sich nichts und niemanden aus seiner Hand reißen läßt (Johannes 10,28)? Nicht mal von einem gewaltigen Erdbeben wie jetzt in Japan mit all seinen vernichtenden Folgen? Fragen wie diese begleiten mich durch die Geschichte vom Leiden und Sterben des Jesus von Nazareth jetzt in der Passionszeit. Die Antwort gibt´s am Ostermorgen.

Andreas LüderPastor in Ostgroßefehn

27. März 2010: Am Scheideweg

„Wohin wollen sie eigentlich?“, wurde vor Jahren auf einem Plakat der Evangelischen Kirche in Deutschland gefragt und da hatte man noch keine Ahnung davon, zu was für einer globalen Krise es kommen könnte. Wohin wollen sie eigentlich? Kann es in dieser Zeit nicht einmal wieder gut sein, die Maßstäbe nach denen wir leben zu überprüfen und sie eventuell zu ändern? Im Augenblick versuchen wir, mehr zu reparieren, als neue Maßstäbe zu finden. Jesus überprüfte die Maßstäbe seiner Zeit und änderte sie, wenn es notwendig war. Er sagte: „Es steht geschrieben … aber ich sage euch …“ Er änderte zum Beispiel die Maßstäbe – der Heiligkeit, der Erfordernisse, um vor Gott treten zu dürfen. Es ist nicht nötig, stundenlang zu beten – wichtig ist der Ernst der Gebete. Es kommt nicht darauf an, ob man gut aussieht oder nicht, sondern drauf, ob man selbst den Blumen am Wegesrand Beachtung schenkt und wie man sie behandelt. Wir alle sind Sklaven unserer Wünsche. Unsere Vorstellung von Erfolg ist der Motor, der uns antreibt.

Als Menschen, die aus dem Paradies vertrieben worden sind, sehnen wir uns nach paradiesischen Verhältnissen. Die menschlichen Versuche ein Paradies zu bauen, enden häufig in der Hölle. Tschernobyl vor 25 Jahren und jetzt Fukushima stehen als anderes Wort für diese Bestrebungen. Und auch in unserem Land gibt es viele Tore zur Hölle.

„Wohin wollen sie eigentlich?“ Was soll mein Leben bestimmen? Der Weg ist noch weit, bis wir fähig sind, in unseren Kindern zum Beispiel einen Sinn für wahre Werte heranzubilden. Welche Botschaft vermitteln wir Kindern beiderlei Geschlecht zum Beispiel mit den dauernden Wettbewerben der unterschiedlichsten Art? Es kann doch nicht angehen, dass zum Beispiel Schönheit ein Verhältnis von Gewicht und Größe ist? Das junge Mädchen hungern, um diesem Ideal zu entsprechen?

Was für ein Klischee sitzt in unserem Kopf, wenn wir die Bedeutung eines Menschen nach der Höhe seines Vermögens bemessen? Und dennoch werden in den entsprechenden Zeitschriften in regelmäßiger Folge die 50 oder 100 Reichsten (meistens sind es) Männer aufgelistet. Es kann doch nicht sein, dass eine Person, die Millionen auf dem Konto hat, mehr wert ist als ein Kind mit 50 Cent in der Tasche! Aber beobachten Sie einmal, wie Leute mit Geld zum Unterschied von „armen Schluckern“ behandelt werden. Unsere kulturellen Maßstäbe sind dafür allein verantwortlich.

Die Situation in der Wirtschafts- und der Finanzwelt hatte dem Maßstab des Geldes einen mächtigen Dämpfer aufgesetzt. Haben wir noch Zeit aus der Krise mehr zu lernen, als nur, wie man sie schnell behebt und repariert? Kann das Geld einen anderen Maßstab bekommen? Auch Jesus beschäftigte sich mit diesem Thema. Er meinte: Das Geld als den einzigen Maßstab zu nehmen, ist die Wurzel Hllen Übels … Es ist Zeit für uns – für uns alle – den Maßstab zu ändern, den Maßstab für Erfolg, für Fortschritt und für uns selbst. Oder – wohin wollen sie eigentlich?

Pastor Heinfried König, Aurich-Lamberti

20. März 2010.: „Für alles gibt es eine Zeit“

Die Flut der Bilder aus Japan und Libyen, die Fülle der Informationen über das, was wir doch nicht begreifen können, all das macht uns sprachlos. Das erlebe ich immer wieder in diesen Tagen.

„Für alles gibt es eine Zeit“, heißt es im Buch Prediger im 3. Kapitel, „Zeit zu schweigen und Zeit, Worte zu machen.“ Viele Menschen haben gerade jetzt das Bedürfnis, über das Geschehene nicht noch mehr zu reden, sondern still zu werden und zu schweigen. Das kann ich gut verstehen.

