„Die Tage sind nicht lang genug“

ON-Interview: Pastorin Cathrin Meenken über Radioandachten und die Unterschiede von Stadt- und Landbewohnern

Langweilig wird es bei Cathrin Meenken nicht. VON HEINO HERMANNS/ON. Aurich. Die 36-jährige Auricherin ist einerseits Pastorin in der Lamberti-Gemeinde und andererseits mit einer halben Stelle im Kirchenkreis zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit und Umlandgemeinden. Außerdem unterrichtet sie an der Waldorfschule Religion. Ehrenamtlich betreut sie den Ortsverband der Johanniter. Ab Sonnabend ist Meenken zudem in der NDR 2-Sendung „Moment mal“ zu hören. Im ON-Gespräch blickt Cathrin Meenken auf die Zeit der Notunterkunft Aurich, das Lutherjahr und die Einstellung der Jugend zur Kirche.

Ostfriesische Nachrichten: Frau Meenken, hat der Tag genug Stunden für Sie?
Cathrin Meenken: Nein, die Tage sind definitiv nicht lang genug. Die besten Predigten schreibe ich nach 23 Uhr.

Wie managt man diese ganzen Aktivitäten?
Ohne Omas würde es nicht gehen. Es ist jeden Tag eine organisatorische Höchstleistung mit drei Kindern. Und wer kocht überhaupt?

Das neueste Projekt gibt es ab dem 1. April bei NDR 2 zu hören. Sie haben zehn Folgen der Reihe „Moment mal“ übernommen. Wie kam es dazu?
Ich mache schon länger bei Radio Ostfriesland Kurzandachten. Dann habe ich entdeckt, dass die Landeskirche Hannover Pastoren sucht, die „Moment mal“ machen. Zu der Zeit war ich allerdings hochschwanger und konnte daher nicht am Casting in Hannover teilnehmen. Sehr viele Kollegen hatten sich für die Sendung beworben. Ich habe dann geschrieben, tut mir leid, in vier Wochen entbinde ich, ich kann nicht teilnehmen. Stattdessen habe ich ein Demoband nach Hannover geschickt. Die Aufnahme hat überzeugt, ich wurde genommen.

Wann wird es das zu hören geben?
Ich habe zehn Kurzandachten aufgenommen, die in den kommenden Monaten ausgestrahlt werden. Die erste der Folgen ist am 1. April ab 9.15 Uhr zu hören.

Sollen noch weitere Folgen aufgenommen werden?
Ja, auf jeden Fall. Ich bin da jetzt in so einem Team drin, das diese Folgen für den NDR produziert.

Ehrenamtlich sind Sie bereits seit mehr als zwei Jahren für die Johanniter tätig.
Ja, ich bin Ortsverbandspastorin. Als ich damit anfing, hatte der Ortsverband gerade einmal 30 Mitglieder. Damals gab es die Kaserne als Notunterkunft für Flüchtlinge noch nicht. Jetzt haben wir 130 Mitglieder, die von mir betreut werden. Der Zuwachs ist auch für den Ortsverband nicht einfach. Hier müssen jetzt neue Strukturen gefunden werden. So wird derzeit eine Johanniter-Jugend aufgebaut.

Es war eine spannende Zeit, als die Kaserne von den Johannitern als Notunterkunft ausgerüstet wurde. Im Rückblick: Wie ist es gelaufen, was hätte man besser machen können?
Es ist schade, dass wir uns so viel Mühe gemacht haben, und dann wurde die Unterkunft geschlossen. Das, was wir gemacht haben, haben wir gut gemacht. Aurich wird immer als positives Beispiel erwähnt, alleine schon wegen der guten Organisation mit Antje Heilmann an der Spitze. Seelsorgerisch war es schwierig, weil es ein Auf und Ab war.

Was meinen Sie damit genau?
Da hingen ganz viele Arbeitsstellen dran. Von der Regierung kam mal der Hinweis, die Einrichtung bleibe bestehen, dann wieder die Tendenz, es werde geschlossen. Das war seelisch für die Mitarbeiter ganz schrecklich, was da passiert ist.

Sie selbst haben mit die Kapelle auf dem Kasernengelände wieder reaktiviert.
Die Kapelle hat eine andere Funktion bekommen als ursprünglich geplant. Wir dachten, dass sich da Flüchtlinge treffen und sich austauschen würden. Letztlich haben sich die Mitarbeiter dort regelmäßig getroffen und ihr Herzleid erzählt. Denn sie waren voller Hoffnung in die Notunterkunft gekommen und schließlich hoffnungslos, weil sie nicht wussten, wie es mit ihnen weitergeht auf dem Arbeitsmarkt.

