Das Wunder aller Wunder

Helge Preising

Pastor Helge Preising, Walle

„Kein Priester, kein Theologe stand an der Krippe von Bethlehem. Und doch hat alle christliche Theologie ihren Ursprung in dem Wunder aller Wunder, dass Gott Mensch wurde.“ So beginnt Dietrich Bonhoeffer seine Weihnachtsmeditation, die er im Dezember 1939 für die Absolventen und Unterstützer des Predigerseminars der Bekennenden Kirche verfasst. Viele Deutsche feiern die Kriegserfolge in Polen. Bei den Regimekritikern machen sich Beklommenheit und Angst breit. Inmitten der politisch höchst aufgeladenen Stimmung ruft Bonhoeffer (neben aller stillen Arbeit im Widerstand gegen die Nazis) die Christen zum nüchternen theologischen Nachdenken auf: Kommt zurück zur Quelle des christlichen Glaubens!Ist das nicht zu viel des Guten? Ist das arme Weihnachtsfest nicht überladen genug? Es ist ja eine schöne Geste von Gott, Mensch zu werden und zu uns auf die Erde zu kommen. Er gibt sich nahbar, wird ansprechbar, macht sich verwundbar – wird ein menschenfreundlicher Gott. Aber ist der Ursprung unseres Heils nicht eher am Kreuz zu finden? Nein, sagt Bonhoeffer, Weihnachten ist mehr als eine Geste, mehr als ein Wunder unter vielen, mehr als nur die Vorbereitung für unsere eigentliche Rettung am Kreuz. Es ist das Wunder aller Wunder: Gott wurde Mensch. Indem Gott Mensch wurde, konnte er uns retten.

„Es ist ja so: ist Jesus Christus nicht wahrer Gott, wie könnte er uns helfen?“ ### Hier ist in dem Zitat ein Wort kursiv. Das ist recht wichtig, um den Satz zu verstehen. Kann man den auch für den Druck kursiv setzen oder ist das nicht drin? ### Vor aller Augen liegt das Kind da und birgt das unfassbare Geheimnis, das Gott sich zu unserer Rettung ausgedacht hat. Über dreißig Jahre sollen noch vergehen, drei Jahre lang wird Jesus mit seinen engsten Freunden verbringen, wird durch Tod und Auferstehung geben, bis endlich der erste, und ausgerechnet der zögernde, wissbegierige und unsichere Thomas es als erster in die unglaublichen Worte zu fassen wagt: Dieser Zimmermann, Lehrer, Prediger, Wunderheiler, Freund ist „mein Herr und mein Gott!“ (Johannes 20,28)

Und mehrere Jahrhunderte lang werden die Christen noch über den biblischen Zeugnissen brüten und mit sich ringen, bis sie es in harten, widerständigen, wunderbaren Bekenntnissen zusammenfassen und festhalten: Dieser Jesus Christus ist „wahrer Mensch und wahrer Gott“ (so das Konzil von Chalcedon 451 n.Chr.). Es ist unglaublich – doch wäre er es nicht, wie könnte er uns retten?

„Ist Christus nicht wahrer Mensch, wie könnte er uns helfen?“ ### Hier ist das zweite Zitat mit einem kursiven Wort. Die Kursivsetzung stammt aus dem Original. ### , fährt Bonhoeffer fort. Vor aller Augen liegt Gott da und ist ganz und gar, durch und durch Mensch. Gott lässt sich stillen und wickeln, lernt eine Muttersprache und den Beruf seines Adoptivvaters, lernt Hunger kennen und Angst, fühlt Freud und Leid, erlebt Freundschaft und Verrat. „Er entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.“ (Philipper 2,7)

Der König der Könige behält sich keine Schonbehandlung vor. Jesus setzt sich nicht nur der Zerrissenheit unserer Welt aus, sondern auch der tückischen, immer wiederkehrenden Versuchung zur Sünde, sich von seinem Vater und dem wunderbaren Rettungsplan abzuwenden. „Denn worin er selbst gelitten hat und versucht worden ist, kann er denen helfen, die versucht werden.“ (Hebräer 3,18)

Gott wurde Mensch! Liebe Leserinnen und Leser, lassen Sie uns in aller gesellschaftlichen Zerrissenheit und Uneinigkeit, trotz mancher Existenzangst und Corona-Erschöpfung etwas Zeit für das Wunder aller Wunder reservieren. Lassen Sie uns Weihnachten feiern und Jesus bitten, dass er auch zu uns kommt. „Seht auf die Krippe!“, ermutigt Bonhoeffer uns. „In dem Leibe des Kindleins […] ist alle eure Not, Angst, Anfechtung, ja, alle eure Sünde getragen, vergeben, geheiligt.“

Frohe und gesegnete Weihnachten!

Ihr Helge Preising