Vor gut fünf Jahren, nach dem ersten großen Tsunami, haben sich viele Menschen in Gottesdiensten versammelt, um still zu werden vor Gott und um auf seine Worte zu hören. Im Berliner Dom wurde ebenjener Text aus dem Buch Prediger gelesen: „Für alles gibt es Zeit –Zeit für jedes Vorhaben unter dem Himmel: Zeit zu gebären und Zeit zu sterben, Zeit zu pflanzen und Zeit, Gepflanztes auszureißen, Zeit zu töten und Zeit zu heilen, Zeit einzureißen und Zeit zu bauen, Zeit zu weinen und Zeit zu lachen, Zeit zu trauern und Zeit zu tanzen, Zeit, Steine zu werfen und Zeit, Steine zu sammeln, Zeit zu suchen und Zeit, verloren zu geben, Zeit für den Krieg und Zeit für den Frieden.“

Seit damals lässt mich dieser Text nicht mehr los. Das hat damit zu tun, dass dieser Text auf mich tröstlich wirkt – und zugleich von einer geradezu schonungslosen Klarheit ist.

Schonungslos, weil er mich nicht mit der Wahrheit verschont, sondern zur Sprache bringt, was ich mir gar nicht vorstellen mag: Dass für Zehntausende plötzlich die Zeit des Sterbens gekommen ist, dass für andere die Zeit gekommen ist oder kommen wird, Verwandte und Freunde verloren zu geben, dass für Menschen in Libyen die Zeit des Krieges gekommen ist – während wir nur zuschauen.

Tröstlich, weil er auf der anderen Seite über das spricht, was uns verheißen ist: Dass wieder Menschen geboren werden, dass Hoffnung wachsen kann, Wunden heilen, Häuser wieder aufgebaut werden und Friede werden kann, Menschen wieder auf der Straße lachen und tanzen werden. Und gerade weil der Prediger den Tod und die Trauer nicht kleinredet, ist dieser Trost für mich glaubwürdig. Glaub-würdig, weil ich glaube, dass mit dem Tod nicht alles zu Ende ist, sondern Gott mein Leben will, sogar über mein jetziges Leben hinaus.

Ich fand es damals mutig, diesen Text in einem Trauergottesdienst zu lesen. Denn man könnte ihn ja auch so verstehen: Wenn alles seine Zeit hat, dann kommt ja wohl alles, wie es kommen soll, ob Erdbeben, Atomkatastrophe oder Krieg. Nützt ja nichts.

Und tatsächlich haben wir auf vieles keinen Einfluss. Und können dann nur Gott anklagen.

Doch in Prediger 3,1 steht nicht, dass es für jedes Geschehen Zeit unter dem Himmel gibt, sondern für jedes „Vorhaben“. Und dadurch ist der Ball wieder bei uns, und wir müssen uns fragen: Was haben wir vor mit unserem Leben auf der Erde? Wie wollen wir leben? Wann wollen wir lernen, das, was wir beeinflussen können, von dem zu unterscheiden, was nur Gott in der Hand hat? Wann wollen wir verstehen, dass der Zustand unserer Welt damit zu tun hat, wie wir jeden Tag leben?

Auch das haben die Katastrophen gezeigt: Dass es nicht nur eine Zeit zu schweigen gibt, sondern auch eine Zeit, genau über diese Fragen zu reden.

Dr. Detlef Dieckmann-von Bünau. Pastor in Engerhafe und Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenkreis Aurich

13. März 2010: „Ich war’s“ – Sieben Wochen ohne Ausreden

Karneval und Fasching sind vorbei. Es ist wieder Fastenzeit! Weniger essen, verzichten, abnehmen. „Ein paar Pfunde zu viel auf der Waage?“ – „Die lassen sich abtrainieren!“

Fastenzeit meint mehr. Da ist doch dieses Gefühl: „Irgendetwas bei mir stimmt nicht!“; da ist doch dieser Wunsch: „Mensch, mach was aus deinem Leben!“

Für Christen ist das Fasten nicht nur ein Beitrag zur eigenen Gesundheit. Im Vordergrund steht vielmehr, dass das innere Leben fit gemacht werden soll – besonders in diesen Wochen vor Ostern. Also, nicht nur Speck weg und Frühjahrsmüdigkeit ade, sondern auch fort mit den anderen Dingen, die einen kaputtmachen:

Darum hat die evangelische Fastenaktion 2011 das Leitmotiv „Ich war’s! Sieben Wochen ohne Ausreden.“ Nicht erst der Rücktritt des letzten Verteidigungsministers hat gezeigt: Der Ehrliche ist der Dumme. Wer nicht schummelt und trickst, zieht oft den Kürzeren. Und wer Fehler oder Versäumnisse vertuschen kann, kommt auf der Erfolgsleiter oft weit nach oben. Doch unser Leben aus Halbwahrheiten hat einen Preis. Vor uns selbst und vor Gott nehmen wir unsere Verantwortung und Würde nicht wahr. Am Ende verstricken wir uns und verlieren unsere Freiheit.

Die Tage der Fastenzeit sind eine Chance, mich ehrlich zu stellen und nicht auszuweichen. So wie Jesus von Nazareth in diesen Wochen sich gestellt hat, dem Leiden nicht ausgewichen ist und der Sorge um das eigene Leben getrotzt hat. Fasten- und Passionszeit ist nicht nur Anlass, um die Ernährungsweise umzustellen, sondern den ganzen Menschen umzubauen, vor allem sein inneres Leben! Ich möchte eine Stärke finden, die mir als Gottes Ebenbild entspricht. Und die nicht auf Tricks und Täuschung beruht. Ich möchte ein Leben, das in Kontakt mit anderen nicht von Neid und oberflächlichen Ausreden bestimmt wird.

