Der Kopf des Reformators Martin Luther

Streiflicht der Süddeutschen Zeitung vom 23.9.2016 – eine Glosse

(SZ) Augenscheinlich ist es wohl nicht so, dass Martin Luther unter den Premiumgestalten der Weltgeschichte einer der wirklich gut aussehenden Männer gewesen ist. Zeitgenössische Porträts zeigen den Top-Reformator als zur Korpulenz neigenden Kirchenherrn, dessen Frisur nach heutigen Berlin-Mitte-Maßstäben leider nicht fluffy ist. Zeugnisse seiner Freunde und Wegbegleiter lassen wissen, dass Luther gerne viel aß und trank, um dem Weltlichen eine starke Sinnprägung zu geben; denn nur ein gut ausgestattetes Weltliches lässt sich in ein belastbares Verhältnis zum Göttlichen setzen, so ungefähr kann man Luthers Theologie vielleicht auf einen Begriff bringen. Im kommenden Jahr jährt sich zum werweißwievielten Mal Luthers Idee, mithilfe eines Thesenkatalogs Menschen von einer Idee zu überzeugen – ein Verfahren, das heute eigentlich nur noch im Berliner Digital-Café St. Oberholz Anwendung findet, aber um derartige Interna geht es im Augenblick nicht. Es geht, im Gegenteil, mal wieder nur ums Äußere: ums Äußere von Martin Luther.

In Berlin stellte das sachsen-anhaltische Landesamt für Denkmalpflege eine Animation vor, welche den Kopf des späten Martin Luther in einer dreidimensionalen Darstellung zeigt. Luther sieht aus wie ein ehemaliger Musiklehrer, den man sich jahrzehntelang schönerinnert hat und dessen plötzlicher Anblick beim Abitreffen einem wieder die ganze Gnadenlosigkeit seines unbarmherzigen Taktstocks ins Gedächtnis ruft. Interessanterweise trägt Luther das Haar nach Art eines leicht ausgeschossenen Pagenschnitts und pendelt sich damit phänotypisch etwa zwischen Peter Altmaier und Gabriele Krone-Schmalz ein. Zudem weist seine Haut ein paar Irritationen auf, aber das ist vielleicht auch stressbedingt gewesen. Denn lauf du mal mit einer Idee, die dermaßen Wirbel in der religiösen Welt macht, jeden Tag durch die Renaissance und hör dir das Genörgel der Unentschlossenen an. Das ist das eine. Das andere: Muss das wirklich sein, dass wir Martin Luther mit unserem Natürlichkeitsfimmel derart desavouieren? Warum wollen wir eigentlich immer die Leute so zeigen, wie sie sind? Damit wir sagen können, der hatte zwar gute Ideen, aber seine Haut war irgendwie fettig und außerdem hatte er Leberflecken und splissiges Haar?

Die Porträtisten vergangener Jahrhunderte haben verstanden, dass es Menschen gibt, deren Äußeres sich nicht auf Anhieb mit ihrem inneren Schatz in Einklang bringen lässt. Deshalb rückten sie ihre Modelle in ein ideales Licht, das auch in kommenden Jahrhunderten noch über Leuchtkraft verfügen, gleichzeitig aber für dezente Abdeckung sorgen würde. Luther, Mozart, Beethoven, Goethe, Schiller – sie alle waren wahlweise zu dick, zu lang, zu klein, zu ungewaschen. Sie waren wie wir. Und Leute wie uns, die würden wir doch nicht ernsthaft bewundern.