Gedanken zum Sonntag

Hier lesen Sie die „Gedanken zum Sonntag“ von Superintendent Tido Janssen:

„Die kleinen roten Stühle“ – so heißt ein Roman von Edna O’Brien. Sie ist 89 Jahre alt und lebt in Irland. Edna O’Brien schreibt über den Kriegsverbrecher Radovan Karadzic. Von 1992 bis 1996 haben bosnische Serben unter seiner Führung die Stadt Sarajewo belagert und bombardiert. Karadzic, der als Arzt eigentlich der Gesundheit der Menschen verpflichtet ist, wird zum Massenmörder. Edna O‘Brien verfolgt den Prozess gegen Karadzic vor dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Er bezeichnet sich dort selbst als „milden und toleranten Menschen“, gar als „Friedensstifter“. Unfassbar. Karadzic wurde zu 40 Jahren Haft verurteilt.

Im Roman schreibt dann jemand aus Sarajewo einen Brief an diesen „Arzt“. Er erzählt ihm, dass es in Sarajewo mittlerweile Gedenkfeiern für die Opfer der Verbrechen gibt. Sie haben in der Stadt 11.541 rote Stühle aufgestellt. Für jedes Todesopfer einen Stuhl. Jeder rote Stuhl erinnert an einen Menschen, der hier nicht mehr seinen Platz einnehmen kann. Er bleibt schmerzlich leer. Und dann sind da diese 643 roten Stühlchen – für die toten Kinder.
Erst in dem Moment kommen denen, die das sehen, die Tränen. Die Kinder. Die unschuldigsten Opfer. Die kleinen roten Stühle. Leer. Für immer leer. Für immer eine Mahnung: sich zu erinnern. Für immer eine Verantwortung: „Nie wieder Krieg!“

Genau vor 80 Jahren, am 1. September 1939, begann der 2. Weltkrieg. Können wir angerührt bleiben von einem Leiden, das immer weiter zurückliegt?
Ja, wir müssen uns immer erzählen von der menschlichen und politischen Katastrophe von damals und heute, von ihren Hintergründen, von ihren Ermöglichern, von persönlichen Schicksalen.
Wir können zusätzlich auch dankbar angerührt sein von über 70 Jahren Frieden in unserem Land, von der Entwicklung, die seit dem totalen Zusammenbruch möglich war.
Wir bleiben angerührt, wenn wir uns der Opfer von Krieg, Gewaltherrschaft und Vertreibung erinnern.
Für die Millionen Opfer der beiden Weltkriege im letzten Jahrhundert können wir gar nicht so viele rote Stühle aufstellen wie wir müssten. Es war eine furchtbare Tragödie. Kinder, Frauen, Männer, Soldaten, Flüchtlinge aus so vielen Völkern. Verfolgt und getötet nur, weil sie „anders“ waren: eine andere Rasse, eine andere Nationalität, eine andere Religion, eine andere Lebensweise, eine Minderheit, krank, behindert und deswegen als „lebensunwert“ oder als „Untermensch“ bezeichnet.

Bleiben wir aufmerksam! Zwischen Frieden und Krieg ist der Weg auch heute nicht weit. Abrüstungsverträge werden gekündigt. Neue schreckliche Waffen werden entwickelt. Es wird mehr gedroht als verhandelt. Frieden kommt nicht von selbst. Frieden bleibt nicht von selbst. Den Friedensstiftern soll die Zukunft gehören, nicht denen mit dem größten Atomknopf. Verlangen wir von den Verantwortlichen:
Redet lieber stockend miteinander als dass ihr flink aufeinander feuert!
Geht lieber unbeholfen aufeinander zu, als dass ihr gekonnt übereinander herfallt!
Seid besser langsam mit Geduld als schnell mit Wut! Lieber nachverhandeln als nachrüsten! Verzichtet lieber auf Macht als zu Tode zu siegen! Besser gemeinsame Punkte suchen als Unterschiede herausstellen! Besser heute den ersten Schritt wagen als morgen den letzten Schritt riskieren.
Wir wollen keine roten Stühle! Wir wollen Frieden für alle!

Superintendent Tido Janssen, Aurich

Weitere Sonntagsandachten aus dem Jahr 2019 finden Sie hier