Damit die belastende Schuld dafür aus dem Weg geräumt wird, hat Jesus den Weg des Leidens bis zum Schluss für uns ausgehalten.

Die Tage der Fastenzeit sind wie eine Entdeckungsreise, während der ich mit Gott, meinen Mitmenschen und mir wieder ins Reine kommen kann. Jeder von uns kann sie nutzen – mit Gottes Hilfe.

Denn Gott steht für den Ehrlichen ein – in Jesus hat er sich selber für diesen Weg entschieden. Dann feiern wir fit und frei in vierzig Tagen Ostern, das Fest der Auferstehung von Jesus.

Holger Rieken, Pastor in Marcardsmoor und Wiesmoor

6. März 2010: Warum läuten die Glocken?

„Warum läuten die Glocken?“ fragt einer der Konfirmanden. „Weil jetzt die Stunde zuende ist“, scherzt ein anderer Konfirmand. „Das ist gar nicht mal so falsch“, sage ich zu seiner Überraschung. „Die Glocken erinnern daran, dass der Tag jetzt zuende ist und dass Gott uns auch an diesem Abend begleitet.“

„Wann läuten die Glocken denn überhaupt?“ will jetzt wiederum ein anderer Konfirmand wissen. „Bei uns ist das so“, erwidere ich, „dass sie morgens um acht, mittags um zwölf und schließlich abends um sechs erklingen. Dreimal wird der Tag unterbrochen.“ „Aber viele hören doch gar nicht hin“, bekomme ich jetzt zur Antwort. „Da hast Du Recht“, stimme ich zu. Später denke ich über das Gespräch noch einmal nach. Ich finde es schön, dass ich morgens, mittags und abends zum Innehalten aufgerufen werde. Wenn ich in meinem Büro sitze und die Glocken höre, lasse ich die Arbeit oft für einen Moment ruhen und höre einfach zu.

Manchmal nehme ich das Läuten auch nicht wahr. Ich habe aber festgestellt, dass ich kurze Pausen am Tag brauche.

Das ist morgens ein Gebet und ein Vaterunser. Ich brauche diesen Moment der Besinnung und der Ruhe, bevor die Arbeit beginnt.

Auch im Bibelspruch für den Monat März geht es um diese Erfahrung: „Bei Gott allein kommt meine Seele zur Ruhe; denn von ihm kommt meine Hoffnung.“ (Psalm 62,8) Ein Bild taucht vor meinem inneren Auge auf: das Meer; ganz ruhig liegt es da. Das Sonnenlicht tanzt auf dem Wasser.

Das Leben ist oft anders: Oft ist das Wasser in Bewegung. Und manchmal scheinen die Wellen riesengroß zu sein. Das Leben ist oft unruhig. Ein Termin jagt den nächsten. „Es ist so, als ob man einen großen Sandberg Schubkarre für Schubkarre abarbeitet“, sagte einmal ein Freund zu mir, „und kurz, bevor man fertig ist, wird wieder Sand aufgeladen.“

Das kenne ich auch. Dann wird mir alles viel zu viel.

Deshalb brauche ich diese Momente des Innehaltens – morgens, mittags und abends. Ich will nicht gedankenverloren in den Tag taumeln, sondern mich auf das besinnen, was jetzt wichtig ist: An wen möchte ich denken? Wofür will ich Gott danken? Und wofür bitte ich ihn? Danach gehe ich ruhiger und zuversichtlicher in den Tag.

Versuchen Sie es doch auch einmal. Beim nächsten Glockenläuten. Oder auch einfach so. Die Hände falten oder einfach die Augen schließen und an das Meer denken, das ganz ruhig daliegt. So ruhig wie meine Seele bei Gott.

Stefan Wolf, Pastor an der Friedenskirche in Wiesmoor

26. Februar 2010: Bibel – mal ganz praktisch

Eine Bibel kann unwahrscheinlich praktisch sein.

Ich war als Pastor neulich bei einem Brautpaar, um über die bevorstehende kirchliche Hochzeit zu sprechen. ‚Die Predigt möchte ich gern über ein biblisches Motto halten,’ sagte ich. Die Braut lächelte mich an: ‚Ich weiß eins. Das hatten wir im vergangenen Jahr bei der Hochzeit meiner Kusine Gabi. Aber ich kriege es aus dem Kopf einfach nicht mehr zusammen …’. ‚Kriegst du es zusammen …?’ fragt die junge Frau ihren zukünftigen Ehemann, der neben ihr auf dem brandneuen Ledersofa sitzt, das die beiden sich in die gerade neu bezogene und eingerichtete Wohnung gestellt haben. Der Bräutigam schüttelt mit dem Kopf. ‚Nee … Keine Ahnung! Ehrlich! Beim besten Willen nicht’.  Die junge Frau fasst sich nachdenklich an das Kinn. ‚Weißte was,’ fällt ihr etwas mit einem Fingerschnippen ein. ‚Ich habe in meine Konfirmandenbibel das Gottesdienstprogramm von Gabis Hochzeit reingelegt. Diese Gute Nachricht. Neulich haben wir sie doch noch beim Umzug gehabt. Weißt du, wo die Bibel ist, Schatz?’  Er schüttelt heftig mit dem Kopf. ‚Nee! Keine Ahnung …’ ‚Die muss doch irgendwo sein … Weißt du noch wie ich sie dir gezeigt habe, da hatte ich damals doch diese Aufkleber aus der HÖR ZU draufgeklebt …’. ‚Lass doch den Pastor was aussuchen …’, scheint das Interesse der Braut an der Bibel dem Bräutigam egal zu sein. ‚Nee! Die Bibel muss doch irgendwo sein.’

