„Das war schon große Klasse“

ON-Interview: Superintendent Tido Janssen und Pastorin Cathrin Meenken über die Reformationsfeiern und Kirchenwahlen

VON HEINO HERMANNS, ON 20.1.2018, Fotos: Banik

Aurich. In diesem Jahr finden die Wahlen zu den Kirchenvorständen statt. Im ON-Gespräch erläutern Superintendent Tido Janssen und Pastorin Cathrin Meenken, wie sich das Ehrenamt in den Kirchengemeinden geändert hat. Außerdem ziehen die beiden ein Resümee nach den Feiern zum 500. Jahrestag der Reformation.

Ostfriesische Nachrichten: Herr Janssen, in diesem Jahr stehen Wahlen zu den Kirchenvorständen an. Gelingt es Ihnen, genügend Kandidaten zu finden?

Tido Janssen: Ganz genau wissen wir das im Moment noch nicht. Denn bis zum 22. Januar können sich noch Kandidaten melden. Es ist manchmal auch so, dass Gemeinden erst im letzten Moment ihre Kandidaten auch zusammenhaben. Daher bin ich guter Hoffnung, dass wir in den meisten Gemeinden eine ausreichende Zahl an Bewerbern haben werden. In einigen kleineren Gemeinden könnte es allerdings problematisch werden.

Was passiert, wenn es in einer Kirchengemeinde nicht genügend Bewerber gibt?

Janssen: Dann gibt es eine Nachfrist, während der die amtierenden Kirchenvorstände die Listen noch ergänzen können. Danach hat der Kirchenkreisvorstand die Möglichkeit, die nötige Anzahl der Kandidaten zu verändern. Gibt es dann immer noch nicht mindestens vier Bewerber, dann kommt keine Wahl zustande. In dem Fall kann der Kirchenkreisvorstand von sich aus Menschen einsetzen. Das können Wahlberechtigte aus der betroffenen Gemeinde sein, das können aber auch Mitglieder des Kirchenkreisvorstandes selbst sein.

Wie viele Kirchenvorstände gibt es im Kirchenkreis Aurich?

Janssen: Wir haben 33 Kirchenvorstände mit 258 Mitgliedern, davon sind 219 Ehrenamtliche. Mit der Wahl im März wird die Zahl der Kirchenvorsteher auf 234 Ehrenamtliche ansteigen.

Hat sich die Arbeit der Ehrenamtlichen in den vergangenen Jahren gewandelt? Haben sie zusätzliche Aufgaben bekommen?

Cathrin Meenken: Alles kann, nichts muss, heißt die Devise. Das ist ja beim Ehrenamt immer so. In den Kirchengemeinden gibt es viele Aufgaben, aber es muss auch immer darauf geachtet werden, dass die Ehrenamtlichen nicht überfordert werden. Gewandelt hat sich die Aufgabe des Kirchenvorstehers natürlich in den vergangenen 50 Jahren. Aber jeder Kirchenvorsteher hat immer noch das Glück, seine Nische finden zu können. Gewandelt aber auch, weil sich ja auch der ganze Pfarrberuf gewandelt hat.

Inwiefern hat der Beruf sich geändert?

Meenken: Ich meine, dass viele Bereiche dazugekommen sind. Das merkt man daran, dass ich als Pastorin oft höre: „Früher hat der Pastor uns noch öfter besucht.“ Das würde ich auch gerne machen, aber es gibt eben Aufgaben, die früher nicht erledigt werden mussten.

Janssen: Es ist schon so, dass viele Aufgaben neu hinzugekommen sind. Die Kirchenvorsteher sind sichtbarer geworden in ihren Gemeinden. Zum Beispiel dadurch, dass sie in den Gottesdiensten Aufgaben wahrnehmen. Lesungen, Begrüßung, Abkündigung – in manchen Gemeinden helfen sie sogar beim Abendmahl mit. Insofern ist das schon eine tragende Rolle geworden neben den übrigen Aufgaben eines Kirchenvorstandes.

Was hat das Reformationsjubiläum im vorigen Jahr mit dem Kirchenkreis Aurich gemacht, wie hat es ihn verändert?

Janssen: Das kann man im Moment noch gar nicht abschließend beantworten. Der Reformationstag selbst am 31. Oktober 2017 war ein Tag großen Glücks. Denn es gab einen Zuspruch und einen Zulauf, den wir so alle nicht erwartet hatten. Viele Menschen hatten offensichtlich richtig Lust, diesen Tag zu feiern. Es ist uns auch in allen Gemeinden gelungen, wirklich herausgehobene Veranstaltungen zu organisieren. Ein Beispiel ist Aurich mit dem Wandelkonzert und der Reformationsfeier in der Lambertikirche. Das ist natürlich auch ein Fest, das nicht jede Generation erlebt, so ein 500-jähriges Jubiläum. Es zeigt die Lebendigkeit der Tradition, und dass viele auch einfach zeigen wollten: Wir stehen dahinter. Welche langfristigen Folgen das hat, vermag ich nicht zu sagen.

