BEEINDRUCKENDES GEDENKEN

gedenken-6Bei der Veranstaltung zum Holocaust-Gedenktag in der Auricher Lambertikirche gab es eine musikalische Erstaufführung

Von J. Mittelstadt, Ostfriesische Nachrichten

Aurich. Orgelsabotage, so hieß der perfide Vorwurf, den die Nazis Jan Bender 1937 machten. Die bewegende Geschichte des ehemaligen Auricher Kirchenmusikers stand am Freitagabend im Mittelpunkt der diesjährigen Veranstaltung zum Holocaust-Gedenktag in der Auricher Lambertikirche. Der Vorsitzende des Heimatvereins Aurich, Heinz-Wilhelm Schnieders, erinnerte in der gut besetzten Kirche an den Versuch der Nazis, Musiker genau wie alle anderen Kulturschaffenden auf eine klare, nationalsozialistische Linie zu zwingen – so auch den erwähnten Jan Bender. Von ihm wurden im Rahmen der Veranstaltung zwei Musikstücke vorgestellt.
Bender war zunächst in der Lübecker St.-Gertrud-Kirche tätig und wollte sich den Nazis nicht beugen. Am Neujahrstag 1937 wurde er festgenommen und ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht, wo er bis 20. April 1937 „in Schutzhaft“ festgehalten wurde. Denn er war „nicht linientreu“, ein Begriff, der der gesamten Gedenkveranstaltung ihren Namen gab. Nach vier Monaten im KZ wurde Bender, der der „bekennenden Kirche“ angehörte, schließlich begnadigt‘.
Im Herbst 1937 erhielt er einen Ruf als Kirchenmusiker an die Lambertikirche in Aurich – wo er, mit Unterbrechungen durch seinen Einzug zur Wehrmacht und amerikanische Kriegsgefangenschaft, 15 Jahre lang tätig war. Die Nazis versuchten, wie Schnieders in seiner Rede sagte, auch den Musikern und Künstlern mit ihrem Unterdrückungsapparat „die Würde als Menschen zu nehmen“.
An die Adresse der Veranstalter ostfriesischer Sommerkonzerte richtete Schnieders die Bitte, auch bei diesen Veranstaltungen immer mal wieder Musik der Ausgegrenzten und Verfolgten zur Aufführung zu bringen: „Sorgen Sie doch bitte dafür!“, so Schnieders.
Kreiskantor Maxim Polijakowski spielte schließlich ein Orgelstück von Jan Bender. Matthias Bender, der Sohn, erzählte im Anschluss von seinem Vater. Er plauderte aus dem Nähkästchen und erläuterte kurzweilig, wie die Familie gelebt hatte. „Vom Krieg hat mein Vater wenig erzählt, über den Aufenthalt im Konzentrationslager gar nichts.“
Den Abschluss der gelungenen Veranstaltung bildete dann eine deutsche Erstaufführung. Jan Bender hatte einen Brief von Anne Frank vertont. Der eindrückliche Text wurde von Mitgliedern des Ostfriesischen Kammerorchesters und dem „Jan-Bender-Projektchor“ unter Leitung von Maxim Polijakowski vorgetragen.
Organisiert hatte die Gedenkveranstaltung, die stets am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung des KZs Auschwitz 1945, stattfindet, eine breite Arbeitsgemeinschaft, bestehend aus der AG Ostfriesland der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG), dem Europahaus, dem Gymnasium Ulricianum, dem Heimatverein Aurich, der Ökumene in Aurich, dem Verein Gedenkstätte KZ Engerhafe, der Projektgruppe Kriegsgräberstätte Tannenhausen und der Stadt Aurich.
Den Anfang des Programms gestalteten junge Bläser vom Gymnasium Ulricianum unter Leitung von Sebastian Berger mit dem Stück „Verleih uns Frieden gnädiglich“.
Superintendent Tido Janssen hatte zu Beginn der Veranstaltung betont, dass die Erinnerung an Unterdrückung und Holocaust nicht verblassen dürfe. „Wir müssen wachsam bleiben“, hieß es mit Blick auf aktuelle Entwicklungen in Deutschland und die „dümmliche“ Infragestellung der wichtigen Erinnerungskultur. Janssen mahnte: „Täuschen wir uns nicht. Es ist nicht vorbei.“ Und: „Alles, was in Au-schwitz geschah, war Menschenwerk.“ Auch wer in unserer Stadt Ohren hatte zu hören, der konnte damals hören, so der Superintendent.

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