Also begann die Bibelsuche.

Die Bibel lag schließlich unter einem alten Eichenbüffet der Oma des Bräutigams, das in der ansonsten modern eingerichteten Wohnung stand. Beim Einzug war hinten an der Wandseite einer der dunklen, gedrechselten Füße abgebrochen und die Bibel hatte genau die richtige Dicke, dass das herrlich geschnitzte Möbel auf nur noch drei Beinen nicht mehr wackelte. Lag bombenfest unter dem mit aller Wäsche, Porzellan und Büchern voll bepackten Ding. Tja, die Bibel kann einem in allerlei Lebenssituationen helfen,’ lachte ich. Gemeinsam zogen wir sie unter dem Büffet hervor und fanden den Trauspruch.

Eine Bibel kann unwahrscheinlich praktisch sein …

Übrigens auch zum Lesen … aber das ist natürlich eine andere Geschichte, die wir in unseren Gemeinden in dieser Zeit auch während der Bibelwochen erzählen, die gerade landauf landab stattfinden.

Ich grüße alle herzlich und wünsche ein gutes Wochenende, vielleicht mit einem Text aus der Bibel.

Hans HentschelPastor in Riepe

 19. Februar 2010: Miteinander Reden

„Herr Pastor! Hem se dat all sehn? Bi uns in de Boom hangt een Fahrrad.“ Ganz aufgeregt kam mir an diesem Morgen unsere Küsterin entgegen. In meiner früheren Gemeinde stand zwischen der Kirche und dem Gemeindehaus eine mächtige Kastanie. Mitten in diesem Baum hing ein knallrotes Mädchenfahrrad.

Am Abend hatten wir unsere Kirchenvorstandssitzung. Das Fahrrad im Baum war natürlich bei allen ein Gesprächsthema. Einige schmunzelten, andere waren verärgert. „Ich bin mir sicher, das waren wieder die Jugendlichen!“ schimpfte einer der Kirchenvorsteher. Andere nickten zustimmend. Wir alle wussten, welche Jugendlichen er meinte. Neben der Kirche standen zwei Bänke. Dort traf sich jeden Abend eine kleine Gruppe von Jugendlichen. Sie waren schon interessant anzuschauen. Einige hatten sich die Haare schwarz gefärbt, manche hatten ihre Haare mit Gel in spannende Formen gebracht und einige hatten sich ganz in Schwarz gekleidet. Fast immer hatten sie eine Dose Bier in der Hand. Bis spät in die Nacht saßen sie dort zusammen.

„Lasst uns doch die Bänke da weg nehmen,“ meinte ein Kirchenvorsteher. „Wir müssen bei der Polizei anrufen,“ meinte ein anderer. „Habt ihr schon mal mit den jungen Leuten gesprochen?“ fragte eine ältere Kirchenvorsteherin. Wir schauten uns an. Bis jetzt waren wir den Jugendlichen lieber aus dem Weg gegangen. „Dann wisst ihr ja gar nicht, über wen ihr redet!“ Etwas kleinlaut schwiegen wir. „Ich gehe morgen Abend mal zu ihnen. Und dann sehn wir weiter,“ meinte die Kirchenvorsteherin.

„Bist du schon hingewesen?“ fragte ich, als ich sie ein paar Tage später beim Einkaufen traf. „Ja, ich war bei ihnen,“ sagte sie. Und dann erzählte sie, dass sie mit ziemlichem Herzklopfen zu den jungen Leuten gegangen war. Aber die jungen Leute hatten sich gefreut, dass sie kam. „Die meisten Leute schimpfen immer nur mit uns!“ hatte einer von ihnen gesagt. Sie waren etwas zur Seite gerückt und hatten ihr auf der Bank einen Platz angeboten. Danach hatten sie erzählt. Bei dem einen gab es nur Ärger zuhause. „Ich kann meinen Eltern nie etwas recht machen.“ Einer hatte immer noch keine Lehrstelle gefunden. Alle hatten sie ihre Sorgen. Hier auf der Bank beieinander zu sitzen, das gab ihnen Halt. Hier konnten sie erzählen, hier wurden sie angenommen.

Die Kirchenvorsteherin schaute mich an. „Das sind doch die Menschen, zu denen Jesus uns geschickt hat. Aber wie schnell wir doch bereit sind, sie zu verurteilen und abzuschieben. Wir reden so oft über die Menschen und so selten mit ihnen.“

Das mit dem Fahrrad im Baum hat sich einige Tage später übrigens auch aufgeklärt. Einige Konfirmanden hatten ein Mädchen aus ihrer Gruppe einfach nur necken wollen.

Georg Janssen, Pastor in Ihlowerfehn und Ludwigsdorf

12. Februar 2010: „Wenn alles bricht…“

Es gibt sie, Zeiten, manchmal nur ganz kurze Momente in unserem Leben, da stürzt alles zusammen wie ein Kartenhaus. Vom einen zum anderen Moment ist alles anders, gehört das eben noch gelebte Leben der Vergangenheit an, sind wir geworfen in eine neue traurige Wirklichkeit.