 Hat es Einfluss auf die Ökumene gehabt? Es gab Stimmen, die sagen, nach 500 Jahren sei der richtige Zeitpunkt gekommen, die damalige Spaltung der Kirche zu überwinden.

Janssen: Wir haben dieses Fest ja in großer ökumenischer Weite gefeiert. Ich glaube, wir haben gezeigt, dass wir diesen Tag nicht konfessionalistisch begehen. Es geht uns vielmehr darum, zu schauen, was dieser Reformationstag mit uns allen zu tun hat. Wo ist das Verbindende? Danach haben wir gesucht. Ich bin daher ganz glücklich darüber, dass wir den Reformationstag auch in der katholischen Kirche feiern konnten. Das muss man sich einmal überlegen: Vor 500, ja, noch vor 100 oder 50 Jahren wäre das unvorstellbar gewesen. Das war schon große Klasse.

Bei der Diskussion, den Reformationstag als Feiertag zu etablieren, gibt es von der katholischen Kirche ja aber durchaus kritische Anmerkungen. Noch kritischer ist der Zentralrat der Juden wegen der Haltung Martin Luthers gegen Juden.

Janssen: Dass nicht alles unumstritten war, das gilt für die katholischen Gemeinden, für die jüdischen Gemeinden, das gilt genauso für Martin Luther und für das, was in der evangelischen Kirchengeschichte passiert ist. Ein neuer Feiertag wäre schon sinnvoll, und auch der Reformationstag wäre ein guter Anlass, wenn es wirklich so gefeiert wird, dass wir uns auf die gemeinsamen Traditionen besinnen und auf das, was unsere Gesellschaft zusammenhält und eine gute Grundlage für das Zusammenleben ist. Da haben die Kirchen sehr viel beizutragen. Wenn man sich den Feiertagskalender anschaut, dann ist er im Wesentlichen geprägt von christlichen Festtagen. Ich glaube, dass es der Gesellschaft durchaus gut tut, sich zu besinnen. Der Reformationstag ist dafür ein geeigneter, wenn auch nicht der einzige Tag. Ich würde mich freuen, wenn es tatsächlich der Reformationstag würde.

 Andere halten die Wiedereinführung des Buß- und Bettages für geeigneter.

Janssen: Auch das ist ein sehr geeigneter Festtag, den wir nach wie vor feiern. Gegenüber Bayern fehlen uns fünf Feiertage, da gibt es also noch Spielraum. Es kommen ja auch sofort die Wirtschaftsverbände, die erhebliche Einbußen befürchten. Natürlich ist so ein Feiertag auch mit Einbußen verbunden. Aber der Gewinn ist größer, wenn wir uns als Gesellschaft auch auf unsere Grundlagen besinnen. Da hat auch die Wirtschaft was von, wenn wir da miteinander stark sind.

Ist das auch ein Thema in den Konfirmandengruppen?

Meenken: Wenn es darum geht, einen Feiertag einzuführen, sind die Konfirmanden natürlich immer dabei. In puncto Reformationsjubiläum habe ich bemerkt, dass es auch verschiedene Organisationen wieder zusammengeführt hat. Die Schulen haben mit den Kirchen kooperiert, mehr als es üblicherweise schon der Fall ist. Bei den Schülern wurde so auch noch einiges an Interesse an der Kirche geweckt. Ich hoffe, dass wir den Schwung jetzt noch in die nächsten Jahre mitnehmen können.

Janssen: Aber das war ja ein Grund dafür, den Reformationstag bewusst an vier Orten, zwei kirchlichen und zwei weltlichen, zu gestalten. Das zeigt ja im Grunde schon, wie man solche Tage als Feiertage gut gestalten kann, wie Kirchengemeinde und kommunale Einrichtungen wie die Schulen solche Feiern auch gemeinsam begehen können und offen sind füreinander.
Wir sind darauf angewiesen, dass wir als Gesellschaft zusammenhalten und nicht jeder für sich etwas macht. Wenn das jetzt ein rein evangelisches Fest wäre, dann wäre ich auch skeptisch gegenüber so einem Feiertag. Aber wir haben im vorigen Jahr schon gezeigt, dass es sehr gut gelingen kann, in gesellschaftlicher und in konfessioneller Breite dieses Fest zu gestalten. Insofern halte ich den Reformationstag für einen sehr geeigneten Tag.