Es ging um 60 Mitarbeiter. Konnte hier für alle eine Lösung gefunden werden?
Nein, leider nicht für alle. Da haben sich viele menschliche Tragödien abgespielt.

Was ist denn für Sie die spannendste Rolle – als Pastorin in der Kirche, als Seelsorgerin in der Flüchtlingsunterkunft oder als Theologin im Radio?
Das alles ist sehr facettenreich, und das bin ich auch. Ich bin mit Leib und Seele Mama, aber auch gerne berufstätig. Das brauche ich auch. Ich gebe zu, wenn ich in einer Woche drei Beerdigungen habe, dann geht es mir auch schlecht. Das betrifft mich zwar nicht, aber es bewegt mich. Dann bin ich froh, wenn es wieder andere Sachen wie zum Beispiel eine Taufe oder eine Hochzeit gibt. Das können aber auch ganz andere weltliche Sachen sein wie Bauangelegenheiten, die in erster Linie nichts mit Kirche zu tun haben.

Wo geht eine Seelsorgerin selbst hin, wenn es ihr nicht gut geht?
Dann gehe ich mit meinen Kindern in den Urlaub. Das kann bedeuten, einfach mal einen Nachmittag auf dem Spielplatz zu verbringen. Ich spüre dann wieder die tiefe Dankbarkeit in mir für das, was ich habe. Es geht dann darum, Auszeiten, Inseln zu schaffen. Da muss man sich dann aber auch zwingen, das zu tun.

Dann muss man lernen, auch mal Nein zu sagen?
Ja, das lerne ich noch.
Sie sind in Aurich und in ländlichen Regionen unterwegs. Gibt es Unterschiede?
Die Menschen in der Stadt sind schon anders als die auf dem Land. Aber sie haben dieselben Bedürfnisse, kleiden die gleichen Probleme und Sorgen nur in andere Worte.

2017 steht ganz im Zeichen des Reformators Martin Luther. Kritiker sagen, er wird komplett überbewertet. Wie antworten Sie darauf?
Luther ist eine interessante Person, ganz bestimmt aber auch mit vielen Anfragen, die man an ihn haben kann. Bei vielem von dem, was er gesagt hat, gehen auch wir Theologen nicht konform. Damit muss man sich auseinandersetzen. Worte, die er vor 500 Jahren gesagt hat, haben heute immer noch Brisanz. Wir befinden uns in einer Luther-Dekade. Seit zehn Jahren beschäftigen wir Pastoren uns nun schon damit. Manchmal können wir das Wort „Reformation“ schon nicht mehr hören. Aber ich genieße es, dass jetzt plötzlich wieder viele Menschen Anfragen an Luther haben.

Kann Kirche denn jetzt auch bei jungen Menschen punkten? Nimmt das Interesse zu wegen des Jubiläums?
Ich glaube, wir unterschätzen die Jugendlichen. Viele sagen immer, die Jugendlichen seien alle gelangweilt und hätten keine Lust mehr. Ich erlebe das anders. Es gehört zur Natur der Jugendlichen, dass sie mal keine Lust haben. Das ist auch in Ordnung. Aber wenn sie dann da sind mit Herz und Kopf, dann haben sie unwahrscheinlich viele Anfragen und gute Ideen. Sie sind auch daran interessiert, die Welt zu verbessern und anders zu machen. Grade Themen wie Gott, Glaube, Trauer, Zweifel – da sind die aber ganz präsent. Da muss man sich als Pastor aber auch gefallen lassen, dass man von den Jugendlichen infrage gestellt wird.

Das heißt, die Konfirmation wird wieder verstärkt zur Überprüfung des eigenen Glaubens genutzt und nicht gemacht, weil es am Ende die vielen Geschenke gibt?
Nein, die Geschenke sind schon das Hauptargument. Das weiß ich auch, nehme ich auch nicht übel. Mir ist wichtig, dass die in den zwei Jahren Konfirmationsunterricht Handwerkszeug bekommen und für sich persönlich Gott entdecken. Wenn die ersten Verlusterfahrungen kommen, die ersten Zweifel, dann sollen sie sich erinnern: „Ja, da war doch mal was.“ Die Jugendlichen sollen zwar wichtige Texte auswendig lernen, aber auch mit einem positiven Gefühl nach der Konfirmation aus der Tür gehen – damit sie dann auch irgendwann gerne wiederkommen.

Pastorin Cathrin Meenken mit ihrer acht Monate alten Tochter Catharina. Zeit mit den drei Kindern bedeutet für die Auricherin Urlaub vom Alltag – und sei es nur ein Nachmittag auf dem Spielplatz. Foto: Hermanns