Das erleiden Angehörige von Unfallopfern wie jüngst in Hordorf: ein Anruf, eine Mitteilung – das Katapult in eine neue Wirklichkeit.

Das verfolgen wir Auricher gerade im Prozess um Jasmin S. und ihren getöteten Exfreund: ein Moment in einer Nacht hinterlässt zwei zerstörte Familien und Fassungslosigkeit. Das erleben wir in der Ubbo-Emmius-Klinik oft, manchmal zu oft, sodass die eigenen Fähigkeiten auf Leid und Trauer noch angemessen zu reagieren, klein werden, zu schwinden drohen. In dieser Woche haben wir es besonders erlebt. Erleben müssen. Durchdringend und markerschütternd hat es auch die geschäftige und leidgewöhnte Wirklichkeit unseres Krankenhauses zerrissen. Auf dem Weg zurück von einem nächtlichen Einsatz und dem verzweifelten Versuch das Geschehene zu verstehen, geht mir dies Lied durch den Kopf:

„Harre, meine Seele“. Ein Beerdigungslied. Ich mag es nicht besonders, weil es so dramatisch-melodische Verläufe und eine sehr aufwühlende Dynamik hat. Ein ruhiges „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr“, das mich an eine sehr schöne Zeit meines Lebens in Amsterdam erinnert, fällt mir leichter zu singen. Auch bei Beerdigungen. Doch nun dies „Harre, meine Seele“. In der Frühe des Auricher Morgens, die Stadt erwacht gerade erst, sind es vor allem zwei Zeilen an denen ich hängenbleibe: Wenn alles bricht, Gott verlässt uns nicht. Größer als der Helfer ist die Not ja nicht.

Das wünsche ich mir. Das erbitte ich im stillen Gebet von Gott. Das fordere ich ihm ab, ob ich das darf oder nicht: wenn Du es deinen Menschen so schwer machst, dann stütze sie auch. Halte sie bei deinem Wort, gib ihnen Kraft und Stärke. Wenn alles bricht, Gott verlässt uns nicht! Größer als der Helfer ist die Not ja nicht. So sei es!

Pastorin Marion Steinmeier, Ubbo-Emmius-Klinik Aurich

5. Februar 2010: Wenn Verborgenes offenbar wird

Liebe Leserin, lieber Leser – wenn Sie Ihr Ideal-Gewicht haben, dann werden Sie das Folgende vielleicht nicht nachfühlen können. Aber ich vermute: viele Leserinnen und Leser kennen ein Ringen gegen überflüssige Pfunde in den Anfangsmonaten des neuen Jahres.

„Sie sind einfach nur zu dick!“ Das war die ärztliche Diagnose, die ich zu gleichen Teilen befürchtet und erhofft hatte.

Eigentlich war es nur die Kurzatmigkeit, die mich zur Arztpraxis getrieben hatte. Vielleicht kennen Sie das: so ein „Frühjahrs-Müdigkeits-Schlappsein-Gefühl“. An und für sich nichts Außergewöhnliches. Aber für mich war das neu. Vielleicht wird man (überraschend) doch älter? Vielleicht war ja aber auch eine ernstzunehmende Krankheit Grund dieser Beschwerden? In meiner Selbstwahrnehmung sah ich mich schon daniederliegen! Die Lunge, das Herz, der Kreislauf… Und dann sagt die Ärztin: „Sie sind einfach nur zu dick!“ Aufatmen!

Auf der anderen Seite: das hatte ich auch befürchtet.

Ich weiß natürlich sehr gut, dass ich gut über den Jahreswechsel gekommen bin. All die Leckereien und das herrliche Essen über die Feiertage. Das gehört ja dazu. Und das kleine Bäuchlein… Ich bitte Sie! Der Volksmund sagt dazu: es gibt ein Wohlfühlgewicht!

Ich habe mir immer eingeredet, dass ich die Grenze des Wohlfühlgewichtes nicht überschritten hätte. Mit einem Sumo-Ringer hat mich schließlich noch niemand verwechselt! Und so habe ich mir immer vorgemacht: so schlimm ist es noch nicht! Und: ein bisschen füllig ist schließlich sympathisch! Ein dünner Hering willst Du gar nicht sein, und für eine Filmkarriere ist es ohnehin zu spät…

Aber nun stockte manchmal der Atem. Es kam zutage, was ich selbst nicht wahrhaben wollte: es ist nicht der dicke Pulli, der einem den Blick in den Spiegel verleidet! Und dann lese ich folgenden Wochenspruch, der uns durch die neue Woche begleitet: „Der Herr wird ans Licht bringen, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen.“ Ein Vers aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth im vierten Kapitel.

Paulus hat ganz sicher nicht Gewichtsprobleme gedacht, die da „im Finstern verborgenen“ größer werden. Für mich ist das aber ein Anknüpfungspunkt, an dem der Wochenspruch für mein Leben fruchtbar werden kann.

Paulus rät: mach Dir nichts vor! Gott fordert nicht mehr von Dir, als dass du treu bist. Treu / aufrecht / ehrlich gegenüber Gott, gegenüber den anderen Menschen und auch gegenüber dir selbst. Dabei musst Du weder auf andere zeigen, noch Dich vor jemandem rechtfertigen. Es gibt keinen Richter über die Umstände des eigenen Lebens außer Gott allein!

Gott allerdings kennt Dein Herz. Liebevoll aber bestimmt wird er richten über das, was gelungen ist und das, was nicht gelungen ist. Er weiß, wo wir uns und anderen etwas vormachen, wo wir Dinge schleifen und uns gehen lassen. Er weiß ebenso um die Dinge, in denen wir aufrichtig sind, in denen wir uns zum Guten bewegen.

Mit diesem Vers gehe ich in die neue Woche und lasse mich bewegen. Mit Blick auf das große Ganze meines Lebens als auch mit Blick auf diese ärztliche Aussage: „Sie sind einfach nur zu dick!“ Da lässt sich ja etwas ändern!

Mit Trockenobst in der einen und Knäckebrot in der anderen Hand grüßt Sie

Jens Blume, Pastor in Mittegroßefehn und Timmel

29. Januar 2010: Suchend lesen

„Die Bibel kann man nicht einfach lesen wie andere Bücher. Man muss bereit sein, sie wirklich zu fragen. Nur so erschließt sie sich. Nur wenn wir letzte Antworten von ihr erwarten, gibt sie sie uns. Das liegt daran, dass in der Bibel Gott zu uns redet. Und über Gott kann man eben nicht so einfach von sich aus nachdenken, sondern man muss ihn fragen. Nur wenn wir ihn suchen, antwortet er.“

Dietrich Bonhoeffer hat das geschrieben. Die Bibel so zu lesen, das versuchen wir auch an diesem Sonntag wieder im Gottesdienst. Wir lesen die Geschichte von Petrus, der aus dem Boot steigt, um auf dem tobenden Wasser zu gehen. Wir lesen, wie ihn der Mut verlässt, wie er untergeht. Und wie Jesus die Hand ausstreckt und ihn herauszieht (Matthäus-Evangelium 14, 22-33).

Natürlich kann man die Bibel auch lesen wie jedes andere Buch. Dagegen ist gar nichts zu sagen. Dann lesen wir hier eine wunderhafte Geschichte, fragen uns mit Recht, ob so etwas möglich ist, und schütteln den Kopf. Wenn wir die Bibel so lesen, dann bleiben wir aber an ihrer Oberfläche.

Das Wesen der Bibel erschließt sich uns, wenn wir Antworten auf die wesentlichen Fragen des Lebens von ihr erwarten. Wenn wir die biblische Geschichte dieses Sonntags so lesen, dann erfahren wir von einem Menschen, der ausgestiegen ist aus seinem Boot. Diese kleine Nußschale auf den Wogen des Lebens, sie reicht ihm nicht mehr. Er wagt sich hinaus, sei es aus Neugier, sei es mit dem Mut der Verzweiflung. Und jetzt steht ihm das Wasser bis zum Hals. So viel stürzt auf ihn ein, er verliert den Halt, alles wächst ihm über den Kopf, er kriegt keine Luft mehr.

Und dann rettet ihn der Glaube. Aber – und das ist vielleicht die Pointe dieser Geschichte – nicht etwa sein eigener Glaube. Nein, Jesus ist es: Jesus glaubt an ihn. Er reicht ihm seine Hand, er hilft ihm heraus. Weil ein anderer an ihn glaubt, geht er nicht unter. Weil Gott zu ihm hält, findet er Halt im Leben.

Antworten auf die Fragen des Lebens suchen, nach Gott fragen: Lassen Sie uns das gemeinsam tun – warum nicht an diesem Sonntag?

Peter Schröder-Ellies, Pastor in der Lambertigemeinde in Aurich

22. Januar 2010: Worte

Langsam werde ich alt. Eben wußte ich noch, was ich sagen wollte, jetzt ist es mir entfallen. Ich beginne zu stocken. Aber ich habe den Faden verloren. Es ist, als ob meinen Worten das Leben entwichen ist. „Was wollten Sie denn sagen?“, schreckt mich mein Gegenüber auf.

Keine gute Erfahrung, so dazustehen. Wortlos. Und darin auch ziemlich hilflos. Ich denke an eine andere Situation. Ich muß zu Menschen reden. Aber ich bin mit dem Herzen und auch mit den Gedanken nicht dabei. Ich rede und rede. Und merke, wie ich doch mehr und mehr die Zuhörer verliere. Ich kann es den Gesichtern der Zuhörer ablesen. Kraftlos wirken meine eigenen Worte auf mich.

Sprache ist Hoffnung, gehört zu werden. Wenn uns die Worte fehlen, wenn unsere Worte den anderen nicht erreichen, ist das bedrückend. Wer wirklich etwas zu sagen hat, wem etwas auf dem Herzen liegt, den treibt die Hoffnung an, sich mitteilen zu können. Im Gespräch etwas abzulegen von der Last. Im Austausch mit anderen neue Impulse und Anregungen zu bekommen.

Wie viele leere Worte verlieren wir jeden Tag. In banalen Gesprächen. In sinnfreien Mitteilungen. Wir reden und simsen und chatten. Aber nicht über das Wesentliche. Kommunikation auf allen Kanälen. Aber selten auf der Frequenz, wo wir ehrlich sind. Wo unser Herz zu spüren ist.

Und wenn ich wirklich wichtiges loswerden muss? Wird mich dann jemand überhaupt hören? Oder geht meine Äußerung unter im Meer der Worthülsen und leeren Floskeln? Wenn es darauf ankommt, Klartext zu reden und ehrlich zu sein: Werde ich dann die richtigen Worte finden?

Ich besuche eine demente Frau im Altenheim. Ein Gespräch mit ihr ist schwierig. Sie müht sich um die Worte. Ich spüre, wie sie versucht eine Verbindung aufzubauen. Aber ihre Krankheit lässt sie immer wieder Worte und Gesprächsfaden verlieren. In ihren Augen steht die Traurigkeit, etwas sagen zu wollen, es aber nicht mehr richtig zu können. Ich versuche ihr das Gefühl zu vermitteln, daß ich bei ihr bin. Auch wenn uns eher im Zick-Zack bewegen. Am Ende meines Besuches lege ich der Frau die Hände auf und segne sie. Ich spreche die alten Worte eines Segens. Es ist der Zuspruch, daß Gott bei uns ist und uns hört. Sie spürt die Berührung und lauscht sich in die Worte hinein. Sie strahlt und ihre Lippen formen das Wort „Danke“.

Sprache ist Hoffnung, gehört zu werden. Ich wünsche mir, daß wir einander im Wörtermeer mit ehrlichen Worten und offenen Worten begegnen. Daß wir als Christen von der Hoffnung erzählen können, die in uns ist. Daß wir gute Worte füreinander finden. Daß wir unsere Stimme für die erheben, die keine eigene Stimme haben. In einem meiner Lieblingslieder heißt es: „Gib mir die richtigen Worte, gib mir den richtigen Ton. Worte, die deutlich von dir reden, gib mir genug davon. Worte, die klären, Worte, die stören, wo man vorbeilebt an dir. Wunden zu finden und sie zu verbinden, gib mir die Worte dafür.“

Pastor Uwe Tatjes, Aurich-Kirchdorf und Beauftragter für Internet und Neue Medien des Kirchenkreises Aurich

15. Januar 2010: Ausradiert

An manchen Tagen ist unser Tisch mit so kleinen Krümeln übersät und ich erkenne: Hier hat sich gerade eines unserer Kinder mit Hausaufgaben ausgetobt und viel ausradiert. Wie praktisch dieser Radierer doch ist: Er schafft es, dass wir das gute Gefühl haben, wieder ganz neu beginnen zu können. Das, was misslang und daneben ging, wird ausradiert.

Nun soll es bald das „digitale Radiergummi“ geben, das Bilder im Internet auf sozialen Plattformen auslöscht, sie also nach einer gewissen Zeit unsichtbar macht. Bislang konnten Bilder und Informationen, die in diese Welt der digitalen Kommunikation gestellt werden – freiwillig oder unfreiwillig – nicht mehr „zurückgenommen“ werden. Noch bleiben sie im digitalen Gedächtnis dieser Zwischenwelt und damit „ewig“. Das Internet als Gedächtnismacht, die nichts vergisst. Damit wird es bedrohlich für uns leichtfertige Menschen. Jeder „Ausrutscher“ bleibt und kann missbraucht werden. Das ist unmenschlich, und zwar im Wortsinn: Denn menschlich ist, dass wir uns nicht jeden Vorgang, nicht jedes Detail, nicht jedes Wort merken können. Wir vergessen. Nicht altersbedingt, sondern grundsätzlich. Die Fülle des Lebens überflutet uns. Und – GottseiDank! – müssen wir uns nicht alles merken. Wir dürfen, wir müssen vergessen. Das ist gut und schlecht gleichzeitig: Schwierig wird es, wenn aus Vergessen Verdrängen wird. Gut wird es, wenn wir die schuldbeladenen Situationen, unser Versagen anderen gegenüber benennen und gestehen können. Gut wird es, wenn unser Gegenüber sagt: „Vergeben und vergessen!“

Die Schuld dahingestellt und ausradiert. Man kann es noch einmal versuchen.

Bei Gott geht es menschlich zu. So lautet die Weihnachtsbotschaft. Der, der unsere Haare auf dem Haupte gezählt hat und uns nicht vergisst, wie uns Matthäus vor Augen stellt, radiert aus, was sich an Fehlern und Schuld bei uns laufend anhäuft. Er radiert aus, was wir in unserem Alltag nur streichen, nicht aber zurücknehmen können. Und viele Menschen leiden daran, dass sich selbst nicht vergeben können oder dass sie unfähig sind, andern das zu vergeben, wodurch sie verletzt wurden. Der kommende 2. Sonntag nach Epiphanias ist ein Sonntag der Freude und des großen Gotteslobes: Als Christinnen und Christen freuen wir uns an dem Lebendigen, loben seine Macht, nicht die kalte, mechanische Gedächtnismacht (Gott sieht und weiß alles), sondern die, die sich in Jesus so menschlich zeigt, so barmherzig und zugewandt wie in dem Evangelium von der Hochzeit zu Kana (Joh. 2). Dort wandelt Jesus bekanntlich Wasser zu Wein. In Kana kommt das Beste zum Schluss: Brautleute und Gäste werden sich des guten Weins erinnern, den alten können sie getrost vergessen. Mit Jeus fängt im Grunde das Lebensfest noch einmal neu an, das alte – fast wie ausradiert.

Pastorin Silke Kampen, Wallinghausen

8. Januar 2010: Well seggt uns, wo´d wiedergeiht?

Up Padd in dat Johr 2011

Wat was dat vör´n Wanörder in de Dagen för Wiehnachten, as Iis un Schneej tomal dat Seggen harren. Sovöl Minsken satten fast, de mit Zug na Huus hen wullen. Wat kunnen een de Blooden begrooten, de up Kuffer satten to klömen un neet van Stee kweemen. Mennig een van jo of van jo Femiljen hett dat süllmst unnerfunnen, de so geern to Wiehnachten na Huus hen wull. Dat gung dr´ smaals her as unnern in´d Gulf un ook van de Bahntjers wuss nümms mehr to seggen, welke Zug wennher un worhen fohren dee. Neet mal de Helpers van uns Bahnhofsmission harren noch Wulldeekens un Thermosbuddels – se kunnen d´r ook neet mehr tegen an. Nett so gung dat ´n Bült Minsken, de to´d Fierdagen na Hus hen fleegen wullen un so geern to Wiehnachten bi´d Ollen of bi`d Kinner wesen wullen. Wi hebben hört van junge Lüe ut Athen, de süllmst noch in Hus ankomen sünt, man hör Kuffers hungen dagenlang irgendwor in´d Lücht un so mussen se up Unnerste up Moder un Vader an. Wi hebben hört van n´ jungen Wicht, de erst in Paris neet wiederfleegen kunn un unnerrats twee Dagen wachten muss, de an´d darde Dag na´d Bahnhof henloopen is un dor mit Halswark noch n´Zug na Holland kreeg. Nu satt se Heiligabend in Holland, Kuffer in Paris un Moder in Huus to wachten. Nettekraht as bi´d Zug wullen ook de Lüe, de fleegen wullen, so geern een hebben to fraagen, wo´d wiedergeiht. Man dor was nümms. Lange Gesichten, tells ook wall wat Frockerej, Nood un Verdreet, mennig Traantje is rullt – man dat hulp nix, dor was nümms to finnen, de seggen kunn, wo´d wiedergahn sull. Mennig Mal hebben wi dorvan hört un lesen un de Schkepsels kunnen een begrooten, de neet wieder kunnen un neet wussen, wo´d wiedergahn sull.

Weest wat? Mi dünkt, n´bietje stahn wi beid in disse Dagen ook so vör dat neeje Johr. „Wi stahn d´r vör, wi mutten d´r dör“ – seggen wi uns wall, man mit all uns Kuffers un Taschken ut dat olle Johr stahn wi nu in de erste Week van dat neeje Johr un twalf lange Maanten liggen vör uns. Wi denken ook: Wor mutt ik lang? Kann ik wall so wiederloopen off hebb ik nix as Tegenstöten? Is mien Padd dör 2011 open un freej off sitt de vull Is un Schneej? Un sitt ik mal fast un geiht neeit wieder: is dor wall een, de ik fragen kann, de mi de Padd anwiesen deiht, wo ik na Hus henkoom? Off geiht mit dat nett as de Minsken dree Dag vör Wiehnachten, de mit Zug na Hus wullen off fleegen un se kunnen nüms finnen, de hör seggen kunn: hier kummst du na Hus?

Na Hus – dat mutt keen Huus van Steen un Holt un Glas wesen, na Huus heet ook: wor koom ik to Ruh? Wor hör ik hen? Well hollt mien Leben`d in Gang? Wor kann ik rüsten bi all dat Gedau in de Welt? Van uns ut könen wi de Pad neet finnen, de sitt unner Iis un Schneej. Man dor steiht een an de Drüppel van dat neeje Johr, de will de Schneej, de di de Lebenspadd dichtsett hett, wegschuben. Dor steiht een an de Drüppel van dat neeje Johr un seggt: „Hebb man ken Nood! Ik breng di na Huus! Verfehr di man neet! Löv an Gott un Löv an mi“ , seggt Jesus. „In mien Vaders Huus is heel völ Bott un dor is ook n`Kamerke för di.“ (Johannes 14 – driest eem nalesen!) Hol di an mi un ik dooi di dat Iis van dien Leben´d weer up, ik schkuuv di de Schneej van´t Stee und du hest n´gaaelken Pad, wor du loopen kannst. Büst du ook noch so verdwolen un noch só van´t Padd off, ik segg di dat to: du sall n´Stee hebben, wor du henhörst, bi mi. Seggt Jesus. Ik will di seggen, worhen un worher. Ik will di bí´d Hand to packen hebben dat to good dör dat neeje Johr kummst. Mi dürst du alltied fragen, ik stah klor för di. Holl di an mi un du büst burgen. Elke Söndag hebben se ook bi di in´t Kark weer´n Wulldeeken un n´Thermosbuddel ut mien Woord för di – gah driest d´r achterto un hal di dat. Bliev up sien Padd un holl di an hum, denn mach komen, wat will un keen Iis un keen Schneej kann di van Huus offholen.

Jürgen Hoogstraat, Pestoor in Vittebuur